MASTER
NEGA TIVE
NO
92-80530-3
MICROFILMED 1992
COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES/NEW YORK
„ as part of the
Foundations of Western Civilization Preservation Project"
Funded by the
NATIONAL ENDOWMENT FOR THE HUMANITIES
Reproductions may not be made without permission from
Columbia University Library
COPYRIGHT STATEMENT
The
makin
copyn,
Library
fulfÜlment
Copyright
AUTHOR:
DESCARTES, RENE
TITLE:
MEDITATIONEN ÜBER
DIE GRUNDLAGEN DER
PLACE:
LEIPZIG
DA TE :
1915
Master Negative #
COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES
PRESERVATION DEPARTMENT
32zim0zA^^^^
BIBLIOGRAPHIC MICRPFORM TARCFT
Original Material as Filmed - Existing Bibliographie Record
[0:MYCG92-Bi5485
CC:966S BLTiani
LP:gw
ÜCF
RTYPza
CSC:?
GPC:?
REP:?
3T:s
hüü:
eiO:?
CPI:?
FRN:
3NP:
MMD:
04 0
100
1
24 5
4-0
260
J^OO
LÜG
QD
FiC:?
FSl:?
COL:
MS: EL:
AFC
CÜN
ILO
EML
AD:03-05-92
UD:03-05-92
O '"» '^
♦ • •
?7?7
II:?
GEN:
B3E:
Lrger
PD:19i5/
OR: POL: DM: RR:
NNC^:cNNC
Descartes, Rene,rdl596-i650.
Meditationen über- die Grundlagen der Phi lüsophie|:liLinicrof orni] : rbmit de
n saintlichen Einwanden uno trwiderungen/rczum erstenmal vollständig über
setzt und hrsg, ^^jo^^ Artur- Buchenau.
Leipzig, rbF. Meiner, ^ci91b.
xiv, 493 p. }:c2() cm.
OCLC
03-05-92
Restrictions on Use:
3 5-
FILM SIZE:_
IMAGE PLACEMENT: lA
DATE FILMED:
nLMEDBY: RESEARC
TECHNICAL MICROFORM DATA
REDUCTION RATIO:_____^/^X
IB IIB
J?^rr INITIALS ^_C^_
LICATIONS. INC WOODBRIDGE. CT
\
c
Association ffor Information and Image Management
1100 Wayne Avenue, Suite 1100
Silver Spring. Maryland 20910
301/587-8202
Centimeter
1 2 3
Uli
iiiiliiiiliiiiLiiliiiiliiiilii I
Inches
1 iiiiii II
TTT
inliiiiliiiili
10
iiimniiii iiiini
II I I ITl
T
T
11
uuli
1.0
1^ 2.8
1.4
2.5
22
l.l
2.0
1.8
1.6
1.25
12 13 14 15 mm
liiiiliiiiliiiiliiiiliiiiliiiiliiiiliiiiliiiiliiiiliiiilii 1 1
TTT
I I I
MONUFRCTURED TO fillM STRNDfiRDS
BY RPPLIED IMOGE, INC.
»?-lflpl*f«**^^*
•**f*mi,.
|l I I rir'
PHILOSOPH
IMVIRTUTIS
ETBENEl'IVENDl
" DISCIPlilNAM
-4
■T:
A .'^'•'
■f?''»^
^^•*'
'l
■I
J
-^'Vx-^*^
i-X'
"^ ' '
... .♦/ v^ i ^?r
' • j .. ^/ /*• -*•• a/'"'/- ♦ ••■•» Z-^'
>5VV??
■in
Philosophische Bibliothek
Band 27
RENE DESCÄRTES
Philosophische Werke
Zweite Abteilung
Meditalionen
""""SL^,__ - Vi'>'i'!ll""l
RENE DESCARTES
Meditalionen
über die Grundlagen der Philosophie
mit den sämtlichen
Einwänden und Erwiderungen
Zum erstenmal vollständig
übersetzt und herausgegeben
von
Dr. Ärtur Buchenau
Der Philosophischen Bibliothek
Band 27
Leipzig 1915
Verlag von Felix Meiner
J
(\
(^
■T K, *^""^"
'lPyii#'(^
\ '^
Alle Rechte, einschließlich der Übersetzungsrechte, vorbehalten.
Druck von C. Grumbach in Lcipiig.
t
Vorrede zur vierten Auflage.
Als vor zwölf Jahren der Verleger der „Philosophischen
Bibliothek" an den Herausgeber mit der Bitte herantrat,
die dritte Auflage der „Meditationen" von Descartes zu
besorgen, war zunächst nur eine Umarbeitung der v. Kirch-
mannschen Übersetzung vom Jahre 1882 beabsichtigt. Es
erwies sich indessen als notwendig, von der Kirchmannschen
Vorarbeit völlig abzusehen und einen ganz neuen Text zu
schaffen, wobei versucht wurde, möglichste Treue mit Les-
barkeit zu verbinden. Auf den Rat von Professor Paul
Natorp und Lic. F. M. Schiele entschloß sich sodann der
Herausgeber, dem Texte der Meditationen einen „Kom-
mentar" beizugeben, der sich auf Descartes' eigene Schriften,
vor allem aber auf die „Einwände" der Gegner und die
„Erwiderungen" Descartes' stützte. Schon damals wurde
reiflich erwogen, ob nicht versucht werden sollte, den
ganzen deutschen Text der „Einwände und Erwiderungen"
zu geben, doch scheiterte das wegen des zu großen Um-
fangs. So sah sich der Herausgeber gezwungen, sich auf die
wichtigsten Stellen zu beschränken, die teils vollständig,
teils im Auszuge mitgeteilt wurden. Nun hat eine solche
Auswahl stets ein Mißliches: sie ist stark abhängig von
dem eigenen philosophischen Standpunkte und den wissen-
schaftlichen Neigungen des Bearbeiters, was besonders dann
nicht ohne Gefahr ist, wenn man, wie der Herausgeber, eine
ganz bestimmte systematische Stellungnahme nicht ver-
bergen kann und will. So hat denn auch die Kritik bei
aller Anerkennung des Geleisteten die Ausgabe als „ein-
seitig Marburgisch" bezeichnet und besonders darauf hin-
I I"
TB
VI
Descartes, Meditationen.
gewiesen, daß es für Seminarübungen an den Universitäten
sehr erwünscht sei, den vollständigen Text zu besitzen.
Herausgeber wie Verleger haben diesen Einwand für
sehr beachtenswert gehalten, und da der letztere sich in
entgegenkommendster Weise bereit erklärt hat, den ganzen
Text zu übernehmen, so hat der Herausgeber sich an die
Übersetzung gewagt, wobei er sich zunächst (für die ersten
und zweiten Einwände und Erwiderungen) der Hufe des
Herrn cand. phil. Paul Delbanco und sodann, als dieser
durch seine militärischen Pflichten an der Fortführung der
Aufgabe gehindert wurde, derjenigen der Herren Kandida-
ten des höheren Schulamts Golze und E. Kiepert erfreute.
Der erstere hat die „sechsten", der letztere die „fünften" und
die ,, siebenten" Einwände und Erwiderungen übersetzt.
Bei dieser Zusammenarbeit wurde nach dem festen
Grundsatz verfahren, sich möglichst genau an den Wortlaut
des lateinischen Originals zu halten und bei wichtigen Stellen
die lateinischen Termini in Klammern beizufügen, aber da-
neben auch die französische Übertragung von Clerselier zu
berücksichtigen, da diese von Descartes selbst durchgesehen
und verbessert worden ist, so daß es an einzelnen Stellen
vorkommen kann, daß der französische Text der bessere ist.
Für die lateinischen bzw. französischen Texte diente als
Grundlage die große Descartes-Ausgabe des „Institut de
France" von Adam und Tannery*). insbesondere Band VII
(Meditationes de prima philosophia). Auch in dieser vierten
Auflage ist durchweg am Rande in [— ] eingeschlossen jedes-
mal die betreffende Seite der latein. Original-Ausgabe ge-
geben worden, um das Zitieren zu erleichtern. Die siebenten
..Einwände und Erwiderungen", die in der ersten Ausgabe
der „Meditationen" fehlen, haben eine besondere Paginie-
rung (s. u. S. 388). In der dritten Auflage fehlte sodann das
Widmungsschreiben Descartes' an die Sorbonne, da es
ohne philosophische Bedeutung ist. Um der Vollständigkeit
halber, und da c«; zudem für den Menschen und Schriftsteller
Descartes recht charakteristisch ist, wurde es in der vor-
liegenden Ausgabe hinzugefügt.
*) Paris, Leopold Cerf.
Vorrede zur vierten Auflage. yu
Dieser Band enthält demnach das Folgende:
Seite
1. Widmungsschreiben Descartes* an die Sorbonne . IX — XIV
2. Descartes' Vorwort an den Leser .:.... 3
3. Inhaltsübersicht der sechs Meditationen ... 7
4. Text der sechs Meditationen
1. Meditation 11
2. „ 17
3. „ 27
4. „ 44
5. „ 53
5. Erste Einwände (von Caterus) und Erwiderungen
Descartes' 81—109
6. Zweite Einwände (von Mersenne und seinen Be-
kannten) und Erwiderungen Descartes' . . . 110 — 154
7. Dritte Einwände (von Hobbes) und Erwiderungen
Descartes* 155—176
8. Vierte Einwände (von Antoine Arnauld) und Er-
widerungen Descartes' 177 — 231
9. Fünfte Einwände (von Gassendi) und Erwide-
rungen Descartes* 232—356
10. Sechste Einwände (von verschiedenen Theologen,
Philosophen und Geometern) und Erwiderungen
Descartes* 357—387
11. Siebente Einwände (von Bourdin) und Bemer-
kungen Descartes' dazu 388—493
Wenn nun in der dritten Ausgabe von uns gesagt wurde,
daß ,,das sachliche Interesse es gebietet**, sich in den Er-
läuterungen zu den Meditationen nicht auf die , »Einwände
und Erwiderungen" zu beschränken (S. 85), sondern, „soweit
es möglich ist, alle gegen die Meditationen und die in ihnen
vertretenen Gedanken gemachten Einwendungen und die
entsprechenden Er\viderungen des Verfassers zu berück-
sichtigen,'* so gilt das auch heute noch und so hat sich der
Herausgeber entschlossen, außerhalb der eigentlichen Des-
cartes-Ausgabe im Rahmen der Meinerschen Sammlung:
„Wissen und Forschen" den Kommentar zu den „Medita-
tionen" gesondert herauszugeben, der nunmehr naturgemäß
weit kürzer als früher sein kann, da jetzt die sämtlichen
Stellen aus den „Einwänden und Erwiderungen" wegfallen.
i.
h
II
ü
vin
Descartes, Mcditationeii.
Andrerseits wird eine erneute Durcharbeitung des gesamten
Materials und die Berücksichtigung der Descartes-Literatur
der letzten zehn Jahre es ermöglichen, daß hier und da Fort-
schritte über die früheren Untersuchungen hinaus geboten
werden. Ein ausführliches Sach-Register wird dem Kommen-
tar beigegeben werden. —
Aus zahlreichen Zuschriften und aus den Kritiken hat
der Herausgeber gesehen, wie groß das Interesse an der
Philosophie Descartes* in Deutschland ist, haben doch auch
insbesondere die „Meditationen** an Frische und Lebendig-
keit heute, nach fast 300 Jahren, nichts eingebüßt. Möge
so diese vielleicht gedankentiefste Schöpfung romanischen
Geistes trotz aller trennenden politischen Schranken in un-
serem Vaterlande erneut die Beachtung finden, die sie
verdient.
Berlin, im Dezember 1914.
Dr. Artur Buchenau.
Rene Des-Cartes
an die hochgelehrten und weitberühmten Herren, den Dekan
und die Dozenten der heiligen theologischen Fakultät zu
Paris*).
Gruß zuvor I
So berechtigt ist der Grund, der mich treibt, Euch diese
Schrift vorzulegen, und ich vertraue, daß auch Ihr, nachdem
Ihr den Plan meines Unternehmens durchschaut habt, den,
der mich treibt, die Verteidigung dieser Schrift durchzu-
führen, für so berechtigt erachten werdet, daß ich hier
meine Schrift durch nichts besser empfehlen kann, als wenn [(2)]
ich mit ein paar W^orten sage, was ich damit bezweckt habe.
Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß die beiden
Fragen nach Gott und der Seele die wichtigsten von denen
smd, die eher mit Hufe der Phüosophie als der Theologie
zu erörtern sind. Denn mag es auch für uns Gläubige ge-
nügen, durch den Glauben die Gewißheit zu haben, daß
die menschliche Seele nicht mit dem Körper zugrunde geht
und daß Gott existiert, so kann man doch offenbar die
Ungläubigen nicht von der Notwendigkeit einer Religion,
noch auch überhaupt irgendeiner moralischen Tugend über-
zeugen, es sei denn, daß man sie ihnen bei beiden durch
natürliche Begründung bewiese. Und da in diesem Leben
oft ein größerer Lohn den Lastern als den Tugenden winkt,
würden nur wenige die Pflicht dem Vorteüe vorziehen, wenn
sie weder Gott fürchteten noch auf ein anderes Leben ge-
faßt wären. Und mag es überhaupt noch so wahr sein,
daß man an die Existenz Gottes glauben muß, da sie ja
♦) Bei diesem Widmungsschreiben fehlen in der erstenVie in
der zweiten Ausgabe die Seitenzahlen. Sie sind deshalb hier in
0 gesetzt
Dcscartes, Meditationen.
«jEhh»
in den heUigen Schriften gdehrt^ ^^d -d^« ^^^,
m ftrco« ^SiSSn^werS. l^d tV wk ia doch
^^'^^ ben d« - der cfaube ist ein Geschenk Gottes "der un
die Gnade erteilt, an alles übr.ge glauben jj^«»"^^;^;;
,.1, a;^ prteilen kann, daß wir an seine eigene twstenz
luben so darf maTdoch den Ungläubigen diesen Grund
glauben, so uau lua Zirkelschluß erklaren
nicht vorhalten, weil sie hn für einen ^^"^f^^^^ ^aß
würden Und nun habe ich die Beobachtung gemacni, aaü
Tcht nur Ihr alle und die anderen Theologen versichern,
n cht nur ^^^^ aue natürliche Begründung
die Existenz ^"^^^^'^J^^^J^^^^^ der Heiligen Schrift
beweisen, sondern daß man auch aus ^^^/^^ ^ ^^
dartut, daß es leichter ist, von ihm eine Erkenntn^ zu
gewin;en. als von vielen Tatsachen ^^^^^^ ^'^^^^^
schaff enen Dingen wissen, und daß ^^^^^^^^^^^f;^!^ ^"g^
ist, daß die, die sie nicht besitzen, Tadel verd enen Das
ergibt sich nämlich aus folgenden ^««^^^.^^^f^f , .^^^^
monis 13. 8 u. 9: „Doch sind sie damit n-ht entschuM^^^^^^^
Denn, haben sie so viel mögen ^j-^^^^^^^l/^^^^^^^^
die Kreatur hochachten, warum haben sie nicht viel eher
den Herrn derselbigen gefunden?*'
Und Römerbrief 1,20 heißt es, daß sie „keine Ent-
schuldigung- haben. Hier stehen die | Worte: „Was nian
vom Wesen Gottes erkennt, offenbart sich m seinen Ge-
schöpfen" Durch diese Worte werden wir offenbar daraut
hingewiesen, daß alles, was wir von Gott wissen können,
sich durch keine anderen Gründe dartun läßt, als die, die
wir aus unserem eigenen Geiste entnehmen. Und wie das
nun möglich ist und inwiefern Gott leichter und sicherer zu
erkennen ist. als die Dinge der Zeidichkeit, danach zu
forschen, habe ich also für eine mir nicht unangemessene
Aufgabe gehalten. ,. ^ i u . -cu
Wenngleich nun viele Leute, was die Seele anbetnttt,
der Memung sind, ihre Natur nicht leicht ermitteln zu
können, und einige sogar zu erklären gewagt haben, die
menschlich-natürlichen Gründe nötigten zu der Überzeugung,
daß sie zugleich mit dem Körper zugrunde ginge, und nur
durch den Glauben würde das Gegenteü behauptet: weü
nun aber doch das Laterankonzil unter Leo X. in der
Widmungsschreiben Descartes' an die Sorbonne. XI
8. Sitzung diese Leute verdammt und den christlichen Philo-
sophen ausdrücklich aufträgt, ihre Argumente zu entkräften
und die Wahrheit nach Kräften zu beweisen, habe ich keine
Bedenken gehabt, | mich auch daran zu machen. [(5)]
Da ich nun ferner weiß, daß die meisten gottlosen
Leute aus keinem anderen Grunde sich gegen den Glauben,
daß Gott existiert und die menschliche Seele vom Kör-
per getrennt ist, sträuben, als weü, wie sie sagen, diese
beiden Behauptimgen noch von keinem Menschen hätten
bewiesen werden können, und wenngleich ich ihnen auch
in keiner Weise beistimme, sondern vielmehr der Meinung
bin, daß fast alle Gründe, die für diese Fragen von be-
deutenden Männern beigebracht worden sind, wenn sie nur
recht verstanden werden. Beweiskraft besitzen, und die
Überzeugung habe, daß man kaum welche anführen könne,
die nicht schon früher von irgendeinem anderen aufgefunden
worden wären, so glaube ich doch, daß es in der Phüo-
sophie keine verdienstvollere Aufgabe gibt, als einmal die
besten von allen sorgfältig zusammenzusuchen und sie so
scharf umrissen imd durchsichtig darzustellen, daß es für
die Zukunft allgemein feststeht, daß das die Beweise sind.
Und schließlich, weil einige Leute, denen es bekannt ist,
daß ich eine gewisse Methode | zur Lösung jeder beliebigen [(6)]
Schwierigkeit in den Wissenschaften aufgestellt habe, zwar
keine ganz neue — nichts ist älter als die Wahrheit — aber
doch eine, die ich oft, wie sie gesehen haben, bei anderen
Gelegenheiten nicht ohne Glück anwandte; weil also diese
Leute mich dringend darum gebeten haben, darum habe ich
es für meine Pflicht gehalten, mich ein wenig hierin zu ver-
suchen.
Was ich aber auch immer habe leisten können, ist ganz
in dieser Abhandlung enthalten. Nicht als ob ich hierbei
all die verschiedenen Gründe, die zu diesen Beweisen an-
geführt werden könnten, zu sammeln versucht hätte; das
dürfte sich wohl nur da verlohnen, wo man keinen hin-
reichend sichern besitzt — nein, ich bin nur den ersten und
wichtigsten nachgegangen, so daß ich wohl nunmehr als
die gewissesten imd schlagendsten Beweise diese hinstellen
darf. Ich will noch hinzufügen, daß sie auch derart sind.
HI
Descartes, Meditationen.
daß nach meiner Meinung kein Weg dem Menschengeiste
offen steht, auf dem sich je bessere finden heßen; es zwmgt
r(7)l mich näniHch die in der ganzen Frage | hegende strenge
Notwendigkeit und der Ruhm Gottes, auf den das aUes zu
beziehen ist, hier beträchtlich offenmütiger von memer
Leistung zu sprechen, als es sonst meine Gewohnheit ist.
Und doch, wenn ich die Beweise für auch noch so gewiß
und schlagend halte, gebe ich mich doch nicht dem Glauben
hin, daß sie sich dem Fassungsvermögen aDer Leute an-
passen. Sondern es verhält sich hier wie in der Geometrie
mit vielen Beweisen, die von Archimedes, ApoUonius, Pap-
pus und anderen zu Papier gebracht worden sind, die zwar
von allen auch für schlagend und sicher gehalten werden,
weil sie nämlich absolut nichts enthalten, was, für sich be-
trachtet, nicht ganz leicht zu begreifen wäre, und nichts,
worin nicht immer das Folgende mit dem Voraufgehenden
genau zusammenhinge. Da sie aber doch etwas lang sind
und einiii sein aufmerksamen Leser erfordern, werden sie
nur von recht wenigen verstanden. Ebenso glaube ich zwar,
daß die, die ich hier aufstelle, an Gewißheit und Evidenz
den geometrischen gleichkommen, sie vielleicht sogar über-
treffen, I fürchte aber doch, sie möchten von vielen nicht
ganz w r -tiiidru werden kcinnen, einmal, weil sie auch ziem-
lich lang sind und der eine immer wieder vom anderen ab-
hängt, und dann vor allem, weil sie einen von Vorurteilen
gänzlich freien Geist voraussetzen, der sich selbst leicht
vom Zusammenhange mit den Sinnen loszulösen vermag.
Und in der Tat finden sich weniger Leute auf der Welt, die
für meliii>hysisclie Studien geeignet sind, als für geome-
trische. Außerdem liegt darin ein Unterschied, daß alle
überzeugt sind, in der Geometrie werde gewöhnlich nur das
geschrieben, wofür man einen sicheren Beweis habe, und
daß d.dier uuerfalvrene Leute öfters darin einen Fehler be-
gehen, daß sie Falsches gelten lassen, während sie den
Schein ' ^wecken wollen, als verständen sie es, als daß sie
Richtii^ir widerlegen. Ganz anders in der Philosophie. Da
man hier der Meinung ist, es gäbe keinen Satz, über den
sich nicht streiten ließe, dafür und dawider, trachten nur
wenige nach der Wahrheit, und weit mehr Leute haschen,
Widmungsschreiben Descartes* an die Sorbonne. XIII
indem sie gerade die besten Gedanken zu bekämpfen | sich [(9)]
erdreisten, nach wohlfeilem Ruhm, helle Köpfe zu sein.
Welcherart also auch meine Gründe sein mögen, —
weil sie nun einmal zur Philosophie gehören, hoffe ich nicht,
mit ihnen großen Erfolg zu haben, wenn Ihr mir nicht mit
Eurem Schutz zur Seite steht. Da aber eine so hohe Meinung
von Eurer Fakultät in allen Köpfen festhaftet und der Name
Sorbonne so große Autorität besitzt, daß nicht nur in Fragen
des Glaubens keine Körperschaft, abgesehen von den hei-
ligen Konzilien, je so großes Vertrauen genossen hat, wie
die Eurige, sondern sich auch für die profane Philosophie
die Ansicht geltend macht, nirgends verfahre man mit
größerem Scharfblick und größerer Gewissenhaftigkeit,
noch auch mit größerer Sachlichkeit und Weisheit beim
Fällen der Urteüe, deshalb also zweifle ich nicht, daß, wenn
Ihr geruht, Euch diese Schrift wenigstens soweit angelegen
sein zu lassen, erstens daß sie von Euch berichtigt wird
(nämlich im Bewußtsein nicht nur meiner menschlichen Fehl-
barkeit, sondern vor allem auch meiner | Unwissenheit, 1(1Ö)1
wage ich nicht zu behaupten, daß keine Irrtümer darin
steckten), zweitens daß das, was fehlt oder unvollkommen
ist oder eine ausführlichere Darstellimg erheischt, hinzu-
gefügt, vollendet, und erläutert wird, sei es von Euch selbst
oder doch von mir, nachdem Ihr mich darauf hingewiesen
habt; und schließlich daß Ihr, nachdem die darin ent-
haltenen Gründe, durch die die Existenz Gottes und die
Verschiedenheit von Geist und Körper bewiesen wird, bis zu
der Klarheit gebracht sind, bis zu der, wie ich vertraue, sie
sich bringen lassen, d. h. dahin, daß sie als durchatis
zwingende Beweise angesehen werden müssen, daß Ihr just
das zu erklären und öffentlich zu bezeugen die Freundlich-
keit habt : dann, sage ich, zweifle ich nicht, daß, wenn dies
geschieht, alle Irrtümer, die je über diese Fragen bestanden
haben, bald aus den Köpfen der Menschen verschwinden
werden. Die zwingende Gewalt der Wahrheit selbst wird es
nämlich leicht dahin bringen, daß die übrigen geistreichen
und gelehrten Köpfe Eurem Urteile beitreten, und Eure
Auto|rität wird erreichen, daß die Atheisten, die gewöhn- [(11)]
lieh mehr Halbwisser als geistreich oder gelehrt sind, den
xrv
Descartcs, Meditationen.
Mut zu widersprechen verlieren, ja, daß sie vielleicht sogar
selbst für die Gründe eintreten, die, wie sie dann bemerken
werden, von allen klugen Leuten für Beweise gehalten
werden, um nicht den Anschein zu erwecken, als verstünden
sie sie 'nicht. Und schließlich werden alle übrigen Men-
schen leicht so zahlreichen Zeugnissen glauben, und es wird
keinen mehr auf der Welt geben, der es wagte, die Existenz
Gottes oder die reale Verschiedenheit des menschlichen
Geistes vom Körper in Zweifel zu ziehen. Wie groß der
Nutzen dieses Erfolges wäre, könnt Ihr selbst bei Eurer
überragenden Weisheit von allen am besten ermessen; auch
wäre es nicht schicklich für mich, Euch, die Ihr immer die
kraftvollste Stütze der katholischen Kirche gewesen seid,
den Schutz Gottes und der Religion mit ausführlicheren
Worten zu empfehlen.
Meditationen
über die Grundlagen der Philosophie,
worin das Dasein Gottes
und die Unterschiedenheit der menschlichen Seele
von ihrem Körper bewiesen wird,
von
Rene Descartes.
Descartes, Meditationen.
1
*
Vorwort an den Leser.
Die Fragen in Betreff Gottes und der menschlichen
Seele habe ich schon vor einiger Zeit in der im Jahre
1637 in französischer Sprache veröffentlichten „Abhandlung
über die Methode, die Vernunft richtig zu leiten und die
Wahrheit in den Wissenschaften zu erforschen" berührt,
und zwar nicht, um sie eingehend zu behandeln, sondern
nur, um sie einmal in Erwägung zu ziehen und durch die
Beurteilung seitens der Leser zu erfahren, wie ich sie später-
hin darzustellen hätte. Denn sie schienen mir von so großer
Wichtigkeit, daß ich es für angebracht hielt, sie mehr als
einmal zu behandeln. Der Weg aber, den ich bei der Er-
örterung derselben verfolge, ist noch so wenig beschritten
und liegt dem gemeinen Gebrauche so fern, daß ich es nicht
für zweckmäßig gehalten habe, ihn in einer französisch ge-
schriebenen und damit allen ohne Unterschied zugänglichen
Schrift ausführlicher darzulegen, damit nicht auch schwache
Köpfe sich für berufen halten könnten, ihn zu betreten.
Ich hatte dort*) alle, denen in meinen Schriften etwas
Tadelnswertes aufstoßen möchte, gebeten, es mir freund-
lichst mitteilen zu wollen. Indessen hat man mir in Betreff
dessen, was ich über diese Fragen gesagt hatte, nur zweier-
lei Erwähnenswertes entgegnet, worauf ich hier mit ' we-
nigen Worten antworten will, bevor ich auf die genauere
Erörterung der Fragen eingehe.
Der erste Einwand geht dahin: daß, wenn auch der
auf sich selbst gerichtete menschliche Geist sich als nichts
anderes erfaßt als ein denkendes Ding, daraus noch nicht
I
♦) „Abhandlung", VI. Teil § 16.
1*
1 Descartcs, Meditationen.
folge, daß seine Natur oder seine Wesenheit nur dann
bestehe daß er ein denkendes Ding sei. in der Wei.e,
daß dieses Wort „nur" alles übrige ausschließe, von dem
man etwa auch behaupten könnte, es gehöre zur Natur
der Seele. Darauf erwidere ich, daß auch ich dies nicht
habe ausschließen wollen gemäß der Ordnung der Wahr-
heit der Sache. - von der damals offenbar nicht die Rede
war. ^ sondern lediglich gemäß der Ordnung meines Er-
fassens. Der Sinn war demnach, daß ich durchaus nichts
erkannte, von dem ich wüßte, daß es zu meiner Wesenheit
gehört, als daß ich ein denkendes Ding sei, d. h. ein Ding,
welches die Fähigkeit zu denken in sich hat. Im folgenden
aber werde ich zeigen, in welcher Weise aus meiner tr
kenntnis, daß nichts weiter zu meiner Wesenheit gehört,
folgt, daß auch wirklich nichts weiter dazu gehört.
Der zweite Einwand besagt: daraus, daß ich die Idee
eines vollkommeneren Dinges, als ich bin, habe, folge noch
nicht daß diese Idee vollkommener sei als ich und noch
viel weniger, daß das durch diese Idee Vorgestellte existiere.
Darauf antworte ich, daß hier in dem Worte „Idee" eine
Zweideutigkeit liegt; denn man kann diese entweder m
,,materialer Weise (niaterialiter) als eine Tätigkeit meines
Verstandes auffassen, und in diesem Sinne kann man nicht
sagen, sie sei vollkommener als ich, oder aber in „objektiver"
Weise (obiective). als den durch diese Tätigkeit vorgestellten
Gegenstand, und wenn man auch nicht voraussetzt, daß
dieser außerhalb meines Verstandes existiert, so kann er
dennoch auf Grund seines Wesens vollkommener sein als ich.
Wie aber daraus allein, daß die Idee eines vollkommeneren
Dinges, als ich bin, in mir ist, folgt, daß dieses Ding wirklich
existiert, wird im folgenden ausführlich dargelegt werden.
Außerdem habe ich zwar noch zwei recht lange Auf-
sätze durchgesehen; indessen es wurden darin weniger meine
Gründe hinsichtlich dieser Fragen als meine Folgerungen
mit Beweisgründen angegriffen, die den Gemeinplätzen
der Atheisten entlehnt sind. Da aber Beweise der Art auf
die keinen Eindruck machen können, welche meine Gründe
einsehen, und da die Urteilskraft bei vielen so verkehrt und
schwach ist. daß sie sich mehr von dem überzeugen lassen,
* Vorwort an den Leser. o
was sie zuerst hören, sei es auch noch so falsch und un-
vernünftig, als von der Widerlegung desselben, die spater
kommt, sei sie auch noch so wahr und sicher, so mag
ich darauf nicht antworten, damit ich nicht erst darüber
Bericht zu erstatten brauche. Nur ganz allgemein will ich
bemerken, daß aUes, was gemeinhin von den Atheisten
gegen das Dasein Gottes vorgebracht wird, stets daraut
hinausläuft, daß Gott menschliche Affekte zugeteilt werden,
oder daß man für unseren Geist eine so große Kraft und
Weisheit in Anspruch nimmt, daß wir uns anmaßen, alles
das bestimmen und begreifen zu können, was Gott tun
könnte und müßte, so daß, wofern wir nur dessen ein-
gedenk sind, daß unser Geist bloß als endhch, Gott aber
als unbegreiflich und unendlich aufzufassen ist, uns diese
Einwürfe keine Schwierigkeit bereiten können.
So will ich denn, nachdem ich bereits einmal die ver-
schiedensten Urteile der Menschen erfahren habe, nochmals
auf diese Fragen über Gott und die menschliche Seele ein-
o-ehen und zugleich die Grundlagen der gesamten ersten
Philosophie behandeln. Ich erwarte hierbei weder den
Beifall der Menge, noch eine große Zahl von Lesern; denn
ich schreibe nur für solche, die ernstlich mit mir nach-
denken und ihren Geist von den Sinnen und zugleich von
allen Vorurteilen ablenken können und wollen, und deren
gibt e«= wie ich wohl weiß, nur einige wenige. Was aber
die betrifft, die sich um die Anordnung und die Verknüpfung
meiner Gründe nicht kümmern und nur, wie es bei vielen
gebräuchlich ist, ihren Fleiß daran setzen werden, einzelne
Sätze zu bemäkeln, so werden sie aus dieser Schrift keinen
oroßen Nutzen ziehen, und wenngleich sie vielleicht hautig
\nlaß zum Spotten finden, so werden sie doch schwerlich
etwas zu entgegnen vermögen, das mich in die Enge triebe,
oder das der Erwiderung wert wäre.
Allein da ich auch nicht versprechen kann, alle anderen
ßleich von vornherein zu befriedigen, und da ich nicht
so anmaßend bin, zu glauben, ich könne alles das vorher-
sehen, was dem einen oder dem anderen Schwierigkeiten
bereiten wird, so will ich in den Meditationen zunächst
einmal eben die Gedanken darlegen, durch deren HUte icn
o
Descartes, Meditationen.
zur sicheren und klaren Erkenntnis der Wahrheit gelangt
zu sein glaube, um so zu erfahren, ob ich vielleicht durch
dieselben Gründe, die mich überzeugt haben, auch andere
überzeugen kann. Alsdann werde ich auf die Entgegnungen
antworten, die mir von einigen durch Scharfsinn und Gelehr-
samkeit ausgezeichneten Männern zugegangen sind, denen
ich diese Meditationen vor dem Drucke zur Prüfung mit-
geteilt hatte. Man hat mir nämhch recht vieles und ver-
schiedenartiges entgegnet, so daß ich es wagen möchte,
die Hoffnung auszusprechen, daß nicht leicht anderen etwas,
wenigstens von einer gewissen Bedeutung, in den Sinn
kommen könnte, was sie darin nicht bereits berührt hätten.
Ich bitte daher die Leser inständigst, nicht eher über die
Meditationen ein Urteil zu fällen, als bis sie sich die Mühe
gegeben haben, alle jene Einwände und deren Wider-
legungen durchzulesen.
Inhaltsübersicht der folgenden
sechs Meditationen.
[1]
In der ersten Meditation werden die Gründe ausein-
andergesetzt, wegen deren man an allen Dingen, besonders
an den materiellen, zweifeln kann, solange wenigstens, als
man in den Wissenschaften keine anderen Grundlagen hat
als die bisher vorhandenen.
Wenngleich nun der Nutzen eines so umfassenden
Zweifels nicht auf den ersten Blick erhellt, so ist er doch
insofern außerordentlich groß, als er uns von allen Vor-
urteilen befreit und den geeignetsten Weg ebnet, unseren
Geist von den Sinnen abzulenken. Schließlich aber bewirkt
er, daß man an dem, was man alsdann als wahr erkannt
hat, niemals wieder zweifeln kann.
In der zweiten Meditation setzt der Geist, der von [2]
seiner eignen Freiheit Gebrauch macht, voraus, daß alle die
Dinge nicht existieren, an deren Dasein sich auch nur im
geringsten zweifeln läßt, bemerkt aber dabei, wie es ganz
unmöglich ist, daß er selbst indessen nicht existiert. Dies
ist auch deshalb von dem höchsten Nutzen, da er doch auf
diese Weise leicht zu unterscheiden vermag, was eigentlich
ihm, d. h. der erkennenden Natur (natura intellectualis), und
was dem Körper zugehört. Weil aber vielleicht einige an
dieser Stelle von mir Gründe für die Unsterblichkeit der
Seele erwarten werden, so halte ich es für angebracht, ihnen
hier zu bedenken zu geben, daß ich mir vorgenommen habe,
nichts als das, was ich streng beweisen kann, zu schreiben,
und daß ich demnach keine andere als die bei den Geo-
metern übliche Methode habe befolgen können, die darin
besteht, alles das vorauszuschicken, wovon der fragliche Satz
abhängt, bevor man aus ihm selbst einen Schluß zieht.
Das erste und wesentliche Erfordernis zur Erkenntnis
der Unsterblichkeit der Seele ist aber, von dieser sich einen
8
Descartes, Meditationen.
Begriff zu machen, der so klar als möglich und von jedem
Begriffe eines Körpers durchaus verschieden ist. Dies ist
dort geschehen. Außerdem aber ist dazu auch erforderlich
zu wissen, daß alles das, was wir klar und deutlich denken,
[3] m eben der Weise, wie wir es | denken, wahr ist, was
vor der vierten Meditation nicht bewiesen werden konnte.
Ferner gilt es, einen deutlichen Begriff von der körperlichen
Natur zu gewinnen; dies geschieht teils in eben dieser
zweiten, teils in der fünften und sechsten Meditation. Und
hieraus muß man den Schluß ziehen, daß alle die Dinge
die man klar und deutlich als verschiedenartige Substanzen
begreift, wie das für den Geist und den Körper zutrifft, in der
Tat Substanzen sind, die in reeller Weise voneinander deutlich
unterschieden sind. Dieser Schluß wird in der sechsten
Meditation gezogen, und zwar wird dies ebendort dadurch
bestätigt, daß wir keinen Körper anders, denn als teUbar,
ganz im Gegenteil aber keinen Geist anders, denn als un-
teilbar denken können. Wir sind ja auch nicht imstande, uns
die Hälfte irgendeines Geistes zu denken, wie wir das
von jedem beliebigen noch so winzigen Körper können, so
daß wir die Natur von beiden nicht nur als verschiedenartig
sondern sogar als in gewisser Weise gegensätzlich erkennen.
Lben diesen Gegenstand aber habe ich in dieser Schrift
nicht weiter behandelt, teUs, weil das Gesagte genügt, um
zu zeigen, daß aus der Zerstörung des Körpers der Unter
gang des Geistes nicht folgt, und so den Sterblichen Hoff-
en ■?'!!• *lf"^' ^^^^"^ '" ™^'=J>^»' teils auch des-
iTchkri; dS r" f '■"'"'^\?- ^"« denen eben diese Unsterb-
[41 ll^n^^ '", t^'^W^^^en werden kann, von der Dar-
14J legung der ganzen | Physik abhängen
Subs?n!!n' fu^'f T'^ "^ ^''^"' d^ß überhaupt alle
SchöSnl '/■ ,; ^ °'"^"' "^^'^'^ '^ D^«" allein der
st^h?" ^^/"'^ ?T verdanken, ihrer Natur nach unzer-
störbar sind und daß sie niemals aufhören können zu S
SSühr't wT 'T^^''^" ^«" ^^'•"-•^ in das NicSt^z":
ruckgefuhrt werden, daß er ihnen seinen Beistand ver«!;
Zweitens aber muß man bemerken, daß fwlr Jer K^^;
überhaupt eine Substanz is, und daAim auch ieSls unT.r
gehen kann, daß ahi-r A^^ ^« tv t IZ "^^"^^^ unter-
' aaD aoer der menschliche Körper, sofern er
Inhaltsübersicht der folgenden sechs Meditationen.
9
sich von den übrigen Körpern unterscheidet, nur durch eine
bestimmte Gestaltung von Gliedern und anderen Accidentien
derselben Art gebildet ist, daß dagegen der menschliche
Geist nicht so aus irgendwelchen Accidentien besteht, son-
dern eine reine Substanz ist; denn wenn auch alle seine
Accidentien wechseln, so daß er andere Dinge erkennt,
andere will, andere fühlt usw., so wird darum doch nicht
der Geist selbst ein anderer, der menschliche Körper dagegen
wird allein schon dadurch ein anderer, daß sich die Gestalt
einiger seiner Teile ändert. Hieraus folgt, daß der Körper
zwar äußerst leicht untergeht, der Geist aber seiner Natur
gemäß unsterblich ist.
In der dritten Meditation habe ich meinen Haupt-
beweis für das Dasein Gottes | in genügender Weitläufig- [5]
keit, wie ich glaube, entwickelt. Da ich indessen, um den
Geist der Leser möglichst von den Sinnen abzuwenden,
mich keiner den körperlichen Dingen entlehnten Vergleiche
dabei habe bedienen wollen, so ist vielleicht eine Reihe
von Dunkelheiten zurückgeblieben, die aber, wie ich hoffe,
späterhin in den Antworten auf die Einwürfe ihre völlige
Aufklärung finden, wie unter anderen die, wie die Idee
eines höchst vollkommenen Wesens, die in uns ist, soviel
objektive Realität enthalten kann, daß sie durchaus von
einer höchst vollkommenen Ursache herrühren muß. Das
wird dort erläutert durch den Vergleich mit einer sehr
vollkommenen Maschine, deren Idee im Geiste eines
Künstlers ist; denn so wie das objektive Kunstwerk dieser
Idee irgendeine Ursache haben muß, nämlich das Wissen
dieses Künstlers oder das eines anderen, von dem er es
erhalten hat, so ist es nicht anders möglich, als daß die
Idee Gottes, die in uns ist, Gott selbst zum Urheber hat.
In der vierten Meditation wird bewiesen, daß alles,
was wir klar und deutlich erfassen, wahr ist und zugleich
auseinandergesetzt, worin der Grund der Falschheit be-
steht, was man notwendig sowohl zur Bestätigung des Vor-
hergehenden wie zum Verständnis des Folgenden wissen
muß. Ich muß indessen bemerken, | daß es sich dort [6]
keineswegs um die Sünde oder um den Irrtum handelt,
der bei der Verfolgung des Guten und Bösen begangen
.11
10
Descartes, Meditationen.
■
wird, sondern nur um den, der bei der Beurteilung dessen,
was wahr und falsch ist, vorkommt. Auch will ich nicht
das betrachten, was zum Glauben oder zur Führung des
Lebens gehört, sondern nur die spekulativen und allein mit
Hilfe der natürlichen Einsicht erkannten Wahrheiten.
In der fünften Meditation wird, abgesehen davon, daß
die körperliche Natur überhaupt erklärt wird, auch das
Dasein Gottes auf eine neue Art bewiesen, bei der sich
aber vielleicht einige Schwierigkeiten herausstellen werden,
die sodann in der Antwort auf die Einwände ihre Auflösung
finden. Schließlich aber wird gezeigt, inwiefern es wahr
ist, daß die Gewißheit selbst der geometrischen Beweise
von der Erkenntnis Gottes abhängt.
In der sechsten Meditation endlich wird die Tätigkeit
des Verstandes von der der Einbildung geschieden, und die
Merkmale für den Unterschied werden angegeben. Es wird
ferner bewiesen, daß der Geist in reeller Weise vom Körper
unterschieden ist und gezeigt, daß er nichtsdestoweniger so
eng mit ihm verbunden ist, daß er mit ihm eine Art von
Einheit bildet. Es werden alle Irrtümer aufgezählt, die aus
den Sinnen zu entspringen pflegen, und zugleich die Mittel
dargelegt, durch die man sie vermeiden kann, und schließ-
[7] lieh alle Gründe | vorgebracht, aus denen man auf das Da-
sein der materiellen Dinge schließen kann ; nicht als ob ich
sie für sehr nützlich hielte, um eben das zu beweisen, was sie
beweisen, nämlich, daß es in der Tat eine Welt gibt, daß
die Menschen Körper haben und dergleichen, woran niemals
jemand mit gesundem Menschenverstand gezweifelt hat, son-
dern weil man bei der Erwägung dieser Gründe erkennt,
daß jene Dmge nicht so fest und so klar sind, als die, durch
welche man zur Erkenntnis unseres Geistes und Gottes ge-
langt. Dies sind demnach die allergewissesten und einleuch-
tendsten, die der menschliche Geist wissen kann.
Emzig und allein das zu beweisen, habe ich mir in
diesen Meditationen zum Ziele gesetzt. Ich führe deshalb
an dieser Stelle auch die verschiedenartigen Fragen nicht
an. die ich darm ebenfalls gelegentlich behandelt habe.
Erste Meditation,
Woran man zweifeln kann.
1. Schon vor einer Reihe von Jahren habe ich bemerkt,
wieviel Falsches ich in meiner Jugend als Wahr habe gelten
lassen und wie zweifelhaft | alles ist, was ich hernach dar- [8]
auf aufgebaut, und daß ich daher einmal im Leben alles
von Grund aus umstoßen und von den ersten Grundlagen an
neu beginnen müsse, wenn ich endlich einmal etwas Festes
und Bleibendes in den Wissenschaften ausmachen wolle.
2. Indessen schien mir dies ein gewaltiges Unternehmen
zu sein, und ich wartete daher das Alter ab, welches so reif
sein würde, daß ihm unmöglich ein anderes nachfolgen
könnte, das zur Erwerbung der Wissenschaften noch ge-
eigneter wäre. Infolgedessen habe ich solange gezögert,
daß ich mich schließlich schuldig machen würde, wenn ich
die zum Handeln noch übrige Zeit mit weiteren Bedenken
vergeuden wollte.
3. Und da trifft es sich günstig, daß ich heute meinen
Geist von allen Sorgen befreit habe, daß ich mir eine sichere
Muße in einsamer Zurückgezogenheit verschafft habe: so
will ich denn endlich ernsten und freien Sinnes zu diesem
allgemeinen Umsturz meiner bisherigen Meinungen schreiten.
4. Dazu wird indessen nicht nötig sein, sie alle als
falsch aufzuzeigen, denn | das würde ich vielleicht niemals [9]
erreichen können; sondern da schon die gemeine Vernunft
rät, in ebenso vorsichtiger Weise bei dem nicht ganz Ge-
wissen und Unzweifelhaften wie bei dem offenbar Falschen
die Zustimmung zurückzuhalten, so wird es hinreichen, sie
alle zurückzuweisen, wenn ich in einer jeden irgendeinen
Grund zum Zweifel antreffe. Auch wird es dazu nicht un-
i
12
Descartes, Meditationen.
umgänglich notwendig sein, sie alle einzeln durchzugehen,
was eine endlose Arbeit wäre, sondern, da nach der Unter-
grabung der Grundlagen alles darauf Gebaute von selbst
zusammenstürzt, so werde ich den Angriff sogleich auf eben
die Prinzipien richten, auf die sich alle meine sonstigen
Meinungen stützten.
6. Alles nämlich, was ich bisher am ehesten für wahr
angenommen, habe ich von den Sinnen oder durch Ver-
mittelung der Sinne empfangen. Nun aber bin ich da-
hinter gekommen, daß diese uns bisweilen täuschen, und
es ist ein Gebot der Klugheit, niemals denen ganz zu trauen,
die auch nur einmal uns getäuscht haben.
6. Indessen — mögen uns auch die Sinne mit Bezug
auf zu kleine und entfernte Gegenstände bisweilen täuschen,
so gibt es doch am Ende sehr vieles andere, woran man
gar nicht zweifeln kann, wenn es gleich aus denselben
Quellen geschöpft ist; so z. B. daß ich jetzt hier bin,
daß ich, mit meinem Winterrocke angetan, am Kamin
sitze, daß ich dieses Papier in der Hand halte und ähn-
liches; vollends daß eben dies meine Hände, daß dieser
gesamte Körper der meine ist, wie könnte man mir das
abstreiten? Ich müßte mich denn mit ich weiß nicht
welchen Wahnsinnigen vergleichen, deren Gehirn durch
widrige Dünste infolge schwarzer Galle so geschwächt ist,
daß sie hartnäckig behaupten, sie seien Könige, während
sie bettelarm sind, oder in Purpur gekleidet, während sie
nackt smd, oder sie hätten einen tönernen Kopf, oder sie
seien etwa gar Kürbisse oder aus Glas; — aber das sind
[10] eben Wahnsinnige, | und ich würde ebenso wie sie von Sinnen
zu sem scheinen, wenn ich das, was von ihnen gilt, auf mich
übertragen wollte.
7. Vortrefflich I - Als ob ich nicht ein Mensch wäre,
der des Nachts zu schlafen pflegt, und dem dann genau die-
selben, ja bisweilen noch weniger wahrscheinliche Dinge im
1 räume begegnen, wie jenen im Wachen I Wie oft doch
kommt^es vor, daß ich alle jene gewöhnlichen Begegnisse,
wie daß ich hier bin, daß ich, mit meinem Rocke bekleidet,
am Kamin sitze, mir während der Nachtruhe einbilde,
wahrend ich doch entkleidet im Bette Hegel — Aber
Erste Meditation: Woran man zweifeln kann.
13
jetzt schaue ich doch sicher mit wachen Augen auf dieses
Papier, dies Haupt, das ich hin und her bewege, ist doch
nicht im Schlaf, mit Vorbedacht und Bewußtsein strecke
ich meine Hand aus und fühle das I Im Schlafe würde mir
das doch nicht so deutlich entgegentreten! — Als wenn
ich mich nicht entsänne, daß ich auch sonst durch ähn-
liche Gedankengänge im Traume irregeführt worden bin!
Denke ich einmal aufmerksamer hierüber nach, so sehe
ich ganz klar, daß niemals Wachen und Traum nach
sicheren Kennzeichen unterschieden werden können, — so
daß ich ganz betroffen bin, und diese Betroffenheit selbst
mich beinahe in der Meinung bestärkt, daß ich träume.
• ^^.^^^^^^ ^^^^' ^^ träumen! Mögen wirklich alle
jene Einzelheiten nicht wahr sein, daß wir die Augen öffnen
den Kopf bewegen, die Hände ausstrecken; ja, mögen wir
vielleicht gar keine solchen Hände, noch überhaupt einen
solchen Körper haben: so muß man fürwahr | doch ge- fU]
stehen, das während des Schlafes Geschaute verhalte sich
gleichsam wie gemalte Bilder, die nur nach dem Muster
wahrer Dinge sich abmalen konnten, daß also wenigstens
dies Allgemeine: Augen, Haupt, Hände und überhaupt
der ganze Körper als nicht eingebildete, sondern wirkliche
Dinge existieren. Sind doch auch die Maler, selbst wenn
sie Sirenen und Satyre in den fremdartigsten Gestalten zu
bilden sich Mühe geben, nicht imstande, ihnen in jeder
Hinsicht neue Eigenschaften zuzuteilen, sondern sie
mischen nur die Glieder von verschiedenen lebenden Wesen
durcheinander; oder wenn sie vielleicht etwas so unerhört
Neues sich ausdenken, wie man ähnliches überhaupt nie
gesehen hat, und das demnach rein erdichtet und unwirklich
ist, so müssen es doch zum mindesten wirkliche Farben
sein, aus denen sie es zusammensetzen. In gleicher Weise
muß man, wenngleich sogar dieses Allgemeine: Augen
Haupt, Hände und dergleichen nur in der Einbildung
vorhanden sein könnte, doch notwendig gestehen, daß we-
nigstens gewisse andere, noch einfachere und allgemeinere
Dinge wirklich vorhanden sind, mit denen, als den wirk-
lichen Farben, alle jene, seien es wahre oder falsche Bilder
von Dingen, die wir in unserem Bewußtsein haben, sich
Jm '"«■>'
Descartes, Meditationen.
in uns malen. Von dieser Art scheinen zu sein die Natur
[12] des Körpers | überhaupt und seine Ausdehnung, ferner die Ge-
stalt der ausgedehnten Dinge, ebenso die Qualität, d. i. ihre
Größe und Zahl, ebenso der Ort, an welchem sie existieren,
die Zeit, während welcher sie dauern und dergleichen.
9. Man darf daher hieraus wohl mit Recht schließen,
daß zwar die Physik, die Astronomie, die Medizin und
alle anderen Wissenschaften, die von der Betrachtung der
zusammengesetzten Dinge abhängen, zweifelhaft sind, daß
dagegen die Arithmetik, die Geometrie und andere Wissen-
schaften dieser Art, die nur von den allereinfachsten und
allgemeinsten Gegenständen handeln und sich wenig darum
kümmern, ob diese in der Wirklichkeit vorhanden sind
oder nicht, etwas von zweifelloser Gewißheit enthalten.
Denn ich mag wachen oder schlafen, so ist doch stets
2 + 3 = 5, das Quadrat hat nie mehr als vier Seiten, und
es scheint unmöglich, daß so augenscheinliche Wahrheiten
in den Verdacht der Falschheit geraten können.
10. Es ist indessen meinem Geiste eine alte Meinung
eingeprägt, daß ein Gott sei, der alles vermag, und von
dem ich so. wie ich bin, geschaffen sei. Woher weiß
ich aber, daß er nicht bewirkt hat, daß es überhaupt keine
Erde, keinen Himmel, kein ausgedehntes Ding, keine Ge-
tl3Jstalt, keine Größe, keinen | Ort gibt und daß dennoch dies
alles genau so wie jetzt mir da zu sein scheint; oder viel-
mehr, daß — so wie ich urteile, daß bisweilen auch andere
sich in dem irren, was sie aufs vollkommenste zu wissen
meinen — so aucli ich mich täusche, so oft ich 2 und 3
addiere oder die Seiten des Quadrats zähle, oder was man
sich noch leichteres denken mag.
11. Aber vielleicht hat Gott nicht gewollt, daß ich
mich so täusche, heißt er doch der Allgütige? — AUein
wenn es mit seiner Güte unvereinbar wäre, daß er mich
so geschaffen, daß ich mich stets täusche, so schiene es
doch ebensowenig dieser Eigenschaft entsprechend, daß
ich mich bisweilen täusche, welch letzteres sicherlich doch
der Fall ist.
12. Freilich möchte es wohl manche geben, die lieber
leugnen wurden, daß ein so mächtiger Gott überhaupt exi-
Erste Meditation: Woran man zweifeln kann.
m
15
iTb'tkn^'.lf "'" ^""f" Ungewißheit aller anderen Dinge
glaubten; allem mit denen wollen wir nicht streiten 3
bTotMS Tde? ^' '''' ^^" ^°" ^'-^- -^ eTne
durrh qI T' , /' ""^^ ™^" ^"^'^ annehmen, ich sei
durch Schicksal oder Zufall oder durch die Verkettune
der U„,stande oder sonst auf irgendeine Weise zu dem ge
sdn ind Tkn a"" ""' ^"^'^^" Unvollkommenheit zu
sein und also wird es, je geringere Macht man dem Ur
heber meines Seins zuschreibt, um so wahrscheinhcherseVn
- - --"ko-men, daß ich mich stets täusche '
Antwort und r ^,'""^1 ^^^^ i<^h schlechterdings keine |
Antwort, und so sehe ich mich endlich gezwungen ■,,„„ nn
zTeSl^mtlicT '']'"'' r^ '^'^ ^'"•'- fST^Kieirzu ^''^
zweitem möglich ist und das nicht aus Unbesonnenheit
S^ndt^tß ichTofr.^"^ ^'^'^ ""'^ wohSrogfn 'n
a^s Sern oflenbLr F^ ^ I, ^T^ '*'"'"'" ^"""' "'^^t minder
vorsichTi.il ^^''^'^^"' fo«an meine Zustimmung aufs
Sge?:?,,:'"^^^'^ '""^' ^-" -^^^ - etwas Gewissem
™ h!t;^"'^^'f " .^' ''' "'^^^ Senug, dies einmal bemerkt
zu haben, vielmehr muß man Sorge tragen, es sich stets
nungerunL" halten kehren doch die%ewohn et ut
Si J?n Sinn H*"'^- ^f 'l ""'^ ""^'"en meinen leichtgläu-
,,1h H V. ' " "^ gleichsam durch den langen Verkehr
und durch vertrauliche Bande an sich gefesself haben f2
auch wider meinen Willen in Beschlag. Und ich werdl
es mir niemals abgewöhnen, ihnen beizustimmen und zu vfr
trauen, solange ich sie für das ansehe, was sTeTder Tat sind
namhch zwar — wie bereits .«»TPiVf 7 • • '
zweifelhaft, aber i^merhrntchf S sc-;:eiSch^Tdr^^^^^^^
es wen vernunf^emäßer ist. sie zu glauben als zu leugnen
15 Es wird daher, denke ich. wohl angebracht sein
tung" äe" "Th"^!'? ''^ 't'^'^ entgegengeseme^Rkh!
lung gebe, mich selbst tausche und für eine Weil«. Hi»
Fiktion mache, jene Meinungen seien durchweg falsch „nd
uSe'autb^i'd'^'r^^"' ^'^ '^»^ schließfirm'Sfvo^r'
hT A o , "''^° ^"'en so ins Gleichgewicht gebracht
habe, daß keine | verkehrte Gewohnheit fLer mefn Urte'l [15]
16
Descartes, Meditationen.
von der wahren Erkenntnis der Dinge abwendet. Denn
ich weiß ja, daß hieraus keine Gefahr noch Irrtum in-
zwischen entstehen kann, und daß ich meinem Mißtrauen
gar nicht zu weit nachgeben kann, da es mir ja für jetzt
nicht auf ein Handeln, sondern nur auf ein Erkennen
16. So will ich denn annehmen, daß nicht der all-
gütige Gott, die Quelle der Wahrheit, sondern daß irgend-
ein böser Geist, der zugleich höchst mächtig und ver-
schlagen ist, allen seinen Fleiß daran gewandt habe, mich
zu täuschen; ich will glauben, Himmel, Luft, Erde, Farben,
Gestalten, Töne und alle Außendinge seien nichts als das
täuschende Spiel von Träumen, durch die dieser meiner
Leichtgläubigkeit Fallen stellt; mich selbst will ich so an-
sehen, als hätte ich keine Hände, keine Augen, kein Fleisch,
kein Blut, überhaupt keine Sinne, sondern glaubte nur
fälschlich, dies alles zu besitzen. Und ich werde hart-
näckig an dieser Art der Betrachtung festhalten und werde
so zwar nicht imstande sein, irgendeine Wahrheit zu er-
kennen, aber doch entschlossenen Sinnes mich in acht
nehmen, soviel an mir liegt, nichts Falschem zuzustimmen,
noch von jenem Betrüger mich hintergehen zu lassen, so
mächtig und so verschlagen er auch sein mag.
|16j 17. Indessen ist dies ein mühevolles | Unternehmen,
und eine gewisse Trägheit führt mich zur gewohnten Lebens-
weise zurück. Und wie ein Gefangener etwa im Traume
einer eingebildeten Freiheit genoß, und wenn er zu arg-
wöhnen beginnt, daß er nur träume, sich fürchtet, auf-
zuwachen und sich den schmeichlerischen Vorspiegelungen
solange als möglich hingibt, so sinke ich von selbst in
die alten Memungen zurück und fürchte mich vor dem
Erwachen, um nicht das arbeitsvolle Wachen, das auf die
behagliche Ruhe folgt, statt im Lichte, in der undurchdring-
lichen Finsternis der schon angedeuteten Schwierigkeiten zu-
zubringen.
Zweite Meditation.
über die Natur des menschlichen Geistes;
daß er leichter erkennbar als der Körper!
stüJ' ?• ^ ^^''"^^ ^^^^.^^^^^^^ ^^t mich in Zweifel ge-
stürzt, die so gewaltig sind, daß ich sie nicht mehr ver-
WelsTi^'u ir^ '"^ ^'"'"i^^ ^"^^ ^^^^^ ^^^^' '^^ -sicher
Weise sie zu losen seien; sondern, wie wenn ich unversehens
;Srr?Xß th ^T'' ^-f gestürzt wäre, bin ich so ve"
Zeh I zur Oh 7^ l ^"^ ^^"^ ^''"^^^ ^^^^^" ^^ß ^^ssen,
noch I zur Oberflache emporschwimmen kann. Dennoch [171
w^ll ich mich herausarbeiten und von neuem eben 2en ^ ^
i^h näXh h?'h^'"ii'^ ^''''''' beschritten hatte, indem
denTerin.1 7^'-f^^^^^ rT "^'^ ^"^^^^^^^' ^^^ ^"ch nur
sTrh J^F? V "^^'^u '""^^^'^ ^""^^ ^^' ^^ ^enn ich in
etwas r^ \ f^""^^ "^^^^^ vordringen, bis ich irgend
etwas Gewisses, oder, wenn nichts anderes, so doch zum
mindesten das für gewiß erkenne rlaft ^c «,^1. ^ ■
e\ht Mi^Kfe Ol • ^^'^ erKenne, daß es nichts Gewisses
gibt. Nichts als einen festen und unbeweglichen Punkt ver
langte Archimedes, um die ganze Erde von ihrer sfele zu be
hdt k^, ^^''""^''^ ^^"^^' ^^s ^«n unerschütterlicher Gewiß-
ist L^fl.lTfa '.'''^^f' ^^^ ^"^^^ ^^^ i^^ ^^he, falsch
hl; wa/i?A • "»^'«als etwas von dem aUen existiert
hat, was das trugensche Gedächtnis mir darstellt • ich habe
überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt, Größe Bewegung
übl?v' n^. T^'' ^^' ^^^"^^^^"- ^^^ ^^'o bleibt Wahre?
ubng? Vielleicht nur dies Eine, daß es nichts Gewisses gibt
nllJ*K V '^''^^' ^^'^ ^^^ ^^"'^' ^^ß ^« nicht etwas von
zlTeln'a'u^ Verschiedenes gibt, an dem "
2
18
Descanes, Meditationen.
ea etwa einen Gott, oder wie ich sonst den nennen mag,
der mir diese Vorstellungen (cogitationes) einflößt ? — Wes-
[18] halb I aber sollte ich das annehmen, da ich doch am Ende
selbst ihr Urheber sein könnte! Also wäre doch zum
mindesten ich irgend etwas? Indessen, — ich habe bereits
geleugnet, daß ich irgendeinen Sinn, irgendeinen Körper
habe. Doch hier stutze ich: was soll daraus folgen.? Bin
ich etwa so an den Körper und die Sinne gefesselt, daß ich
ohne sie nicht sein kann? Indessen, ich habe mich über-
redet, daß es schlechterdings nichts in der Welt gibt : keinen
Himmel, keine Erde, keine Geister, keine Körper, also
doch auch wohl mich selbst nicht? Keineswegs; ich war
sicherlich, wenn ich mich dazu überredet habe. — Aber
es gibt einen, ich weiß nicht welchen, höchst mächtigen und
verschlagenen Betrüger, der mich geflissentlich stets täuscht.
— Nun, wenn er mich täuscht, so ist es also unzweifelhaft,
daß ich bin. Er täusche mich, soviel er kann, niemals
wird er es doch fertig bringen, daß ich nichts bin, solange
ich denke, daß ich etwas sei. Und so komme ich, nachdem
ich derart alles mehr als zur Genüge hin und her erwogen
habe, schließhch zu dem Beschluß, daß dieser Satz: „Ich
bin, ich existiere", so oft ich ihn ausspreche oder in Ge-
danken fasse, notwendig wahr ist.
4. Noch erkenne ich aber nicht zur Genüge, wer ich
denn bin, der ich jetzt notwendig bin, und ich muß mich
demnächst hüten, daß ich nicht etwa unvorsichtigerweise
etwas anderes für mich selbst ansehe und auf diese Weise 1
|19J sogar in der Erkenntnis abirre, von der ich behaupte, sie sei
die gewisseste und einleuchtendste von allen. Ich wUl des-
halb jetzt von neuem erwägen, was ich denn früher zu sein
geglaubt habe, bevor ich noch auf diese Gedanken verfallen
war. Und davon wiU ich denn alles abziehen, was durch
die oben beigebrachten Gründe auch nur im geringsten hat
erschüttert werden können, so daß schließlich genau nur
R w ""^^ ''°" unerschütterlicher Gewißheit ist.
ö. Was also habe ich vordem zu sein geglaubt ? Doch
wohl em Mensch! Aber was ist das „ein Mensch'? Soll
ica sagen: em vernünftiges lebendes Wesen? Keineswegs
denn dann müßte man ja hernach fragen, was „ein lebendes
Zweite Meditation: über die Natur des menschlichen Geistes. 19
Weseiv;' und was „vernünftig" ist und so geriete ich aus
einer Frage m mehrere und noch schwierigere Au<A habe
ich nicht soviel Zeit, daß ich sie mit derartigen SpiSindi/
keiten vergeuden möchte. Lieber will ich hifr mX Au *„."
r'^R ? "'''*'"■ ""' ''''^'"' ^^"^ ^°" reibst und natur-
gemäß sich meinem Bewußtsein (cogitatio) darbot, so oft
ich erwog, was ich sei. '
sicht^'mnH^.°*A''''' ™'. "i"" '""^'^'* ^^'' «i^ß i<=h ein Ge-
dh^tü \ '"^- ""'^ '^'^^^ «^"'« Gliedermaschine hatte
Ae man auch an einem Leichnam wahrnimmt, und die ch
als Korper bezeichnete. Ferner bot sich m r dar I daß r201
bezorä di"' T- ^?^' *^"P""^^ ""«^ ^-ke, und ztar ^ ^
bezog ich diese Tätigkeiten auf die Seele; was aber diese
doch To stX -T'^- "5 ^"^"^'^^ ^'^ "•'^^^' °S- --
ntS'An eSrwtdS%teroclef.;f^^ f'^^' -^'
gröberen Teilen eingeSßf tr W^^ÜI^Ten ^K^pTrT
geht, so zweifelte ich daran nicht im mindesten, sondern
I h :ZTZi:rJ,T- ''"*"^^" '^""^"- Und ^Z
icn etwa versucht hatte, sie so zu beschreiben, wie ich si^
eTuärt'h h* '° if '^^ '''' '"''='> folgendermaßen darüber
ir^^ndlin p"^ "H"'" ^"■■P"'" ^^'''^^^ ^^^ ^1«, was durch
irgendeine Figur begrenzt, was örtlich umschrieben werden
kann und einen Raum so erfüllt, daß es aus ihm ieden
anderen Korper ausschließt; was durch Gefifhl GesSjt
Gehör, Geschmack oder Geruch wahrgenommen ^der aSh
S'sd'sf fb' ^ H ""T"' "^''^" ^'""' -arnifhrdi; h
es Deruürt wird. Denn ich nahm an, daß die Fähigkeit
sich selbst zu bewegen, ebenso wie di^ zu empfinden oder"
zu denken keineswegs zur Natur des Körpers gehören viel-
mehr wunderte ich mich eher darüber daß sicisoSe
Fähigkeiten in manchen Körpern vorfinden
7. Wie verhält es sich aber jetzt, wo ich annehme
daß irgendein höchst mächtiger und. ;enn maL sHaSn
darf, boshafter | Betrüger sich in jeder Beziehung sowek f211
er vermochte Mühe gegeben hat. mich zu täuschen ? Sn ^ ^
ich noch behaupten, auch nur das geringste von alle dTm
zu besitzen, wovon ich oben gesagt habe, es gehöre zu^
2*
1
20
Dcscartes, Meditationen.
Natur des Körpers ? Mit gespannter Aufmerksamkeit denke
ich immer wieder darüber nach, — nichts bietet sich mir dar,
und ich werde es müde, fruchtlos immer dasselbe zu wieder-
holen.
8. Wie verhält es sich aber mit den Eigenschaften, die
ich der Seele zuschrieb, so mit dem Sich-Ernähren und
dem Gehen? Nun, da ich jetzt überhaupt keinen Körper
habe, so sind auch das nichts als Erdichtungen. Und wie
steht es mit dem Empfinden? Aber auch dieses kommt
ohne Körper nicht zustande, auch glaubte ich sehr vieles
während des Traumes zu empfinden, von dem ich hernach
bemerkte, daß ich es nicht empfunden hatte. Und das
Denken? Hier finde ich nun: Das Denken ist's, es allein
kann von mir nicht getrennt werden: Ich bin, ich existiere,
das ist gewiß.
9. Wie lange aber bin ich ? Nun, so lange, als ich denke
Denn es wäre vielleicht möglich, daß ich, wenn ich gänzlich
aufhörte zu denken, alsbald auch aufhörte zu sein. Für
jetzt lasse ich aber nichts zu, als was notwendig wahr istl
Ich bin also genau nur ein denkendes Ding (res cogitans),
d. h. Geist (mens), Seele (animus), Verstand (inteUectus),'
Vernunft (ratio) — lauter Ausdrücke, deren Bedeutung mir
früher unbekannt war. Ich bin aber ein wahres und wahr-
haft existierendes Ding, aber was für ein Ding? Nun, ich
sagte es bereits — ein denkendes.
10. Und was weiter? Nun, - ich will einmal meine
Einbildungskraft anstrengen! Ich bin nicht jenes Gefüge |
l^ij von Gliedern, das man den menschlichen Körper nennt
ich bin auch nicht die feine Luft, die diese Glieder durch-
dringt, ich bin nicht ein Wind, Feuer, Dunst oder Hauch
oder alles was ich mir sonst ausdenken mag, — habe ich
doch vorausgesetzt, daß dies alles nichts ist. Diese Vor-
aussetzung bleibt bestehen, und doch bin ich irgend etwas.
von hL;' If' ^^^' ^^^ ^' "*"^ ^^' ^^ß ^ben dieses,
von dem ich voraussetze, es sei nichts, da es mir ja un-
von'Xm'r'' 1 "^'k- i'' ^^"^""^^^^ ^'' Sache nach nicht
von dem Ich verschieden ist, welchen ich kenne? Doch
nicht, ich kann nur urteilen über das. was ich weiß. Ich
W*'
Zwcte Meditation: über die Natur des menschlichen Geistes. 21
weiß daß ich existiere, ich frage aber, wer jener Ich ist von
dem ich weiß, er ist. Da ist es nun durchaus gewiS d^ß
nlc^fToTde^'h? ''•"". ^^"^^^ ""^ ^'^ verstandenen IcS
nicht von dem abhangen kann, von dessen Existenz ich
noch nichts weiß, nicht also von irgend etwas von dem
iV T?"'i I^'-'^öge der Einbildungskraft ausmale. '
12. Und dieses Wort „ich male mir etwas aus" macht
nuch schon auf mdnen Irrtum aufmerksam; denn es^väre
m der Tat nur em Ausmalen, wenn ich mir einbildete etwas
alsTGeS od"'H""'«M"^^ ^'°''"'^^"" "''^'^^^ -deS
f k1 \, ^" '^^^ ^'^'^ ^'"«^ körperlichen Dinges be
uele ch- d^^" ""r ,"^ '''" ''^^^«^ ^^-ß- daß ich Wn und
zugleich, daß möglicherweise alle diese Bilder und ganz aU
STsiä^SsTr ^"' ""„^"^ ^^ ^^^"' '^^ KörpersTez et
nichts s nd als Traume. Habe ich das aber einmal bemerkt mi
so schemt es eine ebenso törichte Redeweise zusagen ich
will meine Einbildungskraft anstrengen, um deuSer^^u
erkennen, wer ich bin", wie wenn ich sigT: . zwa bin ich
bereits aufgewacht und sehe schon etwas Wahres doch da
.ch es „och mcht einleuchtend genug sehe, so wi 1 ich mir
etnX wahr'"r"","''f^"' '^"^^ ™^ ^^'^ Träume
eoen dies wahrer und einleuchtender darstellen"
ich lif; hL^'J'^T k-^"'' ^,^^ "'^"^'^ ^°" dem allen, was
ich mit Hilfe der Einbildungskraft erfassen kann, Bezug hat
auf d,e Kenntnis, die ich von meinem Ich habe, daß Ich vS
mehr meinen Geist auf das sorgfältigste hiervon abwenden
^n\Z:r:tir ^^-^ ^^"^ -'-'' ^^-"<^^ -- ^ewS
14. Was aber bin ich demnach.? Ein denkendes Dino-i
Lnd was heißt das.? Nun, - ein Ding, das zweS einSt
bejaht, verneint, will, nicht will undVauch EinbSdutg
und Empfmdung hat. Fürwahr, das ist nicht wenig, wenn
dies alles zu mir gehören soll I Doch wie sollte es nkh""
Bin mcht ,ch selbst es. der jetzt fast an allem zwei eh der
der da? u'bril 7 """'li '" '^'^"P'^*' *" «ine sei w^r
der das übrige leugnet, der mehr wissen möchte der sich
nicht tauschen lassen will, der vieles, selbst gegen seinen
n illen, m der Einbildung hat, viele^ auch J^f von dej
Sinnen kommend bemerkt ?| Mag ich immerhin stets scUa [24]
22
Descartes, Meditationen.
feo, mag: immerhin mein Schöpfer, so viel an ihm liegt, mich
tauschen, — ist nicht dies alles trotzdem ebenso wahr, wie
daß ich bin? Ist irgend etwas davon von meinem Bewußt-
sein trennbar? oder läßt sich von irgend etwas davon be-
haupten, daß es von meinem Ich getrennt sei? Denn daß
ich es bin, der zweifelt, der einsieht, der will, das ist so
offenbar, daß es durch nichts noch augenscheinlicher ge-
macht werden kann. Ich bin aber doch auch derselbe Ich,
der ich etwas in der Einbildung habe; denn wenngleich
etwa, wie ich angenommen habe, nichts von dem, was sich
der Einbildung darstellt, wahr ist, so besteht doch diese
Kraft der Einbildung wirklich und macht einen Teil meines
Bewußtseins aus. Schließlich ist es derselbe Ich welcher
wahrnimmt, d. h. welcher die körperlichen Dinge als durch
die Sinne gegeben bemerkt. Ich sehe doch offenbar jetzt
das Licht, ich höre das Geräusch, fühle die Wärme; aber
nein — das ist doch falsch, denn ich schlafe ja. Aber
es scheint mir doch, als ob ich sähe, hörte, Wärme fühlte
das kann nicht falsch sein, das ist es eigentlich, was an
mir Empfinden genannt wird, und dies, genau so verstanden
ist ein Bewußtsein.
15. Hieraus beginne ich in der Tat schon erheblich
besser zu erkennen, wer ich bin. Aber doch scheint es
roRi ' r""^' ""^^^^ "^^ '^^ ^^'^^ ™c^ dieser Meinung
im gar mcht erwehren, als ob die körperlichen Dinge, 1 deren
Bilder sich in meinem Bewußtsein gestalten, und die durch
die binne selbst erforscht werden, viel deutlicher erkannt
wurden, als jenes, ich weiß nicht was von mir, das nicht
ein Gegenstand der Einbildung ist. Allerdings ist es in der
Tat recht wunderbar, daß ich die Dinge, die sich mir als
zweifelhaft, unbekannt, mir fremd ergeben, deutlicher erfassen
sollte als das Wahre, das mir Bekannte, kurz als mich selbst.
meinem rl/ '"k^ ^''^^''' "^'^ ^' "*^^ ^^'"^ ^^^^ält :
ToTriS k""^'.^' ^' ^'"^^"' abzuirren, er verträgt es
noch mcht, sich in den Schranken der Wahrheit zu halten.
uS s e1:L trr'ectei'zeir' f^^ '" ^'^ ^^^'^^^^
„rr. .r I u . '^.'^°'^" 2eit Wieder amuziehen und ihn
um so leichter lenken zu können. Betrachten wir die
jemgen Gegenstände, die nach der gewöhnlichen Meinung
Zweite Meditation: über die Natur des menschlichen Geistes. £3
von allen am deutlichsten erfaßt werden, d. h. die Körper
die wir betasten und sehen und zwar nicht die Körper im
D St hin' 'l'"". •"''" allgemeinen Begriffe (perceptiones)
pflegen bedeutend verworrener zu sein, nehmen wir viel-
mehr irgendeinen Körper im besonderen, z. B. dieses Stück
Wachs. Vor kurzem erst hat man es aus der Wachsscheibe
gewonnen, noch verlor es nicht ganz den Geschmack des
Honigs, noch blieb ein wenig zurück von dem Dufte der
Blumen, aus denen es gesammelt worden; seine Farbe 1
Oesta t, Große liegen offen zutage, es ist hart, auch kalt [261
man kann es leicht anfassen, und schlägt man mit dem
Knöchel darauf, so gibt es einen Ton von sich, kurz —
Kn^T"' f^T' r \' ^rf^'-deriich scheint, um irgendeinen
Koiper aufs deutlichste erkennbar zu machen. Doch siehl
Wahrend ich noch so rede, nähert man es dem Feuer —
was an Geschmack da war, geht verloren, der Geruch ent-
schwindet, die Farbe ändert sich, seine Gestalt wird ver-
nichtet, die Größe wächst, es wird flüssig, wird warm, es
laut sich kaum mehr anfassen, und wenn man darauf klopft
so wird es keinen Ton mehr von sich geben. Bleibt es
denn noch dasselbe Wachs.? Man muß zugestehen - es
bleibt, keiner leugnet es, niemand ist darüber anderer
erkannte? Sicherlich mchts von dem, was im Bereiche
der Sinne lag; denn alles, was unter den Geschmack, den
Geruch, das Gesicht, das Gefühl oder das Gehör fiel ist
ja jetzt geändert, und doch es bleibt — das Wachs Viel-
leicht war es das was ich mir jetzt denke, nämlich daß das
Wachs selbst mcht jene Süßigkeit des Honigs, nicht der Duft
der Blumen, nicht die weiße Farbe, nicht die Gestalt oder
der Ton war, sondern ein Körper, der sich kurz zuvor in
diesen Weisen meinem Blicke darbot, jetzt in anderen?
TT- u-.i . '^' ^^^"^ ^^"^" *^^' was I ich hierbei so in der r277
Einbddung habe? Betrachten wir es aufmerksam, entfernen
JI!' w« ' -r- M ' u .*^T ^^"'^'^ ^»e^hört, und sehen wir
l^Ucr^Üt,,"?"^ if- ""' ^"" - ™"^*^ ^°'^«^««' als etwas
Ausgedehntes, Biegsames und Veränderliches
18 Was ater ist dieses Biegsame, Veränderliche ? Etwa
daß ich mir m der Einbildung darstelle, wie dieses Wachs
24
Descartes, Meditationen.
aus der runden Gestalt in die quadratische, oder aus dieser
in die dreieckige übergehen kann? Keineswegs I denn ich
begreife wohl, daß es fähig ist. unzählige derartige Ver-
änderungen zu erleiden; und ich kann doch nicht diese un-
zähligen Veränderungen in der Einbildung durchlaufen es
kommt also dieser Begriff (comprehensio) nicht durch 'die
i.inbüdungskraft zustande.
19 Und was ist das Ausgedehnte ? Ist etwa auch seine
Ausdehnung mir unbekannt? Denn in dem schmelzenden
>yachs wird sie größer, noch größer in dem siedenden, und
sie wird noch größer, wenn die Hitze weiter zunimmt. Auch
.TntÜ; H^'^lr ^' '^^"^^ '''' "'"'^^ "^''"g beurteilen, wenn
ich mcht der Meinung wäre, daß es auch der Ausdehnune
Ti Z J?f' Verschiedenheiten zuläßt, als ich jemals
Lt'' 1'^^""!. """^f ' ^''''- ^' ""•'' ^^ ^^o nichts
- übrig als zuzugeben, daß ich, was das Wachs ist gar
erfassen kann ^fn ^""^ '^''"' ^°"'^^^" ''"' ™ ^^^^^^
w t ^ ^"'^ *^^ ^^^^ "=h von dem einzelnen Stücke
'^'' w ""•'""!. "^^^ ^^*^^^ überhaupt ist es noch klarer
r9fii r. , f '^' *^^"" ^^" ^'^^^^ Wachs, das sich nur im
[28J Denken erfassen läßt? Offenbar | dasselbe, welches ich
Ehe Turz H "^'^„''^»-tfv-Jches ich in d;r EinbUdung
S nich? ein" J? ^"""l' ~.'"'°" Erkenntnis (perceptio)
ist nicht em Sehen, em Berühren, ein EinbUden und ist
sLTst ein" f'^'T "^""^'^•^'^ ^^ '-^- - -^S sönde n
sie ist e ne Einsicht einzig und allein des Verstandes fsolin^
mentis inspectio) die entweder, wie früher Skomrien
und verworren, oder, wie jetzt, klar und deutlich sein kZ
Das hangt von der größeren oder geringeren Aufmerksam-
keit ab, mit der ich auf seine BestandteUe achte
-äl. Indessen wundere ich mich, wie sehr doch mein
Geist zum Irrtum neigt; denn wenngleich IS dafoS
dochTn t:T''^ r' "^"'^ - -«^^ «-Äe, tleibe i?h
doch an den Worten hängen und lasse mich beinahe durch
den Sprachgebrauch beirren Nimlirh ^' "^'"^^ ^"^ch
wir sehen das Wachs selbs" wenn « da Lt Td ? ''
Wir urteilf^n na/^K a^ t- . *^'-"" es aa ist, und nicht:
sei. Und 3a"aus\nthte'iS """V^' ''"^^'' '^^ ^ ^
" oaraus mochte ich am liebsten gleich schließen,
Zweite Meditation: Über die Natur /i^^ t,- ,
uDcr die JNatur des menschlichen Geistes. 25
JchtXct'dJ^EllSt ts V^^'^;^" '^' ^"^- ^'
Doch da sehe ich zufäSS vo^ F „S a'u 11^" f'^""^-
der Straße vorübergehen%r denen chebe^Ji^f^^^^^^^
wie vom Wachse, gewohnt bin, zu saeen ^h i.,^
und doch sehe ich nichts als di^ Hüte und KlL '"•
daß es Menschen sind. Und so erkenne ich das was I ich rSQI
n^t memen Augen zu sehen vermeinte, einzig und a lein ^ ^
durch die meinem Geiste innewohnende Fähigkeft zu urte kn
sein 5ll Ith v""*' "°'^'' ^" '^^ ""e^^ ^^ die Menge
H«^), a' ^ schämen, aus den Redewendungen welche
doch die Menge erfunden hat, einen Anlaß zum' Zwdfel
en nommen zu haben. Fahren wir also fort Tnd se en
aie f anigkeit der Einbildung zu erkennen oder vielmehr
eher jetzt, nachdem ich sorgfältig erforscht habe waTes
iarüber ^■f"^ ''^."°"* ''"^- Sicher wäre es' tlrLht
aaruber Zweifel zu heeen D^nn «r^e , j i^i^n-iu,
A rr , "tgcu. i^enn was war in H^r ^rcf^»
atitciTsTn r dth ^"T \ ™^^-- ^^^ ^
Geift t^rs^r '^eit1/a2n ^'"^^ ^^''^'^ ™^"^^^^^^-
von meinem tu '°" ''^ '*'" •""^'" ^««^^ ^-l^st oder
von meinem Ich sagen, denn bis jetzt rechne ich nichtl
anderes zu mir selbst als meinen | Geist? Ich der th r^m
ni'cT mlr'^ ,r '^"'"^^ ^" ^''^-'^- meine sone S ^ '^
nicht mich selbst noch viel wahrer, viel gewisser nirhf
"n^^Denr '"^'t' '^"^''^'^^^ und 'einleucLX erTen
nen ^ Denn wenn ich urteile, daß das Wachs existiert weH
ich es sehe, so folgt doch eben daraus, daß kh ersehe
weit augenscheinlicher, daß ich selbst exi,fit^ »k ,'
ich « c«>v.» T-> ■ »" 11.11 sciDsi existiere, eben weil
ich es sehe. Denn es kann sehr wohl sein, daß dies, was
26
Descartes, Meditationen.
ich sehe, nicht wirklich Wachs ist, es kann sogar sein,
daß ich überhaupt keine Augen habe, etwas zu sehen,
aber es ist offenbar unmöglich, daß, während ich sehe, oder
— was ich für jetzt nicht unterscheide — während ich das
Bewußtsein habe zu sehen, ich selbst, der ich dies Bewußt-
sein habe, nicht irgend etwas bin. In ähnlicher Weise,
wenn ich urteile, daß das Wachs existiere, weil ich es
betaste, so folgt daraus wiederum dasselbe, nämlich, daß
ich bin. Oder wenn daraus, weil ich es in der Einbildung
habe, oder aus sonst irgendeinem Grunde, so folgt offenbar
wieder dasselbe. Ich kann aber eben das, was ich hier
vom Wachs bemerke, auch auf alles übrige, was außer mir
ist. anwenden. Sollte aber weiterhin die Erkenntnis des
Wachses nur darum deutlicher scheinen, weil es mir nicht
nur durch das Gesicht, oder durch den Tastsinn, sondern
durch eine Reihe von Ursachen bekannt geworden ist, um
wieviel deutlicher muß, wie man zugeben wird, ich jetzt |
[81] mich selber erkennen, da dieselben Gründe, die zur Er-
kenntnis des Wachses oder irgendeines sonstigen Körpers
beitragen, alle noch besser die Natur meines Geistes be-
weisen. Aber es gibt überdies noch so vieles andere, was
meinem Geiste selbst eigen ist und wonach man zu einer
deutücheren Erkenntnis von ihm gelangen kann, daß jenes
alles, was sich vom Körper her auf sie miterstreckt, dagegen
kaum in Anrechnung zu bringen ist.
24. Und sieh dal so bin ich schließlich ganz von selbst
dahin gekommen, wo ich hinaus wollte. Denn da ich
jetzt weiß, daß ja selbst die Körper nicht eigentlich durch
die Sinne oder durch die Fähigkeit der Embildung. sondern
einzig und allem durch den Verstand erfaßt werden, auch
nicht dadurch, daß man sie betastet oder sieht, sondern
daß man sie denkt: so erkenne ich ganz offenbar, daß
ich nichts leichter und augenscheinlicher erfassen kann —
als memen Geist. Doch da man sich der Gewohnheit einer
eingewurzelten Meinung nicht so schnell entschlagen kann
so scheint es mir gut. hier einzuhalten, damit sich diese neu
erworbene Erkenntnis durch längeres Nachdenken meinem
Gedächtnis tiefer einprägt.
Dritte Meditation.
über das Dasein Gottes.
[32]
1. Ich will jetzt meine Augen schließen, meine Ohren
verstopfen und alle meine Sinne ablenken. aucTdie BiMe
der körperlichen Dmge sämtlich aus meinem Bewußtsein
tilgen oder doch, da sich dies wohl kaum tun läßt sie
als eitel und falsch gleich nichts achten; ich wiS mich
nur mit mir selbst unterreden, tiefer in mich hineinblicken
und ?er™ "' '^''\'^''' ''^^'' '^'^^^ "'^^ ^^^h bekannter
und vertrauter zu machen.
..«.itu^u -^l" *'° denkendes Ding. d. h. ein solches, das
H« ' m 't'' •;!■■"""'• *""'« ^"^'«ht- "«1« nicht ;eiß,
San • "'ä! K '"''L Einbildung und Empfindung hat!
wi^chln T '^ r '']'^'^ ^^"'^'^' - ^«'»"gleich das.
was ich m der Empfmdung oder in der Einbildung habe
außer mir vielleicht nichts ist. so bin ich doch dessen
gewiß, daß jene Weisen des Bewußtseins, die ich Emp
findungen und Einbildungen nenne, inso^n als sie nur
gewisse Weisen des Bewußtseins sind, in mir vorhanden sind.
..^- Und mit diesen wenigen Worten habe ich aUes auf-
gezahlt, was 'ch wahrhaft weiß, oder zum mindesten alles,
von dein ich bisher | bemerkt habe, daß ich es weiß r331
Sin Ti '*=\n°<^\so'-gfältigere Umschau halten, ob Jchi ^
& nfcht h. T^ ,-'--^-deres in mir ist, wks ich bis
Uetzt nicht berücksichtigt habe.
4. Ich bin gewiß, daß ich ein denkendes Ding bin -
weiß ich also etwa schon, was dazu erforderlich ist, irgend-
einer Sache gewiß zu sein? Nun, - in dieser er^tef Er-
ulTT!r'u'''^'^ f""*^"^' enthalten, als ein gewisses klares
und deutliches Erfassen des von mir Ausgesagten. Dies
I
28
Descartes, Meditationen.
würde allerdings nicht genügend sein, mich der Wahrheit
einer Sache gewiß zu machen, wenn es einmal vorkommen
könnte, daß irgend etwas, das ich in dieser Weise klar und
deutlich erfasse, falsch wäre. Und somit meine ich bereits
als allgemeine Regel aufstellen zu dürfen, daß alles das
wahr ist, was ich recht klar und deutlich erfasse.
ö. Indessen habe ich vieles früher als durchaus gewiß
und augenscheinlich gelten lassen, was ich trotzdem später
als zweifelhaft ertappt habe. Was für Dinge waren denn
das? Nun, — die Erde, der Himmel, die Gestirne und
alles übrige, was ich vermöge der Sinne bemerkte. Was
aber erfaßte ich hiervon klar? — Offenbar, daß die Ideen
selbst oder das Bewußtsein solcher Dinge sich meinem Geiste
darboten; aber das bestreite ich ja auch jetzt gar nicht,
daß diese Ideen in mir sind! Etwas anderes aber war es'
[34J was ich ehemals behauptete, und was ich ) ebenfalls, weil
ich gewohnt war. es zu glauben, klar zu erfassen meinte,
in Wahrheu aber nicht erfaßte : nämlich, daß gewisse Dinge
außer mir e.xistieren, von denen jene Ideen herrührten und
denen sie vollkonmien ähnlich seien. Und hierin irrte ich
mich entweder, oder aber, wenn mein Urteil zufällig richtig
war, so lag das doch nicht an der Kraft meines Erfassens
6. Wie aber, wenn ich in arithmetischen oder geome-
trischen Dmgen irgend etwas recht Einfaches und Leichtes
betrachtete, - wie daß 2 + 3 = 5 ist und dergleichen -
habe ich wenigstens das klar genug durchschaut, um es
als wahr behaupten zu können? Nun, ich habe aus keinem
anderen Grunde später geurteilt, daß sich auch daran
zweifeln lasse, als weil es mir in den Sinn kam, es habe
etwa irgendein Gott mir eine solche Natur verleihen können
daß ich mich auch in dem täuschte, was mir am aller-
o fenbarsten zu sein schien. So oft aber diese vorgefaßte
Meinung von der Allmacht Gottes mir aufstößt, kann ich
nah unihm. einzugestehen, daß es ihm, wenn er nur wiD
ein Leichtes sei. zu bewirken, daß ich mich selbst in dem'
irre^ was ich auf das klarste mit den Augen des Geistes
[351 TänZ ''f^'^^^'"^.^• ^^ ^^^ ''^ ^^^^ ^^^^ den Gegen-
l3o] .tandeii selbst, die ich recht | klar zu erfassen vermeine
zuwende, lasse ich mich so vollkommen von ihnenTber:
Dritte Meditation: über das Dasein Gottes.
29
zeugen daß ich unwillkürlich in die Worte ausbreche-
Tausche mich, wer es kamil Niemals wiTer doch b/
etwas zu sein, oder daß es irgend einmal wahr ist daß irh
e'ia'TnS "^r V^'-' -'''' -■ daß'lcrLit oiä
S^rLn ^ u^^' ""^^^ ^^'^S^'- ^«ien als 5 und der-
Jle^hen. wonn ich nämlich einen offenen Widerspruch eJ-
zu 11"^ t«^*" sicherlich gar keine Veranlassung habe
zu glauben, daß es einen betrügerischen Gott gibt da ich
noch mcht einmal zur Genüee wf>ift «k »o u I •
Cntt <»;k» j »jcnuge wem, ob es überhaupt einen
Gott gibt, so ist der nur von dieser Meinung abhängende
Grund zum Zweifel in der Tat recht schwach „L
^.Phvsisch^ Um aber auchtn zu^reän^'^^'^Th^::'
ob^ es'etn 00^^?^'^^;"'"' ^" »'-«■ -terShen
kln n , ^'^'' ""'^ ^^'^' ob er ein Betrüger sein
kann^ Denn solange ich das nicht weiß, scheint es niSt dlß
ich "J'-;^-d^etwa. anderes Jemals völlig gewi? s"m Lt'
Uf • iit ;t^ ^be^^e^t T g:^rsser. f
CTgtnScTdinÄh^'l ^^'1^- r «S-rBe^-SSakt
V£igenUich die \Vahrheit oder Falschheit I liegt. [361
„„r A T '^'""' ''""^ gleichsam Büder der Dinge und
nur diesen kommt eigentlich der Name „Idee" zu so wenn
•ch nur einen Menschen, eine Chimäre, den Hi^eT eTnen
turchte, bejahe, verneme, so erfasse ich zwar stets ireend
eme Sache als das Objekt meines BennißtseL aLr mein
Bewußtsem schließt noch etwas mehr ein, als die ÄhiScL
keit mit diesem Gegenstande. Von diesen BeLßLi^t^n
heißt nun eine Klasse: WiUensäußerungen oder Sts
bewegungen, eme andere: Urteüe ^^emuts
10 Was nun die Ideen anbetrifft, so kömien sie, wenn
mm sie nur aii sich betrachtet und sie nicht auf rS
etwas anderes bezieht, nicht eigentUch falsch sein deTob
™r meme Embüdung nun eine Ziege ode? Te' cLwe
me daß ich die andere in der Einbildung habe.
Descartes, Meditationen.
11. Auch in dem Willen selbst oder in den Gemüts-
bewegungen hat man keine Falschheit zu fürchten; denn
möchte ich etwas noch so Schlechtes, ja etwas, was es in
aller Welt nicht gibt, wünschen, so bleibt es nichtsdesto-
weniger wahr, daß ich es wünsche.
12. Es bleiben denmach nur die Urteile übrig, bei denen
ich mich vor dem Irrtum zu hüten habe. Der vorzüglichste
[37] und häufigste Irrtum aber, | den man in ihnen vorfinden
kann, besteht darin, daß ich urteile, die in mir vorhandenen
Ideen seien gewissen außer mir befindlichen Dingen ähn-
lich oder entsprechend; denn wenn ich bloß die Ideen selbst
als gewisse Weisen meines Bewußtseins betrachtete und sie
nicht auf irgend etwas anderes bezöge, so würden sie mir
gewiß kaum irgendeinen Stoff zum Irrtum geben können.
13. Von diesen Ideen aber, scheint es, sind die einen
mir eingeboren, andere von außen hinzugekommen, wieder
andere von mir selbst gemacht. Denn daß ich einsehe, was
ein „Ding*', was „Wahrheit", was „Bewußtsein" ist, das
scheine ich nicht anderswoher, als aus meiner eigenen Natur
zu haben; daß ich aber jetzt ein Geräusch höre, die Sonne
sehe, die Wärme des Feuers wahrnehme, das rührt, wie ich
bisher geurteilt habe, von gewissen außer mir befindlichen
Dingen her. Sirenen schließlich, Hippogryphen und der-
gleichen werden von mir selbst ausgedacht. Doch ich mag
vielleicht auch vermeinen, alle Ideen kämen mir von außen
zu, oder alle seien eingeboren oder alle von mir gemacht;
denn noch habe ich ihren wahren Ursprung nicht klar durch-
schaut.
14. Hier jedoch haben wir vornehmlich über die Ideen,
welche ich gleichsam als von außer mir existierenden Dingen
entnommen ansehe, eine Untersuchung anzustellen, und
füQi \^^ darüber, welcher Grund eigentlich mich dazu bewegt,
Idö] I zu glauben, sie seien diesen Dingen ähnlich. Es scheint
das namhch die Natur mich zu lehren, außerdem aber mache
ich an mir die Erfahrung, daß sie nicht von meinem WiUen
also auch mcht von mir selbst abhängen; denn sie bieten
sich häufig auch wider meinen Willen mir dar, zum Bei-
spiel jetzt eben fühle ich Wärme, ob ich will oder nicht, und
darum glaube ich, diese Empfindung oder Idee der Wärme
Dritte Meditation: Über das Dasein Gottes.
31
vorder T- ^'"^'. "^"^"l ™' verschiedenen Sache, nämlich
von der Warme des Feuers, bei dem ich sitze her ,,n2
es hegt mir nichts näher, als zu urteüen d^rj^ne SaSe
mich dies, so verstehe ich darunter nur daß kh dtcJ
einen gewissen in mir liegenden Trieb dazu gebraSt weTde
dies zu glauben, aber nicht, daß die natürliche EiS
aumen naturale) es mir als wahr bezeugt. D iefbeiies t
Ü^T'^'^rrll --^^-^-. Alks nämfich wts de
zweSe fole^Tft' 1"^^' 7 "^^ ^^^ daraus, 'daß icJ
zweitle, folgt, daß ich bin und dergleichen - das kann in
^ahigkeit, der ich m gleicher Weise vertraue wie die<;pr
f^* f u ^^^''.^^ '" ""^ liegenden Triebe betrifft so hTbe
schlechten Seite gefuhrt haben, wenn es sich darum handelte
das Gute zu erwählen. Und ich sehe nicht ein Salb
ich Ihnen ,n irgendeiner anderen Sache mehr vert LrsoUte
Willi K^"'' wenngleich jene Ideen nicht von meinem
WiUen abhangen, so steht darum noch nicht fest daß X
Drte%T^e^Ttr '1^^^^^'^^ ^^^l^^^l
i^enn wie diese Triebe, von denen soeben die Rede war
wenn sie gleich in mir sind, dennoch von mebem wS
f aüigkeit. welche diese Ideen hervorbringt, wie es mir bis
her ja stets so geschienen hat, daß sich jene. wSr^J kh
büdet' Serbtt"^'"'"'''\^ ''"'^^''""^ ä"ß-- dS ^
Duden. Selbst wenn sie aber von Dingen ausgingen die vZ
mir verschieden sind, so folgt daraus nicht, ^X^etes«
Dmgen ähnlich sein müssen ; vielmehr meine ch, of ^Tn S
Dingen emen großen Unterschied angetroffen zu hL^'''°
17. So finde ich z. B. zwei verschiedene Ideen der Sonn»
iL'unTn^" ""' '°' ^^ ^'^ ^'^ ^"^ ^^" Sinnen geschif
wäre, und diese mag am ehesten zu denen zu zählen sein
tl
32
Descartes, Meditationen.
I
von denen ich meine, daß sie von außen kommen. Durch
diese erscheint mir die Sonne sehr klein. Die andere Idee
hingegen ist aus den Berechnungen der Astronomie ent-
[40] nommen, | d. h. sie ist aus gewissen, mir eingeborenen Be-
griffen gebildet oder in irgendeiner anderen Weise von mir
zustande gebracht. Durch diese erweist sich mir die Sonne
als vielmal größer, denn die Erde. Offenbar können nun
nicht beide einer und derselben außer mir existierenden
Sonne ähnlich sein, und die Vernunft überzeugt mich, daß
ihr die am unähnlichsten ist, welche am unmittelbarsten
von ihr selbst herzukommen scheint.
18. Dies alles beweist zur Genüge, daß ich bisher nicht
auf Grund eines sicheren Urteils, sondern nur aus blindem
Trieb geglaubt habe, es existierten gewisse von mir ver-
schiedene Dinge, welche ihre Ideen oder ihre Abbilder durch
Vermittlung der Sinnesorgane oder in irgendeiner anderen
Weise in mich hineinsenden.
19. Doch es bietet sich mir noch ein anderer Weg, um
zu prüfen, ob einige von den Dingen, deren Ideen in mir vor-
handen sind, außer mir existieren. Insofern nämlich jene
Ideen nur gewisse Weisen des Bewußtseins sind, vermag
ich unter ihnen keinerlei Ungleichheit zu entdecken, und
alle scheinen gleichermaßen von mir auszugehen, insofern
aber die eine diese, die andere jene Sache vertritt (reprae«
sentat), sind sie offenbar äußerst verschieden voneinander.
Denn ohne Zweifel sind die, welche mir Substanzen dar-
[41] stellen, etwas mehr und enthalten sozusagen | mehr „ob-
jektive Realität'* (realitas objectiva) in sich, als die, welche
nur Modi oder Accidentien darsteUen, und wiederum ent-
hält die Idee, durch welche ich einen höchsten Gott denke,
der ewig, unendlich, allwissend, allmächtig und der Schöpfer
aller außer ihm vorhandenen Dinge ist, wahriich mehr ob-
jektive Realität in sich, als die Ideen, durch welche end-
liche Substanzen sich darstellen. Nun ist es vermöge der
natüriichen Einsicht offenbar, daß zum mindesten ebensoviel
Realität m der gesamten wirkenden Ursache (causa efficiens)
vorhanden sein muß, wie in der Wirkung eben dieser Ur-
sache. Denn ich möchte wohl wissen, wovon sonst die Wir-
kung ihre Realität hernehmen sollte, als von der Ursache.?
Dritte JVIedilation: Über das Dasein Gottes.
33
20. Hieraus folgt aber, daß weder etwas aus dem Nicht«
nur Kann z. B. em Stern, der vorher nicht war nicht ietrt ru lAol
wllLl^^Lu ^^' ^^' '" ..formaler" oder „eminenter"
Weise enthalten ist. was m dem Steine gesetzt ist oder L
kami die Warme sich nicht auf einen Gegenstand übertragen
der vorher nicht ^wärmt war. als von einem Shig dS Sn
destens von gleicher VoUkommenheit ist, wie dfe Wärme'
^ch ^ntTn^'f^f ''r* ^'" "''"«^" -' ^«"dern es kTnn
auch in mir die Idee des Steines und die der Wärme nur
dadurch vorhanden sein, daß sie von irgendeinrr S^saZ
m nur gesetzt sind, die mindestens ebensoviel RealUäent
halt, wie ich mir in dem Steine oder in der Wärme denke"
Demi wenngleich jene Ursache nichts von TrS aktuenen
oder ormalen Realität in meine Idee überLgt so dÄ
deshalb nicht annehmen, die Ursache brauche darum we
niger reell zu sein. Vielmehr ist die Natur der Idee^elbst
so beschaffen, daß sie von sich aus gar keine andere L^fe
entnimmt, von dem sie ein Modus ist ""«ein
tat v?ehn°S enth J"? "'' ^'''^ ^^^' ^^"^ *>'^J«'^'i-« Reali-
tät vielmehr enthalt, als eine andere, das muß sie offenhar
von irgendeiner Ursache haben, in ;elcherzL Jn^s^en
ebensoviel formale Realität enthalten ist. als sTe Selbst !n
Tn etrTidef '" T""'- ?''^'^' "^"^^ ^i^s^
«ew^en ist so?!?'' "'"'','' '^, "'*^^' ^"^^ '" '^'^^ Ursache [43]
gewesen ist. so hatte sie dies also aus dem Nichts «;« ..n
roUkommen aber auch die Seinsweise istvermöä wekher"
die Sache m objektiver Weise durch ihre Idee im Vemande
.st so ist sie wahrlich doch nicht gar nichts LTkaSn dem
nach auch mcht aus dem Nichts sein.
Dncarlet, Mediuiioaen.
3
■I
34
Descartes, Meditationen.
22. Auch darf ich nicht mutmaßen, daß, wenn die Reali-
tät, die ich in meinen Ideen annehme, nur objektiv ist, die-
selbe Realität nicht in formaler Weise in den Ursachen
dieser Ideen zu sein brauchte, sondern daß es genügte, wenn
sie in ihnen ebenfalls objektiv sei; denn wie diese objektive
Seinsweise den Ideen ihrer eigenen Natur nach zukommt,
ebenso kommt die formale Seinsweise den Ursachen der
Ideen, zum mindesten den ersten und vorzüglichsten, ihrer
Natur nach zu. Und wenngleich etwa eine Idee aus einer
anderen entstehen könnte, so kann dies doch nicht ins Un-
endhche fortgehen, sondern man muß schließlich zu irgend-
einer ersten gelangen, deren Ursache gleichsam das Ur-
bild darstellt, in welchem die gesamte Realität in formaler
Weise enthalten ist, die in der Idee nur in objektiver Weise
vorhanden ist. So leuchtet es mir vermöge der natürlichen
Einsicht ein, daß die Ideen in mir gleichsam Bilder sind
die zwar leichtlich hinter der Vollkommenheit der Dinge |
zurückbleiben mögen, denen sie entnommen sind, die aber
nicht irgend etwas Größeres oder Vollkommeneres enthalten
können.
23. Und um so länger und aufmerksamer ich dies alles
prüfe, um so klarer und deutlicher erkenne ich es als wahr.
Doch was soll ich schließlich daraus folgern? Nun, wenn
die objektive Realität irgendeiner meiner Ideen so groß
ist, daß ich dessen gewiß bin, daß diese weder in formaler
noch m eminenter Weise in mir enthalten ist, daß folglich
ich selbst nicht die Ursache dieser Idee sein kann, so folgt
daraus notwendig, daß ich nicht allein in der Welt bin,
sondern daß auch irgendeine andere Sache, welche die Ur-
sache dieser Idee ist. existiert. Findet sich aber keine solche
Idee in mir, so habe ich offenbar gar keinen Beweisgrund
cler mich der Existenz irgendeiner von mir verschiedenen
Sache versicherte, habe ich doch alles in sorgfältigster Weise
in Augenschein genommen und nichts anderes bisher finden
können.
24. Unter diesen meinen Ideen gibt es aber außer der,
welche mir mein eigenes Ich vergegenwärtigt - die ja hier
keine^ Schwierigkeit bereiten kann - eine andere, welche
mir Gott, andere, welche mir körperliche und unbeseelte
Dritte Meditation: über das Dasein Gottes.
35^
,
Dinge, andere, welche Engel wieder anH^r« ^i u ^^
liehen Dingen und voi Sott ha™"" w nn ' "" t" '''^^^-
mir keine Menschen Tierl L ^' ? • ^' ^^"'"^ ^^ß««-
Was aber die Idee d^^'uör^f.'ii"^^''" '^'^ Welt gäbe.
bietet sich in ihnernitLt"^ itrda^Ts nTchf'''' ^-^
selbst hätte hervorgehen können. Prüfe kh sie Ltmllh ""' "
gehender und untersuche sie einzeln In derselbe^ W """
wie gestern die Idee des Wachses. J bemerke th S '''
nur sehr wenig ist wa« irh ;„ iu "" "^"»^"«e ich, daß es
fasse, nämlich die Größe d i die r hk"" ""*^ **^"*"^'^ ^^-
Breite und Tiefe d^^ G^a h Li '•"'"T«^ "^"'^ ^"^«'
dieser Ausdehnung entsprinedrr ^"'.'l" »^^^«"^""S
denen Gestalten zueTnanXn'inthmfn Tn^die^^r""'"-
oder die Veränderung dieser I . ol 5 ' ■ Bewegung
weiß ich noch niVK^ ^k • t ^""'"«^'^ weise, und also
die Ideen,"2 "ct^vot rnerL^'^if^"' T'' '^ '^ **"
von Nicht-Dineen sinrt «/i^ , u' ^ ''*'" ^'"«^en oder [461
oder f ormal^ FaJs kheit ^T^'"' > "l"^'^!* ^'^ -^^"'»-^e ^
in Urteilen findet, so rib es TocT '" ^"'''^' ~ "»'
Falschheit in den deen wLn ^l^^ .^^*'''* materiale
ein Ding darste len So sTnd z b' die" it'"''^"^ t''"" ^'
Wärme und Kälte habe n„r .« , f ^"' ^'^ '^^ ^«" «^^
ich aus ihnen nicht te^nLa"^^^^^^^ t"'"^'*- ^^
der Wärme oder Wärme nurXesS^StXKlirrH"'
ob beide reale Qualitäten sind oder ke"ne Ion Jh' m *'
kann es aber keine Ideen geben die n.h. n ^^ ^"°
wollen. Wenn es nun waCTst ' d!(KKu ^^l ^^"tellen
is. als Abwesenheit der wlS so^'w^'^dVlt: '^eT
mir wie etwas Reales und Positive^ darsTellt Wk, 't r ^"^
als falsch bezeichnet und dasse^gTril^r üb^^ält
3»
(
36
Dcscartcs, Meditationen.
7
iii"
25. Diesen Ideen brauche ich wahrlich nicht einen von
mir verschiedenen Urheber zuzuweisen. Sind sie nämlich
falsch, d. h. stellen sie keine Dinge dar, so weiß ich vermöge
der natürlichen Einsicht, daß sie aus nichts hervorgehen,
d. 1. aus keinem anderen Grunde in mir sind, als weil meiner
[47] Natur irgend etwas mangelt und sie nicht durchaus | voU-
kommen ist. Sind sie aber wahr, so sehe ich nicht ein, wes-
halb sie nicht aus mir selbst stammen könnten, da sie mir
ja nur eine so geringe Realität verleihen, daß ich ihren
Sachgehalt nicht einmal von einem Nicht-Ding unterscheiden
kann. Von dem aber, was die Ideen der körperlichen Dinge
Klares und Deutliches enthalten, ließe sich, wie es scheint,
euiigcs — nämlich die Substanz, die Dauer, die Zahl und
was sonst dieser Art sein mag — leicht aus der Idee meiner
selbst entlehnen. Denn denke ich den Stein als Substanz,
d.h. als ein Ding, das fähig ist, durch sich selbst zu exi-
stieren, und ebenso mich selbst als Substanz, so mag ich
zwar recht gut begreifen, daß ich ein denkendes und nicht
ausgedehntes Ding bin, der Stein dagegen ein ausgedehntes
imd nicht denkendes Ding, daß also zwischen beiden Be-
griffen ein sehr großer Unterschied ist, dennoch scheinen sie
aber darin, daß sie Substanzen sind, miteinander übereinzu-
kommen. Ebenso da ich jetzt erkenne, daß ich existiere
mich auch entsinne, früher eine Zeitlang existiert zu haben'
und da ich die mannigfachsten Gedanken habe, deren Zahl
7 ui i^*^^- "^ ^^ irewinne ich die Ideen der Dauer und der
Zahl, die ich sodann auf beliebige andere Dinge übertragen
ri«l ru^' ^"^^ "^"^^ ^^^' "^^'^"^ 5^^*^ ^»^ I^«en der körper-
[*öj liehen Dinge zusammensetzen, nämlich | Ausdehnung, Ge^
stalt. Lage und Bewegung, ist zwar in mir, da ich nichts
anderes als ein denkendes Ding bin. nicht in formaler Weise
enthalten, da es aber nur gewisse Modi der Substanz sind und
ich eine Substanz bin. so können sie. wie es scheint, in
eminenter Weise in mir enthalten sein.
26. Es bleibt daher einzig die Idee Gottes, bei der zu
erwägen ist, ob sie etwas ist, das nicht aus mir selbst hervor-
gcnen Konnte.
Ai. ^' Yr '!' dem Namen Gottes verstehe ich eine Substanz.
*e unendlich, unabhängig, von höchster Einsicht und Macht
Dritte Meditation: ÜÜer das Dasein Gottes.
37
selbst hervorgegangen wäre. Man muß dkher aus dem ^.
vorgesagten schließen, daß Gott notwendig existkrt Denn
wenngleich die Idee der Substanz in mir Z l j *""
von irgendemer Substanz henührte. die in ^^"««„5!
endlifhe^nthllrrltlThllTJe ^^' Z'^''^ '" ^'^-
Unendlichen dem des Endlichen d i d^r ^ " "^"^f^ß^^^" ^es
«if^ihcf ;« ^^ • T,r . """^"^"» Q- 1. uer Gottes dem meiner
selbst in gewisser Weise vorhergeht Wie ^nUt^ iVi ™^^^^
auch verstehen, daß ich ^weiflVdaß'^Jchl Jaf wIX
bin wennTarTeln "rr^''"'^'^ '»^^ ^'^^^ ^-^ volZmme;'
-■> Te" dlrch'Tes rCgleLtrrcr"^" ^^J^"^ '"
haftigkeit erkenne? ^«'«leichung ich meine Mangel-
29 Auch darf man nicht sagen, diese Id«.*. r«ft». •
hei. verdäcMg' iär" '"«"'"«"=«> °'^'ie ^ Falsch-
Wesen St ' r ^' '^^denken könnte, daß ein soTchTs
Wesen nicht existiert, so kann man <irh /i^^k • ^ ^"*^'
denken, daß seine Id^e mir n^htfRea es vor teJirtLTch
das oben von der Idee | der Kälte gesagt habe Sie irauch [50J
I I
38
Dcscartcs, Mcdiuiioncn.
im höchsten Grade klar und deutlich; denn alles, was ich
als real, wahr und eine gewisse Vollkommenheit einschlie-
ßend in klarer und deutlicher Weise erfasse, das ist ganz in
ihr enthalten.
31. Dem steht auch nicht im Wege, daß ich das Un-
endliche nicht begreife oder daß es unzähliges andere in
Gott gibt, was ich nicht begreifen und woran ich vielleicht
nicht einmal irgendwie mit meinen Gedanken rühren kann •
denn es liegt im Wesen des Unendlichen, daß es von mir
als EndHchem nicht begriffen wird, und es genügt, daß ich
eben dies einsehe und urteile, alles das. was ich klar und
deuthch erfasse und von dem ich weiß, daß es eine gewisse
Vollkommenheit einschließt, und auch vielleicht noch un-
zahliges andere, was ich nicht weiß, sei in Gott in formaler
oder eminenter Weise enthalten, damit die Idee, welche ich
von Ihm habe, die wahrste, klarste und deutlichste aller in
mir vorhandenen ist.
32. Doch vielleicht bin ich etwas mehr, als ich selbst
einsehe und sind alle die Vollkommenheiten, die ich Gott
zuschreibe der Möglichkeit nach irgendwie in mir enthalten
wenngleich sie sich noch nicht entfalten und noch nicht zur
Aktualität gelangt sind; mache ich doch schon an mir die
rf;ii 5^'^^*'""'^«^V ^^ß "^^^^ Erkenntnis nach und nach wächst.
|öl| Und ich sehe nicht, was dem im Wege stände, daß sie 1 so
mehr und mehr wüchse bis üis Unendliche und warum ich
nicht vermöge der so gewachsenen Erkenntnis alle übrigen
..Kr AK T"" ''"*''' ^^^^^ '^"^^ erreichen können.? Und
Va^lt^nrl^^ TT' "^'"^ '?*'"'' '^""'^^ ^*« Fähigkeit zu diesen
yoUkommenheiten in mir ist, sie nicht auch hinreichen sollte,
um iure Idee hervorzurufen ?
denn^J^'^r'^" ''^"" "'*''''" ^*'" ^"'^ ^«^ <Jer FaU sein.
Lräern^^h nichfattuell rs'thrd'och " 'nf "v ''^"
die IHa« r^„ afiueu ist, so geht doch nichts hiervon
kelt tch enfhr' '" •^^'- "ä"»«'^'» "i<:hts bloß der Möglich-
warh,Tn?J^ ''"."'• '^^"" ^^^^ <!'«« gradweise An-
ZtäJ .tZ -herste Beweis der UnvoUkoounenheit.
CriT^r w^'h *"? "^'"^ Erkenntnis stets weiter und
«euer wüchse, so sehe ich nichtsdestoweniger ein. iß s"e
Dritte Meditation: Über das Dasein Gottes.
39
darum doch niemals aktuell unendlich sein wird da sie ia
memals soweit gelängen wird, daß sie nicht immer noch dni^
weiteren Zuwachses fähig wäre. Gott aber. urteiJe kh s3
in der Weise aktuell unendlich, daß zu seiner vSköSken
heitsichnichtshinzutunläßt. Und endlich begreifeich SXdTs
objektive Sein emer Idee nicht von etwas bloß PotendeS. _
das ja eigentlich gesprochen nichts ist - hervorgerufen wer
den kann sondern nur von etwas Aktuellem oder Formalem |
34. Und, wahrlich, unter diesem allen ist nichts was mir fr.oi
nicht vermöge der natürlichen Einsicht offenbar wärrteTn ^ ^
icl. nur sorgfältig darauf achte. Nur wenn ich weniger Icht
gebe und die Bilder der sinnlichen Dinge die SchS e meTnes
woThairdiridef "• ^" 'r"^ '^^ ™'^ -•^'^^ leicht dTrS
w«halb die Idee eines vollkommeneren Wesens, als ich bin
a";Se?m:i ^"'^'" '"^ ^^^^^^" vollkommeneren Wese'^
35. Und darum möchte ich weiter fragen, ob ich selbst
der ich diese Idee habe, existieren könnte, wenn kein s^Ses
M, esen existierte. Nun. woher sollte ich mein Dasein haben >
Offenbar von mir selbst, oder von meinen Eltern oder irgend
etwas anderem minder Vollkommenen, als Gott Enn man
sich doch nichts Vollkommeneres, ja sogar nkhts gSvoU
mermseif '"" '''^'^" ""^'^ ^"^^•"-- H?tte Ich Ibt
mem Dasem von mir, so würde ich nicht zweifeln keine
Wunsche haben, es würde mir überhaupt nichts mneen
St A,lh H ( ™K ^°'"^"<^" '«. "nd so wäre ich selbst
mart r f • "''' ""=**' S'^"»*^"' d^ mir Mangelnde
mochte etwa schwieriger zu erwerben sein, als das was ich
jetzt besitze; vielmehr muß es offenbar ;ie scJ^erer ^e
Wesen sem, daß ich. d. h. ein Ding oder eine Subita^ ie'
denkt, aus nichts auftauchte, als zu der Erkenntnis von^elen
mir unbekannten Dmgen zu gelangen, | die nur Accidemkn fSSl
jener Substanz sind. Und sicherlich würde ich doch wenn
St'häben i'^^rr ""' ^"^'^ '^^"^' -'' das nicht'r
au?L iriLnH T '"'"J"' '" "'■'""'''"" '''' ebensowenig aber
^ort' ^ ?K f ^*' t"*^^'^' ^°" ^^•°' '^^ ich als in der Idee
Gottes enthalten erkenne, da es mir ja nicht schwieriLr zu
erwerben scheint. Wäre das der Fall.'so würde es mir sicher
40
Descartes, Meditationen.
lieh auch schwieriger scheinen, - wenn ich doch alles übrige
was ich besitze, von mir selbst hätte, da ich die Erfahrung
machen würde, daß hierin meine Macht ihre Schranken findet
36 Dem Zwange dieser Gründe entgehe ich auch nicht
durch die Annahme, ich sei stets gewesen, wie ich jetzt bin
als ob daraus folgte, daß überhaupt nach keinem Urheber
meines Daseins zu fragen sei. Denn man kann die gesamte
Lebenszeit m unzählig viele Teile teilen, deren jeder von
den übrigen in keiner Weise abhängt. Dann folgt also dar-
aus, daß ich kurz zuvor existiert habe, keineswegs, daß ich
S f ""i'^'*" r"^' .^,? f " *^^""' ^^'^ irgendeine Ursache
mich für diesen Augenblick gewissermaßen von neuem schafft
w ; "^ ^^^^- ß^t^achtet man nämlich aufmerksam die
Natur der Dauer, so leuchtet ein, daß es durchaus derselben
K? u ""'^J^'ß'^«" bedarf, um irgendein | Ding von Augen-
bhck zu Augenblick zu erhalten, wie um es von neuem zu
erschaffen, wenn es noch nicht existierte. Es gehört somit
zu dem. was durch die natürliche Einsicht offenbar ist daß
Erhaltung nur dem Gesichtspunkte des Denkens nach von
Schöpfung verschieden ist.
• ^J-.^^^'- ™"ß ich jetzt mich selbst fragen, ob ich
^h, der ich jetzt bin, auch eine Weile später da sein werde
Da ich namhch nichts anderes bin. als ein denkendes Ding
oder da wenigstens für jetzt genau nur von dem Teile von
mir, der ein denkendes Ding ist, die Rede ist, so müßte ich
St und eh.n H ' '''^" ''""" Erfahrung einer solchen
vnn L ^ *•*""' ^'■''^""^ '«^h »"f« klarste, daß ich
afvSeTcht T "" ::"-''-denen Wesen 'abhänge
\^iruw u ^^" '^* ^'"^^^ '^«sen nicht Gott, viel-
w che'n'aiderrirT "^'^^ ^"^"^ ^" -» '^^^-^-
ai: Gott? In^esL e"^^^^^^ vollkommen sind
dir iirci, • j ' ^ gesagt, emleuchtend, daß in
muß S:t dTr w'^r' "'^r."^"^'^' ^^'"ä* ''"^handen sein
zugeben müssen daß loc ^^ ^^^''' ^° ^<^ "^n
[55] Daseins anneW In;' ^^^•»^'»„^"ch als Ursache meines
j i^aseins annehme, | diese ebenfalls ein denkendes Ding sein
Dritte Meditation: Über das Dasein Gottes.
41
eine andere Ursache ? Wenn Hnr^w; k lu ^^^ ^"^^^
keinen Fortschritt ins Unendliche geben kann zum»l H
sich nicht nur um die Ursache hoLlu j- ■,' "^ *^ ^
ins Dasein ger"fe7hat .nnH. ? ' *^'!'"'^'' ""'P'"""»"^'»
^'*i Kcruien nat, sondern besonders anrh nr« ^;^
welche mich gegenwärtig erhält. ^ '^'^'
39. Auch kann man sich nicht denken ..c kö.*
einander in einem f>\ny\cr^r> • • 7 ^^ ^^^^ ^^^^
deren Vollkommenheiten ersten ^tten" "''"u ^''^ ^"•
bewirken können, daß ?ch jene alt^"Li?"!f "'" '^f "'"''''
?o.^wr:;hiirßLVi^^^^^^^^^ -- --
hin aUes wahr sein was ich i^rn!ic ^^u ' ^° ""^ ™™^-
irgendwie hervorgebracht sond^^rn J^i^u .^ ^'^
seuracnr, sondern sie haben nur gewisse An
hl
41
Descartcs, Meditationen-
lagen in die Materie gelegt, der, wie ich angenommen habe,
mein Ich, d. h. mein Geist — denn dieser allein gilt mir
jetit als ich selbst — innewohnt. Also kann wegen ihrer
liier keine Schwierigkeit entstehen, sondern man muß auf
alle Weise zu dem Schlüsse kommen, daß dadurch allein,
daß ich existiere und daß eine Idee eines vollkommensten
Wesens, d.i. Gottes, in mir ist, einleuchtend ist, daß Gott
auch existiert.
[Bl] 41. Es bleibt aber noch | zu untersuchen, in welcher
Weise ich jene Idee von Gott erhalten habe. Denn ich habe
ßie weder aus den Sinnen geschöpft, noch auch ist sie mir
jemals wider mein Erwarten gekommen, wie es die Ideen der
sinnlichen Dinge zu tun pflegen, wenn sie sich den äußeren
Sinnesorganen darbieten oder darzubieten scheinen. Eben-
•owenig aber habe ich sie mir ausgedacht; denn ich kann
durchaus nichts von ihr wegnehmen, auch nichts ihr hinzu-
fügen. Es bleibt demnach nur übrig, daß sie mir eingeboren
ist, ebenso wie mir auch die Idee meiner selbst eingeboren ist.
42. Und es ist auch nicht zu verwundern, daß Gott bei
meiner Erschaffung mir diese Idee eingepflanzt hat, gleich-
sam als das Zeichen, das der Künstler seinem Werke auf-
geprägt hat. Übrigens braucht jenes Zeichen gar nicht etwas
von dem Werke selbst Verschiedenes zu sein, sondern einzig
und allein daher, daß Gott mich geschaffen hat, ist es recht
glaubhaft, daß ich in gewisser Weise nach seinem Bilde
und semer Ähnlichkeit geschaffen bin, und daß diese Ähn-
lichkeit, — in welcher die Idee Gottes enthalten ist, — von
mir durch dieselbe Fähigkeit erfaßt wird, durch die ich mich
selbst erfasse. Das heißt : wenn ich den Blick meines Geistes
auf mich selbst richte, so sehe ich nicht nur ein, daß ich
ein unvollständiges, von einem anderen abhängiges Ding bin,
r.Q, ^" ^'"^' ^*^ ^^^^ Größerem und Größerem oder nach Bes'
l^^ lerem ohne Grenzen strebt, | sondern zugleich auch, daß
der, von dem ich abhänge, dieses Größere nicht nur in einer
stets ohne Ende fortschreitenden Weise und der Möglichkeit
nach, sondern wirklich unendlich in sich enthält — und also
Gott ist. Die ganze zwingende Kraft des Beweisgrundes liegt
dann, daß ich anerkenne, daß ich selbst mit dieser meiner
Natur, — insofern ich nämlich die Idee Gottes in mir habe
Dritte Meditation: über das Dasein Gottes. 43
rc,™™S,t» G»,f ;-■ -»""■.. Co.. auch w,*
kann, denn es ist mir doch durch die nanirli^K« #• • T
offenbar, daß aller Tmo- ,ii^ t- l "^'""'che Einsicht
Mangel bed' ngV ist^ ^' ^^"^^=»»""8^ d"ch irgendeinen
gleicf aulT/prSfun^ h''' T^^ä^'^-"" untersuche und zu-
Denn wie der Gl^l'e'TZ^/ tT^Zy^^' '^I^T'^ ^''^
£tSeTM'^''^"\^'"^'^ ""^ allelf in'lseml^ha^fd:;
r^:!ziTZ ^r ?u^ rergfgtLttir ^'''^ "^^1
Können, zu der wir in diesem Leben fähig sind. :
Vierte Meditation.
Ober Wahrheit und Irrtum.
1. Ich habe mich in diesen Tagen darangewöhnt, meinen
Geist von den Sinnen abzulenken und so sorgsam beachtet,
wie wir äußerst wenig von den körperiichen Dingen wahrhaft
erfassen, weit mehr vom menschlichen Geiste und noch viel
mehr von Gott erkennen, — daß es mir jetzt nicht mehr die
geringsten Schwierigkeiten machen wird, meine Gedanken
von den Gegenständen der Einbildung zu den von aller Ma-
terie abgesonderten Gegenständen des reinen Denkens hin-
zulenken.
2. Und ich habe doch eine weit deutlichere Idee vom
menschlichen Geiste, insofern er ein denkendes Ding ist, —
das weder nach Länge, Breite und Tiefe ausgedehnt ist, |
[60J noch sonst etwas vom Körper hat — als die Idee von irgend-'
einer körperlichen Sache. Achte ich nun darauf, daß ich
zweifle, d.h. daß ich ein unvollkommenes und abhängiges
Ding bin, dann bietet sich mir eine so klare und deuthche
Idee eines unabhängigen und vollkommenen Wesens — d, i.
Gottes — dar, und daraus allein, daß eine solche Idee in
mir ist, oder daß ich, der ich eine solche Idee habe, existiere
komme ich zu dem einleuchtenden Schluß, daß Gott eben
auch existiert, und daß meine ganze Existenz in jedem Augen-
bhck von ihm abhängt, so daß ich zuversichtlich glaube, es
könne nichts einleuchtender, nichts gewisser vom mensch-
lichen Geiste erkannt Werden. Und schon meine ich, einen
Weg zu sehen, auf dem man von dieser Betrachtung des
wahren Gottes —. in dem nämlich alle Schätze des Wissens
und der Weisheit verborgen sind, -~ zur Erkenntnis aller
übrigen Dinge gelangt.
3. Denn erstens erkenne ich, daß er mich unmöglich je-
mals tauschen kann, denn in aller Täuschung und aUem Be-
Vierte Meditation: über Wahrheit und Irrtum.
45
trug liegt etwas von UnvoUkommenheif ti^a •• u
auch scheinen, als ob .täuschenTöSne^^ el ZeTT^'' ""
Schlehe „„<. «,. z:st'; artLet**" ' -<'" '«"
4v Sodann mache ich die Erfahn.nor ^Un-
gewisse Fähigkeit zu urteilen ist Seirh!/.Kr 1° '^' *^°*
alles übrige was in mir ;lv ^ ^ sicherlich, wie auch
gcht^^-rtiiäTti^rhS: s ^ ^-
Denn wenn ich all^c «,00 ; • • niemals irren könne.
:ir^r^^^^^^^^. sosehr «
tt SttTnärd^'^r.Tn.rurhr?"^^ '^' ^^^"-^'
ich keinen Grund zu ImumTderÄSchS^^^^^^^
fThtnt^ß^S^r^L^^^^^^^
bin. und forsche irä:hderefurt<i:"""r ""^«^^^'«
daß sich mir nicht nuT«Je reTe uZ V° ^.T'''^^ '*=*»'
d. i. des vollkommensten W«et darbS'' "^ ^""'
wenn ich so saeen darf ^i.,» aarbietet, sondern auch,
oder dessen was von lnJ7T "'«"""" "^^ ^'' Nichts
entfernt isrünT^rch rie khsl 7™'"^?" .^"^ -«testen
Gott und das NWits H T 1 T f ^^ ^'"'^'■" ^«^«^hen
das Nicht-Sdnlt:;e3t bir^S^^siS ichtn%'^^"H"lf ^''^
TZs:^is^^^^ -. i^^gs-^ht-ir^t
dTa- sd HH^~- " ^
nur ein Mangel ist unH hJr • k , ^''^^nsrendes. sondern
einer von Gott zu die^^m 7 u^ ^ .'."" ^" '"*=»' ^^^^
darf, sondern daß derimuJ!^ ''«'^«henen Fähigkeit be-
ern aaü der Irrtum mir nur deshalb begegnet, weil
46
Dcscartcs, Meditationen.
die von Gott mir gegebene Fähigkeit, das Wahre zu beur-
teilen, in mir nicht unendlich ist.
6. Indessen befriedigt mich dies doch noch nicht ganz;
denn Irrtum ist nicht eine reine Verneinung, sondern ein
Fehlen oder Mangel einer gewissen Erkenntnis, die eigent-
lich in mir sein müßte. Und betrachtet man aufmerksam
die Natur Gottes, so scheint es unmöglich, daß er irgend-
eine Fähigkeit in mich gelegt habe, die nicht in ihrer Art
vollkommen sei, oder der irgendeine Vollkommenheit man-
|63] gele, die ihr eigentlich zukäme. Denn wenn, je | tüchtiger
der Künstler ist, um so vollkommenere Werke von ihm
hervorgebracht werden, was kann dann von dem höch-
sten Urheber aller Dinge geschaffen sein, das nicht in jeder
Hinsicht vollendet wäre.? Und unzweifelhaft konnte Gott
mich so schaffen, daß ich mich niemals täuschte; auch will
er ohne Zweifel stets das beste. Ist es also etwa besser, daß
ich mich täusche, als daß ich mich nicht täusche ?
7. Erwäge ich dies aufmerksamer, so fällt mir zuerst ein;
daß ich mich nicht wundern darf, wenn Gott manches tut,
dessen Gründe ich nicht einsehe, und daß ich nicht darum
an seinem Dasein zweifeln darf, weil ich etwa erfahre, daß es
noch manches andere gibt, wovon ich nicht begreife,' warum
und wie er es gemacht hat. Da ich nämlich schon weiß, daß
meine Natur recht schwach und beschränkt ist, Gottes Natur
hingegen unermeßlich, unergründlich, unendlich, so weiß ich
hierdurch auch zur Genüge, daß er Unzähliges vermag,
dessen Gründe mir unbekannt sind. Und schon aus diesem
emzigen Grunde halte ich dafür, daß die ganze Art der Be-
gründung, die man aus der Zweckmäßigkeit herzuleiten
pflegt, in der Natur-Erklärung unanwendbar ist. Denn nach
meiner Meinung gehört eine gewisse Leichtfertigkeit dazu, |
[oij die Zwecke Gottes ausfindig machen zu wollen.
8. Auch fällt mir ein, daß man, so oft man prüft, ob
die Werke Gottes vollkommen sind, nicht ein einzelnes Ge-
schöpf für sich, sondern das ganze Weltall in Betracht ziehen
muß. Dasselbe nämlich, was, wenn es allein stände, viel-
leicht nicht mit Unrecht als äußerst unvollkommen gelten
mochte, das ist höchst vollkommen, insofern es in der Welt
nur den Wert eines Teiles hat. Und obgleich ich seit meinem
Vierte Bffeditation: über Wahrheit und Irrtum.
47
hat, oder es weSens thiff ^ ^'" """^^'^ geschaffen
Meel\b^rJT^- t"i ^"^'^^"^ *»"» «rf^s^e ich nur die
Denn wenn auch vielleicht unzählier^ ninti • .^ imum.
weisen Tnff kö*^ • ■'**. ^^'^^'^ Orund anfuhren, um zu be- .
nur nicht etwa«? nnrh x/^ni grou, oaü ich
denken ^ZT DenVÄ"""" Td "'^\<=r''~
vCl
Dcscartes, Meditationen.
t
unendlichen, und eben daraus, daß ich ihre Idee zu bilden
vcrmagr. wird es mir klar, daß sie zu der Natur Gottes gehört.
Ebenso, wenn ich die Fähigkeiten der Erinnerung, der Ein-
bildung oder irgendwelche anderen untersuche, so finde ich
überhaupt keine, von der ich nicht einsehe, daß sie in mir
schwach und eingeschränkt, in Gott dagegen unermeßlich
ist.. Es bleibt einzig der Wille oder die Wahlfreiheit, die ich
an mir so groß erfahre, daß ich keine Idee einer größeren
lu fassen vermag, so daß sie es vorzüglich ist, durch die ich
erkenne, daß ich gleichsam ein Abbild und ein Gleichnis
Gottes bin. Obwohl sie nämlich in Gott ohne Vergleich
größer ist als in mir, sowohl in Hinsicht der Erkenntnis und
der Macht, die mit ihr verbunden sind, und die sie selbst
fester und wirksamer machen, als auch in Hinsicht des Ob-
jektes, da sie sich ja bei ihm auf mehr erstreckt, so scheint
Sie doch in formaler Weise und genau ihrem Begriff nach
betrachtet nicht größer, da sie ja nur darin besteht, daß wir
dasselbe entweder tun oder nicht tun können — d. h. es be-
jahen oder verneinen, befolgen oder meiden— oder sie besteht
[67] vielmehr nur darin, daß wir | zum Bejahen oder Verneinen,
zum Befolgen oder Meiden dessen, was uns der Verstand zur
Entscheidung vorlegt, uns so getrieben fühlen, daß wir üine-
werden. wir werden von keiner äußeren Gewalt dazu bestimmt.
13. Es ist aber für mich, um frei zu sein, auch nicht nötig,
daß ich nach der einen wie nach der anderen Seite getrieben
werden kann. Ganz im Gegenteil, je mehr ich nach der
emen Seite neige, sei es nun, daß ich auf dieser Seite den
Grund des Wahren und Guten nüt Klarheit erkenne, sei es.
weil Gott meine inneriichsten Gedanken darauf gestimmt hat,
um so freier ist meine Wahl. Und in der TatI weder die
göttliche Gnade noch die natüriiche Erkenntnis bedrohen
jemals die Freiheit, sondern mehren und stärken sie eherl
Jene Unentschiedenheit (indifferentia) aber, die ich erfahre,
wenn mich kein Grund nach der einen Seite mehr als nach
der anderen treibt, ist der niedrigste Grad der Freiheit, und
sie beweist keine Vollkommenheit in ihr, sondern nur einen
Mangel oder eine gewisse Negation in der Erkenntnis. Sähe
kh nämlich stets klar, was das Wahre und Gute ist. so würde
ich mich niemals darüber besinnen, wie zu urteilen oder zu
Vierte Meditation: über Wahrheit und Irrtum.
49
I
als der Vcnt.nd ?ch Jt '^T''.''" *'"« "■"'=' "•'»'
scMi.,,., »S'ii* r.„;'d ; r,ST °?t t
einsehe Und du ^r ci^i, u- erstrecke, was ich nicht
lenkt er leVcht tn dem ÄtrunTr T'"t^ ^^'^^'' ^«
und sündige ich. fahren und Guten ab, und so irre
16. Als ich z. B. während der verp-ancr^n»n t
suchte, ob irgend etwas in der Welt exIstS " n^ H V"r
n^ich nfchTSalierrnetruLt^lT^^^^^ ^^
so klar einsähe, wahr sei Nicht /u «k ' l ' "^^^ '''^
es, daß ich zweifl*^ «h .; V,"^^^"'^^^'; ""d so kommt
oder die vielmehr ch seiht K^"^'"''" ^^'"^' *^ '° "^^ i«*-
verschieden Ä; T^' J^^S:^'^''^ ^^
voraus, daß sich hi^h^r r>. "^sseioe sind. Setze ich nun
"o, udjj bicn Distier meinem Verstände L-Ain r^,,^^ j
geboten hat. mich von dem einen eher ^k vnn h t '^^''
Descartea, Meditationen.
4
50
Descartes, Meditationen.
17. Ja, diese Unentschiedenheit erstreckt sich nicht nur
auf das, wovon der Verstand gar nichts erkennt, sondern
ganz allgemein auf alles, was er — zu eben der Zeit, wo der
Wille es erwägt — nicht genügend durchsichtig erkennt.
So sehr mich nämlich auch wahrscheinliche Vermutungen
nach der einen Seite hinziehen, so genügt doch einzig und
allein die Erkenntnis, daß cb nur Vermutungen sind, nicht
aber gewisse und unzweifelhafte Gründe, um meiner Zustim-
mung die entgegengesetzte Richtung zu geben. Das habe ich
[70J zur Genüge in | diesen Tagen erfahren, wo ich alles, was ich
früher am meisten für wahr gehalten hatte, einzig und allein
deswegen als gänzlich falsch angenommen habe, weil ich
gewahr geworden war, daß sich irgendwie daran zweifeln
läßt.
18. Da ich nun nicht klar und deutlich genug erfasse,
was wahr ist, so ist klar, daß ich recht daran tue und keiner
Tauschung unteriiege, wenn ich mich des Urteils enthalte.
Wenn ich aber irgend etwas behaupte oder leugne, so mache
ich von meiner Freiheit nicht den richtigen Gebrauch. Wende
ich mich nach der falschen Seite, so irre ich selbstverständ-
lich, ergreife ich aber die andere, so treffe ich zwar zufällig
auf die Wahrheit, bin aber darum nicht von Schuld frei, da
mich ja die natürliche Einsicht lehrt, daß das Verstandes-
erfassen stets der Willensbestimmung vorhergehen muß. Und
m diesem unrichtigen Gebrauche meiner Wahlfreiheit liegt
der Mangel, welcher den Begriff (formam) des Irrtums aus-
macht. Der Mangel, will ich sagen, liegt in der Tätigkeit
selbst, sofern sie von mir ausgeht, nicht aber in der Fähig-
keit, die ich von Gott erhalten habe und ebensowenig in der
Tätigkeit, soweit sie von ihm abhängt.
f7n A a ^^' ^^^" ^^^ ^^^^ ^^^ keinen Grund, mich zu beklagen,
[71] daß Gott mir keine umfassendere | Erkenntnis oder keine
natürliche größere Einsicht gegeben hat, als er getan hat
wed es die Art des endlichen Verstandes ist, vieles nicht ein-
zusehen, und die Art des geschaffenen Verstandes, endlich zu
sein. Vielmehr sollte ich ihm, der mir niemals auch nur das
geringste etwas schuldig war, für das danken, was er mir ver
liehen hat, aber nicht glauben, er habe mir das geraubt oder
vorenthalten, was er mir nicht gegeben hat.
Vierte Meditation: Über Wahrheit und Irrtum.
51
l-l.c -^ ^^ '^^ ^^'^^^ ^'^'^^^ "^i^^ deshalb zu be-
klagen weil er mir einen Willen gegeben hat, der sich weiter
erstreckt als mein Verstand; da nämlich d;r W^e nur in
einem Einzigen, sozusagen Unteilbaren besteht, so scheint
seine Natur es nicht zu erlauben, daß von ihm igend etwas
weggenommen werden könnte. Und, in der Tat je wluer
schuldig"'"''' "" ^' ^^'^"^" ^^"^ ^- -^ --e- Sbe"
beklfL^'iS'^rol'. '^f ^"^ ^ -^ ™'^ ""^^ ^^'^' ^-^über
Deklagen, daß Gott mit mir dann zusammenwirkt jene Wil-
ensakte oder Urteile, in denen ich mich täusche Wo^u-
rufen. Diese Akte sind nämlich, sofern sie von Gott ab-
hangen durchaus wahr und gut, und es ist in mir sozu agen
X7enn T.h'^'^'T'f^'^^^' '^^ ^^^ ^^ hervorrufen kann
a s wenn ich es nicht könnte. Der Mangel aber in dem
s hT bei ?r ^' ^m""' ^ ^^^^""^^ I -^ ^- Schuld b" [72J
steht, bedarf keiner Mitwirkung Gottes, da er nichts Reelles
ist und auch nicht, auf Gott als Ursache bezogen als da
Uenn es ist m der Tat keine Unvollkommenheit in Gott
Ser'nic"hr, ''"'"' ^^^^^^" ^^^' ^^^^^^ beizustimmen
Ssen er nSr^'™"''"^ ^T'"" ^^^^^^ ^"^ ^^"^^i^hes Er-
lassen ei nicht in meinen Geist hineingelegt hat sondern
ohne Zweifel ist es eine Unvollkommenheit Tn mir daß S
jene Freiheit nicht richtig gebrauche und über das was ich
nicht richtig einsehe, ein Urteil fälle
r\rJ^' ?.^""^^^^^,h^ i^h, daß Gott es leicht hätte so ein-
richten können, daß ich mich, wenn ich auch frei und Z
dazt^'^l'^K''"'^^^^ '^^^'^' ^^^^ -^--^^ -"- E brauchte
deutllT r . "'' '^'"'^^^ ^^^^^^"^ Verstände das klare und
kunft jemals erwägen wurde oder es meinem Gedächtnis so-
ort einzuprägen, niemals über irgend etwas zu urteife^ was
ich mcht klar und deutlich einsähe, daß ich es niemab Ter
gessen könnte. Und so sehe ich ohn/ q^K • ?
daß ich ;,k ^ir. r ^"J^'^^/^^ ohne Schwierigkeit ein,
v^re ab ich TJ^nu""""" ^^''^J'^'^'^ vollkommener gewesen
23 Dorh J ^^."' ^^'^^ Go^t mich so geschaffen hätte.
J6. Doch kann ich darum nicht | leugnen, daß Gewisser \T^\
maßen eme größere Vollkommenheit im^ gesamten^XT ^ ^ ^
52
Descartes, Meditationen.
k
sum vorhanden wäre, wenn einige seiner Teile von Irrtümern
frei sind, andere nicht, als wenn alle einander vollkommen
ähnlich wären ; auch habe ich kein Recht, mich zu beklagen,
daß Gott es so gewollt hat, daß ich in der Welt nicht die
vorzüglichste und vollkommenste aller Personen vorstelle.
24. Und übrigens, wenn ich mich auch nicht auf jene
erste Weise vor Irrtum bewahren kann, die von dem klaren
Erfassen alles dessen abhängt, was in Erwägung zu ziehen ist,
so kann ich es doch auf jene andere Weise, die nur davon
abhängt, sich gegenwärtig zu halten, daß man, so oft nicht
klar ist, wie es mit einer Sache steht, sich des Urteils ent-
halten soll. Denn zwar bin ich mir meiner Schwäche be-
wußt, daß ich nicht imstande bin, stets bei einer und der-
selben Erkenntnis fest zu beharren, ich kann aber doch durch
aufmerksames und häufig wiederholtes Nachdenken bewir-
ken, daß ich mich ihrer, so oft es nötig ist, erinnere und so
eine gewisse Gewohnheit, nicht zu irren, mir erwerbe. Da
nun hierin die größte und vorzüglichste Vollkommenheit des
Menschen besteht, so glaube ich durch die heutige Medita-
[74 1 tatioii nicht wenig gewonnen zu haben, | indem ich die Ur-
sache des Irrtums und der Falschheit erforscht habe. Und
in der Tat! diese kann keine andere, als die von mir an-
gegebene sein; denn wenn ich nur den Willen beim Urteilen
so in Schranken halte, daß er sich auf das allein erstreckt
was ihm der Verstand klar und deutlich vorstellt, so kann'
ich offenbar nicht irren. Denn ein jedes klare und deut-
hche Erfassen ist doch zweifellos irgend Etwas und kann
demnach nicht aus nichts stammen, sondern es hat notwendig
Gott zum Urheber, jenen höchst vollkommenen Gott, sage
ich, mit dem Betrug nicht vereinbar ist, und so ist es ohnr
Zweifel wahr.
2ö. Im übrigen habe ich heute nicht nur gelernt, wovor
ich mich hüten muß, damit ich niemals irre, sondern zugleich
auch, was ich zu tun habe, um zur Erkenntnis der Wahrheit
zu gelangen. Denn ich werde sie in der Tat erreichen, wenn
ich nur auf alles genügend aufmerke, was ich vollkommen
einsehe und es von dem übrigen scheide, was ich in verwor-
renerer und dunklerer Weise erfasse. Hierauf aber werde
ich in Zukunft sorgfältig achten.
4
4
i
•j
I
Fünfte Meditation.
175J
Über das Wesen der materiellen Dinge
und nochmals über das Dasein Gottes.
vieles' übS'di.^N''/ ""'' °°'^ ^^^' ^°"^^ Eigenschaften,
vieles über die Natur meiner selbst oder meines Geiste«! 71.
MlrSd^r^'t i""'' ^%'' '^^ ''' vielleicht einTndr:
Mal wieder aufnehmen. Für etzt scheint mir nichts drin-
gender notig zu sein. - nachdem ich bemerkt habe wo^r
ch mich zu hüten habe und was ich tun muß. um zur' Walr-
auf die ich in den vergangenen Tagen verfallen bin, heraus
trettTr'mr^ n"'^-°' "^'^ ''^^"^^'^ Gewißhdt in B -
treff der materiellen Dinge gewinnen läßt
solche D^raußr^ '"^' ^''°'" '^^ P"""'^' «»^ irgendwelche
tri^K. c ^" ""■ «'''^»eren, die Ideen derselben be-
trachten, sofern sie in meinem Bewußtsein sind, und usehen
welche von ihnen deutlich, welche dagegen verworren S
di. r r" "^f "k"'^. ''""' ^'^^ -"'^ '" der Einbildung dar
nennen /•hT?".'*''/^"°^°p''^" gewöhnlich die sfet^e
nennen, d h. | die Ausdehnung dieser Größe oder vielmehr fTf.l
fn'ihr ""m '" r^'" ^'''''' "'''' Länge. Breite und xtfe ^ ^
In Ihr zahle ich verschiedenartige Teile, und diesen TeHen
z" utd f "^'^ p" ''''^'' ""''''''' L^^^ -«1 Ortsbewigung
zu. und diesen Bewegungen irgendwelche Dauer
4 Diese Bestimmungen sind mir nun, nicht nur im all
gemeinen betrachtet, durchaus bekannt undduJchskhtig son-'
'Sgä im r • T" "'• ""^ ^"^'"^^''^' außerdem auch Un
zahhges, im besonderen in Betreff der Gestalten der Zahl
der Bewegung und dergleichen, dessen Wahrheit so of^en!
Descartes, Meditalionen.
;i
[
kundig ist und so sehr meiner Natur entspricht, daß es mir.
während ich es zuerst entdecke, so vorkommt, als ob ich
nicht sowohl irgend etwas Neues lernte, als vielmehr, dessen.
was ich vorher schon wußte, mich erinnerte: oder zum ersten-
mal auf das achtete, was längst in mir war. aber ohne daß
ich schon früher den Blick meines Geistes darauf gerichtet
iiatte.
5. Hierbei verdient meiner Meinung nach die höchste
Beachtung, daß ich bei mir unzählige Ideen finde von ge-
wissen Dingen, von denen man, wenngleich sie vielleicht
nirgendwo außer mir existieren, dennoch nicht sagen kann,
sie seien Nichts. Und wenngleich ich sie in gewisser Weisr
willkürlich denke, so erdichte ich sie dennoch nicht, vielmehr
haben sie ihre wahrhaften und unveränderlichen Naturen.
Wenn ich mir z. B. ein Dreieck vorstelle, so mag vielleicht
l " J eine solche Figur nirgend in der Welt außer meinem Bewußt-
sein existieren, noch je existiert haben, dennoch hat sie für
wahr eine bestimmte Natur oder Wesenheit oder Form. dif>
unveränderlich und ewig ist, die weder von mir ausgedacht
ist. noch von meinem Geiste abhängt, wie daraus hervor
geht, daß sich von diesem Dreieck mancherlei Eigenschaften
beweisen lassen, wie daß seine drei Winkel gleich zwei rechten
sind, daß bei ihm dem größten Winkel die größte Seite gegen
über hegt und dergleichen, was ich jetzt klar erkenne ich
mag wollen oder nicht, wenngleich ich vorher keineswegs an
diese Eigenschaften gedacht habe, als ich mir das Dreieck
vorstellte, und ich sie also auch nicht erdacht haben kann
6. Übngens ist es für die Sache ohne Belang, wenn ich
behaupte, mir sei etwa von den äußeren Dingen durch \er
mittlung der Sinnesorgane jene Idee des Dreiecks gekommen,
da ich ja bisweilen Körper von dreieckiger Form gesehen
habe. Kann ich doch unzählige andere Figuren mir aus-
denken, betreffs deren kein Verdacht walten kann sie seien
jemals durch Vermittlung der Sinne in mich hineingekommen
und trotzdem kann ich von ihnen genau wie vom Dreieck
mancherlei Eigenschaften beweisen, die alle sicherlich wahr
. > sind, da sie ja von mir klar erkannt werden und die darum
rgend etwas sind, nicht ein reines Nichts. Offenbar ist alles.
tN-as wahr ist. auch etwas! Und ich habe bereits ausführlich
Fünfte Meditation : Über das Wesen der materiellen Dinge usw. 55
bewiesen, daß alles das wahr ist, was ich klar erkenne, und
hatte ich dies auch nicht bewiesen, so ist es doch sicheriich
die Natur meines Geistes, daß ich nicht umhin könnte ihm
zuzustimmen, so lange wenigstens, als ich es klar erfasse
Auch entsinne ich mich, daß ich stets, auch vor dieser Zeit'
als ich noch im höchsten Grade an den sinnlichen Objekten
hangen blieb, solche einleuchtend erkannten Wahrheiten von
den Figuren und Zahlen oder andere zur Arithmetik oder
Geometrie oder überhaupt zur reinen und abstrakten Mathe-
matik gehörende, für die allergewissesten gehalten habe
i. \\ enn jetzt aber eüizig und allein daraus, daß ich die
Idee Tgendemer Sache meinem Bewußtsein entnehmen kann
folgt, daß aUes, was ich klar und deutlich als zur Sache ge-
hörend erfasse, tatsächlich ihr zugehört. - soUte sich daraus
nicht auch em Beweisgrund für das Dasein Gottes entnehmen
lassen .- Zweifellos finde ich seine Idee. d. h. die des höchst
vollkommenen Wesens, ebenso bei mir vor. wie | die Idee 179]
einer beliebigen Figur oder Zahl. Auch sehe ich genau so
kbr lind deutlich ein. daß es zu seiner Natur gehört, immer
aktuell zu existieren, wie ich einsehe, daß, was ich von irgend-
emer Figur oder Zahl beweise, auch zu der Natur dieser
Figur oder Zahl gehört. Selbst wenn demnach nicht alles
worüber ich in diesen Tagen nachgedacht habe, wahr wäre'
so mußte doch das Dasein Gottes bei mir zum mindesten in
demselben Grade der Gewißheit stehen, in welchem bisher
die mathematischen Wahrheilen gestanden haben
8. Gleichwohl leuchtet dies in der Tat auf den ersten
Bück nicht ganzhch ein, sondern es erweckt einen gewissen
sophistischen Anschein. Da ich nämlich gewohnt bin, in
allen anderen Dingen das Dasein (existentia) von der Wesen-
heit (essentia) zu unterscheiden, so rede ich mir leicht ein
daß jenes auch von der Wesenheit Gottes getrennt werden
kenne und so Gott sich als nicht aktuell existierend denken
laßt. Achte ich indessen sorgfältiger darauf, so wird es offen-
bar, daß sich das Dasein von der Wesenheit Gottes ebenso-
wenig trennen läßt, wie von der Wesenheit des Dreiecks
daß die Große seiner drei Winkel zwei rechte beträgt oder
von der Idee des Berges die Idee des Tales. Es widersfreitet
daher ebensosehr, sich einen Gott, d. h. ein | höchst vollkom- [80]
i
66
Descartes, Mediutionen.
menes Wesen zu denken, dem das Dasein mangele d h dem
eine gewisse VoUkommenheit mangele, als einen Berg zu
denken ohne Tal.
9. Aber gesetzt auch, daß ich Gott nicht anders als exi-
stierend denken könnte, wie einen Berg nicht ohne Tal so
folgt doch sicher daraus, daß ich den Berg mit dem Tale
denke, nicht, daß es überhaupt einen Berg in der Welt eibt
und so schemt auch daraus, daß ich Gott als daseiend denke]
nicht zu folgen, daß Gott existiert, legt doch mein Denken
den Dingen keine Notwendigkeit aufl Und ebenso wie ich
Z'nZ ?t"i:^^J'^,^Pff d in der Einbildung vorstellen kann,
So« d^L '" ''? P^^'' ^''' '° »^"""'^ '^•^ ^'-- «"-h
^^ .\^ ^h 5 u ^'^'l'^^St der Trugschluß; denn dar-
aus, daß ich den Berg nicht ohne Tal denken kann, folgt
allerdings nicht, daß der Berg und das Tal irgend^io exi-
s leren, sondern nur, daß der Berg und das Tal. sie mögen
Ze^nf ""'h °*^l' ^"'^ "'''*' ^^•^"^^^"' voneinander nich
Sot?nur r . *'°"^". ^"^'«^" ^"^^^ daraus, daß ich
Go Zretnh ""'f ""^^ ^Z*^"" ''^""' '^'^ ^as Dasein von
TR II ^P" "nt'^^nnba'- 'St. und demnach, daß er in Wahrheit exi-
Tes i7.e1!?* ^%«\™-" D^n^en | dies bewirkte, oder ^s
ob es irgendemer Sache eine Notwendigkeit auferlegte son-
nSc™ dT n"'- ^^^ "^^ Notwendigkeit der Sachte sdbst,
deSpn n °^'""\Gottes. mich dazu bestimmt, dies zj
denken. Denn es steht mir nicht frei. Gott ohne Dasein -
heh ' "S"^'"''" ^""" "'^"^ die ganze VoUkommen-
otrrfitrvtz'uSrn."'^ ^^^'^"'^'- '"•- -^ ^^-^ -^ °<^-
daß ef Sr. V Sf' ^'" "T""' *'"" ''^'^ «'""^ ees«« habe,
?„. von i ^«"l'^'^^nheiten besitze. - da ja das Dasein
eine von diesen ist. - aber die erste Setzung sei nicht not
v^Äe^zTrubr" T' '^"^^^'"^"^^•'-^ '^^
einen KrZ ^'^"''^"•.•° *"« vierseitigen Figuren könne man
ZT i K ^'"'^^'«'''«" ; gesetzt aber, ich sei dieser Me"
h^^in t'"^ ^^°'^! 'T*'^" '"""^' daß sich in einen Rhom-
bus em Kreis einschreiben läßt, was doch offenkundig falsch
•St. Wenngleich ich nämlich nicht notwendig jemals auf
i
Fünfte Meditation: Über das Wesen der materiellen Dinge usw. 57
irgendeinen Gedanken von Gott verfallen muß. so ist es den-
noch, so oft es mir beliebt, an ein erstes und höchstes Wesen
zu denken, und seine Idee gleichsam aus der Schatzkammer
meines Geistes hervorzuholen, notwendig, ihm alle Voll-
kommenheiten zuzuschreiben, wenn ich sie auch für jetzt
nicht aUe | aufzähle oder auf die einzelnen achte. Und diese \80]
Notwendigkeit reicht vollständig aus. um später, wenn ich
bemerke, daß das Dasein eine Vollkommenheit ist, richtig
zu schließen, daß ein erstes und höchstes Wesen existiert
bo ist es ja auch nicht notwendig, mir jemals irgendein Drei-
eck m der Einbildung vorzustellen, so oft ich aber willens bin
eine geradlmige Figur mit nur drei Winkeln zu betrachten'
muß ich dieser notwendig diejenigen Eigenschaften zuschrei-
ben aus welchen man richtig folgert, daß seine drei Winkel
nicht großer als zwei rechte sind, wenngleich ich eben dies
tur jetzt nicht bemerke. Untersuche ich aber, welche Fi-
guren sich in einen Kreis einschreiben lassen, so ist es keines-
wegs notwendig, daß ich annehme, alle vierseitigen Figuren
gehorten dazu. Ja, ich kann mir eben dies nicht einmal aus-
denken, solange ich gewillt bin, nichts anderes als das klar
und deutlich Eingesehene gelten zu lassen.
11. Es ist demnach ein großer Unterschied zwischen
den falschen Setzungen dieser Art und den wahren mir ein-
geborenen Ideen, deren erste und vorzüglichste die Idee
Gottes ist. Denn ich sehe in der Tat auf vieleriei Art ein.
daß diese mcht etwas Erdichtetes, von meinen Gedanken
Abhängendes ist. sondern das Abbild einer wahrhaften und
unveränderlichen Natur.
12 Erstens nämlich kann ich mir | keine andere Sache r831
ausdenken zu deren Wesenheit das Dasein gehörte, als Gott ^ ^
aUein. Sodann ist es mir nicht möglich, zwei oder mehrere
Gotter dieser Art anzunehmen. Und setze ich einmal, daß
jetzt einer existiert, so sehe ich die offenbare Notwendigkeit
u ": ut u**" ^ ''•'" Ewigkeit her gewesen ist und in Ewig-
keit bleiben wird. Schließlich aber erfasse ich in Gott noch
vides andere, von dem aUen ich nichts abziehen noch ver-
andern kann.
.uJ^Ü A^^^ '^^^''^" ^" ^^^ Beweises ich mich schließlich
auch bedienen mag, immer kommt es darauf hinaus, daß
58
Descartes, Meditationen.
}\
IH4)
mich allein das völlig zu überzeugen vAr,„,„ • u , .
und deutlich erfasse. Und wenrauch .i'r^' J^^ ^^^'
ich so erfasse, für einentdr^Tdl^S Tgt^r'^
?eSu'n". "? ""' T '^"^" ^"''^^'^'''' '«^ esln „ärere
Betrachtung ziehen und genau untersuchen Nachdem p<=
aber entdeckt ist, gilt dieses nicht für weniger geS als'nes
Wenngleich es z. B. nicht so ohne weiteres einleuchtet daß
.m rechtw,nkhgen Dreieck das Quadrat über derSiSe
gk>ch der Summe der Quadrate der beiden Seiten "st i"
daß diese Grundlinie dem größten Winkel des Dre ed^s
gegenüberliegt, so glaubt man es doch ebenso, nachder^ man
es einmal eingesehen hat.
.i.J*' ^"^ ^J'f. ^''" ' ''^""'"'- ^° würde ich sicherlich
nichts eher und e chter erkennen uU iK„ »«i-neriicn
Geist durrh v^,.,« I erKennen, als ihn, wenn nicht mein
köWrli/h X?^""^''^ verdunkelt würde und die Bilder der
DeTn :" ^l""^' niein Bewußtsein gänzlich einnähmen
Se^n : 7 f . ^„" ^'^^ Offenkundiger, als daß das höchste
Dasein ;„"■ ''"^»?°"' "'"^ ^"^'" « ^"^ommt, daß das
Dasein zu seinem Wesen gehört, also existiert?! Und ob
gleich ich einer aufmerksamen Betrachtung bedurft habe um
eben dies zu erfassen, so bin ich doch jetzt dessen nkh^'nT
ui gleicher Weise gewiß, wie alles anderen, was Jii" am T
dTßTe"G;:^ßh'.";' r'T ■^^'^ •'--ke -auß^dr "s :
durchaus?b^n.T H i"" "^"f " ^'"«^ ^"^'^^ ^^i^'-on so
aurchaub abhangt, daß man ohne das niemals irgend etwas
vollkommen wissen kann. 'rgena etwas
nicht^tm^h!n"l '^'' habe zwar eine derartige Natur, daß ich
nicht umhin kann zu glauben, etwas sei wahr solin^e iri,
Srtl^etatf Jaß^'r'K^'^^ ^'^'^ '^'^ trot^'em Se'i
Geist« stlr.?f^ "ik""^^' ""''^"'^^ '''"' ^''^ Blick meines
fa ^en uTd es keh'Srt ^h" v'^-^^"' "" " ^'^ ^ -
«»eil, una es kehrt mir häufig die Erinnerung früherer Ilr
eie wieder. Achte ich nun nicht weiter auf die Sünie Tus
welchen ich eine Sache so beurteilt habe, so können andere
dfg machen k?nn ^ ' L'""''' "°" '""'"'^' ^'^'"""^ ^^wen-
e/ne^Q K ^°'''''^''' ""^ «o würde ich niemals von irgend
einer Sache eine wahre und sichere Wissenschaft haben son
-lern nur unbestimmte und veränderlirhe Meinungen
r
Fünfte Meditation: über das Wesen der materiellen Dinge usw. 59
16. Wenn ich z. B. die Natur des Dreiecks betrachte so
Soteti" e'r Sit "'V tf '''' '"'^ '^^ PrinSpS d ?
Geometrie vertraut bin, aufs klarste ein, daß seine drei Winkel
gleich zwei rechten sind. Und ich kann nicht umhin dies
aU wahr anzunehmen, solange ich auf den Beweis dieses
Satzes achte; sobald ich aber den Blick meines Geites ein-
mal hiervon abgewandt habe, kann es leicht vorkommen -
schautt Tu '"'' T^"". ^"""^^^' - -^« klarsrd";ch-
schaut zu haben, - daß ich an der Wahrheit des Satzes
zweifle, wenn ich nicht weiß, daß es einen Gott gibt Denn
ich kann mir einreden, ich sei von der Natur so geschaffen
daß ich mich bisweilen selbst in dem täusche, was th am
klarsten zu erfassen meine, zumal da ich mich en sinne häu?S
vieles als wahr und gewiß angesehen zu haben, von der^Tch
urtX, tslitir^ '^''- "'""^^ '-^'--^ -^^^ -
Gott^Iibf nnH ''*" ?*""[ '^'^^^'"•"^1 eingesehen, daß es einen
hän« LnH hV"^ u ^o''^' ^^^ ^"^^ "•'"^^ ^««^ ihm ab-
hangt und daß er kein Betrüger ist, und habe ich daraus
geschlossen, daß alles, | was ich klar und deutlich erfasse not H6 1
wendig wahr ist, so läßt sich, - selbst wenn ich nkht wdter '
auf die Grunde achte, aus denen ich geurteilt habe. daßTenes '
«ahr s^, sondern mich nur entsinne, es klar und deuthch
durchschaut zu haben - kein Gegengrund beibringen deJ
mich zum Zweifel verleiten könnte, sondern ich besiTze hier
hiervon ^ ""^.^'«^J^^-^^ bissen. Und das nicht nur
hiervon sondern auch von allem übrigen, das ich mich ent
^1 5'h 'T'l ^'^''''' ^" ^^^b^". ^° von der Geo-
Z1^L7t '^^T^'^- ^""" ''^' ^" '"^^ niir jetzt en°
tTusche ?h? "h ^^•r.S^^.-haffen, daß ich mich häufig
tausche? Aber ich weiß bereits, daß ich mich in dem was
wird m'^' ""^"f t" ^^''^' "'^'»^ '^"-hen kann 'odS
«ird man sagen, ich hätte sonst vieles als wahr und sicher
angesehen, was ich später als falsch ertappt habe? Aber
nichts hiervon hatte ich klar und deutlich erfaßt, vielmeh
w'egeVtd'eT g'" 'i;"'^""'"^ "'"^^ ^''^' der Wathei
wegen anderer Grunde etwa angenommen, die ich sodann
als nicht so fest entdeckte. Was will man also sagen ? Sa
- wie ich mir vor kurzem den Einwand machte - ich
Ilr
60
Descartes, Meditationen.
träumte vieUeicht, d. h. es sei alles das, was ich jetzt denke
nicht wahrer als das, was sich dem Träumenden darbietet >'
rt.>7i '°^^^^«°,— auch das ändert nichts; denn, wenn ich selbst
lb7J träumte, | so ist dennoch sicher alles wahr, was meinem Ver-
stände einleuchtend ist.
117 u^u ^'"'^ ^° ^^^^ ''^^ ^•^'■' ^^^ ''•« Gewißheit und die
Wahrheit alles Wissens einzig von der Erkenntnis des wahren
Gottes abhängt, so sehr, daß ich, bevor ich ihn nicht er-
kannte mchts über irgendeine andere Sache vollkommen
wissen konnte. Jetzt aber kann Unzähliges sowohl von Gott
selbst und den anderen reinen Verstandesdingen, als auch
von der gesamten körperlichen Natur, die den Gegenstand
der remen Mathematik bildet, mir vollkommen bekannt und
gewiß sein.
Sechste Meditation.
über das Dasein der materiellen Dinge und die reale
Unterschiedenheit von Seele und Körper.
1. Es erübrigt noch, zu untersuchen, ob materielle Dinge
existieren. Nun weiß ich zwar bereits zum mindesten, daß
sie, sofern sie den Gegenstand der reinen Mathematik aus-
machen, existieren können, da ich sie ja klar und deutlich
erfasse. Gott ist nämlich zweifellos | imstande, alles das zu
bewirken, was ich imstande bin, so zu erfassen. Und ich
habe nur dann geurteilt, daß es für ihn unmöglich sei, irgend
etwas zu schaffen, wenn es ein Widerspruch wäre, daß ich
es deutlich erfasse. Außerdem scheint aus der Fähigkeit
der Einbildung, die, wie ich an mir erfahre, ich stets an-
wende, wenn ich mich mit jenen materiellen Dingen beschäf-
tige, zu folgen, daß diese existieren. Betrachte ich nämlich
aufmerksamer, was die Einbildungskraft eigentlich ist so
leuchtet mir ein, daß sie nichts anderes ist, als eine gewisse
Anwendung der Erkenntniskraft auf den Körper, der ihr
unmittelbar gegenwärtig ist, und der demnach existiert.
2 Damit dies ganz klar werde, untersuche ich erstlich
den Unterschied zwischen der Einbildungskraft und der
reinen Verstandestätigkeit. Habe ich nämlich z. B. ein Drei-
eck in der Embildung, so denke ich es nicht nur als eine
durch drei Seiten eingeschlossene Figur, sondern ich schaue
zugleich auch diese drei Linien mit dem Blicke meines Gei-
stes als mir gegenwärtig an, und das nenne ich „etwas in
der Embildung haben". Will ich aber über ein Tausendeck
nachdenken, so erfaßt mein Verstand es zwar ebensogut als
eme aus tausend Seiten bestehende Figur, wie er das Dreieck
88]
62
Descartes, Meditationen.
[Hit] als eine aus drei Seiten bestehende Figur erfaßt, | aber ich
habe diese tausend Seiten nicht in derselben Weise in meiner
Einbildung, d.h. ich schaue sie nicht als gegenwärtig an
Und wenngleich ich, - infolge meiner Gewohnheit, mich stets
der Embildungskraft zu bedienen, so oft ich die körperlichen
Dinge erwäge, — mir etwa jetzt irgendeine Figur verworren
vorstelle, so ist es offenbar, daß diese nicht das Tausendeck
ist, da sie ja in nichts von der verschieden ist, die ich mir
alsdann vorstellen würde, wenn ich an ein Zehntausendeck
oder jede beliebige andere Figur von sehr vielen Seiten
dächte, und da sie nicht das geringste dazu beiträgt, die
Eigenschaften zu entdecken, durch welche sich das Tausend-
eck von anderen Vielecken unterscheidet.
3. Handelt es sich aber um ein Fünfeck, so kann ich
zwar seine Figur, wie die des Tausendecks, ohne die Hilfe
der Embildungskraft denken, aber ich kann auch ebendie-
selbe m der Embildung haben, indem ich nämlich den Blick
memes Geistes auf seine fünf Seiten und zugleich auf die
durch diese eingeschlossene Fläche richte. Und ich bemerke
hierbei offenbar, daß es für mich einer ganz besonderen An-
slrengung des Geistes bedarf, um etwas in der Einbildung
zu haben, einer Anstrengung, die ich beim Denken nicht
notig habe. Diese neue Anspannung des Geistes aber zeigt
klar den Unterschied zwischen Einbildungskraft und reiner
Verstandestätigkeit. |
4. Zudem bemerke ich, daß diese in mir vorhandene
Kraft der Einbildung, insofern sie sich von der Kraft des
reinen Denkens unterscheidet, zu der Wesenheit meiner selbst
d. h. meines Geistes, nicht erforderlich ist. Denn wenn sie
mir auch fehlte, so würde ich doch zweifellos ebenderselbe
bleiben, der ich jetzt bin. Hieraus scheint zu folgen, daß sie
von etwas abhängt, was von mir verschieden ist. Da sehe ich
nun leicht ein : wenn irgendein Körper existiert, mit dem der
Geist so verbunden ist, daß er nach Belieben sich darauf richten
kann, um ihn gleichsam zu betrachten, so ist es möghch daß
ich eben dadurch die körperhchen Dinge in der Einbildung
habe. Und es unterscheidet sich diese Bewußtseinsart nur
soweit von der reinen Verstandestätigkeit, als der Geist beim
reinen Denken sich sozusagen auf sich selbst richtet und
Sechste Meditation: Über das Dasein der materiellen Dinge usw. ^3
irgendeine der Ideen, die in ihm sind, betrachtet. Wenn er
aber etwas in der Einbildung hat, so richtet er sich auf den
Körper und schaut in ihm irgend etwas an, das der entweder
vori ihm selbst gedachten oder sinnlich erfaßten Idee ent-
spricht. Leicht, sage ich, sehe ich ein, daß die Einbildung
so zustande kommen kann, sofern nämlich ein Körper exi-
stiert. Da sich überdem ja keine andere gleich angemessene
Weise darbietet, sie zu erklären, so entnehme ich daraus
mit Wahrscheinlichkeit, daß der Körper existiert, | aber eben [91]
nur mit Wahrscheinlichkeit, und wenn ich gleich sorgfältig
alles prüfe, so sehe ich trotzdem noch nicht, wie aus dieser
deutlichen Idee der körperlichen Natur, die ich in meiner
Einbildung vorfinde, sich irgendein Beweisgrund entnehmen
ließe, aus dem das Dasein irgendeines Körpers mit Notwen-
digkeit folgte.
5. Außer dieser körperlichen Natur, die den Gegenstand
der reinen Mathematik ausmacht, pflege ich aber noch vieles
andere in der Einbildung zu haben, z. B. Farben, Töne, Ge-
schmäcke, Schmerz und dergleichen, wenngleich nichts in
so deutlicher Weise. Da ich dies nun besser durch die Sinne
erfasse, von denen es mit Hilfe des Gedächtnisses zur Ein-
bildung gelangt zu sein scheint, so muß ich, um es bequemer
behandeln zu können, in gleicher Weise auch von der Sinnes-
empfindung handeln und zusehen, ob sich aus dem was
durch die Bewußtseinsart, die ich „Empfindung- nenne, er-
laßt wird, irgendein sicherer Beweis für das Dasein der kör-
perlichen Dinge gewinnen läßt.
6. Und zwar will ich mir hier erstens ins Gedächtnis
rufen, was denn die Dinge sind, welche ich früher, als durch
die Sinne erfaßt, für wahr gehalten habe, und aus welchen
Gründen ich sie dafür gehalten habe; sodann will ich auch
die Grunde erwägen, aus denen ich dieselben Dinge später
hin in Zweifel gezogen habe, und endlich überlegen, | was [92]
ich jetzt von ihnen zu halten habe.
IT l' ^^^^^^^ ^^^^ ich wahrgenommen, daß ich einen Kopf
Hände, Fuße und die übrigen Glieder habe, aus denen jener
Korper besteht, den ich als einen Teil meiner selbst oder
vielleicht sogar als mein Ganzes ansah; außerdem nahm ich
wahr, daß dieser Körper sich zwischen vielen anderen Kör-
64
Descartes, Meditationen.
I
pern befindet, durch die er auf mannigfache, sei es zuträg-
liche oder unzuträgliche Weise beeinflußt werden kann, und
zwar bemaß ich dies Zuträgliche nach dem Gefühle der Lust,
das Unzuträgliche nach der Empfindung des Schmerzes. Ab-
gesehen von dem Schmerze und der Lust aber empfand ich
in mir auch Hunger, Durst und andere Begehrungen dieser
Art und ebenso gewisse körperliche Neigungen zur Fröhlich-
keit und Traurigkeit, zum Zorne und zu anderen Affekten,
außer mir dagegen empfand ich, abgesehen von der Aus-
dehnung, den Figuren und Bewegungen der Körper, in ihnen
auch Härte, Wärme und die anderen Berührungsqualitäten,
femer Licht, Farben, Gerüche, Geschmäcke und Töne, nach
deren Verschiedenheit ich Himmel, Erde, Meere und die
übrigen Körper voneinander unterschied.
8. Und, in der Tat, nicht ohne Grund glaubte ich wegen
der Ideen aller jener Beschaffenheiten, die sich meinem Be-
[9:: I wußtsein darboten, und | die allein ich eigentlich und un-
mittelbar empfand, gewisse von meinem Bewußtsein gänzlich
verschiedene Dinge zu empfinden, nämlich Körper, von denen
jene Ideen herrührten. Denn ich machte die Erfahrung, daß
mir diese Ideen durchaus ohne meine Zustimmung kamen,
so daß ich keinen Gegenstand empfinden konnte, wenn ich
auch wollte, wenn er nicht meinem Sinnesorgane gegen-
wärtig war. andrerseits ihn empfinden mußte, wenn er gegen-
wärtig war.
9. Und da die sinnlich erfaßten Ideen viel lebendiger
und ausdrucksvoller und auch in ihrer Art deutlicher waren,
als irgendwelche von denen, die ich mir selbst mit Vorwissen
und mit Bewußtsein in meinem Denken bildete, oder die ich
als meinem Gedächtnis eingeprägt bemerkte, so schien es
unmöglich zu sein, daß sie von mir selbst herrührten. Es
blieb darum nur übrig, daß sie von gewissen anderen Dingen
mir zukamen, und da ich von diesen Dingen keine Kenntnis
anderswoher hatte, als aus eben diesen Ideen, so konnte mir
iiichts anderes in den Sinn kommen, als daß diese jenen ähn-
lich seien.
10. Da ich mich außerdem erinnerte, daß ich mich eher
der Sinne als der Vernunft bedient habe, und da ich sah,
daß die von mir selbst gebildeten Ideen nicht so ausdrucks-
Sechste Meditation : über das Dasein der materiellen Dinge usw. 65
voU sind, wie | die waren, welche ich sinnlich erfaßte, und 1941
daß sie sich meist aus deren Teilen zusammensetzten^«
konnte ,ch mir leicht einreden, daß ich garTdne Id"; In
meinem Verstände hätte, die ich nicht zuL in der Sinnes
empfindung gehabt hätte. öinnes-
H.R l!' ^v*?*" ^^^^V''^ .^oJ»! einen Grund, wenn ich annahm
Rechf , h'''"'' ^"^ '"^ *"" ^•"«'" «e^i^sen besonderen
Rechte als den meinen bezeichnete, mir mehr zugehörte S
a^Ies andere. Ich konnte mich nämlich niemafs von ihm
trennen, wie von den übrigen Körpern, ferner fühlte ich Tt
Begehrungen und Affekte in ihm und für ihn schlTeßlich
19 w V" ^"^^'■^" ^"'^^■^ >h™ befindlichen wahr
12. Warum aber auf diese ich weiß selbst nicht wie be
kehlTs ^r ""'""^ ^ ^'^'''"^^^- -- gewisse T^urig:
keitdei Seele, warum auf das Lustgefühl eine gewisse Freude
folgt, oder warum jene nicht näher zu beschreibende Er
regung des Magens, die ich Hunger nenne mth'Srtn er
S KehkTns T T '" "'^^•"'^"' ^''^"^<' "'^ Trockenhek
der Kehle ans Trinken usw.. - dafür habe ich in der Tat
kernen anderen Grund, als daß die Natur es mich so gelel?
hat. Denn es ist durchaus keine Verwandtschaft (afffn tas)
soviel ich wenigstens einsehe, zwischen dieser Erregung und
dem Willen, Speise zu mir zu nehmen, | oder zwShen der 1961
SlSind"" ^'""""''l ^"'^^^"^- Sache und dem au ^ ^
dieser Empfindung entstehenden Bewußtsein der Traurig-
ob k?e u^tdlte 'h- ''T' J^^ '^^ •" ^^'-« <^- sTnTel
oDjekte urteilte, schien die Natur mich gelehrt zu haben
fett'nolV" ^''1^'''' '^^°" ^^«^ '^"^^^^ schon übe"
^eugt noch bevor ich irgendwelche Gründe erwogen hatte
durch die eben dies bewiesen würde '^''^ogen natte,
und iach rndn".^''"' ^v ''"' ^''^^ "°° Erfahrungen, nach
gebracht Denn h'" X'"'^"'".^"^ ^'" S'""^ •"« Wanken
georacht. Denn bisweilen erschienen mir Türme die ich
von ferne für rund gehalten hatte, in der Nähe alT viereclig
s^LnVorf\^'f'''' ^"' '•'^^^ SP"- errichteten BUd:
Sh L / ^'^^ ^"' ^"^'^e» als klein. Und in un-
r.tllL'rir^"^'^^' ""'^ "''='^* °" ^- «^- äußeren.
5
66
Descartes, Meditationen.
sondern auch das der inneren; denn was kann es Inner-
licheres geben, als den Schmerz? Gleichwohl habe ich
früher einmal von Menschen gehört, denen man ein Bein
oder einen Arm abgeschnitten hatte, und die trotzdem bis-
weilen in dem ihnen fehlenden Körperteile Schmerz zu emp-
finden vermeinten, und daher schien es auch bei mir nicht
durchaus sicher zu sein, daß irgendein Glied mir Schmerz
[96] bereite, obgleich | ich in ihm den Schmerz empfand.
14. Zu diesen Zweifelsgründen nun habe ich vor kurzem
zwei von höchster Allgemeinheit hinzugefügt. Der erste war,
daß nichts von dem, was ich jemals während des Wachens
zu empfinden geglaubt habe, derart ist, daß ich es nicht auch
irgend einmal im Schlafe zu empfinden meinen könnte. Da
ich nun nicht annehme, daß das, was ich im Schlafe zu emp-
finden meine, von außer mir befindlichen Dingen kommt, so
sah ich nicht recht ein, weshalb ich dies eher von dem an-
nehmen sollte, was ich im Wachen zu empfinden meine. Der
zweite Grund war folgender: Da ich den Urheber meines
Daseins noch nicht kannte — oder doch zum mindesten vor-
gab, ihn noch nicht zu kennen — so sah ich nicht, was dem
im Wege stehe, daß meine Natur so eingerichtet sei, daß
ich mich selbst in dem täuschte, was mir am allerwahrsten
zu sein schien.
15. Was aber die Gründe anbetrifft, durch die ich mich
vorher von der Wahrheit der Sinnendinge überzeugt hatte, so
machte es keine Schwierigkeit, auf sie zu antworten. Da
nämlich die Natur mich zu vielem zu treiben schien, was mir
die Vernunft widerriet, so war ich der Meinung, man dürfe
dem uns von der Natur Gelehrten überhaupt kein rechtes
Vertrauen schenken. Und wenn auch die sinnlichen Wahr-
nehmungen von meinem Willen nicht abhingen, so war ich
doch nicht der Meinung, daß man darum schließen müßte,
[97] I sie rührten von Dingen her, die von mir verschieden sind,
da ja vielleicht in mir selbst irgendeine Fähigkeit sein kann,
— wenngleich sie mir noch nicht bekannt ist, — welche sie
hervorruft.
16. Jetzt aber, wo ich beginne, mich selbst und den Ur-
heber meines Daseins besser zu kennen, bin ich der Meinung,
daß man zwar nicht alles, was ich von den Sinnen zu haben
)
Sechste Meditation: Über das Dasein der materiellen Dinge usw. 67
meine, ohne weiteres gelten lassen, aber auch nicht alles in
Zweifel ziehen darf.
17. Und da ich ja erstlich weiß, daß alles, was ich klar
und deutlich denke, in der Weise von Gott geschaffen werden
kann, wie ich es denke, so genügt es für mich, ein Ding ohne
ein anderes klar und deutlich denken zu können, um mir die
Gewißheit zu geben, daß das eine vom andren verschieden
ist, da wenigstens Gott es getrennt setzen kann. Auch kommt
es nicht darauf an, durch welche Macht dies geschieht, damit
man sie für verschieden hält. Daraus also, daß ich weiß, ich
existiere und daß ich inzwischen bemerke, daß durchaus
nichts anderes zu meiner Natur oder Wesenheit gehöre, als
allein, daß ich ein denkendes Ding bin, schheße ich mit
Recht, daß meine Wesenheit allein darin besteht, daß ich
ein denkendes Ding bin. Und wenngleich ich vielleicht —
oder vielmehr gewiß, wie ich später auseinandersetzen werde
— einen Körper habe, der mit mir sehr eng verbunden ist,
so ist doch, I — da ich ja einerseits eine klare und deuthche [98]
Idee meiner selbst habe, sofern ich nur ein denkendes, nicht
ein ausgedehntes Ding bin, und andrerseits eine deutliche
Idee vom Körper, sofern er nur ein ausgedehntes, nicht den-
kendes Ding ist — soviel gewiß, daß ich von meinem Körper
wahrhaft verschieden bin und ohne ihn existieren kann.
18. Außerdem finde ich in mir gewisse besondere und
von meinem Ich verschiedene Fähigkeiten, nämlich die Fähig-
keiten der Einbildung und der Empfindung, ohne welche
ich mein ganzes Ich klar und deutlich denken kann, aber
nicht umgekehrt lassen sich jene ohne mich denken, d. h.
ohne eine denkende Substanz, in der sie sind. Sie schließen
nämlich in ihrem formalen Begriffe eine Art von Denktätig-
keit (intellectio) in sich, wodurch ich erfasse, daß sie sich
von mir wie die Modi vom Dinge unterscheiden.
19. Ich erkenne auch noch gewisse andere Fähigkeiten,
wie die, den Ort zu verändern, verschiedene Gestalten an-
zunehmen und ähnliche, die sich allerdings ebensowenig wie
die vorhergehenden ohne irgendeine Substanz denken lassen,
der sie einwohnen, und die demnach auch nicht ohne diese
e.xistieren können. | Es ist aber klar, daß diese, sofern sie exi- [99]
stieren, einer körperlichen, d. h. ausgedehnten Substanz inne-
5*
68
Descartes, Meditationen.
wohnen müssen, nicht aber einer denkenden, da ja in ihrem
klaren und deutlichen Begriffe zwar eine gewisse Ausdeh
nung, aber durchaus nichts von Denken enthalten ist.
20. Nun ist aber in mir eine gewisse passive Fähigkeit
zu empfinden, d. h. die Ideen der Sinnendinge aufzunehmen
und zu erkennen; doch könnte diese mir gar nichts nützen,
wenn es nicht auch eine gewisse aktive Fähigkeit entweder
in mir oder in einem anderen gäbe, welche diese Ideen her-
vorruft und bewirkt. Und diese kann in der Tat in mir nicht
sein, da sie ja gar keine Denktätigkeit zur Voraussetzung
hat, und da jene Ideen nicht durch mein Zutun, sondern
häufig auch gegen meinen Willen hervorgerufen werden.
Es bleibt also nur übrig, daß sie in irgendeiner von mir ver-
schiedenen Substanz ist. Da nun in dieser die gesamte Rea-
lität entweder in formaler oder in eminenter Weise enthalten
sein muß, die in objektiver Weise in den durch jene Fähig-
keit hervorgerufenen Ideen ist, — wie bereits oben bemerkt
— so ist diese Substanz entweder Körper, d. h. die körperliche
Natur, welche nämlich alles das in formaler Weise enthält
AAi ^^^ ^^^ ^^^^" *" objektiver Weise enthalten, oder aber es ist
[100] Gott, oder irgendein edleres Geschöpf | als der Körper, das
die Realität in eminenter Weise enthält.
21. Da nun Gott aber kein Betrüger ist, so ist es ganz
offenbar, daß er diese Ideen nicht unmittelbar von sich oder
auch durch Vermittlung irgendeines Geschöpfes in uns sen-
det, m dem die objektive Realität derselben nicht in formaler
sondern nur in eminenter Weise enthalten wäre. Denn da
Gott mir durchaus keine Fähigkeit gegeben hat, dies zu
erkennen, sondern im Gegenteil einen großen Hang, zu glau-
ben, sie würden von körperlichen Dingen entsandt, so sehe
ich nicht ein, in welcher Art man erkennen könnte, daß er
nicht ein Betrüger sei, wenn sie anderswoher, als von den
körperlichen Dingen kämen. ^ Folglich existieren die kör-
perlichen Dinge.
22. Indessen vielleicht existieren sie nicht alle genau so,
wie ich sie mit den Sinnen wahrnehme, da ja dieses sinnliche
Wahrnehmen in vielen Fällen recht dunkel und verworren
ist; aber es ist wenigstens alles das in ihnen wirkHch vor-
handen, was ich klar und deutlich denke, d. h. alles das. ganz
Sechste Meditation : Über das Dasein der materiellen Dinge usw. 69
allgemein betrachtet, was in dem Gegenstande der reinen
Mathematik einbegriffen ist.
23. Was aber das übrige anbetrifft, so ist dies entweder
etwas Besonderes, wie daß die Sonne diese bestimmte Größe,
diese Gestalt hat | usw., oder es gehört zu dem minder klar [101]
Gedachten, wie Licht, Ton, Schmerz und dergleichen. Wenn-
gleich dies nun recht zweifelhaft und ungewiß ist, so zeigt
sich mir doch, — weil Gott kein Betrüger ist und weil es
darum nicht möglich ist, daß sich irgendeine Falschheit
in meinen Meinungen findet, ohne daß er mir auch die Fähig-
keit verliehen hätte, sie zu berichtigen — die sichere Hoff-
nung, auch hierin zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen.
24. Und es unterliegt in der Tat keinem Zweifel, daß
alles das, was mich meine Natur lehrt, eine gewisse Wahr-
heit in sich birgt. Denn unter der Natur in ihrem um-
fassendsten Sinne verstehe ich nichts anderes, als entweder
Gott selbst oder die von Gott eingerichtete Gesamtordnung
der geschaffenen Dinge; unter meiner Natur im besonderen
aber nichts anderes, als die Verknüpfung von dem allen,
was Gott mir zugeteilt hat.
25. Da ist aber nichts, was mich diese ausdrückhcher
lehrte, als daß ich einen Körper habe, welcher sich schlecht
befindet, wenn ich Schmerz empfinde, welcher der Speise
oder des Trankes bedarf, wenn ich Hunger oder Durst leide
und dergleichen. Ich darf demnach nicht daran zweifeln,
daß hierin eine gewisse Wahrheit liegt.
26. Es lehrt mich ferner die Natur durch eine Empfin-
dung I des Schmerzes, Hungers, Durstes usw., daß ich nicht [102]
nur in der Weise meinem Körper gegenwärtig bin, wie der
Schiffer seinem Fahrzeug, sondern daß ich aufs engste mit
ihm verbunden und gleichsam vermischt bin, so daß ich mit
ihm eine gewisse Einheit bilde. Denn sonst würde ich, der
ich nur ein denkendes Ding bin, nicht, wenn mein Körper ver-
letzt wird, darum Schmerz empfinden, sondern ich würde
diese Verietzung nur durch bloßes Denken erfassen, wie
der Schiffer durch das Gesicht wahrnimmt, wenn irgend etwas
am Schiffe zerbricht, und ich würde alsdann, wenn der Kör-
per der Speise oder des Trankes bedarf, eben dies in be-
stimmter Weise denken, ohne dabei die verworrenen Hunger-
70
Descartes, Meditationen.
oder Durstempfindungen zu haben. Denn es sind doch
sicherlich diese Empfindungen des Hungers, Durstes,
Schmerzes usw. nichts anderes als gewisse, aus der Vereini-
gung und gleichsam Vermischung des Geistes mit dem Kör-
per entstandene Weisen des Bewußtseins.
27. Außerdem aber lehrt mich die Natur, daß in der
Umgebung meines Körpers eine Mannigfaltigkeit von ande-
ren Körpern existiert, von denen ich einige aufsuchen, andere
meiden muß. Und zweifellos schließe ich daraus, daß ich
verschiedenartige Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke,
Wärme, Härte und dergleichen empfinde, mit Recht, daß in
den Körpern, von denen mir diese verschiedenartigen Wahr-
[103] nehmungen der Sinne | zukommen, gewisse Verschiedenartig-
keiten vorhanden sind, die jenen entsprechen, wenngleich sie
ihnen freilich nicht ähnlich sind. Und daraus, daß einige
dieser Wahrnehmungen mir angenehm, andere unangenehm
sind, kann ich mit vollkommener Gewißheit folgern, daß
mein Körper oder vielmehr mein gesamtes Ich, sofern ich aus
Körper und Geist zusammengesetzt bin, von den umgebenden
Körpern in mannigfacher Weise zuträglich und unzuträglich
beeinflußt werden kann.
28. Es gibt indessen noch vieles andere, das mich, wie es
scheint, die Natur gelehrt hat, und das ich dennoch nicht in
Wahrheit von ihr, sondern von einer gewissen Gewohnheit,
unüberlegt zu urteilen, erhalten habe, und bei dem es darum
recht leicht vorkommen kann, daß es falsch ist: so, daß der
gesamte Raum, in dem sich gar nichts meine Sinne Beein-
flussendes darbietet, leer sei; daß z. B. in einem warmen
Korper irgend etwas vorhanden sei, was der in mir vor-
handenen Idee der Wärme durchaus ähnlich ist, in dem
Weißen oder in dem Grünen eben das von mir empfundene
,,grun** und ..weiß-, in dem Bitteren und Süßen derselbe
Geschmack und ebenso bei den übrigen Sinnen enthalten
sei; daß ferner Gestirne, Türme und alle beliebigen anderen
Korper nur von eben der Größe und Gestalt seien, in der sie
sich meinen Sinnen darstellen und anderes der Art.
riA^i V ui^^' ^r"^^^ ^^^ ^^^^ hierbei alles mit genügender Deut-
I104J hchkeit erfasse, muß ich noch genauer | definieren, was ich
eigentlich darunter verstehe, wenn ich sage, „die Natur lehrt
f
#
f
/
Sechste Meditation : Über das Dasein der materiellen Dinge usw. 71
mich etwas". In diesem Ausdrucke nehme ich nämlich die
..Natur" m emem engeren Sinne, als wenn ich darunter die
Zusammenfassung (complexio) alles dessen verstehe was mir
Gott zugeteilt hat. Denn in dieser Zusammenfassung ist
vieles enthalten, was allein dem Geiste zugehört, wie wenn
ich mir bewußt werde, daß, was geschehen ist, nicht un-
geschehen gemacht werden kann und alles übrige was mir
durch die natürliche Einsicht bekannt ist, wovon hier nicht
weiter die Rede ist. Vieles ist darin auch einbegriffen was
sich allem auf den Körper bezieht, wie daß er abwärts strebt
und dergleichen. Indessen auch darum handelt es sich jetzt
mcht sondern nur um das, was Gott mir, als dem aus Körper
und Geist Zusammengesetzten verliehen hat. Diese Natur"
lehrt mich darum zwar, das zu meiden, was das Gefühl des
Schmerzes, und das aufzusuchen, was das Gefühl der Lust
erregt und dergleichen mehr; aber es ist nicht klar, daß sie
uns außerdem lehrt, aus jenen Wahrnehmungen der Sinne
ohne vorhergehende Prüfung des Verstandes irgendeinen
Schluß über außer uns befindliche Dinge zu ziehen, da es
ja dem Geiste allem, nicht aber dem aus Körper und Geist
Zusammengesetzten zuzukommen scheint, die Wahrheit da-
von zu erkennen.
30. Z.B., wenngleich ein Stern keinen größeren Reiz
auf mein Auge | ausübt, als das Feuer einer kleinen Fackel, llOr,!
so hegt dann doch keine reale oder positive Neigung die
mich zu der Annahme veranlaßt, er sei nicht größer, sondern
ich habe ohne Grund seit meiner Jugend so geurteih. Und
wenngleich ich bei der Annäherung an das Feuer Wärme
empfinde und, komme ich ihm zu nahe, Schmerz, so ist doch
m der Tat kein Grund vorhanden, der mich davon zu über-
zeugen vermöchte, daß in dem Feuer etwas dieser Wärme
wie ja auch nicht etwas jenem Schmerze Ähnliches sei. son-
u? m-'V '" '•"" '■■^^"'^ ^'^^^ enthalten ist, was es auch
schließlich sei, das in uns die Empfindungen der Wärme
und des Schmerzes hervorruft. Wenngleich auch in irgend-
einem Räume nichts meine Sinne Beeinflussendes ist, so folgt
darum nicht, daß in dem Räume gar kein Körper sei Viel-
mehr sehe ich. daß ich hierin, wie auch in sehr vielem ande-
ren, daran gewöhnt bin, die Ordnung der Natur gänzhch um-
72
Descartes, Meditationen.
zukehren. Während die Sinnesempfindungen mir von der
Natur eigentlich nur gegeben sind, um dem Geiste anzu-
zeigen, was für das Zusammengesetzte, von dem er nur ein
lul "':, T'^^^^^ ''^^' unzuträglich ist, und sie insofern
War und deutlich genug sind, gebrauche ich sie als sichere
Kegeln, um unmittelbar zu erkennen, worin das Wesen der
rinfil T 5"";,''^""''"«^'>^" Körper besteht, wovon sie mir doch I
[106] nur sehr dunkle und verworrene Kunde geben I
31. Nun aber habe ich mir schon früher zur Genüge
SirZn^irTVVf l^^'P"'" ^°"" vorkommen kann,
daß meine Urteile falsch sind. Aber hier erhebt sich eine
auf,lt^'"'f '" '" ^'''^" '^"^^^"' ^^' die Natur mich
inneren S./ "l^^'f^ '^'^^ ""^ ^"«^^ in Betreff der
mneren Sinne, die ich auf Irrtümern ertappt zu haben meine
iTL^i'wr'"'"?^'"^^' ^'"^ angenehmen Geschmack
Sm? AhS^H m"'^"''"' i^' *^^"" ^"borgene Gift zu sich
dlT Wnhl.h ^\^^'^' ^"-«'b' ihn in diesem Falle doch nur,
tl Z If u^''^^''^^ '" begehren, nicht aber das Gift
schließen? "'""^ ^T'' ""^ '^^''' ^^^ »"^n hieraus
it DaT tT '"'■ t°' '^■^^ '"'='"*= N^'"^ "i<=ht allwissend
ist. Das st nun nicht weiter zu verwundern; denn da der
Mensch ein beschränWtp« Woc»„ ;„» i '.
nur ^in„ m' . ^ ^ Wesen ist, so kommt ihm auch
nur eine Natur von beschränkter Vollkommenheit zu.
w«,..^' M " '"'^" "^^ ^^^'^ ^"''h nicht selten selbst in dem
wL h T ""!,'''"''^' "'" *^"" *1'^ Kranken Trank odT;
Spase begehren, die ihnen bald darauf Schaden bringen
riHTi f-., tf ''''""*^ "^" vielleicht sagen, sie irrten deshalb
^ ^ kd St "ia •: eTnl^'l'" ^v^"'^'^ ' ^^ ^^''^ dielcSSerig-'
Keit nicht, da ja ein kranker Mensch ebensogut ein Geschönf
Gottes ist wie ein gesunder, und es scheint demnach ebenso
e^hturhabe"'- ''' ^'^"^^ ^'"^ "«'"---''« Nat^r^^^'SS:
33. Und ebenso, wie eine aus Rädern und Gewichten 7,1
NaTuTEeoTaS: l"""' ""'^' '^^"'^^^ ^^^ alle Gesetzt der
dem Wunsche Hp« Inf» . ^"^ '" J^^^"" Hinsicht
der'mYnscSfcL Körpt Tnn iSTn' 7 '''""'l' ^'"^^ ^"«^»^
schine betrachte XT'' l^n" k l^ ^' ^'"^ ^" ^°" M^"
oetracnte, die aus Knochen, Nerven, Muskeln. Adern,
Sechste Meditation : Über das Dasein der materiellen Dinge usw. 73
Blut und Haut so eingerichtet und zusammengesetzt ist, daß.
auch wenn gar kein Geist in ihr existierte, sie doch genau
die Herrschaft des Willens und also nicht durch den Geist
eSfo"n t r''." '''^'■"'' ""^ '''''''• ^^ß ^^ für den Körpe
ebei^so natürlich ist, wenn er z. ß. wassersüchtig ist, daß er
an derselben Trockenheit der Kehle leidet, welche im Geiste
dLf,"".?.'!! ^"^ m' ^"'■''" '" "'"'■"^^° P"^^f' ""d daß da-
durch auch seine Nerven und die übrigen Teile so gestimmt
Krlnl"?' -^^ u' '^'^ '^"■""'^ ^" '''^ "•'"'"^ durch den dt
Krankheit sich steigert, als wenn er. ohne diese Krankheit
zu haben durch | eine ähnliche Trockenheit der Kehle ve^ (1081
anlaßt wird, einen ihm nützlichen Trank zu sich zu nehmen
34. Zwar konnte ich. wenn ich auf die ursprünglich be-
absichtigte Verwendung der Uhr zurückblickte, sagen sie
wiche von ihrer „Natur" ab. wenn sie die Stunden nkht rici
SnsThlicC r"" ''\'" '^^T^^''' ^'''^ die Maschine des
menschlichen Korpers betrachte als gleichsam für die Be-
wegungen eingerichtet, die in ihr vor sich zu gehen pflegen
so mochte ich meinen, daß auch er von seiner Na"urabkr"'
wenn seine Kehle trocken ist. ohne daß doch das Trinken zu
seiner Erhaltung beiträgt. Dennoch kann es mir gar rücS
entgehen, daß diese letzte Bedeutung der „Natur" von der
ersteren weit verschieden ist. Die „Natur" is in diesem FalL
namlich nichts anderes, als eine bloße, von meinem Senken
abhängende Bezeichnung, indem ich d;n krankTnTlensche;
MenscLn und d ^"^t"'^'"^ ^'^ ^^ ^'^ '^'^ ^es gesuSe"
S» H n ' "'''"^ gemachten Uhr vergleiche; und sie
haftet den Dingen, von welchen sie ausgesagt wird nur
'S;- et"- 'h ''" f''"^" "'""^ ^^- verstrebe i^hume
üS das deZ; T "'"^ ^^^^^ächlich in den Dingen vorfindet,
und das demnach eine gewisse Wahrheit in sich schließt
dO. Allerdings, wenngleich es in Rücksicht auf den Was
saTtrrNaf^ äußerliche Bezeichnung ist. wt^n"^:
sagt, seine | Natur sei deshalb verdorben, weil er eine flrtöl
doch in%^'f >k'*' °'"^ ^"^ ^'^"»^^^ ^" bedür7en so is « "^'^
doch, m Rucksicht auf das Zusammengesetzte, d h auf den
ete'SoTe^B '''"k'""'^" ""'^'^ verbundenen Geist nicht
eine bloße Bezeichnung, sondern ein wahrhafter Irrtum der
I
74
Descartes, Meditationen.
der Körper sei„e?Sr n^aTh'^trSrdttr hS
klnd« n nt f ' ""'^ '^"'''' '"'°^^™ '«^h nur ein den-
S? ^'"e I»n. so vermag ,ch in mir Iceine Teile zu unter-
und ean ' ?n " 'n T' '""'^ ^'^ ^'" ^"^«^^aus einheitliches
^anzfn k' ^"^^ ^'"^^^""e'eich der ganze Geist mit dem
doch daß ''"■ ""''"°5^" ^" ^«in scheint, so erkenne ich
«nen tnderTr T"! ^1"^"^ ""^'^ ^'"^ ^^ «^er irgend-
vorre^lr '^^^ ^"""P"' abschneidet, darum nichts
SgSten d"e7 wT^'r "'r ^"'^'^ ^'' '"^ "^^t die
1 anigiceiten des Wollens, Empfmdens, Erkennens als sein«>
rnm ^ *^'^^>f ^«^1^"«". ist es doch ein und derselbe St der wHI
^ ^SfktperSefrr- ' ^-,^«^-»"1 abe^ Snn" tc^rn^
St in r/n if ' '^^ h- ^"^g^dehntes Ding denken, das ich
ä s tliL^tSr T"''"''" '"7^^"^ '^"^" ""d ebendadurcb
Seh iu lehren h\'J"'V"^ ^^' ^"•^'" ^"^^^ hinreichen,
micu zu lehren, daß der Geist vom Körper gänzlich ver
schieden ist, wenn ich es norh ni^K, j Kanziicn ver
nüge wüßte. ^' anderswoher zur Ge-
T„;i ^^/^^^l^" bemerke ich, daß der Geist nicht von -illen
leden des Körpers unmittelbar beeinflußt wird , LT
vom Gehirn, oder sogar nur von Tem gan winzifen'T"7
desselben, nämlich von dem, worin der'GemSnn sien
S.iz haben soll. So oft dieser Teil nun in elScher W^l
gestimmt ist stellt er dem Geiste dassdbj fr wenn sS
d ne aX 'vTrhlTte*;!^ S '''"'■ ''' ^«^^^ -^ -Tscht
^ ixiitn veriialten mögen, wie unzählige Erfahmncr^,.
sT A,t '.'' ''r "'^'•^ -f--hlen bra^uche. "^'"
Perslt daßkdnTrseirT i*^'- "'^^ " ^'' ^^'^ ^« ^ör-
I "i, udu Keiner seiner Teile von einem efw-»«: ontf„,„»
bewegt werden kann, ohne daß er niX entfernteren
Weise von irgendeinem Ir 5 k ' v ^^"^^ derselben
werden k^nn^ , dazwischen liegenden bewegt
werden konnte, wenn auch jener entferntere nicht wirkt
I
Sechste Meditation: über das Dasein der materiellen Dinge usw. 75
Wenn man z. B. an einem Seil A B C D, dessen letzter T.ii i^
ist, zieht, so wird sich sein erster T^ii a l u f ^^'' °
( wie er auch beweg^weiderkH ' ^^"' "''""''' ''^^^S^^"'
den dazwischen SSen TernVund T " "^^^
letzte Teil D in RuL blie^e^^cL^rnHch^StTsVcr
wenn ich am Fußp pin^n Q/^i,^ /. , vernait es sich,
die Physik geTehr, Tß cSt^EmpT^^^^^^^^^ " '^' "!f^ ^'
dem Fuße verbreiteten Nerven eSrf- T^^ ^^' '"
eifirh »i^»^ c 1 , "-" i^erven erfolgt, die sich von dort
frn Ä,r' '' ■"' '"*" '^"^''■"^ erstrecken, und die wenn
^he^ bVr=' srich^re^n ^ 'z ^^^=
S^sfrlm^'L^vo^ir^äS'^^^^^^ l^'^- ^>-"
futeit;t!trnrL\rk:mr^^^^^^^
im Fuße befindliche Teil nkht b^rührf ' J f *''' '^^^
it^intr G^^-"--?^^ ^dietlb-e II
JS wird^ t7in7ä:l:rn ^S^Äe^ tittTor
man fuch" "'"h'^T" ^'"''«"^-•- ^as-lbe ab 'mni
nehme." '" ^''''' ''^"^''•^^" -^-^ Empfindung a„
39. Ich bemerke schließlich, daß, da eine iede vnn ^
™r-';si5r 3 !■?!•" "1"™ -- cS-
beiträP^f T^ ^t r u "^ Erhaltung des gesunden Menschen
oeitragt. Die Erfahrung aber bestäHo-f H^ft ^11 ^'""^"en
der Natur verliehenen K JrTr \, ^f: ^^ ^"^ ""^ ^o"
marjc bis zu den inneren Tpil#.n h»^ t^ u- „ ■ ^^"^"en
wegung dem Gei.tr^^fn 7 ; k Gehirns dringende Be-
gung aem Geiste ein Zeichen, etwas zu empfinden, nämlich
76
Descartcs, Meditationen.
TeZlTZ \ !■ ^°^'**"'^,«"^n Schmerz, wodurch der Geist
veranaßt wird, die Ursache desselben, da sie dem Fuße
schädlich ist, nach Möglichkeit zu entfernen
41. Allerdings hätte Gott die Natur des Menschen auch
so emnchten können, daß dieselbe Bewegung im Gehirne
dem Geiste irgend etwas anderes darsteUte.LiSiih entweder
sich selbst, sofern sie im Gehirne, oder sofern sie fm Fuße
[113] oder an emer der dazwischenliegenden Stellen ist! Udlr t
gend etwas anderes; - aber nichts anderes hat e zur Er
trr dt'x'rlnk'^'^H ^T''"''- ^" <l-e'b:n We£
wenn wir des Trinkens bedürfen, so entsteht in der Kehle
eme gewisse Trockenheit, welche die Nerven erregt und ver
mittels Ihrer das Innere des Gehirns. Und diese BeweJn^
ruft im Geiste die Empfindung des Durstes hervor 1 „„s
ja bei dieser ganzen Angelegenheit nichts nützlich^; Z 2
b"edir ' '^^ t ^" ^^''^^'"»^ ^- GesLh U deVrik
unermeßhch^n r ! n "f'^ ^^^''' «^^^ unbeschadet der
er auTceS nn hT ^°"" '^'^ ^^'"' ^'^^ Menschen, sofern
kLn .1? K ?'^^' zusammengesetzt ist. nicht anders
ichVn c^lmSr '"h"'^"' "''"' *^- irgendeine Ur
äerT:S^^äZh^ltc::'!^:Z'l ^'T,.''^"«''i^en anderen
Fuße bis zum Gehirne e strecken "od ""T"" "°° '^'"'
selbst genau dieselbe Bewegung err'e.tdi/"'^ "" ^"^™"
Pflegt, wenn der Fuß beSSt S' st wlrd'd' "\T^'''
wie im Fuße vorhanden empSerund dersL ^"^"'
gemä ß getäuscht werden n^nn ^' - ^ "" ""'"'' "^^ "•■
wppiino- i,r, r- k- *"''^"- ^enn da ja eine und dieselbe Be
wegung im Gehirne stets eine und dieselbe EmnfinT.^ •
Geiste hervorrufen muß. und diese nlZl ^'"PV"^"ng '«'
aus einer den Fuß verletzenden UrÜ^^^ ''"' ^^""^<^••
als einer and^ron •f."^r^"**en Ursache zu entstehen pflegt
vern^JftL^r h!r ■■ ^^ 'T"''*° ^"'^^^ existiert, so ist es
[n4]|Tden'frg;nd^^^^^^^
mal die Trockenhei def Kehlet/ht'^t ^H 'r'^K^"? ""'
herrührt, daß zur Gesundtudes Kö^^^^^^^^
ist, sondern aus einer perarf^ »„,„ ""^P^" °er Trank notig
steht, wie es berrm^VasserSSTef F n"^^'^ ^"'■
es weit besser, daß sie in dl™ ^ n ' ^^" '"' *° '''
udu sie m diesem Falle täuscht, als wenn
I
I
%■
f
Sechste Meditation : über da. Dasein der materiellen Dinge usw. 77
sie mich vielmehr immer dann täuschen würde u,.nn ^
Korper sich in gesundem Zustande befind^ ir^H *^\'
in den übrigen Fällen. oeiindet. Und so auch
dazuteifScLnratTrft'"^^""" außerordentlich viel
worfen i^t. ^ 'UTerfeV;re::i' atrsS^^^^^^^
oder verme den zu können n^„ ^* sie leicht verbessern
Empfindungen mir"in B™ff d'^esTn tailemtöro^' ^"^
lieh ist, weit häufiV*»r r^oc \\r u \ T ^ Korper nutz-
da ich mich ferner flststetf^.' ^' t"' ^^^''^' ^"^^'^en,
um eine und dieselbe Lrh T' ^'""^ ''^d'^"^" kann,
dächtniss:s,'wd?h:fda''SeynT^^^^^^^ ^^ ^^■
den verknüpft, und des Vef.t^rr^.! u'^^'^^^'^^'ß^hen-
des Irrtums durchsehen// k": '^^^ ^^'^'^' ^'« Gründe
fürchten,Taß das von d-^ ''""'' "'"''' ^'™'''''" ^"
falsch sei ^'° ^'""'" '"''■ täglich Dargebotene
Tage'tls'Lt^Hih'zuS^el^'TSr'^T '^'''' ^'--
dem allgemeinsten in bS des tI^^^' ^"'^ vorzüglich von [115J
vom Wachen zu untergehe den vermSr' leri "^ t'J
merke ch daß 7w\<rh^r. u a /^^"^<^cnte. Jetzt namhch
ist. daß niemals ^et^Srne "h"'' ^^f*^ Umerschied
lebnissen durch ZTcJ^r^^ "" ^"^" "''"«en Er-
mir im Wachen beieg^S'^LTnn" Jd'"?"' "'"^ '^^- ^^
Wachen plötzlich iemanH ^r.^v. ^^' ^^*' ^^"" m''' '^
verschwände S Ts^n rt ^"^ ""^ ^'^'^'^ ^^^auf wieder
ich weder sähT woier erTv ^"'^''^'' ""'^ ^"" ^'>' ^aß
gangen, so würde'ch ies nlSr"'?? '^"'^'^ "°'^*" «^ ^e-
bloßc Vorspiegelung oder für .;"" ^"'''''* ^^'' ^"^ «»^
dichtetes TrVbild hal^t- al urSleTdlß ''^'•"^^^'■
1-cher Mensch sei. Bietet sich m,v "u "' ''^^ ^^ ^"^ ^''k-
in deutlicher Wei e bemerk. l,T ^' ^'"^^^ ^^'■' ^^°^°» '«^b
und vermag k^ seine Wahrlt"''' '"'' ""'^ ^"^"" " ''«'n™'.
brechung mit demTe.L}!^''™f'"""°«^" «»^"e J^de Unter-
^ , . . *r *^^"^ g^esamten ubricren Leh^n ^n ,r^^i •• r
so bin ich ganz gewiß, daß es mir nkhH,^ T ^^'^''""Pfe°.
«m Wachen begegnet Aurh T ""'^ .^ Traume, sondern
dessen nicht im geringsten n, f^" '^^ ^" '^'' Wahrheit
das Gedächtni^ufd denTer^andt d"' Tl "' ^'^ ^•"°«'
genommen habe und ^^vrk'eLVm^^^t^^nre^^^^
78
Descartes, Meditationen.
gemeldet wird das irgendeinem der anderen widerstritte
[116] daß ich mich m solchen Dingen nicht | täusche
45. Da mdessen die Notwendigkeit des Handelns uns zu
emer so genauen Prüfung nicht immer Zeit läßt, so kann man
nicht leugnen, daß das Leben des Menschen häufig in Einzel-
heite^n dem Irrtum unterworfen ist, und man muß am Ende
die Schwache unserer Natur anerkennen
Die Einwände gegen die Meditationen
und die Erwiderungen Descartes'.
^•«carte,, Meditatio
Den.
6
J
Einwände
verschiedener Gelehrter gegen die vorstehenden
Meditationen, m.t den Antworten des- Verfassers.
Erste Einwände und Erwiderungen.
Hochverehrte Männer
fühhe ich mich verpflichfef-SL 'Z ''^''^ P^f-, da
denen Ursachen freundsSlS k .""'' ^"' ^^'^^^^ie-
willfahren; einmal darnftThl? ^^^-bu^denen Männern zu
ich Euch chätTe da^n auch ^!''"'^"'^"^^^ ^^het. wie hoch
sehr es mir an KräS^ und ^n R™' f ""^"''"^ ^^^e. wie
Ihr in Zukunft^r etv^s I ,^ ^"^^''""S: mangelt, auf daß
in VeWegenheit bin. unddi E^eheTS mf H T"" ''^^ t"«^
ich mcht genüge. Descartes Ist in der^' "": habt wemi
beurteilen kann ein lUo,,„ r, ^*^' soweit ich es
und von höcTt^r LfcheMeXft "^^'''^'^f ^^ ^'^^^^^
Nörgler sein WohlgeTanen^haSn^müß^ '''''' ''' '^'^^^
sein ot dS'ii:f selsr " '1^ "'' ^^'^'^ '^''^ «^^ ^^wußt-
ich durch das Srnke^^ieTd^e? d^Dinf " ^"'^ ^^"^
besonders die Idee de-, vr.nt. "^^^ '" """, und
Wesens. - Dasllbtlh"''^''^'' ""^ unendlichen
Wesens bin ich nich^ der ich ~ ^'t .Ursache aber dieses
erreiche, also sebe Ursac£ T^" °'''!.^''^' ^^^"^t nicht
kommener ist als kh unTH u^^""^ ^*^^^' ^^^ vroll-
n^r, ist irgendtt^ä VTlL'~erera S TT'^'
der mcht wie ein bdiebiges Wesen h«l « ' "^«^^demer.
der emfach und uneingefchra^Tri^lSt S^ch^SS
82
Descartes, Meditationen.
mäßig umfaßt und gleichsam die vorausweisende Ursache
(causa anticipans) ist, wie Dionysius im 8. Kapitel seiner
Schrift „Über den Namen des Göttlichen** ausführt.
Hier muß ich wirklich einen Augenblick innehalten,
um mich nicht zu sehr zu ermüden: denn mein Geist ist
schon in unruhiger Bewegung wie der wogende Euripus:
ich sage ja und nein, ich bestätige und widerlege zum
zweitenmal, abweichen von dem Manne will ich nicht, ihm
beistimmen kann ich nicht. Denn welche Ursache, bitte,
fordert eine Idee? Oder man sage mir, was eigentlich „Idee"
bedeutet. Sic ist wohl die bewußt gedachte Sache, sofern
sie objektiv im Verstände vorhanden ist. Aber was heißt
[119] das: I objektiv im Verstände vorhanden sein? Ich habe
früher gelernt : es besagt den Akt des Verstandes selbst
gemäß der Art und Weise des Objekts begrenzen. Das
ist nun in der Tat eine äußere Bezeichnung und nichts der
Sache Angehöriges. Denn so wie , .gesehen werden'* in mir
nichts anderes ist, als daß der Akt des Sehens sich auf
mich erstreckt, ebenso besagt: „gedacht werden* oder ,,in
objektiver Weise im Verstände vorhanden sein* nur, daß
das Bewußtsein des Geistes in sich zum Stehen kommt
und begrenzt wird. Das kann aber geschehen, ohne daß
die Sache bewegt oder verändert wird, ja, ohne daß sie
existiert. Warum soll ich also nach der Ursache dessen
forschen, was tatsächlich nicht ist, was nur eine bloße Be-
zeichnung und ein Nichts ist?
Trotzdem aber sagt dieser große Geist, „daß diese Idee
diese oder jene objektive Realität viel mehr enthält, als eine
inderc, das muß sie offenbar von einer Ursache haben."
Nein! von keiner; denn die objektive Realität ist ja eine
bloße Bezeichnung, aktuell ist sie gar nicht. Eine Ursache
aber übt einen realen und aktuellen Einfluß aus; nun nimmt
das, was aktuell nicht ist, sie nicht auf, und es kann daher
den aktuellen Ausfluß der Sache nicht erleiden, geschweige
daß es ihn fordert. Also habe ich zwar Ideen, habe aber
keine Ursache derselben, und erst recht keine, die größer
als ich und unendlich ist. Aber — wird man sagen — wenn
Du den Ideen keine Ursache zuschreibst, so sage uns | doch
wenigstens den Grund dafür, daß diese Idee die eine ob-
Erste Einwände.
83
jektive Realität eher enthält als die andere. Willkommene
Gelegenheit ! Ich pflege nämlich mit meinen Freunden nicht
eine knappe, sondern eine möglichst ausgedehnte Ausein-
andersetzung vorzunehmen. Das sage ich ganz allgemein
von allen Ideen, was Descartes an anderer Stelle vom
Dreieck sagt (s. o. S. 54, Z. 15—19):
„Es mag vielleicht'*, sagt er, „eine solche Figur nirgend
in der Welt außer meinem Bewußtsein existieren noch je
existiert haben, dennoch hat sie fürwahr eine bestimmte
Natur oder Wesenheit oder Form, die unveränderlich und
ewig ist." Es ist nämlich diejenige Wahrheit ewig, die keine
Ursache fordert, z. B. daß ein Nachen ein Nachen ist und
nichts anderes, daß Davus Davus ist und nicht Oedipus.*)
Und wenn man trotzdem mit aller Gewalt nach einem
Grunde verlangt, so sage ich, ist dieser die Unvollkommen-
heit unseres Verstandes, der eben nicht unendUch ist; da
er nämlich das Universum, das ganz zugleich und auf ein-
mal ist, mit einem begrifflichen Erfassen nicht umfassen
kann, so trennt und zerlegt er sich das ganze Gut, und was
er so als Ganzes nicht bewältigen kann, das erfaßt er nach
und nach, oder, wie min auch sagt, in inadäquater Weise.
Dann fährt der W^rfasser fort: „So unvollkommen aber
auch die Seinsweise ist, vermöge welcher die Sache in objek-
tiver Weise durch ihre Idee im Verstände ist, so ist sie
wahrHch doch nicht gar nichts und kann dem|nach auch [121
nicht aus dem Nichts sein." Das ist mehrdeutig. Wenn
nämlich ,.gar nichts'* soviel ist wie ein nicht-aktuelles Wesen,
so ist es überhaupt nichts, weil es nicht aktuell ist, und also
aus dem Nichts ist, d. h. nicht aus irgendeiner Ursache.
Wenn er aber unter „gar nichts" etwas Erdachtes versteht,
was man gemeinhin als bloies Gedanken-Wesen (ens ratio-
nis) bezeichnet, dann ist es keineswegs „nichts**, sondern
etwas Reales, das deutlich im Denken gesetzt wird. Und
trotzdem, weil es nur im Denken gesetzt wird und nicht aktuell
ist, kann es zwar im Denken gesetzt, aber nie und mmmer
verursacht werden.
*) Anspielung auf Terenz, Andria 194: Davus sum, non Oed'
pus (ich bin kein ödipus, der alle Rätsel lösen könnte).
ö'4
Descartcs, Meditationen.
Aber (s. o. S. 39, Z. 17—28) ich möchte weiter fragen „ob
ich selbst, der ich diese Idee habe, existieren könnte, wenn
kein solches Wesen existierte**, nämlich eines, „von dem
die Idee eines vollkommeneren Wesens, als ich bin, aus-
gehen muß**, wie er unmittelbar vorher sagt. „Nun,"' fährt
er fort, „woher sollte ich mein Dasein haben? Offenbar
von mir selbst, oder von meinen Eltern oder etwas anderem
usw. . . . Hätte ich aber mein Dasein von mir, so würde
ich nicht zweifeln, keine Wünsche haben, es würde mir über-
haupt nichts mangeln ; denn ich hätte mir alle VoUkommen-
heiten gegeben, von denen irgendeine Idee in mir vorhanden
ist, und so wäre ich selbst Gott." Wenn ich aber mein Da-
sein von etwas anderem habe, so werde ich schließlich zu
etwas gelangen, das sein Dasein von sich hat, und von
diesem gilt also derselbe Beweis, wie von mir. Das ist nun
eben der Weg, den schon Thomas von Aquino eingeschlagen
nooi ^^^' ^"^ ^^^ ^^ ^^^ ^^^ ^^^ gemäß der Kausahtät der be-
ll 22J wirkenden Ursache | bezeichnet hat; er hat ihn aus dem
Phüosophen*) entlehnt; freilich haben beide sich um die
Ursachen der Ideen nicht weiter gekümmert. Vielleicht wäre
es nun nicht nötig gewesen, dies anzuführen; denn warum
sollte ich nicht kurz und bündig und geradeswegs vorgehen ?
Ich denke, also bin ich, ja ich bin Geist und Bewußtsein
selbst. Dieser Geist oder dieses Bewußtsein ist aber ent-
weder durch sich selbst, oder durch etwas anderes. Ist
letzteres der Fall, wodurch ist dann schließlich dieses selbst?
Ist es durch sich, so ist es also Gott ; denn was durch sich
ist, das wird sich leicht alles gegeben haben.
Ich bitte den Verfasser inständig, er möge den wissens-
durstigen, aber vielleicht mit weniger scharfem Verstände
ausgerüsteten Leser nicht über seine Meinung im unklaren
lassen. Das Wort „durch sich*' (a se) faßt man nämlich
m doppelter Weise auf. Erstens positiv, d. h. durch sich
selbst als durch eine Ursache; und das. was durch sich wäre
und was sich selbst das Sein gegeben hätte, würde, wenn
es sich durch eine vorbedachte Wahl gäbe, was es wollte
ohne Zweifel sich alles geben und wäre somit Gott. Zweitens
*) d. i. Aristoteles.
Erste Einwände.
85
faßt man „durch sich" negativ auf als das, was durch sich
selbst (seipso), d. h. nicht durch etwas anderes ist, und so
wird es, erinnere ich mich recht, allgemein aufgefaßt.
Wenn nun etwas durch sich ist, d. h. nicht durch etwas
anderes, wie soll man beweisen, daß dieses alles umfaßt
und unendlich ist ? Jetzt nämlich schenke ich Dir kein Gehör,
wenn Du sagst, wenn es durch sich ist, so wird es sich leicht
alles gegeben haben. Denn es ist nicht durch sich | als [123]
durch eine Ursache, hat auch nicht eine vorbedachte Wahl
treffen können, um sich auszusuchen, was es späterhin sein
würde. Ich erinnere mich, ähnliches ehemals von Suarez
gehört zu haben: Jede Beschränkung ist durch eine Ursache;
deshalb ist eine Sache beschränkt und endlich, entweder,
weil die Ursache nichts Größeres und Vollkommeneres hat
leisten können, oder weil sie es nicht hat wollen; wenn also
etwas durch sich ist und nicht durch eine Ursache, so ist
das in der Tat unbeschränkt und unendlich.
Ich aber beruhige mich dabei noch nicht gänzlich. Was
soll man sagen, wenn die Beschränkung durch innere kon-
stituierende Prinzipien ist, d. h. aus der Form und der
Wesenheit selbst, von der doch noch nicht bewiesen ist,
daß sie unendlich sei, mag sie auch in noch so hohem
Maße durch sich sein, d. h. nicht durch etwas anderes. In
der Tat, wenn man annimmt, daß das Warme warm ist, so
ist es aus seinen inneren konstituierenden Prinzipien warm,
und nicht kalt, mag man sich auch einbilden, daß es durch
nichts gerade das ist, was es ist. Ich zweifle nicht, daß
Descartes Gründe genug finden wird, mit denen er das er-
gänzen kann, was andere vielleicht nicht klar genug gezeigt
haben.
Endlich stimme ich mit dem großen Manne in dem über-
ein, was er als allgemeine Regel aufgestellt hat: Alles, was
ich klar und deutlich erkenne, das ist in der Tat ein wahrhaft
„Seiendes**. Sogar alles, sage ich, was | ich denke, ist [124]
wahr. Denn alle Hirngespinste und jegliches Wesen der Ein-
bildung habe ich schon etwa seit der Kindheit aus mir ver-
bannt. Denn keine Macht kann sich von ihrem eigenen
Objekt entfernen: wenn der Wille bewegt wird, wendet er
sich zum Guten. Ja, auch die Sinne selbst irren nicht: Das
86
Descartes, Meditationen.
Gesicht nämlich sieht das, was es sieht, das Ohr hört das
was es hört, und wenn man Goldbronze sieht, sieht man
recht; aber man irrt, wenn man mit seinem Urteil ent-
scheidet, das Gesehene sei Gold. So hat denn Descartes
vollkommen recht, wenn er jeglichen Irrtum dem Urteil
und dem Willen zuschreibt.
Aber jetzt ziehe aus obiger Regel die Folgerungen die
Du ziehen wolltest. Das unendliche Wesen erkenne ich klar
und distmkt; also ist es ein wahrhaft Seiendes und ist irgend
etwas. Da wird mancher fragen: Klar und distinkt e kennst
Du das unendliche Wesen ? Was will alsdann jenes bekannte
vielgebrauchte Wort besagen : „Das Unendliche als Unend-
liches ist uns unbekannt?' Denke ich nämlich über ein
rausendeck nach, so stelle ich mir verworren eine gewisse
r-'-^^Mr""' ^^^ ^^" "^^^^ deutlich ein Tausendeck in der
Einbildung oder gar in der Erkenntnis, weil ich sämtliche
tausend Seiten mcht deutlich anschaue; dann wird jener
gewiß fragen: wie denkt er sich das Unendliche als Unend-
|12..Jhches deuthch | und nicht nur verworren, wenn er nicht
imstande ist, seine unendlich zahlreichen Vollkommenheiten
zu'sehTn? " ^"""^ ^^''^^'' '''"■ ""^ gl^'^hsam körperlich
wollf^'^'^n ""' *'' l' vielleicht, was Thomas v. Aquino sagen
wollte. Denn er behauptet, daß der Satz „Gott isf durch-
aus nicht ohne weiteres bekannt sei, deshalb mabt er s cli
aus Damascenus den Einwand: .Allen ist die K.-nntnis von
der Existenz Gottes von Natur eingep:i„,zt, a's . es is ohne
weiteres belcannt, dnß Gott ist." Und er antwortet ■ Fr
Ver^rentit^'" "' i.n allg-nLinen und in einer gewi's.en
verworrenneit — so druckt er sich aus - ' f
lieh Gott die höchste Glückseh^keit d.Js Me^n^c :eTiT'd"s1s'
uns von Natur eingepflanzt . . . Abe- d,s i t nicht dasselbe
wie einfach zu erkennen dift Cntt i-t i , ■ "'^-ci.jc
Ha«;^nlhn ,„ 7'^^""^"' ö'i'^ Gott lot; ist es ja auch nicht
S r , \ *^''^"""^"' daß irgend jemand kommt, und
n.T AI ''';^'^""""' ^«"» ^"ch der Kommende Petrus isf
Till r." ^-^P" '^°"'^' ^^^ -"an Gott unter einem
GrundoTn"? "^'f'. ""^^ ""^^^ "^'^ ß^^"ff des letzten
erkenne nnr ^Z ay'u'"'"'' ""^ vollkommensten Wesens
erkenne oder schließlich unter dem Begriff dessen, dis ver-
Erste Einwände.
87
worren und im Keime alles umfaßt, aber nicht unter dem
genauen Begriff seines Seins; insofern nämlich ist er un-
endhch und uns unbekannt.
Ich weiß, daß Descartes einem solchen Fragesteller ohne
Muhe antworten würde. Ich glaube dennoch, daß er aus I
dem was ich bloß der Übung wegen vorbringe, sich an das [ISGl
Wort des Boethius wieder erinnern wird : „daß es gewisse
.Allgemeinbegriffe (communes conceptiones) der Seele gibt
die ohne weiteres nur den Weisen bekannt sind." Daher
dürfe man sich nicht wundern, wenn die, die mehr zu wissen
verlangen, viel fragen, und wenn sie bei den Dingen Ünger
verweilen, n denen sie gewissermaßen die letzte Grundlage
des ganzen Gebäudes erkannt haben, und wenn sie trotzdem
nicht ohne anstrengende Forschung zur Erkenntnis durch-
dringen.
GutI Geben wir einmal zu, jemand habe eine klare und
distinkte Idee von dem höchsten und vollkommensten
Wesen; was folgerst Du daraus weiter.? Doch, daß dieses
unendliche Wesen existiert, und zwar so gewiß, daß „das
Uascin Gottes bei mir zum mindesten in demselben Grade
der Gewißheit stehen müßte, in welchem bisher die mathe-
matischen Wahrheiten gestanden haben (s. o S 55 Z 24
rottÜ'". "5' "^l^Vfr'l '^^'' ebensosehr, sich einen
Gott, d. h. etwas höchst Vollkommenes zu denken, dem das
Uasein d. h. eine gewisse Vollkommenheit mangele als
einen Berg zu denken ohne Tal" (s. o. S. Ö5, Z. 2 u. - S. 56
Z. 3). Dies ist der Angelpunkt der ganzen Angelegenheit;
denn wer jetzt nachgibt, muß sich für besiegt erklären; ich
der ich es mit einem stärkeren Gegner zu tun habe, darf eii^
klein wenig ausweichen, damit ich, wenn ich schon unter-
liegen muß, wenigstens meinVerhängnis| etwas hinausschiebe. [1271
Und vor allem hört, was Thomas v. Aquino sagt, ob-
gleich wir ja nicht etwa mit Autoritäten, sondern nur m^t
Gründen der Vernunft streiten - aber es sollte doch nicht
so aussehen, als widerstrebte ich nach meinen Launen diesem
großen Geist. Jener macht den Einwand: „Sobald man
verstanden hat was dieser Name „Gott" angibt, weiß man so-
lo J^T G°«»^»- Durch diesen Namen wird nämlich das
angegeben, über das hinaus nichts Größeres angegeben
Dcscartes, Meditationen.
werden kann. Nun ist das, was in Wirklichkeit und im
Verstände ist, größer als das, was nur im Verstände ist; und
da Gott, sobald man diesen Namen verstanden hat, sofort im
Verstände ist, folgt auch, daß er in Wirklichkeit ist."
Diesen Schluß gebe ich in exakter Fassung folgendermaßen
wieder: Gott ist das, über das hinaus nichts Größeres an-
gegeben werden kann. Das, über das hinaus nichts Größeres
angegeben werden kann, schließt aber das Dasein ein. Folg-
lich schließt Gott durch seinen bloßen Namen oder durch
seinen bloßen Begriff das Dasein ein, und kann demnach
ohne das Dasein weder im Denken gesetzt werden noch
sein. Und nun bitte ich Euch: ist das nicht genau derselbe
Schluß wie bei Descartes? Thomas definiert Gott als
„das, über das hinaus nichts Größeres angegeben werden
kann". Descartes nennt ihn das höchst vollkommene
Wesen, über das hinaus ja sicherlich nichts Größeres an-
gegeben werden kann. Thomas fährt fort: ,,Das, über das
[128] hinaus nichts Größeres angegeben werden [ kann, schließt
das Dasein in sich"; sonst könnte über dies hinaus irgend
etwas Größeres angegeben werden, nämlich das, von dem
man angibt, daß es auch das Dasein einschließe. Aber
scheint nun Descartes nicht genau ebenso fortzufahren?
Gott, sagt er, ist das höchst vollkommene Wesen; nun
schheßt aber das höchst vollkommene Wesen das Dasein
ein, sonst wäre es nicht höchst vollkommen. — Thomas
folgert: „Da Gott, sobald man diesen Namen verstanden
hat, sogleich im Verstände selbst ist, folgt auch, daß er in
Wirklichkeit ist"; d. h. eben dadurch, daß in den wesent-
lichen Begriff des Wesens, über das hinaus nichts Größeres
angegeben werden kann, das Dasein mit einbezogen wird,
folgt, daß dieses Wesen selbst auch ist. Dasselbe schließt
Descartes (s. o. S. 56, Z. 19—22): „Es folgt aber'*, so sagt
er, „daraus, daß ich Gott nur als existierend denken kann,
daß das Dasein von ihm untrennbar ist, und demnach, daß
er in Wahrheit existiert." — Welche Antwort gibt jetzt
Thomas sich und Descartes? „Angenommen," sagt er,
„daß jeder versteht, daß dieser Name Gott das Obengenannte
angibt, nämlich das, über das hinaus nichts Größeres ge-
dacht werden kann, so folgt deswegen doch nicht, daß er
Erste Einwände.
89
versteht, eben dies, was durch diesen Namen angegeben
werde, sei in der Natur, sondern nur, es sei in der Auf-
fassung unseres Verstandes. Und | man kann nicht be- [129]
weisen, daß es in Wirklichkeit ist, wenn man nicht an-
nimmt, daß es irgend etwas in der Wirklichkeit gibt, über
das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann; — und
das nehmen die Gottesleugner eben nicht an." Diese
Antwort fasse ich kurz so: Auch wenn man annimmt, daß
das höchst vollkommene Wesen gerade durch seinen Namen
das Dasein in sich schließt, so folgt doch nicht, daß eben
dieses Dasein in der Natur etwas Aktuelles sei, sondern
nur, daß mit dem Begriff des höchsten Wesens der Begriff des
Daseins untrennbar verbunden sei. Daraus darf man nicht
schließen, daß das Dasein Gottes etwas Aktuelles sei, wenn
man nicht annimmt, daß jenes höchste Wesen aktuell exi-
stiert; denn dann wird es außer allen anderen Vollkommen-
heiten auch die des wirklichen Daseins aktuell einschließen.
Verzeiht, ihr verehrten Männer ; ich bin abgespannt ; ich
muß einen Augenblick tändeln. Der komplexe Begriff ,,ein
existierender Löwe" schließt zweierlei als einen wesentlichen
Bestandteil ein, den Begriff des Löwen und den des Daseins ;
nimmt man einen von beiden fort, so ist es nicht mehr der-
selbe Komplex. Nun, hat nicht von Ewigkeit her Gott diese
Zusammensetzung klar und distinkt erkannt? Und umfaßt
nicht die Idee dieser Zusammensetzung eben als ein Zu-
sammengesetztes jeden der beiden | Teile wesentlich in sich? [130]
D. h. gehört nicht das Dasein zur Wesenheit dieses zu-
sammengesetzten Begriffes: „ein existierender Löwe"? Und
doch verlangt die deutliche Erkenntnis Gottes, ich meine
eine solche von Ewigkeit her, nicht notwendig, daß der
eine oder der andere Teil dieser Zusammensetzung sind,
wenn man nicht annimmt, daß die Zusammensetzung selbst
ist; denn alsdann wird es seine sämtlichen wesentlichen
Vollkommenheiten, und demnach auch das aktuelle Da-
sein, in sich fassen. Ferner, wenn ich auch deutlich das
höchste Wesen erkenne, und wenn auch das höchst voll-
kommene Wesen in seinem Wesensbegriff das Dasein ein-
schließen mag, so folgt trotzdem nicht, daß das Dasein
eben aktuell etwas sei, wenn man nicht annimmt, daß jenes
90
Descartes, Meditationen.
höchste Wesen sei; denn dann wird es, wie alle Vollkommen-
heiten seiner selbst, so auch dieses Dasein aktuell ein
schließen. Und so wird man denn das Dasein jenes höchst
vollkommenen Wesens von irgendeiner anderen Seite her
beweisen müssen.
Über das Wesen der Seele und ihre Unterscheidung vom
Körper will ich mich kurz fassen. Denn ich gestehe, dieser
große Geist hat meine Kräfte schon so erschöpft, daß mein
Können fast am Ende ist. Wenn es eine Unterscheidung
von Seele und Körper gibt, scheint er s'c daraus zu beweisen,
daß man sie im Denken als verschieden und getrennt von
llü] einander setzen könne. Hier möchte ich den gelehrten
Mann mit Scotus zusammenbringen. Di?ser sagt: um ein
Ding im Denken als verschieden und getrennt von einem
andern zu setzen, genüge die, wie er sagt, formale und
objektive Unterscheidung (distinctio formaüs et objectiva).
die er in die Mitte stellt zwischen der reahm Unterscheidung
(d. realis^ und der bloßen Vernunftunterscheidung (d. ra
tionis). So unterscheidet er die göttUche Gerechtigkeit und
seine Barmherzigkeit. „Denn sie haben", sagt er, „vor
jeder Operation meines Verstandes verschiedene formale
Prinzipien (rationest derart, daß schon dann das eine nicht
gleich dem andern ist. Und trotzdem gilt der Schluß nicht :
weil die Gerechtigkeit im Denken als getrennt von der Barm-
herzigkeit gesetzt werden kann, existiere sie auch getrennt."
Jedoch es scheint mir, daß ich über den Rahmen eines
Briefes hinausg gangen bin. Dies ist es, was ich über den
mir vorgeschlagenen Gegenstand zu sagen hatte. Ihr aber,
hochverehrte Männer, untersucht, was Ihr für das Bessere
haltet. Wenn Ihr Euch mir anschließt, werden wir lexht
Descartes mit Freundlichkeiten überhäufen, dimt er es mir
in Zukunft nicht nachträgt, daß ich ihm ein klein w nie
widersprochen habe. Wenn Ihr aber ihm folgt dann streike
ich die Waffen und erkläre mich für unterlegen, und d is um
so lieber, um nicht noch ein zweites Mal zu unterliegen.
Lebt wohll
Antwort des Verfassers auf die ersten
Einwände.
Hochverehrte Männer,
[132]
Einen tüchtigen Gegner habt Ihr mir in der Tat erweckt,
einen, dessen Geist und Gelehrsamkeit mir viel hätten zu
schaffen machen können, hätte der gottesfürchtige und
liebenswürdige Theologe es nicht vorgezogen, die Sache
Gottes und damit ihren bescheidenen Fürsprecher zu unter-
stützen, anstatt sie mit aller Gewalt zu bekämpfen. Aber,
obwohl diese Art, dem Gegner in die Hände zu arbeiten,
an ihm höchst ehrenvoll ist, wäre dennoch ein geheimes
Einverständnis an mir nicht ebenso lobenswert; und des-
halb will ich hier lieber den Kunstgriff, dessen er sich be-
dient hat, um mir zu helfen, auseinandersetzen, als ihm
antworten wie einem Gegner.
Zunächst hat er die Grundzüge meines Gottesbeweises
mit wenigen Worten wiedergegeben, damit sie sich noch
besser dem Gedächtnis meiner Leser einprägten; und nach-
dem er dort kurz zugegeben hat, was er für klar genug be-
wiesen hielt, und dies so durch seine Autorität gestützt hat,
hat er jenen einen Punkt untersucht, mit dem die hauptsäch-
liche Schwierigkeit | zusammenhängt, was nämUch hierunter [13!)]
dem Namen „Idee" zu verstehen ist, und welche Ursache
diese Idee fordert.
Nun habe ich gesagt, die Idee sei die gedachte Sache
selbst*), insofern sie in objektiver Weise im Verstände vor-
handen ist. Er gibt nun vor, diese Worte ganz anders zu
verstehen, als ich sie gesagt habe, um Gelegenheit zu einer
klareren Auseinandersetzung über diesen Gegenstand zu
haben. „Objektiv im Verstände vorhanden sem," so sagt er
(s. o. S.82, Z. 13ff.), „besagt, den Akt des Verstandes selbst
gemäß der Art und Weise des Objekts begrenzen. Das ist in
*; oder das Bewußtsein (nur in der frz. Ausg.).
92
Descartes, Meditationen.
der Tat eine äußere Bezeichnung und nichts der Sache An-
gehöriges usw." Dazu ist zu bemerken, daß er den Gegen-
stand selbst ansieht als außerhalb des Verstandes gesetzt,
mit Rücksicht worauf es dann allerdings nur eme äußere
Bezeichnung ist, daß er in objektiver Weise im Verstände
vorhanden ist, während ich von der Idee spreche, die me^
mals außerhalb des Verstandes ist und mit Bezug worauf
„objektiv vorhanden sein" nichts anderes bedeutet, als im
Verstand in eben der Weise vorhanden sein, wie Objekte
darin zu sein pflegen. Wenn z. B. jemand fragt, was der
Sonne dadurch zustößt, daß sie objektiv in meinem Ver-
stände vorhanden ist, so antwortet man ganz mit Recht,
daß ihr nichts „zustößt", als eine äußere Bezeichnung, weil
sie nämlich die Operation meines Verstandes nach Art eines
Objektes begrenzt. Richtet sich aber die Frage darauf, was
[134] die Idee der Sonne | ist, und man antwortet, daß sie die
bewußt gedachte Sache ist, sofern sie objektiv im Verstände
ist, so wird niemand darunter verstehen, daß es die Sonne
selbst ist, sofern in ihr jene äußere Bezeichnung vorhanden
ist, und es wird alsdann: „objektiv im Verstand enthalten
sein" nicht bedeuten, seine Operation nach Art des Objekts
begrenzen, sondern in der Weise im Verstände enthalten
sein, wie es seine Objekte zu sein pflegen, so daß die Idee
der Sonne die im Verstände — zwar nicht formal, wie am
Himmel, aber doch objektiv, d. h. in der Weise, wie die
Objekte im Verstände zu sein pflegen, — existierende Sonne
selbst ist. Diese Seinsweise ist allerdings weit unvollkom-
mener als die, gemäß der die Dinge außerhalb des Ver-
standes existieren, aber darum nicht ein vollkommenes
Nichts, wie ich schon vorher gesagt habe.
Wenn dann der gelehrte Theologe sagt (s. o. S. 83,
Z. 26). jene Worte („gar nichts") ließen mehrere Deutungen
zu, so scheint er die Absicht gehabt zu haben, mich auf
das, was ich weiter unten bemerkt habe, hinzuweisen, damit
ich es nicht etwa übersähe. £r sagt nämlich erstens, eine
Sache, die so durch ihre Idee im Verstände existiere, sei
nicht ein aktuelles Wesen, d. h. sei nicht etwas außerhalb
des Verstandes Gesetztes. Das ist richtig. Zweitens sagt
er auch, diese Sache „sei nicht etwas Erdachtes oder ein
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände.
98
bloßes Gedanken- Wesen, sondern etwas Reales, das deutlich
im Denken gesetzt wird"; mit [diesen Worten gibt er alles [135]
das zu, was ich zum Beweis herangezogen habe. Aber trotz-
dem fügt er hinzu : „Weil es nur im Denken gesetzt wird und
nicht aktuell ist," — d. i. weil es nur eine Idee ist und nicht
eine außerhalb des Verstandes gesetzte Sache — „könne
es zwar im Denken gesetzt werden, aber nie und nimmer
verursacht werden" (s. o. S. 83, Z. 3— lu.), d. h. es habe keine
Ursache nötig, um außerhalb des Verstandes zu existieren.
Schon richtig; aber, um im Denken gesetzt zu werden, hat
es doch gewiß eine Ursache nötig, und um diese allein
handelt es sich. Ebenso kann man, wenn jemand die Idee
einer sehr komplizierten Maschine im Verstände hat, in der
Tat mit Recht fragen, was denn die Ursache dieser Idee
ist. Und es würde uns nicht befriedigen, wenn uns einer
erklärte, daß diese Idee außerhalb des Verstandes nichts
sei, imd daß sie infolgedessen nicht verursacht werden,
sondern eben nur im Denken gesetzt werden könnte; denn
hier handelt es sich um nichts anderes als um die Ursache,
weshalb sie im Denken gesetzt wird. Und auch die Er-
klärimg würde uns nicht befriedigen, der Verstand selbst
sei ihre Ursache, da sie einle seiner Operationen sei; denn
darüber herrscht gar kein Zweifel, sondern nur über die Ur-
sache der objektiven Kunstfertigkeit, die in ihr liegt. Denn
daß diese Idee einer Maschine diese eine objektive Kunst-
fertigkeit viel mehr enthält als eine andere, das muß sie
in der Tat aus irgendeiner Ursache haben; imd es ist
hinsichtlich dieser Idee die objektive | Kunstfertigkeit das- [136]
selbe, was hinsichtlich der Idee Gottes die objektive Rea-
htät ist. Und 'zwar kann die Ursache dieser Kunst-
fertigkeit verschieden angegeben werden. Sie ist nämlich
entweder irgendeine wirkliche, früher gesehene Maschine,
nach deren Vorbild diese Idee gebildet worden ist, oder
eine bedeutende, in dem Verstand dessen, der die Idee hat,
vorhandene Kenntnis der Mechanik, oder etwa eine be-
sonders feine Begabung, mit deren Hilfe er auch ohne vor-
hergehende Kenntnis jene hat erfinden können. Und man
muß bemerken, daß jede Kunstfertigkeit, die nur in objek-
tiver Weise in jener Idee vorhanden ist, notwendig in for-
514
Descartes, Meditationen.
maier oder eminenter Weise in ihrer Ursache vorhanden sein
muß, mag diese Ursache nun sein, welche es will.
Dasselbe gilt nun von der objektiven Realität, die in der
Idee Gottes vorhanden ist. In wem aber wird sie in solcher
Weise vorhanden sein außer in dem real existierenden Gott ?
Aber der scharfsinnige Mann hat dies alles aufs beste er-
kannt und gesteht deshalb (s. o. S. 82, Z. lu. bis S. 83, Z. 1),
man könne fragen, ,,warum diese Idee die eine objektive
Realität eher enthält als die andere". Auf diese Frage ant-
wortet er zunächst, ,,von allen Ideen gelte dasselbe, was ich
von der Idee des Dreiecks gesagt habe, nämlich, möge auch
ein Dreieck nirgend in der Welt existieren, dennoch habe es
eine bestimmte Natur oder Wesenheit oder Form, die un-
[137] veränderlich und ewig sei." | Und „dieser Satz", sagt er,
„fordere keine Ursache". Daß dies uns noch nicht be-
friedigt, sieht er wohl; denn mag auch die Natur des Drei
ecks unveränderlich und ewig sein, so darf man doch nichts-
destoweniger fragen, wie es kommt, daß seine Idee in uns
ist. Deshalb fügt er die Worte hinzu: „Wenn ich trotz
dem mit aller Gewalt nach einem Grunde verlangte, so wäre
dieser die Unvollkommenheit unseres Verstandes usw.* Mit
dieser Antwort hat er scheinbar nur andeuten wollen, daß
die, die von mir haben abweichen wollen, in dieser Sache
nur ganz unwahrscheinliche Antworten vorbringen. Denn
die Behauptung, die Unvollkommenheit unse es Verstandes
sei die Ursache für das Vorhandensein der Idee Gottes in
uns, hat wahrlich keine größere Wahrscheinlichkeit für sich
als die Behauptung, die Unkenntnis der Mechanik sei die
Ursache dafür, daß wir irgendeine sehr kunstvolle Maschine
eher als eine andere in unserer Einbildung haben. Vielmehr
verhält sich's gerade umgekehrt! Wenn jemand die Idee
einer Maschine hat, in der alle erdenkliche Kunstfertigkeit
enthalten sein möge, so schließt man daraus mit gutem
Recht, daß diese Idee aus irgendeiner Ursache geflossen
sei, in der alle erdenkliche Kunstfertigkeit in voller Wirk-
lichkeit*) existierte, selbst wenn sie in dieser Idee nur in
objektiver Weise**) vorhanden ist.
*) und tatsächlich (frz. Ausg.).
"*) und gar nicht tatsächlich (frz. Ausg.).
I
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände.
96
Ebenso kann man nun daraus, daß wir in ims die Idee
Gottes haben, in der alle erdenkliche | Vollkommenheit ent- [138]
halten ist, ganz offenbar schließen, daß diese Idee von
irgendeiner Ursache abhängt, in der jene ganze Vollkommen-
heit ebenfalls vorhanden ist, d. i. in dem wirklich existieren-
den Gott. Die Schwierigkeit würde auch nicht in dem einen
Punkt größer erscheinen als in dem anderen, werm ebenso,
wie nicht alle Leute erfahrene Mechaniker sind und des-
halb die Ideen von sehr kunstvollen Maschinen nicht haben
können, auch nicht alle die gleiche Fähigkeit hätten, die
Idee Gottes aufzufassen; aber weil sie allen in gleichem
Maße eingegeben ist und wir niemals bemerken, daß sie an
uns von einer anderen Seite als von uns selbst herankommt,
nehmen wir an, daß sie zur Natur unseres Verstandes gehört.
Und zwar nicht mit Unrecht; aber wir vergessen etwas
anderes, was vor allen Dingen betrachtet v erden muß, und
wovon die ganze Kraft und Klarheit dieses Beweises ab-
hängt, nämUch den Umstand, daß diese Fähigkeit, die Idee
Gottes in sich zu haben, nicht in unserm Verstände sein
könnte, wenn dieser Verstand nur ein endHches Wesen wäre,
wie er es \virklich ist, und keine Ursache seiner selbst hätte,
die Gott wäre. Deshalb habe ich auch des weiteren imter-
sucht, „ob ich existieren könnte, wenn Gott nicht existierte*
(s. o. S. 39, Z. 17—19), und das weniger, um eine von der
vorhergehenden verschiedene | Begründung anzuführen, als [139]
vielmehr, um den einen Beweisgang noch vollkommener zu
veranschaulichen.
Hier aber bringt mich die übergroße Aufmerksamkeit
des Mannes in eine leicht Neid erregende Lage*); denn er
vergleicht meinen Beweis mit einem, den er aus Thomas
V. Aquino und Aristoteles herausgeholt hat, um gewisser-
maßen von mir Rechenschaft zu fordern, warum ich trotz
gleichen Ausgangspunktes ihnen nicht in allen Stücken
gefolgt bin. Aber es sei mir gestattet, von anderen zu
schweigen und nur über das, was ich selbst gesagt habe,
Rechenschaft abzulegen.
*) in eine ziemlich schwierige Lage, die geeignet ist, den Neid
und die Eifersucht vieler auf mich zu ziehen (frz. Ausg.).
Pe«carte», ^Tedhationcn. 7
96
Descartes, Meditationen.
Erstens habe ich nicht meinen Beweis aus der sicht-
baren Ordnung in der Sinnenwelt oder aus einer Aufein-
anderfolge von wirkenden Ursachen geführt, und zwar ein-
mal, weil ich das Dasein Gottes für viel evidenter hielt als
das von irgendwelchen sinnlichen Dingen, und dann auch,
weil es mir schien, daß ich durch jene Aufeinanderfolge
von Ursachen höchstens zu der Erkenntnis von der Un-
vollkommenheit meines Verstandes gelangen könnte, denn
ich könnte ja nicht begreifen, wie unendlich viele solcher
Ursachen einander von Ewigkeit her in der Weise gefolgt
sind, daß keine die erste gewesen ist. Denn daraus, daß
[140] ich das nicht | begreifen kann, folgt ganz gewiß nicht, daß
irgendeine die erste sein muß, ebensowenig wie daraus, daß
ich die unendlichen Teilungen in der endlichen Quantität
nicht begreifen kann, folgt, daß es irgendeine letzte Teilung
gibt derart, daß man nicht weiter teilen könnte; sondern es
folgt nur, daß mein Verstand, der endlich ist, das Unendliche
nicht faßt. Daher wollte ich zum Ausgangspunkt meines
Beweisgangs lieber das Dasein meiner selbst machen, das
von keiner Kette von Ursachen abhängt und mir so bekannt
ist, daß nichts bekannter sein könnte; und an mir habe ich
weniger untersucht, aus welcher Ursache ich ehemals hervor-
gegangen war, als vielmehr, aus welcher Ursache ich im
gegenwärtigen Zeitpunkt erhalten werde, um mich so von
jegHcher Aufeinanderfolge*) von Ursachen zu befreien.
Zweitens habe ich nicht untersucht, was die Ursache
von mir sei, insofern ich aus Geist und Körper bestehe,
sondern genau nur, insofern ich ein denkendes Ding (res
cogitans) bin. Und ich glaube, das macht nicht wenig aus.
Denn so konnte ich weit besser mich von vorgefaßten Mei-
nungen befreien, auf das Licht der Natur achten, mich selbst
befragen und als gewiß behaupten, daß nichts in mir
sem könne, dessen ich mir in keiner Weise bewußt bin.
Das ist etwas völlig anderes, als wenn ich, weil ich meinen
rij n 5;''^P^""^ ^p^ meinem Vater sehe, auch die Herkunft meines
L141J Vater von | meinem Großvater betrachtete, dann bei der
Aufsuchung der Ahnen meiner Vorfahren nicht bis ins Un-
♦) Folge und Succession (luite et succession) im Franiösischen,
T
V
/
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände. 97
endliche weitergehen könnte und nun, um die Untersuchung
zu beendigen, irgendeine erste Ursache annähme.
Drittens habe ich nicht nur untersucht, was die Ur-
sache von mir sei, insofern ich ein denkendes Ding bin
sondern auch am meisten und ganz besonders, insofern ich
neben den übrigen Vorstellungen das Vorhandensein der
Idee des höchst vollkommenen Wesens in mir bemerke
Denn von diesem einen Punkt hängt die ganze Kraft meiner
Darlegung ab : erstlich, weil in jener Idee das Wesen Gottes
enthalten ist, natürlich nur, soweit er von mir verstanden
werden kann — und nach den Gesetzen der wahren Logik
darf man bei keiner Sache jemals fragen, „ob sie ist (an sit)",
wenn man nicht zuvor einsieht, „was sie ist (quid sit)" — •
ferner, weil eben diese Idee mir die Gelegenheit gibt zur
Prüfung, ob ich mein Dasein von mir habe oder von etwas
anderem, und zur Erkenntnis meiner Fehler; und endlich ist
es jene Idee, die mich nicht nur lehrt, daß es irgendeine
Ursache von mir gibt, sondern außerdem auch, daß in jener
Ursache alle Vollkommenheiten enthalten sind, und dem-
nach, daß sie Gott ist.
Schließlich habe ich nicht behauptet, es sei unmöglich,
daß irgend etwas die wirkende Ursache (causa efficiens)
seiner selbst sei; denn obwohl dies offenbar wahr ist wenn
man I die Bezeichnung „wirkend^ auf diejenigen Ursachen 11421
beschrankt, die ihren Wirkungen zeitlich vorangehen oder
die von ihnen verschieden sind, so scheint doch in dieser
Untersuchung eine solche Beschränkung nicht am Platze zu
sein; einmal, weil es eine wertlose Untersuchung wäre —
denn wer wüßte nicht, daß ein und dasselbe Ding nicht sich
selbst zeitlich vorangehen oder von sich selbst verschieden
sein kann? — dann auch, weil das natürliche Licht nicht
lehrt daß es zur Eigenschaft eines Wirkenden erforderhch
sei, daß es seiner Wirkung zeitlich vorangehe; denn gerade
im Gegenteil besitzt es die Eigenschaft als Ursache nur so
lange zu eigen, als es die Wirkung ausübt, und geht ihr
demnach mcht zeitlich voran. Das natürliche Licht lehrt uns
''^Zu''^ ' '^^^' "^ ^' ^^^^^ ^^^^^ ^bt, bei der es nicht
statthaft wäre, zu fragen, warum sie existiert, oder a'xh nach
Ihrer wirkenden Ursache zu forschen, oder, wenn sie keine
1*
98
Descarte?, Meditnt innen.
hat, zu fragen, warum sie keiner bedarf. Wenn ich daher
glaubte, daß keine Sache gewissermaßen sich zu sich selbst
so verhalten könnte wie die wirkende Ursache zur Wir-
kung*), war ich doch so weit entfernt, daraus auf das Vor-
handensein irgendeiner ersten Ursache zu schließen, daß ich
[143] vielmehr ini Gegenteil | die Ur:,ache gerade von der so
genannten ersten Ursache nicht mehr erforschte und so nie
mals zu eiaer allerersten Ursache gelangte. Nun gestehe
ich aber ganz offen, daß es etwas geben kann, dessen Macht
so groß und unerschöpflich ist, daß es keiner Beihilfe zu
seiner Existenz bedurft hat, und das iilso auch jetzt zu seiner
Erhaltung dtssen nicht bedarf, so daß dies gewissermaßen
Ursache seiner selbst (causa sui) ist, und ich denke mir, daß
Gott derart ist. Denn wenn ich auch von Ewigkeit her ge
wesen wäre und demnach nichts früher als ich existiert hätte.
sehe ich doch, daß die Teile der Zeit voneinander getrennt
werden können und also daraus, daß ich jetzt bin, nicht folgt,
daß ich auch in Zukunft sein werde, wenn nicht irgendeine
Ursache mich gleichsam von neuem schafft in den einzelnen
Augenblicken, und ich dürfte deshalb nicht Bedenken tragen
jene Ursache, die mich erhält, die wirkende zu nennen.
Ebenso scheint es, daß Gott -- obwohl er ja zu allen Zeiten
gewesen ist ~, weil er doch ebenderselbe ist, der sich wirk
lieh erhält, in nicht ungeeigneter Weise als Ursache seiner
selbst bezeichnet werden kann. Dabei ist jedoch zu be
achten, daß hier nicht die Erhaltung gemeint ist, die durch
einen positiven Einfluß einer wirkenden Ursache zustande
kommt, sondern nur, daß Gottes Wesenheit von solcher Be
schaffenheit ist, daß er eben immer existieren muß.
[144] ( Nunmehr werde ich leicht auf die Unterscheidung in
betreff des Wortes „durch sich* erwidern können, deren
Darlegung mir der gelehrte Theologe ans Herz gelegt hat
(s.o.S.84, Z.6u.ff.). Manche nämlich beachten nur die eigent-
liche und engere Bedeutung des Wortes „wirkend" und
^^^^^" ^1^ unmöglich, daß irgend etwas d:e wirkende Ur
•) Nach „Wirkung« werden die Worte (Man muß bemerken,
q!1"" uf" rr^^ """.^"^ "''' gemeint ist, daß die Wesenheit einer
bache so beschaffen sem könnte, daß sie keiner wirkenden Ursache
Dedurfte, um lu existieren) in der ersten Ausgabe hinzugefügt
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände.
99
Sache seiner selbst sei, und bemerken, daß hier keine andere
Art von Ursache, die der wirkenden Ursache analog wäre,
Platz habe ; und diese freilich pflegen, wenn sie sagen, etwas
sei „durch sich", darunter nur das zu verstehen, was keine
Ursache hat. Wollten jedoch diese Leute mehr auf den Si m
als auf den Buchstaben achten, so würden sie leicht be-
merken, daß die negative Auffassung des Wortes „durch
sich" allein von der Unvollkommenheit des menschlichen
Verstandes herkommt und in den Dingen keinen Grund
fmdet, daß dagegen etwas ganz anderes die positive Auf-
fassung ist, die sich an die Wirklichkeit der Dinge anlehnt,
und von der allein mein Beweis ausgegangen ist.
Denn wenn z. B. jemand annähme, irgendein Körper sei
durch sich, so meint er damit vielleicht nichts anderes, als
daß er kerne Ursache habe; und das behauptet er nicht aus
irgendemem positiven Grunde, sondern nur in negativer
Weise, weil er keine Ursache dieses Körpers kennt. Aber
das zeigt doch eine Unvollkommenheit | in dem Beurteiler [145]
wie er nachher leicht sich klarmachen wird, wenn er erwägt'
daß die Teile der Zeit nicht einer vom andern abhängen, und
daß demnach seine Annahme, daß jener Körper bis zu
diesem Augenblick durch sich, d. h. ohne Ursache gewesen
ist, nicht ausreicht, um zu erklären, daß er auch in Zukunft
sein wird, wenn nicht irgendeine*) Macht in ihm ist, die ihn
sozusagen fortwährend von neuem hervorbringt. Sobald er
nun sieht, daß es eine solche Macht in der Idee des Körpers
nicht gibt, wird er sofort daraus schließen, daß er nicht
durch sich ist, und wird dies Wort „durch sich" positiv
lassen. In ahnlicher Weise, wenn wir sagen, Gott sei durch
sich, können mr dies zwar auch negativ meinen, so nämlich
daß das nur heißen soll, daß es keine Ursache von ihm gibt-
aber wenn wir vorher nach der Ursache, warum er ist oder
warum er im Sein verharrt, geforscht haben, wenn wir auf
die unermeßliche und unfaßhche Macht achten, die in seiner
Idee enthalten ist, und sie dabei als so überragend erkennen,
daß offenbar sie die Ursache ist, warum er im Sein verharrt
und daß es keine andere neben ihr geben kann, dann sagen
♦) reale und positive (frz. Ausg.).
100
Descaites, Meditationen.
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände.
101
wir, daß Gott durch sich ist, und nun nicht mehr negativ,
sondern im Gegenteil so positiv wie nur möglich. Denn
wenngleich es nicht nötig ist, zu sagen, daß er die wirkende
[146] Ursache seiner selbst ist, um nicht | über Worte zu streiten,
so ist es doch, weil wir wahrnehmen, daß das, was durch
sich ist, d. h. was keine von sich verschiedene Ursache hat,
nicht durch ein Nichts, sondern durch die reale Unermeß-
lichkeit seiner Macht ist, für uns durchaus statthaft zu
denken, daß er in gewisser Weise mit Bezug auf sich selbst
dieselbe Rolle spielt, wie die wirkende Ursache mit Bezug
auf ihre Wirkung, und daß er demnach positiv durch sich
selbst ist. Und es ist auch einem jeden gestattet, sich selbst
zu fragen, ob er in demselben Sinne durch sich ist; und
wenn er dann keine Macht in sich gefunden hat, die genügen
könnte, ihn selbst auch nur einen Augenblick zu erhalten,
so schließt er mit Recht, er sei durch einen andern, und zwar
durch einen, der durch sich ist, weil es sich um die Gegen-
wart und nicht um Vergangenheit oder Zukunft handelt un 1
man deshalb nicht ins Unendliche fortgehen kann; ja, ich
will hier auch hinzufügen, was ich jedoch vorher noch nicht
gesagt habe, daß man nicht einmal zu der nächsthöheren
Ursache gelangt, sondern daß überhaupt die, die soviel
Macht besitzt, daß sie eine außer sich befindliche Sache er-
hält, um so mehr sich selbst durch ihre eigene Macht erhält
und somit durch sich ist.
*Und um hier einem Einwand zu begegnen, den man
vielleicht machen könnte, daß nämlich der, der sich in dieser
Weise selbst fragt, möglicherweise die Macht, sich zu er-
halten, besitzt, ohne sich dessen bewußt zu sein, sage ich,
daß das unmöglich ist, und daß, wäre diese Macht in ihm,
er notwendig Kenntnis von ihr hätte. Denn da er sich in
diesem AugenbHck nur als ein denkendes Ding betrachtet,
kann nichts in ihm sein, wovon er nicht Kenntnis hätte oder
haben könnte, weil alle Handlungen eines Geistes, wie die
* Dieser Al)schnitt (bis: hervorbringt) steht nur in der fran-
zösischen Ausgal)e. Es kann hier nur ein Zusatz von Descartes
vorliegen, der ja, wie im Vorwort erwähnt, die französische Über-
tragung Clerseliers korrigiert hat; darum ist das Obige in den
Text eingesetzt worden.
i
wäre, sich selbst zu erhalten, wenn sie aus sich hervorginge,
Gedanken sind und demnach dem Geiste gegenwärtig und
bekannt sind, und so auch jene ihm gegenwärtig und be-
kannt sein würde; durch sie aber würde er notwendig dahin
kommen, die Fähigkeit zu erkennen, die ihn hervorbrächte.
Jede Handlung führt uns nämlich notwendig zur Kenntnis
der Fähigkeit, die sie hervorbringt.
Wenn man aber sagt, „jede Beschränkung sei durch
eine Ursache** (s. o. S. 85, Z. 12), so meint man wohl | etwas [147]
Richtiges, drückt es aber mit wenig geeigneten Worten aus
und beseitigt die Schwierigkeit nicht. Denn, um es in ge-
eigneter Weise auszudrücken, so ist Beschränkung nur die
Verneinung einer noch weiteren Vollkommenheit, welche
Verneinung nicht durch eine Ursache, sondern die be-
schränkte Sache selbst ist. Obwohl es aber wahr ist, daß
jede Sache durch eine Ursache beschränkt ist, ist das doch
nicht ohne weiteres klar, sondern muß von irgendeiner
andern Seite her bewiesen werden. Wie nämlich der fein-
sinnige Theologe sehr richtig erwidert, muß man annehmen,
daß eine jede Sache auf diese oder auf jene Weise be-
schränkt ist, entweder weil derjenige, welcher sie hervor-
gebracht hat, ihr nicht mehr Vollkommenheiten gegeben hat,
oder weil ihre Natur von solcher Beschaffenheit ist, daß sie
nur eine bestimmte Anzahl von ihnen aufnehmen kann*):
weil das zu ihrer Natur gehört **), wie es die Natur des Drei-
ecks ist, nicht mehr als drei Seiten zu haben. Aber das scheint
mir ohne weiteres klar zu sein, daß alles das, was ist, entweder
durch eine Ursache oder durch sich als durch eine Ursache
ist. Denn da wir nicht nur das Dasein, sondern auch die
Verneinung des Daseins verstehen, können wir uns nichts
ausdenken, das so durch sich wäre, daß man keinen Grund
angeben könnte, warum es lieber existiert als nicht exi-
stiert. Das bedeutet, daß wir jenes „durch sich'* nicht mit
den Worten ,,als durch eine Ursache* erklären dürfen,
wegen der Überfülle der Macht, deren Vorhandensein allein
in Gott sich leicht nachweisen läßt.
*) entweder — kann: nur in der frz. Ausg.
**) weil — gehört: nur in der lat. Ausg.j .
102
Descartes, Meditationen.
Was er darauf mir zugibt (s. o. S. 85, Z. 9 u.ff.), wird, ob-
1148] wohl es wirklich ganz unzweifelhaft ist, doch so wenig | im
allgemeinen beachtet und ist dabei von solcher Wichtigkeit,
um die ganze Philosophie aus dem Dunkel*) wieder ans
Licht zu erheben, daß er, indem er dies durch sein Zeugnis
bekräftigt, mir in meinem Vorhaben eine große Unter-
stützung ist.
Hier stellt er die kluge Frage, „ob ich k^ar und dtstinkt
das Unendliche erkenne" fs. o. S. 8B, Z. 10); denn obgleich
ich diesem Einwände zuvorzukommen versucht habe, liegt
er doch für einen jeden so nahe, daß es sich lohnt, etwas
ausführhcher auf ihn zu antworten. Daher möchte ich hier
an erster Stelle sagen, daß das Unendliche, sofern es un-
endlich ist, in keiner Weise zwar beg^riffen, nichtsdesto
weniger aber doch verstanden wird, sofern nämlich kl ir und
distinkt einsehen, daß eine Sache derart is% dalj sich in ihr
durchaus keine Grenzen finden können, eben h?ißt klar
einsehen, daß sie unendlich ist.
Und zwar mache ich hier eine Unterscheidimg zwischen
dem Indefiniten und dem Infiniten; und nur das bezeichne
ich im eigentlichen Sinne als unendlich (infinit), worin sich
in keiner Hinsicht Grenzen finden. In diesem Sinne ist
Gott allein unendlich. Dasjenige aber, worin ich nur nach
einer bestimmten Richtung kein Ende erkenne, wie die
Ausdehnung des sinnlich vorstcllbariu Raums, die Menge
der Zahlen, die Zerlegung der Quantität in Teile und dergl.
[149] nenne ich zwar | indefinit, nicht aber infinit, da es nxht in
jeder Beziehung des Endes entbehrt.
Außerdem unterscheide ich zwischen dem formalen
Grunde des Unendlichen oder der ITnendlichkeit uni der
Sache, die unendlich ist; die Unendlichkeit nämlich ver-
stehen wir, wenn auch als etwas im höchsten Maße Positives,
dennoch gewissermaßen nur auf negative Weise, nämlich
daraus, daß wir in einer Sache keine Einschränkung be-
merken; die Sache selbst dagegen verstehen wir zwar po
sitiv, nicht aber adäquat d. h. unsere Einsicht umfaßt nicht
das Ganze, was sich in ihr verstehen läßt, sondern nur so.
*) in dem sie begraben zu sein scheint (frz. Ausg.).
)
'i
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände. 108
wie, wenn wir auf das Meer unser Auge richten, freilich
nicht auf das ganze Meer unser Blick sich erstreckt und
wir nicht seine unermeßliche Ausdehnung ermessen, und
man gleichwohl sagt, daß wir es sehen ; und zwar, wenn wir
aus der Ferne hinsehen, um gleichsam das Ganze mit einem
Blick zu umspannen, sehen wir es nur verworren, wie wir
auch ein Tausendeck uns verworren vorstellen, wenn wir
alle seine Seiten mit einem Male erfassen wollen; richten
wir aber aus der Nähe auf einen Teil des Meeres den Blick,
so kann ein solches Sehen sehr klar imd distinkt sein, wie es
auch die Vorstellung eines Tausendecks sein kann, wenn sie
sich nur auf | dessen eine oder andere Seite erstreckt. In [150]
ähnlichem Sinne glaube ich mit allen Theologen, daß Gott
vom menschlichen Geiste nicht erfaßt werden kann, und daß
er auch nicht einmal von denen distinkt erkannt werden
kann, die ihn ganz und auf einmal mit ihrem Geist zu um-
spannen suchen und ihn gleichsam von weitem ansehen, in
welchem Sinne Thomas v. Aquino a. a. O. sagt, die Kennt-
nis Gottes sei nur „in einer gewissen Verworrenheit" in uns
(s. o. S. S(j, Z. 11 u.). Aber die, die auf seine einzelnen Voll-
kommenheiten achten und weniger versuchen, sie zu erfassen
als vielmehr von ihnen erfaßt zu werden*) und alle Kräfte
ihres Verstandes zur Betrachtung dieser Vollkommenheiten
auszunutzen, finden fürwahr einen viel größeren und leich-
teren Stoff für eine klare und distinkte Erkenntnis in Gott,
als in irgendwelchen geschaffenen Dingen.
Und das hat Thomas sehr wohl gewußt, wie aus seinem
folgenden Artikel hervorgeht, in dem er behauptet, das Da-
sem Gottes lasse sich beweisen. Ich aber habe überall da,
wo ich gesagt habe, Gott könne klar und distinkt erkannt
werden, nur an diese endliche und dem Maße unseres
Geistes angepaßte Erkenntnis gedacht. Und für die Wahr-
heit des von mir Behaupteten brauchte man auch an nichts
anderes zu denken, wie man | leicht sehen wird, wenn man [15 IJ
beachtet, daß ich das nur an zwei Stellen gesagt habe, näm-
lich erstens dort, wo es sich darum handelte (s. o. S. 37,
A *1 ^^t" "\^" ~ werden" in der frz. Ausg.: sie zu bewundern
und Ihre Erhabenheit über jedes Erfassen hinaus zu erkennen.
104
Descartcs, Meditationen.
Z. 2 u. ff.), ob in der Idee, die wir uns von Gott bilden, etwas
Reales oder nur die Verneinung einer Sache enthalten ist,
wie etwa in der Idee der Kälte nichts anderes vorhanden ist
als die Verneinung der Wärme, worüber es keinen Zweifel
gibt; und zweitens dort, wo ich behauptet habe (s. o. S. 55,
Z.lSff.), daß ebensogut das Dasein zum Begriff des höchst
vollkommenen Wesens gehört wie die drei Seiten zum Be-
griff des Dreiecks, was man auch ohne eine adäquate Kennt-
nis Gottes einsehen kann.
Jetzt vergleicht er wieder (s. o. S. 87, Z. 8 u.ff.) einen von
meinen Beweisgründen mit einem aus Thomas v. Aquino, um
mich gleichsam zu zwingen, daß ich zeige, in welchem von
beiden die größere Stärke liegt. Und das glaube ich ohne
große Eifersucht tun zu können, weil erstens Thomas jenen
Beweisgrund nicht als seinen eigenen vorgebracht hat, und
zweitens er nicht dasselbe geschlossen hat wie ich, und weil
ich schließlich hier in keinem Punkte von dem Doctor an-
gelicus abweiche. Es wird nämlich von ihm untersucht, ob
es ohne weiteres für uns bekannt sei, daß Gott ist, d. h. ob
es für einen jeden auf der Hand liegt. Das verneint er,
und mit Recht. Der Beweisgrund aber, den er sich vorlegt,
kann so gefaßt werden: Hat man verstanden, was dieser
[1.^2] Name | „Gott" angibt, so wird das verstanden, über das
hinaus nichts Größeres angegeben werden kann; nun ist es
etwas Größeres, in Wirklichkeit und im Verstände zu sein
als nur im Verstände zu sein; folglich versteht man, wenn
man verstanden hat, was dieser Name „Gott** angibt, daß
Gott in Wirklichkeit und im Verstände ist (s. o. S. 87.
Z.4u.ff.). Hier ist offenbar ein Fehler in der Form; der Schluß
hätte nämlich nur lauten dürfen: folglich versteht man,
wenn man verstanden hat, was dieser Name „Gott* angibt,
daß er angibt, Gott sei in Wirklichkeit und im Verstände.
Was jedoch nur durch Worte angegeben wird, ist darum
nicht ohne weiteres wahr. — Mein Beweisgrund dagegen
war folgender: Das, wovon wir klar und distinkt einsehen,
daß es zu der wahren und unveränderlichen Natur oder
Wesenheit oder Form einer Sache gehört, das können wir
von dieser Sache mit Wahrheit behaupten. Nachdem wir
nun nüt hinreichender Genauigkeit geforscht haben, was
I
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände. 105
Gott wohl ist, sehen wir klar und distinkt ein, daß zu seiner
wahren und unveränderlichen Natur gehört, daß er existiert.
Folglich können wir jetzt mit Wahrheit von Gott behaupten,
daß er existiert. Dabei wird der Schluß wenigstens richtig
gezogen. — Der Obersatz kann hier nicht geleugnet werden,
weil schon vorher zugegeben wurde, daß „alles das, was wir
klar und distinkt einsehen | wahr ist*' (s. o. S. 85, Z. 9 u.ff.). [153]
Bleibt nur der Untersatz, in dem — ich gestehe es — die
Schwierigkeit nicht gering ist. Denn erstens sind wir in
den übrigen Dingen so daran gewöhnt, das Dasein von der
Wesenheit zu unterscheiden, daß wir nicht zur Genüge be-
merken, wie es zur Wesenheit Gottes weit mehr gehört als
zu der anderer Dinge; zweitens unterscheiden wir das, was
zur wahren und unveränderlichen Wesenheit einer Sache
gehört, nicht von dem, was ihr nur von unserem Verstände
angedichtet wird, und ziehen deshalb auch dann, wenn wir
zur Genüge bemerken, daß das Dasein zur Wesenheit Gottes
gehört, doch nicht den Schluß, daß Gott existiert, weil wir
eben nicht wissen, ob seine Wesenheit unveränderlich und
wahr ist oder nur von uns erdichtet.
Um den ersten Teü dieser Schwierigkeit zu beseitigen,
muß man unterscheiden zwischen dem möglichen und dem
notwendigen Dasein, und man muß beachten, daß zwar in
dem Begriff oder der Idee aller derjenigen Dinge, die wir
klar und distinkt erkennen, das mögliche Dasein enthalten
ist, aber nirgend das notwendige Dasein, außer in der Idee
Gottes. Wer nämhch auf diesen Unterschied zwischen der
Idee Gottes und allen übrigen Ideen sorgfältig achtet, wird
ohne Zweifel | wahrnehmen, daß zwar bei den übrigen [154]
Dingen, obwohl wir sie nie anders als gleichsam existierend
einsehen, daraus doch nicht folgt, daß sie existieren, sondern
höchstens, daß sie existieren können, weil wir nicht ein-
sehen, daß notwendig das aktuelle Dasein mit den andern
Eigenschaften dieser Dinge verbunden ist; er wird anderer-
seits auch wahrnehmen, daß aus unserer Einsicht, daß das
aktuelle Dasein notwendig und immer mit den übrigen Attri-
buten Gottes verbunden ist, unbedingt folgt, daß Gott
existiert.
Um sodanii den zweiten Teil der Schwierigkeit zu be-
106
Descartes, Meditationen.
seitigen, muß man bemerken, daß jene Ideen, die keine
wahren und unveränderlichen Naturen in sich enthalten,
sondern nur erdichtete und von dem Verstand gebildete!
durch diesen selben Verstand auch wieder zerlegt werden
können, nicht nur durch eine Abstraktion, sondern durch
eine klare und distinkte Operation, derart, daß die, die der
Verstand so nicht zerlegen kann, ohne Zweifel nicht von
ihm gebildet worden sind. Wenn ich mir z. B. ein ge
flügeltes Pferd oder einen aktuell existierenden Löwen oder
em einem Quadrat einbeschriebenes Dreieck denke, sehe
ich leicht ein, daß icli mir auch umgekehrt ein Pferd ohne
Flügel, einen Löwen, der nicht existiert, ein Dreieck ohne
iao) Quadrat u. a. m. denken kann, und daß | sie demnach keine
wahren und unveränderlichen Naturen haben. Wenn ich
mir aber ein Dreieck denke oder ein Quadrat — über Löwe
und Pferd spreche ich hier nicht, weil deren Naturen uns
nicht völlig bekannt sind —, dann werde ich sicherlich alles
das, was ich in der Idee des Dreiecks enthalten finde, wie
daß die Summe seiner drei Winkel gleich zwei Rechten ist
usw., von dem Dreieck mit Wahrheit behaupten, und vom
Quadrat alles das, was ich in der Idee des Quadrats finden
werde. Denn obwohl ich mir ein Dreieck auch denken
kann wenn ich meine Vorstellungen so beschränke, daß sie
von dem Satze, daß die Summe seiner drei Winkel gleich
zwei Rechten ist, ganz absehen*), so kann ich dies doch
mcht an ihm leugnen bei einer klaren und distinkten Ope-
ration, d. h. wenn ich das, was ich sage, richtig einsehe,
i^ern^r, wenn ich ein einem Quadrat einbeschriebenes Drei-
eck betrachte, nicht, um das, was nur zum Dreieck gehört
dem Quadrat zuzuteilen oder dem Dreieck das zum Quadrat
Gehörige, sondern um nur das zu betrachten, was aus der
V erbindung beider hervorgeht, wird deren Natur nicht we-
niger wahr und unveränderlich sein als die des Quadrats
oder des Dreiecks allein; und daher wird man behaupten
dürfen daß das Quadrat genau doppelt so groß sei als
156] jenes Dreieck i u. ä., was zu der Natur dieser zusammen-
gesetzten Figur gehört.
♦) Nach dem frz. Text!
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände.
107
Wenn ich aber betrachte, daß in der Idee des höchst
vollkommenen Körpers die Existenz enthalten ist, weil es
nämlich eine größere Vollkommenheit ist, in Wirklichkeit
und im Verstände zu sein als nur im Verstände, kann ich
daraus nicht schließen, daß jener höchst vollkommene Kör-
per existiert, sondern nur, daß er existieren kann; denn ich
Ijcmirke sehr wohl, daß mein eigener Verstand, der alle
körperlichen Vollkommenheiten miteinander verbindet, jene
Idee ausgeheckt hat, und daß das Dasein aus den anderen
körperlichen Vollkommenheiten nicht hervorgeht, weil es
an ihnen ebensogut verneint wie bejaht werden kann. Ja,
auch daraus, daß ich bei einer Prüfung der Idee des Körpers
keine Kraft in ihm wahrnehme, durch die er sich selbst her-
vorbringen oder erhalten könnte, schließe ich mit Recht,
daß das notwendige Dasein — und um dieses allein handelt
es sich hier — - ebensowenig zur Natur des Körpers gehört,
selbst des allervollkommensten, wie es nicht zur Natur des
Berges gehört, ohne Tal zu sein, oder zur Natur des Drei-
ecks, eine Winkelsumme von mehr als zwei Rechten zu
haben. Wenn wir jetzt aber statt eines Körpers eine Sache
untersuchen, | wie denn wohl jene beschaffen ist, die alle [157
die Vollkommenheiten enthält, die zusammen sein können,
ob das Dasein dazu zu rechnen ist, so werden wir zwar im
ersten Augenblick zweifeln; denn unser Geist ist endlich
und pflegt jene nur getrennt zu betrachten und wird des-
halb nicht sogleich bemerken, wie notwendig sie miteinander
verbunden sind. Und wenn wir aufmerksam prüfen, ob dem
höchst mächtigen Wesen das Dasein zukomme, und was
für eines, werden wir klar und distinkt erfassen können, zu-
nächst einmal, daß ihm das mögliche Dasein zukommt, wie
auch allen übrigen Dingen, von denen eine distinkte Idee in
uns ist, auch denen, die bloß von unserem Verstand erdichtet
werden. Ferner können wir sein Dasein als ein mögliches
uns nur denken, indem wir zugleich, auf seine ungeheure
Macht achtgebend, erkennen, daß es durch seine eigene
Kraft existieren kann, und deshalb werden wir zweitens
schließen, daß es wirklich existiert und von Ewigkeit her
existiert hat ; das ist nämlich durch das natürliche Licht ganz
offenbar, daß das, was durch seine eigene Kraft existieren
108
Descartes, Meditationen.
kann, immer exisriert. Und so werden wir einsehen, daß
ll5ÖJdas notwendige Dasein in der Idee des höchst 1 mach
tigen Wesens enthahen ist, und zwar nicht durch eine Er-
dichtung unseres Verstandes, sondern weil das Dasein zur
wahren und unveränderhchen Natur eines solchen Wesens
gehört : und wir werden in der Tat auch leicht wahrnehmen
daß jenes höchst mächtige Wesen unbedingt alle anderen
Vollkommenheiten in sich haben muß, die in der Idee Gottes
enthalten smd, so daß jene, ohne die geringste Erdichtung
unseres Verstandes und aus ihrer eigenen Natur heraus mit-
einander verbunden sind und in Gott existieren
Dies alles ist gewiß ganz deutlich für den, der sorgfältig
darauf achtgibt, und es unterscheidet sich von dem, was ich
früher gesagt hatte, höchstens in der Art der Darlegung die
ich absichtlich geändert habe, um mich der Verschieden-
artigkeit der Geister anzupassen. Und ich will hier nicht
m Abrede stellen, daß dieser Beweis derart ist, daß, wer sich
nicht an alle Punkte erinnert, die zu seiner Entwicklung nötig
sind, ihn leicht für einen Trugschluß ansehen wird, weshalb
ich auch anfangs einige Bedenken gehabt habe, ob ich ihn
benutzen dürfte, um nicht denen, die ihn nicht begriffen
Veranlassung zu geben, auch dem übrigen zu mißtrauen"
Aber weil es nur zwei Wege gibt, um das Dasein Gottes zu
beweisen, namlich einen von seinen Wirkungen aus den
I ^01 *"k i" """ ""'""' Wesenheit oder Natur selbst aus. und weil
^ meint V'f'" !i" der | dritten Meditation nach dem Maß
r'hh"" ^'■^f'e dargelegt hatte, glaubte ich, den zweiten
nachher nicht übergehen zu dürfen.
^^^""1 die formale Distinktion betrifft, die der ge
lehrte Theologe aus Scotus anführt (s. o. S. 90, Z 13ff ) so
sage ich kurz, daß sie sich nicht von H^r JiA^ i
«rh^iHßf „„j ■ u V" "er modalen unter-
die ^h r^^ ""^f ^"^ unvollständige Wesen erstreckt,
die ich von den voUständigen genau unterschieden habe
als verscTeT '" ''T '^"'' ""^ ^'" ^'"^ -" «nem anderen
Sis^Tdt'Sn^Gegfnrnd '""' T ^'"^^'^^'«'^ '^-
zufa«Pn ni^K? w ^^^enstand nur inadäquat begreift, auf-
Tc^lZ' ^^".' "^ '*^' ^'"«^ ^^ s° verschieden und
ß^^ennt voneinander aufzufassen, daß wir jedes als ^n
Wesen für sich und von jedem anderen verschieden Z
Antwort des Verfassers auf die ersten Einwände. 109
sehen, sondern hierzu bedarf es einer realen Distinktion.
Z. B. ist die Unterscheidung zwischen Bewegung und Gestalt
eines und desselben Körpers nur eine formale, und ich kann
sehr wohl die Bewegung getrennt von der Gestalt einsehen
und die Gestalt getrennt von der Bewegung, und jedes von
beiden auch abgesehen vom Körper; aber ich kann nicht die
Bewegung getrennt von dem Ding, in dem die Bewegung
ist, vollständig einsehen, noch die Gestalt getrennt von dem
Ding, in dem die Gestalt ist, noch endlich mir eine Be-
wegung in einem gestaltlosen oder eine Gestalt in einem be-
wegungsunfähigen Ding denken. | Ebenso sehe ich die Ge- [160]
rechtigkeit nicht ohne einen Gerechten ein, die Barmherzig-
keit nicht ohne einen Barmherzigen; und es wäre falsch,
sich zu denken, daß derselbe, der gerecht ist, nicht auch
barmherzig sein könnte. Dagegen sehe ich in vollständiger
Weise ein, was der Körper ist*), indem ich ihn nur als etwas
Ausgedehntes, Gestaltetes und Bewegliches annehme usw.
und von ihm alles verneine, was zur Natur des Geistes ge-
hört; und umgekehrt sehe ich ein, daß der Geist ein voll-
ständiges Ding ist, das zweifelt, denkt (intelligit), will usw.,
wenngleich ich von ihm verneine, daß in ihm irgend etwas
von dem vorhanden sei, was in der Idee des Körpers ent-
halten ist. Das aber wäre ganz unmöglich, wenn nicht
zwischen Geist und Körper eine reale Verschiedenheit be-
stände.
Das ist es, hochverehrte Männer, was ich auf die mit
großer Gefälligkeit und höchstem Scharfsinn vorgetragenen
Bemerkungen Eures Freundes zu erwidern hatte. Wenn ich
diesen noch nicht Genüge getan habe, bitte ich ihn, mir
die Punkte, die noch deutlicher gewünscht werden oder
offenbare Irrtümer sind, mitzuteilen; wenn Ihr dies vermit-
teln wolltet, würde ich es Euch als große Gefälligkeit an-
rechnen.**)
*) d. h. ich fasse den Körper als ein vollständiges Ding auf
(dieser Zusatz nur in der frz. Ausg.).
♦*) Das ist — anrechnen: fehlt in der 1. Ausg.
Zweite Einwände»
111
1161]
Zweite Einwände und Erwiderungen.
Hochverehrter Mann.
SchöpL''alI "dThI;" ^S '''"*^' unternon.™en hast, den
zusprechen und eb En Th"'"" ^''""^' ^^ "^^^ ^
nn a:^ n . i. 7. iJasem zu beweisen, so daß von mm
an die Guten hoffen können, daß es keinen Lh^n a .
nach aufmerksamer Lektüre Deiner M^Lfon^n ""-'t' ^^'
stehen müßte, daß es eine ewil; rLf^ ü " "'^'^^ «^^
einzelne ahhüncTt n! ^^ Gottheit gibt, von der das
cmzeine abhängt, wollten wir Dich auffordern ,.„^ k'..
einige unten aufgezahlte Punlrr^ ,,, ^ """^'^'='^" ""^ bitten,
in Deinem WerkeTbr 1- hiS / "^'u"'^"' '° "^^^ "'^hts
Klarheit nachgewiesen ist ^H^ n'*"' '"'^ ^'' möglichen
Jahren Deinen Ge st de'arl^durc'h ," ""r^^ ^^'^^ ^'«^
, , arbeit (meditationesrgeübt h,st d.R '\^^'""'^'^^ Gedanken-
162] zweifelhaft und sehr H?,ni i i ' ^ '^'''' *^' '^e" übrigen
und Du e Se ctt^^•^ ' "'l'^'"^' ^'' ^^"^ geuißist,
als erste u^d hattS^hSe'Ste^^ "^T' ^^'^•-
nimmst, wollen wir nur Zs T k . *^^'' ^^'"'' ^^^^r-
wobei sich für dS 2 ^J^^^^lCtT^^T ""''''"'
Dte"Än"Se?J ^u?? Tf ' '"''^"^«^ ^^"^ ^a"
und zum größien'Lt^-if t SS^^^^^^^^^^^
d.e Kraft vollgültiger Beweise besitzen "''^^^'^'^' ^^'''
Erstens. Du wirst Dich erinnern A^a r^ • i
aktuell und in VVirklichkek sonTrr„^tf,,?" "''^'l!,^*'^^
Deiner Seele alle k-ör,^»,. „ ="""e™ nur durch eine Fiktion
las,, „„ *Sä°n>"S''"^" "i' ""'«" '""""■«
-Sil». . wocÄ?"„s*e :: ^chtr^v^'"'' <r
ßen könnest. Du se\^t in w .''Jr^/^^^""^'^' oaü Du schlie-
wußtsein oder Sn denkeLdernfn. n" ""' '''^* '"''' ^'^
eeeen D^in» '."enKenaes Dmg. Dies unsere Bemerkuno-
Sr« ZZ' ' '"'^^ Meditationen, in denen Du S
zeigst, es sei wenigstens das ge.iß, daß Du blt, d« D^
l!
V
'I
|l^
denkst. Aber laßt uns einen Augenblick hier innehalten.
Bis hierher erkennst Du an, daß Du ein denkendes Ding
bist; aber was dieses denkende Ding ist, weißt Du nicht.
Warum soll es nicht ein Körper sein, der durch verschiedene
Bewegungen und Veränderungen das hervorruft, | was wir rigoi
Bewußtsein (cogitatio) nennen? Denn magst Du auch glau-
ben, daß Du alles Körperliche entfernt hast, konntest Du
doch darin Dich irren, daß Du Dich selbst, der Du ein
Körper bist, keineswegs ausgeschaltet hast. Denn wie willst
Du beweisen, daß ein Körper nicht denken kann, oder daß
die Bewegungen des Körpers nicht das Bewußtsein selbst
sindr Aber auch der ganze Aufbau (systema) Deines Kör-
pers, den Du ausgesclialtet zu haben meinst, oder einige
Teile von ihm, etwa des Gehirns, können zur Bildung der Be-
wegungen, die wir Vorstellungen (cogitationes) nennen, zu-
sammenwirken. Du sagst: ich bin ein denkendes Ding; aber
woher weißt Du, ob Du nicht die Bewegung eines Körpers
oder ein bewegter Körper bist?
Zweitens. Du wagst es, aus der Idee des höchsten
Wesens, die, wie Du behauptest, von Dir nicht im geringsten
hervorgebracht werden kann, einen Schluß zu ziehen auf die
Notwendigkeit der Existenz des höchsten Wesens, von dem
allein diese Idee soll ausgehen können, die sich Deinem
Geiste darbietet. Nun finden wir aber in uns selbst eine ge-
nügende Grundlage, auf die allein gestützt wir die genannte
Idee zu bilden vermögen, wenn das höchste Wesen gleich
nicht existierte oder wir nicht wüßten, daß es existiert und
wir an seine Existenz überhaupt nicht dachten. Denn be-
merke ich nicht, daß ich, der ich denke, einen gewissen
Grad von Vollkonmienheit habe. | und also, daß auch andere [164]
außer mir einen ähnlichen Grad haben? Hierdurch gewinne
ich eine Grundlage, jede beüebige Zahl zu denken, und so
immer einen Vollkommenheitsgrad auf den anderen aufzu-
bauen ins Unendliche; so wie auch, wenn nur ein einziger
Licht- oder Wärmegrad vorhanden wäre, ich imstande bin,
immer neue Grade ins Unendliche zu erdenken und hinzuzu-
fügen. Warum sohte ich nicht in ähnlicher Weise emem be-
stimmten Grade des Seins, den ich in mir selbst wahrnehme,
einen beliebigen anderen Grad hinzulügen können und aus
Bescartes, Mediutionea.
8
112
Descartes, Meditationen.
allem Hinzufügbaren die Idee des vollkommenen Wesens
(Seins) bilden? „Aber," sagst Du, „die Wirkung kann keinen
Grad von Vollkommenheit oder Realität enthalten, der nicht
in der Ursache vorhergegangen wäre." Nun ist aber diese
Idee nichts anderes, als ein Gedankending (ans rationis),
das nichts Vornehmeres (nobilis) ist, als Dein denkender
Geist selbst. (Ganz abzusehen davon, daß wir beobachten
können, wie Fhegen und andere Tiere oder auch Pflanzen
von Sonne, Regen und Erde hervorgebracht werden, in
denen doch kein Leben ist, das vornehmer ist, als irgendein
beliebiger, bloß körperlicher Grad, woraus sich ergibt daß
die Wirkung eine Realität von der Ursache erhält, die den
noch nicht in dieser ist).
Außerdem, wenn Du nicht in gelehrter Umgebung auf-
ri^=i gewachsen wärest, sondern allein Dein ganzes Leben in einer
1165J I Wüste zugebracht hättest, woher weißt Du, daß Dir auch
dann diese Idee gekommen wäre? Du hast sie eben aus den
in Deinem früheren Leben aufgefaßten Gedanken aus Bü-
chern, durch Unterhaltungen mit Freunden usw. gewonnen
aber nicht bloß aus Deinem Geist oder von dem höchsten
existierenden Wesen. Also muß noch klarer bewiesen wer-
den daß diese Idee in Dir nicht vorhanden sein kann, wenn
nicht ein höchstes Wesen existiert. Sobald Du das aus-
geführt hast, hört all unser Widerstand auf. Daß aber diese
Idee aus vorgefaßten Begriffen stammt, das scheint darum
festzustehen, weil die Kanadier, Huronen und andere wilde
Volker gar keine derartige Idee aufweisen. Vielleicht hast
JJu sie Dir nur aus dem vorhergehenden Anblick der körper-
ichen Dinge gebildet; dann hat sie zum Gegenstand nur die
korperhche Welt, in der man sich alle denkbaren Voll-
kommenheiten vorstellt; es könnte aber alsdann nur geschlos-
sen werden auf die Existenz eines höchst vollkommenen
körperlichen Dinges, wenn nicht noch etwas hinzugefügt
wird was uns zum Unkörperlichen, Geistigen erhebt. Ferner:
Du konntest woh! die Idee eines Engoh - ebenso wie die
des vollkommensten Wesens - bilden; aber diese Idee wird
m Dir nicht von einem Engel*) hervorgebracht werden, ob-
*) französisch: von einem wirküch existierenden Engel.
Zweite Einwände.
113
gleich dieser doch vollkommener ist als Du. | Aber in Wirk- [1661
hchkeit haben wir auch nicht die Idee Gottes, so wenig wie
die der unendlichen Zahl und Linie, und hätten wir sie so
wäre darum nicht weniger jene Zahl unmöglich. Endlich ent-
stehen jene Ideen der Einheit und Einfachheit derjenigen
Vollkommenheit, die alle anderen in sich begreift, nur durch
die Operationen des schließenden Denkens, so wie alle uni-
versellen Emheiten, die nichts in der Sache, sondern nur un
Verstände sind, und wie es auch feststeht von der Einheit
der Gattung, der transszendentalen Einheit usw.
Drittens. Da Du des Daseins Gottes noch nicht gewiß
bist und dennoch sagst, daß Du nicht eher irgendeiner
Sache gewiß sein, d. h. nicht eher etwas klar und distinkt
erkennen könntest, als Du nicht gewiß und klar erkannt
hast, daß Gott existiert, folgt, daß Du noch nicht klar und
distinkt weißt, daß Du ein denkendes Ding bist, da diese
Erkenntnis nach Deiner Meinung abhängt von der klaren
i-rkenntnis des existierenden Gottes, die Du an den Stellen
noch nicht erwiesen hast, wo Du schließt, daß Du klar weißt
was Du bist. '
H,R ?'T ■%,■?•• ,''",■ "" ^*^^''' '^'"''^"'1« klar und deutlich,
daß die drei Winkel eines Dreiecks gleich zwei Rechten sind
Irotzdem ist er weit davon entfernt, das Dasein Gottes anzu-
Cnirr'. ! er vollkommen leugnet ; | denn, sagt er, wenn riü71
Go t existierte gäbe es ein höchstes Wesen und ein höchstes ^
Gut, d. h ein Unendliches. Aber das in jeder Art der Voll-
kommenheit unendliche Wesen oder Gut schließt ein be-
liebiges anderes Wesen und ein beliebiges anderes Gut
aus, ja auch ein beliebiges anderes Nicht-Wesen und
NiH ; W " J" .^u\ " "'"^ ^^''^^ ^°" Wesen, Gütern,
N cht-VVesen und Übeln. Diesen Einwand, meinen wir
nutt l:r^:iT' '^"' '^" ^^"'°^^'^ ''' ''^'"^ ^-
f=in.I'"'^\' '^^'' ^"' *^°" ''^""e nicht lügen oder
tauschen. Aber manche Scholastiker haben es doch be-
absX'J"' G^J"el. Gregor von Arimini u.a., die glauben,
Men cLn ''/° '"• ''°""' ^^" '"«""' ^- ^■' e' deute den
Menschen etwas an, was gegen seinen Willen und gegen
seinen Entschluß ist, wie dort, wo er ohne jeg^fchf Se
8»
114
Descartes, Meditationen.
Zweite Einwände.
115
dingung den Bewohnern von Ninive durch den Mund des
Propheten ankündigt: „Noch vierzig Tage, und Ninive wird
untergehen.*' So hat er noch vielerlei anderes gesagt, was
doch keineswegs eingetroffen ist, weil er nicht gewollt hat,
daß die Worte seinem Willen oder seinem Entschluß ent-
sprächen. Wenn er den Pharao verhärtet und mit Blindheit
geschlagen hat, wenn er in die Propheten einen Hauch der
Lüge gesandt hat, wie kannst Du dann sagen, daß wir von
ihm nicht getäuscht werden können ? Kann nicht etwa Gott |
[1681 ^^^^ ^^ gegen die Menschen verhalten, wie ein Arzt gegen
die Kranken oder ein Vater gegen seine kleinen Kinder, die
jeder so oft täuscht, und zwar aus Weisheit und zu ihrem
Besten? Wenn nämlich Gott uns die reine Wahrheit zeigte,
welches Auge, welche Geistesschärfe könnte sie ertragen?
Trotzdem braucht man sich Gott nicht als einen Be-
trüger vorzustellen, dessen Wille es wäre, daß Du in dem,
was Du klar und distinkt erkannt zu haben meinst, getäuscht
würdest; denn der Grund Deiner Täuschung kann in Dir
selbst liegen, auch wenn Du gar nicht an ihn denkst. Warum
sollte Deine Natur nicht derart sein, daß sie sich iimner
täuscht oder wenigstens außerordentlich häufig? Woher
weißt Du denn, daß Du in dem, was Du klar und distinkt
zu erkennen meinst, ganz gewiß nicht getäuscht wirst und
auch nicht getäuscht werden kannst? Denn wie oft haben
wir die Erfahrung gemacht, daß einer sich in dem getäuscht
hat, was er sonnenklar zu wissen glaubte 1 Mithin muß dieser
Grimdsatz der klaren und distinkten Erkenntnis so klar und
distinkt dargestellt werden, daß kein Mensch von gesunden
Sinnen jemals in dem getäuscht werden kann, was er klar
und distinkt zu wissen glaubt; sonst sehen wir keinen mög-
lichen Grad der Gewißheit mehr bei den Menschen und
bei Dir.
[169] I Fünftens. Wenn der Wille niemals irrt oder sündigt,
so lange er nur der klaren und distinkten Erkenntnis des
Verstandes folgt, und er sich einer Gefahr aussetzt, wenn
er einem nur recht wenig klaren und distinkten Begriffe
des Verstandes folgt, so sieh nur zu, was daraus folgt. Es
begeht nämlich so der Türke und jeder beliebige Ungläubige
keine Sünde, wenn er die christliche Religion nicht annimmt.
ja, er begeht eine Sünde, wenn er sie annimmt, da er ja ihre
Wahrheit weder klar noch distinkt erkennt. Ja, noch mehr,
wenn die von Dir gegebene Regel richtig ist, so wird der
Wille fast nichts zu umfassen imstande sein, da wir fast
nichts mit der Klarheit und Distinktheit erkennen, die Du
für eine keinem Zweifel unterworfene Gewißheit forderst.
Nimm Dich also in acht, daß Du, während Du die Wahrheit
schützen willst, nicht zu viel beweisest und so niederreißest,
nicht aufbaust.
Sechstens scheinst Du in Deiner Antwort an den Theo-
logen*) in Deinem Schluß zu irren, den Du folgendermaßen
aufstellst (s. o. S. 104, Z. öu.ff.): „Das, wovon wir klar und
distinkt einsehen, daß es zu der wahren und unveränder-
lichen Natur usw. einer Sache gehört, das können wir von
dieser Sache mit Wahrheit behaupten. Nachdem wir nun
mit hinreichender Genauigkeit | geforscht haben, was wohl [170]
Gott ist, sehen wir klar und distinkt ein, daß zu seiner Natur
gehört, daß er existiert." Der Schluß hätte lauten müssen :
„Nachdem wir mit hinreichender Genauigkeit geforscht
haben, was Gott wohl ist, können wir also mit Wahrheit be-
haupten, daß es zu der Natur Gottes gehört, daß er existiert."
— Daraus folgt nicht, daß Gott wirklich existiert, sondern
nur, daß er existieren muß, wenn seine Natur möglich ist
und einer Existenz nicht widerstreitet; d.h. Gottes Natur
oder Wesenheit kann nicht getrennt von der Existenz be-
griffen werden, so daß er, wenn er ist, wirklich existiert.
Das kommt auf den Beweis hinaus, den andere etwa so
fassen: „Wenn das Vorhandensein Gottes keinen Wider-
spruch in sich schließt (implicet), so ist es gewiß, daß er
existiert. Nun ist es aber nicht widersprechend, daß er
existiert. Also . . ." Jedoch der Untersatz: „es ist nicht
widersprechend", ist umstritten; von dieser Wahrheit sagen
die einen Gegner, sie zweifelten an ihr, die andern leugnen
sie gänzlich. Außerdem wird jene Nebenbemerkung Deines
Beweisganges, nämlich die Worte „sobald wir klar und
distinkt genug geforscht haben, was wohl Gott ist" als wahr
*) französisch: in Deinen Antworten auf die vorhergehenden
Einwände.
116
Descartes, Meditationen.
angenommen, was noch nicht alle glauben, da Du auch
selbst gestehst, daß Du nur in inadäquater Weise das un-
endliche Wesen erfassest (attingere). Ganz das gleiche gilt
von jedem beliebigen seiner Attribute : denn wenn alles, was
il70] I in Gott ist, völlig unendlich ist, wessen Geist kann dann
anders, als in sozusagen ganz inadäquater Weise oder nach
sehr langer Zeit das Geringste, das in Gott ist, erfassen?
Wieso hast Du also „klar und distinkt genug geforscht,
was Gott wohl ist?"
Siebentens. Du schreibst nicht ein einziges Wort
von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die Du
doch vor allem hättest erweisen und gegen die der Unsterb-
lichkeit unwürdigen Menschen durch einen Beweis bekräftigen
müssen, da diese sie ja leugaen und vielleicht selbst verab-
scheuen. Außerdem scheint es aber, daß Du nicht genügend
die Wrschiedenheit der Seele von allem Körper bewiesen hast,
wie wir bereits in der ersten Bemerkung gesagt haben. Dazu
fügen wir jetzt noch hinzu, daß aus dieser ihrer Verschieden-
heit vom Körper nicht zu folgen scheint, daß sie unvergäng-
lich oder unsterblich ist; denn wer weiß, ob ihre Natur nicht
durch die Dauer des körperlichen Lebens beschränkt ist,
und ob 'Gott ihr nur soviel an Kräften und Dasein gegeben
hat, daß sie zugleich mit dem körperlichen Leben aufhört?
Das sind, hochverehrter Mann, die Punkte, die wir von
Dir erklärt wissen möchten, damit die Lektüre Deiner höchst
scharfsinnigen und, wie wir meinen, wahren Meditationen!
171j eleu einzelnen zu höchstem Nutzen gereicht. Deshalb möchte
es sich empfehlen, daß Du am Ende Deiner Lösungen nach
Vorausnahme einiger Definitionen, Postulate und Axiome,
thc ganze Sache nach der Methode der Geometer (more
geometrico). in der Du so gut bewandert bist, beschließt,
Ciamit ein jeder Leser gleichsam mit einem einzigen Blick
Dem ganzes Werk überschaut, und Du ihn mit dem Odem
der Gottheit selbst erfüllst.
Antwort auf die zweiten Einwände.
[172]
Mit großem Vergnügen habe ich die Bemerkungen, die
Ihr zu meiner kleinen Schrift über die Grundlagen der Phi-
losophie gemacht habt, gelesen, nnd ersehe daraus einmal
Euer Wohlwollen für mich und dann Eure Frömmigkeit
gegen Gott und Euer Bestreben, seinen Ruhm zu mehren.
Und es ist mir wirklich eine Freude, erstlich, daß Ihr meine
Überlegungen Eurer Prüfung für wert gehalten habt, aber
dann auch, daß Ihr nichts gegen sie vorbringt, auf das ich
nicht glaube in ausreichender Weise antworten zu können.
Erstens ermahnt Ihr mich (s. o. S. 110, Z. 9 u. ff .), ich
solle mich „erinnern, | daß ich nicht etwa aktuell und in [173]
Wirklichkeit, sondern nur durch eine Fiktion meiner Seele die
Körpervorstellungen verbannt habe, um zu schließen, ich
sei nur ein denkendes Ding; jedoch solle ich nicht etwa
nachher glauben, daraus folge, ich sei in Wirklichkeit nur
Geist'*. Daß ich mir dessen wohl bewußt geblieben bin,
habe ich schon in der zweiten Meditation mit folgenden
Worten bewiesen (s. o. S. 20, Z. 34ff.): „Vielleicht aber fügt
es sich so, daß eben dieses, von dem ich so voraussetze,
es sei nichts, da es mir ja unbekannt ist, dennoch der Wahr-
heit der Sache nach nicht von dem Ich verschieden ist,
welchen ich kenne? Doch — davon weiß ich nichts, dar-
über streite ich jetzt auch nicht" usw. Hiermit habe ich
ausdrücklich den Leser darauf hinweisen wollen, daß ich
dort noch nicht untersuche, ob der Geist vom Körper ver-
schieden ist, sondern nur die Eigenschaften des Geistes
prüfe, von denen ich eine gewisse und evidente Erkenntnis
haben kann. Und weil ich dort viele solche Erkenntnisse
bemerkt habe, kann ich nicht ohne eine Unterscheidung das
gelten lassen, was Ihr sodann beigefügt (s. o. S. 111, Z. 3),
„daß ich doch nicht wisse, was ein denkendes Ding bt".
118
Descartes, Meditationen.
Obwohl ich nämlich zugebe, daß ich noch nicht gewußt
habe, ob dieses denkende Ding mit dem Körper identisch
ist oder von ihm verschieden, gebe ich doch deshalb nicht
zu, daß ich dieses Ding nicht kennte : denn wer hat jemals
eine Sache so erkannt, daß er wüßte, daß wirklich gar nichts
anderes in ihr ist als nur das, was er erkannt hat? Vielmehr,
[174] je mehr wir von einer Sache wahrnehmen, | desto besser,
sagt man, kennen wir sie : so kennen wir die Menschen, mit
denen wir lange zusammengelebt haben, mehr als die, von
denen wir nur das Gesicht gesehen oder den Namen gehört
haben, obgleich man auch diese nicht als völlig unbe-
kannt bezeichnen kann. In diesem Sinne glaube ich be-
wiesen zu haben, daß der Geist unter gänzlicher Absehung
von allem gemeinhin dem Körper Zugeschriebenen be-
kannter ist als der Körper unter gänzlicher Absehung vom
Geist. Und dies allein hatte ich dort beabsichtigt.
Aber ich sehe, worauf Ihr hinaus wollt. Weil ich näm-
lich nur sechs Meditationen über die Grundlagen der Phi-
losophie geschrieben habe, meint Ihr, würden die Leser sich
wundern, daß in den ersten beiden weiter nichts geschlossen
wird als das eine, was ich soeben gesagt habe, und diese
Meditationen wären deshalb allzu dürftig und nicht wert,
veröffentlicht zu werden. Darauf habe ich nur die Antwort,
daß ich nicht fürchte, daß die, die den Rest meiner Schrift
mit Verständnis gelesen haben, auf die Vermutung kommen,
mir hätte es an Stoff gefehlt; ich habe es aber für an-
gebracht gehalten, all den Gegenständen, die eine besondere
Aufmerksamkeit erfordern und getrennt von dem anderen
betrachtet werden müssen, auch eine besondere Meditation
zuzuweisen.
[175] Da also nichts eher dazu führt, t eine sichere Erkenntnis
der Dinge zu erlangen, als wenn man sich zuvor daran ge-
wöhnt, an allen Dingen, vorzüglich an den körperlichen, zu
zweifeln, so konnte ich. wenngleich ich bemerkt hatte, daß
es hierüber schon längst eine Reihe von Büchern von Akade-
mikern und Skeptikern gab und ich diesen Kohl nur mit
Widerwillen aufwärmte, dennoch nicht umhin, diesem Gegen-
stande eine ganze Meditation zu widmen ; und ich wünschte,
die Leser widmeten der Betrachtung ihres Inhalts nicht bloß
Antwort auf die zweiten Einwände.
119
die kurze Zeit, die zu ihrer Lektüre erforderlich ist, sondern
einige Monate oder wenigstens einige Wochen, ehe sie an
das übrige gingen; denn so würden sie aus ihnen zweifellos
einen größeren Gewinn ziehen können.
Ferner, weü wir von dem auf den Geist Bezüglichen
vorher nur ganz verworrene und mit den Ideen der sinn-
lichen Dinge vermischte Ideen hatten, und weil dies der erste
und wichtigste Grund war, weshalb nichts von dem, was
von der Seele und von Gott behauptet wurde, hinreichend
klar eingesehen werden konnte, glaubte ich, daß ich mit
meiner Lehre, wie man die Eigenschaften oder Qualitäten
des Geistes von denen | des Körpers unterscheiden könne, [176]
eine sehr nützliche Arbeit leisten würde. Obgleich nämlich
schon früher von vielen gesagt wurde, um die metaphy-
sischen Gegenstände einzusehen, müsse man den Geist von
den Sinnen abziehen, hatte doch bisher meines Wissens keiner
gezeigt, wie das möglich wäre. Der wahre aber und meiner
Meinung nach einzige Weg zu diesem Ziel ist in meiner
zweiten Meditation enthalten, aber er ist derart, daß man
ihn nicht nur einmal, sondern oft und immer wieder begehen
muß, damit die Gewohnheit des ganzen Lebens, die gei-
stigen Dinge mit den körperlichen zu verwirren, durch die
entgegengesetzte Gewohnheit wenigstens einiger Tage, sie
voneinander zu unterscheiden, beseitigt wird.
Außerdem aber fragt Ihr hier (s. o. S. 111, Z. 9 ff.), „wie
ich denn beweisen wollte, daß ein Körper nicht denken
kann." Aber verzeiht, wenn ich darauf antworte, daß ich
zu dieser Eurer Frage noch keine Veranlassung gegeben
habe, da ich darüber erst in der sechsten Meditation mit
folgenden Worten gehandelt habe (s. o. S. 67, Z. 5 — 8):
„Es genügt für mich, ein Ding ohne ein anderes klar
und deutlich denken zu können, um mir die Gewißheit
zu geben, daß das eine vom anderen verschieden ist usw."
Und weiter unten (S. 67, Z. 15—23): „Wenngleich ich einen
Körper habe, der mit mir sehr eng verbunden | ist, so ist [177J
doch, — da ich ja einerseits eine klare und deutliche Idee
meiner selbst habe, sofern ich ein denkendes, nicht ein aus-
gedehntes Ding bin, und andererseits eine deutliche Idee
vom Körper, sofern er nur ein ausgedehntes, nicht denkendes
120
Descartes, Meditationen.
Ding ist — soviel gewiß, daß ich" — d. h. mein Geist —
„von meinem Körper wahrhaft verschieden bin und ohne ihn
existieren kann." Dazu kann man ohne weiteres hinzufügen:
„Alles, was denken kann, ist oder heißt Geist, da aber Geist
und Körper real voneinander verschieden sind, so ist kein
Körper Geist, also kann kein Körper denken."
Und ich sehe in der Tat nicht, was Ihr hier leugnen
könntet; denn soll es etwa nicht genügen, daß wir ein Ding
ohne ein anderes klar denken (intelligere), um zu erkennen,
daß beide real voneinander verschieden sind? Dann gebt
mir doch ein sichereres Merkmal der realen Verschiedenheit!
Ich bin überzeugt, daß sich keins geben läßt; denn was
wollt Ihr anführen? Etwa daß die Dinge real voneinander
verschieden sind, von denen jedes ohne das andere existieren
kann? Doch dann werde ich wiederum fragen, woher Ihr
erkennt, daß ein Ding ohne ein anderes existieren kann. Da-
mit nämlich etwas ein Zeichen der Verschiedenheit sei, muß
es erst selbst erkannt werden. Vielleicht werdet Ihr sagen,
es komme uns das von den Sinnen, weil man ein Ding in
[178] Abwesenheit des anderen sieht oder | berührt usw., aber die
\'erlaßlichkeit der Sinne ist ungewisser als die des Ver-
standes, und es kann auf mancherlei Art geschehen, daß
ein und dasselbe Ding unter verschiedenen Formen oder
an verschiedenen Orten oder auf verschiedene Weisen er-
scheint und so als zweierlei angesehen wird. Und wenn Ihr
Euch schließlich an das erinnert, was am Ende der zweiten
Meditation vom Wachs gesagt worden ist (s. o. Med. IL
§ 23), so werdet Ihr bemerken, daß nicht einmal die Körper
selbst eigentlich durch die Sinne erfaßt werden, sondern
allein durch den Verstand, so daß ein Ding ohne ein anderes
sinnlich wahrnehmen nichts anderes bedeutet, als die Idee
eines Dinges haben und denken (intelligere), daß diese
Idee nicht dieselbe ist wie die eines anderen Dinges. Das
aber kann nur daraus erkannt werden, daß eins ohne das
andere aufgefaßt wird, und es kann nur dann mit Gewißheit
eingesehen werden, wenn die Ideen beider Dinge klar und
distinkt sind; es muß also jenes Merkmal der realen Distink-
tion, wenn es sicher sein soll, auf das meine zurückgeführt
werden.
Antwort auf die zweiten Einwände.
121
Wenn aber einige leugnen, daß sie distinkte Ideen vom
Geiste und vom Körper haben, so kann ich nichts weiter
tun, als sie bitten, daß sie genügend auf das, was die er-
wähnte zweite Meditation enthält, aufmerken, um so darauf
aufmerksam zu werden, daß die Meinung, die sie haben, —
wenn sie sie etwa haben — , daß die Teile des Gehirnes bei
der I Bildung unserer Gedanken mitwirken, aus keinem po- [179]
sitiven Grunde entsprungen ist, sondern nur daraus, daß
sie niemals erfahren haben, daß sie des Körpers ermangelt
haben, und daß sie nicht selten von ihm in ihrem Tun
gehindert worden sind. Es ist das genau so, wie wenn
jemand darum, weil er von Jugend an stets Fesseln an den
Füßen gehabt, glaubte, diese Fesseln bildeten einen Teil
seines Körpers und er bedürfe derselben zum Gehen.
Zweitens. Wenn Ihr sagt (s. o. S. 111, Z. 24ff.), „daß
wir in uns selbst eine genügende Grundlage finden, um die
Idee Gottes zu bilden", so behauptet Ihr damit nichts von
meiner Ansicht Verschiedenes, habe ich selbst doch, gegen
Ende der dritten Meditation (s. o. S. 42, Z. 17 f.) ausdrück-
lich gesagt, „daß diese Idee mir eingeboren ist oder nicht
anderswoher als aus mir selbst mir kommt". Ich gebe auch
zu, „daß sie gebüdet werden kann, wenn wir gleich nicht
wüßten, daß das höchste Wesen existiert", aber nicht, „wenn
es in Wirklichkeit nicht existierte"; denn ich habe im Gegen-
teil daran erinnert, „daß die ganze Kraft des Arguments
darin besteht, daß unmöglich die Fähigkeit, diese Idee zu
büden, in mir sein kann, wenn ich nicht von Gott geschaf-
fen bin".
Keine Beweiskraft hat das, was Ihr von den Fliegen,
Pflanzen usw. sagt (s. o. S. 112, Z. 7 ff.), um zu beweisen, daß
irgendein Grad von Vollkommenheit in der Wirkung vor-
handen sein könne, der nicht in der Ursache vorhergegangen
ist. Denn entweder | ist in den vernunftlosen Tieren keine [180]
größere Vollkommenheit als in den unbeseelten Körpern,
oder wenn, so muß sie anderswoher kommen, und Sonne,
Regen oder Erde können nicht ihre adäquaten Ursachen
sein. Und es wäre sehr unüberlegt, wollte einer allein dar-
aus, daß er irgendeine Ursache nicht kennt, die zur Er-
zeugung der Fliege beiträgt und ebenso viele Grade der
122
Descartes, Meditationen.
Vollkommenheit hat wie die Fliege, obwohl er dabei nicht
gewiß ist, daß er ihre sämtlichen Ursachen kennt, wollte er,
sage ich, daraus Veranlassung nehmen, an einer Sache zu
zweifeln, die, wie ich weiter nachher ausführlicher darlegen
werde, durch das natürliche Licht selbst offenbar ist.
Ich füge hinzu, daß der Einwand betreffs der Fliegen,
da er aus der Betrachtung der materiellen Dinge entnommen
ist, denen nicht in den Sinn kommen kann, die, dem Ge-
dankengang meiner Meditationen folgend, ihren Geist von
den sinnlichen Dingen ablenken, um richtig zu philoso-
phieren.
Von ebenso geringer Beweiskraft ist es, wenn Ihr die
Idee Gottes, die in uns ist. als ein Gedankending (ens ratio-
nis) bezeichnet. Denn dies ist nicht richtig, wenn man
unter einem Gedankending das versteht, was nicht ist ; son-
[181] dern nur in dem Sinne, in welchem jede Operation | des Ver-
standes ein „Gedankending'*, d. h. ein aus der Vernunft her-
vorgegangenes Sein ist. So kann sogar die ganze Welt ein
göttliches Gedankending, d. h. ein durch einen einfachen Akt
des göttlichen Geistes geschaffenes Gedankending genannt
werden.
Übrigens habe ich schon an verschiedenen Stellen darauf
hingewiesen, daß ich nur von der objektiven Vollkommen-
heit oder Realität der Idee rede, die ebenso wie die objek-
tive Kunstfertigkeit in der Idee einer sehr komplizierten Ma-
schine eine Ursache fordert, in der wirklich (revera) das alles
enthalten ist, was in ihr selbst nur objektiv enthalten ist
In der Tat sehe ich nicht ein, was noch hinzugetan
werden könnte, damit noch klarer erhellt, daß diese Idee
nur dann in mir vorhanden sein kann, wenn ein höchstes
Wesen existiert, außer von selten des Lesers; nämlich, daß
er durch genaueres Achthaben auf das, was ich bereits ge-
schrieben habe, sich von den \'orurteilen befreit, durch die
etwa sein natürliches Licht gestört wird, und er sich ge-
wöhnt, den Grundbegriffen, die das Evidenteste und Wahrste
sind, das es geben kann, mehr zu vertrauen, als dunkeln und
falschen, obzwar durch lange Gewohnheit im Geiste fest-
haftenden Meinungen.
Daß nämlich nichts in der Wirkung ist, was nicht ent-
Antwort auf die zweiten Einwände.
123
weder in ähnlicher oder in eminenterer Weise | irgendwie [182]
zuvor in der Ursache vorhanden gewesen ist, das ist ein
Grundbegriff (prima notio), wie wir keinen klareren haben
können, und der gemeine Satz: „Aus nichts wird nichts"
(a nihilo nihil fit) ist von ihm nicht verschieden; denn gäbe
man zu, daß etwas in der Wirkung sei, was nicht in ihrer
Ursache gewesen wäre, so müßte man auch zugeben, daß
eben dies aus nichts entstanden sei; auch erhellt, warum
das Nichts nicht die Ursache von Etwas sein kann, nur dar-
aus, daß in einer solchen Ursache nicht dasselbe wäre wie
in der Wirkung.
Es ist ebenfalls ein Grundbegriff, daß alle Realität oder
Vollkommenheit, die nur objektiv in den Ideen ist, entweder
formal oder eminent in ihren Ursachen enthalten sein muß,
und zwar beruht hierauf allein jede Meinung, die wir von
der Existenz von Dingen außerhalb unseres Geistes je ge-
habt haben. Denn woher wären wir sonst auf den Gedanken
gekommen, daß sie existieren, als allein daraus, daß ihre
Ideen durch Vermittlung der Sinne zu unserem Geist ge-
langten ?
Daß es aber in uns die Idee eines im höchsten Grade
mächtigen und vollkommenen Wesens gibt, und auch, daß
die objektive Realität dieser Idee sich weder formal noch
eminent in uns findet, das wird denen klar werden, die hin-
länglich darauf aufmerksam sind und lange Zeit mit mir
darüber nachdenken. | Aber etwas, das nur von dem Denken [183]
eines anderen abhängt, kann ich teünahmslosen Leuten*)
nicht mit Gewalt aufdrängen.
Hieraus aber folgt ganz offenbar, daß Gott existiert.
Aber für die, deren natürliches Licht so klein ist, daß sie
nicht sehen, daß es ein Grundbegriff ist, daß jede Voll-
kommenheit, die objektiv in einer Idee ist, real in einer ihrer
Ursachen sein muß, habe ich dasselbe noch handgreiflicher
daraus bewiesen, daß der Geist, der diese Idee hat, nicht
durch sich selbst sein kann; und ich meine, mehr kann man
*) französisch : Leuten, die meine Meditationen bloß wie einen
Roman lesen, um sich die Zeit zu verkürzen und ohne große Auf-
merksamkeit.
124
Descartes, Meditationen.
nicht verlangen, damit, wie Ihr versprochen, all Euer Wider-
stand aufhört (vgl. o. S. 112, Z. 23).
Auch das hat keine Beweiskraft, daß ich vielleicht die
Idee, die mir Gott vorstellt, „aus vorgefaßten Begriffen,
Büchern, durch Unterhaltungen mit Freunden usw., und
nicht bloß aus meinem Geiste (s. o. S. 112, Z. 17) empfangen
haben soll." Denn ebenso wie bei mir müßte man auch
bei diesen anderen, von denen ich die Idee empfangen
haben soll, fragen, ob sie sie von sich haben oder von einem
anderen, und so werde ich immer wieder zu dem Schlüsse
kommen müssen, daß sie zuletzt von Gott ausgegangen ist.
Wenn Ihr aber hierzu einwendet, „daß sie aus dem vor-
hergehenden Anblick der körperlichen Dinge gebildet wer-
den könne (s. o. S. 112, Z. 11 u. ff.)", so kommt mir das nicht
[184] wahrscheinlicher vor, | als wenn Ihr sagtet, wir hätten keine
Fähigkeit zu hören, sondern kämen allein durch das Sehen
der Farben auf die Kenntnis der Töne. Denn man kann
sich eher eine Analogie oder Gleichheit zwischen Farben
und Tönen einbilden, als zwischen den körperlichen Dingen
und Gott. Und wenn Ihr von mir noch einen Zusatz ver-
langt, „der auf ein unkörperliches oder geistiges Sein er-
hebt (s. o. S. 112, Z. 5u.f.)", so weiß ich nichts Besseres, als
Euch auf meine zweite Meditation zu verweisen, damit Ihr
wenigstens einmal einen Nutzen an ihr bemerkt. Denn was
könnte ich hier mit ein, zwei Sätzen ausrichten, wenn ich
dort durch eine längere, allein auf diesen Gegenstand ein-
gestellte Rede, auf die ich nicht weniger Fleiß verwandt zu
haben glaube als auf irgend etwas anderes, das ich je ge-
schrieben habe, gar nichts erreicht habe?
Dabei hindert es nicht, daß ich in ihr nur vom mensch-
lichen Geiste gehandelt habe*). Denn ich gestehe offen
und gern, daß die Idee, die wir z. B. vom göttlichen Ver-
stände haben, sich von der, die wir von unserm eigenen Ver-
stände haben, nur so viel unterscheidet, als die Idee der
^.. ) ^anzosisch: Und obwohl ich in dieser Meditation nur vom
menschlichen Geiste gehandelt habe, ist es doch nicht weniger
aanii^i?:. M . ^^^''j''^^^ erkennen zu lassen, der zwischen der
göttlichen Natur und der der materiellen Dinge besieht.
Antwort auf die zweiten Einwände.
125
unendlichen Zahl von der der Vier- oder Zweizahl; und
ebenso, sage ich, steht es mit jedem der Attribute Gottes,
von denen wir irgendwelche Spur in uns erkennen.
I Außerdem aber denken wir in Gott eine absolute Un- [185]
ermeßlichkeit, Einfachheit, Einheit, die alle jene Attribute
umfaßt und die völlig ohne Beispiel ist, vielmehr ist sie, wie
vorher gesagt, „gleichsam die Marke des Künstlers, die er
seinem Kunstwerk aufgeprägt hat", vermöge deren wir er-
kennen, daß nichts von dem, was wir wegen der Schwachheit
unseres Verstandes, wie wir es in uns selbst wahrgenommen
haben, auch in Gott denken, ihm und uns im gleichen Wort-
sinn (univoce) zukommt; und vermöge deren wir auch er-
kennen, daß von den mancherlei besonderen, endlosen Din-
gen, deren Ideen wir haben, z.B. eine Erkenntnis, eine
Macht, Zahl, Länge ohne Ende, die einen formal in der Idee
Gottes enthalten sind, so die Erkenntnis und die Macht, die
anderen dagegen nur eminent, wie Zahl und Länge, was
gewiß nicht der Fall wäre, wenn diese Idee in uns nichts
als eine Einbildung wäre.
Auch würde dann diese Idee nicht von jedermann in der
gleichen Weise gedacht; ist es doch sehr bezeichnend, daß
alle Metaphysiker in der Angabe der Attribute Gottes über-
einstimmen, — nämlich soweit man sie allein durch die
menschliche Vernunft erkennen kann ~ | so daß es keinphy- [186]
sisches Ding gibt, kein sinnlich wahrnehmbares, keins, von
dem wir eine noch so bestimmte und handgreifhch deutliche
Idee haben, über dessen Natur nicht eine größere Meinungs-
verschiedenheit bei den Philosophen herrschte.
Und gewiß könnten sich die Menschen überhaupt nicht
von der richtigen Erkenntnis der Gottesidee entfernen, wenn
sie bloß auf die Natur des höchst vollkommenen Wesens
achten wollten; wer ihr jedoch verschiedenes andere bei-
mischt, verwickelt sich dadurch in Widersprüche, bildet sich
eine chimärische Idee von Gott und behauptet dann nach-
her nicht mit Unrecht, daß der Gott, der durch eine solche
Idee dargestellt wird, nicht existiert. Ihr sprecht hier nun
von dem „vollkommensten körperlichen Wesen". Wenn
Ihr den Namen des Vollkommensten absolut nehmt, nämlich,
daß ein körperliches Ding ein Wesen sei, in dem sich alle
126
Descartes, Meditationen.
Vollkommenheiten finden, verwickelt Ihr Euch in Wider-
sprüche; — denn die Natur des Körpers selbst schließt viele
Unvollkommenheiten ein, so, daß der Körper teilbar ist,
daß ein jeder Teil nicht identisch ist mit einem andern
u.dgl., wo es doch ohne weiteres bekannt ist, daß Unteil-
barkeit eine größere Vollkommenheit ist als Teilbarkeit usw.
[187J — wenn Ihr aber nur das meint, was in Hinsicht des Körper-
lichen das Vollkommenste ist, so ist das doch nicht Gott.
Was Ihr über die Idee eines Engels anfügt (s. o. S. 113,
Z. 1), „der vollkommener wäre als wir**, nämlich, sie brauche
in uns nicht von einem Engel hervorgebracht zu sein, das
gebe ich gern zu, weil ich selbst schon in der dritten Me-
ditation gesagt habe (s. o. S. 35. Z. 5 f.). „daß die Idee
eines Engels sich aus den Ideen, die wir von Gott und vom
Menschen haben, zusammensetzen lasse*. Somit ist auch
dieser Einwand nicht stichhaltig.
Was nun die betrifft, die leugnen, daß sie die Idee
Gottes haben, aber an ihrer Stelle irgendein Idol bilden
usw., so leugnen diese den Namen und geben die Sache zu,
auch bin ich nämlich nicht der Überzeugung, daß diese Idee
von derselben Natur ist, wie die Bilder der materiellen
Dinge, die in der Phantasie abgemalt sind, daß sie vielmehr
nur das ist, was wir vermöge des sei es nur denkenden*)
oder urteilenden oder schließenden Verstandes erfassen.
Und ich behaupte, daß allein daraus, daß ich durch ein
irgendwie beschaffenes Bewußtsein oder den Verstand an
irgendeine Vollkommenheit rühre, die über mir ist, z. B.
allein daraus, daß ich bemerke, daß ich beim Zählen nicht
zu einer allergrößten Zahl gelangen kann, und daraus er-
kenne, daß es im Prinzip des Zählens etwas gibt, das meine
Kräfte übersteigt, mit Notwendigkeit folgt, nicht zwar, | daß
die unendliche Zahl existiert, ebensowenig, daß sie, wie Ihr
behauptet, einen Widerspruch einschließt, sondern daß ich
diese Kraft, die ich habe, zu begreifen, daß eine größere
Zahl denkbar sei, als von mir je gedacht werden kann, nicht
von mir selbst, sondern von einem anderen Wesen emp-
fangen habe, das vollkommener ist als ich.
*) nach dem „concevoir" des Französischen.
Antwort au! die rttreiten Einwände.
127
Auch tut es nichts zur Sache, ob man diesen Begriff
einer Zahl ohne Ende nun eine Idee nennt oder nicht. Um
aber zu verstehen, was jenes vollkommenere Wesen ist, ob es
nämhch die wirklich existierende unendliche Zahl selbst ist,
oder aber etwas anderes, muß man alle übrigen Eigen-
schaften in Erwägung ziehen, die außer der Fähigkeit, mir
diese Idee zu geben, in eben dem, wovon sie ausgeht, ent-
halten sein können, und ao wird man finden, daß es Gott
allein ist.
Nennt man schließlich Gott „unbegreiflich" (incogita-
bilis), so versteht sich das von einem ihn adäquat befassen-
den Begriffe*) und keineswegs von dem inadäquaten, in uns
vorhandenen, der immerhin genügt, um seine Existenz zu
erkennen. Und da will es wenig besagen, wenn man be-
hauptet, daß die Idee der Einheit aller Vollkommenheiten
Gottes ebenso gebildet werde, wie die Universahen des Por-
phyriiis. Freilich ist sie doch darin aufs höchste verschieden,
als sie | eine bestimmte, eigenartige und positive Voll- [189]
kommenheit in Gott bezeichnet, während die Einheit der
Gattung zu den Naturen der einzelnen Individuen nichts
Reales hinzufügt.
Drittens. Wo ich gesagt habe, wir könnten nichts mit
Sicherheit wissen, wenn wir nicht zuvor erkennen, dpj3 Gott
existiert, da habe ich mit ausdrücklichen Worten bezeugt,
daß ich nur von dem Wissen der Schlußfolgerungen redete!
deren Erinnerung uns in den Geist kommen kann, wenn wir
nicht mehr an die Gründe denken, aus denen wir sie her-
geleitet haben. Denn die Erkenntnis (notitio) der Prinzipien
selbst pflegt von den Dialektikern nicht Wissen (scientia) ge-
nannt zu werden.
Wenn wir aber bemerken, daß wir denkende Dinge
sind, so ist das ein gewisser Grundbegriff, der aus keinem
Syllogismus geschlossen wird; und auch, wenn jemand sagt:
„ich denke, also bin ich, oder existiere ich'*, so leitet er nicht
die Existenz aus dem Denken durch einen Syllogismus ab,
sondern erkennt etwas „durch sich selbst Bekanntes" durch
♦) conccption, hier der franz. Text bestimmter als das lat.
cogitatio.
Descartes, Meditationen.
9
128
Descartes, Meditationen.
einen einfachen Einblick des Geistes (mentis intuitus) an
wie sich daraus ergibt, daß, wenn er sie durch einen Syllo-
gismus ableiten sollte, man vorher den Obersatz erkannt
haben mußte : „Alles, was denkt, ist oder existiert", während
man vielmehr umgekehrt diesen erst daraus gewinnt daß
r,nm "^''.''" ^'^^ ^''^ährt, es sei unmöglich, zu denken ohne zu
[190] existieren. Denn es ist die Natur unseres Geistes 1 daß er
die allgemeinen Sätze nur aus der Erkenntnis des Beson-
deren bildet.
Daß aber „ein Atheist klar erkennen kann, daß die drei
Winkel eines Dreiecks gleich zwei Rechten sind" (s.o S 113
Z. 21), das leugne ich nicht ; aber ich behaupte nur daß
diese seine Erkenntnis nicht ein wahres Wissen ist, weil
doch wohl keine Erkenntnis, die zweifelhaft gemacht werden
kann, ein Wissen genannt werden darf. Da nun jener als
em Atheist angenommen wird, kann er dessen nicht gewiß
sem, daß er sich nicht täuscht, selbst in dem, was ihm am
meisten einleuchtend scheint, wie zur Genüge dargetan, und
wenn ihm vielleicht der Zweifel nicht aufstößt, so kann er
Ihm doch aufstoßen, wenn er die Sache prüft oder sie von
einem anderen vorgebracht wird, und er wird nie davor
sicher sem, wenn er nicht erst das Dasein Gottes anerkennt
Und es besagt nichts, daß er vielleicht glaubt, er habe
Beweise für das Nicht- Vorhandensein Gottes. Denn da sie
keineswegs wahr sind, kann man ihm immer ihre Fehler
Mdnün""ab'°''*''^ '^^ geschieht, bringt man ihn von seiner
Dies wird vor allem dann nicht schwer sein, wenn er
^SLITZ "^."^TT" """■ ^^' ^"^"^'■*' *^^ Jhr hier an-
Är vV^"^"*;,^'- ?■ ^- "3- ^- l^"-^^) "das in jeder
riQll ^H.rfw °™^"^^" Unendliche schließe jedes beliebige
^ ^ woh. " "!.V!:'"- ' ^'="" "'^*^"^- *«'" "an ihn fragt,
N^Z h' *n '■ .f u^' Ausschluß aller anderen Wesen zu;
Natur des Unendlichen gehöre, so wird er nichts Rechtes
Un^^n '^"^"' ^^^ "^ ""^^^^ "»'er dem Namen des
enHhV^I^n n- ^*'*^' '" verstehen pflegt, das das Dasein der
endlichen Dinge ausschlösse, noch er irgend etwas wissen
nichts ist, und daß es deshalb keine Natur hat als höchstens
Antwort auf die zweiten Einwände.
129
die, die in der bloßen von anderen entlehnten Benennung-
enthalten ist. Zweitens, was sollte durch die unendliche
Macht dieses eingebildeten Unendlichen geschehen, wenn
es niemals irgend etwas schaffen könnte? Und schließlich
begreifen wir daraus, daß wir in uns einige Denkkraft be-
merken, leicht, daß in irgendeinem anderen auch eine Denk-
kraft sein kann, und zwar eine größere als in uns; aber ob-
wohl wir meinen, daß sie sich ins Unendliche vergrößert
werden wir doch deshalb nicht fürchten, daß unsere kleiner
wird. Ebenso ist es mit allen übrigen Attributen Gottes,
auch mit der Macht, vorausgesetzt nur, daß wir keine in uns
annehmen, die nicht dem Willen Gottes unterworfen wäre;
und demnach kann er als schlechthin unendlich verstanden
werden auch ohne jeglichen Ausschluß geschaffener Dinge.
I Viertens. Wenn ich behaupte, daß Gott weder lügt [192]
noch em Betrüger ist, so glaube ich darin mit allen Meta-
physikern und Theologen in Vergangenheit und Zukunft
uberemzustimmen. Und was Ihr dagegen angeführt habt,
besagt nicht mehr, als wenn ich behauptet hätte, Gott zürne
nicht oder sei anderen Leidenschaften nicht unterworfen,
und Ihr würdet mir die Stellen der Schrift entgegenhalten^
an denen ihm menschliche Affekte zugeschrieben werden'
Denn allgemein ist die Unterscheidung bekannt zwischen der
einen Art und Weise, von Gott zu sprechen, die sich an die
Fassungskraft der großen Menge anpaßt und zwar auch
einige Wahrheit, aber gleichsam nur eine für Menschen zu-
rechtgemachte enthält, wie sie die Heilige Schrift anzu-
wenden pflegt, und einer anderen Art und Weise, die mehr
die reine und nicht für Menschen zurechtgemachte Wahrheit
ausdrückt, wie sie ein jeder in der Philosophie anzuwenden
pflegt. Diese habe ich vor allem in meinen Meditationen
anwenden müssen, da ich dort nicht einmal annahm, daß mir
noch irgendwelche Menschen bekannt seien, und da ich auch
mich selbst nicht als bestehend aus Geist und Körper, son-
dern als bloßen Geist betrachtete. Daher ist es klar, daß ich
dort von der durch gesprochene Worte ausgedrückten Lüge
nicht geredet habe, | sondern nur von der inneren und for- [193]
malen Böswilligkeit, die im Betrug enthalten ist.
So ist freilich das, was vom Propheten angeführt wird,
9*
130
Descartes, Meditationen.
„noch vierzig Tage, und Ninive wird untergehen" auch nicht
eine gesprochene Lüge gewesen, sondern nur eine Drohung,
deren Ausführung von einer Bedingung abliing; und wenn
es heißt: „Gott verhärtete das Herz des Pharao**, oder so
ähnlich, dann muß man darunter nicht verstehen, daß Gott
dies positiv ausgeführt habe, sondern nur negativ, indem er
nämlich dem Pharao die wirksame Gnade, durch die er sich
zu ihm hätte bekehren können, versagte. Jedoch möchte ich
die nicht tadeln, die zugeben, daß Gott durch die Propheten
auch eine gesprochene Lüge vorbringen kann, wie die Lügen
der Ärzte sind, mit denen sie die Kranken täuschen, um sie
zu heilen, d. h. in ihr fehlt jegliche Böswilligkeit des Betrugs.
Ja bisweilen, was noch mehr besagen will, sehen wir uns
sogar von unserem natürlichen Instinkt selbst, der uns von
Gott zugeteilt ist, wirklich getäuscht, so wenn der Wasser-
süchtige Durst fühlt; denn dann wird er positiv zum Trinken
verleitet von der Natur, die ihm zur Erhaltung des Körpers
von Gott gegeben ist; hier jedoch täuscht ihn diese Natur,
[194] weil das Trinken | ihn schädigen muß; wieso dies aber doch
nicht mit Gottes Güte und Wahrhaftigkeit in Widerspruch
steht, habe ich in der sechsten Meditation dargelegt.
Aber in dem, was so nicht dargelegt werden kann, näm-
lich in unseren im höchsten Grade klaren und exakten Ur-
teüen, die, wenn sie falsch wären, durch keine klareren und
nicht mit Hilfe irgendeiner anderen natürlichen Fähigkeit
richtig gestellt werden könnten, behaupte ich unbedingt, daß
wir uns nicht täuschen können. Denn da Gott das höchste
Sein ist, so ist er notwendig auch das höchste Gute und
Wahre, und es widerstreitet dalier, daß etwas von ihm
stanamt, das positiv zur Falschlieit führte. Da aber nichts
Reales in uns sein kann, was uns nicht von ihm gegeben
wäre (wie zugleich mit seinem Dasein bewiesen worden), wir
aber eine reale Fähigkeit haben, das Wahre zu erkennen und
es vom Falschen zu unterscheiden (wie schon daraus folgt,
daß uns die Ideen des Falschen und Wahren innewohnen),
so würde, wenn nicht diese Fähigkeit zur Wahrheit führte,
wenigstens wenn wir sie recht gebrauchen (d. h. wenn wir
nur dem zustimmen, was wir klar und deutlich erfassen), da
man sich ja keinen anderen richtigen Gebrauch dieser Fähig-
Antwort auf die zweiten Einwände.
131
keit ausdenken kann, mit Grund Gott, der sie uns gegeben
hat, für einen Betrüger gehalten werden.
I Und so seht Ihr, daß wir, nachdem das Dasein Gottes [195]
erkannt ist, ihn uns als einen Betrüger denken müssen, wenn
wir das, was wir klar und distinkt erfassen, in Zweifel ziehen
wollen; und weil man ihn sich als Betrüger nicht denken
kann, muß man jenes insgesamt als wahr und gewiß gelten
lassen.
Aber weil ich Euch hier immer noch in den Zweifeln
hängen sehe, die ich in der ersten Meditation aufgeworfen,
in den folgenden aber genau genug gehoben zu haben
glaubte, will ich hier nochmals das Fundament darlegen,
worauf die ganze menschliche Gewißheit meiner Meinung
nach sich aufbauen läßt.
Erstlich sobald wir meinen, etwas klar zu erfassen, so
überreden wir uns ganz von selbst, daß dies wahr ist. Ist
diese Überzeugung nun so fest, daß wir niemals einen Grund
haben können, an dem zu zweifeln, wozu wir uns so über-
redet haben, so ist darüber hinaus nichts zu suchen; wir
haben dann alles, was man vernünftigerweise wünschen
kann. Denn was hat es zu sagen, wenn etwa einer sich aus-
denkt, daß eben das, von dessen Wahrheit wir so fest über-
zeugt sind, Gott oder den Engeln falsch erscheint und also
im absoluten I Sinne falsch ist? Was brauchen wir uns um [196]
diese absolute Falschheit zu kümmern, da wir doch nicht im
geringsten daran glauben und auch nicht den geringsten
Argwohn in dieser Hinsicht hegen? Denn wir nehmen ja
die Überzeugung als so fest an, daß sie in keiner Weise er-
schüttert werden kann; diese Überzeugung ist doch ganz
genau dasselbe, wie die vollkommenste Gewißheit. Man
kann jedoch daran zweifeln, ob es eine derartige Gewißheit
oder feste und unwandelbare Überzeugung überhaupt gibt.
Und da ist freilich klar, daß man eine solche nicht von den
Gegenständen haben kann, die wir auch nur im geringsten
dunkel oder verworren fassen; denn diese Dunkelheit, wie
sie auch beschaffen sein mag, ist ein genügender Grund,
um an ihnen zu zweifeln. Es gibt eine solche Überzeugung
femer nicht von dem, was — wie klar auch immer — bloß
sinnlich aufgefaßt wird, da (wie oft erinnert) in der Sinnes-
132
Descartes, Meditationen.
Wahrnehmung mannigfache Irrtümer vorkommen können,
wie wenn der Wassersüchtige Durst fühlt oder der Gelb-
süchtige den Schnee gelb sieht, denn er sieht ihn so nicht
minder klar und deutlich, wie wir ihn weiß sehen. Also
bleibt nur übrig, daß wir diese Gewißheit nur von dem
haben können, was klar vom Verstände erfaßt wird.
Darunter ist nun manches so durchsichtig und zugleich
so einfach, daß wir niemals daran denken können, ohne es |
[197] für wahr zu halten, so, daß ich, solange ich Bewußtsein
habe, existiere; daß das, was einmal geschehen ist, nicht
ungeschehen werden kann und dergleichen, wovon es offen-
kundig ist, daß wir solche Gewißheit davon haben. Denn
wir können daran nicht zweifeln, ohne daran zu denken ; wir
können aber nicht daran denken, ohne es für wahr zu halten
(wie angenommen wurde) — also können wir daran nicht
zweifeln, ohne es zugleich für wahr zu halten, das heißt, wir
können überhaupt nicht daran zweifeln.
Dem widerstreitet nicht, daß wir „oft die Erfahrung ge-
macht haben, daß sich andere in dem getäuscht haben, was
sie sonnenklar zu wissen glaubten (s. o. S.114, Z.24ff.)". Denn
wir bemerken niemals, und es kann auch niemals von je-
mand bemerkt werden, daß das denen begegnet ist, die die
Klarheit ihrer Auffassung in der bloßen Verstandeseinsicht
suchen, sondern bloß denen, die sie aus den Sinnen oder aus
einern falschen Vorurteil geschöpft haben. Dem wider-
streitet auch nicht, wenn sich jemand ausdenkt, dies er-
schiene Gott oder einem Engel falsch; denn die Evidenz
unseres Erfassens erlaubt uns nicht, auf den, der sich solches
ausdenkt, zu hören. Es gibt andere Gegenstände, die von
unserem Verstand zwar ebenfalls aufs klarste erfaßt werden,
[198] I wenn wir genügend auf die Gründe achten, von denen ihre
Erkenntnis abhängt, — und wir können daher eben dann
an ihnen nicht zweifeln — , weil wir aber jene Gründe ver-
gessen und uns inzwischen doch der aus ihnen gezogenen
Schlußfolgerungen erinnern können, so ist die Frage, ob von
diesen Schlußfolgerungen ebenfalls eine feste und unwandel-
bare Überzeugung möglich ist, solange wenigstens wir uns
erinnern, daß sie aus evidenten Prinzipien abgeleitet worden
sind (dies Erinnern muß man nämlich voraussetzen, um sie
Antwort auf die zweiten Einwände.
133
als Schlußfolgerungen bezeichnen zu können). Darauf ant-
worte ich, daß allerdings diejenigen sie haben können, die
Gott so erkennen, daß sie einsehen, es sei unmöglich, daß
die Fähigkeit des Verstehens, die ihnen von ihm verliehen
worden ist, etwas anderes als die Wahrheit zum Ziel hat ; daß
sie dagegen die anderen nicht haben können. Dies ist am
Schluß der fünften Meditation so klar dargelegt, daß dem
hier nichts hinzuzufügen sein dürfte.
Fiinftens. Ich wundere mich, daß Ihr bestreitet, daß
der Wille sich einer Gefahr aussetzt, wenn er einem recht
wenig klaren und distinkten Begriffe des Verstandes
folgt. Denn was macht ihn gewiß, wenn das, dem er folgt,
nicht klar erkannt wird ? Und welcher Philosoph, oder Theo-
loge, oder auch nur vernünftig denkende Mensch hat wohl
je geleugnet, | daß die Gefahr des Irrtums um so geringer ist, [199]
um so klarer wir etwas einsehen, bevor wir ihm unsere Zu-
stimmung geben; und daß die sündigen, die über eine un-
bekannte Sache ein Urteil fällen. Ein Begriff aber wird
nur insofern als dunkel oder verworren bezeichnet, als er
etwas Unbekanntes enthält.
Und demnach ist Euer Einwand betreffs des Glaubens,
den man annehmen müsse (s. o. S. 114, Z. 3u.ff.), mir gegen-
über ebensowenig von Bedeutung, wie allen anderen gegen-
über, die je die menschliche Vernunft ausgebildet haben, und
er ist in der Tat niemandem gegenüber von irgendwelcher Be-
deutung. Denn obgleich wir sagen, daß der Glauben auf
dunkle Gegenstände sich beziehe, ist doch das, weswegen wir
ihn annehmen, nicht dunkel, sondern klarer als alles natür-
liche Licht. Freilich muß man unterscheiden zwischen der
Materie oder der Sache selbst, der man zustimmt, und dem
formalen Grund, der unsern Willen zur Zustimmung be-
wegt. Denn nur in letzterer Beziehung fordern wir einleuch-
tende Klarheit. Was jedoch die Materie betrifft, so hat nie-
mand je geleugnet, daß sie dunkel, ja die Dunkelheit selbst
sein kann. Wenn ich nämlich urteile, daß die Dunkelheit
aus unsern Begriffen herzuleiten sei, damit wir ihnen ohne
die Gefahr des Irrtums zustimmen können, | dann bilde ich [200]
über eben diese Dunkelheit ein klares Urteil. Ferner ist
zu bemerken, daß die Klarheit oder einleuchtende Kraft,
134
Descaites, Meditarionen.
durch die unser Wille zur Zustimmung bewogen werden
kann, doppelter Art ist: die eine nämlich geht von dem
natürlichen Lichte, die andere von der göttlichen Gnade aus.
Ja, vollends, obgleich wir allgemein sagen, der Glauben be-
ziehe sich auf dunkle Gegenstände, so meint man dabei doch
nur die Sache oder die Materie, auf die der Glaube geht,
nicht aber, daß der formale Grund, wegen dessen wir den
Sachen des Glaubens zustimmen, dunkel sei ; denn im Gegen-
teil beruht dieser formale Grund auf einem gewissen inneren
Licht, mit dem wir von Gott in übernatürlicher Weise so
erleuchtet sind, daß wir das feste Vertrauen hegen, daß das,
was uns zu glauben geboten wird, von ihm selbst geoffenbart
ist, und daß es völlig unmöglich sei, daß er lügt, welches
letztere gewisser ist als alles Licht der Natur (lumen naturae)
und oft sogar, wegen des Lichtes der Gnade, einleuchtender.
Und wenn die Türken oder andere Ungläubige die
christliche Religion nicht annehmen, so sündigen sie gewiß
nicht deswegen, weil sie dunkeln Dingen, da sie nun einmal
dunkel sind, nicht zustimmen wollen, sondern entweder des-
wegen, weil sie sich der göttlichen Gnade, die sie innerlich
[201] ergreift, widersetzen, oder | weil sie, in andern Dingen sün-
digend, sich der Gnade unwert machen. Und ich behaupte
kühn, daß ein Ungläubiger, der von aller übernatürlichen
Gnade verlassen und in völliger Unkenntnis darüber wäre,
daß unser Christenglaube von Gott geoffenbart ist, und der
dennoch dieselben Glaubenssätze, obwohl ihm selbst dunkel,
infolge irgendwelcher falschen Gedankengänge annähme,
darum nicht gläubig werden würde, sondern vielmehr darin
sündigen würde, daß er seinen Verstand nicht richtig ge-
braucht. Und ich glaube, daß kein rechtgläubiger Theologe
jemals hierüber anders gedacht hat. Und auch die, die
meine Schriften lesen, werden nicht glauben können, daß ich
dieses übernatüriiche Licht nicht anerkannt hätte, da ich
es mit sehr unzweideutigen Worten in der vierten Meditation,
in der ich die Ursache des Irrtums erforschte, ausgesprochen
habe (s. o. S. 48, Z. lOu.ff.), „dieses Licht stimme unsere
innerlichsten Gedanken zum Wollen und bedrohe dennoch
nicht die Freiheit".
Übrigens möchte ich Euch hier darauf aufmerksam
Antwort auf die zweiten Einwände.
135
machen, daß ich in dem, was dem Willen anzunehmen frei-
steht, sehr streng unterschieden habe zwischen dem Ge-
brauch des Lebens und der Betrachtung der Wahrheit.
Denn in den Dingen des gewöhnlichen Lebens bin ich so
weit entfernt zu glauben, man dürfe nur dem klar Erkannten
zustimmen, daß ich im Gegenteil | glaube, daß man nicht ein- [202]
mal das Wahrscheinliche immer abwarten darf, sondern
bisweilen aus vielem völlig Unbekannten eines auswählen
und das Ausgewählte ebensogut festhalten muß, solange
kerne Gründe dagegen geltend gemacht werden können, als
ob es aus sehr einleuchtenden Gründen ausgewählt wäre,' wie
ich in der Abhandlung über die Methode Seite 26*) dar-
gelegt habe. Sobald es sich aber nur um die Betrachtung
der Wahrheit handelt, wer hat da jemals geleugnet, daß man
dem nur dunkel und nicht distinkt genug Erkannten gegen-
über seine Zustimmung zurückhalten müsse ? Daß ich aber
in meinen Meditationen allein über die Betrachtung der
Wahrheit gehandelt habe, das versteht sich eigentlich von
selbst, außerdem habe ich es aber auch ausdrücklich gegen
Schluß der ersten Meditation mit folgenden Worten erklärt
(s. o. S. 16, Z. 3—6), „daß ich dort meinem Mißtrauen gar
nicht zu weit nachgeben könne, da es mir ja nicht auf ein
Handeln, sondern nur auf ein Erkennen ankomme."
Sechsten s. Wo Ihr den Schlußsatz meines Syllogis-
mus tadelt, scheint Ihr selbst in ihm zu irren. Denn zu
Eurem Schlußsatz hätte der Obersatz so lauten müssen:
„Das, wovon wir klar einsehen, daß es zu der Natur einer
Sache gehört, von dem können wir mit Wahrheit behaupten,
daß es zu seiner Natur gehört." So aber | würde in ihm [203]
nichts als eine nutzlose Tautologie enthalten sein. Mein
Obersatz aber war folgender : „Das, wovon wir klar einsehen,
daß es zur Natur einer Sache gehört, das können wir von
dieser Sache mit Wahrheit behaupten." D. h., wenn ein Tier
zu sein zur Natur des Menschen gehört, kann man behaupten,
daß der Mensch ein Tier ist; wenn drei Winkel gleich zwei
Rechten zu haben zur Natur des Dreiecks gehört, kann man
behaupten, daß das Dreieck drei Winkel gleich zwei Rechten
♦) S. meine deutsche Ausgabe, S. 27.
136
Dcscartes, Meditationen.
hat; wenn Existieren zur Natur Gottes gehört, kann man
behaupten, daß Gott existiert usw. Der Untersatz aber war
folgender: „Nun gehört es aber zur Natur Gottes, daß er
existiert." Daraus muß man offenbar schließen, wie ich ge-
schlossen habe : „Also kann man von Gott mit Wahrheit be-
haupten, daß er existiert"; nicht aber, wie Ihr wollt: „Also
können wir mit Wahrheit behaupten, daß es zu der Natur
Gottes gehört, daß er existiert."
Um also die von Euch angefügte Ausnahme anzuwen-
den, hättet Ihr den Obersatz leugnen und dafür sagen müs-
sen, „das, wovon wir klar einsehen, daß es zu der Natur einer
Sache gehört, könne darum von dieser Sache doch nur dann
behauptet werden, wenn ihre Natur möglich sei oder nicht
[204] I widerstreite." Aber seht, bitte, wie wenig diese Ausnahme
bedeutet. Denn entweder versteht Ihr, wie man es allgemein
versteht, unter „möglich" alles das, was dem menschlichen
Denken (conceptus) nicht widerstreitet; in diesem Sinne ist
es offenbar, daß die Natur Gottes, so wie ich sie beschrieben
habe, möglich ist, weil ich in ihr nur das angenommen habe,
wovon wir klar und distinkt wahrnehmen, daß es zu ihr ge-
hört, so daß es dem Denken nicht widerstreiten kann. Oder
aber Ihr erdichtet Euch irgendeine andere Möglichkeit von
Seiten des Objekts selbst, die, wenn sie nicht mit der vorher-
gehenden übereinstimmt, niemals vom menschlichen Geiste
erkannt werden kann und deshalb nicht mehr Kraft hat, die
Natur oder Existenz Gottes zu leugnen, als alles übrige, was
Menschen erkennen, zu erschüttern. In der Natur Gottes
findet sich keine Unmöglichkeit von Seiten unseres Denkens,
sondern im Gegenteil ist alles, was wir in dem Begriff der
göttlichen Natur umfassen, so miteinander verknüpft, daß
es ein Widerspruch zu sein scheint, daß etwas daraus nicht
zu Gott gehören sollte; also kann man mit dem gleichen
Rechte, mit dem man behauptet, Gottes Natur sei nicht
möglich, auch behaupten, es sei nicht möglich, daß die drei
[205] Winkel des | Dreiecks gleich zwei Rechten sind, oder daß
der, der aktuell denkt, existiert ; und mit noch weit besserem
Rechte wird man behaupten, daß nichts von dem, was uns
unsere Sinne zeigen, wahr ist ; und so wird man alle mensch-
liche Erkenntnis, aber ohne jeden Grund, aufheben.
Antwort auf die zweiten Einwände.
137
Nun der Beweis, den Ihr mit meinem vergleicht: „Wenn
die Existenz Gottes keinen Widerspruch enthält, ist es ge-
wiß, daß er existiert. Sie ist aber kein Widerspruch.
Also . . ." Materiell zwar ist dies wahr, formell aber ein Trug-
schluß. Denn im Obersatz bezieht sich dieses „es ist kein
Widerspruch" auf den Begriff der Ursache, durch die Gott
sein kann; im Untersatz aber nur auf den Begriff der gött-
lichen Existenz und Natur selbst; wie daraus hervorgeht,
daß, wenn man den Obersatz verneint, man so schließen
muß : ,,Wenn Gott noch nicht existiert, ist es ein Wider-
spruch, daß er existiere, weil keine genügende Ursache an-
gegeben werden kann, die ihn hervorbrächte. Es ist aber
kein Widerspruch, daß er existiert (wie angenommen); also
. . ." Bestreitet man aber den Untersatz, muß man so sagen :
„Das enthält keinen Widerspruch, in dessen formalem Be-
griff nichts ist, das einen Widerspruch einschlösse. Nun ist
aber in dem formalen Begriff der göttlichen Existenz oder
Natur I nichts, was einen Widerspruch einschlösse. Also . . ." [206]
Diese beiden Schlüsse sind sehr verschieden. Denn es kann
geschehen, daß man in einer Sache nichts sieht, das ihre
Existenz hindern könnte, indessen aber etwas auf Seiten der
Ursache sieht, das ihrer Hervorbringung im Wege steht.
Obwohl wir aber Gott nur in inadäquater oder meinet-
wegen in „höchst inadäquater" Weise (vgl. o. S. 116, Z. 2)
begreifen, hindert das nicht, daß es gewiß ist, daß seine
Natur möglich ist oder keinen Widerspruch einschließt;
auch hindert es nicht, daß wir mit Wahrheit behaupten
können, daß wir sie klar genug geprüft haben (soweit es
nämlich genügt, um das zu erkennen, und auch, um zu er-
kennen, daß das notwendige Dasein zu ebenderselben Natur
Gottes gehört). Denn alle Undenkbarkeit oder Unmöglich-
keit*) beruht allein in unserem Denken**), das die mitein-
ander streitenden Ideen nur schlecht verbindet, und kann
nicht in irgendeiner außerhalb des Verstandes gesetzten
♦) französisch: Denn alle Unmöglichkeit oder, wenn es ge-
stattet ist, den schulmäßigen Ausdruck zu gebrauchen, alle Un-
denkbarkeit (implicance).
**) Im Französischen: „concept on pens6e".
138
Descartes, Meditationen.
Sache beruhen, weil schon dadurch, daß etwas außerhalb
des Verstandes sei, es klar ist, daß es nicht undenkbar, son-
[207] dern möglich ist. Es entsteht aber in unsem Begriffen | eine
Undenkbarkeit*) nur dadurch, daß sie dunkel und ver-
worren sind, kann doch niemals eine solche in klaren und
distinkten Begriffen vorhanden sein. Und um zu behaupten,
daß wir klar genug seine Natur erforscht haben, und daß sie
keinen Widerspruch enthalte, genügt demnach, daß wir das
Wenige, was wir von Gott wahrnehmen, klar und distinkt
einsehen, wenn auch keineswegs in adäquater Weise, und
daß wir bemerken, daß unter anderem auch das notwendige
Dasein in diesem unsern, freilich nur inadäquaten, Begriff
von ihm enthalten ist.
Siebentens. Warum ich über die Unsterblichkeit der
Seele nichts geschrieben habe, das habe ich bereits in der
.Inhaltsübersicht' meiner Meditationen gesagt. Daß ich ihre
Verschiedenheit von allem Körper zur Genüge bewiesen
habe, habe ich oben gezeigt. Fügt Ihr aber hinzu, „aus der
Verschiedenheit der Seele vom Körper folge ihre Unsterb-
lichkeit nicht, da man trotzdem behaupten könne, daß sie
von Gott mit einer solchen Natur geschaffen worden sei, daß
ihre Dauer zugleich mit der des körperlichen Lebens zu
Ende sei (s.o. S.116, Z.lSff.)'*, so gestehe ich, daß ich darauf
nichts erwidern kann, denn meine Anmaßung erstreckt sich
nicht soweit, allein kraft menschlicher Vernunft etwas zu
bestimmen, was einzig vom bloßen Willen Gottes abhängt.
|208] Es lehrt | die natürliche Erkenntnis, daß der Geist vom Kör-
per verschieden und eine Substanz ist, der menschliche Kör-
per aber, sofern er von den übrigen Körpern sich unter-
scheidet, allein aus der Anordnung der Glieder und anderen
derartigen Accidentien besteht, und schließlich, daß der Tod
des Körpers allein von irgendeiner Teilung oder Gestalt-
veränderung abhängt. Nun haben wir kein Argument, kein
Beispiel dafür, daß der Tod oder die Vernichtung einer Sub-
stanz, wie sie der Geist ist, aus einer so geringfügigen Ur-
sache wie einer Gestalt Veränderung folgen muß, die doch
nichts anderes ist, als ein Modus und zwar nicht ein Modus
♦) französisch: Unmöglichkeit.
Antwort auf die zweiten Einwände.
139
des Geistes, sondern des von dem Geiste real verschiedenen
Körpers. Zudem haben wir ja nicht einmal ein Argument
oder ein Beispiel dafür, daß irgendeine Substanz zugrunde
gehen kann; das genügt aber, um zu schließen, daß der
Geist, soweit er vermöge der natürlichen Philosophie erkannt
werden kann, unsterblich ist.
Fragt man aber nach der absoluten Macht Gottes, und
ob er vielleicht bestimmt hat, daß die menschlichen Seelen
zu derselben Zeit wie die Körper, mit denen er sie verbunden
hat, zerstört werden, so gebührt es allein Gott, darauf zu
antworten. | Und da er selbst uns bereits geoffenbart hat, [209]
daß dies nicht geschehen wird, so bleibt gar keine, sei es
auch noch so geringfügige Veranlassung zum Zweifel übrig.
Es bleibt mir jetzt noch übrig, Euch Dank zu sagen, daß
Ihr mich in einer so höflichen und so offenen Weise nicht
nur auf das, was Ihr selbst Erwähnenswertes bemerkt habt,
sondern auch auf das, was von Neidern oder Atheisten
gesagt werden könnte, aufmerksam gemacht habt. Freüich
sehe ich unter dem von Euch Vorgebrachten nichts, was ich
nicht schon vorher in den Meditationen entweder gelöst oder
ausgeschlossen hätte; denn das, was Ihr über die von der
Sonne hervorgebrachten Fliegen, über die Kanadier, Nini-
viten, Türken u. ä. angeführt habt, kann denen nicht in den
Sinn kommen, die, dem von mir gewiesenen Wege folgend,
alles von den Sinnen Erfahrene eine Zeitlang beiseitelegen,
um auf das zu achten, was die reine und unverfälschte Ver-
nunft vorschreibt, und deshalb glaubte ich, daß dieses schon
zur Genüge von mir ausgeschlossen wäre. Obwohl aber dies
sich so verhält, denke ich, daß Eure Einwendungen mir in
meinem Vorhaben sehr förderlich sein werden. Denn solche
Leser erwarte ich kaum, die so genau auf alles, was ich ge-
schrieben, achten mögen, daß sie, am Schluß angekommen,
sich an alles Vorhergegangene erinnern; und die das nicht
tun, fallen leicht in | irgendwelche Zweifel, denen entweder, [210J
wie sie nachher sehen werden, in dieser meiner Antwort ge-
nügt worden ist, sonst aber werden sie wenigstens aus ihr
Veranlassung nehmen, die Wahrheit weiter zu prüfen.
Nun endlich zu Eurem Rat (s. o. S. 116, Z. 27), „ich solle
meine Gedankengänge in der Methode der Geometer vor-
140
Descartes, Meditationen.
tragen, damit sie gleichsam mit einem einzigen Blick vom
Leser wahrgenommen werden könnten." Da ist es der Mühe
wert, daß ich hier auseinandersetze, wie weit ich dies schon
befolgt habe, und wie weit ich es in Zukunft zu befolgen
denke. Zweierlei unterscheide ich an der bei den Geometern
gebräuchlichen Art und Weise der Darstellung, nämlich
1. die Ordnung (ordo) und 2. die Beweisart (ratio demon-
strandi).
Die Ordnung besteht allein darin, daß die zuerst vor-
gebrachten Gegenstände ohne Hilfe der folgenden erkannt
werden müssen und alles Folgende dann derart anzuordnen
ist, daß es allein durch das Vorhergehende bewiesen wird.
In den Meditationen habe ich mir wahrlich Mühe gegeben,
diese Ordnung so genau als nur möglich zu befolgen; und
ihre Beobachtung war mit der Grund, weshalb ich von der
Unterschiedenheit des Geistes vom Körper nicht in der
zweiten, sondern erst in der sechsten Meditation gehandelt
habe, und weshalb ich vieles anderes mit Wissen und Willen
[211] fortgelassen habe, | weil es die Darlegung mehrerer anderer
Dinge voraussetzte.
Beweisarten aber gibt es zwei, die eine vermittels der
Analysis*), die andere vermittels der Synthesis**).
Die Analysis zeigt den wahren Weg, auf dem eine
Sache methodisch und gleichsam a priori gefunden worden
ist***), so daß. wenn der Leser ihr folgen und sein Augen-
merk darauf richten will, er die Sache genau so vollkommen
einsehen und sie ebenso sich zu eigen machen wird, wie
wenn er selbst sie gefunden hätte. Indessen ist diese Beweis-
art nicht geeignet, hartnäckige oder nicht recht aufmerksame
Leser zu überzeugen; denn wenn man nur das Geringste
von dem Vorgebrachten sich entgehen läßt, ohne darauf
acht zu haben, so wird die Notwendigkeit ihrer Schluß-
folgerungen nicht einleuchten, auch werden bei ihr häufig
♦) französisch: oder Auflösung.
•*) französisch: oder Zusammensetzung.
*•*) die Worte „und gleichsam a priori" nur in der lat. Ausg. ;
die französ. Ausg. bat dafür: „und zeigt, wie die Folgen von den
Gründen abhängen".
Antwort auf die zweiten Einwände.
141
viele Dinge kaum berührt, weil sie für den, der genüeend
aufmerkt, klar sind, auf die man dennoch vorzüglich achten
Die Synthesis dagegen geht den entgegengesetzten Weg
und beweist gleichsam a posteriori*), wenn auch häufig
der Beweisgang in ihr noch mehr a priori ist, als in der
Analysis**^ zwar klar den Schlußsatz, wobei sie sich einer
1™ !J^pT ^^^'"">«"^"' Postulaten, Axiomen. Theo-
[rZn ""'^ I P™''!^'"^" bedient, so daß sie, wenn man ihr [212]
irgendwelche Konsequenzen bestreitet, sogleich zu zeigen
vermag, daß sie im Vorhergehenden enthalten sind, und sie
so dein noch so widerstrebenden und harmäckigen Gegner
seme Zustimmung entreißt, sie verleiht aber nicht, wie die
Analysis, eine Befriedigung und füllt den Geist der Lern-
begierigen nicht aus. weil sie die Art und Weise, wie die
i>ache gefunden worden ist, nicht lehrt.
.Il^in^l ^ c^" Geometer pflegten sich in ihren Schriften
allein der Synthesis zu bedienen, nicht als ob sie von der
n^^l^T r,l "'^''m' ?^^^' ^^"^"- ^°"'^«™ »"«ner Ansicht
nach deshalb, weil sie diese für so wertvoll hielten, daß sie
sie als ein Geheimnis für sich selbst bewahrten.
H.n I? '"f'"^';^ef bin in den Meditationen ausschließlich
den Weg der Analysis gegangen, weil er mir zur Belehrung
die ,17» '" T ^^' ^^''^ ^''*='^^""' während die Synthesis,
die zweifellos das ist, was Ihr von mir verfangt, wenngleich
man bei den Gegenständen der Geometrie recht daran tut
sie auf die Analysis folgen zu lassen, doch für diese meta-
physischen Gegenstände nicht so recht passen dürfte.
die fuTn^" F'^^««<='»i^d ist der, daß die Grundbegriffe,
die zum Beweise der geometrischen Sätze vorausgesetzt
werden von jedem zugegeben werden, weil sie mit der sinn-
hchen bei ihr darauf ankommt, die richtigen Konsequenzen
^,t:i *^- *j Worte „gleichsam a posteriori" nur in der lat Aim»
£r"rfo«crr^- ^"'^-^ ^^'"^ ''^ «"« ""^^^ aus iLr'en /oi^f;;
dafürln**'!^/""* ..noch mehr - Analysis" nur in der lat. Ausg
dafür in der frz. Au«g.: die Folgen aus ihren Griinden heraus zei^:
148
Descartes, Meditationen.
zu ziehen, die auch von wenig aufmerksamen Leuten ge-
zogen werden können, wenn sie sich nur an das Vorher-
gegangene erinnern ; und die sorgfältige Scheidung der ein-
zelnen Sätze geschieht zu dem Zweck*), damit man leicht
auf einen jeden zurückgreifen kann und ihn so ihnen, wenn
sie sich auch sträuben, ins Gedächtnis zurückrufen kann.
Ganz im Gegenteil macht bei den metaphysischen Gegen-
ständen nichts so große Mühe, als die ersten Begriffe klar
und distinkt zu erfassen. Wenn sie auch aus ihrer eigenen
Natur heraus ebenso bekannt oder gar bekannter sind als
die von den Geometern betrachteten, werden sie doch, weil
ihnen viele Vorurteile der Sinne entgegenstehen, an die wir
uns von Jugend auf gewöhnt haben, nur von sehr Aufmerk-
samen und solchen, die sich bemühen, den Geist von den
körperlichen Dingen nach Möglichkeit abzuziehen, voll-
kommen erkannt; und wenn sie ganz allein hingestellt
wurden, könnten kritisch veranlagte Leute sie leicht leugnen.
Dies ist der Grund gewesen, weshalb ich lieber Medi-
tationen geschrieben habe und nicht Abhandlungen (Dis-
putationes), wie diei Philosophen oder Theoreme und Pro-
roi^i f''^™^' ^^ ^^^ Geometer, um nämlich dadurch zu bezeugen,
1214J I daß es mir nur um die zu tun ist, die sich die Mühe geben
wollen, mit mir den Gegenstand aufmerksam zu betrachten
und über ihn nachzudenken (meditari). Denn allein schon
dadurch, daß einer sich anschickt, die Wahrheit zu bekämp-
fen, macht er sich weniger geeignet, sie zu erfassen, da er
semen Sinn ja von der Betrachtung der Gedanken, die für
die Wahrheit sprechen, ablenkt, um andere ausfindig zu
machen, die gegen sie sprechen.
Vielleicht**) aber möchte hier jemand einwenden, daß
;„ A ^ . ^""^^ ""^"^ ^^ — Zweck" nur in der lat. Ausg., dafür
^^t^ "■ "'iF" "Od man nötigt sie leicht, sich daran zu Irinnem,
mdem man ebenso viele einzelne Sätze unterscheidet, wie man
fjf^,^^"' der gestellten Frage bemerkt, damit sie bei jedem ein-
zelnen Punkt besonders verweilen und
, *!).Djeser ganze Schluß findet sich nur in der lat. Ause die
franzosische Ausgabe gibt statt dessen folgenden kurzen Abtatz
will i:^w ''°'^dem zu zeigen, wieviel ich auf Euren Rat gebe,
will ich hier versuchen, die Synthcsis der Geometer nachzuahmen
lAntwort auf die zweiten Einwände.
143
man Gedanken zum Widerspruch dann zwar nicht suchen
solle, wenn man sicher wüßte, daß man die Wahrheit vor
sich habe; solange aber darüber ein Zweifel herrsche tue
man recht daran, alle Gedanken für und wider zu erwägen
damit man die schwächeren als solche erkennt; und es sei
von mir keine billige Forderung, wenn ich verlangte, meine
Gedanken als wahr anzunehmen, ehe sie völlig durchschaut
berchtfn" ^"'"'^"^' ^"'^^'^ '^"^'^ widerstreitende zu
ir...n^'".^' "^'^^ "^ "^^ ^""^'^ ^*&«» können, wenn
IZn T ^T ^^"/^ücken, in denen ich einen ailfmerk-
samen und nicht widerstrebenden Leser verlange, derart
IZt'J K ' ?" ?" '*"'■ B^^^^^^htung von irgenk etwas
anderem abziehen könnte, in dem auch nur die leiseste
Hoffnung bestände, mehr Wahrheit als in meinen Ausfüh-
rungen zu finden. Da aber unter den Dingen, 1 die ich vor- [2151
bringe, der höchste Zweifel an allem enthSten ist, undkh ^ ^
nichts mehr empfehle, als das einzelne recht fleißig zu be-
trachten, und da wirklich gar nichts angenommen wird
wenn es nicht so klar und distinkt erkannt worden ist daß
und '^TiT^^A ^"^""»'"""g unmöglich versagen können,
und da ich andererseits von nichts anderem den Sinn der
Leser abzuziehen wünsche, als von dem, was sie niemals ge-
nug geprüft haben und was sie nicht aus einer festen über-
^gung, sondern nur aus ihren Sinnen entnommen haben, so
rneine ich mcht, daß irgend jemand glauben kann, daß er
f^rhf?"' '^^'"' " ^"^'" '^^' ^°" •^'- Vorgetragene be-
Irni '."li^'"^'' «^•■«ß«'-^'^ Gefahr des Irrtums befinden
werde, als dann, wenn er davon den Geist abzieht und auf
anderes hinlenkt, das jenem irgendwie entgegensteht und
dunkel verbreitet - d. h. bei den VorurteUen der Sinne.
Deshalb verlange ich einerseits mit Recht eine beson-
aere Aufmerksamkeit bei meinen Lesern und habe die Art
Uer^.n'^-'K'''" ^■"«'iA''riß der wichtigsten Gedankengänge brineen
deren ich mich bedient habe, um das Dasein Gottes und die??n^tr'
wtlfeS.'"''*'". ''""• ""^ '^"^P- des MensS^^,YrgeT
Wr'zSen Äef isT ■" ""'^^ *' Aufmerksamkeit T^
Descartes, Mediutionen. -q
144
Descartes, Meditationen.
der Darstellung vor andern ausgewählt, in der ich die Auf-
merksamkeit in besonders hohem Grade gewinnen zu können
meinte, und aus der meinem Gefühl nach die Leser mehr
Nutzen ziehen werden als sie selbst bemerken werden, wäh-
[216] rend sie im Gegenteil aus der synthetischen Art | der Dar-
stellung gewöhnlich mehr glauben gelernt zu haben, als
sie wirklich gelernt haben. Andererseits halte ich es aber
auch für billig, daß ich bei denen, die nicht mit mir haben
nachdenken wollen und an ihren vorgefaßten Meinungen
festhalten werden, die über mich gefällten Urteile energisch
zurückweise und über sie als bedeutungslos hinweggehe.
Aber weil ich weiß, wie schwer es sein wird, auch für
die, die aufmerken und die Wahrheit ernstlich suchen, das
Ganze meiner Meditationen zu überblicken und zugleich
seine einzelnen Teile zu unterscheiden — und doch muß
beides zugleich geschehen, damit man vollen Nutzen aus
ihnen ziehen kann — -, so wül ich einige wenige Abschnitte im
synthetischen Stil hier anfügen, durch die hoffentlich etwas
geholfen wird. Jedoch bitte ich zu beachten, daß ich weder
hier so viel wie in den Meditationen bieten will, weil ich
dann viel weitläufiger als üi ihnen selbst sein müßte, noch
auch das, was ich bieten will, genau darlegen werde, teils
im Streben nach Kürze, teils auch, damit nicht mancher, in
der Memung, dies sei genug, die Meditationen selbst, aus
denen man memer Überlegung nach viel mehr Nutzen ziehen
kann, nachlässiger prüft.
Gedanken
zum Beweise des Daseins Gottes und dor TT«f
.chiedenheit der Seele vom Körner n^rh " .
M^fklT ^^^P^^» "^ch geometrischer
Methode geordnet.
Definitionen.
I. Unter dem Namen „BewußfQi^^in'w^^ •. •
befasse ich alles das, was so iruns f^ / a '''^'*^' ^""'^"^
unmittelbar bewußt werdL*) In de- V ^^""' '''''''
rationen des Willens ZTJ' l Z ^'"""^ ^'""^ ^"^ Ope-
der Sinne Bewißts^^^^^^^^ -"^^ ^^^^^^-^ "'d
Das Wort unmSblr' h k • ^'^^J^^^^^^^^' des pens^es).
das auszu cS^n was ,1^^^ ^^'J hinzugefügt, um all
willige BewetnT So hat die frei-
Ausgangspunkt kt 7Zr h ? i'"^^" ^^' Bewußtsein als
eines jeden BewuRtc^Jnc ^ , /^'^^'^'^e ich die Form
fassung ich eben dtstT' ^^^ '^^'^'^ unmittelbare Er-
ich auc\ tmer mtwo«raJSr K^""^' •'^•- ''^'^^'' --
meine, was ich s^se^ZTß SZ""r^'' f f: ^T '^'^ "^^^
banden ist wa. mit ^ ,f, "^"' ^'^ ^^^^ dessen vor-
so nenne'ich^ScK^ett'die'lLrn 'rt^^^'"- ^"^
Remalten Bilder Ideen- vielmehr n' '". l^' .Phantasie ab-
wegs Ideen, soweit sTe/nXrT vT '^^ ''^ ^'^' ^'''''^'■
einem Teile des Geh rn<" t ''«n^erf'chen Phantasie, d. h. in
___^ieii^des Gehirns abgemalt sind, sondern nur so weit,
die wihÄrrSrnÄef.'' ein Bewußtsein, wohl aber
daß man spaziereVeht" (nT li dtrÄ.^iS^f ^' *^ '"'" '>^''
10*
[217]
146
Descartes, Meditationen.
[2181 ^s I sie den auf jenen Teil des Gehirns gerichteten Geist
selbst bilden.
III. Unter der objektiven Realität einer Idee ver-
stehe ich den Seinsgehalt (entitas) der durch die Idee vor-
gestellten Sache, sofern dieser in der Idee repräsentiert ist,
ebenso kann man reden von einer objektiven Vollkommen-
heit oder einem objektiven Kunstwerk usw. Denn alles,
was wir als in den Objekten der Ideen erfassen, das ist in den
Ideen selbst „objektiv"*) vorhanden.
IV. Von demselben sagt man, daß es formal in den
Objekten der Ideen vorhanden ist, wenn es in ihnen selbst
quahtativ ebenso gegeben ist, wie wir es erfassen und emi-
nent, wenn es zwar nicht ebenso darin enthalten, wohl aber
ein solches Quantum Realität darin ist. daß es die Stelle des-
selben vertreten kann.
V. Jede Sache, der unmittelbar, als in ihrem Subjekte,
etwas innewohnt, oder durch die etwas existiert, was wir
erfassen, d.h. irgendeine Eigenschaft oder Beschaffenheit
oder Attribut, wovon wir in uns die reale Idee haben, heißt
Substanz. Und wir haben von der Substanz im strengen
Sinne gar keine andere Idee, als daß sie die Sache (res) ist,
in der in formaler oder eminenter Weise eben das existiert,
was wir erfassen, d.h. was objektiv in irgendeiner unserer
Ideen enthalten ist, da uns das natürliche Licht lehrt, daß
[219] das Nichts kein | reales Attribut haben kann.
VI. Die Substanz, der unmittelbar das Bewußtsein inne-
wohnt, heißt Geist; ich spreche aber hier lieber vom Geist
als von der Seele, weil das Wort „Seele" doppelsinnig ist
und oft mißbräuchlich für etwas Körperliches gebraucht
wird**).
VII. Die Substanz, die das unmittelbare Subjekt der
örtUchen Ausdehnung und der diese Ausdehnung voraus-
setzenden Accidentien, wie Figur, Lage, örtliche Bewegung
usw. ist, heißt Körper. Ob aber das, was Geist und Körper
♦) oder durch Vorstellungen (nur frz. Ausg.).
♦*) „ich spreche ~ gebraucht wird" nach der lat. Ausg. ; dafür
die franz.: jedoch ist dieser Name doppelsinnig, da man ihn
manchmal auch der Luft und den sehr feinen Flüssigkeiten zuteilt j
aber ich weiß keinen geeigneteren.
Anhang zu den zweiten Erwiderungen.
147
heißt, ein und dieselbe Substanz ist oder zwei verschiedene,
wird weiter imten zu behandeln sein.
VIII. Die Substanz, die wir als die höchst vollkonamene
einsehen und in der wir offenbar uns nichts vorstellen, das
einen Fehler oder eine Beschränkung der Vollkommenheit
einschlösse, heißt Gott. '
IX. Wenn wir sagen, etwas sei in der Natur oder dem
Begriff einer Sache enthalten, so ist das dasselbe, wie wenn
wir sagten, dies sei von der Sache wahr, oder, dies könne
von ihr behauptet werden.
X. Man spricht von der realen Unterschiedenheit zweier
Substanzen, wenn jede von ihnen ohne die andere existieren
kann.
Postulate.
[220]
Ich fordere erstens, daß die Leser bemerken, wie
schwach die Erwägungen sind, derentwegen sie bisher ihren
Sinnen geglaubt haben, und wie ungewiß alle Urteile sind,
die sie auf ihnen aufgebaut haben, und daß sie dies so lange
und so oft bei sich wiederholen, bis sie schließlich die Ge-
wohnheit bekommen, ihnen nicht mehr zu viel zu trauen.
Das halte ich nämlich für nötig, um die Gewißheit der meta-
physischen Gegenstände zu erfassen.
Zweitens fordere ich, daß sie ihren eigenen Geist be-
trachten und dessen sämtliche Attribute, an denen sie wahr-
nehmen, daß sie an ihnen nicht zweifeln können, wie sehr
sie auch alles von den Sinnen je Erfahrene als falsch an-
nehmen, und daß sie nicht eher aufhören, ihn zu betrachten,
als bis sie die Gewohnheit angenommen haben, ihn klar zu
erfassen und zu glauben, daß er leichter zu erkennen ist als
alle körperlichen Dinge.
Drittens fordere ich, daß sie die ohne weiteres be-
kannten Sätze, die sie bei sich finden werden, wie z. B. den,
daß dasselbe Ding nicht zugleich sein und | nicht sein kann, [221]
daß das Nichts nicht die wirkende Ursache eines Dinges sein
kann, u. ä. fleißig prüfen und so die ihnen von der Natur
gegebene Klarheit des Verstandes, die aber gewöhnhch
148
Descartes, Meditationen.
durch die Wahrnehmungen der Sinne nach Kräften getrübt
und verdunkch wird, rein und frei von ihren Vorurteilen
üben. Denn auf diese Weise wird ihnen die Wahrheit der
folgenden Axiome leicht offenbar werden.
Viertens fordere ich, daß sie die Ideen der Naturen
prüfen, in denen eine Verbindung von vielen Attributen ent-
halten ist, wie die Natur des Dreiecks, des Quadrats oder
einer andern Figur, und ebenso die Natur des Geistes, die
Natur des Körpers und vor allem die Natur Gottes oder des
höchst vollkommenen Wesens. Ferner : daß sie bemerken,
daß alles das, was wir in ihnen enthalten finden, mit Wahr-
heit von ihnen behauptet werden kann. Z. B., weil in der
Natur des Dreiecks enthalten ist, daß seine drei Winkel
gleich zwei Rechten sind, und in der Natur des Körpers,
d. h. eines ausgedehnten Dinges die Teilbarkeit enthalten ist
(wir können uns nämlich kein so kleines ausgedehntes Ding
vorstellen, daß wir es nicht wenigstens in Gedanken teilen
können), ist es wahr, zu sagen, daß in jedem Dreieck die
drei Winkel gleich zwei Rechten sind, und daß jeder Körper
teilbar ist.
[222] Fünftens fordere ich, daß sie lange und viel bei | der
Betrachtung der Natur des höchst vollkommenen Wesens
verweilen, und daß sie unter anderem betrachten, daß zwar
in den Ideen aller anderen Naturen das mögliche Dasein, in
der Idee Gottes aber nicht nur das mögliche, sondern
schlechtweg das notwendige Dasein enthalten ist. Denn
allein hieraus werden sie, auch ohne langes Reden, erkennen,
daß Gott existiert, und das wird ihnen ebensogut ohne
weiteres bekannt sein, wie es ihnen bekannt ist, daß zwei
eine gerade, drei eine ungerade Zahl ist, u. ä. Denn es gibt
Dinge, die einigen Menschen ohne weiteres bekannt sind,
während sie von andern nur nach langem Reden eingesehen
werden.
Sechstens fordere ich, daß sie bei der Untersuchung
aller der Beispiele einer klaren und distinkten Wahrneh-
mung, ebenso einer dunkeln und verworrenen, die ich in
meinen Meditationen aufgeführt habe, sich daran gewöhnen,
das klar Erkannte von dem Dunkeln zu unterscheiden; denn
das lernt sich leichter aus Beispielen als aus Regeln, und ich
Anhang zu den zweiten Erwiderungen.
149
glaube alle dahin gehörigen Beispiele entweder dargelegt
oder wenigstens kurz berührt zu haben.
Siebentens endlich, da sie bemerken, daß sie niemals
in dem klar Wahrgenommenen eine Falschheit gefunden
haben, | und daß sie andererseits keine Wahrheit in dem nur [223]
dunkel Begriffenen außer durch Zufall gefunden haben,
fordere ich, daß sie betrachten, daß es völlig unvernünftig
ist, nur wegen der Vorurteile der Sinne oder wegen irgend-
welcher*) Vermutungen, in denen irgendein Unbekanntes
enthalten ist, das, was vom reinen Verstände klar und
distinkt erfaßt wird, in Zweifel zu ziehen. Denn dann werden
sie leicht die folgenden Axiome als wahr und unzweifelhaft
annehmen. Allerdings hätten gewiß einige von ihnen besser
dargelegt werden können und Heber wie Theoreme vor-
gebracht werden müssen denn als Axiome, wenn ich hätte
genauer sein wollen.
Axiome
oder Allgemeinbegriffe.
I. Kein Ding existiert, bei dem man nicht fragen könnte,
was denn die Ursache seiner Existenz sei. Denn bei Gott
selbst kann man hiernach fragen, nicht weil er emer Ur-
sache bedürfte, um zu existieren, sondern weil die Unermeß-
Hchkeit seiner Natur die Ursache oder der Grund ist, wes-
wegen I er keiner Ursache bedarf, um zu existieren. [224]
II. Die gegenwärtige Zeit hängt von der unmittelbar vor-
hergehenden nicht ab, und es bedarf darum keiner ge-
ringeren Ursache, um* eine Sache zu erhalten, als um sie
selbst ursprünglich hervorzubringen.
III. Kein Ding und keine aktuell existierende Vollkoni-
menheit eines Dinges kann eüi Nichts, d.h. ein nicht exi-
stierendes Ding, als Ursache seiner Existenz haben.
rv. Alle Realität oder Vollkommenheit, die in einer
Sache vorhanden ist, ist in formaler oder eminenter Weise in
ihrer ersten und adäquaten Ursache vorhanden.
♦) aufs Geradewohl gemachter (nur in der fram. Ausg.).
Descartes, Meditationen.
V. Daraus folgt auch, daß die objektive Realität unserer
Ideen eine Ursache erfordert, in der ebendieselbe Realität
nicht nur in objektiver, sondern in formaler oder eminenter
Weise enthalten ist. Und man muß bemerken, daß man
dieses Axiom so notwendig annehmen muß, daß von diesem
einen die Erkenntnis aller Dinge, der wahrnehmbaren eben-
so wie der nicht wahrnehmbaren abhängt. Denn woher
wissen wir z. B., daß der Himmel existiert ? Etwa, weil wir
ihn sehen? Dieses Sehen berührt doch den Geist nicht,
[225] außer soweit | es eine Idee ist : eine Idee, sage ich, die im
Geiste selbst haftet, aber nicht ein Bild, das in der Phantasie
abgemalt ist. Und wegen dieser Idee können wir nur des-
halb urteilen, daß der Hinmiel existiert, weil jede Idee eine
real existierende Ursache ihrer objektiven Realität haben
muß, von welcher Ursache wir urteilen, daß sie der Himmel
selbst ist, imd so auch bei allen übrigen.
VI. Es gibt verschiedene Grade der Realität oder des
Seinsgehalts (entitas)*). Denn die Substanz hat mehr Reali-
tät als das Accidens oder der Modus, und die unendliche Sub-
stanz wiederum mehr als die endliche. Deshalb ist auch mehr
objektive Realität in der Idee der Substanz als in der des
Accidens, und in der Idee der unendlichen Substanz wieder-
um mehr als in der Idee der endlichen.
VII. Der Wille eines denkenden Dinges neigt sich, zwar
frei imd unabhängig (denn das ist das Wesen des Willens),
aber trotzdem mit unfehlbarer Sicherheit auf das von ihm
klar erkannte Gut. Wenn er daher irgendwelche Vollkom-
menheiten erkannt hat, die ihm noch fehlen, wird er sie sich
sofort geben, wenn sie in seiner Macht stehen**).
VIII. Das, was ein Größeres oder Schwierigeres hervor-
bringen kann, kann auch ein Geringeres hervorbringen.
IX. Es ist etwas Größeres, eine Substanz zu schaffen
[226] oder zu erhalten, | als die Attribute oder Eigenschaften der
Substanz; aber es ist nicht weniger etwas Großes, ein Ding
III schaffen, als es zu erhalten, wie oben gesagt ist.
*) oder der VoUkommcnheit (nur in der frani. Ausg.).
••) franiösisch der Zusatz: denn er wird erkennen, daß es für
ibn ein größeres Gut ist, sie lu besitzen, als sie nicht zu besitzen.
Anhang zu den zweiten Erwiderungen.
151
X. In der Idee oder dem Begriff eines jeden Dinges ist
das Dasein enthalten, weil wir nichts anders als unter der
Form eines existierenden Dinges begreifen können; jedoch
mit dem Unterschied, daß das mögliche oder zufällige Da-
sein in dem Begriff eines eingeschränkten Dinges enthalten
ist, dagegen das notwendige und vollkommene Dasein in
dem Begriff des höchst vollkommenen Wesens.
Satz I.
Das Dasein Gottes erkennt man aus der bloßen
Betrachtung seiner Natur.
Beweis.
Es ist dasselbe, zu sagen, etwas sei in der Natur oder
dem Begriff einer Sache enthalten, wie zu sagen, eben dieses
sei von der Sache wahr*) (nach Def. 9). Nun ist aber das
notwendige Dasein in dem Begriff Gottes enthalten (nach
Axiom 10). Also ist es wahr, von Gott zu sagen, daß das not-
wendige Dasein in ihm | ist, d. h. daß er existiert. [227]
Dies ist der Syllogismus, den ich schon oben zum
sechsten Einwand vorgebracht habe; sein Schlußsatz kann
denen, die von Vorurteilen frei sind, ohne weiteres bekannt
sein, wie im fünften Postulat gesagt; aber weil es nicht
leicht ist, zu einem solchen Scharfblick zu gelangen, werden
wir dasselbe auf andere Weisen untersuchen.
Satz IL
Das Dasein Gottes wird allein daraus, daß seäne Idee in
uns ist, a posteriori**) bewiesen.
Beweis.
Die objektive Realität einer jeden von unseren Ideen er-
fordert eine Ursache, in der ebendieselbe Realität nicht nur
in objektiver, sondern in formaler oder eminenter Weise ent-
♦) oder es könne von ihr behauptet werden (nur in der franz.
Ausg.).
•*) statt „a post." franz. die Worte „durch seine Wirkungen".
152
Descartes, Meditationen.
lialteii ist (nach Axiom 5). Wir haben aber die Idee Gottes
(nach Def. 2 und 8). Die objektive Realität dieser Idee ist
weder in formaler noch in eminenter Weise in uns enthalten
(nach Axiom 6) und kann in nichts anderem als nur in Gott
[228] selbst | enthalten sein (nach Def. 8). Also erfordert diese Idee
Gottes, die in uns ist. Gott als Ursache, und Gott existiert
demnach (nach Axiom 3).
Satz III.
Das Dasein Gottes wird ferner daraus bewiesen, daß wir
selbst, die wir seine Idee haben, existieren.
Beweis.
Wenn ich die Kraft hätte, mich selbst zu erhalten, hätte
ich noch viel eher die Kraft, mir die Vollkommenheiten zu
geben, die mir fehlen (nach Axiom 8 und 9) ; diese sind näm-
lich nur Attribute der Substanz, ich aber bin eine Substanz.
Nun habe ich aber nicht die Kraft, mir diese Vollkommen-
heiten zu geben, denn sonst besäße ich sie schon (nach
Axiom 7). Also habe ich nicht die Kraft, mich selbst zu er-
halten. '
Ferner. Ich kann nicht existieren, ohne erhalten zu
werden, solange ich existiere, sei es durch mich selbst, wo-
fern ich die Kraft dazu habe, sei es durch einen anderen, |
[229] der die Kraft dazu hat (nach Axiom 1 und 2). Nun existiere
ich aber und habe doch nicht die Kraft, mich selbst zu er-
halten, wie bereits bewiesen. Also werde ich von einem
andern erhalten.
Außerdem. Der, von dem ich erhalten werde, hat in
sich in formaler oder eminenter Weise alles das, was in mir
ist (nach Axiom 4). In mir aber ist die Vorstellung vieler
Vollkommenheiten, die mir fehlen, darunter auch die der
Idee Gottes (nach Def. 2 und 8). Also ist auch in dem, von
dem ich erhalten werde, die Vorstellung derselben Voll-
kommenheiten.
Schließlich kann eben dieser nicht die Vorstellung
irgendwelcher Vollkommenheiten haben, die ihm fehlen,
oder die er in sich nicht in formaler oder eminenter Weise
Anhang zu den zweiten Erwiderungen.
153
hat (nach Axiom 7); denn da er, wie gesagt, die Kraft hat,
mich zu erhalten, hätte er erst recht die Kraft, jene sich zu
geben, wenn sie ihm fehlten (nach Axiom 8 und 9). Er hat
aber die Vorstellung von allen den Vollkommenheiten, von
denen ich begreife, daß sie mir fehlen und allein in Gott
sein können, wie eben bewiesen. Also hat er sie in formaler
oder eminenter Weise in sich, und ist demnach Gott.
Zusatz.
Gott hat Himmel und Erde geschaffen und alles, was in
ihnen ist; zudem vermag er alles, was wir klar wahr-
nehmen, so zu gestalten, wie wir es wahrnehmen.
Beweis.
Dies alles folgt klar aus dem vorhergehenden Satze.
Dort ist nämlich das Dasein Gottes dadurch bewiesen, daß
irgendeiner existieren muß, in dem in formaler oder emi-
nenter Weise alle Vollkommenheiten sind, von denen eine
Idee in uns ist. Nun ist aber in uns die Idee einer so großen
Macht, daß von dem allein, in dem diese Macht ist, Himmel
und Erde usw. geschaffen worden sind und auch alles
andere, das von mir als möglich eingesehen wird, von eben-
demselben gemacht werden kann. Also ist zugleich mit dem
Dasein Gottes auch dieses alles von ihm bewiesen.
[230]
Satz IV.
Geist und Körper sind real verschieden.
Beweis.
Alles, was wir klar wahrnehmen, kann von Gott so ge-
macht werden, wie wir es wahrnehmen (nach dem obigen
Zusatz). Nun nehmen wir aber klar den Geist, d. h. eine
denkende Substanz ohne den Körper, d. h. ohne eine aus-
gedehnte Substanz, wahr (nach Post. 2) ; und umgekehrt auch
den Körper ohne den Geist (wie jedermann ohne weiteres zu-
gibt). Also kann, wenigstens durch die Allmacht Gottes, der
Geist ohne den Körper sein, und der Körper ohne den Geist.
[231]
X 04
Descartes, Meditationen.
Nun sind aber Substanzen, von denen jede ohne die
andere sein kann, real verschieden (nach Def. 10). Geist und
Körper sind aber Substanzen (nach Def. 5, 6 und 7), von
denen jede ohne die andere sein kann (wie eben bewiesen).
Also sind Geist und Körper real verschieden.
[232] I Anmerkung. Ich habe ihier die Allmacht Gottes als
Beweismittel gebraucht, nicht, weU es einer außerordent-
lichen Macht bedürfte, um den Geist vom Körper zu schei-
den, sondern weil ich im Vorhergehenden allein von Gott
gehandelt habe und deshalb kein anderes Mittel gebrauchen
konnte. Und, von welcher Macht die beiden geschieden
werden, macht dafür nichts aus, daß wir erkennen, daß sie
real verschieden sind.
Dritte Einwände und Erwiderungen.
[233J
Erster Einwand.
Gegen die erste Meditation. Woran man zwei-
feln kann.
Aus dem in dieser Meditation Gesagten erhellt zur
Genüge, daß es kein Kriterium gibt, wodurch wir unsere
Träume vom Wachen und der richtigen Wahrnehmung
unterscheiden können, so daß daher die Phänomene (phan-
tasmata), die wir beim Wachen und Wahrnehmen haben,
keine Accidentien sind, die äußeren Objekten einwohnen
und daher auch nicht als Beweis dafür dienen können, daß
derartige äußere Objekte überhaupt existieren. Wenn wir
daher unseren Sinnen folgen, ohne irgendeine Vernimft-
erwägung, so haben wir gerechten | Grund, darüber zweifei- [234]
haft zu sein, ob etwas existiert oder nicht. Die Wahrheit
dieser Meditation erkenne ich daher an. Da aber über die
Ungewißheit der Sinnendinge Plato und die andern antiken
Philosophen bereits gehandelt haben, und da die Schwierig-
keit, das Wachen vom Traum zu unterscheiden, unschwer
bemerkt wird, so wäre es mir lieber gewesen, wenn der aus-
gezeichnete Verfasser neuer Spekulationen uns mit diesen
altbekannten Dingen verschont hätte.
Antwort.
Ich habe mich der Zweifelsgründe, die hier von Hobbes
als wahr zugegeben werden, während sie von mir nur als
wahrscheinlich vorgebracht wurden, bedient, nicht um sie
als neu anzupreisen, sondern teils, um den Geist der Leser
darauf vorzubereiten, sich mit den intellektuellen Dingen
zu beschäftigen, und, sie von den körperhchen zu unter-
scheiden, zu welchem Zwecke sie mir durchaus notwendig
156
Descartes, Meditationen.
zu sein schienen; teils, um eben sie in den folgenden Medi-
tationen zu beantworten, und teils auch, um zu zeigen, wie
fest die sodann von mir aufgestellten Wahrheiten sind, da sie
[235] durch jene metaphysischen Zweifel nicht erschüttert 1 werden
können. Ich wollte also durch ihre Darlegung keinen Ruhm
erwerben, doch bin ich allerdings der Ansicht, daß ich sie
ebensowenig hätte auslassen dürfen, wie der Arzt die Be-
schreibung der Krankheit, für die er eine Heilmethode
lehren will.**
Zweiter Einwand.
Gegen die zweite Meditation. Über die Natur
des menschlichen Geistes.
„Ich bin ein denkendes Ding"; ganz recht. Denn dar-
aus, daß ich denke, d. h. daß mir etwas erscheint, ob ich
nun wache oder träume, folgt, daß ich ein Denkender bin;
denn das ist dasselbe, ob ich sage: „ich denke* oder „ich
bin ein Denkender". Und daraus, daß ich ein Denkender
bin. folgt: „ich bin", da ja dasjenige, was denkt, nicht nichts
sein kann. Fügt Descartes aber hinzu: „das heißt: Gebt,
Seele, Verstand, Vernunft*', so entsteht ein Zweifel. Denn
es dürfte doch kein richtiger Schluß sein zu sagen : „ich bin
ein Denkender", also „bin ich ein Gedanke (cogitatio)",
ebensowenig wie: „ich bin ein Verstehender", also „bin ich
[236] Verstand**. Da könnte man ebensogut | sagen : „ich bin ein
Spaziergänger", also: „bin ich ein Spaziergang'*. Descartes
nimmt also an, daß es dasselbe ist, eine verstehende Sache
und das Verstehen, welches die Tätigkeit des Verstehenden
ist oder doch wenigstens, daß es dasselbe ist, die verstehende
Sache und der Verstand, der die Fähigkeit (potentia) des
Verstehenden ist. Es machen aber doch alle Philosophen
einen Unterschied zwischen dem Subjekt und seinen Fähig-
keiten und Tätigkeiten, d. h. seinen Eigenschaften und
Wesenheiten; denn es ist etwas anderes das Sein selbst,
etwas anderes seine Wesenheit. Es ist also nicht ausge-
schlossen, daß ein denkendes Ding die Grundlage des
Geistes oder des Verstandes ist, und daß dies demnach etwas
Körperliches ist. Das Gegenteil wird zwar angenommen,
Dritte Einwände und Erwiderungen.
157
aber nicht bewiesen, und doch scheint diese Annahme die
Grundlage des Schlusses zu sein, den Descartes aufstellen
möchte.
An derselben Stelle sagt er (S. 20, Z. 1 u. bis S. 21, Z. 5) :
„Ich weiß . . . nichts weiß."
Es ist ja äußerst gewiß, daß die Kenntnis des Satzes :
„ich existiere", mit dem: „ich denke", gegeben ist, wie
Descartes uns ganz richtig gelehrt hat, aber woher haben
wir die Kenntnis des: „ich denke".? Sicher von nichts
anderem, als davon, daß für uns eine Tätigkeit | ohne [237]
ihr zugehöriges Subjekt etwas Unbegreifliches bleibt, so das
Gehen ohne einen Gehenden, das Wissen ohne einen Wis-
senden, das Denken ohne einen Denkenden.
Hieraus dürfte dann folgen, daß das denkende Ding
etwas Körperliches ist, denn, wie es schemt, sind alle Sub-
jekte von Tätigkeiten als etwas Körperliches, Materielles
aufzufassen, wie er selbst weiter unten an dem Beispiel des
Wachses zeigt, das bei aller Veränderung der Farbe, Härte,
Gestalt usw. dennoch stets als dasselbe Ding verstanden
wird, d. h. als dieselbe so vielen Veränderungen unterworfene
Materie. Nicht aber schheße ich, daß ich denke aus einem
andern Gedanken; denn wenngleich jemand denken kann,
daß er gedacht habe (dieser Gedanke ist nichts anderes als
die Erinnerung), so ist es doch ganz unmöglich, daß jemand
denkt, er denke, wie auch, daß er weiß, er wisse. Die Frage
würde ja ins Unendliche gehen: woher weißt du, daß du
weißt, du weißt I
Da also die Kenntnis des Satzes: „ich existiere" abhängt
von der des anderen Satzes : „ich denke" und die Kenntnis
dieses Satzes davon, daß wir das Denken nicht von einer
denkenden Materie abtrennen können, so dürfte wohl eher
zu schließen sein, daß die denkende Sache | materiell, als [238]
daß sie immateriell ist.
Antwort.
Wenn ich gesagt habe „d. h. Geist, Seele, Vernunft
usw.", so habe ich bei diesen Bezeichnungen nicht an die
Fähigkeiten, sondern die mit der Fähigkeit des Denkens
168
Descartes, Meditationen.
versehenen Dinge gedacht, wie das bei den beiden letzteren
häufig so verstanden wird, und das habe ich so oft und an
so vielen Stellen auseinandergesetzt, daß, wie mir scheint,
keine Veranlassung zum Zweifel vorliegt.
Übrigens ist der Vergleich zwischen dem Spaziergang
und dem Denken unzutreffend, denn der Spaziergang pflegt
nur als die Tätigkeit selbst genommen zu werden, das Den-
ken (Bewußtsein) dagegen bald als die Tätigkeit (actio),
bald als die Fähigkeit (facultas), bald dagegen als die Sache,
in der die Fähigkeit enthalten ist.
Auch sage ich nicht, daß es dasselbe sei, das ver-
stehende Ding und das Verstehen, ja nicht einmal das ver-
stehende Ding und der Verstand, wenn nämlich der Intellekt
als Fähigkeit genommen wird, sondern nur, wenn er für die
Sache selbst genommen wird, welche einsieht. Überdem
muß ich aber gestehen, daß ich, um die Sache oder die
Substanz zu bezeichnen, die ich von all dem loslösen wollte,
[239] was ihr nicht zugehört, | mich nach Möglichkeit abstrakter
Worte bedient habe, während im Gegenteil Hobbes sich mög-
lichst konkreter Worte bedient, nämlich ,Subiekt', ,Materie*
und ,Körper*, um eben dieselbe denkende Sache zu bezeich-
nen, nur damit sie nicht vom Körper getrennt werden kann.
Auch fürchte ich nicht, daß jemand seine Weise, vieler-
lei miteinander zu verknüpfen, geeigneter erscheinen möchte,
um die Wahrheit zu finden, als die meine, gemäß der ich
alles Einzelne soviel als möglich voneinander unterscheide.
Doch lassen wir die Wortstreitigkeiten und kommen wir zu
der Sache selbst.
Er sagt : „Es kann sein, daß das denkende Ding etwas
Körperliches ist, das Gegenteil wird zwar angenommen, aber
nicht bewiesen/' Indes habe ich das Gegenteil nicht an-
genommen und mich auch in keiner Weise seiner zur Be-
gründung bedient, sondern habe das vöUig unbestimmt ge-
lassen und zwar bis zur sechsten Meditation, in der es be-
wiesen wird.
Sodann sagt er ganz richtig, daß wir uns keine Tätig-
keit denken können ohne ihr zugehöriges Subjekt, wie das
Denken nicht ohne eine denkende Sache, da das, was denkt,
nicht nichts ist. Aber ohne jeden Grund und gegen allen
Dritte Einwände und Erwiderungen.
159
Sprachgebrauch und alle Logik fügt er hinzu : „Hieraus . . . [240]
Materielles aufzufassen oder auch als eine (nämlich meta-
physische) Substanz, nicht aber eben darum als Körper"
(1Ö7, 14 ff.).
Fliegen doch auch die Logiker, wie jeder sonst, geistige
und körperliche Substanzen anzunehmen. Durch das Bei-
spiel des Wachses aber habe ich nichts anderes beweisen
wollen, als daß weder Farbe noch Härte, noch Gestalt zu
dem eigentlichen Begriffe (ratio formalis) des Wachses ge-
hören, d. h. daß man alles das erfassen kann, was dem
Wachs notwendig angehört, ohne daß man deshalb an sie
zu denken braucht. Auch habe ich an dieser Stelle nicht
von dem eigentlichen Begriffe des Geistes, auch nicht von
dem eigentlichen Begriffe des Körpers gehandelt.
Auch führt es zu nichts, wenn hier Hobbes sagt, daß
ein Gedanke nicht das Subjekt eines anderen Gedankens
sein könne. Denn wer hat, außer ihm, je etwas Derartiges
sich eingebildet ? Aber, um die Sache mit wenigen Worten
auseinanderzusetzen, so ist soviel gewiß, daß ein Denken
nicht möglich ist ohne ein denkendes Ding, wie überhaupt
eine Tätigkeit oder ein Accidens nicht möglich ist ohne eine
Substanz, der dies einwohnt. Da wir nun aber die Substanz
nicht unmittelbar aus sich selbst erkennen, sondern nur dar-
aus, daß sie das Subjekt bestimmter Tätigkeiten ist, so ist
es sehr vernunftgemäß und auch üblich, daß wir die Sub-
stanzen, I von denen wir erkennen, daß sie die Grundlagen [241]
für vollkommen verschiedene Tätigkeiten oder Accidentien
bilden, auch mit verschiedenen Namen bezeichnen, um so-
dann zu prüfen, ob diese verschiedenen Namen verschiedene
Dinge oder ein imd dasselbe Ding bedeuten. Nun gibt es
aber gewisse Accidentien, die man als körperliche be-
zeichnet, wie Größe, Figur, Bewegung und alles andere, was
sich nicht ohne örtliche Ausdehnung denken läßt und die
Substanz, der sie einwohnen, nennen wir Körper. Es liegt
aber nur eine Substanz der Figur, Bewegimg usw. zugrunde;
denn alle diese Accidentien (actus) stimmen in dem gemein-
samen Begriff der Ausdehnimg überein. Sodann aber gibt es
andere Accidentien, die man als geistige, gedankliche be-
zeichnet, wie erkennen, wollen, sich etwas einbilden, emp-
Descartet, Medliatiouen. %j^
160
Descartes, Meditationen.
finden usw., die alle unter dem gemeinsamen Namen des
Denkens oder der Vorstellung oder des Bewußtseins zu-
sammenstimmen. Von der Substanz aber, der sie ein-
wohnen, sagen wir, sie sei ein denkendes Ding oder
Geist. Man mag ihr auch einen anderen Namen geben,
wenn man sie nur nicht mit der körperlichen Substanz ver-
wechselt, da ja die geistigen mit den körperlichen Tätig-
[242] keiten keine Ähnlichkeit haben, und das | .Denken', der ge-
meinsame Begriff jener, ganz verschieden ist von der Aus-
dehnung, dem gemeinsamen Begriff dieser.
Haben wir uns aber erst einmal zwei distinkte Begriffe
von den beiden Substanzen gebildet, so wird es alsdann ein
Leichtes sein, später, in der sechsten Meditation, zu er-
kennen, ob beide ein und dasselbe oder voneinander ver-
schieden sind. —
Dritter Einwand.
„Ist etwas davon von meinem Bewußtsein trennbar?
oder läßt sich von irgend etwas davon behaupten, daß
es von meinem Ich getrennt sei?**
Auf diese Frage möchte vielleicht jemand antworten,
von meinem Bewußtsein (cogitatio) unterscheide ich selbst
mich, der ich Bewußtsein habe, und so wäre denn von mir
mein Bewußtsein zwar nicht getrennt, aber verschieden, in
eben der Weise wie (s. o.l) der Spaziergang verschieden ist
von dem Spazierengehenden. Und wenn nun Descartes zeigt,
daß es dasselbe ist : der Verstehende und der Verstand, so
werden wir wieder in die scholastische Ausdrucksweise zu-
rückfallen: der Verstand versteht, das Gesicht sieht, der
Wille will, woraus dann nach der schönsten Analogie folgt :
der Spaziergang oder wenigstens die Fähigkeit des Spa-
[243] zierengehens, — geht spazieren. Das aUes 1 ist aber dunkel,
unbrauchbar und des gewohnten Scharfsinnes von Descartes
durchaus unwürdig.
Antwort.
Ich leugne nicht, daß ich, der ich Bewußtsein habe,
mich von meinem Bewußtsein unterscheide, wie eine Sache
Dritte Einwände und Erwiderungen.
161
von ihrem Modus, frage ich aber: ,was ist denn das von
meinem Bewußtsein Verschiedene*, so verstehe ich das von
den verschiedenen oben aufgezählten Bewußtseinsarten,
nicht aber von meiner Substanz, und wenn ich hinzufüge:
,läßt sich von irgend etwas behaupten, daß es von meinem
Ich getrennt sei', so will ich damit nur sagen, daß alle diese
Bewußtseinsarten mir einwohnen; ich weiß daher nicht, was
man hier Zweifelhaftes oder Dunkles glaubt finden zu
müssen.
Vierter Einwand.
„Es bleibt mir also nichts übrig als zuzugestehen, daß
ich, was das Wachs ist, nicht in der Einbildung haben,
sondern im bloßen Denken erfassen kann".
Es ist aber ein großer Unterschied zwischen ,in der Ein-
bildung haben*, d. h. irgendeine Idee haben, und ,mit dem
Geiste erfassen', d. h. durch Vernunfterwägungen schließen,
daß etwas ist oder existiert. Descartes hat uns jedoch nicht
auseinandergesetzt, | worin beide voneinander abweichen. [244]
Auch die alten Peripatetiker haben genügend klar gelehrt,
daß wir die Substanz nicht durch die Sinne erfassen, sondern
aus Gründen erschüeßen.
Wie aber, wenn etwa die ganze Vernunfterwägimg
nichts anderes wäre, als eine Verknüpfung und Verkettung
von Namen durch das Wort: „ist"? Die Folge wäre, daß
wir alsdann durch die Vernunft überhaupt nichts über die
Natur der Dinge, sondern nur über ihre Bezeichnungen
schließen, ob wir nämhch die Namen der Dinge gemäß den
Vereinbarungen verknüpfen oder nicht. — Diese Verein-
barungen aber betreffsf ihrer Bedeutungen haben wir nach
unserer Willkür getroffen. — Wenn dem so wäre, wie es ja
möglich ist, dann wird die Vernunfterwägung von den
Namen abhängen, die Namen von der Einbildungskraft,
und diese etwa, wie ich wenigstens überzeugt bin — von der
Bewegung körperlicher Organe, und so wird der Geist nichts
anderes sein, als eine Bewegung in bestimmten Teilen des
organischen Körpers.
11»
162
Descaites, Meditationen.
Antwort.
„Den Unterschied zwischen der Einbildungskraft und
dem rein verstandesgemäßen Begreifen habe ich hier [in
den §§ 16 — 20J auseinandergesetzt. So, wenn ich in dem
[ii45] Beispiel aufgezählt habe, | was in dem Wachs der Ein-
bildung unterüegt und was man von ihm allein durch den
Geist erfaßt. Aber auch an anderer Stelle habe ich ausein-
andergesetzt, wie wir einen und denselben Gegenstand, z.B.
das Fünfeck, in anderer Weise verstandesgemäß erkennen
(intelligere), in anderer Weise in der Einbildung haben.
Bei der Vernunfterwägung aber handelt es sich um eine
Verknüpfung nicht der Namen, sondern der durch die
Namen bezeichneten Gegenstände (rerum), imd ich wun-
dere mich, wie einem das Gegenteil überhaupt in den Sinn
kommen kann. Denn wer wird daran zweifeln, daß ein
Franzose und ein Deutscher, wenn ein und derselbe Gegen-
stand vorliegt, genau dasselbe urteilen (ratiocinari) können,
wenngleich sie ihn dabei imter ganz verschiedenen Worten
denken? Und sollte nicht auch Hobbes sich selbst verur-
teilen, wenn er von Vereinbarungen spricht, die wir be-
treffs der Bedeutungen der Worte getroffen haben.? Gibt
er nämlich zu, daß die Worte etwas bedeuten, warum
sollen dann nicht unsere Vernunft-Urteile von diesem Etwas,
was sie bedeuten, eher gelten, als von den Worten allein?
Und so könnte er ja mit dem gleichen Rechte, mit dem
er scliließt, daß der Geist Bewegung ist, auch schließen,
daß die Erde der Himmel ist oder was ilim sonst be-
lieben mag.
[246] Fünfter Einwand.
Gegen die dritte Meditation. Von Gott.
„Einige von diesen (nämlich von den Bewußtseins-
arien) sind gleichsam Bilder der Dinge imd nur diesen
koimnt eigentlich der Name ,Idee* zu; so wenn ich mir
einen Menschen, eine Chimäjtjj, einen Engel oder auch
jGott denke.**
Dritte Einwände und Erwiderungen.
163
Wenn ich mir einen Menschen denke, so stelle ich mir
eine Idee oder ein Bild vor, das sich aus bestimmten Farben
und Figuren zusammensetzt, und ich kann gewiß daran
zweifeln, ob diese einem Menschen ähnlich sind oder nicht.
Ähnlich, wenn ich mir den Himmel denke. Wenn ich mir
eine Chimäre denke, so stelle ich mir eine Idee oder ein
Bild vor, wovon es mir zweifelhaft sein kann, ob es sich um
Ähnlichkeit mit einem sei es nicht existierenden Tiere han-
delt, oder um eins, das existieren kann, oder zu einer andern
Zeit existiert hat oder nicht.
Denkt man aber an einen Engel, so tritt einem bisweilen
das Bild einer Flamme vor Augen, bisweilen das eines
Kindes mit Flügeln, wobei ich wohl mit Sicherheit aussagen
darf, daß hier keine Ähnlichkeit mit einem Engel vorliegt,
so daß dies also auch nicht die Idee des En|gels ist. Glauben [247]
wir aber, daß es gewisse Geschöpfe gibt, die, selbst unsicht-
bar und immateriell, Diener Gottes darstellen, so legen wir
diesem geglaubten oder angenommenen Etwas den Namen
„Engel" bei, wenngleich die Idee, gemäß der wir uns den
Engel vorstellen, sich aus den Ideen der sichtbaren Dinge
zusammensetzt.
Ebenso steht es mit dem verehrungswürdigen Namen
Gottes, denn wir haben kein Bild, keine Idee von Gott, dar-
um wird uns ja auch verboten, Gott unter einem bestimmten
Bilde anzubeten, damit wir nicht den Anschein haben, den,
der unvorstellbar ist, uns vorzustellen.
Wir haben also in uns, wie es scheint, keine Idee Gottes.
Aber so wie ein Blindgeborener, wenn er sich häufig dem
Feuer nähert und die Wärme empfindet, bemerkt, daß da
etwas ist, wovon er erwärmt wird, und hört, daß man das
Feuer nennt, schließt, daß das Feuer existiert, ohne doch
zu erkennen, von welcher Gestalt oder Farbe das Feuer ist,
und überhaupt keine Idee, kein Bild des Feuers geistig be-
sitzt, so wird denn auch der Mensch, der erkennt, daß es
eine Ursache für seine Bilder oder Ideen geben muß und
für diese Ursache wieder eine frühere und so weiter, | schließ- [248]
lieh auf ein Ziel (fines) oder die Annahme einer ewigen Ur-
sache geführt, die, weil sie niemals angefangen hat, keine
frühere Ursache haben kann, und so schUeßt er denn mit
164
Descartes, Meditationen.
Notwendigkeit, daß etwas Ewiges existiert. Trotzdem hat
er aber nicht irgendeine Idee, von der er sagen könnte daß
sie die Idee dieses Ewigen wäre, sondern er nennt oder be-
zeichnet die geglaubte oder vorgestellte Sache mit dem
Namen Gottes.
Da nun Descartes von diesem Satze aus, daß wir näm-
lich die Idee Gottes in unserer Seele haben, zum Beweise
des Satzes weitergeht, daß Gott (d. h. der höchst mächtige
und weise Schöpfer der Welt) existiert, so mußte er diese
Idee Gottes noch besser erklären und daraus dann nicht nur
seine E.xistenz, sondern auch die Schöpfung der Welt ab
leiten.
Antwort.
Unter dem Namen „Idee'* möchte Hobbes nur die
Bilder der m der körperlichen Einbildungskraft sich ab-
malenden materiellen Dinge verstehen; dies vorausgesetzt
ist es ihm dann ein Leichtes nachzuweisen, daß es keine
eigentliche Idee weder eines Engels noch von Gott geben
kann Nun habe aber ich meinerseits wirklich überall und 1
vor allem an eben dem Orte gezeigt, daß ich unter dem
ISamen „Idee" all das zusammenfasse, was unmittelbar vom
Geiste erfaßt mrd. so daß, wenn ich z. B. wll oder etwas
furchte, dieses Wollen und Fürchten, da ich ja zugleich das
Wollen und Fürchten vorstelle, zu den Ideen zu zählen sind.
Bedient habe ich mich aber dieses Namens, weil das Wort
ja allgemein gebräuchlich war bei den PhUosophen um
die Formen der Vorstellungen (perceptiones) des göttlichen
Geistes zu bezeichnen, wenngleich wir in Gott keine (körper-
liche) Einbildungskraft gelten lassen; jedenfalls war mir
kern Geeigneteres bekannt. Im übrigen glaube ich, die Idee
Gottes zur Genüge auseinandergesetzt zu haben für die-
jenigen, die den Sinn verstehen wollen, den ich damit ver-
binde, was aber die betrifft, die es vorziehen, meine Worte
anders aufzufassen als ich selbst, so könnte ich ihnen doch
nie Genüge leisten. Was er schließlich hier noch über die
Schöpfung der Welt hinzufügt, hat mit der ganzen Sache
nichts zu tun; (denn ich habe bewiesen, daß Gott existiert,
Dritte Einwände und Erwiderungen.
165
bevor ich prüfte, ob es eine von ihm geschaffene Welt gäbe,
und allein daraus, daß Gott, d. h. ein höchst mächtiges
Wesen, existiert, folgt, daß, wenn es eine Welt gibt, sie
von ihm geschaffen worden sein muß)*).
Sechster Einwand.
S. 29, Z. 26—33. „Einiges andre . .|. UrteUe". [250]
Wenn jemand will oder fürchtet, so hat er allerdings
ein Bild der Sache, die er fürchtet oder der Tätigkeit, die er
will, was er aber darüber hinaus, indem er will oder fürchtet,
in seinem Bewußtsein begreift, das wird von Descartes nicht
auseinandergesetzt. Und wenn allerdings die Furcht ein
Bewußtsein ist, so sehe ich doch nicht, wie sie etwas anderes
sein kann, als das Bewußtsein der Sache, die einer fürchtet.
Was nämlich ist die Furcht vor einem auf uns losstürzenden
Löwen anders als die Idee des auf uns losstürzenden
Löwen und die Wirkung, die eine derartige Idee im Herzen
hervorruft, wodurch der Fürchtende zu der tierischen Be-
wegung veranlaßt wird, die wir als Flucht bezeichnen.
Nun ist diese Fluchtbewegung kein Bewußtsein, so daß
übrig bleibt, daß bei der Furcht kein anderes Bewußt-
sein vorhanden ist als das, welches in der Ähnlichkeit
mit der Sache besteht; dasselbe ließe sich vom Willen
sagen.
Außerdem gehen Bejahung und Verneinung nicht ohne
Worte und Bezeichnungen vor sich, so daß die tierischen
Geschöpfe weder bejahen noch verneinen können, auch nicht
einmal in Gedanken und daher auch nicht urteilen; dennoch
aber kann das Bewußtsein beim Menschen und beim Tiere
ähnlich sein. Denn behaupten wir, ein Mensch | laufe, so ist [251]
unser Bewußtsein nicht von dem des Hundes verschieden,
der seinen Herrn laufen sieht. Nichts also fügen Bejahung
und Verneinung zu den einfachen Bewußtseinsarten hinzu,
außer etwa das Bewußtsein, daß die Namen, aus denen die
Behauptung sich zusammensetzt, für den Behauptenden die
") (— ) steht nur in der französischen Ausgabe.
166
Descartes, Meditationen.
Namen derselben Sache sind. Das besaget aber nicht, im
Bewußtsein mehr umfassen als die Ähnlichkeit mit der
Sache, sondern nur dieselbe zweimal.
Antwort.
Es ist ohne weiteres klar, daß es etwas anderes ist,
einen Löwen sehen und zugleich ihn fürchten, als ihn bloß
sehen, ebenso, daß es etwas anderes ist, einen Menschen
laufen zu sehen, als bei sich selbst zu bejahen, daß man ihn
laufen sehe, was ohne Worte vor sich geht. Daher wüßte
ich hier nichts, was der Erwiderung und der Erklärung
bedürfte.
Siebenter Einwand.
[252] S. 42, Z. 9-18. Es bleibt . .|. eingeboren ist.
Wenn es keine Idee Gottes gibt, (und es wird ja nicht
bewiesen, daß es eine gibt) wie es denn keine zu geben
scheint, so entfällt diese ganze Untersuchung. Außerdem
kommt mir die Idee meiner selbst, wenn man den Körper
betrachtet, aus der Gesichtswahrnehmung, wenn aber die
Seele, so haben wir davon keine Idee, sondern schließen
nur vermöge der Vernunft, daß es für den menschlichen
Körper ein inneres Prinzip gibt, das ihm eine tierische Be
wegung verleiht, wodurch er auch empfindet und sich be-
wegt, und dies ist es, was wir, ohne eine Idee davon zu
haben, als Seele bezeichnen.
Antwort.
Wenn es eine Idee Gottes gibt (wie es denn offenbar
eme solche gibt), so fällt dieser ganze Einwand dahin. Und
wenn man hinzufügt, daß es zwar keine Idee von der Seele
gebe, daß sie aber durch die Vernunft erschlossen werde,
so ist das dasselbe wie wenn man sagte, daß es zwar ihr in
der Einbildungskraft abgemaltes Bild nicht gebe, wohl aber
dasjenige*), was ich als Idee bezeichnet habe.
noSon) ^"^ ^^^"^ösischen schärfer: „denjenigen Begriff" fcette
Dritte Einwände und Erwiderungen.
Achter Einwand.
167
„Die andere Idee der Sonne hingegen ist aus den
Berechnungen der Astronomie entnonmien, d. h. sie ist aus
gewissen, mir eingeborenen Begriffen gebildet.**
Wie es scheint, kann es doch zu ein und derselben iZeit
nur eine einzige Idee von der Sonne geben, sei es nun, daß
sie mit den Augen betrachtet oder durch Berechnungen als
um vieles größer eingesehen wird, als sie dem Auge er-
scheint. Denn diese zweite ist nicht die Idee von der Sonne,
sondern eine Folgerung auf Grund von Argumenten, die uns
lehrt, daß die Idee der Sonne viele Male größer wäre, wenn
sie aus entsprechend größerer Nähe betrachtet würde.
Zu verschiedenen Zeiten kann es allerdings verschiedene
Ideen von der Sonne geben, so wenn sie zu einer Zeit mit
bloßem Auge, zu einer anderen mit dem Fernglas betrachtet
wird, die astronomischen Gründe aber machen nicht die
Idee der Sonne größer oder kleiner, vielmehr lehren sie,
daß die sinnliche Idee der Sonne trügerisch ist.
Antwort.
Hierauf ist zu antworten, daß dasjenige, wovon hier
gesagt wird, es sei nicht die Idee der Sonne, was aber den-
noch beschrieben wird, gerade dasjenige ist, was ich als
„Idee" bezeichne. (Solange übrigens Hobbes sich mit mir
nicht über die Bedeutung der Worte verständigen will, kann
er mir nichts Ernstzunehmendes einwenden)*).
[253]
I Neunter Einwand. [254]
S. 32, Z. 26—34: „Denn ohne Zweifel . . . sich dar-
stellen.'*
Ich habe bereits des öfteren bemerkt, daß es weder von
Gott, noch von der Seele eine Idee gibt, ich setze jetzt hin-
zu, auch nicht von der Substanz. Die Substanz nämlich —
sofern sie eine Materie ist, die Accidentien und Verände-
*) (— ) steht nur in der französischen Ausgabe.
Descartes, Meditationen.
rungen unterliegt — wird allein vermöge der Vernunft-
erwägung erwiesen, aber sie wird nicht gedacht, d.h. sie
liefert uns keine Idee. Wenn dies richtig ist, wie kann man
dann sagen, daß die Ideen von Substanzen etwas mehr
seien und mehr objektive Realität enthielten, als die der
[255] Accidentien? Was will überhaupt | Descartes mit „mehr
Realität" sagen? Verträgt die Realität das Mehr und We-
niger? Wenn er denkt, daß eine Sache mehr Sache ist, als
eine andere, so mag er doch betrachten, wie es möglich ist,
das dem Geiste klarzumachen und mit der ganzen Durch-
sichtigkeit darzulegen, wie sie bei jedem Beweis erforder-
lich ist, und wie er sie sonst gezeigt hat.
Antwort.
Ich habe bereits des öfteren bemerkt, daß ich als Idee
eben das bezeichne, was vermöge der Vernunfterwägung er-
wiesen wird, wie auch alles andere, was in irgendwelcher
Weise erfaßt wird. Auch habe ich zur Genüge erklärt, in-
wiefern die Realität ein Mehr und Weniger verträgt, inso-
fern nämlich, als die Substanz mehr Sache ist, als der
Modus. Aber wenn es reale Eigenschaften gibt, oder un-
vollständige Substanzen, so sind sie mehr Sache als die
Modi, aber weniger als die vollkommenen Substanzen; gibt
es aber schließlich eine unendliche und unabhängige Sub-
stanz, so ist sie mehr Sache als die endliche und abhängige.
Und dies alles ist aus sich so offenbar, daß es nicht er-
forderlich ist, eine weitere Erklärung beizubringen.
[256] I Zehnter Einwand.
S. 36, Z. 5u. bis 37, Z. 6: „Es bleibt . . . notwendig
existiert."
Betrachte ich die Attribute Gottes, um daraus die Idee
Gottes zu erhalten, und um zuzusehen, ob in ihr etwas ent-
halten ist, was von uns selbst nicht ausgehen könnte, so
finde ich, wenn ich nicht irre, daß das, was wir bei dem
Namen Gottes denken, weder von uns stammt, noch es not-
Dritte Einwände und Erwiderungen.
169
wendig ist, daß es anderswoher als von den äußeren Ob-
jekten ausgeht. Denn ich denke unter dem Namen Gottes
eme Substanz, d. h. ich denke ihn als existierend, nicht auf
Grund emer Idee, sondern vermöge eines Schlusses; ich
denke diese als unendlich, d. h. so, daß ich Grenzen, |'d h [257]
äußerste Teile, über die hinaus keine weiteren mir vorstell-
bar wären, bei ihm weder zu denken noch anschaulich vor-
zustellen vermag. Hieraus folgt, daß bei dem Namen „un-
endlich" sich in mir nicht die Idee der götthchen Unend-
lichkeit bildet, sondern die meiner eigenen Grenzen oder
Schranken; ich denke sie als unabhängig; d. h. ich denke
mir keine Ursache, aus der Gott seinen Ursprung hätte. Es
leuchtet demnach ein, daß ich bei dem Namen „unab-
hängig" keine andere Idee habe, als die Erinnerung an
meine Ideen, die zu verschiedenen Zeiten beginnen und also
abhängig sind. Sagt man daher, Gott sei unabhängig, so
sagt man damit nichts anderes, als Gott gehöre zu den Din-
gen, von denen ich mir keinen Ursprung vorstelle, genau
so, wie, wenn man sagt, Gott sei unendlich, es dasselbe
ist, wie wenn man sagte, er gehöre zu den Dingen, von
denen wir keine Grenzen denken. Und so ist jede Idee
Gottes ausgeschlossen, denn was ist das für eine Idee, ohne
Ursprung und ohne Grenzen?
„Von höchster Einsicht." Hier frage ich: durch welche
Idee weiß Descartes etwas von der Einsicht Gottes?
„Von höchster Macht." Auch hier frage ich wieder,
durch welche Idee er etwas weiß von der Macht, die sich
doch auf die zukünftigen, d. h. nicht existierenden Dinge er-
streckt ? I Ich freilich vermag die Macht (potentia) einzusehen [258]
auf Grund des Bildes oder der Erinnerung an die früheren
Handlungen (actiones), indem ich folgendermaßen schließe :
so und so hat er gehandelt, also konnte er so handeln, also
wird er, solange er existieren wird, dasselbe wiederum tun
können, das heißt er hat die Macht, es zu tun. Nun sind dies
alles aber Ideen, die von den äußeren Objekten kommen
können.
„Schöpfer alles dessen, was existiert." Ein gewisses
Bild der Schöpfung kann ich mir machen aus dem, was ich
gesehen habe, z. B. aus der Geburt eines Menschen, wenn ich
170
Descartcs, Meditarioncn.
beobachte, wie er aus einem Punkte sozusagen zu der Gestalt
und Größe heranwächst, die er jetzt hat. Eine andere Idee hat
bei dem Namen eines Schöpfers niemand. Aber es genügt,
um die Schöpfung zu beweisen, nicht, daß wir uns die ge-
schaffene Welt vorzustellen vermögen. Wenn daher auch
bewiesen wäre, daß ein unendliches, unabhängiges, höchst
mächtiges usw. Wesen existiert, so folgt daraus doch nicht,
daß ein Schöpfer existiert, es sei denn, daß jemand glaubt,
es sei ein richtiger Schluß, daß, weil etwas existiert, von
dem wir glauben, daß es alles übrige geschaffen hat, des-
halb einmal die Welt von ihm geschaffen sein müsse.
Wenn außerdem Descartes sagt, daß die Idee Gottes
[259] und die unserer Seele | uns eingeboren sei, so möchte ich
wohl wissen, ob die Seelen der tief und traumlos Schlafenden
Bewußtsein haben, wenn nicht, so haben sie alsdann keine
Ideen, es gibt daher keine eingeborene Idee; denn was ein-
geboren ist, das ist stets vorhanden.
Antwort.
Nichts von dem, was wir Gott zuschreiben, kann von
den äußeren Objekten als von seinem Urbilde ausgegangen
sein, da in Gott nichts ist, was mit dem in den äußeren, d. h.
körperlichen Dingen Vorhandenen Ähnlichkeit hat. Alles
aber, was wir als jenen Dingen unähnlich denken, kann
offenbar nicht von ihnen selbst, sondern nur von der Ur-
sache dieser Verschiedenartigkeit in unserem Bewußtsein
ausgehen (das heißt von Gott) *).
Nun frage ich hier, wie jener Philosoph den Verstand
Gottes von den äußeren Dingen ableitet. Welcher Art aber
die Idee ist, die ich von ihm habe, das vermag ich mit
Leichtigkeit zu erklären, indem ich sage, daß ich unter
„Idee" all das verstehe, was die Form irgendeiner Perzeption
ist; denn wer faßt nicht, daß er etwas versteht, wer hat dem-
nach nicht diese Form oder Idee des Verstehens, durch deren
Ausdehnung ohne Ende er die Idee des göttlichen Verstandes
bildet? Und ebenso steht es mit den übrigen Attributen.
Da wir uns aber der in uns vorhandenen Idee Gottes
♦) „für unser Bewußtsein". (Zusatz der franz. Ausg.).
Dritte Einwände und Erwiderungen.
171
bedient haben, um seine Existenz zu beweisen, und da in
dieser Idee eine so unermeßliche Macht enthalten ist, daß
wir einsehen, es wäre ein Widerspruch, daß, wenn Gott
existiert, irgend etwas anderes außer ihm existiert, das
nicht er selbst geschaffen hätte, so folgt durchaus, daß
damit auch seine Existenz bewiesen, und daß die ganze
Welt, d. h. die Gesamtheit der von Gott verschiedenen
existierenden Dinge, von ihm selbst geschaffen ist.
Wenn ich schließlich behaupte, daß eine Idee uns ein-
geboren sei (oder daß sie unseren Seelen von Natur ein-
geprägt ist)*), so verstehe ich darunter nicht, daß sie von
uns stets bemerkt wird, auf diese Weise nämlich gäbe es
überhaupt keine eingeborene Idee, sondern nur, daß wir in
uns selbst die Fähigkeit haben, sie hervorzurufen.
Elfter Einwand.
S. 42, Z. 3 u. bis S. 43, Z. 2: „Die ganze .| . . in mir ist." [261J
Da es nun nicht bewiesen ist, daß wir die Idee Gottes
haben, und da die christliche Religion uns lehrt zu glauben,
daß Gott unfaßbar ist, das heißt, wie ich glaube, daß man
von ihm keine Idee haben kann, so folgt daraus, daß die
Existenz Gottes nicht bewiesen ist und noch viel weniger
die der Schöpfung.
Antwort.
Sagt man, Gott sei unfaßbar, so versteht sich das von
einem ihn adäquat umfassenden Begriffe. In welcher Weise
wir aber die Idee Gottes haben, habe ich bis zum Überfluß
wiederholt; auch wird hier nichts beigebracht, was meine
Beweise zu erschüttern vermöchte.
I Zwölfter Einwand. [262]
Gegen die vierte Meditation. Über Wahrheit
und Irrtum.
S. 45, Z. Ö — lu. : „Und so — bedarf."
Gewiß ist die Unwissenheit nur ein Mangel imd es be-
darf dazu also keiner positiven Fähigkeit, beim Irrtum da-
*) ( — ) nur im franz. Text.
172
Descartes, Meditationen.
gegen liegt dies nicht so zutage; denn, wie es scheint, können
Steine und alles übrige Unbeseelte nur deshalb nicht irren,
weil sie weder die Fähigkeit des Schließens, noch die der
sinnlichen Vorstellung haben, man darf daher wolil die Fol-
gerung ziehen, daß man, um zu irren, der Fähigkeit des
Schließens oder wenigstens der sinnlichen Vorstellung be-
darf: diese Fähigkeiten sind aber beide positiv, und man
schreibt sie allen denen, und zwar ihnen allein zu, die irren.
Außerdem behauptet Descartes folgendes: „Ich be-
merke, daß sie (nämlich meine Irrtümer) von dem gleich-
[263] zeitigen Zusammenwirken zweier | Gründe abhängen, näm-
lieh von der in mir vorhandenen Fähigkeit zu erkennen und
von der Fähigkeit zu wälilen oder von der Freiheit der
Wahl.** Das dürfte aber doch dem Vorhergehenden wider-
sprechen. Auch sei nicht unerwähnt, daß er die Freiheit der
Wahl annimmt ohne jeden Beweis, entgegen der Meinung
z. B. der Kalvinisten.
Antwort.
Wenn man auch, um zu irren, der Fähigkeit des Schlies-
sens — oder vielmehr des Urteilens, d. h. des Bejahens und
Verneinens — bedarf; denn der Irrtum ist eben der Mangel
dieser Fähigkeit, so folgt darum doch nicht, daß dieser
Mangel etwas Reales ist, sowie ja auch die Blindheit nichts
Reales ist, obgleich man nicht sagt, daß die Steine blind
seien, darum, weil sie nicht fähig sind zu sehen. Übrigens
habe ich in den Einwänden von Hobbes bisher noch nicht
eine einzige richtige Schlußfolgerung gefunden I Über die
Freiheit habe ich hier nichts anderes angenommen, als was
wir alle in uns selbst erfahren, und was durch das natürliche
Licht höchst bekannt ist, auch ist nicht einzusehen, inwie-
fern das dem Vorhergehenden widersprechen soll.
Wenngleich es aber vielleicht viele gibt, die im Hinblick
[264] auf die | Prädestination nicht fassen können, wie mit der-
selben unsere Freiheit zusammenbestehen kann, so gibt es
doch niemand, der, wenn er nur sich selbst in Betracht
zieht, nicht die Erfahrung macht, daß „mit Willen" (etwas
tun) und „frei'* eins und dasselbe ist. Zu prüfen, was andere
darüber meinen, ist zudem nicht dieses Orts.
Dritte Einwände und Erwiderungen.
173
Dreizehnter Einwand.
S. 49, Z. 18--28: „Als ich . . . verhalten habe."
Dieser Ausdruck : „eine große Klarheit (lux) in meinem
Verstände" ist metaphorisch und also nicht beweiskräftig.
Jeder aber, der frei von Zweifel ist, behauptet, eine derartige
Klarheit zu besitzen und | hat daher eine nicht geringere Nei- [265J
gung des Willens, das, woran er nicht zweifelt, zu behaupten,
als der, welcher wirklich weiß. Es kann also diese Klarheit
wohl ein Grund dafür sein, daß jemand hartnäckig seine
Meinung verteidigt oder aufrechterhält, nicht aber dafür,
daß er weiß, daß sie wahr ist.
Außerdem hat nicht nur das Wissen, daß etwas wahr
ist, sondern auch das Glauben oder seine Zustimmung
Geben mit dem Wülen nichts zu tun; denn wir glauben,
ob wir nun wollen oder nicht, alles, was man durch gültige
Argumente beweist oder als glaubhaft erzählt. Richtig ist,
daß das Bejahen und Verneinen, Behaupten und Zurück-
weisen von Sätzen Willensakte sind, aber daraus folgt nicht,
daß die innere Zustimmung vom Wülen abhängt.
Es ist daher der folgende Schluß nicht genügend be-
wiesen: „Und in diesem unrichtigen Gebrauche meiner
Wahlfreiheit liegt der Mangel, welcher den Begriff des Irr-
tums ausmacht." '
Antwort.
Ob der Ausdruck: „eine große Klarheit" von bewei-
sender Kraft ist oder nicht, darauf kommt es gar nicht an,
wenn er nur zur Erklärung dienlich ist, wie er es | in der Tat [266]
ist. Denn jeder weiß ja, daß man unter der Klarheit (lux) im
Verstände die durchsichtige Klarheit (perspicuitas) der Er-
kenntnis versteht, die vielleicht nicht alle diejenigen haben,
welche sie zu haben vermeinen; die aber nichtsdestoweniger
ganz verschieden ist von einer hartnäckig behaupteten Mei-
nung, die man ohne einleuchtendes Erfassen in sich auf-
genommen hat.
Wenn übrigens hier gesagt wird, daß wir dem klar
Durchschauten unsere Zustimmung geben, ob wir wollen
174
Descartes, Meditationen.
oder nicht, so ist das dasselbe, wie wenn man sagte, daß
wir das klar erkannte Gute erstreben, ob wir wollen oder
nicht; dieser Ausdruck „oder nicht wollen'* ist in solchen
Fällen nicht am Platze, da es widersprechend ist, daß wir
dasselbe wollen und auch nicht wollen. —
Vierzehnter Einwand.
Gegen die fünfte Meditation. Über das Wesen
der materiellen Dinge.
[267] S. 54, Z. 15—22: „Wenn ich . .|. beweisen lassen."
Wenn das Dreieck nirgendwo in der Welt existiert,
so verstehe ich nicht, wie es eine Natur haben soll, denn
was nirgendwo ist, das ist nicht. Es hat also kein Sein,
keine Natur. Das Dreieck im Geiste entsteht aus einem
Dreiecke, das man gesehen oder nach dem Gesehenen
sich ausgedacht hat. Haben wir aber erst einmal die
Sache, aus der, wie wir glauben, die Idee des Dreiecks
entspringt, mit dem Namen Dreieck bezeichnet, so wird
der Name bleiben, wenngleich das Dreieck selbst zugrunde
geht. Ebenso, wenn wir einmal in unserem Bewußtsein
erfaßt haben, daß die Summe der Dreieckswinkel gleich
zwei Rechten ist und wir dem Dreieck diesen anderen
Namen gegeben haben, „die Figur, deren drei Winkel gleich
zwei Rechten sind'*, so würde, wenn es auch keinen Winkel
in der Welt gäbe, dennoch der Name bleiben, und die Wahr-
heit des Satzes wird ewig sein : „das Dreieck ist eine Figur,
deren drei Winkel gleich zwei Rechten sind'*. Es wird je-
doch die Natur des Dreiecks keineswegs ewig sein, nänüich
dann, wenn etwa alle Dreiecke zugrunde gingen.
[268J I In ähnlicher Weise wird, da die Namen ewig sind, in
alle Ewigkeit wahr sein der Satz : „der Mensch ist ein le-
bendes Wesen**, geht aber das menschUche Geschlecht zu-
grunde, so wird es keine menschliche Natur mehr geben.
Daraus folgt, daß die Wesenheit, sofern sie vom Dasein
unterschieden wird, nichts anderes ist, als eine Verknüpfung
von Namen durch das Wort „ist** ; also ist Wesenheit ohne
Dasein unsere Erdichtung, und es scheint, daß, wie sich das
Dritte Einwände und Erwiderungen.
175
Bild eines Menschen im Geiste zu dem Menschen, so die
Wesenheit zum Dasein oder wie der Satz : „Sokrates ist ein
Mensch" zu dem: „Sokrates ist oder existiert", so sich des
Sokrates Wesenheit zu seinem Dasein verhält. Nun be-
deutet der Satz: „Sokrates ist ein Mensch**, wenn Sokrates
nicht existiert, nur die Verknüpfung von Namen, und das
Wort „ist" oder „sein" hat unter sich das Bild der Einheit
einer durch zwei Namen benannten Sache.
Antwort.
Der Unterschied von Wesenheit und Dasein ist all-
gemein bekannt, was aber hier von den ewigen Namen ge-
sagt wird, anstatt der Begriffe oder Ideen von ewiger Wahr-
heit, ist schon oben zur Genüge widerlegt worden.
Fünfzehnter Einwand.
Gegen die sechste Meditation. Über das Dasein [269]
der materiellen Dinge.
„Denn da Gott mir durchaus keine Fähigkeit gegeben
hat, dies (nämlich ob die Ideen von den Körpern ausgehen
oder nicht) zu erkennen . . . körperlichen Dinge.** S. 68,
Z. 27—34.
Die gemeine Ansicht geht dahin, daß die Ärzte nicht
fehlen, die die Kranken zu ihrem eigenen HeÜe, noch auch
die Väter, die ihre Söhne um ihres eigenen Wohles willen
täuschen; auch besteht das Vergehen der Täuschung nicht in
der Falschheit der Aussagen, sondern in der Ungerechtigkeit
der Täuschenden. Descartes dürfte also wohl erst sich davon
überzeugen müssen, ob der Satz : „Gott kann uns in keinem
Falle täuschen", so ganz allgemein wahr ist; denn wenn
dies nicht der Fall ist, so folgt daraus nicht die Schluß]- [270J
folgerung: „also existieren die körperlichen Dinge*'.
Antwort.
Für meine Schlußfolgerung ist es nicht erforderlich,
daß wir in keinem Falle getäuscht werden können, —
Descartes, Meditationen.
12
176
Dcscartes, Meditationen.
habe ich doch selbst zugegeben, daß wir uns häufig täu-
schen, — sondern daß wir dann nicht getäuscht werden,
wenn dieser unser Irrtum bei Gott einen Willen zu täu-
schen bezeugen würde, da es ein Widerspruch wäre, daß
ein solcher in ihm vorhanden wäre. Auch hier also wieder
ein falscher Schluß.
Letzter EinWand.
„Jetzt nämlich merke ich, daß zwischen beiden (näm-
lich zwischen Wachen und Traum) der sehr große Unter-
schied ist, daß niemals meine Träume sich mit allen
übrigen Erlebnissen durch das Gedächtnis so verbinden,
wie das, was nur im Wachen begegnet."
Hier fragt es sich, ob es gewiß ist, daß ein Träumender,
der zweifelt, ob er träumt oder nicht, nicht träumen könnte,
daß sein Traum mit den Ideen vergangener Ereignisse in
einer langen Reihe zusammenhängt. Kann er es, so kann
das, was dem Träumenden Handlungen seines früheren
Lebens zu sein scheinen, als wahr angesehen werden, genau
[271] wie wenn er wachte. Da außerdem, wie der Autor selbst be-
hauptet, alle Sicherheit und Wahrheit des Wissens allein
von der Erkenntnis des wahren Gottes abhängt, so kann
der Atheist aus der Erinnerung an sein früheres Leben ent-
weder nicht schließen, daß er wacht, oder aber man kann
auch ohne die Erkenntnis des wahren Gottes wissen, daß
man wacht.
Antwort.
Unmöglich kann ein Träumender das, was er träumt,
mit den Ideen vergangener Dinge wahrhaft verknüpfen,
wenngleich er träumen kann, er verknüpfe es; denn wer be-
streitet es, daß ein Schlafender sich täuschen kann? Ist er
aber dann erst erwacht, so wird er seinen Irrtum mühelos
erkennen.
Dagegen kann der Atheist aus der Erinnerung an sein
früheres Leben schließen, daß er wacht, aber er kann nicht
wissen, daß dies Zeichen genügt, um ihn zu vergewissern,
daß er nicht irrt, wenn er nicht weiß, daß er von Gott, dem
alle Täuschung fernliegt, geschaffen worden ist.
Vierte Einwände und Erwiderungen*) [272]
Brief an den hochverehrten Mann.
Du hast, hochverehrter Mann, mich nicht umsonst be-
glücken wollen: für die große Wohltat forderst Du eine
Gegenleistung, und zwar eine recht beträchtliche; denn nur
unter der Bedingung hast Du mir einen Einblick in das
höchst geistreiche Werk gewährt, daß ich meine Gedanken
darüber mitteilte***).
In der Tat eine schwere Bedingung, die mir nur der
Wunsch, die schönsten Dinge kennen zu lernen, hat ab-
pressen können, und gegen die ich sehr gern noch Ein-
wendungen machen würde, wenn ebenso, wie vom Prätor
das Recht der Einrede gewährt wird, „falls etwas durch
Gewalt oder durch Furcht veranlaßt ist'*, auch ich eine neue
Bedingung erlangen könnte, für den Fall, daß „etwas durch
Verführung der Lust veranlaßt ist**.
Denn was willst Du von mir? Ein Urteü über den Ver-
fasser erwartest Du von mir nicht; | denn Du weißt schon [273]
längst, wie hoch ich seine bedeutende Geisteskraft und seine
seltene Gelehrsamkeit schätze. Du weißt auch sehr wohl,
was für lästige Beschäftigungen mich hindern, und wenn
Du mir etwas mehr Lob zukommen läßt als bülig, folgt
nicht, daß ich mir meiner Schwachheit nicht mehr bewußt
♦) franz. Ausg. der Zusatz: Verfaßt von Arnaud, Doktor der
Theologie.
♦♦) franz. Ausg.: Brief Arnauds an R. P. Mersenne.
*♦♦) Einleitung des Briefes in der franz. Ausg.:
Ehrwürdiger Vater!
Für eine außerordentlich große Wohltat halte ich die mir
durch Eure Vermittlung gewordene Zusendung der Meditationen
von Descartes; aber da Ihr ihren Wert kanntet, habt Ihr mir einen
Einblick in das ausgezeichnete Werk nur unter der Bedingung ge-
währt, daß ich meine Gedanken darüber mitteüte.
12*
I
178
Descartes, Meditationen.
bin. Indessen erfordert das, was Du meiner Prüfung an-
heimstellst, einmal eine nicht alltägliche Begabung, dann
aber auch besonders eine ruhige Klarheit des Geistes, damit
er, befreit von allen störenden Außendingen, sich ganz auf
sich selbst richte, was, wie Du wohl weißt, nur durch auf-
merksames Nachdenken und durch einen fest auf sich selbst
gerichteten Blick erreicht werden kann. Trotzdem muß ich
gehorchen, da Du befiehlst; für alle meine Fehler aber wird
die Verantwortung bei Dir liegen, da Du mich zum Schreiben
zwingst. Zudem werde ich, obwohl eigentlich die Philo-
sophie sich diese ganze Schrift zuschreiben kann, dennoch,
weil dieser Mann in seiner großen Bescheidenheit sich frei-
willig dem Gerichtshof der Theologen stellt, hier eine
Doppelrolle zu spielen haben: ich werde also erstens auf-
stellen, was meiner Ansicht nach betreffs der wichtigsten
Fragen, nämlich der über die Natur unseres Geistes und
der über Gott, von den Philosophen entgegengehalten
werden kann; zweitens werde ich einige Punkte aufzeigen,
an denen im Verlaufe des Werkes ein Theologe Anstoß
nehmen könnte.
Über die Natur des menschlichen Geistes.
[274] Zunächst muß man sich hier über eines wundern, daß
nämlich der hochverehrte Mann genau dasselbe als Grund-
lage seiner ganzen Philosophie aufgestellt hat wie der heilige
Augustinus, ein Mann von höchstem Scharfsinn, der in theo-
logischen wie in philosophischen Dingen volle Bewunderung
verdient. Denn im zweiten Buch ,,Über den freien Willen*
Kap. 3 sagt Alipius in dem Gespräch mit Euodius zum Be-
weis für das Dasein Gottes folgendes : „Zu allererst, um mit
den augenscheinlichsten Dingen den Anfang zu machen,
frage ich Dich, ob Du es selbst bist, oder ob Du etwa fürch-
test, bei dieser Frage getauscht zu werden; da nämlich, wenn
Du nicht wärest, Du jedenfalls überhaupt nicht getäuscht
werden könntest". Vergleiche damit folgende Worte unseres
SchriftsteUers (s. o. S. 18, Z. 13^17) : „Aber es gibt einen,
Vierte Einwände.
179
ich weiß nicht welchen, höchst mächtigen und verschlagenen
Betrüger, der mich geflissentlich stets täuscht. — Nim,
wenn er mich täuscht, so ist es also imzweifelhaft, daß ich
bin.** Aber weiter! Wir wollen — und das ist wichtiger —
sehen, wie sich aus diesem Anfang dartun läßt, daß unser
Geist vom Körper getrennt ist.
Zweifeln kann ich, ob ich einen Körper habe, | ja sogar, [275]
ob irgendein Körper in der Natur ist, und doch vermag ich
daran nicht zu zweifeln, daß ich bin oder existiere, solange
ich zweifle oder denke.
Ich also, der ich zweifle und denke, bin nicht ein Kör-
per, sonst würde ich, sofern ich am Körper zweifle, an mir
selbst zweifeln.
Ja, auch wenn ich hartnäckig behaupte, es gebe über-
haupt keinen Körper, so bleibt doch der Satz, ,,ich bin etwas,
ich bin also kein Körper**, bestehen.
Gewiß sehr geistreich; allein mancher wird einwenden,
was auch der Verfasser gegen sich selbst einwendet, daß
daraus, daß ich am Körper zweifle oder sein Dasein leugne,
nicht folgt, daß es keinen Körper gibt.
„Vielleicht (s. o. S. 20, Z. 6 u. bis S. 21, Z. 5) also*) fügt
es sich so, daß eben dieses, von dem ich voraussetze, es sei
nichts, da es mir ja unbekannt ist, dennoch der Wahrheit
der Sache nach nicht von dem Ich verschieden ist, welchen
ich kenne? Doch — davon weiß ich nichts, darüber streite
ich auch nicht. Ich weiß, daß ich existiere, ich frage aber,
wer jener Ich ist, von dem ich weiß, er ist. Da ist es nun
durchaus gewiß, daß die Kenntnis dieses genau nur so ver-
standenen Ich nicht von dem abhängen kann, von dessen
Existenz ich noch nichts weiß."
Da er aber zugibt, daß er durch den Beweis, den er in
der „Abhandlung über die Methode" gegeben hat, es nur
dahin gebracht hat, alles Körperliche von der Nattu* seines
I Geistes auszuschließen, (,,nicht gemäß der Ordnung der
Wahrheit der Sache, sondern lediglich gemäß der Ordnung
seines Erfassens, so daß der Sinn war, daß er durchaus [276]
nichts erkannte, von dem er wüßte, daß es zu seiner Wesen-
*) Amaud schreibt „ergo", bei Descartes stand: „aber" (vero).
IBU
Descartes, Meditationen.
heit gehörte, außer daß er ein denkendes Ding sei" [s. o.
S. 4, Z. ö — 11]), ist es nach dieser Antwort ganz klar, daß
die Untersuchung noch immer an demselben Punkte steht,
und daß also die Frage, deren Lösung er uns verspricht,'
noch offen bleibt, die Frage nämlich, „in welcher Weise
aus seiner Erkenntnis, daß nichts weiter zu seiner Wesenheit
gehört, folgt, daß auch wirklich nichts weiter dazu gehört
(ebd. Z. 13—15)". Daß jedoch dieser Gegenstand von ihm
dargelegt ist, habe ich in der ganzen zweiten Meditation in-
folge der Schwerfälligkeit meines Geistes nicht erfassen
können. Aber, wie ich wohl vermuten darf^ gelangt er zum
Beweis dieser Sache in der sechsten Meditation, weil er
nämlich meint, daß dieser abhängt von der klaren Erkennt-
nis Gottes, die er sich in der zweiten Meditation noch nicht
erworben hatte. Sein Beweis ist nämlich folgender:
„Da ich ja — so sagt er — weiß, daß alles, was ich klar
und deutlich denke, in der Weise von Gott geschaffen
werden kann, wie ich es denke, so genügt es für mich, ein
Ding ohne ein anderes klar und deutlich denken zu können,
um mir die Gewißheit zu geben, daß das eine vom andern
[277] verschieden ist, da wenigstens Gott | es getrennt setzen kann.
Auch kommt es nicht darauf an, durch welche Macht dies
geschieht, damit man sie für verschieden hält ... Da ich
also einerseits eine klare und deutliche Idee meiner selbst
habe, sofern ich nur ein denkendes, nicht ein ausgedehntes
Ding bin, und anderseits eine deutliche Idee vom Körper,
sofern er nur ein ausgedehntes, nicht ein denkendes Ding ist,'
ist soviel gewiß, daß ich von meinem Körper wahrhaft ver-
schieden bin und ohne ihn existieren kann (s. o. S 67
Z. 3—10 und Z. 18—23)." * '
Hier müssen wir einen Augenblick innehalten; denn in
diesen wenigen Worten liegt, wie mir scheint, der Angel-
punkt der ganzen Schwierigkeit.
Und damit erstens der Obersatz dieses Schlusses richtig
ist, muß er verstanden werden nicht von jeder beliebigen
Erkenntnis, auch nicht von der klaren und distinkten, son-
dern nur von der adäquaten Erkenntnis eines Dinges*).
''''Kmmmmmmmmmmmmmmmmi^mmmmi. g
*)Jm: „nur von — Dinges" französisch: „nur von der, die
Vierte Einwände.
181
Denn Descartes gesteht selbst in seiner Antwort an den
Theologen (s. Erste Erwiderungen S. 108, Z. 6— 3u.), „es
genüge die formale Distinktion, und die reale sei nicht er-
forderlich, um ein Ding von einem anderen als verschieden
und getrennt durch eine Abstraktion des Geistes, der den
Gegenstand nur inadäquat begreift, aufzufassen"; daher
fährt er an derselben Stelle fort: „Dagegen sehe ich in
vollständiger Weise ein, was der Körper ist (französisch der
Zusatz : d. h. ich fasse den Körper als ein vollständiges Ding
auf), indem ich ihn nur als etwas Ausgedehntes, Gestaltetes
und Bewegliches annehme usw. und von ihm alles verneine,
was zur Natur des Geistes gehört; | und umgekehrt sehe ich [278]
ein, daß der Geist ein vollständiges Ding ist, das zweifelt,
denkt (intelligit), will usw., wenngleich ich von ihm verneine,
daß in ihm irgend etwas von dem vorhanden sei, was in
der Idee des Körpers enthalten ist. Also besteht zwischen
Körper und Geist eine reale Verschiedenheit." (S. 109,
Z. 15—25.)
Aber wenn einer diese Annahme in Zweifel ziehen und
behaupten will, der Begriff, den Du von Dir hast, sei nur
inadäquat*), weil Du Dich**) als ein denkendes, nicht-aus-
gedehntes Ding begreifst, und Dich***) außerdem als ein
ausgedehntes, nicht-denkendes Ding begreifst, so muß man
sehen, wie dies im Vorhergehenden bewiesen ist. Ich halte
nämlich diesen Satz nicht für so klar, daß man ihn als un-
beweisbare Voraussetzung ohne weitere Ableitung annehmen
dürfte.
Und der erste Tel der obigen Ausführung, daß nämlich
„Du vollkommen einsiehst, was der Körper ist, indem Du
nur annimmst, daß er ausgedehnt, gestaltet und beweglich
ist usw., auch wenn Du an ihm alles bestreitest, was zur
Natur des Geistes gehört", der ist weniger wichtig; denn
wer behaupten würde, daß unser Geist körperiich sei, würde
voU und ganz ist, d. h. die alles das umfaßt, was von der Sache
bekannt sein kann".
♦) für „nur inadäquat" frz.: „nicht ganz, sondern nur unvoU-
kommen". .
»♦) in. der Zusatz „nämlich Demen Geist".
♦♦♦) fn. der Zusatz „nämlich Deinen Körper".
182
Descartes, Meditationen.
darum nicht glauben, daß jeder Körper Geist wäre. Der
[279] Körper würde sich also zum Geiste verhalten, | wie die Gat-
tung zur Art; die Gattung aber läßt sich einsehen ohne die
Art, und wenn selbst man von jener alles bestreitet, was
das Eigene und Eigentümliche der Art ausmacht. Die Lo-
giker sagen daher gemeinhin, daß mit der Leugnung der Art
die Gattung nicht geleugnet wird; so könnte ich die Gestalt
einsehen, ohne daß ich eine von den Eigenschaften einsähe,
die dem Kreise eigen sind : es bleibt also noch zu beweisen,
daß der Geist vollständig und adäquat ohne Körper ein-
gesehen werden kann.
Zum Beweise dieses Satzes gibt es nun in diesem ganzen
Werke kein geeigneteres Argument, als das zu Anfang an-
geführte, nämlich: „ich kann leugnen, daß es irgendeinen
Körper, irgendeine ausgedehnte Sache gibt, und trotzdem
bm ich gewiß, daß ich bin, während ich dies leugne oder
das Bewußtsein davon habe; ich bin also ein denkendes
Ding und kein Körper und dieser gehört nicht zu der Er-
kenntnis, die ich von mir habe'*.
Ich sehe aber, daß daraus nur folgt, daß ich eine be-
stimmte Erkenntnis meiner selbst ohne die Erkenntnis des
Körpers erlangen kann, — daß jedoch diese Erkenntnis voll-
ständig und adäquat ist, so daß ich sicher bin, mich nicht
zu täuschen, wenn ich von meiner Wesenheit den Körper
ausschließe, das leuchtet mir noch nicht vollständig ein.
Ein Beispiel mag zur Erklärung der Sache dienen.
[280] Angenommen, jemand weiß, daß der Winkel im | Halb-
kreise ein Rechter ist und demnach, daß das Dreieck aus
diesem Winkel und dem Durchmesser des Kreises recht-
winklig ist. er bezweifelt aber oder hat noch nicht mit Ge-
wißheit bemerkt oder bestreitet gar, durch irgendeinen
Trugschluß irregeleitet, daß das Quadrat der Basis des
rechtwinkligen Dreiecks gleich den Quadraten über den
Seiten ist, so scheint es, daß er eben durch die von Des-
cartes vorgeschlagene Art und Weise sich in seiner falschen
Überzeugung befestigen wird. „Denn," wird er sagen, „ich
erkenne klar und deutlich, daß dieses Dreieck rechtwinklig
ist, zweifle aber dennoch, ob das Quadrat über seiner Basis
gleich den Quadraten über den Seiten ist, es gehört also
Vierte Einwände.
183
nicht zu seiner Wesenheit, daß das Quadrat über der Basis
gleich den Quadraten der Seiten ist."
„Wenngleich ich sodann leugnen werde, daß das Qua-
drat über seiner Basis gleich den Quadraten über den Seiten
ist, so bleibe ich dennoch gewiß, daß das Dreieck recht-
winklig ist, und es bleibt klar und deutlich in meinem Geiste
die Erkenntnis, daß einer von seinen Winkeln ein rechter
ist; ist dem aber so, so kann nicht einmal Gott bewirken,
daß es nicht rechtwinklig ist. Nicht also gehört das, woran
ich zweifle, ja, bei dessen Aufhebung mir dieselbe Idee
bleibt, zu seiner Wesenheit."
I Außerdem, „da ich ja weiß, daß alles, was ich klar und [281]
deutlich denke, in der Weise von Gott geschaffen werden
kann, wie ich es denke, so genügt es für mich, ein Ding
ohne ein anderes klar und deutlich denken zu können, um
mir die Gewißheit zu geben, daß das eine vom andern ver-
schieden ist, da wenigstens Gott es getrennt setzen kann
(vgl. o. S. 67, Z. 3—8)". „Ich sehe zwar klar und deutlich
ein, daß dieses Dreieck rechtwinklig ist, ohne daß ich jedoch
einsehe, daß das Quadrat über der Basis gleich den Qua-
draten über den Seiten ist, — also kann wenigstens Gott
ein rechtwinkliges Dreieck zustande bringen, bei dem das
Quadrat über der Basis nicht gleich den Quadraten über
den Seiten ist."
Ich sehe nicht, was man hierauf antworten könnte,
außer daß dieser Mensch nicht klar und deutlich das recht-
winklige Dreieck erkennt. Woher weiß ich aber, daß ich
klarer die Natur meines Geistes erkenne, als er die Natur
des Dreiecks erkennt? Er ist nämlich ebenso gewiß, daß
das Dreieck im Halbkreis einen rechten Winkel hat — was
der Begriff des rechtwinkligen Dreiecks ist — wie ich dessen
gewiß bin, daß ich existiere, darum, weil ich Bewußt-
sein habe.
Wie also er sich darin täuscht, daß er glaubt, es gehöre
nicht zur Natur dieses Dreiecks, | das er klar und deutlich [282]
als rechtwinklig erkennt, daß das Quadrat über der Basis
usw. — warum soll ich mich also nicht etwa täuschen, wenn
ich glaube, es gehöre zu meiner Natur, die ich sicher und
deutlich als denkendes Ding erkenne, nichts anderes, als
184
Descartes, Meditationen.
daß ich ein denkendes Ding bin? Mag es doch vielleicht
zu ihr gehören, daß ich ein ausgedehntes Ding bm!
Und in der Tat, wird jemand sagen, es ist nicht ver-
wunderlich, wenn, — solange ich daraus, daß ich Bewußt-
sein habe, schließe, daß ich bin, — die Idee, die ich
daraus von mir selbst bilde, nichts anderes meinem Geiste
darstellt, als mich selbst, als denkendes Ding, da sie ja
allein aus meinem Bewußtsein entnommen worden ist. Es
läßt sich demnach, wie es scheint, aus dieser Idee kein Argu-
ment dafür entnehmen, daß nichts weiter zu meiner Wesen-
heit gehört, als was in dieser (Idee) enthalten ist.
Es kommt noch hinzu, daß dieses Argument zu viel
zu beweisen und nur auf die Platonische Meinung hinzu-
führen scheint (die doch unser Autor zurückweist), daß
nichts Körperliches zu unserer Wesenheit gehört, so daß
der Mensch nur ein Geist (animus) ist, der Körper dagegen
[283] bloß das Vehikel des Geistes, weswegen die Platoniker J den
Menschen definieren, als einen Geist, der sich nur eines Kör-
pers bedient.
Antwortest Du nun, daß der Körper nicht ohne weiteres
von der Wesenheit meiner selbst ausgeschlossen wird, son-
dern nur sofern er genau ein denkendes Ding ist, so liegt
die Befürchtung nahe, daß einer auf den Verdacht kommt,
ob nicht etwa die Erkenntnis meiner selbst, sofern ich ein
denkendes Ding bin, nicht die Erkenntnis eines vollständig
und adäquat begriffenen Wesens*), sondern nur die Er-
kenntnis eines inadäquat und durch eine Abstraktion des
Verstandes begriffenen Wesens ist**).
Es folgt daraus, daß, — wie die Geometer sich die Linie
als Länge ohne Breite und die Fläche als Länge und Breite
ohne Tiefe denken, wenngleich es keine Länge ohne Breite
und keine Breite ohne Tiefe gibt, — so vielleicht einer zwei-
feln kann, ob nicht jedes denkende Ding auch ein ausge-
dehntes Ding ist, das aber außer den Eigenschaften, die
♦) franz. Ausg.: nicht die Idee oder der Begriff eines voll-
ständigen und voll und ganz begriffenen Wesens.
♦*) franz. Ausg.: sondern nur die eines unvollständigen und
nur unvollkommenen und durch Verstandesabstraktion oder Ge-
dankenbeschränkung begriffenen Wesens ist.
Vierte Einwände.
185
ihm mit den anderen ausgedehnten Dingen gemeinsam sind,
wie Gestalt, Bewegung usw., auch die besondere Kraft des
Bewußtseins hat, die zur Folge hat, daß es mit dieser ein-
zigen Kraft vermöge der Abstraktion des Verstandes als ein
denkendes Ding erfaßt werden kann, wenngleich in | Wirk- [284]
lichkeit dem denkenden Ding die Eigenschaften des Kör-
pers zukommen; genau so, wie ja auch die Quantität mit der
bloßen Länge gedacht werden kann, wenngleich tatsächlich
jeder Quantität zugleich mit der Länge Breite und Tiefe
zukommt.
Es mehrt die Schwierigkeit, daß diese Kraft des Be-
wußtseins an die körperlichen Organe gebunden zu sein
scheint, da sie bei den Kindern noch schlummernd, bei
den Wahnsinnigen ganz ausgelöscht zu sein scheint, was
die Gottlosen und Vertilger der Seelen vorzüglich gegen
uns geltend machen.
Soviel von der realen Verschiedenheit unseres Geistes
vom Körper. Da aber Descartes es unternommen hat, die
Unsterblichkeit der Seele zu beweisen, so hat man das
Recht, zu fragen, ob sie aus dieser Trennung evident folgt.
Nach den Prinzipien der gewöhnlichen Philosophie ist diese
Folgerung nämlich durchaus nicht gerechtfertigt, da man
gemeinhin annimmt, daß die Seelen der Tiere von ihren
Körpern verschieden sind, trotzdem aber mit diesen ihren
Untergang finden.
Ich hatte meine Erwiderung bis hierher durchgeführt
und beabsichtigte, zu zeigen, wie gemäß den Prinzipien
unseres Autors, — die ich aus seiner Art zu phüosophieren
erschlossen zu haben glaubte, — aus der realen Verschieden-
heit des Geistes vom Körper auf jene Unsterblichkeit | ohne [285]
Schwierigkeit geschlossen werden kann, als an mich die
„Inhaltsübersicht" gelangte, die einerseits für das ganze
Werk aufklärend ist, anderseits gerade für diesen Teil zur
Lösung eben der Frage das beibringt, was ich un Begriff
war auszuführen.
Was nun die Meinung Descartes* über die Tierseelen
angeht, so läßt er uns an andern Stellen zur Genüge er-
kennen, daß sie gar keine Seele haben, sondern nur einen
Körper, der auf eine gewisse Art und Weise gebildet und
186
Descartcs, Meditationen.
Vierte Einwände.
187
mit seinen verscliiedenen Organen so verschmolzen ist,
daß alle Operationen, die wir beobachten, in ihm und durch
ihn zustande kommen können.
Doch ich fürchte, daß diese Meinung bei den Menschen
keinen Glauben finden kann, wenn sie nicht durch sehr
triftige Gründe gestützt wird. Denn das erscheint von vorn-
herein unglaublich, wie ohne jegliche Beihilfe einer Seele
das Licht, das von dem Körper eines Wolfes in die Augen
eines Schafes eindringt, die feinsten Fasern der Sehnerven
bewegt, und wie aus dieser bis zum Gehirn sich fort-
pflanzenden Bewegung die tierische Strömung (spiritus) sich
in die Nerven verteilt mit dem notwendigen Ergebnis, daß
das Schaf die Flucht ergreift.
Nur dies eine will ich hier noch hinzufügen, daß das
[286] von mir durchaus gebilligt wird, was Descartes von | der
Verschiedenheit der sinnlichen Anschauung und des Den-
kens (cogitatio) oder der Verstandeseinsicht (intelligentia)
lehrt, und von der größeren Gewißheit des verstandesmäßig
Begriffenen gegenüber dem, was sich unsem körperlichen
Sinnen bietet*). Denn ich habe seit langem von Augustin
(de animae quantitate Kap. 15) gelernt, daß man die Mei-
nung derer weit von sich weisen muß, die sich überreden,
das, was wir verstandesgemäß erkennen, sei weniger gewiß,
als was wir mit den körperlichen Augen sehen, die immer
mit Tränen in Konflikt liegen. Daher sagt er auch in seinen
„Selbstgesprächen", Buch 1, Kap. 4, in der Geometrie habe
er die Sinne wie Schiffe erfunden. „Denn wenn sie," sagt
er**), mich dahin geführt hätten, wohin ich wollte, und ich
sie nun entließ und dann, auf eigenen Füßen stehend, an-
fing, dasselbe mit meinem Denken (cogitatio) zu wieder-
holen, dann waren meine Schritte noch lange unsicher***).
Deshalb scheint man mir eher auf dem Lande Schiffahrt
treiben zu können als die Geometrie mit den Sinnen er-
fassen, wenn auch Anfänger durch sie wohl nicht wenig
gefördert werden.**
*) für „und von der größeren — bietet" franz. Ausg.: und
daß stets meine Ansicht gewesen ist, daß die Dinge, die wir durch
Vernunft erfassen, weit größer sind, als die, welche sich den kör-
perlichen Sinnen darbieten".
♦•) franz. Ausg.: zum Beweise irgendeines geometrischen Satzes.
***) für „und ich sie — unsicher" franz. Ausg. : „dann habe ich
sie nicht eher entlassen, als ich im Begriff war, mit meinem Denken
Über Gott
Der erste Beweis des Daseins Gottes, den Descartes
in der dritten Meditation führt, hat zwei Teile; der erste | [287]
enthält, daß Gott ist, da ja seine Idee in mir ist; der zweite
enthält, daß ich, im Besitze einer solchen Idee, nicht sein
kann außer durch Gott.
Im ersten Teil kann ich nur eines nicht billigen. Erst
nämlich behauptet Descartes (s. o. S. 35, Z. 26—29), „daß
nur in Urteüen sich die eigentliche Falschheit finde**, aber
gleich darauf gibt er zu, „daß die Ideen, zwar nicht formal,
aber doch material falsch sein könnten", was mir mit seinen
Prinzipien nicht im Einklang zu stehen scheint.
Doch um nicht befürchten zu müssen, daß ich in dieser
sehr dunklen Sache meine Gedanken nicht durchsichtig
genug ausdrücke, mag die Sache durch ein Beispiel klar-
gestellt werden! „Wenn," so sagt er (s. S. 35, Z. 4— 1 u.),
„Kälte nur Abwesenheit der Wärme ist, so wird die Idee
der Kälte, die sie mir als ein positives Ding darstellt, ma-
terial falsch sein."
Nein, wenn Kälte nur Abwesenheit (privatio) ist, so
kann es eine Idee der Kälte, die sie mir als ein positives
Ding darstellt, gar nicht geben, und das Urteil wird hier
von Descartes mit der Idee verwechselt.
Was ist nämlich die Idee der Kälte ? Die Kälte selbst,
soweit sie objektiv im Verstände ist. Wenn aber die Kälte
Abwesenheit ist, so kann sie nicht objektiv im Verstände
sein durch eine Idee, deren objektives Sein ein positives
alles das wieder durchzugehen, was ich gelernt zu haben schien,
und dann meinen Geist ebenso unsicher fand wie die Schritte derer,
die man nach langer Seefahrt wieder den Fuß aufs Land setzen
sieht".
\
Xoo
Descartes, Meditationen.
[288] Wesen ist. | Also, wenn die Kälte nur Abwesenheit ist, so
wird es niemals eine positive Idee von ihr geben können,
und demnach auch keine, die material falsch ist.
Bestätigt wird das durch denselben Beweisgrund, durch
den Descartes beweist, daß die Idee des unendlichen
Wesens notwendig wahr sein müsse; denn obgleich man sich
vorstellen kann, daß ein solches Wesen nicht existiere, kann
man sich doch nicht vorsteUen, daß seine Idee mir nichts
Reales darstelle.
Genau dasselbe läßt sich von jeder positiven Idee be-
haupten; denn wenngleich sich ausdenken ließe, daß die
Kälte, die ich durch eine positive Idee repräsentiert glaube,
nichts Positives ist. so kann man sich doch nicht denken,
daß eine positive Idee mir nichts Reales und Positives dar-
steUt, da ja eine positive Idee nicht als solche bezeichnet
wird gemäß dem Sein, das sie als Weise des Bewußtseins
(modus cogitandi) hat, denn danach wären alle Ideen po-
sitiv, sondern gemäß dem objektiven Sein, das sie enthält
und das sie unserem Geiste darsteUt. Es kann also diese
Idee nicht die der Kälte, aber sie kann unmöglich falsch sein.
„Aber," sagst Du, „sie ist eben dadurch ohne weiteres
falsch, weil sie nicht die Idee der Kälte ist"; doch nein,
Dein Urteil ist falsch, wenn Du urteilst, daß sie die Idee
rooni o^^ ^^^^^ ^^^' ^^^ ^^^^^^ dagegen in Dir ist durchaus wahr.
IJ89J So I darf ja die Idee Gottes nicht einmal material als falsch
bezeichnet werden, wenngleich man sie auf etwas über-
tragen könnte, was nicht Gott ist, wie das die Götzendiener
getan haben.
Was bietet schließlich diese Idee der Kälte, von der
Du behauptest, sie sei material falsch. Deinem Geiste dar?
Eine Beraubung? Also ist sie wahr. Ein positives Sein?
Also ist sie nicht die Idee der Kälte. Und welches ist
außerdem die Ursache jenes positiv objektiven Wesens, das
nach Dir bewirken soll, daß diese Idee material falsch ist?
„Ich," erwiderst Du, „sofern ich vom Nichts stamme." Es
kann also das objektive positive Sein einer Idee vom Nichts
kommen, was doch den ersten Fundamenten Deiner Lehre
widerstreitet.
Doch gehen wir zum zweiten Teil des Beweises über,
Vierte Einwände.
189
in dem die Frage aufgeworfen wird, „ob ich selbst, der ich
die Idee eines unendlichen Seins besitze, von etwas anderem
mein Dasein haben kann, und besonders, ob durch mich
selbst." Descartes behauptet, ich könnte es nicht durch mich
selbst haben deshalb, weil, „wenn ich mir selbst das Dasein
gäbe, ich mir auch alle Vollkommenheiten, deren Idee, wie
ich bemerke, in mir vorhanden sind, mir geben würde". Doch
scharfsinnig wendet der Theologe ein, das Durch-sich-sein
dürfe nicht positiv aufgefaßt werden, sondern negativ, so daß
es die Bedeutung hat, „nicht durch etwas anderes sein".
„Nun aber," sagt er, „wenn etwas | durch sich ist, d. h. nicht [290]
durch etwas anderes, wie soll ich beweisen, daß das alles um-
faßt und unendlich ist? Jetzt nämlich schenke ich Dir kein
Gehör, wenn Du sagst: wenn es durch sich ist, wird es sich
leicht alles gegeben haben; denn es ist nicht durch sich als
durch eine Ursache, hat auch nicht eine vorbedachte Wahl
treffen können, um sich auszusuchen, was es späterhin sein
würde."
Um dieses Argument zu widerlegen, behauptet Des-
cartes, das Durch-sich-sein müsse nicht negativ, sondern
positiv verstanden werden, auch hinsichtlich Gottes, so daß
Gott „gewissermaßen mit Bezug auf sich selbst dieselbe
Rolle spielt wie die wirkende Ursache mit Bezug auf ihre
Wirkung", was mir recht hart und unrichtig erscheint.
Daher stimme ich teils mit Descartes überein, teils
weiche ich von ihm ab. Ich gestehe nämlich ein, daß ich
durch mich nicht anders als positiv sein kann, ich bestreite
aber, daß man dasselbe von Gott sagen dürfe, vielmehr
glaube ich, daß der Widerspruch klar zutage liegt, daß
etwas positiv durch sich und wie durch eine Ursache sein
soll. Deshalb komme ich zu demselben Ergebnis wie imser
Autor, doch auf ganz anderem Wege, nämlich in folgender
Weise :
Damit ich durch mich selbst wäre, müßte ich positiv
durch, mich sein und wie durch eine Ursache; also ist es
nicht möglich, daß ich durch mich selbst bin. Den Vorder-
satz dieser Schlußfolgerung erhärten | die Gründe Descartes*, [291]
die aus ihm selbst entnommen sind, nämlich daß, da die
Teile der Zeit voneinander getrennt werden können, daraus.
190
Descartes, Meditationen.
daß ich bin, „nicht folgt, daß ich sein werde, wenn nicht
irgendeine Ursache mich gewissermaßen in den einzelnen
Augenblicken wieder schafft'*.
Was jedoch den Untersatz betrifft, so glaube ich, daß
er durch das natürliche Licht so klar ist, daß er höchstens
in der überflüssigen Weise bewiesen werden kann, in der
man Bekanntes durch weniger Bekanntes beweist. Ja, der
Autor scheint seine Richtigkeit anerkannt zu haben, da er
ihn nicht offen zu leugnen gewagt hat. Bitte, prüfen wir
einmal folgende Worte in der Antwort an den Theologen:
„Ich habe nicht behauptet," sagt er, „es sei unmög-
lich, daß etwas die bewirkende Ursache seiner selbst sei;
denn obwohl dies offenbar wahr ist, wenn man die Be-
zeichnung .wirkend' auf diejenigen Ursachen beschränkt,
die ihren Wirkungen zeitlich vorangehen oder die von ihnen
verschieden sind, so scheint doch in dieser Untersuchung
eine solche Beschränkung nicht am Platze zu sein, weil das
natürliche Licht nicht vorschreibt, für den Begriff der be-
wirkenden Ursache zu verlangen, daß sie zeitlich früher ist
als ihre Wirkung.'*
Vortrefflich, was das erste Glied der Unterscheidung
betrifft I Doch warum ist das zweite ausgelassen, und nicht
hinzugefügt, daß eben dies natürliche Licht nicht vor-
schreibe, für den Begriff der bewirkenden Ursache zu ver-
[292] langen, daß sie von ihrer Wirkung verschieden | sei ? Doch
wohl, weü eben dieses natürliche Licht nicht zuließ, es zu
behaupten.
Und fürwahr, da jede Wirkung von ihrer Ursache ab-
hängt, von der Ursache ihr Sein empfängt, ist es da nicht
klar, daß ein und dieselbe Sache nicht von sich selbst ab-
hängen, nicht von sich selbst ihr Sein empfangen kann?
Außerdem ist jede Ursache Ursache einer Wirkung
und jede Wirkung Wirkung einer Ursache, und es besteht
demnach ein wechselseitiges Verhältnis zwischen Ursache
und Wirkung, ein Verhältnis aber gibt es nur zwischen
zwei Dingen.
Außerdem kann man sich ohne Widersinn keinen Be-
griff davon machen, daß eine Sache das Sein erhält, und
daß trotzdem diese selbe Sache das Sein hat, bevor wir
Vierte Einwände.
191
uns einen Begriff davon gemacht haben, daß sie es er*
halten hat. Das würde aber der Fall sein, wenn wir die Be-
griffe von Ursache und Wirkung derselben Sache mit Bezug
auf sich selbst zuschrieben. Denn was ist der Begriff der
Ursache? das Seingeben I welches der Begriff der Wirkung?
das Seinerhalten I Der Begriff der Ursache geht also von
Natur dem Begriffe der Wirkung voraus.
Nun können wir uns aber keinen Begriff davon machen,
daß irgendein Ding unter dem Begriff der Ursache sein-
gebend ist, ohne es als seinhabend zu fassen. Denn niemand
gibt, was er nicht hat. Also eher würden wü* begreifen,
daß ein Ding das Sein hat, | als daß es es empfangen hat. [293]
Und doch ist in dem, der empfängt, eher das Empfangen
als das Haben.
Das läßt sich auch noch anders darstellen: Niemand
gibt, was er nicht hat. Also niemand kann sich das Sein
geben, wenn er nicht dieses Sein schon hat. Wenn er es
aber schon hat, wozu sollte er es sich noch geben?
Schließlich versichert er, durch das natürliche Licht
sei es bekannt, daß sich die Erschaffung von der Erhal-
tung nur begrifflich unterscheide. Doch durch eben dies
natürliche Licht ist es bekannt, daß nichts sich selbst er-
schaffen kann, also auch nicht sich selbst erhalten kann.
Doch wenn wir von der generellen These zur speziellen
Hypothese von Gott herabgehen, wird nach meinem Urteil
die Sache noch klarer, daß Gott positiv durch sich nicht
sein kann, sondern nur negativ, d. h. nicht durch etwas
anderes.
Und zwar ergibt sich das erstens aus dem Gründe, den
Descartes anführt, um zu beweisen, daß, wenn ein Körper
„durch sich ist, er durch sich positiv sein müsse. Denn
die Teüe der Zeit,** sagrt er, „hängen nicht voneinander ab,
und daher folgt daraus, daß man annimmt, jener Körper
sei bis zu diesem Augenblick durch sich, d. h. ohne Ur-
sache gewesen, nicht, | daß er auch in Zukunft sein wird, [294]
wenn nicht irgendeine Macht in ihm ist, die ihn sozusagen
fortwährend von neuem hervorbringt.** (S. 99, Z. 20 ff.)
Das kann aber für das höchst vollkommene oder un-
endliche Wesen so wenig zutreffen, daß sich vielmehr das
Descartes, Meditationen. 13
iiiilWiiliiW^^^^^^^^^
Descartes, Meditation«!!.
Gegenteil aus den entgegengesetzten Gründen schlagend
herleiten läßt : In der Idee des unendlichen Wesens nämlich
liegt inbegriffen, daß auch seine Dauer unendlich ist,
d. h. durch keine Grenzen eingeschlossen, und daher un-
teilbar, fortwährend, ganz in jedem Augenblick vorhanden
und so, daß man nur durch Irrtum und die UnvoUkommen-
heit unseres Verstandes ein Früher und Später darin be-
greifen kann.
Daraus folgt deutlich, daß, sowie man begreift, daß
ein unendliches Wesen auch nur einen Augenblick existiert,
man auch zugleich begreift, daß es immer existiert hat und
in Ewigkeit Existenz haben wird (was unser Autor andernorts
lehrt), so daß es also sinnlos ist, zu fragen, wodurch es im
Sein beharrt.
Fiirwahr, wie oft Augustinus lehrt (und keiner von
den Kirchenvätern hat ja würdiger und erhabener von Gott
gesprochen als er), in Gott gibt es kein Gewesen oder Sein-
werden, sondern nur Ewigsein, woraus noch klarer hervor-
[295] geht, daß man nur in Sinnjlosigkeit die Frage stellen kann,
wodurch Gott im Sein beharrt, da diese Frage deutlich den
Begriff des Früher und Später, des Vergangenen und Künf-
tigen einschließt, Vorstellungen, die von dem Begriff des
unendlichen Wesens ausgeschlossen werden müssen.
Außerdem läßt sich nicht denken, daß Gott durch sich
positiv ist, gleich als ob er sich anfangs selbst hervor-
gebracht hätte (er wäre nämlich vorher gewesen, als er
war), sondern allein (wie unser Autor öfters erklärt), weil er
sich wahrhaft erhält.
Doch zu dem Begriff des unendlichen Wesens gehört
die Erhaltung ebenso wie die anfängliche Hervorbringung;
denn bitte, was ist die Erhaltung anderes, als eine gewisse
fortwährende Wiederhervorbringung eines Dinges? Daher
also jede Erhaltimg die anfängliche Hervorbringung voraus-
setzt. Und so enthält die Bezeichnung „Dauer** wie auch
„Erhaltung* eine gewisse Potentialität ♦), das unendliche
Wesen ist aber remste Aktualität ohne jede Potentialität.
•) frf. Ausg.: sind mehr Bezeichnungen emcr Potentialität
a}s eiaer AktualiiÄi und enlhalten eine gewisse Aufnahmefähigkeit.
Vierte Einwände.
193
Wir woUen also schließen, daß man nicht begreifen
kann, daß Gott durch sich positiv ist; höchstens durch die
Unvollkommenheit unseres Verstandes, der Gott wie ein ge-
schaffenes Ding auffaßt. Das wird noch mehr erhärtet
durch einen weiteren Grund.
Nach der wü-kenden Ursache eines Dinges fragt man
I nur rucksichtlich seiner Existenz, nicht aber rücksicht- [2961
hch seiner Wesenheit. Zum Beispiel werde ich, wenn ich
em Dreieck sehe, nach der wirkenden Ursache fragen,
durch die es kommt, daß dies Dreieck existiert, doch nach
der wu-kenden Ursache, durch die die drei Winkel, die
dieses Dreieck enthält, gleich zwei rechten sind, werde ich
nicht ohne Ungereimtheit fragen. Und dem, der so fragt,
wurde man nicht gut antworten: „durch die wirkende Ur-
sache", sondern nur: „weü das die Natur des Dreiecks
ist'*; daher beweisen auch die Mathematiker, weil sie sich
nicht mit der Existenz ihres Objektes beschäftigen, nichts
durch die wirkende Ursache und den Zweck. Aber es ge-
hört nicht weniger zur Wesenheit des unendlichen Wesens,
daß es existiert, oder auch, wenn Du wiUst, daß es im
Sein beharrt, als es zur Wesenheit des Dreiecks gehört
daß es drei Winkel hat, die gleich zwei rechten sind. Also
so, wie man dem, der fragt, warum ein Dreieck drei Winkel
gleich zwei rechten hat, nicht mit der wirkenden Ursache
antworten darf, sondern nur sagen darf, das sei die ewige
und unabänderiiche Natur des Dreiecks, so darf man für
den, der fragt, wodurch Gott ist oder im Sein beharrt, keine
m Gott oder außer Gott gelegene wirkende Ursache oder
gewissermaßen wirkende Ursache (um die Sache dreht's
sich, mcht um das Wort) | suchen, sondern das allein ist als roQ?]
Grund anzugeben, daß das die Natur des im höchsten Maße
vollkommenen Wesens ist.
Und wenn nun Descartes sagt, das natüriiche Licht
lehre, daß es keine Sache gibt, bei der es nicht statthaft
wäre zu fragen, warum sie existiert, oder auch nach ihrer
wu-kenden Ursache zu forschen, oder, wenn sie keine hat,
zu fragen, warum sie keiner bedarf, so antworte ich, daß
man dem, der fragt, warum Gott existiert, nicht mit der
wirkenden Ursache antworten muß, sondern nur: weil es
13 ♦
194
Descartes, Meditationen.
Gott oder ein unendliches Wesen ist. Und dem, der nach
seiner wirkenden Ursache fragt, muß man antworten, daß
er keiner wirkenden Ursache bedarf. Und wieder, wenn
einer fragt, warum er ihrer nicht bedarf, so muß man ant-
worten: weil er ein unendliches Wesen ist, dessen Existenz
seine Wesenheit ist. Denn die Dinge allein bedürfen der
wirkenden Ursache, in denen man die aktuale Existenz von
der Wesenheit unterscheiden muß.
Somit wird hinfällig, was er nach den Worten weiter
sagt, die ich oben anführte. Und so sagt er: „Wenn ich
daher glaubte, daß keine Sache gewissermaßen sich zu
sich so verhalten könnte, wie die wirkende Ursache zur
Wirkung, war ich doch soweit entfernt, daraus auf das Vor-
[298] handensein irgendemer ersten Ursache zu schließen, | daß
ich vielmehr im Gegenteü die Ursache gerade von der so-
genannten ersten Ursache nicht mehr erforschte und so
niemals zu einer allerersten gelangte.**
Nein, wenn ich der Meinung wäre, man müsse nach
der wirkenden oder gewissermaßen wirkenden Ursache eines
beliebigen Dinges suchen, dann würde ich nach einer Ur-
sache suchen, die von dem betreffenden Dinge verschieden
ist, da es für mich absolut ausgemacht ist, daß sich auf
keine Weise etwas so zu sich selber verhalten kann, wie die
wirkende Ursache zur Wirkung.
Doch, glaube ich, muß er darauf hingewiesen werden,
daß er das aufmerksam und sorgfältig beachtet, weü ich
genau weiß, daß man kaum einen Theologen finden kann,
der nicht unter dieser Voraussetzung bewiese, daß Gott po-
sitiv durch sich selbst, und wie durch eine Ursache ist.
Nur ein Bedenken bleibt mir noch, ob er nicht einen
Zirkelschluß gemacht hat, wenn er sagt, „es steht uns aus
keinem anderen Grunde fest, daß das, was wir klar und
deutlich erfassen, wahr ist, als dadurch, daß Gott ist".
Aber es kann uns nicht feststehen, daß Gott ist, es sei
denn, daß es von uns klar und evident erfaßt wird. Also
[299] bevor es uns feststeht, daß Gott ist, muß es uns | feststehen,
daß wahr ist, was immer von uns klar und evident erfaßt
wird.
Ich füge hinzu, was mir entfallen war, nämlich daß nur
Vierte Einwände.
195
falsch scheint, was Descartes als gewiß hinstellt, „es könne,
sofern er ein denkendes Ding sei, nichts sein, dessen er
sich nicht bewußt wäre". Durch sich nämlich, sofern er ein
denkendes Ding ist, erkennt er nichts anderes als seinen
Geist, sofern er vom Körper verschieden ist. Aber wer sieht
nicht, daß viele Dinge im Gebte sein können, deren sich
der Geist nicht bewußt ist? Der Geist des Kindes im Mutter-
leibe hat die Denkkraft, aber ist sich ihrer nicht bewußt.
Unzähliges Ähnliche übergehe ich.
Über die Bedenken, die ein Theologe haben kann.
Um endlich mit dem verdrießlichen Gerede fertig zu
werden, will ich mich hier der Kürze befleißigen und die
Dinge lieber nur andeuten als sie ausführlich erörtern.
Erstens dürften wohl an dieser allzu freien Art zu philo-
sophieren, durch die alles in Zweifel gezogen wird, einige
Leute Anstoß nehmen; und in der Tat gesteht der Autor
selbst in seiner „Abhandlung über die Methode**, daß für
mittelmäßige Köpfe dieser Weg | gefahrvoll sei. Doch gebe [300]
ich zu, daß dieser Übelstand in der Inhaltsangabe der ersten
Meditation eine Abschwächung erfährt.
Dennoch dürfte es wohl angebracht sein, diese Medi-
tation durch irgendeine kleine Vorrede einzuleiten, in der
darauf hingewiesen werden könnte, daß an diesen Dingen
nicht im Ernst gezweifelt wird, sondern nur zu dem Zwecke,
um all das, was auch nur die geringste und, wie der Autor
sich selbst an anderer Stelle ausdrückte, bloß hyperbolische
Möglichkeit eines Zweifels zuläßt, für eine Weüe beiseite
zu stellen und dadurch etwas so Festes und Standhaftes
finden zu können, daß es auch dem hartnäckigsten Leugner
nicht möglich ist, im geringsten daran zu zweifeln. Daher
meine ich auch^ daß man an die Stelle der Worte „da ich
mm den Urheber meines Daseins nicht kannte** setzen sollte
„nicht zu kennen nur einbildete**.
In der vierten Meditation über Wahrheit und Irrtum
würde ich aus zahlreichen Gründen, die alle durchzugehen
zu weit führen würde, es sehr wünschen, daß in der Medi-
196
Descartes, Meditationen.
Vierte Einwände.
197
tation selbst oder in der Inhaltsangabe auf zwei Punkte
hingewiesen würde:
Erstens, daß es ihm, wo er nach der Ursache des Irr-
tums forscht, hauptsächlich auf den ankomme, den man bei
der Unterscheidung von Wahr und Falsch begeht, aber
nicht auf den, der bei dem Streben nach Gut und Böse in
Betracht kommt.
[301] Da nämlich das erstere für Absicht und Ziel des Au|tors
ausreicht und das, was hier über die Ursache des Irrtums
gesagt wird, auf sehr gewichtige Einwendungen stoßen
dürfte, wenn es sich auch auf den zweiten Punkt erstrecken
würde, verlangt, wenn ich mich nicht irre, die Vorsicht
und heischt die Ordnung des Lehrganges, von der unser
Autor ein großer Freund ist, daß alles, was nicht zur Sache
gehört und Anlaß zu Streitigkeiten geben könnte, beiseite
bleibt, damit der Leser nicht, während er nutzlos über Über-
flüssiges schimpft, an der Erfassung des Notwendigen be-
hindert wird.
Zweitens wünschte ich, daß unser Autor darauf hin-
wiese, daß, wenn er erklärt, wir dürften nur der Sache
unsere Zustimmung geben, die wir klar und deutlich kennen,
er nur von den Dingen handle, die sich auf die Wissen-
schaften beziehen und in den Bereich der Erkenntnis fallen,
nicht aber von denen, die sich auf den Glauben und die
Lebensführung beziehen; daher verurteile er die Unbe-
sonnenheit derer, die sich auf Vermutungen verlassen, nicht
die Überzeugung derer, die klug dem Glauben vertrauen.
„Es gibt nämlich drei Dinge**, wie Augustinus weise
lehrt (de utüit. credendi Kap. 15), „gewissermaßen einander
benachbart in der Seele der Menschen, wohl wert, unter-
schieden zu werden: Erkennen (intelligere), Glauben (cre-
dere), Vermuten (opinari).
[302] I Erkennen tut der, der etwas aus sicheren Gründen er-
faßt. Glauben tut der, der auf Grund gewichtiger Autorität
für wahr hält, auch was er aus sicheren Gründen nicht er-
faßt. Vermuten tut der, der zu wissen glaubt, was er
nicht weiß.
Bloßes Vermuten aber ist aus zwei Gründen höchst
verwerflich: weü der nicht lernen kann, der schon über-
zeugt ist, das zu wissen, was er doch nicht weiß; und zwei-
tens weil die Unbesonnenheit an sich das Zeichen eines
Geistes ist, der sich in keiner guten Verfassung befindete
Was wir also erkennen, verdanken wir der Vernunft
(ratio), was wir glauben, der Autorität, was wir vermuten,
dem Irrtum. Das sei gesagt, damit wir erkennen, daß wir
uns auch unter Aufrechterhaltung des Glaubens auch an
die Diqge, die wir noch nicht begreifen, frei wissen von
der Unbesonnenheit derer, die nur sich auf Vermutungen
stützen.
Denn die, die sagen, wir dürften nur glauben, was wir
wissen, hüten sich einzig und allein vor dem Worte Ver-
mutung, was, wie man zugeben muß, verwerflich und höchst
elend ist. Doch wenn einer sorgfältig beachtet, daß es ein
großer Unterschied ist, ob einer glaubt etwas zu wissen,
oder das, was er, wie er einsieht, nicht weiß, glaubt ge-
stützt auf irgendeine Autorität, so wird er in der Tat den
Vorwurf des Irrtums, der Unbildung und des Übermutes
meiden."
Und bald darauf (Kap. 12) sagt er:|„Es ließe sich [303]
vieles anführen zum Beweise dessen, daß überhaupt nichts
von der menschlichen Gesellschaft unversehrt bestehen blei-
ben würde, wenn wir beschließen würden, nichts zu glauben,
was wir nicht begriffen haben." Soweit Augustinus.
Von wie großem Werte es ist, daß Descartes diesen
Unterschied macht, damit nicht viele Leute, die heutigen-
tags zur Gottlosigkeit neigen, seine Worte zur Zerstörung
des Glaubens mißbrauchen können, wird er selbst bei seiner
Einsicht leicht beurteüen können.
Doch was, wie ich voraussehe, den Theologen am meisten
ein Stein des Anstoßes sein wird, ist der Umstand, daß
nach den Lehrsätzen Descartes* das, was die Kirche über
die heiligen Mysterien des Altars lehrt, wohl nicht heü und
unangetastet wird bestehen können.
Denn nach dem Glauben nehmen wir an, daß das Brot
im Abendmahl die Substanz des Brotes verliert und allein
die Accidentien dort übrigbleiben; das sind aber Aus-
dehnung, Gestalt, Farbe, Geruch, Geschmack und andere
wahrnehmbare Eigenschaften.
198
Descartcs, Meditationen.
Die wahrnehmbaren Eigenschaften erkennt aber Dcs-
cartes gar nicht an, sondern nur verschiedenartige Be-
wegungen der uns berührenden Körper, durch die wir jene
verschiedenartigen Eindrücke empfangen, die wü- sodann
r^jA^i ™^^ ^^" Namen Farbe, Geschmack. Geruch bezeichnen; es
[304] bleiben also | Gestalt, Ausdehnung, Bewegung. Doch der
Autor bestreitet, daß jene Erscheinungen ohne irgendeine
Substanz, der sie innewohnen, begriffen werden können,
daß sie also auch nicht ohne sie existieren können. Und
das wiederholt er auch in der Antwort an den Theologen.
Auch erkennt er zwischen jenen Wirkungen und der
Substanz nur einen „formalen** Unterschied an, der wohl
nicht ausreicht dafür, daß sich das. was sich so unterscheidet,
selbst durch göttliche Kraft voneinander trennen läßt.
^ Ich zweifle nicht, daß Descartes, ein Mann von solcher
Frömmigkeit, das aufmerksam und sorgfältig erwägen und
zu der Auffassung gelangen wird, daß er sich mit ganzem
Eifer darauf legen muß, daß er sich nicht in das Licht
setzt, als hätte er, während er darauf bedacht ist. Gott gegen
die Gottlosen zu verteidigen, jenem durch Autorität be-
gründeten Glauben in irgendeinem Punkte eine Gefahr
heraufbeschworen, jenem Glauben, durch dessen Gnade er
das ewige Leben, von dem er die Menschen zu überzeugen
unternimmt, zu erlangen hofft.
Antwort des Verfassers auf die vierten
Einwände.
Ich hätte mir keinen scharfsinnigeren und zugleich
zuvorkommenderen Prüfer meiner Schrift wünschen können,
als der, wie ich merke, ist, dessen Bemerkungen Du mir
zugeschickt hast. So freundlich nämlich verfährt er mit mir,
daß ich leicht einsehe, daß er mir und meiner Sache ge-
wogen ist. Und trotzdem bekämpft er meine Ausführungen
so scharfsinnig und umsichtig und hat sie so ganz durch-
schaut, daß ich hoffen darf, es ist auch in den übrigen
Punkten seinem Scharfblick nichts entgangen. Überdies
setzt er den Punkten, die, wie er urteUt, weniger zu billigen
sind, so entschieden zu, daß ich nicht zu fürchten brauche, es
könnte einer meinen, er hätte irgend etwas aus Rücksicht-
nahme durchgehen lassen. Daher berührt mich das nicht
so sehr, was er einzuwenden hat, wie ich mich darüber
freue, daß er nicht noch in mehreren Punkten mir wider-
spricht.
[305]
Antwort auf den ersten Teil, Ober die Natur
des menschlichen Geistes.
Ich will mich hier nicht damit aufhalten, dem ausge-
zeichneten Manne zu danken, daß er mich durch die Auto-
rität des heiligen Augustinus gestützt und meine Gründe so
dargelegt hat, daß es scheint, als fürchte er, sie möchten
anderen nicht stark genug erscheinen.
Vielmehr wül ich zunächst auseinandersetzen, wo ich
angefangen habe, zu beweisen, in welcher Weise daraus,
daß ich erkenne, daß nichts anderes zu meiner Wesenheit
(d. h. zu der Wesenheit allein des Geistes) gehört, als daß
er ein denkendes Ding ist, folgt, daß in der Tat auch nichts
anderes zu ihm gehört. Das habe ich nämlich da getan,
wo ich bewiesen habe, daß Gott existiert, d. h. jener Gott,
[306]
200
Bescartes, Meditationen.
der alles das vermag, was ich meinerseits klar und deutlich
als möglich erkenne.
Wenngleich es nämlich in mir vielleicht vieles gibt,
was ich noch nicht bemerke (wie ich in der Tat an dieser
Stelle annahm, daß ich noch nicht bemerkte, daß der Geist
die Kraft hat, den Körper zu bewegen, oder mit ihm sub-
[307] stantiell verbunden zu sein), so bin ich | doch, da das, was
ich bemerke, mir genügt, um damit allein existieren zu
können, gewiß, daß ich von Gott hätte geschaffen werden
können, ohne die anderen Dinge, die ich nicht bemerke,
und daß demnach dies andere nicht zu der Wesenheit des
Geistes gehört.
Nichts nämlich von dem, ohne was irgendeine Sache
sein kann, scheint mir in ihrer Wesenheit befaßt zu sein,
und wenngleich der Geist zur Wesenheit des Menschen ge-
hört, so gehört es doch nicht eigentlich zur Wesenheit des
Geistes, daß er mit dem menschlichen Körper vereinigt ist.
Es soll sodann auch erklärt werden, in welchem Sinne
ich es verstehe, wenn ich sage: „daß man eine reale Ver-
schiedenheit nicht daraus erschließen kann, daß die eine
Sache ohne die andere vermöge einer Abstraktion des die
Sache inadäquat begreifenden Geistes gedacht wird, sondern
nur daraus, daß eine jede Sache ohne eine andere voll-
ständig oder als eine vollständige Sache erkannt wird*'.
Ich bin nicht, wie Amaud, der Ansicht, daß man einer
adäquaten Erkenntnis einer Sache hier bedarf; denn der
Unterschied ist hierbei der, daß, damit eine Erkenntnis „ad-
äquat" ist. in ihr durchaus alle Eigenschaften enthalten sein
müssen, die in der erkannten Sache sind; Gott allein ver-
mag daher zu wissen, daß er die adäquate Erkenntnis
aller Dinge hat.
[308] I Der geschaffene Verstand dagegen mag sie zwar viel-
leicht tatsächlich von vielen Dingen haben, trotzdem kann
er aber nie wissen, daß er sie hat, wenn ihm nicht eine
besondere Offenbarung durch Gott zuteil wird. Damit er
nämlich die adäquate Erkenntnis irgendeiner Sache hat,
ist nur erforderlich, daß die in ihm vorhandene Kraft des
Erkennens der Sache gleichkommt, was leicht geschehen
kann; damit er aber weiß, daß er eine solche hat oder daß
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 201
Gott nichts weiter in die Sache hineingelegt hat, als das,
was er erkennt, ist es erforderlich, daß er mit seiner Kraft
des Erkennens der unendlichen Macht Gottes gleichkommt;
das ist aber durchaus unmöglich.
Um nun aber die reale Distinktion zwischen zwei Gegen-
ständen zu erkennen, ist es nicht erforderlich, daß unsere
Erkenntnis von ihnen adäquat ist, wenn wir nicht auch
wissen können, daß sie adäquat ist, das aber können wir
niemals wissen, wie soeben gesagt, — also ist es nicht er-
forderlich, daß sie adäquat ist.
Wenn ich daher gesagt habe, „es genüge nicht, daß
eine Sache ohne eine andere gedacht wird, durch eine Ab-
straktion des die Sache inadäquat begreifenden Verstandes",
so glaubte ich nicht, es könne daraus jemand den Schluß
ziehen, daß zur realen Distinktion eine adäquate Erkennt-
nis erforderlich sei, sondern nur eine solche, die nicht wir
selbst durch die Abstraktion | des Verstandes inadäquat [309]
machen.
Es ist nämlich etwas ganz anderes, irgendeine durchaus
adäquate Erkenntnis haben, wovon man niemals sicher
wissen kann, ob sie wahr ist, wenn Gott uns dies nicht offen-
bart und, eine Erkenntnis haben, die soweit adäquat ist, daß
wir wissen, daß wir sie durch eine Abstraktion des Ver-
standes nicht inadäquat machen können.
Ebenso, wenn ich gesagt habe, man müsse eine Sache
„auf vollständige Weise** denken, so war der Sinn nicht,
daß die Intellektion adäquat sein müsse, sondern nur, daß
wir von der Sache eine genügende Einsicht haben müssen,
um zu wissen, daß sie „vollständig** ist. Ich hielt dies auf
Grund des Vorhergehenden und des Folgenden für klar, ich
hatte nämlich kurz vorher die unvollständigen Wesen von
den vollständigen unterschieden und gesagt, es sei erforder-
lich, daß eine jede von den Sachen, die real voneinander
verschieden sind, als ein Wesen für sich und von jedem
anderen verschieden eingesehen wird.
Sodann aber hatte ich in demselben Sinne, in dem ich
sagte, ich sähe vollständig ein, was der Körper ist, sogleich
hinzugefügt, daß ich auch einsähe, daß der Geist eine voll-
ständige Sache sei, wobei ich nämlich: „vollständig ein-
202
Descartes, Meditationen.
sehen" und : „als eine vollständige Sache einsehen*' in einer
und derselben Bedeutung nahm.
[310] I Man kann nun hier mit Recht fragen, 1. was ich unter
einer vollständigen Sache verstehe, und 2. wie ich be-
weise, daß es für die reale Distinktion genügt, daß zwei
Gegenstände als zwei vollständige Gegenstände, einer ohne
den anderen gedacht werden.
Auf das erste antworte ich, daß ich unter einem voll-
ständigen Dinge nichts anderes verstehe, als eine Sub-
stanz, die mit den Formen und Attributen versehen ist, die
genügen, damit ich aus ihnen erkenne, daß es eine Sub-
stanz ist.
Denn, wie bereits an anderer Stelle bemerkt, wir er-
kennen die Substanzen nicht unmittelbar [franz. Text: aus
sich selbst], sondern nur dadurch, daß wir bestimmte For-
men oder Attribute auffassen. Da diese nun, um zu exi-
stieren, irgendeinem Etwas einwohnen müssen, so nennen
wir dieses Etwas, dem sie einwohnen, die Substanz.
Wenn wir aber sodann eben diese Substanz der At-
tribute berauben wollen, aus denen wir sie erkennen, so
würden wir alle unsere Erkenntnis von ihr zunichte machen
und so könnten wir allerdings gewisse Worte über sie aus-
sprechen, aber nicht solche, deren Bedeutung wir klar und
distinkt auffassen würden.
Ich weiß wohl, daß man bestimmte Substanzen gemein-
hin als „unvollständig" bezeichnet; bezeichnet man sie aber
als unvollständig, weil sie durch sich allein nicht sein könn-
ten, so gestehe ich, daß es mir dann widersprechend er-
scheint, daß sie Substanzen sind, d. h. durch sich bestehende
[311] Sachen! und zugleich unvollständig, d. h. nicht imstande,
durch sich zu bestehen. In anderer Hinsicht kann man sie
dagegen als unvollständige Substanzen bezeichnen; insofern
sie nämlich Substanzen sind, haben sie allerdings nichts
Unvollständiges, sondern nur sofern sie sich auf irgendeine
andere Substanz beziehen, mit welcher sie eine für sich be-
stehende Einheit (unum per se) bilden.
So ist die Hand eine unvollständige Substanz, sofern sie
sich auf den ganzen Körper bezieht, dessen Teil sie ist, sie
ist aber eine vollständige Substanz, wenn man sie für sich
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 203
betrachtet; und genau in derselben Weise sind Geist und
Körper unvollständige Substanzen, wenn man sie auf den
Menschen bezieht, den sie zusammen bilden; für sich be-
trachtet aber sind sie vollständig.
Wie nämlich ausgedehnt, teübar, gestaltet sein usw. For-
men oder Attribute sind, auf Grund deren ich die Substanz
erkenne, die Körper genannt wird, so sind einsehend, wol-
lend, zweifelnd sein usw. Formen, auf Grund deren ich die
Substanz erkenne, die Geist genannt wird, und ich sehe
ebenso ein, daß die denkende Substanz wie daß die aus-
gedehnte Substanz eine vollständige Sache ist.
|Es läßt sich aber das, was Arnaud hinzugefügt hat, in [312]
keiner Weise aufrechterhalten, daß nämlich der Körper sich
vielleicht zum Geiste verhält, wie die Gattung zur Art; denn
wenn man auch die Gattung ohne diesen oder jenen spezi-
fischen Unterschied einsehen kann, so läßt sich doch in
keiner Weise die Art ohne die Gattung denken.
Denn wir sehen z. B. leicht die Figur ein, ohne irgend-
wie an den Kreis zu denken (obgleich diese Verstandes-
einsicht nicht distinkt ist, wenn sie sich nicht auf eine be-
sondere Figur bezieht und nicht auf eine vollständige Sache
geht, wenn sie nicht die Natur des Körpers einbegreift),
sehen jedoch keinen spezifischen Unterschied des Kreises
ein, ohne zugleich an die Figur zu denken.
Der Geist dagegen kann distinkt und vollständig, oder
soweit erforderlich ist, um als ein vollständiger Gegenstand
angesehen zu werden, ohne irgendeine von den Formen
oder eins von den Attributen erkannt werden, auf Grund
deren wir uns bewußt werden, daß der Körper eine Sub-
stanz kt, wie ich in der zweiten Meditation zur Genüge ge-
zeigt zu haben glaube; und anderseits wird der Körper
distinkt imd als vollständiger Gegenstand ohne das zum
Geiste Gehörige erkannt.
Hier geht dennoch Arnaud weiter (s. o. S. 182, Z. ISu.ff.)
I und erklärt die Sache durch das Beispiel des in den [313]
Halbkreis einbeschriebenen Dreiecks, das wir klar und deut-
lich als rechtwinklig erkennen können, wenngleich wir nicht
wbsen oder sogar bestreiten, daß das Quadrat über seiner
Basis gleich ist den Quadraten über den Seiten; woraus
204
Dcscartes, Meditationen.
man dennoch nicht schließen darf, daß es ein Dreieck geben
könnte, bei dem das Quadrat über der Basis nicht gleich
den Quadraten über den Seiten sei.
Was aber dieses Beispiel anbetrifft, so weicht es in
mannigfacher Weise von dem vorliegenden Gegenstande ab.
Denn wenngleich man erstens vielleicht unter einem Dreieck
in concreto eine Substanz verstehen kann, die eine drei-
winklige Figur hat, so ist doch sicherlich die Eigenschaft,
daß das Quadrat über der Basis gleich ist den Quadraten
über den Seiten, nicht eine Substanz, und es kann demnach
nicht jede dieser beiden Sachen als ein vollständiger Gegen-
stand eingesehen werden, wie das bei dem Geist und dem
Körper der Fall ist. Es kann nicht einmal diese Eigen-
schaft als eine „Sache* bezeichnet werden, in dem Sinne,
in dem ich gesagt habe, daß es genügt, wenn ich eine Sache
(nämlich eine vollständige Sache) ohne eine andere ein-
sehe usw., wie das aus den folgenden Worten: „Außerdem
[314] finde ich in mir Fähigkeiten usw.** klar hervorgeht. | Auch
habe ich nämlich nicht gesagt, diese Fähigkeiten seien
Sachen, sondern ich habe sie scharf von den Sachen oder
Substanzen unterschieden.
Wenngleich wir zweitens klar und deutlich einsehen
können, daß das Dreieck im Halbkreis rechtwinklig ist;
ohne daß wir bemerken, daß das Quadrat über seiner Basis
gleich ist den Quadraten über den Seiten, so können wir
dennoch nicht ebenso klar das Dreieck erkennen, in dem
das Basisquadrat gleich den Quadraten über den Seiten ist,
ohne zugleich zu bemerken, daß es rechtwinklig ist; dagegen
erkennen wir klar und deutlich sowohl den Geist ohne den
Körper, wie den Körper ohne den Geist.
Wenngleich drittens der Begriff des in den Halbkreis
einbeschriebenen Dreiecks derart sein kann, daß er die
Gleichheit des Basisquadrats und der Seitenquadrate nicht
enthält, so kann er doch unmöglich derart sein, daß man
etwa einsähe, daß kein Verhältnis zwischen dem Basis-
quadrat und den Quadraten über den Seiten überhaupt das
Dreieck anginge; und so lange man demnach dieses Ver-
hältnis nicht kennt, kann man keins von ihm bestreiten,
[315] außer] wenn man klar einsieht, daß es nicht zu ihm ge-
Atitwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 205
hört, was von dem Verhältnis der Gleichheit niemals gelten
kann. Dagegen schließt der Begriff des Körpers gar nichts
ein, was zum Geiste gehört und der Begriff des Geistes
nichts, was zum Körper gehört.
Wenngleich ich daher gesagt habe, „daß es genügt,
daß ich eine Sache klar und deutlich ohne eine andere ein-
sehen kann usw.", so darf man darunter dennoch nicht
subsumieren: „nun sehe ich klar und deutlich ein*), daß
dieses Dreieck rechtwinklig ist, wenngleich ich bezweifle
oder bestreite, daß das Basisquadrat gleich den Seiten-
quadraten ist usw.": erstens nämlich deshalb, weü das Ver-
hältnis zwischen dem Basisquadrat und den Quadraten über
den Seiten nicht eine vollständige Sache ist; zweitens, weil
dieses Verhältnis der Gleichheit nur in einem rechtwinkligen
Dreieck klar eingesehen wird; drittens, weil nicht einmal
ein Dreieck distinkt eingesehen werden kann, wenn man
das Verhältnis bestreitet, das zwischen den Seitenquadraten
und dem Basisquadrat besteht.
Es muß nun dargelegt werden, wie ich allein dadurch,
daß ich eine Substanz ohne die andere klar und deutlich
einsehe, gewiß bin, daß die eine durch die andere ausge-
schlossen wird.
Es ist nämlich eben dies der Begriff der Substanz,] [316]
daß sie durch sich selbst, d. h. ohne Hufe irgendeiner
anderen Substanz existieren kann; auch hat jeder, der jemals
zwei Substanzen durch zwei verschiedene Begriffe aufgefaßt
hat, geurteilt, daß sie real distinkt sind.
Wenn ich daher keine größere Gewißheit gesucht hätte,
als die gemeine, so hätte ich mich damit begnügt, in der
zweiten Meditation gezeigt zu haben, daß der Geist als
eine subsistierende Sache gedacht wird, wenngleich ihm
durchaus nichts von dem beigelegt wird, was dem Körper
zugehört, und daß umgekehrt auch der Körper als eine
subsistierende Sache gedacht wird, wenngleich ihm nichts
beigelegt wird, was dem Geist zugehört, und ich hätte nichts
weiter hinzugefügt, imn zu beweisen, daß der Geist real
vom Körper verschieden ist, da man gemeinhin urteilt, daß
*; das Folgende bis „usw." nur im franz. Text.
206
Descartes, Meditationen.
sich die Dinge in der Ordnung nach der Wahrheit selbst
ebenso verhalten, wie sie sich verhalten in der Ordnung-
nach unserer Auffassung. Da aber unter den hyperbolischen
Zweifeln, die ich mir in der ersten Meditation vorgelegt
habe, einer so weit ging, zu behaupten, daß ich selbst dessen
— daß nämlich die Dinge der Wahrheit nach derart sind,
wie wir sie auffassen — nicht gewiß sein könnte, solange
ich voraussetzte, daß ich den Urheber meines Ursprungs
[317] noch nicht kenne, | so liefert alles, was ich von Gott und
der Wahrheit in der dritten, vierten und fünften Meditation
geschrieben habe, einen Beitrag zu der Schlußfolgerung
über die reale Distinktion von Geist und Körper, die ich
dann endlich in der sechsten Meditation gezogen habe.
„Nun sehe ich," sagt Arnaud, „das in den Halbkreis
eingeschriebene Dreieck ein, ohne zu wissen, daß das Qua-
drat über der Basis gleich ist den Quadraten über den Sei-
ten." Ja, es kann allerdings das Dreieck eingesehen werden,
wenn man auch nicht an das Verhältnis zwischen dem Basis-
quadrat und den Seitenquadraten denkt, aber man kann
nicht einsehen, daß dieses Verhältnis von ihm verneint wer-
den muß. Ganz anders dagegen steht es bei dem Geiste:
denn wir sehen nicht nur ein, daß er ohne Körper sein kann,
sondern auch, daß all das, was zum Körper gehört, von
ihm verneint werden kann; denn das ist die Natur der Sub-
stanzen, daß sie sich wechselseitig ausschließen.
Auch das, was Arnaud hinzugefügt hat (s. o. S. 184,
Z. 3 — 11), besagt nichts wider mich; denn in derselben Weise,
[318] wenn ich die Natur des Körpers | untersuche, so finde ich in
ihr gar nichts, was das Gepräge des Bewußtseins trägt, und
es kann kein größeres Argument für die Verschiedenheit
xwischen zwei Sachen geben, als wenn wir bei der Betrach-
tung der beiden im besonderen gar nichts in der einen vor-
finden, was nicht von dem in der anderen Vorhandenen ver-
schieden ist.
Ich sehe auch nicht, inwiefern dieses Argument „zu
viel beweisen soll*', denn es kann nichts weniger gesagt wer-
den, um zu zeigen, daß eine Sache real von der anderen ver-
schieden ist, als daß durch die göttliche Macht eine von
der anderen getrennt werden kann. Ich glaube mich aber
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände.
207
genügend in acht genommen zu haben, damit niemand darauf-
hin glauben könnte, „daß der Mensch nur ein Geist ist, der
sich des Körpers bedient'*. Denn in derselben sechsten Me-
ditation, in der ich von der Verschiedenheit von Geist und
Körper gehandelt habe, habe ich zugleich auch bewiesen,
daß beide miteinander substantiell vereinigt sind, und ich
habe dabei Gründe verwendet, wie ich mich nicht entsinne,
jemals zum Beweise derselben Sache überzeugendere anders-
wo gelesen zu haben. Und wie derjenige, der sagen würde,
der menschliche Arm sei eine von dem übrigen Körper real
verschiedene Substanz, nicht darum bestreiten würde, daß
eben derselbe | zur Natur des ganzen Menschen gehöre, noch [319]
auch, wer sagt, derselbe Arm gehöre zu der Natur des
ganzen Menschen, deshalb Veranlassung gibt, zu argwöhnen,
jener könnte nicht durch sich selbst bestehen, so glaube
ich auch nicht zuviel bewiesen zu haben, indem ich gezeigt,
daß der Geist ohne den Körper sem kann, noch auch zu
wenig, indem ich behaupte, daß er mit dem Körper sub-
stantiell vereinigt ist, weü diese substantielle Vereinigung
nicht hindert, daß man einen klaren und deutlichen Begriff
vom Geiste allein als eines vollständigen Gegenstandes be-
sitzt; dieser Begriff ist daher äußerst verschieden von dem
Begriffe einer Fläche oder einer Linie, die nicht so als voll-
ständige Gegenstände eingesehen werden können, wenn man
ihnen nicht außer Länge und Breite auch Tiefe zuschreibt.
Auch darf man schließlich darum, weil „die Kraft des
Denkens in den Kindern eingeschläfert", in „den Wahn-
sinnigen zwar nicht ausgelöscht", aber „gestört" ist, nicht
glauben, daß sie mit den körperlichen Organen so verknüpft
ist, daß sie ohne diese nicht zu existieren vermag: daraus
nämlich, daß wir erfahren, daß sie häufig von diesen ge-
hindert wird, folgt keineswegs, daß sie von denselben her-
vorgerufen wird; auch läßt sich dies durch keinen, sei es
auch noch so geringfügigen Grund beweisen.
I Ich bestreite allerdings nicht, daß die enge Verbindung [3201
des Geistes mit dem Körper, die uns die sinnliche Erfahrung
unaufhörlich lehrt, mit Ursache ist, weshalb wir die reale
Verschiedenheit dieses von jenem nicht ohne aufmerksames
Nachdenken bemerken. Meiner Ansicht nach wird aber, wer
Descartes, Meditationen.
14
fl
208
Descartes, Meditationen.
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände.
209
häufig das in der zweiten Meditation Gesagte sich durch
den Kopf gehen läßt, sich leicht davon überzeugen, daß der
Geist sich vom Körper nicht durch eine bloße Fiktion oder
eine Abstraktion des Verstandes unterscheidet, sondern daß
er als eine verschiedene (distinkte) Sache erkannt wird, weü
er tatsächlich verschieden ist. - , j-
Ich gehe nicht auf das ein. was Amaud hier über die
Unsterblichkeit der Seele ausgeführt hat, da es meiner Auf-
fassung nicht entgegen ist. Doch was die Seelen der Tiere
betrifft, so könnte ich, abgesehen davon, daß eine Betrach-
tung dieser Dinge nicht hierher gehört, auch nicht ohne
eine Behandlung der ganzen Physik mehr darüber sagen, als
was ich schon im fünften Teil der „Abhandlung über die
Methode" dargelegt habe. Doch um wenigstens etwas zu
sagen, scheint mir vor allem das hervorgehoben werden zu
müssen, daß weder in den Körpern der Tiere noch m
unseren irgendwelche Bewegungen zustande kommen kon-
[321] nen, ohne daß | alle Organe oder Instrumente vorhanden
sind, mit deren Hilfe auch in einer Maschine dieselben Be-
wegungen vollführt werden könnten, und daß somit nicht
einmal in uns selbst der Geist unmittelbar die äußeren Glied-
maßen bewegt, sondern nur die vom Herzen durch das
Gehirn in die Muskeln gehenden Ströme lenkt und sie zu
gewissen Bewegungen bestimmt, während jene Ströme von
sich aus auf verschiedene Wirkungen sich gleich leicht ein-
stellen. Aber die große Mehrzahl der Bewegungen, die m
uns stattfinden, hängt überhaupt nicht vom Geiste ab. z. B.
der Pulsschlag, die Verdauung, Ernährung, der Atem der
Schlafenden, ja auch bei Wachenden das Gehen, Singen
und ähnliches, was ohne geistige Aufmerksamkeit geschieht.
Und wenn die, die einen tiefen Sturz machen, die Hände
nach der Erde vorstrecken, um den Kopf zu schützen, so
tun sie das fürwahr nicht auf Grund eines vernunftmäßigen
Planes, sondern nur. weü der Anblick des drohenden Stur-
zes, der bis zum Gehirn dringt, Lebensströme (spintus ani-
males) in die Nerven sendet in eben der Weise, die erforder-
lich ist, um eine solche Bewegung auch gegen den Willen
des Geistes und wie in einer Maschine hervorzubnngen.
Und wenn wir diese sichere Beobachtung bei uns selbst
machen, | warum soUten wir uns da so wundem, daß der von [3221
deni Korper des Wolfes in das Auge des Schafes reflektierte
Lichtstrahl dieselbe Kraft hat, die Bewegung der Flucht in
ihm auszulösen ?
Wenn wir nun aber uns Rechenschaft geben wollen um
zu erkennen, ob einige Bewegungen der Tiere denen ähnlich
sind, die in uns mit Hilfe des Geistes ausgeführt werden
oder nur denen, die aUein vom Einfluß der Ströme und der
Anordnung der Organe abhängen, dann müssen wir die
Unterschiede betrachten, die sich zwischen ihnen vorfinden
namhch die, die ich im fünften Teü meiner „Abhandlung
über die Methode- dargelegt habe. Ich glaube nämlich
nicht, daß sich noch andere finden. Und dann wird sich
eicht zeigen, daß alle Tätigkeiten der Tiere nur denen ähn-
hch sind, die ohne jede Hufe des Geistes von uns aus-
geführt werden. Daraus werden wir dann gezwungen sein
zu schließen, daß in ihnen überhaupt kein Prinzip der Be-
wegung von uns erkannt werden kann außer allein der An-
ordnung der Organe und dem fortwährenden Kreislauf der
Strome, die durch die Wärme des Herzens, das das Blut ver-
fluchtigt, hervorgebracht werden. Und zugleich werden wir
gewahr werden, daß wir nur dadurch früher dazu gekommen
sind, ihnen noch ein anderes zuzuschreiben, daß wir nur
jene beiden Pnn|zipien der Bewegung nicht unterschieden [3931
haben und, da wir sahen, daß das erste, das allein von den ^ ^
Strömen und Organen abhängig ist, in den Tieren wie in
uns vorhanden ist, nun ohne Vorbedacht glaubten, daß auch
das andere, das im Geist oder im Bewußtsein (cogitatio)
besteht, m ihnen vorhanden sein müsse. Und in der Tat
laßt sich alles, was wir uns so von Jugend auf eingeredet
haben, mag es sich später auch durch Gründe zeigen, daß
es falsch ist, doch nicht leicht aus unserer Meinung tügen
es sei denn, daß wir lange und häufig unsere Aufmerksam-
keit auf jene Gründe richten.
Antwort auf den zweiten Teil, über Gott
Bis hierher habe ich gewagt, die Argumente des ausge-
zeichneten Mannes zu widerlegen und seinen Angriff aus^
14*
II
210
Descartcs, Meditationen.
zuhalten Von jetzt ab wül ich. wie die, die mit Stärkeren
kämpfen, nicht direkt mich ihm entgegensteUen, sondern
lieber seinem Hiebe ausweichen.
Nur von drei Dingen handelt er m diesem Teüe, die
man ihm ohne weiteres in dem Sinne zugeben kann, wie er
sie selbst auffaßt. Doch was ich geschrieben hatte wollte
ich in einem anderen Sinne verstanden wissen, der nur
auch richtig zu sein scheint.
[324] I Der erste Punkt ist, „daß gewisse Ideen matenal
falsch seien", d. h., wie ich es auslege, daß sie so sind, daß
sie dem Urteil Materie zum Irrtum bieten; er aber behauptet,
indem er die Ideen formal betrachtet, daß kerne Falschheit
in ihnen sei. . . , i. • u ,.^a
Der zweite Punkt ist, daß Gott „positiv durch sich und
wie durch eine Ursache'* ist. Wo ich nur verstanden wissen
wollte, daß der Grund, weswegen Gott nicht irgendeiner
wirkenden Ursache bedarf, um zu existieren, auf einer posi-
tiven Sache begründet sei. nämlich auf der Unermeßlichkeit
Gottes selbst, die von aUen Dingen das Positivste ist. Da
beweist er, daß Gott nicht durch sich hervorgebracht, noch
erhalten werde durch irgendeinen positiven Einfluß einer
bewirkenden Ursache, was ich auch vollständig zugebe.
Der dritte Punkt ist schließlich, „daß nichts m unserem
Geiste sein könne, dessen wir uns nicht bewußt waren", was
ich von den Operationen verstanden wissen wollte, er aber
von den Fähigkeiten (potentiae) bestreitet.
Doch wir wollen das im einzelnen sorgfaltiger be-
handeln. Wo er sagt: „wenn die Kälte nur Beraubung ist,
dann könne es keine Idee geben, die sie uns wie etwas Po-
sitives vergegenwärtigen könnte", da ist es klar, daß er von
der Idee nur als formal genommen handelt. Denn da die
[325] Ideen selbst gewisse | Formen sind, und sich auch nicht aus
irgendwelcher Materie zusammensetzen, so folgt, daß, so ott
sie danach betrachtet werden, daß sie ein Etwas darsteUen,
man sie nicht material nimmt, sondern formal. Wurden
sie dagegen betrachtet, nicht sofern sie dieses oder jenes
darsteUen, sondern nur sofern sie Operationen ^es Ver-
standes sind, so könnte man alsdann wohl sagen, daß sie
material genommen werden, aber unter diesen Umstanden
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 211
würden sie auf keine Weise sich auf die Wahrheit oder
Falschheit der Objekte beziehen. Mir scheint daher nicht,
daß sie in einem anderen Sinne als material falsch be-
zeichnet werden können, als in dem schon erklärten, näm-
lich, sei nun die Kälte etwas Positives oder nur eine Be-
raubung, so habe ich doch darum von ihr keine andere Idee,
sondern sie bleibt in mir dieselbe, die ich stets gehabt habe
und von der eben ich behaupte, daß sie mir Materie*) zum
Irrtum darbietet, wenn es wahr ist, daß die Kälte eine Be-
raubung ist und nicht so viel Realität hat, wie die Wärme.
Denn wenn ich beide Ideen, die der Wärme und der Kälte,
betrachte, so wie ich sie beide von den Sinnen empfangen
habe, dann kann ich nicht bemerken, daß mir durch die
eine mehr Realität als durch die andere dargeboten wird.
In der Tat habe ich auch nicht „das Urteil mit der Idee
verwechselt"; denn ich habe behauptet, in dieser fände sich
eine „materiale" Falschheit vor; im Urteil dagegen kann es
nur eine | „formale" geben.
Sagt aber Arnaud, ,,die Idee der Kälte sei die Kälte
selbst, sofern sie objektiv im Verstände ist", so bedarf es,
wie mir dünkt, hier einer Unterscheidung. Es kommt näm-
lich bei den dunklen und verworrenen Ideen, zu denen die
der Kälte und Wärme zu zählen sind, häufig vor, daß sie
auf etwas anderes bezogen werden, als auf das, wovon sie
wahrhaft die Ideen sind. Wenn demnach die Kälte nur eine
Abwesenheit der Wärme ist, so ist ihre Idee nicht die
Kälte selbst, sofern sie objektiv im Verstände ist, son-
dern etwas anderes, was fälschlich für jene Abwesenheit
genommen wird; denn sie ist eine gewisse Empfindung
einer Wesenheit (ens), die außerhalb des Verstandes keine
Existenz hat.
Es verhält sich mit der Idee Gottes nicht ebenso, we-
nigstens nicht mit der, die klar und deutlich ist, weü man
nicht von ihr sagen kann, daß sie sich auf irgend etwas be-
zieht, dem sie nicht konform wäre. Was aber die verworrre-
nen Ideen der Götter betrifft, die von den Götzenanbetem
gebÜdet werden, so sehe ich nicht, warum man sie nicht
[326]
*) oder eine Veranlassung (nur im frz. Text)
212
Descartes, Meditationen.
auch als material falsch bezeichnen könnte, sofern sie ihren
falschen Urteilen Materie darbieten. Doch dürften aller-
dings die, die dem Urteil keine oder nur sehr geringe Ver-
anlassung zum Irrtum darbieten, nicht so mit Recht als ma-
[327] terial falsch bezeichnet werden, wie die, die bedeutende 1
Veranlassung dazu gewähren. Daß aber die einen eine
größere Veranlassung zum Irrtum darbieten, als die anderen,
kann man leicht durch Beispiele erklären. Sie ist nämlich
nicht so groß in den verworrenen, nach freiem Spiel des
Geistes gebildeten Ideen (z. B. in den Ideen falscher Götter),
%vie in denen, die verworren von den Sinnen herkommen, wie
z. B. den Ideen der Wärme und Kälte; wenigstens wenn es
wahr ist, was ich gesagt habe, daß sie nicht Reales dar-
stellen. Von allen aber am größten ist sie in den Ideen, die
von dem sinnlichen Verlangen ihren Ursprung nehmen; wie
doch wohl die Idee des Durstes im Wassersüchtigen wirk-
lich ihm Materie zum Irrtum darbietet, indem sie Ver-
anlassung gibt zu dem Urteil, der Trunk werde ihm zuträg-
lich sein, während er ihm doch schaden muß.
Arnaud fragt aber, was denn diese Idee der Kälte, die
ich als material falsch bezeichnet habe, mir darstellt : „Wenn
sie nämlich'', sagt er, „eine Beraubung darstellt, so ist sie also
wahr; wenn ein positives Wesen, so ist sie also nicht die Idee
der Kälte". Ganz richtig, aber eben nur deshalb bezeichne
ich sie als material falsch, weü, da sie dunkel und ver-
worren ist, ich nicht unterscheiden kann, ob sie mir etwas
darstellt, was außerhalb meiner Empfindung etwas Positives
ist oder nicht, und deshalb habe ich Veranlassung, zu ur-
[328] teilen, | daß sie etwas Positives, wenngleich vielleicht nur
eine Beraubung, ist.
Man darf demnach nicht fragen, „welches die Ursache
des positiven objektiven Seins ist, das meiner Ansicht nach
bewirkt, daß diese Idee material falsch ist", da ich nicht
behaupte, daß sie von irgendeinem positiven „Sein" material
falsch gemacht wird, sondern allein von der Dunkelheit; die
jedoch ein positives „Sein" als Unteriage hat, nämlich die
Empfindung selbst.
Und zwar ist dieses positive „Sein" in mir, sofern ich
selbst ein wahres Ding bin; die Dunkelheit dagegen, die
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 213
allein mir Veranlassung gibt, zu urteilen, daß diese Idee
der Kälteempfindung mir ein als außer mir angenommenes
Objekt darstellt, das als Kälte bezeichnet wird, hat keine
reale Ursache, sondern entspringt nur daraus, daß meine
Natur nicht in jeder Beziehung vollkommen ist.
Das reißt auch in keiner Weise meine Grundlagen ein.
Ich müßte aber fürchten, da ich nie sehr viel Zeit auf die
Lektüre der Bücher der Phüosophen verwandt habe, daß
ich etwa nicht genügend ihrer Ausdrucksweise gefolgt bin,
wenn ich sagte, die Ideen, die dem Urteüe Materie zum
Irrtum darbieten, seien „material" falsch, wenn ich nicht
gleich bei dem ersten | Autor, der mir in die Hände fiel, [329]
das Wort „material" in derselben Bedeutung gebraucht ge-
funden hätte, nämlich bei Fr. Suarez, Metaphys. Disput 9
2. Abschn., Nr. 4. ^ y y • ,
Doch gehen wir weiter zu dem, was Arnaud am
meisten von allem tadelt, mir aber am wenigsten von allem
tadelnswert scheint, nämlich da, wo ich gesagt habe, „es
sei uns eriaubt, zu denken, daß Gott in gewisser Weise
ebendasselbe darstelle in Rücksicht auf sich selbst, wie die
wirkende Ursache in Rücksicht auf ihre Wirkung". Näm-
lieh just hierdurch habe ich das bestritten, was Arnaud
„als hart und unrichtig erscheint", nämlich, daß Gott die
wirkende Ursache seiner selbst ist, da ich gezeigt habe
dadurch, daß ich sagte, „er stelle gewissermaßen dasselbe
dar", daß ich nicht glaube, daß er dasselbe ist. Und da-
durch, daß ich die Worte vorausgeschickt habe, „uns ist
überhaupt eriaubt zu denken", habe ich angedeutet, daß
ich das nur wegen der Unvollkommenheit des menschlichen
Verstandes so erkläre. Doch auch sonst habe ich in der
übrigen Schrift dasselbe überall behauptet ; denn gleich von
Anfang an, wo ich sagte „es existiere keine Sache, nach
deren wirkender Ursache man nicht forschen könne", habe
ich hinzugefügt, „oder wenn sie keine hat, fragen könne,
warum sie keine braucht". Zeigen doch diese Worte zur
Genüge an, daß ich | geglaubt habe, es existiere etwas, [3301
was einer wirkenden Ursache nicht bedarf. Was kann
aber solcher Art sein außer Gott.? Und bald darauf habe
ich gesagt, „in Gott sei eine so große und unerschöpfliche
l>l
214
Dc9cartes, Meditationen.
Macht, daß er niemals der Hilfe irgendeines Dinges be-
durfte, um zu existieren, und auch jetzt nicht bedarf, um
erhalten zu werden, und daß er somit gewissermaßen die
Ursache seiner selbst sei". Hier kann nun das Wort „Ur-
sache seiner selbst" in keiner Weise von der wirkenden ver-
standen werden, sondern allein so, daß die unerschöpfliche
Macht Gottes die Ursache oder der Grund ist, um dessent-
willen er keiner Ursache bedarf. Und da diese unerschöpf-
liche Macht oder Unermeßlichkeit seiner Wesenheit im
höchsten Grade „positiv" ist, deswegen habe ich behauptet,
daß der Grund oder die Ursache, um derentwillen Gott
keiner Ursache bedarf, „positiv" sei. Dasselbe könnte man
nicht von irgendeiner endlichen Sache behaupten, wenn sie
auch noch so vollendet in ihrer Art wäre. Doch wenn be-
hauptet würde, eine endliche Sache sei „durch sich", so
könnte das nur „negativ" verstanden werden, da sich ja kein
Grund, der von ihrer positiven Natur hergenommen wäre,
anführen ließe, aus dem wir erkennen würden, daß sie einer
wirkenden Ursache nicht bedürfte.
[331] In derselben Weise habe ich an allen anderen | Stellen
die formale Ursache oder den aus der Wesenheit Gottes
hergeleiteten Grund, aus dem er nicht einer Ursache be-
darf, um zu existieren oder erhalten zu werden, mit der
wirkenden Ursache, ohne die endliche Dinge nicht existieren
können, verglichen, so daß man überall aus meinen Worten
selbst erkennen kann, daß sie von der wirkenden Ursache
verschieden ist. Und nirgends habe ich gesagt, daß Gott
sich durch irgendeinen positiven Einfluß erhalte, wie die ge-
schaffenen Dinge von ihm erhalten werden, sondern nur,
daß die Unermeßlichkeit seiner Macht oder seiner Wesen-
heit, wegen der er eines Erhalters nicht bedarf, etwas „Po-
sitives" sei.
Daher kann ich auch all das zugeben, was von Arnaud
angeführt wird zum Beweise, daß Gott nicht die wirkende
Ursache seiner selbst ist, und sich nicht durch irgendeinen
positiven Einfluß erhält, noch durch eine fortgesetzte Wieder-
hervorbringung seiner selbst, was sich allein aus seinen
Gründen ergibt. Doch, wie ich hoffe, wird auch er nicht
bestreiten, daß jene Unermeßlichkeit der Macht, wegen der
\l
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 216
Gott nicht einer Ursache bedarf, um zu existieren, in ihm
etwas „Positives" sei, und daß nichts Derartiges, was „po-
sitiv" ist, in irgendwelchen anderen Dingen erkannt | werden [332]
kann, auf Grund dessen sie nicht einer wirkenden Ursache
bedürften, um zu existieren. Und das habe ich allein an-
deuten wollen, indem ich sagte, man sehie ein, daß alle
Dinge nur negativ durch sich existieren, außer Gott allein;
und ich brauchte weiter nichts hinzuzunehmen, um die
Schwierigkeit, um die es sich handelte, zu lösen.
Doch weil hier Arnaud so ernsthaft daran erinnert,
„daß man kaum einen Theologen finden könne, der nicht
an dem Satze Anstoß nähme, daß Gott positiv durch sich
sei und gleichsam wie durch eine Ursache", so wül ich ein
wenig genauer auseinandersetzen, warum diese Ausdrucks-
weise in dieser Untersuchung höchst nützlich, ja, wie mir
scheint, sogar notwendig und von jedem Verdacht eines
Anstoßes weit entfernt ist.
Ich weiß, daß die lateinisch schreibenden Theologen
das Wort Ursache nicht in göttlichen Fragen anwenden,
wenn es sich um den Ursprung von Personen der höchst-
heiligen Dreieinigkeit handelt, und daß sie dort, wo die .
griechisch schreibenden Theologen unterschiedslos von „Ur-
sache und Anfang" (diriov und ägxi^) gesprochen haben, es
vorziehen, nur den ganz allgemeinen Ausdruck „Prinzip" zu
gebrauchen, natürlich, um nicht dadurch irgend jemandem
Veranlassung zu geben zu dem Urteile, der Sohn sei ge-
ringer als der Vater. | Doch wo keine solche Gefahr eines [333j
Irrtums vorliegen kann, es sich auch nicht um den drei-
einigen, sondern nur um den einigen Gott handelt, da sehe ich
nicht ein, warum man die Bezeichnung „Ursache" so ängst-
lich meiden müsse, zumal wir an eine Stelle gelangt sind,
wo es höchst nützlich und nahezu notwendig scheint, sich
dieses Wortes zu bedienen.
Nirgends aber kann die Nützlichkeit dieser Bezeichnung
größer sein, als dort, wo sie zum Beweise der Existenz
Gottes gebraucht wird, und nirgends kann die Notwendig-
keit größer sein, als dort, wo sie ohne sie nicht deutlich be-
wiesen werden kann.
Daß übrigens die Betrachtung der wirkenden Ursache
11
216
Descartes, Meditationen.
das erste und vorzügliche, um nicht zu sagen das einzige
Mittel ist, das wir haben, um die Existenz Gottes zu be-
weisen, ist, wie ich denke, allen klar. Wir können dies aber
nicht exakt verfolgen, wena wir nicht unserem Geist die
Freiheit lassen, die wirkenden Ursachen von allen Dingen,
auch von Gott selbst, zu erforschen; denn mit welchem
Rechte sollen wir ihn davon ausnehmen, bevor noch be-
wiesen ist, daß er existiert?
Man muß also bei jeder Sache danach fragen, ob
sie „durch sich" oder „durch etwas anderes" ist; und zwar
läßt sich auf diesem Wege die Existenz Gottes erschließen,
[334] wenn auch nicht ausdrücklich auseinandergesetzt wird. | in
welcher Weise man die Worte: „durch sich sein" zu ver-
stehen hat. Denn wer immer der Führung des natürlichen
Lichts folgt, bildet ganz von selbst in sich bei dieser Ge-
legenheit einen gemeinsamen Begriff für die wirkende und
die Formalursache, so nämlich, daß, was durch etwas
anderes ist, durch dieses als durch seine wirkende Ursache
ist, was aber durch sich ist, es ist als durch die Formal-
ursache, d. h. weil es eine derartige Wesenheit hat, daß es
einer wirkenden Ursache nicht bedarf, und ich habe daher
dies in meinen Meditationen nicht auseinandergesetzt, son-
dern es als durch sich selbst bekannt übergangen.
Wenn aber diejenigen, die gewöhnt sind, zu urteilen,
daß nichts die wirkende Ursache seiner selbst sein kann,
und diese von der Formalursache scharf zu unterscheiden,
• sehen, daß man fragt, ob etwas aus sich selbst ist, so
geschieht es leicht, daß, da sie allein an die im eigentlichen
Sinne wirkende Ursache denken, sie nicht der Meinung sind,
man dürfe jenes „aus sich selbst ' verstehen als „aus einer
Ursache", sondern nur negativ als „ohne Ursache", so
daß es also etwas gäbe, bei dem man nicht forschen dürfe,
warum es existiert. Würde diese Auffassung des Wortes
„aus sich selbst" zugelassen, so gäbe es keinen Weg, die
(335] Existenz Gottes aus den Wirkungen | zu beweisen, wie das
ganz richtig in den ersten Einwänden von dem Autor be-
wiesen worden ist; also darf diese Auffassung in keiner
Weise zugelassen werden.
Um aber in geeigneter Weise darauf zu antworten, so
T
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 217
halte ich es für notwendig, zu zeigen, daß es zwischen
wirkender Ursache im eigentlichen Sinne und gar kei-
ner Ursache ein Mittleres gibt, nämlich die positive
Wesenheit einer Sache, worauf der Begriff (oder die
Idee) der wirkenden Ursache sich in derselben Weise aus-
dehnen läßt, wie man in der Geometrie den Begriff der
größtmöglichen Kreislinie auf den Begriff der geraden Linie
oder den Begriff eines geradlinigen Polygons von unend-
licher Seitenzahl auf den Begriff des Kreises ausdehnt. Und
das, glaube ich, habe ich auf keine Weise besser ausein-
andersetzen können, als indem ich sagte: „Der Ausdruck
,wirkende Ursache' sei in dieser Untersuchung nicht auf
die Ursachen zu beschränken, die zeitlich früher sind als
ihre Wirkungen oder die von ihnen verschieden sind, erstens
weü es eine Spitzfindigkeit wäre, da jeder wohl weiß, daß
ein und dasselbe weder früher als es selbst, noch von sich
selbst verschieden sein kann, und zweitens weil eine von
diesen beiden Bedingungen aus ihrem Begriff fortgenommen
werden kann, und der Begriff der wirkenden Ursache
nichts|destoweniger unversehrt bleibt." [336]
Denn daß es nicht erforderlich ist, daß sie zeitlich
früher ist, geht daraus hervor, daß sie nur so lange das
Wesen der Ursache besitzt, so lange sie eine Wirkung her-
vorbringt, wie ich das ausgeführt habe.
Daraus aber, daß die andere Bedingung nicht auch
fortgenommen werden darf, darf man nur folgern, daß sie
nicht die wirkende Ursache im eigentlichen Sinne ist, was
ich zugebe, nicht aber, daß sie in keiner Weise die po-
sitive Ursache ist, die durch Analogie mit der wirkenden
verglichen werden darf; und darum handelt es sich allein in
der vorliegenden Frage. Nämlich durch eben das natürliche
Licht, durch das ich begreife, daß ich mir alle Vollkommen-
heiten gegeben hätte, von denen irgendeine Idee in mir ist,
wenn ich mir die Existenz gegeben hätte, begreife ich auch,'
daß nichts sich die Existenz geben kann in der Weise, auf
welche der Ausdruck „wirkende Ursache" im eigentlichen
Sinne beschränkt zu werden pflegt, das heißt so, daß ein-
und dasselbe (sofern es sich das Sein gibt) von sich selbst
verschieden ist (sofern es das Sein empfängt), weil Ein-und-
218
Descartcs, Meditationen.
dasselbe und Nicht-dasselbe (oder das Verschiedene) ein-
ander widersprechende Begriffe sind.
Daher ist, wenn es sich fragt, ob irgend etwas sich
[337] selbst die Existenz geben kann, darunter dasselbe | zu ver-
stehen, als wenn man fragte, ob die Natur oder Wesenheit
irgendeines Dinges so beschaffen ist, daß es der wirkenden
Ursache nicht bedarf, um zu existieren.
Und wenn man folgert : „Wenn etwas so beschaffen ist,
dann würde es sich aUe Vollkommenheiten geben, von denen
irgendeine Idee in ihm ist, sofern es sie noch mcht besitzt,
so bedeutet das, daß es alle Vollkommenheiten aktuel un-
bedingt besitzt, die es erkennt. Denn durch das naturliche
Licht begreifen wir, daß das. dessen Wesenheit so unermeß-
lich ist daß es nicht einer wirkenden Ursache bedarf, um
zu existieren, auch nicht ihrer bedarf, um alle Vollkommen-
heiten, die es erkennt, zu besitzen, und daß die eigene
Wesenheit ihm in eminenter Weise alles das gibt, von dem
wir uns denken können, daß es irgendwelchen anderen
Dingen von der wirkenden Ursache verliehen werden kann.
Und die Worte „wenn es sie noch nicht hat, würde es
sie sich selbst geben*', tragen nur zur Erklärung der Sache
bei weil wir durch eben das natürliche Licht begreiten,
daß es nicht mehr die Macht und den Wülen, sich etwas
Neues zu geben, haben kann, sondern daß seine Wesen-
heit derart ist, daß es von Ewigkeit her das alles besitzt,
[338] von dem wir denken kön|nen, daß es es sich geben wurde,
wenn es es noch nicht hätte. , a i •
Doch aUe diese Ausdrucksweisen, die von der Analogie
mit der wirkenden Ursache entlehnt sind, sind nichtsdesto-
weniger sehr notwendig, um das natürliche Licht derart zu
lenken, daß wir diese Dinge deutlich bemerken: in genau
eben der Weise, wie bei Archimedes einige Satze über die
Kugel und andere krummlinige Figuren durch die Ver-
gleichung mit geradlinigen Figuren bewiesen werden, welche
Dinge man schwerlich hätte auf anderem Wege verstehen
können. Und wie man diese Beweisarten nicht mißbilligt,
wenngleich dabei die Kugel nach Art eines Vielecks be-
trachtet werden muß, so denke ich nicht, daß man nuch
an dieser Stelle tadeln darf, weil ich mich der Analogie der
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 219
wirkenden Ursache bedient habe, um das zu erklären, was
zur Formalursache, d. h. zur Wesenheit Gottes selbst gehört.
Auch braucht man hierbei nicht die Gefahr eines Irr-
tums zu fürchten, da ja das einzige, was der wirkenden Ur-
sache eigentümlich ist und auf die Formalursache nicht aus-
gedehnt werden kann, einen offenbaren Widerspruch ein-
schließt und daher von niemand für wahr gehalten werden
könnte, daß nämlich etwas von sich selbst verschieden,
d. h. I zugleich dasselbe und nicht dasselbe wäre. [339]
Und es muß darauf hingewiesen werden, daß ich die
Würde, Ursache zu sein, in der Weise Gott beigelegt habe,
daß daraus für ihn in keiner Weise die Unwürde, Wirkung |i|
zu sein, sich ergibt. Denn wie die Theologen, wenn sie
sagen, der Vater sei das „Prinzip" des Sohnes, darum nicht
zugeben, daß der Sohn von einem Prinzip abhänge (esse
principiatum), so habe ich, wenn ich auch zugegeben habe,
daß Gott in gewisser Weise als die „Ursache seiner selbst**
bezeichnet werden könne, doch nirgends ihn in derselben
Weise als „die Wirkung seiner selbst" bezeichnet, natürlich
weil die Wirkung hauptsächlich auf die wirkende Ursache
bezogen zu werden und weniger vornehm als sie zu sein
pflegt, wenngleich sie oft vornehmer ist als andere Ur-
sachen.
Wenn ich aber hier die volle Wesenheit des Dinges statt
der formalen Ursache setze, so folge ich nur den Spuren
des Aristoteles; denn anal. post. Buch 2, Kap. 11 übergeht
er die materiale Ursache und bezeichnet die erste als ahiav
tod tI fiv elvai, oder, wie die lateinisch schreibenden Philo-
sophen es gewöhnlich ausdrücken, als „formale Ursache**
(causa formalis) und dehnt sie auf alle Wesenheiten aller
Dinge aus, weU er dort nämlich nicht von den Ursachen
eines physischen Organismus handelt, wie auch ich hier
nicht, sondern allgemeiner von den Gründen, aus denen
irgendeine Erkenntnis geschöpft werden kann. H
Daß es aber kaum möglich war, in der vorliegenden
Untersuchung I davon abzusehen, den Ausdruck „Ursache** [340]
Gott beizulegen, läßt sich auch dadurch zeigen, daß Ar-
naud zwar versucht hat, dasselbe, was ich geleistet habe,
auf einem anderen Wege zu leisten, es jedoch in keiner
220
Descartes, Meditationen.
Weise fertig gebracht hat, wie mir wenigstens scheint. Denn
nachdem er umständlich dargetan hat, daß Gott nicht die
wirkende Ursache seiner selbst sei, weil es zum Wesen der
wirkenden Ursache gehört, daß sie von ihrer Wirkung ver-
schieden ist; imgleichen daß er nicht „positiv" durch sich
sei, indem er unter dem Worte „positiv** einen positiven
Einfluß einer Ursache versteht ; ferner daß er sich in Wahr-
heit nicht selbst erhält, indem er die „Erhaltung* als eine
fortgesetzte Wiederhervorbringung faßt (das gebe ich alles
gerne zu), da bemüht er sich nun wieder, zu beweisen, daß
Gott nicht als die wirkende Ursache seiner selbst bezeichnet
werden dürfe, „denn,** sagt er, „nach der wirkenden Ur-
sache irgendeines Dinges fragt man nur in Rücksicht auf
seine Existenz, keineswegs aber in Rücksicht auf seine
Wesenheit. Aber es gehört nicht weniger zur Wesenheit
eines unendlichen Wesens, daß es existiert, als zur Wesen-
heit eines Dreiecks, daß es drei Winkel hat, die gleich zwei
rechten sind. Also man darf ebensowenig mit der wirkenden
Ursache antworten, wenn man die Frage stellt, warum Gott
existiert, wie wenn man fragt, warum die drei Winkel eines
[341] Dreiecks gleich zwei rechten sind." | Diese Schlußfolgerung
kann leicht auf ihn zurückgewandt werden in der Weise:
Wenn man auch nicht nach dem Wirkenden fragt im Hin-
blick auf die Wesenheit, so kann man doch danach fragen
im Hinblick auf die Existenz; in Gott aber läßt sich die
Wesenheit nicht von der Existenz unterscheiden; also kann
man bei Gott nach dem Wirkenden fragen.
Doch um diese beiden Gesichtspunkte miteinander in
Einklang zu bringen, muß man sagen, daß man dem. der
fragt, warum Gott existiert, zwar nicht antworten darf mit
der wirkenden Ursache im eigentlichen Sinne, sondern nur
mit der Wesenheit der Sache selbst, oder dem formalen
Grund, der eben deswegen, weil sich in Gott die Existenz
von der Wesenheit nicht unterscheiden läßt, sehr stark der
wirkenden entspricht und deshalb gewissermaßen als wir-
kende Ursache bezeichnet werden kann.
Schließlich fügt er hinzu : „Dem, der die wirkende Ur-
sache Gottes erforscht, ist zu antworten, daß er ihrer nicht
bedarf; und wieder dem, der fragt, warum er ihrer nicht
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 221
bedarf, muß man antworten : weil er ein unendliches Wesen
ist, dessen Existenz seine Wesenheit ist. Denn nur die
Dmge bedürfen einer wirkenden Ursache, in denen man die
aktuelle Existenz von der Wesenheit unterscheiden kann**.
Hierdurch, sagt er, werde hinfällig, was ich gesagt hatte
Denn „wenn ich der Meinung wäre, kein Ding könne ge-
wissermaßen f dasselbe im Verhältnis zu sich selbst sein, was [342]
die wirkende Ursache im Verhältnis zur Wirkung ist, dann
konnte ich nie, wenn ich nach den Ursachen der Dinge
forsche, zu irgendeiner allerersten gelangen'*. Doch das
scheint mir weder hinfällig zu werden noch irgendwie er-
schüttert oder über den Haufen geworfen zu sein, und die
Hauptwirkung nicht nur meines Beweises, sondern auch
überhaupt aller, die sich führen lassen, um die Existenz
Gottes durch seine Wirkungen zu beweisen, hängt davon ab.
Und fast alle Theologen behaupten, daß sich überhaupt nur
einer auf Grund seiner Wirkungen führen lasse.
Daher fördert er den Beweis von Gott nicht nur nicht in-
dem er verbietet, daß man die Analogie der wirkenden Ursache
auf ihn m seinem Verhältnis zu sich selbst anwende, sondern
er lenkt vielmehr die Aufmerksamkeit der Leser von ihrem
Verständnis ab, hauptsächlich am Ende, wo er den Schluß
zieht: , Wenn er der Meinung wäre, man müsse nach der
wirkenden Ursache eines jeden Dinges, oder nach der
gewissermaßen wirkenden Ursache forschen, dann würde
er nach einer Ursache eines jeden Dinges forschen, die von
dem Dmge verschieden ist.** Denn wie würden sonst die,
die Gott noch nicht kennen, nach der wirkenden Ursache
anderer Dinge forschen, um auf diese Weise zu einer Kennt-
nis Gottes zn gelangen, wenn sie nicht glaubten, daß man
nach der wirkenden Ursache eines jeden Dinges forschen
könne ? | Und wie könnten sie denn endlich bei Gott als der [3431
ersten Ursache mit ihrem Forschen aufhören, wenn sie
glaubten, daß man bei jedem Dinge nach einer von dem
Dmge selbst verschiedenen Ursache suchen müsse?
Arnaud scheint mir wirklich an dieser Stelle dasselbe
getan zu haben, wie wenn Archimedes bei den Tatsachen
die er von der Kugel in Analogie zu den geradlinigen, de^
Kugel cingeschnebenen Figuren bewiesen hat, gesagt hätte,
li
222
Descartcs, Meditationen.
wenn ich eine Kugel für eine geradlinige Figur hielte oder
glaubte, daß sie gewissermaßen für eine geradlinige nut un-
endlicher Seitenzahl genommen werden könne, dann würde
ich diesem Beweise keine Kraft beimessen, wohl aber, weü
es nicht für die Kugel wie für eine Figur mit gekrümmten
Seiten, sondern nur für sie als eine geradlinige Figur von
unendlicher Seitenanzahl richtig zutrifft — da würde also
Arnaud dasselbe tun, sage ich, wenn er nun ebenso zwar
nicht wül, daß die Kugel in dieser Weise bezeichnet wird
und doch den Beweis des Archimedes beibehalten wül, und
nun sagte, wenn ich meinte, daß das, was dort erschlossen
wird, von der geradlinigen Figur mit unendlicher Seitenzahl
zu verstehen sei, dann würde ich das nicht von der Kugel
gelten lassen, weü für mich gewiß und ausgemacht ist, daß
die Kugel in keiner Weise eine geradlinige Figur sei. Und
durch diese Worte würde er wirklich nicht dasselbe wie
[344] Archimedes erreichen, sondern im Gegenteü | sich selbst
und andere von dem richtigen Verständnis dieses Beweises
ablenken.
Das habe ich hier freilich ein wenig ausführhcher dar-
getan, als es vielleicht die Sache erforderte, um zu zeigen,
daß es mir sehr darum zu tun ist, zu verhüten, daß sich auch
nicht das Geringste in meinen Schriften vorfinde, was die
Theologen mit Recht tadeln könnten.
Schließlich, daß ich nicht einen Zirkelschluß mir habe
zuschulden kommen lassen, wenn ich sagte, „es stünde uns
nur dadurch fest, daß das, was klar und deutlich begriffen
wird, wahr ist, daß Gott ist; und daß es uns nur feststehe,
daß Gott sei, weü das klar begriffen wird, das habe ich
schon hinreichend in der Antwort auf die zweiten Ein-
wände (Nr. 3 und 4) auseinandergesetzt, indem ich nämüch
das, was wu* an sich klar erfassen, unterschied von dem,
von dem wir uns erinnern, es vorher klar erfaßt zu haben.
Zuerst nämlich steht uns fest, daß Gott existiert, wenn wir
unsere Aufmerksamkeit auf die Gründe, die das beweisen,
richten; dann aber genügt es, daß wir uns erinnern, ürgend
etwas klar erfaßt zu haben, um gewiß zu sein, daß es selbst
wahr ist; und das würde nicht genügen, wenn wir nicht
wüßten, daß Gott ist und uns nicht betrügt.
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 223
Daß aber „nichts im Geiste, so|fern er ein denkendes [345]
Ding ist, sein kann, dessen er sich nicht bewußt wäre**,
scheint mir an sich bekannt, weil wir in ihm, wenn wir ihn
so betrachten, nichts einsehen, was nicht Denken wäre oder
vom Denken abhinge; sonst nämlich würde es nicht zum
Geiste, sofern er ein denkendes Ding ist, gehören. Und es
kann in uns kein Denken vorhanden sein, dessen wir uns
nicht in eben dem Augenblicke, wo es in uns ist, bewußt
wären. Daher zweifle ich nicht, daß der Geist, sobald er
dem Körper des Kindes emgeflößt ist, zu denken anfängt
und zugleich sich semes Denkens bewußt ist, obwohl er sich
später nicht daran erinnert, weil die Vorstellungsformen
(species) jener Denkakte nicht in der Erinnerung haften
bleiben.
Doch man muß beachten, daß wir uns zwar der Akte
oder Operationen unseres Geistes immer aktuell bewußt
sind, der Fähigkeiten oder Möglichkeiten aber nicht immer,
höchstens der Möglichkeit (potentia) nach, und zwar so, daß
wir uns, wenn wir uns anschicken, uns einer Fähigkeit zu
bedienen, in demselben Augenblicke, wenn jene Fähigkeit
im Geiste vorhanden ist, uns ihrer aktuell bewußt sind, und
daher bestreiten können, daß sie im Geiste sei, wenn wir
uns ihrer nicht bewußt werden können.
|Zu den Punkten, an denen die Theologen Anstoss [346]
nehmen können.
Ich habe mich gegen die ersten Gründe Arnauds ge-
wandt, seinen zweiten bin ich ausgewichen, den folgenden
nun stimme ich ganz bei, nur nicht dem letzten; doch hoffe
ich, daß ich es hier leicht dahin bringen werde, daß er mir
selbst beipflichtet.
Daß das, was in der ersten Meditation und auch in den
übrigen enthalten ist, nicht für die Fassungsgabe aller
Geister geeignet ist, gebe ich völlig zu und habe ich über-
all, wo sich eine Gelegenheit bot, bezeugt und werde ich in
Zukunft bezeugen. Und das war einzig und allein der Grunxi,
Descartcs, Meditationen.
15
dmA:
Descartes, Meditationen.
warum ich diese Punkte in der ,, Abhandlung über die Me-
thode'*, die ich französisch geschrieben hatte, nicht be-
handelt habe, sondern für diese Meditationen, die, wie ich
vorausbemerkt habe, nur von fähigen und gelehrten Köpfen
gelesen werden sollen, aufgehoben habe. Auch darf man
nicht sagen, daß ich besser gehandelt hätte, wenn ich davon
Abstand genommen hätte, von den Dingen zu schreiben, die
[347] sehr viele Leute nicht lesen dürfen; | ich halte sie nämlich
für so notwendig, daß ich zu der Überzeugung gelangt bin,
daß ohne sie niemals irgend etwas Festes und Bleibendes
in der Philosophie aufgestellt werden kann. Und wenn auch
unkluge Leute oder Kinder nicht ohne Gefahr mit Eisen
und Feuer umgehen, so denkt doch niemand daran, daß
man auf diese Dinge verzichten müsse, weil sie doch für das
Leben so nützlich sind.
Daß ich aber in der vierten Meditation nur von ,,dem
Irrtum gehandelt habe, der bei der Beurteilung von Wahr
und Falsch begangen wird, nicht aber von dem, der bei dem
Streben nach Gut und Böse einem begegnet, und daß ich
das, was sich auf den Glauben bezieht und auf die Lebens-
führung", immer ausgenommen habe, indem ich betonte,
daß „wir keinem Dinge zustimmen dürften, es sei denn, daß
wir es klar erkennen", das zeigt der Zusammenhang meiner
ganzen Schrift. Auch habe ich es ausdrücklich in der Ant-
wort auf die zweiten Einwände (Nr. 5) dargetan, und eben-
falls habe ich in der Übersicht darauf hingewiesen. Und
dadurch habe ich bewiesen, wie großen Wert ich dem Ur-
teile Arnauds beimesse und wie willkommen mir seine Rat-
schläge sind.
Übrig bleibt noch das Sakrament des Abendmahles, mit
dem, wie Arnaud urteilt, meine Meinung nicht überein-
stimmt, „weil, sagt er, wir nach dem Glauben glauben, daß
[348] unter Aufhebung der Substanz des Brotes | im Brot des
Abendmahles die Accidentien allein übrigbleiben". Er ist
aber der Meinung, „daß ich keine realen Accidentien gelten
lasse", sondern nur Eigenschaften (modi), die „ohne irgend-
eine Substanz", der sie innewohnten, nicht begriffen wer-
den können und „also auch nicht ohne sie existieren
können".
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 225
Diesen Einwand könnte ich sehr leicht widerlegen, in-
dem ich erklärte, daß ich bisher niemals reale Accidentien
bestritten habe. Denn, wenngleich ich mich ihrer in den
Abhandlungen über die Dioptrik und die Meteore nicht be-
dient habe, um das, was ich behandelte, zu erklären, so habe
ich dennoch ausdrücklich gesagt, daß ich sie nicht bestreite
(Abh. über die Meteore S. 164). In diesen Meditationen aber
habe ich zwar vorausgesetzt, daß ich sie noch nicht erkenne,
aber darum nicht, daß sie überhaupt nicht existieren. Denn
die Weise des analytischen Verfahrens, das ich befolgt habe,
gestattet, gewisse Dinge bisweilen vorauszusetzen, die noch
nicht hinreichend geklärt sind, wie sich das in der ersten
Meditation zeigte, in der ich manches angenommen hatte,
was ich darauf in den folgenden widerlegt habe. Auch hier
habe ich wirklich nichts über die Natur der Accidentien
feststellen wollen, sondern nur das aufgestellt, was sich über
sie gewissermaßen beim ersten Anblick ergab. Und schließ-
lich I darf man daraus, daß ich behauptete, die Eigenschaften [349]
(modi) könnten ohne irgendeine Substanz, der sie inne-
wohnten, nicht begriffen werden, nicht folgern, daß ich be-
stritten hätte, daß sie ohne sie durch göttliche Macht ge-
setzt werden könnten, weil ich schlechthin versichere und
glaube, daß Gott vieles bewirken kann, was wir nicht be-
greifen können.
Doch um hier freier zu sprechen, so will ich nicht ver-
heimlichen, daß ich der Überzeugung bin, daß es ganz und
gar nichts anderes ist, wodurch unsere Sinne beeinflußt
werden, als allein die Oberfläche, die die Begrenzung der
Ausdehnungen des Körpers ist, der wahrgenommen wird.
Denn allein auf der Oberfläche findet die Berührung statt,
und daß alle Sinne nur durch Berührung beeinflußt werden,
das behaupte ich nicht nur allein, sondern fast alle Philo-
sophen, selbst Aristoteles eingeschlossen. Daher wird zum
Beispiel das Brot oder der Wein nur insofern empfunden,
als ihre Oberfläche unmittelbar von dem Sinneswerkzeug oder
vermittels der Luft oder anderer Körper, wie ich urteile,
oder, wie die meisten Philosophen sagen, durch Vermittlung
von intentionalen Spezies berührt wird.
Zu beachten aber ist, daß man jene Oberfläche nicht
15*
226
Descartes, Meditationen.
aUein nach der äußeren Gestalt der Körper, <»>«"«"""*
[350] den Fingern betasten kann, beurteUen | darf, '^o'^dern jiab
' -^ man auch aUe jene geringsten Zmschenraume m Betracht
ziehen muß, die zwischen den Staubtedchen des Mehles,
aus denen das Brot zusammengesetzt bt, und zwischen den
Teilchen des Weingeistes. Wassers, Essigs und Wemstems,
aus deren Mischung der Wein besteht, und ebenso zmschen
den kleinsten Teilchen der übrigen Körper sich vorfinden
Denn jene Teilchen können, da sie verschiedene Gestalt
und Bewegung haben, niemals so ganz mitemander ver-
bunden sein, daß nicht noch viele Zwischenräume zwischen
ihnen übrigblieben, die nicht leer, sondern von Luft oder
anderer Materie angefüllt sind; so sehen wir zum Beispiel
mit bloßem Auge im Brote recht große Zwischenräume
solcher Art; und die lassen sich nicht nur mit Luft, sondern
auch mit Wasser oder Wein oder anderen Flüssigkeiten an-
füllen. Und da das Brot immer ein und dasselbe blemt,
wenn sich auch die Luft oder andere Materie, die m semen
Poren enthalten ist, ändert, so ergibt sich, daß jene Dinge
nicht zu einer Substanz gehören, und daß somit seine Ober-
fläche nicht die ist, die es im kleinsten Umfange ganz em-
schließt, sondern die, welche unmittelbar jedes emzelne
seiner kleinsten TeUchen berührt und umgibt ).
Zu beachten ist femer, daß sich diese ganze Oberfläche
[3611 nicht nur bewegt, wenn das ganze Brot | von einem Orte
nach einem anderen getragen wird, sondern daß sie sich
auch partiell bewegt, wenn einige Teilchen des Brotes von
der Luft oder anderen in seine Poren eindrmgenden Korpern
in Bewegung gesetzt werden. Daher muß man sich denken,
daß, wemi einige Körper solcher Natur sind, daß einige oder
alle ihre Teile sich beständig in Bewegung befinden (was
ich von den meisten Teilen des Brotes und von allen des
Weines für wahr halte), ihre Oberflächen m gewisser stan-
diger Bewegung sich befinden. , „ , , r.K»,
Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß unter der Ober-
fläche des Brotes oder Weines oder eines anderen Korpers
hier nicht irgendein Teü der Substanz, noch auch der Quan-
*) Nach dem hier genaueren franz. Text.
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 227
tität eben dieses Körpers, noch auch ein Teü der ihn um-
gebenden Körper zu verstehen ist, sondern allem „die Be-
grenzung, die man sich denkt als zwischengelagert zwischen
seinen einzelnen TeUchen und den sie umgebenden Kor-
pern und die kein anderes als ein modales Sem besitzt".
Da nun aber allein auf dieser Begrenzungsflache die
Beriihrung stattfindet, und nur durch Berührung Empfm-
dung zustande kommt, ist es klar schon allem daraus, daß
man sagt, die Substanz des Brotes und des Weines werde
in die Substanz irgendeines anderen Dinges so verwandelt,
daß diese neue Substanz | in ganz denselben Grenzen ent- [ibi]
halten ist, in denen die andere vorher war, oder an genau
demselben Orte exUtiert, an dem das Brot und der Wein
vorher existierten, oder vielmehr (da ja ihre Grenzen sich
fortwährend bewegen) an dem sie noch existieren wurden,
wenn sie da wären : so ist es also klar, daß notwendig folgt,
daß jene neue Substanz ganz in derselben Weise alle unsere
Sinne beeinflussen muß. in der Brot und Wein sie beein-
flussen würden, wenn keine Transsubstantiation vor sich
gegangen wäre. •• .
Nun lehrt aber die Kirche auf dem Tridentinischen
Konzil, 13. Sitzung, can. 2 und 4 : „Es finde eine Verwand-
lung der ganzen Substanz des Brotes in die Substanz des
Leibes unseres Herrn Christus statt, während nur die Ge-
stalt des Brotes bleibt". Hier kann ich nicht einsehen, was
man denn anders unter der Gestalt (species) des Brotes ver-
stehen könne, als nur jene Oberfläche, die zwischen seinen
einzelnen Teilchen und den sie umgebenden Korpern ge-
legen ist. . _,
Wie ich nämlich schon sagte, allein auf dieser Ober-
fläche findet eine Berührung statt. Selbst nach dem Zeug-
nis des Aristoteles empfindet nicht nur der Sinn, der speziell
„Tastsinn" genannt wird, sondern auch die anderen Sinne
durch Berührung (de anima, Buch 3, Kap. 13 xal ra alXa
ak&rixriQM ä(pfj ak&dvetai). rasm
Hier glaubt nun niemand, daß dabei unter Gestalt | [iOö^
etwas anderes zu verstehen sei. als genau genommen das,
was zur Wirkung auf die Sinne notwendig ist. Auch glaubt
doch niemand an die Verwandlung des Brotes in den Leib
228
Descartes, Meditationen.
Christi, der nicht zugleich glaubte, daß dieser Leib Christi
unter genau derselben Oberfläche enthalten ist, unter der
das Brot enthalten wäre, wenn er da wäre. Wenngleich er
dennoch dort nicht ist, gewissermaßen örtlich im eigent-
lichen Sinne, „so können wir doch durch ein Denken, das
durch den Glauben erleuchtet ist, zu der Auffassung ge-
langen und müssen ganz standhaft glauben, daß er im Sinne
des Sakramentes und in einer Existenzweise, die, wenn wir
sie auch kaum mit Worten ausdrücken können, dennoch bei
Gott möglich ist, da ist'*. Und das alles ist in so treffender
Weise und so richtig durch meine Prinzipien erklärt, daß
ich hier nicht nur keinen Grund habe zu fürchten, es möch-
ten rechtgläubige Theologen daran Anstoß nehmen, sondern
daß ich vielmehr darauf vertraue, daß sie mir sehr dankbar
sein werden, daß ich diese Gedanken in der Physik auf-
stelle, die weit besser als die üblichen mit der Theologie
übereinstimmen; denn tatsächlich hat niemals irgendwo,
wenigstens soweit ich weiß, die Kirche gelehrt, daß die
Gestalten (species) des Brotes und Weines, die beim Sakra-
ment des Abendmahles zurückbleiben, gewisse reale Ac-
[354] cidentien seien, | die nach Aufhebung der Substanz, der sie
innewohnten, in wunderbarer Weise allein übrigbleiben*).
Doch da vielleicht die ersten Theologen, die es unter-
nommen haben, diese Frage auf philosophische Weise zu
beantworten, zu einer so festen Überzeugung gelangt sind,
daß die Accidentien, die die Sinne beeinflussen, etwas
Reales, von der Substanz Verschiedenes seien, so daß sie
nicht einmal bemerkten, daß je daran gezweifelt werden
könne, hatten sie ohne jede Prüfung und ohne triftigen
Grund angenommen, die Gestalt des Brotes seien derartige
reale Accidentien. Und dann haben sie sich ganz darauf ge-
worfen, zu erklären, wie sie ohne Subjekt bestehen könnten.
Hierbei sind sie nun auf soviel Schwierigkeiten gestoßen,
daß sie schon allein daraus hätten urteilen müssen, daß sie
vom rechten Wege abgekommen waren, wie Wanderer,
♦) In der ersten Auflage folgt hier ein kurzer Schlußsatz;
die hier wiedergegebenen Ausführungen stehen erst in der zweiten
Ausgabe.
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 229
wenn sie gelegendich auf holprige und ganz ungangbare
Wege stoßen.
Vor allen Dingen nämlich scheinen sie sich selbst nicht
einig zu sein, wenigstens die nicht, die zugeben, daß die
ganze sinnliche Wahrnehmung durch Berührung zustande
komme wenn sie voraussetzen, daß in den Objekten irgend
etwas anderes als ihre verschiedenartig beschaffenen Ober-
flächen zur Beeinflussung der Sinne nötig sei. Denn es ist
an sich bekannt, daß zum Zustandekommen einer Berührung
die Oberfläche allein genügt. Wenn aber andere das mcht
zugeben, dann können sie darüber nichts beibringen, was
auch nur eine Spur Wahrheit enthielte. . ^ ^ ,
Ferner kann der menschliche Geist sich nicht denken,
daß die Accidentien des Brotes reell seien und dennoch
ohne seine Substanz existieren können, ohne sie zugleich
unter dem Modus der Substanz zu begreifen. Daher macht
es wohl Schwierigkeiten, daß sich die ganze Substanz des
Brotes ändern sollte, wie es die Kirche glaubt, und dabei
etwas Reales, was vorher im Brote war, bleiben sollte. Denn
man kann nicht begreifen, daß etwas Reales bleibt, es sei
denn daß es zur Substanz gehört (subsistit), und, wenn es
auch als Accidens bezeichnet wird, doch als Substanz gefaßt
wird Daher ist es tatsächlich dasselbe, wie wenn man sagte,
es ändere sich zwar die ganze Substanz des Brotes aber es
bleibe doch der Teil seiner Substanz, der als das reale
Accidens bezeichnet wird. Und das enthält doch, wenn auch
nicht in Worten, so doch gewiß begrifflich einen Wider-
spruch. . . ^
Und das scheint der Hauptgrund zu sein, warum einige
Leute in diesem Punkte von der Meinung der romischen
Kirche abweichen. Wer möchte aber bestreiten wo es frei-
steht und weder ein theologischer noch philosophischer
Grund uns zwingt, uns an irgendwelche Meinungen zu hal-
ten, daß man vor allem die bevorzugen muß, die anderen
Leuten weder Gelegenheit noch Vorwand gewahren können,
von der Wahrheit des Glaubens abzuweichen? Daß aber die
Ansicht, die die Accidentien als real setzt, mit den theo-
logischen Griinden nicht übereinstimmt, das habe ich hier,
glaube ich, genügend deudich gezeigt, und daß sie den
230
Descartes, Meditationen.
philosophischen ganz widerspricht, hoffe ich, wird in dem
System der Philosophie (summa philosophiae), an dem ich
schon arbeite, klar bewiesen werden, und dort werde ich
auch zeigen, in welcher Weise Farbe, Geruch, Gewicht und
all die übrigen Erscheinungen, die die Sinne beeinflussen,
allein durch die äußere Oberfläche der Körper bedingt sind.
Schließlich lassen sich reale Accidentien nur insofern
voraussetzen, als durch das Wunder der Transsubstantiation,
was allein aus den Worten der Weihe erschlossen werden
kann, irgend etwas Neues und zwar Unbegreifliches hin-
zugetan wird, wodurch jene realen Accidentien ohne die
Substanz des Brotes in solcher Weise existieren, daß sie
selbst dabei nicht zu Substanzen werden. Und das streitet
nicht nur wider die menschliche Vernunft, sondern auch
gegen das Axiom der Theologen, die erklären, daß jene
Worte der Weihe nur seine Kennzeichnung bewirken, und
die das, was sich durch einen natürlichen Grund erklären
läßt, nicht einem Wunder zuschreiben wollen. Alle diese
Schwierigkeiten werden durch meineErklärung dieser Frage
völlig behoben; denn bei ihr bedarf es nicht nur keines
Wunders, um die Accidentien nach Aufhebung der Sub-
stanz zu erhalten, sondern es wäre sogar ein neues Wunder
(durch das nänilich die Dimensionen verändert werden
müßten) notwendig, damit sie aufgehoben werden könnten.
Und daß dies bisweilen sich zugetragen hat, ist überliefert,
nämlich, als an der Stelle des geweihten Brotes Fleisch oder
ein Knabe sich in den Händen des Priesters vorfand. Man
hat nämlich niemals geglaubt, daß das geschehen sei durch
ein Ausbleiben des Wunders, sondern schlechterdings nur
durch ein neues Wunder.
Außerdem ist nichts unbegreiflich oder schwierig darin,
daß Gott, der Schöpfer aller Dinge, eine Substanz in eine
andere verwandeln könnte, und daß diese spätere Substanz
unter ganz derselben Oberfläche bliebe, unter der die vor-
hergehende enthalten war. Gibt es doch nichts, von dem
man sagen könnte, daß es mehr mit der Vernunft überein-
stimme, noch was allgemein von den Philosophen mehr ge-
billigt würde, als die Tatsache, daß nicht nur jede Sinnes-
wahrnehmung, sondern allgemein jede Einwirkung eines
Antwort des Verfassers auf die vierten Einwände. 231
Körpers auf einen anderen Körper durch Berührung zu-
stande kommt, und daß diese Berührung allein auf der
Oberfläche stattfinden kann. Und daraus folgt mit Evidenz,
daß ein und dieselbe Oberfläche, mag sich auch die Sub-
stanz, die darunter steckt, noch so sehr verändern, immer
in derselben Weise wirken und sich beeinflussen lassen muß.
Daher möchte ich wohl, wenn man h'^^r die Wahrheit
ohne Furcht vor Mißgunst schreiben darf, die Hoffnung aus-
sprechen, daß einst die Zeit kommen wird, wo jene An-
sicht, die die Accidentien als real setzt, von den Theologen
beseitigt wird, weil sie nichts mit Vernunftgründen zu tun
hat und unbegreiflich und zu wenig zuverlässig im Verhält-
nis zum Glauben ist, und dann meine an ihrer Statt als
gewiß und unzweifelhaft aufgenommen werden wird. Und
das glaubte ich hier nicht verschweigen zu sollen, um, so-
weit es an mir gelegen ist, den Verleumdungen der Leute
entgegenzutreten, die aus dem Grunde, weil sie gelehrter
als andere zu scheinen wünschen, über nichts weniger un-
gehalten sind, als wenn etwas Neues in den Wissenschaften
gefunden wird, bei dem sie nicht die VorsteUung erwecken
können, als sei es ihnen schon vorher bekannt gewesen.
Und oft gehen sie um so schärfer dagegen vor, je wahrer
und bedeutungsvoller es in ihren Augen ist. Und was sie
nicht durch Gründe zu widerlegen vermögen, von dem be-
haupten sie ohne jeden Grund, daß es mit den heiligen
Schriften und mit den Wahrheiten des Glaubens im Wider-
spruch stünde. Insofern sind sie gewiß gottlos, als sie sich
der Autorität der Kirche bedienen wollen, um die Wahrheit
aus dem Felde zu schlagen. Doch ich appelliere ohne Rück-
sicht auf sie an die frommen und rechtgläubigen Theologen,
deren Urteil und Meinung ich mich höchst willig unter-
werfe.
[355] Fünfte Einwände und Erwiderungen.
P. Gassendi an den hochgelahrten Herrn Ren6 Descartes.
Hochgelahrter Mann,
mein Freund Mersenne hat mich durch die Mitteilung Dei-
ner ganz einzigartigen Meditationen über die Grundlagen
der Philosophie beglückt. Denn die hervorragende Be-
deutung des Gegenstandes, die durchsichtige Klarheit der
Gedanken, der Glanz Deiner Darstellungsweise haben mich
entzückt. Daher beglückwünsche ich Dich von Herzen, daß
Du es mit so erhabenem und glücklichem Schwünge des
Geistes unternimmst, die Grenzen der Wissenschaft zu er-
weitem und über Dinge, die für alle früheren Jahrhunderte
ganz im Dunkeln lagen, Licht zu verbreiten. Nur das war
[356] für mich hart, | daß jener außerdem im Namen der Freund-
schaft verlangte, ich sollte Dir ausführUch schreiben, falls
mir etwa noch ein Bedenken aufstoßen sollte oder übrig-
bliebe. Denn ich habe dabei das Gefühl, ich würde nur
meinem Verstände ein Armutszeugnis ausstellen, wenn ich
es nicht bei Deinen Beweisen bewenden lassen wollte, oder
vielmehr meine Leichtfertigkeit an den Pranger stellen,
wenn ich auch nur im geringsten für das Gegenteil wie zum
Widerspruch ein Wörtchen zu sagen wagte. Dennoch habe
ich meinem Freunde zugesagt, in der sicheren Überzeu-
gung, Du werdest nicht sowohl mir mein Vorhaben, als ihm
das seine zugute halten; zumal Du von so lauterer Ge-
sinnung bist, daß Du mir leicht glaubst, daß ich Dir nur
die bloßen Gründe meines Zweifels habe vorlegen wollen.
Ich versichere Dich, es ist tatsächlich mehr, als man ver-
langen kann, wenn Du es über Dich gewinnst, sie bis zum
Ende durchzulesen. Denn daß sie Dich veranlassen sollten,
Deinen Beweisen auch nur im geringsten zu mißtrauen oder
Fünfte Einwände.
233
Deine für bessere Dinge bestimmte Zeit mit einer Beant-
wortung zu vergeuden, das glaube ich tatsachlich selbst
nicht. Ja, ich empfinde eine gewisse Scham, Dir meine
Gegengründe vorzulegen, von denen, wie ich fest überzeugt
bin keiner Dir nicht schon öfters beim Nachdenken be-
gegnet sein wird, und die Du doch in bestimmter Absicht
bald übergangen, bald | zu verschweigen für gut befunden [357]
hast Ich trage sie also vor, jedoch in dem Sinne, daß ich
sie eben nur vorgetragen wissen möchte; und zwar vor-
getragen nicht über die Gegenstände selbst, deren Beweis
Du zu führen unternimmst, sondern über die Methode und
den Wert Deines Beweises. Denn wahrhaftig, ich bekenne
die Existenz des dreimal-größten Gottes und unserer Seelen
Unsterblichkeit; und ich zweifle nur an der Kraft jenes Be-
weises, durch den Du diese wie andere damit zusammen-
hängende metaphysische Fragen lösen wülst.
Gegen die erste Meditation. Woran man zwei-
feln kann.
1 Bei der ersten Meditation habe ich keinen Grund, mich
lange aufzuhalten; denn ich billige Dein Beginnen, durch
das Du Deinen Verstand von jedem Vorurteil hast reinigen
wollen Nur das eine verstehe ich nicht recht, warum Du
es nicht für zweckmäßiger erachtet hast, einfach und mit
kurzen Worten die früheren Erkenntnisse für unsicher zu
erklären, um dann die auszuwählen, die sich als wahr er-
weisen soUten, als alle für falsch zu erklären und dadurch,
anstatt lein altes Vorurteü abzulegen, vielmehr m ein neues [358]
zu geraten. Und beachte, wie notwendig ein Grund gewesen
wäre, aus dem Du selbst die Berechtigung herleiten konn-
test, Gott als Betrüger oder irgendeinen anderen bösen Geist
als 'irreführer vorauszusetzen, wo es offenbar genügt hatte,
der Unklarheit des menschlichen Geistes oder allein der
Unzulänglichkeit der menschlichen Natur die Schuld zu-
zuschieben. Du nimmst ferner an. Du befändest Dich im
Traumzustande, um alles in Zweifel zu ziehen und jeden Vor-
gang für eine Sinnestäuschung zu erklären. Oder aber ver-
stehst Du Dich selbst zu dieser gezwungenen Annahme, um
234
Descartes, Meditationen.
Fünfte Einwände.
236
glauben zu können, daß Du nicht wachst, und für unsicher
und falsch zu halten, was um Dich herum ist und geschieht ?
Was Du auch immer vorbringen magst, niemand wird glau-
ben, daß Du überzeugt bist, keine von allen Deinen Er-
kenntnissen sei wahr und Gott oder ein böser Dämon hätte
Dir immer eine Sinneswahrnehmung oder einen Traum ge-
sandt. Oder wäre es nicht der philosophischen Lauterkeit
und der Wahrheitsliebe angemessener gewesen, die Dinge,
wie sie sind, und zwar ganz offen und einfach auszusprechen,
anstatt, was man Dir vorwerfen könnte, zu einem Gebilde der
Phantasie seine Zuflucht zu nehmen, nach Gespenstern zu
haschen und absichtlich Umwege zu gehen? Doch da Du
es so für gut befunden hast, möchte ich nichts weiter da-
gegen einwenden.
[35ü] I Gegen die zweite Meditation. Über die Natur
des menschlichen Geistes; daß er leichter erkennbar als
der Körper.
Über die zweite Meditation. Ich sehe. Du beharrst noch
in der Annahme, getäuscht zu sein und bemerkst nichts-
destoweniger, daß wenigstens „Du existierst", da Du ge-
täuscht wirst, und daß Du deswegen „die Behauptung auf-
stellst, jener Satz, Ich bin, Ich existiere, so oft Du ihn aus-
sprichst oder in Gedanken fassest, sei wahr".
Und doch hättest Du nach meiner Auffassung nicht
einen so großen Aufwand an Worten zu machen brauchen,
da Du ja schon von anderer Seite her gewiß warst und es
an sich wahr war, daß Du existiert; auch hättest Du den-
selben Schluß aus jeder beliebigen anderen Betätigung Dei-
ner selbst ziehen können, da es nach natürlicher Einsicht
(lumine naturali) bekannt ist, daß, was immer wirkt, auch
existiert.
Du fügst hinzu, „Du sähest darum noch nicht hin-
reichend ein, was Du bist". Das läßt man sich freüich im
Ernst gefallen und gibt man ohne weiteres zu; just da steckt
die Mühe und Arbeit. Denn das hätte wohl ohne Um-
schweife und ohne diese ganze Annahme untersucht werden
müssen.
Sodann willst Du untersuchen, „welche Auffassung Du
von Deiner eigenen Beschaffenheit gehabt hast, damit nach
Abzug alles Zweifelhaften das allein übrigbleibt, was von
unerschütterlicher Gewißheit ist". Nun - wenn Du das
tust, I wirst Du den Beifall aller ernten. Du machst Dich an L^^uj
die Untersuchung, und da Du geglaubt hast, daß Du ein
Mensch seist, stellst Du die Frage, „was ein Mensch sei",
und indem Du absichtlich die landläufige Definition fallen
läßt, wählst Du die Punkte aus, „die sich Dir beim ersten
Blick darboten, zum Beispiel, daß Du Antlitz, Hände und
die übrigen Glieder, die Du mit dem Namen Körper be-
zeichnest, und ebenso, daß Du Nahrung aufnähmest, gingest,
fühltest, dächtest, Tätigkeiten, die Du auf die Seele (anima)
bezogst". Das mag so bleiben, nur wollen wir uns vor Dei-
ner Unterscheidung zwischen Seele und Körper hüten. Du
sagst, „damals hättest Du nicht acht darauf gehabt, was
die Seele sei, sondern hättest sie Dir nur als irgend etwas,
eine Art Wind oder Feuer oder Äther, vorgestellt, das die
dichteren Teüe Deines Körpers durchströme". Das ist be-
achtenswert. „Hinsichtlich des Begriffes Körper hättest Du
nicht daran gezweifelt, daß seine Natur darauf beruhe, daß
er sich durch eine Figur begrenzen, umschreiben läßt,
einen Raum ausfüllt und jeden anderen Körper aus sich
ausschließt; daß er durch Gefühl, Gesicht, Gehör, Geruch,
Geschmack wahrgenommen und auf verschiedene Weisen
bewegt wird." Du kannst jedoch auch jetzt noch diese
Eigenschaften den Körpern beilegen, wenn auch nicht allen
alle. Zum Beispiel der Wind ist eine körperiiche Erschei-
nung und wird doch nicht mit dem Gesicht wahrgenonunen ;
anderseits solltest Du weitere Eigenschaften nicht aus-
schließen: denn der Wind, das Feuer und noch andere
Dinge sind in Bewegung. Wenn Du aber hinzufügst. Du
bestrittest, der Körper habe „die Fähigkeit, sich | selbst zu [361]
bewegen", so ist nicht klar, wie Du jetzt die Anschauung
verteidigen kannst, als müsse jeder Körper, eben weil er em
Körper ist, unbeweglich sein und jede Bewegung desselben
von einem unkörperiichen Prinzip ausgehen, und als müsse
man urteüen, weder das Wasser fließe noch ein Tier laufe
ohne unkörperliche Bewegungsquelle.
236
Descartes, Meditationen.
2. Du untersuchst sodann, „ob — die Täuschung immer
noch vorausgesetzt — Du behaupten könnest, irgend etwas
von dem zu besitzen, was nach Deinem Urteil zur Natur
des Körpers gehört, und nach aufmerksamster Prüfung er-
klärst Du, nichts Derartiges in Dir zu finden**. Hierbei
hast Du Dich nicht mehr als ganzen (integrum) Menschen
im Auge, sondern gewissermaßen nur den inneren und ver-
borgeneren Teil, der Deiner früheren Vorstellung von der
Seele (anima) entspricht. Also bitte sehr, verehrte Seele,
— oder mit welchem Namen immer Du wünschest bezeich-
net zu werden, -- hast Du jene Auffassung bisher berichtigt,
derzufolge Du vorher die Vorstellung hattest. Du seiest so
etwas wie ein Wind oder etwas Ähnliches, das diese Glieder
durchströmt ? Du hast das tatsächlich nicht getan : Warum
könntest Du also nicht immer noch ein Wind sein, oder
vielmehr ein ganz feiner Hauch, der durch die Wärme des
Herzens aus dem. reinsten Blute oder aus anderer Quelle oder
durch eine sonstige Ursache entstünde, bewahrt würde und
riüoi ^"^'^^ö'"^"^ ^^ch die Glieder ihnen Leben einhauchte, ge-
L362J meinsam mit dem Auge sähe, mit dem Ohre | hörte, mit dem
Gehirn dächte und die übrigen Funktionen, die man Dir
gewöhnlich beilegt, versähe? Wenn dies so wäre, warum
solltest Du nicht eben die Gestalt haben, wie dieser ganze
Leib, so wie die Luft dieselbe hat, wie das Gefäß, das sie
umschließt ? Warum sollte man nicht meinen, daß Du von
derselben Hülle begrenzt wirst wie der Körper, d. h. von
der Epidermis des Körpers? Daß Du nicht einen Raum
ausfüllest oder Teile des Raumes, die der materielle Leib
oder dessen kleinste Teüchen freilassen? Hat doch der
materieUe Leib seine Poren, durch die Du Dich überallhin
ergießen könntest, in der Weise, daß, wo Deine Teilchen
wären, seine nicht sind, ebenso wie in einem Gemisch von
Wein und Wasser, wo die Teilchen des einen sind, die des
anderen nicht sind, mag auch das Auge sie nicht unter-
scheiden können. Warum sollte man ferner nicht meinen,
daß Du jeden anderen Körper von demselben Räume aus'
schlössest, da in all den Raumteilchen, in denen Du steckst
nicht zugleich Teüchen des dichteren Körpers stecken könn-
ten? Warum soUst Du nicht auf verschiedene Weisen be-
Fünfte Einwände.
237
wegt werden? Da Du nämlich selbst den Gliedern mehrere
Bewegungen zugestehst, wie wäre das möglich, wenn Du
Dich nicht selbst in Bewegung befändest ? Sicherlich kannst
Du weder bewegen, solange Du Dich in Ruhe befindest -
dazu gehört eben eine Anstrengung ~, noch kannst Du in
Ruhe beharren bei der Bewegung des Körpers selbst Wenn
das sich also so verhielte, wie | kannst Du dann sagen, „in [3631
Dir sei nichts von dem aUen, was dem Körper angehört ?**
3. Du fährst fort: „auch sei in Dir keine von den Eigen-
schaften, die man der Seele zuschreibt, Ernährung oder
Fortbewegung". Erstens aber kann etwas Körper sein und
braucht doch nicht ernährt zu werden. Ferner, wenn Du
ein Korper der Art bist, wie nach unserer SchÜderung der
Hauch, warum solltest Du nicht, wenn jene Glieder von
gröberem Stoff durch gröbere Substanz ernährt werden
selbst als em Wesen von feinerem Stoff auch durch feinere
ernährt werden können? Und bedingt nicht das Wachstum
jenes Körpers dessen Teüe das sind. Dein eigenes Wachs-
tum ? Und schwindest Du nicht, wenn jener schwindet, auch
dahin? Und hmsichtlich der Fortbewegung, da die Glieder
durch Dich euihergehen und nur durch Deine Führung und
Leitung sich an jeden Ort begeben, wie soUte das vor sich
gehen ohne Deine Fortbewegung? „Da ich ja", sagst Du,
„für jetzt keinen Körper habe, so sind das nur EinbU-
düngen. Doch, magst Du uns zum besten haben oder selbst
genarrt werden, so dürfen wir doch keine Zeit verlieren I
Redest Du aber im Ernst, so mußt Du beweisen, daß Du
weder irgendeinen Körper hast, den Du beeinflussest (in-
formes), noch daß Du derart bist, daß Du zugleich ernährt
wirst und Dich fortbewegen kannst.
Du fährst noch fort, „Du hättest auch keine Empfin-
dungen**. Und doch bist Du es tatsächlich, der die Farben
sieht, Klange hört usw. „Das**, sagst Du, | „ist nur vermittels [364]
eines Korpers möglich.** Ganz richtig; aber erstens bist Du
mit einem Körper behaftet und Du selbst steckst im Auge
das wirklich nicht ohne Dich sieht: und Du kannst daher
ein femer Körper sein, der mit Hufe der Sinnesorgane
arbeitet. „Sehr viel", sagst Du, „habe ich im Schlafe zu
empfinden geglaubt, was ich, wie ich später merkte, gar
I
238
Descartcs, Meditationen.
nicht empfunden hatte." Freilich, magrst Du Dich auch
täuschen lassen, weil Du ohne Gebrauch der Augen wahr-
zunehmen glaubst, was ohne das Auge sich nicht wahr-
nehmen läßt, so hast Du doch nicht immer eben diese Täu-
schung erfahren, und Du hast sehr wohl das Auge ge-
braucht, vermittels dessen Du Wahrnehmungen geniacht
und Abbilder aufgenommen hast, deren Du Dich jetzt
auch ohne Hilfe des Auges bedienen kannst.
„Endlich entdeckst Du, daß Du denkst.** Das aller-
dings ist nicht zu bestreiten. Doch bleibt für Dich die Auf-
gabe übrig, zu beweisen, daß die Denkfähigkeit so über
alle körperliche Natur erhaben ist, daß weder ein Hauch
noch irgendein anderer rühriger, reiner, feiner Körper durch
irgendwelche Gestaltung so zubereitet werden könnte, daß
er fähig würde, das Denkvermögen aufzunehmen. Zugleich
mußt Du beweisen, daß die Seelen der Tiere unkörperlich
sind, da sie ja doch offenbar denken oder, abgesehen von
der Tätigkeit der äußeren Sinneswerkzeuge, etwas innerlich
nicht nur im Wachen, sondern selbst im Traume erkennen.
Wieder mußt Du beweisen, daß dieser unser gröberer Kör-
[365] per 1 ganz und gar nichts zu Deiner Denkfähigkeit beiträgt
(wo Du doch nie ohne ihn gewesen bist, noch getrennt von
ihm irgend etwas bis zu diesem Augenblick gedacht hast),
und daß Du daher unabhängig von ihm denkst, so daß Du
weder behindert noch verwirrt werden kannst durch widrige
und schwere Dünste oder Schwaden, die bisweilen das Hirn
so ungünstig beeinflussen.
4. Du ziehst den Schluß : „ich bin also genau ein den-
kendes Ding, d. h. Geist (mens), Seele (animus), Verstand
(intellectus), Vernunft (ratio)". Hier erkenne ich an, ins
Blaue hinein geredet zu haben. Ich war nämlich der Mei-
nung, mit einer menschlichen Seele zu reden oder mit jenem
inneren Prinzip, vermöge dessen der Meftsch lebt, fühlt, sich
fortbewegt, begreift; und doch sprach ich nur zu einem
Geist, d. h. zu einem Wesen, das nicht nur den Leib, son-
dern auch die Seele selbst abgelegt hat. Das tust Du wohl,
Verehrtester, nach dem Vorbild jener Alten, die glaubten,
daß die Seele zwar den ganzen Körper durchströme, den
vornehmsten Teü aber, das sogenannte leitende Prinzip (to
^yifiovixSvX doch in einem bestinmiten Teile des Körpers
Fünfte Einwände.
23d
semen Sitz haben ließen, etwa im Gehirn oder im Herzen ?
Nicht als ob sie der Ansicht gewesen wären, die Seele fmde
sich auch in diesem Körperteile nicht, sondern weü sie mein-
ten, daß die Seele dort weüe und der Geist gewissermaßen
obendrem ihr beigefügt | und zu ihr gesellt würde und mit [3661
ihr zusammen diesen Körperteü beeinflusse (informare). Und
tatsächlich, ich hätte mich daran erinnern müssen aus Dei-
nen Erörterungen in Demer „Abhandlung über die Me-
thode". Du schienst dort nämlich die Auffassung zu ver-
treten, aUe diese Funktionen, die man der vegetativen wie
der wahrnehmenden Seele zuschreibt, hingen nicht von der
Vernunft (rationale) ab und könnten auch betätigt werden
bevor diese hinzukäme, wie sie auch bei den Tieren be-
tätigt werden, die nach Deiner Ausführung überhaupt keine
Vernunft besitzen. Doch offenbar konnte ich das nur ver-
gessen, weü mir zweifelhaft geblieben war, ob Du jenes
Prinzip, durch das sowohl wir wie die Tiere leben und emp-
fmden, nicht als Seele (anima) bezeichnet wissen, sondern
unter Seele vielmehr speziell unseren Geist (mens) ver-
standen wissen woUtest; und doch schreibt man jenem Prin-
zip ganz besonders eine Leben spendende (animans) Wirk-
samkeit zu, wohmgegen der Geist uns nur zum Denken be-
fähigt, was Du ja selbst versichert. Mag dem nun sem wie
Ihm wolle - Du sollst von jetzt ab „Geist" heißen und so
bist Du genau genommen „em denkendes Ding".
Du fährst fort, „das Denken aUein könne nicht von Dir
getrennt werden". Hier liegt kein Grund vor, Du das ab-
zustreiten, zumal wenn Du nur Geist bist und Deine Sub-
stanz von der Seelensubstanz nur der Betrachtung nach
(consideratione) unterschieden wissen wÜlst. Und doch stutze
ich, ob Du, wenn Du sagst, „das Denken (könne nicht von [3671
Du- getrennt werden", dabei verstehst, daß Du, solange Du
bist, unaufhörlich denkst. Das käme tatsächlich dem Aus-
spruch berühmter Phüosophen gleich, die üi der Absicht
unsere Unsterblichkeit zu beweisen, zu der Annahme kamen'
daß wir Menschen uns in fortgesetzter Bewegung befinden
oder wie ich das wenigstens verstehe, beständig denken.
Doch die werden sich nicht überzeugen lassen, die nicht
begreifen, wie Du im lähmenden Schlaf oder sogar im
Descartet, M«diutioDeii. jg
S40
Dcscartes, Meditationen.
Mutterlcibe denkea kannst. Und an dieser Stelle bleibe ich
außerdem an der Frage hängen, ob Du meinst, daß Du in
den Körper oder einen Teil von ihm schon im Mutterleibe
oder erst von der Geburt ab eingeflößt worden bist. Doch
ich will Dich nicht in diesem Punkte mit meinen Fragen
belästigen, auch nicht darüber nachdenken, ob Du Dich er-
innerst, was Du im Mutterleibe oder in den ersten Tagen,
Monaten oder Jahren nach der Geburt gedacht hast, auch
nicht darüber, falls Du mir darauf die Antwort geben wür-
dest, warum Du das alles vergessen hast. Ich will Dich nur
darauf hinweisen, daß Du Dich daran ermnerst, wie dunkel,
wie geringfügig damals Deine Denkfähigkeit gewesen ist,*
wenn sie nicht fast gleich Null war.
Du fährst fort, „Du seiest nicht ein Gefüge von Glie-
dern, das man den menschlichen Körper nennt". Das muß
man freilich zugestehen, da Du allein als denkendes Ding
und als ein von dem äußeren und massigeren Bestandteil
der ,Mensch' genannten Zusammensetzung unterschiedener
ro^o. ^^^ betrachtet wirst. Du sagst: „Ich bin auch nicht irgend-
[368] eme ferne | Luft, die diese Glieder durchdringt, nicht ein
Wmd, Feuer, Dunst oder Hauch, oder alles was ich mir
sonst ausdenken mag, — habe ich doch vorausgesetzt, daß
dies alles nichts ist. Diese Voraussetzung bleibt bestehen."
Hier aber mach* Halt, verehrter Geist, und diese Voraus-
setzungen, oder besser gesagt Hirngespinste mögen sich
endlich empfehlen I „Ich bin nicht Luft", sagst Du, „oder
so etwas Ähnliches"; doch wenn die ganze Seele so etwas
Ähnliches ist, warum sollte man nicht von Dir, der Du als
der vornehmste Teil der Seele angesehen werden kannst,
memen. Du seiest gewissermaßen die Blüte oder der zar-
teste, remste, und im höchsten Maße tätige Teü derselben ?
„Vielleicht", sagst Du, „ist dies, von dem ich voraussetze,
es sei nichts, doch etwas und nicht von dem Ich verschieden
das ich kenne; doch davon weiß ich nichts, darüber streite
ich jetzt auch nicht mehr." Aber wenn Du nichts weißt,
wenn Du nicht streitest, warum nimmst Du an, nichts davon
m sem? „Ich weiß," heißt es weiter, „daß ich existiere.
iJie Kenntnis dieses Dinges aber kann genau nicht von
dem abhängen, was ich nicht kenne." Das mag so sein
Fünfte Einwände.
241
Doch erinnere Dich dessen, daß Du noch den Beweis
schuldig bist, daß Du nicht Luft, nicht Dunst oder sonst
was bist. . I I ' I
ö. Darauf schilderst Du, was das Wesen der sogenann-
ten Einbildung sei. Du sagst nämlich, „sich etwas ein-
bilden, besage nichts anderes als die Gestalt oder das Bild
eines körperlichen Dinges betrachten". Natürlich —, imi
folgern zu können, daß Du Deine eigene Natur | durch eine [3091
andere Form des Denkens als die Einbüdung erkennst.
Und doch -- magst Du nach Belieben den Begriff der Ein-
bildung definieren, wie Du willst — ich bitte Dich, wenn
Du körperiich bist — und Du hast das Gegenteil noch nicht
bewiesen — , warum solltest Du Dich nicht unter körper-
licher Gestalt oder einem körperiichen Bilde betrachten
können? Und ich bitte Dich, während Du diese Betrach-
tung anstellst, was siehst Du denn da anderes vor Dir als
eine gewisse reine, durchsichtige, zarte Substanz, wie einen
Hauch, der den ganzen Körper, oder zum mindesten das
Gehirn oder einen Teil desselben durchdringt, beseelt und
dort Deine Funktion versieht.? „Ich erkenne," fährst Du
fort, „daß nichts von dem, was ich mit Hilfe der Einbil-
dungskraft erfassen kann, Bezug hat auf die Kenntnis, die
ich von memem Ich habe." Doch wie Du zu dieser Er-
kenntnis kommst, sagst Du nicht, und während Du kurz
vorher festgesteUt hattest, Du wüßtest noch nicht, ob das
auf Dich Bezug hätte — woher, so frage ich, kommst Du
jetzt zu diesem Schluß?
6. Dann heißt es, „der Geist müsse auf das sorgfältigste
hiervon abgewandt werden, wenn er sich seine Natur selbst
recht deutlich zum Bewußtsein bringen wolle". Du tust
recht, daß Du daran gemahnst. Doch nachdem Du Dich
selbst auf das sorgfältigste abgewandt hast, berichte bitte,
wie deutlich Du Dir Deine Natur zum Bewußtsein gebracht
hasti Demi wenn Du nur sagst. Du seiest ein „denkendes [370]
IDing", so erwähnst Du nur eine Tätigkeit, die wir alle
schon längst begriffen hatten. Aber welcher Beschaffenheit
die tätige Substanz ist, in welchem Zusammenhange sie
steht, auf welche Weise sie sich anschickt, so Mannigfaltiges
auf so mannigfaltige Art zu vollbringen, und was noch mehr
16*
242
Descartes, Meditationen.
solcher bisher ungelöster Fragen sind, das erklärst Du uns
nicht.
Du sagst, „durch den Verstand (intellectus) begreife
man, was man durch die Einbildungskraft (die Du dem all-
gemeinen Menschenverstand [sensus conmiunis] gleichsetzest)
nicht begreifen kann**. Doch, o guter Geist, kannst Du die
Ansicht vertreten, daß verschiedene Erkenntnisvermögen und
nicht nur ein einziges, einfaches in uns vorhanden ist, mit
dem wir jedes beliebige Ding erkennen können ? Wenn ich die
Sonne mit offenen Augen anschaue, so ist das offenbar eine
Sinneswahmehmung. Wenn ich dann mit geschlossenen
Augen die Sonne in meinem Innern denke, so ist das offenbar
eine innere Erkenntnis (interna cognitio). Aber wodurch ver-
mag ich denn etwa zu unterscheiden, ob ich mit Hilfe des ge-
meinen Menschenverstandes oder der Einbildungskraft, aber
nicht vermöge des Geistes oder Verstandes die Sonne er-
fasse ? Ich könnte ja dann nach Willkür bald vermöge der
Vernunft unter Ausschluß der Einbildungskraft, bald ver-
möge der Einbildungskraft unter Ausschluß der Vernunft
die Sonne erfassen! Fürwahr, wenn bei einer Störung der
Gehirntätigkeit die Einbildungskraft verletzt würde, die Ver-
nunft aber, die ihre besonderen reinen Funktionen versehen
[371] würde, unberührt bliebe, dann könnte man | sagen, die Ver-
nunft lasse sich so von der Einbildungskraft, wie die Ein-
bildungskraft von der äußeren Sinneswahrnehmung unter-
scheiden; doch da es nun einmal nicht so ist, so ist es tat-
sächlich nicht leicht, diesen Unterschied festzustellen.
Allerdings, sagt man, wie Du es tust, „Einbildung finde
dann statt, wenn wir das Bild emes körperlichen Dinges be-
trachten", — da siehst Du, daß daraus folgen würde, daß,
— da man auf andere Weise Körper nicht betrachten kann,
— Körper überhaupt nur durch die Einbildungskraft er-
kannt werden können, oder wenigstens so, daß das andere
Erkenntnisvermögen davon nicht unterschieden werden
könnte.
Du sagst, „Du könntest bisher Dich der Meinung gar
nicht erwehren, als ob die körperlichen Dinge, deren Bilder
sich im Bewußtsein gestalten und die durch die Sinne er-
forscht werden, viel deutlicher erkannt würden, als jenes,
\
L
Fünfte Einwände.
243
f
ich weiß nicht was von Dir, das nicht ein Gegenstand der
Einbildung ist; daher es denn wunderbar ist, daß Du die
zweifelhaften und Dir fremden Dinge deutlicher erkennst
und erfassest". Aber erstens ist das ganz ausgezeichnet ge-
sagt: „jenes ich weiß nicht was von Dir". Wirklich näm-
lich weißt Du nicht, was es ist oder was seine Natur ist.
Und daher kannst Du auch nicht darüber Gewißheit er-
langen, ob es der Art ist, daß es nicht Gegenstand der Ein-
bildungskraft sein kann. Außerdem scheint vollends unsere
ganze Kenntnis von den Sinneseindrücken herzustammen;
und magst Du auch noch so sehr dawider streiten, „daß
das, was im Verstände ist, vorher | in der sinnlichen Wahr- [372]
nehmung gewesen sein muß", es scheint mir nichtsdesto-
weniger richtig zu sein, da es nur durch Eindringen von
außen (incursione), xarä neoiTuayotv, wie man sagt, zustande
kommt, und dann allerdings durch Analogieschlüsse, durch
Zusammensetzung und Zerlegung, durch Erweiterung und
Verengerung und andere ähnliche Verfahren, die ich nicht
erst aufzuzählen brauche, zur Vollendung gelangt. Man
braucht sich daher nicht zu wundern, wenn die Dinge, die
sich selbst darbieten und die Sinne beeinflussen, einen stär-
keren Eindruck auf den Geist (animus) machen, als die, die
sich der Geist nur gelegentlich aus den Gegenständen der
Sinneswahmehmungen selbst formt und sich vorstellt. Und
Du bezeichnest zwar die körperlichen Dinge als zweifelhaft,
doch wenn Du die Wahrheit eingestehen willst, so bist Du
nicht weniger sicher, daß der Leib, in dem Du weilst, und
alles das, was Dich umgibt, existiert als Du selbst. Und
da Du Dich Dir selbst nur durch eine Tätigkeit, das Denken,
offenbarst — was hat die zu bedeuten im Hinblick auf die
Offenbarung derartiger körperlicher Dinge? Denn sie offen-
baren sich nicht nur durch mannigfaltige Wirkungen (ope-
rationes), sondern außerdem auch noch durch viele andere
in höchstem Maße sinnfällige Eigenschaften (accidentia),
durch Größe, Gestalt, Undurchdringlichkeit (soliditate),
Farbe, Geruch usw. Wenn sie daher auch außerhalb Deiner
liegen, so ist es doch nicht zu verwundern, wenn Du sie deut-
licher! als Dich selbst erkennst und erfassest. Doch wie ist [373]
es denn nur möglich, daß Du ein fremdes Ding besser als
244
Descartes, Meditationen.
f
Fünfte Einwände.
245
Dich selbst erkennst? Nun — es ist grerade so wie beim
Auge, das alles andere sieht, aber nicht sich selbst.
7. „Was aber**, sagst Du, „bin ich demnach? Ein
denkendes Ding! Und was heißt das? Nun, — ein Ding,
das zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, will, nicht will und
das auch Einbildung und Empfindung hat." Da sagst Du
viel, das ich zwar im einzelnen nicht beanstande, jedoch in
dem einen Punkte beanstande, daß Du Dich ein Ding, „das
Empfindung hat", nennst. Das ist nämlich zu verwundern,
da Du vorher schon das Gegenteil behauptet hast. Oder
hast Du etwa damit sagen wollen, daß es außer Dir noch
eine körperliche Potenz (facultas) gibt, die im Auge, Ohre
und den übrigen Organen ihren Sitz hat, und die die Ein-
drücke der sinnlich wahrnehmbaren Dinge aufnimmt und
so die sinnliche Wahrnehmung anbahnt, daß Du sie dann
zu Ende führst und Du es selbst bist, der wirklich sieht,
hört und das übrige empfindet? Aus diesem Grunde machst
Du doch wohl, wie ich glaube, die Empfindung selbst, wie
auch die Einbildungskraft zu einer Form des Bewußtseins
(cogitatio). Das mag so sein : doch ist zu beachten, ob nicht
das, was bei den Tieren Empfindung ist, da sie der Deinigen
nicht unähnlich ist, auch als Bewußtsein bezeichnet werden
könnte, womit dann auch in den Tieren selbst ein dem Dei-
374J nigen nicht unähnlicher Geist wärel|
„Ich habe", so wirst Du sagen, „meinen Sitz im Ge-
hirn und nehme dort alles in Empfang, was durch die ver-
vermittels der Nerven übermittelten Ströme (spiritus) ge-
meldet wird, und so kommt bei mir die Empfindung zu-
stande, die nach gewöhnlicher Annahme im ganzen Körper
stattfindet". Mag sein: aber in den Tieren gibt es Nerven,
Ströme, ein Gehirn und im Gehirn ein erkennendes Prinzip,
das das, was die Ströme melden, in gleicher Weise in Emp-
fang nimmt und die Empfindung zustande bringt. Du wirst
sagen, „jenes Prinzip im Gehirn der Tiere sei nur Phan-
tasie oder Einbildungskraft". Doch nun zeige einmal, daß
Du im Gehirn etwas anderes bist, als Phantasie oder
menschliche Einbildungskraft I Ich fragte vorhin nach einem
Kriterium, durch das Du beweisen könntest, etwas anderes
zu 9€in. Aber ich glaube, Du wirst keins beibringen können.
'f
Du wirst allerdings weit höher entwickelte Denkoperationen
anführen, als man sie bei den Tieren feststellen kann. Aber
wie der Mensch das vornehmste aller Lebewesen sein mag,
das dennoch nicht aus der Zahl der Lebewesen ausge-
nommen wird, so mag demnach von Dir noch so schön be-
wiesen werden, daß Du die vornehmste Einbildungskraft
oder Phantasie bist, so wirst Du doch nicht eine Ausnahme
von ihnen bilden. Denn wenn Du Dich auch in besonderer
Weise als „Geist" bezeichnest, so mag das als Bezeichnung
einer würdigeren, aber darum nicht im Wesen verschiedenen
Natur dienen. | In der Tat, um zu beweisen, daß Du von [375]
wesensverschiedener (d. h., wie Du behauptest, von un-
körperlicher) Natur bist, müßtest Du eine gewisse Funktion
aufweisen, die von anderer Weise als die der Tiere wäre;
wenn auch nicht außerhalb des Gehirns, so doch wenigstens
unabhängig vom Gehirn. Das tust Du indes nicht. Denn
wenn Du ja bei einer Störung des Gehirns selbst gestört
wirst, so gehst Du zugrunde, wenn es zugrunde geht; und
wenn ihm Begriffe (species) von Dingen entfallen, so be-
hältst Du selbst nicht die Spur von einem derselben. „Bei
den Tieren", sagst Du, „geschieht alles auf unbewußten
Antrieb der Nervenströme und der anderen Organe, ebenso
wie sich in einer Uhr oder anderen Maschine die Be-
wegungen vollziehen." Aber — mag das auch richtig sein
hinsichtlich der übrigen Funktionen, zum Beispiel der Er-
nährung, des Pulsschlages und ähnlicher, die sich so auf
gleiche Weise im Menschen vollziehen — kann man be-
haupten, daß alle Betätigungen der Sinneswerkzeuge, oder
was man als die Leidenschaften der Seele bezeichnet (pas-
siones animae), daß die bei den Tieren durch unbewußten
Anstoß zustande kommen, nicht aber bei uns ? Es entsendet
der Bissen in das Auge des Himdes ein Bild von sich, das,
bis in das Gehirn geleitet, gleichsam durch Häkchen in der
Seele hängen bleibt: und dementsprechend wird die Seele
selbst und mit ihr der ganze Körper zu dem Bissen hin-
gezogen, | als hingen beide durch ganz feine Kettchen an- [376]
einander. Es entsendet auch der drohend erhobene Stein
ein Bild von sich, das wie ein Hebebaum die Seele fort-
treibt und den Leib zugleich mit fortzieht oder zur Flucht
246
Descartes, Meditationen.
1
zwingt. Doch findet nicht dasselbe im Menschen statt ? Nur
geschieht das nach Deiner Auffassung vielleicht auf eine
andere Weise? Wenn Du die vortrügst, wäre ich Dir sehr
verbunden.
„Ich bin", sagst Du, „frei, und es liegt in meiner Macht,
den Menschen in gleicher Weise von der Abneigung (fuga)
wie vom Verlangen (prosecutio) abzuwenden." Aber eben
das bewirkt doch im Tier jenes erkennende Prinzip, und es
kommt doch vor, daß der Hund bisweilen ohne alle Furcht
vor Drohungen und Schlägen auf den Bissen, den er sieht
losspringt, wie der Mensch oft ähnliches tut. „Der Hund
bellt", sagst Du, „nur infolge eines Triebes und nicht aus
freier Wahl (delectu), wie der Mensch spricht.'* Doch es
kommt auch beim Menschen vor, daß man Grund zu dem
ürteü hat, er spreche infolge eines Triebes; denn auch, was
Du der freien Wahl zuschreibst, ist die Folge eines über-
wiegenden Triebes, und auch beim Tier gibt es eine freie
Wahl, sobald der eine Trieb überwiegt. Und tatsächlich
ich sah emmal emen Hund, der sein Gebelfer so dem Klang
emer Trompete anpaßte, daß er jeden Wechsel in der Höhe
des Tones und im Tempo nachahmte, mochte das Tempo
auch noch so stark nach Belieben und überraschend be-
,.,^-,1 schleunigt oder verlangsamt werden. „Aber Vernunft", sagst
l.i//J Du, „haben die Tiere nicht." | Natürlich haben sie nicht die
menschliche, aber doch ihre; und daher dürfte man sie
eigentlich nur im Vergleich zu uns oder zu unserer Art als
unvernünftig (äAoyn) bezeichnen; wohingegen der I oc^os
{Aoyo^) oder die Vernunft offenbar ebenso allgemein ist und
Ihnen ebenso zugeschrieben werden kann, wie die Fähißkeit
der Erkenntnis oder die innere Empfindung (sensus in-
ternus). Du sagst, „sie zögen keine Schlußfolgerungen".
Aber — , wenn sie auch nicht in so vollendeter Weise und
über so viele Dinge wie der Mensch Schlußfolgerungen
ziehen, sie ziehen doch Schlüsse, und es scheint da ein
Unterschied nur dem Grade nach zu bestehen. Du sagst
nsie sprachen nicht" : aber wenn sie auch keine menschlichen
Laute hervorbringen (sind sie ja doch keine Menschen^ so
bringen sie doch ihre besonderen hervor und bedienen sich
Ihrer genau so, wie wir uns der unsrigen. „Es kann", wie
Fünfte Einwände.
247
Du sagst, „auch ein Irrer mehrere Worte verbinden, um
etwas auszudrücken, und dennoch kann das auch nicht das
klügste Tier." Doch betrachte wohl, ob Dein Verfahren
billig ist, wenn Du von den Tieren menschliche Stimmen
verlangst, und nicht auf ihre eigenen achtest. Doch das
muß einer ausführlicheren Untersuchung vorbehalten bleiben.
8. Du bringst darauf „das Beispiel vom Wachs" und
bemühst Dich dabei umständlich darzulegen, „daß die so-
genannten Accidentien (accidentia) des Wachses scharf zu
trennen seien von dem Wachs selber und seiner Substanz
(substantia), und | daß es allein des Geistes und des Ver- [378
Standes, nicht aber der Empfindung oder der Einbildung
bedürfe, das Wachs an sich oder seine Substanz deutlich
zu erfassen". Erstens aber ist das just das, was jeder all-
gemein zugibt, daß man nämlich die Wahrnehmung des
Wachses oder seiner Substanz von den Wahrnehmungen
der Accidentien sondern kann. Wird aber deshalb die Sub-
stanz selbst oder die Natur des Wachses deutlich begriffen ?
Wir begreifen zwar, daß es außer der Farbe, Gestalt,
Schmelzbarkeit usw. etwas geben muß, das die Grundlage
der beobachteten Accidentien und Veränderungen ist. Doch
was es denn nun eigentlich oder wie beschaffen (quäle) es
ist, das wissen wir nicht. Es bleibt doch immer versteckt,
und nur gewissermaßen durch eine Vermutung (coniiciendo)
glaubt man, es müsse etwas*) dahinter stecken. Daher
wundere ich mich, wie Du sagen kannst. Du erfaßtest nach
Abzug dieser Erscheinungsformen, die man mit Hüllen ver-
gleichen könnte, vollkommener und deutlicher, was das
Wachs ist. Ja, Du begreifst zwar, daß das Wachs und seine
Substanz etwas sein müsse neben diesen Erscheinungsfor-
men; aber was das ist, das begreifst Du nicht — wenn Du
pich nicht selbst täuschen willst. Das enthüllt sich näm-
lich Dir nicht in der Weise wie es ,bei einem Menschen
möglich ist, von dem wir zuerst nur Kleider und Hut erblickt
haben, bis wir ihm das abziehen, um zu erkennen, wer oder
was für einer er ist. | Dann ferner, da Du meinst. Du könn- [379]
*) im Französischen: „eine Substanz (sujet) vorhanden sein,
die als Stütze und Grundlage für alle Veränderungen des Wachses
dienen kann.
i
I
i
Descartes, Meditarionen.
test das in jeder beliebigen Weise erfassen, so frage ich
Dich, in welcher Weise Du es denn erfassest? Doch wohl
wie etwas Gegossenes und Ausgedehntes? Denn als einen
Punkt erfassest Du es doch nicht, obwohl es derart ist, daß
CS bald eine größere, bald eine kleinere Ausdehnung hat.
Und da eine derartige Ausdehnung nicht endlos ist und eine
Grenze hat, fassest Du jenes Etwas nicht auch auf als ge-
staltet in irgendeiner Weise? Und da Du doch die Vor-
stellung hast, Du sähest das gewissermaßen, stellst Du Dir
nicht dabei außerdem irgendeine wenn auch noch so ver-
schwommene Farbe vor? Du fassest es doch sicherlich
mehr körperhaft und ebenso mehr sichtbar als das reine
Nichts l Daher ist auch Dein verstandesmäßiges Begreifen
eine Art Einbildung. Wenn Du sagst, Du faßtest es ohne
jede Ausdehnung, Gestalt und Farbe auf, dann — verzeihe
mir — aber sage mir doch, in welcher Art denn also?
Was Du da sagst „von den Menschen, die wir sehen
oder mit dem Geiste erkennen, obwohl wir nur ihre Hüte
oder Kleider erblicken**, so beweist das nicht, daß der Geist
es eher sei als die Einbildung, die urteilt. Jedenfalls urteilt
auch der Hund, dem Du doch nicht einen dem Deinen
gleichen Geist zugestehst, auf ähnliche Weise, so oft er nicht
seinen Herrn, sondern nur den Hut oder die Kleider sieht.
[380] Ja, was sagst Du dazu ? Mag der Herr stehen, sitzen, | liegen,
sich zurücklehnen, zusammenkauern oder ausstrecken, er
erkennt doch immer den Herren, der unter allen diesen Er-
scheinungsformen stecken kann, wo er doch unter einer
nicht mehr steckt, als unter einer anderen, ganz wie das
Wachs. Und so oft er einen laufenden Hasen jagt und ihn
zuerst unversehrt, dann tot, und hernach abgezogen und in
Stücke zerlegt sieht, glaubst Du, er meint nicht, daß es
immer derselbe Hase sei? Wenn Du dann weiter sagst,
,,die Wahrnehmung der Farbe, Härte und ähnlicher Eigen-
schaften sei nicht ein Sehen, ein Berühren, sondern eine
Einsicht einzig und allein des Verstandes" -— das mag so
sein, wofern sich nur der Verstand von der Einbildungskraft
dem Wesen nach nicht unterscheidet. Wenn Du aber hinzu-
fügst, „diese Einsicht könne unvollkommen und verworren
oder vollkommen und deutlich sein, je nachdem man mehr
Fünfte Einwände.
249
oder weniger die Aufmerksamkeit auf die Bestandteile des
Wachses richtet", so ist das ein schlagender Beweis, daß
nicht die Einsicht durch den Verstand in das Wesen jenes
ungewissen Etwas, das neben allen Erscheinungsformen be-
steht, eine klare und deudiche Erkenntnis des Wachses
ist, sondern die durch die Sinne gewonnene Einsicht in
möglichst alle Attribute und Verändenmgen, deren das Wachs
fähig ist. Hieraus werden wir mit Sicherheit erfassen und
entwickeln können, was | wir unter dem Worte Wachs ver- [381]
stehen; aber jene nackte, oder besser gesagt verborgene
Substanz können wir weder selbst erfassen noch anderen
auseinandersetzen.
9. Sodann fährst Du fort : „Was aber soll ich von die-
sem Geiste selbst oder von meinem Ich sagen, denn bis jetzt
rechne ich nichts anderes zu mir selbst als meinen Geist?
Ich, der ich dieses Wachs so deutlich zu erkennen meine,
soUte ich nicht mich selbst noch viel wahrer, viel gewisser
nicht nur, sondern auch viel deutlicher und einleuchtender
erkennen? Denn wenn ich urteile, daß das Wachs existiert
eben deshalb, weil ich es sehe, um wieviel mehr muß ich
urteilen, daß ich existiere? Denn es kann sehr wohl sein,
daß dies, was ich sehe, nicht wirklich Wachs ist. Es kann
sogar sein, daß ich überhaupt keine Augen habe, etwas zu
sehen. Aber es ist offenbar unmöglich, daß, während ich
sehe, oder — was ich für jetzt nicht unterscheide — während
ich das Bewußtsein habe zu sehen, ich selbst, der ich dies
Bewußtsein habe, nicht irgend etwas bin. In ähnlicher
Weise, wenn ich urteUe, daß das Wachs existiere, weU ich
es betaste, so folgt daraus wiederum dasselbe, nämlich, daß
ich bin. Oder wenn daraus, daß ich es in der Einbüdung
habe, oder aus sonst irgendeinem Grunde, so folgt offen-
bar wieder dasselbe. Ich kann aber eben das, was ich hier
vom Wachs bemerke, auch auf alles übrige, was außer mir
ist, anwenden." Soviel Worte brauchst Du hier, die ich
deshalb | wieder hersetze, damit Du bemerkst, daß sie zwar [ö«^J
beweisen, daß Du deudich erkennst, daß Du existierst, und
zwar daran, daß Du deutlich siehst oder erkennst, daß das
Wachs existiert und seine Accidentien, — daß sie aber nicht
beweisen, daß Du deshalb erkennst, wer oder welcher Art
250
Descartes, Meditationen.
Du bist, weder deutlich, noch undeutlich. Und das hätte
sich doch noch verlohnt; denn daß Du existierst, daran
zweifelt niemand. Beachte dabei, wie ich hier nicht auf
den Widerspruch eingehe, wie ich auch früher nicht auf
ihn eingegangen bin, der darin liegt, daß Du zwar nichts
anderes zu Dir selbst rechnest als den Geist allein und des-
halb Augen, Hände und die übrigen körperlichen Organe
ausschließest, dann aber nichtsdestoweniger von dem Wachs
und seinen Accidentien sprichst, welche Du, wie Du sagst,
siehst, berührst usw., und die Du tatsächlich weder ohne
Augen sehen noch ohne Hände berühren kannst — oder, um
mit Dir zu reden, weder das Bewußtsein haben kannst zu
sehen noch zu berühren.
Weiter heißt es bei Dir: „Sollte aber weiterhin die Er-
kenntnis des Wachses nur darum deutlicher scheinen, weil
es mir nicht nur durch das Gesicht, oder durch den Tastsinn,
sondern durch eine Reihe von Ursachen bekannt geworden
ist, um wieviel deutlicher muß, wie man zugeben wird, ich
jetzt mich selber erkennen, da dieselben Gründe, die zur
Erkenntnis des Wachses oder irgendeines sonstigen Kör-
pers beitragen, alle noch besser die Natur meines Geistes
KS3] beweisen?" | Allein, wie das, was Du über das Wachs aus-
geführt hast, nur die Erfassung der Existenz Deines Geistes
dartut, aber nicht die seiner Natur, ebensowenig werden es
alle anderen Dinge dartun. Wenn Du aber außerdem etwas
aus der beobachteten Substanz des Wachses und der anderen
Dinge herleiten willst, so kannst Du daraus keinen anderen
Schluß ableiten, als daß, wie wir jene Substanz nur ver-
worren und als ich weiß nicht was erfassen, so auch der Geist
erfaßt werde, so daß man mit Recht wiederholen darf, was
Du ausgesprochen hast: „jenes ich weiß nicht was von Dir**.
Du schließest mit den Worten: „Und sieh dal So bin
ich schließlich ganz von selbst dahin gekommen, wo ich
hmaus wollte. Denn da ich jetzt weiß, daß ja selbst der
Geist und die Körper*) nicht eigentlich durch die Sinne
oder durch die Fähigkeit der Einbildung, sondern emzig
Fünfte Einwände.
251:
♦) bei Descartes steht „ipsamet corpora" (selbst die Körper),
während Gassendi schreibt: „ipsam mentem et corpora'M
und allein durch den Verstand erfaßt werden, auch nicht
dadurch, daß man sie betastet oder sieht: so erkenne ich
ganz offenbar, daß ich nichts leichter und augenscheinlicher
erfassen kann — als meinen Geist.'* So sagst Du! Ich sehe
aber nicht, woher Du herleitest oder ganz offenbar erkennst,
daß Du etwas anderes über Deinen Geist ermitteln kannst,
als daß er existiert. Daher sehe ich auch nicht, was hin-
sichtlich dessen geleistet ist, was Du in der Überschrift der
Meditation selbst versprochen hattest, der menschliche Geist
würde durch sich selbst als leichter erkennbar als der Kör-
per erwiesen werden. Denn es war ja doch nicht Deine Ab-
sicht I darzutun, daß der menschliche Geist existiert und [3841
seine Existenz leichter erkennbar ist als die Existenz des
Körpers — denn ob er ist oder existiert, wird im Grunde von
niemand in Frage gezogen — sondern Du hattest die Ab-
sicht, festzustellen, daß seine Natur leichter erkennbar ist
als die Natur des Körpers, und das hast Du doch nicht ge-
leistet. Freüich, was wir alles über die Natur des Körpers
erkennen, das hast Du selbst, verehrter Geist, durchmustert,
die Ausdehnung, die Gestalt, die Raumerfüllung usw. Doch
was hast Du denn nun eigentlich über Dich selbst gesagt?
Du bist nicht ein körperliches Gefüge, nicht Luft, nicht
Wind, nicht ein wandelndes oder fühlendes Ding oder sonst
etwas : das alles zugegeben — und doch hast auch Du einige
Punkte davon abgelehnt — , das ist doch nicht das, was wir
erwarten. Das sind doch alles Negationen, imd man fragt
nicht, was Du nicht bist, sondern was m aller Welt Du bist.
Daher bringst Du uns als Resultat wieder. Du seiest „ein
denkendes Ding, d. h. ein zweifelndes, bejahendes" usw.
Doch erstensmal zu sagen, Du seiest „ein Ding'*, heißt
etwas sagen, womit man nichts anfangen kann. Das ist näm-
lich so eine allgemeine, imbestimmte, nichtssagende Be-
zeichnung, die Dich nicht mehr angeht, als alles in der
ganzen Welt, als alles, was nicht geradezu nichts ist. Du
bist ein Dmg? Das heißt. Du bist nicht nichts, oder, was das-
selbe ist. Du bist etwas : aber | ein Stein ist auch nicht nichts [385]
oder Etwas imd ebenso die Fliege und alles andere. Ferner,
wenn Du Dich als „denkend" bezeichnest, da sagst Du zwar
etwas, was man versteht, was doch aber früher nicht un-
158
Descartes, Meditationen.
bekannt war und was man von Dir auch gar nicht verlangte.
Denn wer möchte daran zweifeln, daß Du ein denkendes
Wesen bist? Was sich uns entzieht und was man doch
wissen möchte, das ist Deine innerste Substanz, deren Eigen-
tümlichkeit es ist, zu denken. Daher hättest Du Unter-
suchung und Schlußfolgerung nicht auf die Erkenntnis rich-
ten sollen, daß Du ein denkendes Ding bist, sondern auf die
Frage, was Du, der Du ein denkendes Wesen bist, für ein
Ding bist. Oder, wenn man Dich nach dem nicht nur land-
läufigen Wissen, was Wein sei. fragte, da wird es nicht ge-
nügen, wenn Du sagst, Wein ist eine Flüssigkeit, aus Trau-
ben gepreßt, weiß oder rot, angenehm schmeckend, be-
rauschend usw., sondern Du wirst versuchen, auf jede Weise
seine innere Beschaffenheit zu erforschen und klarzustellen,
so wie man beobachtet, daß er aus Weingeist, schleimartiger
Flüssigkeit (phlegma), Weinstein und den übrigen Teilen,
in dieser oder jener Quantität und Massen Verhältnis mit-
einander vermischt, zusanmiengesetzt ist. In derselben Weise
also, wenn man nach dem nicht nur landläufigen, d. h. bis-
her allgemein verbreiteten Wissen über Dich fragt, da
siehst Du unzweifelhaft, daß es nicht genügt, wenn Du uns
berichtest. Du seiest ein Ding, das denkt, zweifelt, ein-
sieht usw.; nein, auf Dich selbst hättest Du Dich werfen
[386] müssen, um | gewissermaßen nach chenüscher Methode Dich
selbst so zu analysieren, daß Du uns Deine innere Substanz
aufdecken und vorzeigen konntest. Fürwahr, wenn Du das
leistest, werden wü: selbst ermitteln, ob Du leichter erkenn-
bar bist als der Körper selbst, dessen Beschaffenheit die
Anatomie, die Chemie und so viele andere Wissenschaften,
so viele Wahrnehmungen und Experimente reichlich er-
Gegen die dritte Meditation. Über das Dasein
Gottes.
1. In Betreff der dritten Meditation: Aus der Über-
zeugung, daß die klare und deutliche Erkenntnis jenes
Satzes, „ich bin ein denkendes Ding'*, der Grund für die
Gewißheit, die Du über diesen Satz besitzest, sei, leitest Du
Fünfte Einwände.
35S
das Recht ab, die folgende allgemem-gültige Regel aufzu-
stellen : „Alles das ist wahr, was ich recht klar und deutlich
erfasse'*. Im übrigen, mag man auch bisher keine bessere
Regel bei so undurchdringlicher Finsternis in allen Dingen
haben finden können — da wir dennoch sehen, daß so her-
vorragende Geister, die 4och das meiste wohl hätten klar
und deutlich erfassen müssen, der Meinung gewesen sind,
daß die Wahrheit | über die Dinge entweder in Gott oder [387]
in einem Brunnen verborgen sei, ist da nicht der Verdacht
gerechtfertigt, daß die Regel vielleicht trügerisch ist ? Und
sicherlich, da Dir ja die Argumente der Skeptiker sehr wohl
bekannt sind: für welche Wahrheit könnten wir, gewisser-
maßen als für ein klar und deutlich Erfaßtes, einstehen,
außer dem, daß die Dinge als das erscheinen, als was sie
emem jeden erscheinen? Ich nehme zum Beispiel den Ge-
schmack der Melone klar und deutlich als angenehm wahr;
daher ist es wahr, daß der Geschmack der Melone mir als
ein solcher erscheint. Aber wie soll ich zu der Überzeugung
gelangen, daß es deshalb wahr sei, daß ein solcher Ge-
schmack an der Melone selbst hafte, wo ich doch, als ich
noch Knabe und ganz gesund war, anders geurteilt habe,
selbstverständlich, weil ich klar und deutlich einen anderen
Geschmack an der Melone wahrnahm. Ich sehe, daß es
auch vielen Menschen anders erscheint, und sehe, auch
vielen Tieren, die einen sehr feinen Geschmack haben und
kerngesund sind. SoUte etwa das eine Wahre dem anderen
widersprechen? Oder vielmehr: nicht deshalb, weil irgend
etwas klar und deutlich erfaßt wird, ist es an sich wahr, son-
dern wahr ist es nur, weil es klar und deutlich nach seiner
Beschaffenheit wahrgenommen wird ? Nahezu dasselbe muß
man über das, was sich auf den Geist bezieht, sagen. Ich
hätte geschworen, man könne von einer kleineren Menge
zu einer größeren Menge | nur gelangen durch Übergang [388]
durch eine gleiche, ebenso zwei Gerade, die sich fort-
während einander nähern, müßten, wenn sie bis ins Un-
endliche verlängert würden, unbedüigt einmal ineinander-
laufen. Ich glaubte nämlich, diese Tatsachen so klar und
deutlich wahrzunehmen, daß ich sie für die wahrsten und
unzweifelhaftesten Axiome hielt. Und dennoch waren her-
\c
954
i
Descartes, Meditationen.
nach Argumente vorhanden, die vom Gegenteil überzeugten,
gleichsam als ob es noch klarer und deutlicher wahrge-
nommen würde. Jetzt aber bin ich wieder im Zweifel, wenn
ich meine Aufmerksamkeit auf die Natur der mathema-
tischen Voraussetzungen richte. Daher kann man einerseits
zwar behaupten, es sei wahr, daß ich die und die Voraus-
setzungen erkenne, je nachdem ich nun voraussetze oder
begreife, daß sich die Menge, die Geraden usw. so ver-
halten; anderseits kann man doch nicht mit Sicherheit be-
haupten, daß diese darum an sich wahr sind. Und mag es
mit den mathematischen Dingen stehen, wie es will, ich bitte
Dich hinsichtlich der übrigen Dinge, um die sich nunmehr
die Frage dreht, woher gibt es denn soviel verschiedene
Meinungen unter den Menschen? Jeder glaubt, klar und
deutlich die zu erfassen, die er verteidigt. Und damit Du
nicht einwendest, die meisten beharrten nur hartnäckig bei
falscher Meinung oder verstellten sich — sieh dochl, es gibt
Leute, die für ihre einmal | gefaßten Meinungen selbst in
den Tod gehen, obwohl sie andere für die entgegengesetzten
sterben sehen. Denn Du glaubst doch wohl nicht, daß man
selbst dann noch im tiefsten Innern sich verstellt?
Auch berührst Du wenigstens selbst die Schwierigkeit,
„daß Du früher vieles als durchaus gewiß und augenschein-
lich hast gelten lassen, was Du später als zweifelhaft er-
tappt hast*. Doch an dieser Stelle hebst Du weder die Regel
auf, noch bekräftigst Du sie. Vielmehr haschest Du nur
nach einer Gelegenheit, über die Ideen Dich zu verbreiten,
betreffs derer Du Dich wohl hättest irren können, da sie ge-
wisse Dinge außer Dir vorstellen, die dennoch außer Dir viel-
leicht nicht sind, und wiederum handelst Du von dem be-
trügerischen Gotte, von dem Du Dich hättest täuschen lassen
können über jene Annahmen: „2 + 3 = 5, das Quadrat hat
nicht mehr Seiten als vier", wodurch Du doch wohl an-
deuten willst, daß man auf die Begründung Deiner Regel
warten müsse, bis Du das Dasein Gottes erwiesen hast, der
kein Betrüger sein kann. Und doch, um das vorauszu-
schicken, brauchst Du Dich nicht so zu bemühen, diese
Regel zu begründen, (bei der die Gefahr so sehr groß ist,
daß man etwas Falsches statt Wahrem gelten läßt,) als viel-
Fünlte Einwände.
256
mehr die Methode aufzuweisen, die uns lenkt und lehrt,
wenn wir uns im Irrtum befinden oder nicht, so oft wir mei-
nen, I etwas klar und deutlich zu erfassen. [390]
2. Du unterscheidest sodann unter den „Ideen" (die Du
als Bewußtseinsinhalte [cogitationes] aufgefaßt wissen willst,
während sie doch gleichsam Büder sind) „eingeborene, von
außen gekommene und selbst gemachte". Und zwar rech-
nest Du zur ersten Gruppe, „daß Du einsiehst, was ein Ding,
was Wahrheit, was Bewußtsein ist", zur zweiten, „daß Du
ein Geräusch hörst, die Sonne siehst, die Wärme des Feuers
wahrnimmst", zur dritten, „daß Du Sirenen und Hippo-
gryphen Dir ausdenkst". Und Du fügst hinzu, „daß mög-
licherweise alle von außen gekommen, oder alle eingeboren,
oder alle selbst gemacht sein könnten, solange Du nämlich
ihren wahren Ursprung nicht klar durchschaut hast". Nun
aber, damit nicht etwa, bis Du ihn durchschaut hast, ein Irr-
tum unterlaufe, möchte ich bemerken, daß alle Ideen von außen
gekomnien zu sein scheinen, oder von Dingen, die außer
dem Geiste selbst existieren und in den Bereich irgendeines
Sinnes fallen, auszugehen scheinen. Selbstverständlich hat
der Geist das Vermögen (oder vielmehr ist selbst das Ver-
mögen), nicht allem die von außen konamenden Ideen selbst
oder die, die er von den Dingen durch die Suine übermittelt
empfängt, deutlich zu erkennen; zu erkennen, sage ich, als
nackt und deutlich imd überhaupt von der Beschaffenheit,
nach der er sie in sich aufnimmt, sondern außerdem sie in
mannigfaltiger Weise zusammenzusetzen, zu zerlegen, zu ver-
engern, zu erweitem, zu vergleichen | und ähnliches derart. [391]
So betrachtet ist wenigstens die dritte Art Ideen nicht
zu unterscheiden von der zweiten. Denn die Idee der Chi-
märe ist nichts anderes, als die Idee des Löwenkopfes, des
Ziegenleibes, des Schlangenschwanzes, aus denen der Geist
Eine zusammensetzt, während sie getrennt oder einzeln von
außen gekommen sind. So ist auch die Idee des Giganten,
oder eines Menschen von der Gestalt, der der Begriff
eines Berges oder der ganzen Welt zugrunde gelegt ist,
nichts anderes, als eine von außen gekommene, etwa die
Idee eines Menschen von gewöhnlicher Größe, die der Geist
nach Belieben erweitert, wenngleich um so verworrener, je
Detcartet, Mediutio&«ii. |7
I
I
256
Descartes, Meditationen.
weiter er sie faßt. So ist die Idee der Pyramide, der Stadt
oder eines anderen nie geschauten Dinges nichts anderes,
als eine von außen gekommene, von einer vorher geschauten
Pyramide, Stadt oder einem anderen Dinge, nur in mancher
Beziehung abgeändert, und demgemäß durch eine gewisse
komplizierte Denkoperation vervielfältigt und verglichen.
Was die Bilder (species) betrifft, die Du als eingeborene
bezeichnest, die gibt es wohl tatsächlich gar nicht, und alle,
die als solche bezeichnet werden, gehen wohl auch auf
fremde Erwerbung zurück. „Ich habe", sagst Du, „aus
meiner eigenen Natur, daß ich einsehe, was ein Ding ist."
Ich glaube aber, Du willst nicht über die Fähigkeit selbst,
etwas einzusehen, sprechen, an der weder etwas zweifelhaft
noch fraglich ist, sondern vielmehr über die Idee des
[392] Dinges. | Du sprichst auch nicht über die Idee irgendeines
besonderen Dinges — denn die Soime, dieser Stein, alles
Besondere sind Dinge, deren Ideen nach Deiner Darstellung
nicht eingeborene sind. Du sprichst also über die Idee des
Dinges, im allgemeinen betrachtet, und ganz so, wie sie mit
dem Seienden gleichbedeutend ist, und sich ebensoweit er-
streckt. Ich bitte Dich aber, wie kann diese Idee im Geiste
vorhanden sein, ohne daß gleichzeitig so viel Einzeldinge
und ihre Arten (genera) vorhanden sind, aus denen der Geist
den Begriff abstrahieren und bilden kann, der keinem von
allen Einzeldingen eignet und doch auf alle paßt? Sicher-
lich, wenn die Idee des Dinges eingeboren ist, wird auch
die Idee des Tieres, der Pflanze, des Steines, überhaupt
aller Allgemeinbegriffe (universales) eingeboren sein. So
wird es sich erübrigen, daß wir uns mit der Unterscheidung
mehrerer Einzeldinge abmühen, um nach Abstrich der ver-
schiedenen Unterschiede nur das übrig zu behalten, was
allen gemeinsam zu sein scheint, oder, was dasselbe ist, die
Idee der Art.
Du sagst auch, „Du hättest aus Deiner eigenen Natur,
daß Du einsähest, was Wahrheit sei*', oder, wie ich es aus-
lege, „daß Du die Idee der Wahrheit begriffest". Nun
aber, wenn die Wahrheit nichts anderes ist, als die Überein-
stimmung eines Urteils mit dem Dinge, über das das Urteil
ausgesprochen wird, dann ist die Wahrheit gewissermaßen
Fünfte Einwände.
257
eine Beziehung und infolgedessen n'irht. U/ u- .
den Dingen und der Idefsdbst wl '^^''"^'"^^^^^ ^^" [^93]
glichen werden, oder wLi. 1.7 ''^ miteinander ver- ^
Sache selbst, die k sir^nnH h A''' ^^'^ ^^^ ^^^^ ^er
schaffenheit ver^einwSi^r n f ^^^^ ^"^^ ^^^^^^ ^-'
Wahrheit keine'anir^ die^re des'n' '^^ '''' '''
sie ja mit dem Dinee üh^in.l . Dm^es, insofern
schaijnheit ve JleVn^Sr Tda^YnSS' """^ ^^-
die Idee des Dinees nirht 1 s-o aaö intolgedessen, wenji
gekcnmen ist auch dif Idee le'r TA T'"" ^«" ^"ß^
kommen, nich eingeboren ist Un^H '" T ^"'^"^ S^'
ieder bel.ebigen fiLeSrh it dnsiett IT ^'" '" '^''^"
«m aUgemeinen in betreff deJ W k k " '"^" ^' ^"«^^
Kenntnis oder Idee ftne Ih ^t '"'"'" ^^'^'^hen, deren
Dinges ausgeführt LbTals den ^^^°'l/'^^"- ^'e Idee des
Ideen der Einzeidinget^nnt" S""^" ^""'«^^ ^'^^ ^^
^ ß ^" ^^^^' '^^™^''' "Du hättest aus Deiner ^.V,.. m
daß Du emsähest, was Denken se?"rich set . H f " '"'
„die Idee des Denken«-» tJ l • ^ ^^^^^ immer
Idee einer Stadt sich L -^h' • ^' '^'' ^^'^' ^"« der
kann er aus der dee eint hZ^" ^'^''■^" '^''^^^> ^^
oder Schmeckens di^ tT "^"'^'""^' ^'^ der des Sehens
spiel die dL Denkens shs^Ma^^t^^^ l""'^"' ^"^ ^^-
gewisse Analogie Ewfsch^^n H. ^ ? ^"'^'^' "ä'^'^h eine
die eine führt Tekht zur Kennf- ^rJ^^-^'^i^fähigkeiten, und
her braucht m::i1lrumT "L'e'd^^'Ek'"''^^; ^^^
sehr zu bemühen • vi^irr,«!, ^ i Denkens nicht so
selbst I undTet^nde^stm'diit; SeTe 'd "^^ ''' ^^^^'^"^
geben werden, daß die ZZlh , ^^"" ^'^"^ ^''- ^"- [39 J i
Wege stehen, zuSgeien S Zh^h" '?/ ""'^ "'^'^'^ '-
eingeboren is . D^rmilß m.n u'^J^ ^'^^^ "^^ ^^^^kens
Sadie über den Gdst sISf.f h ^".'^ ^'^"^ ^^^"^"' ^^ die
3. Weiter ha?e den aL^.?' '^'', ^'t^^ ^'^''''^ ^''■
Zweifel ziehst ob LZ f k r",' ^' ""^ ^" ""''^h' ^^^ '"
befindlichen Di^gerheSä' T ''"' ^^" ^^«^^ D'^
haupt irgendwdcL aiiieTorb^r^th" n"''' '\'' "''^^-
dementsprechend «ehst Du woÄ'^f^^' ^''''"- ^nd
Ideen von sogenannten außJn befSibcSf n" '"^'^'^ ^"'^
vorhanden ... so beweisen die lÄt^ „SS^; £j
17«
258
Descartes, Meditationen.
'
Fünfte Einwände.
die Dinge existieren, da sie ja nicht notwendig von ihnen
selbst herzurühren brauchen, sondern sie könnten auch von
Dir stammen oder auf sonst irgendeine andere Weise zu-
stande kommen". Über diese Frage hast Du, glaube ich,
oben gesagt, „Du hättest ehemals nicht Erde, Himmel, Ge-
stirne erfaßt, sondern die Ideen von Erde, Himmel und
Gestirnen, von denen die Täuschung stammen könnte".
Wenn Du also noch nicht glaubst, daß Erde, Himmel, Ge-
stirne und alles übrige existiert, wieso, bitte schön, wandelst
Du denn auf der Erde, oder bewegst den Körper vorwärts,
um die Sonne zu sehen? Wieso bringst Du ihn ans Feuer,
um die Wärme zu spüren? Wieso zum Tische oder zur
Speise, um den Hunger zu stillen? Wieso bewegst Du die
Zunge, um zu sprechen, oder die Hand, um dies an mich
zu schreiben? Gewiß — aussprechen kann man das, was
[395] Du da sagst, oder spitzfindig | ausdenken ; aber die Sache
fördert das nicht im geringsten. Und da Du in Wirklichkeit
gar nicht zweifelst, daß es diese Dinge außer Dir gibt, so
wollen wir im Ernst und ohne Rückhalt verhandeln und,
wie die Dinge liegen, so auch sprechen. Wenn Du aber,
die Existenz der außer Dir befindlichen Dinge vorausge-
setzt, meinst, es sei ausreichend dargetan, daß wu- nicht
von ihnen die Ideen entnehmen könnten, die wir von ihnen
besitzen, dann mußt Du nicht allein die Gründe, die Du
selbst gegen Dich anführst, sondern auch die, die sonst da-
gegen angeführt werden können, entkräften.
So nämlich setzest Du hinzu, „man lasse sich gewisser-
maßen die Auffassung gefallen, die Ideen rührten von den
Dingen her, weU uns das die Natur zu lehren scheint, und
weil wir die Erfahrung machen, daß sie von uns oder unse-
rem Wülen nicht abhängig sind". Doch um weder von den
Gegengründen noch von den Lösungen zu sprechen — man
hätte unter anderem auch einwenden und eine Erklärung
dafür finden müssen, wie es kommt, daß in einem blind
Geborenen keine Idee der Farbe oder in einem Taub-
stummen keine Idee der Stimme vorhanden ist; doch wohl
nur deshalb, weü diese atißer ihm befindlichen Dinge nicht
aus sich in den Geist jenes Unglücklichen irgendein Abbild
von «ich hineingelangen lassen konnten, weü die Pforten
259
^Wr'^^-^^^^'^ an geschlossen und für die Übermittlung
w^n slt"^^ ''' ^^'^ ^^' davorgeschoben J-
Weiter legrst Du zu großes Gewicht auf „das Beisoiel
von der Sonne; von der es zwei Ideen gibt -"^ eb" aus
den S-rmen geschöpft nach der sie nämlich klein erscheint
,,,Lt "^•T/^"'^"^^*'"""^^" d^' Astronomie, der- [3961
zufolge sie s,ch als ungeheuer groß erweist - hierbei kommt ^
die der W^rhe.t näher, die nicht aa. den Simien her-
geleitet, sondern aus eingeborenen Begriffen gewonnen oder
To/"^M u"^''/P'^^''^" ^^'^^ ™^*^d« gekommen ist".
Tatsächlich smd jene beiden Ideen von der Sonne ihr ähn-
lich und smd wahr oder stimmen mit der Sonne überein
nur die eine mehr, die andere weniger, gerade so, wie zwei
Ideen eines und desselben Menschen, die eine bei zehn
bchntt, die andere bei hundert oder tausend Schritt Ent-
fernung gebildet, ähnlich und wahr oder übereinstimmend
smd; doch jene mehr, diese weniger, weil jene, die aus ge-
ringerer Entfernung kommt, weniger Einbuße erleidet die
M^R^^rff 'T/"'^"™""^ ^°"'"''' ^^'' i" stärkerem'
Maüe (Daß sich das nur, wenn es ginge, mit kurzen Wor-
faLn^ ^"""^ ^" '^"'"^"^ ^' '^^^'^ "'<^^* '^^^^
Was das aber anbetrifft, daß wir durch den Geist aUein
jene ungeheure Idee von der Sonne erfassen sollen: so wird
sie doch nicht deshalb aus einem gewissen eingeborenen
Begriff genommen, sondern die, die durch den Sinn auf-
genommen wird, wird mit Rücksicht darauf, daß die Er-
fahrung lehrt und die auf ihr aufgebaute Überlegung be-
stätigt, daß entfernte Dinge kleiner erscheinen, als sie selbst
wenn sie in der Nähe sind, durch eigene Kraft des Geistes'
vergrößert im Verhältnis zum Abstand der Sonne von uns,
die feststeht, und zu ihrem Durchmesser, mit dem sie
soundso vielen Halbmessern der Erde gleichkommt.
Und willst Du einsehen, warum nichts von dieser Idee
uns von Natur eingepflanzt ist ? Dann suche sie doch ein-
mal m einem Blindgeborenen I Du wirst erstens die Er-
Vn^^I machen, I daß sie in seinem Geiste weder mit einer [397]
Vorstellung von emer Farbe noch einer Lichterscheinung
i .i;i
260
Descartes, Meditationen.
verbunden ist; dann wirst Du die Erfahrung machen, daß
sie auch nicht den Begriff eines runden Körpers enthält, es
sei denn, daß ihn einer darauf aufmerksam gemacht hat
und er selbst früher einen runden Körper mit den Händen
betastet hat; Du wirst endlich die Erfahrung machen, daß
sie nicht den Begriff solcher Ausdehnung enthält, es sei
denn, daß er sie vorher empfangen und auf Grund eigener
Überlegung oder fremder Autorität ausgedehnt hat.
Und doch — um das einzuschalten — ich bitte Dich,
wir selbst, die wir so oft die Sonne erblickt, so oft ihren
scheinbaren Durchmesser beobachtet und so oft ihren wah-
ren berechnet haben, ich bitte Dich, haben wir denn eine
andere Vorstellung (imago) von der Sonne, als die land-
läufige? Wir schließen zwar durch Berechnung, daß die
Sonne 160 und mehrmal so groß ist als die Erde; aber
haben wir deshalb eine Idee (idea) von einem so ungeheuren
Körper? Wir dehnen freilich diese durch die Sinne emp-
fangene Vorstellung, soweit wir können, aus, wir strengen den
Geist, soweit wir können, an, aber wir machen uns doch
nichts anderes als reine Schattengebilde vor, und so oft wir
einen deutlichen Begriff von der Sonne haben wollen, muß
der Geist zu dem Bilde (species), das er durch Vermittlung des
Auges empfangen hat, zurückkehren. Es genügt ihm, wenn
er nicht dawider streitet, daß die Sonne | in Wirklichkeit
größer ist und daß, wenn das Auge näher herangebracht
werden könnte, er eine umfassendere Idee würde gewinnen
können; und inzwischen begnügt er sich doch mit der Idee,
die seine Sinne ihm darbieten, und betrachtet sie so, wie
sie ist.
4. Indem Du dann eine Ungleichheit und Verschieden-
heit der Ideen anerkennst, sagst Du : „Ohne Zweifel sind die,
welche nur Substanzen darstellen, etwas mehr und enthalten
sozusagen mehr objektive Realität in sich, als die, welche
nur Modi oder Accidentien darstellen, und wiederum ent-
hält die Idee, durch welche ich einen höchsten Gott denke,
der ewig, unendlich, allmächtig und der Schöpfer aller außer
ihm vorhandenen Dinge ist, wahrlich mehr objektive Reali-
tät in sich, als die Ideen, durch welche endliche Substanzen
sich darstellen". Du schreitest hier mit einem gewaltigen
Fünfte Einwände.
261
Schritte vorwärts. Daher muß man Dich etwas anhalten
Und zwar stutze ich nicht über das, was Du „objektive
Realität" nennst; es ist mir genug, daß Du, da man all-
gemein sagt, die äußeren Dinge seien subjektiv oder formal
an sich selbst, objektiv oder ideal aber im Verstand wohl
nichts anderes sagen wiUst, als daß die Idee mit dem Dinge,
dessen Idee sie ist, übereinstimmen müsse, so daß sie dar-
stellend (repraesentative) nichts enthält, was nicht tatsäch-
lich in der Sache selbst vorhanden wäre, und | um so mehr [3991
Realität darstellt, je mehr Realität das dargestellte Ding
in sich enthielt. Du unterscheidest allerdings gleich danach
die objektive Realität von der formalen, die, wie ich es
auslege, wohl die Idee selbst ist, nicht sofern sie etwas dar-
stellt, sondern selbst ein gewisses Sein (entitas) ist. Im
ubngen steht fest, daß, sei es nun die Idee oder Üire ob-
jektive Realität, nicht zu messen ist an der ganzen formalen
Realität des Dinges, d. h. der, die das Ding in sich selbst
hat, sondern nur an dem Teü, von dem der Verstand Kennt-
nis erhalten hat, oder, Weas dasselbe ist, an der Kenntnis,
die der Verstand über das Ding besitzt. So nämlich wird
man sagen, daß die vollendete Idee des Mannes in Dir
vorhanden sei, den Du aufmerksam und öfters und von allen
Seiten ringsherum betrachtet hast; aber von dem, den Du
nur im Vorbeigehen, den Du nur einmal, nur teüweise ge-
sehen hast, wird sie in der Tat unvollkommen sein. Denn
wenn Du nicht den Menschen selbst, sondern eine über das
Gesicht gezogene Maske und die überall den Körper ver-
hüllenden Kleider betrachtet hast, dann muß man entweder
sagen, in Dir sei keine Idee von ihm vorhanden, oder, wenn
es überhaupt eine ist, sie sei ganz unvollkommen und höchst
verworren.
Daher sage ich, man besitze zwar eine genaue und echte
Idee der Accidentien; | aber von der unter ihnen verborgenen [400]
Substanz höchstens nur eine verworrene und willkürlich ge-
büdete. Wenn Du daher sagst, „es sei mehr objektive
Realität in der Idee der Substanz, als in der Idee der Ac-
cidentien", dann muß man wohl erstens bestreiten, daß es
eine wahre Idee oder VorsteUung (repraesentatio) der Sub-
stanz und deshalb auch irgendeme objektive Realität von
862
Detcartes, Meditatioaen.
Fünfte Einwände.
ihr sdbst gibt; und sodann, sobald man irgendeine zugibt,
müßte man wohl auch bestreiten, daß sie größer sei als die
in den Ideen der Accidentien, da sie alles, was sie auch
immer an Realität dieser Art besitzt, aus den Ideen der Ac-
cidentien hat, unter denen oder nach deren Art die Sub-
stanz erfaßt wird, wie oben ausgeführt, indem ich darlegte,
daß sie nur als etwas Ausgedehntes, Gestaltetes, mit Farbe
Behaftetes erfaßt werden könne.
In betreff dessen, was Du „über die Idee Gottes an-
schließest, bitte ich Dich, da Dir noch nicht feststeht, ob
Gott sei, wie hast Du denn erkannt, daß Gott durch die
Idee von ihm als „der Höchste, Ewige, Unendliche, All-
mächtige und Schöpfer aller Dinge** vergegenwärtigt wird?
Etwa nicht aus der vorgefaßten Kenntnis von Gott, in-
sofern Du diese Attribute von Gott hast aussprechen hören?
Denn wenn Du nichts Derartiges bis jetzt gehört hattest,
würdest Du ihn dann so beschreiben? Du wirst sagen, das
werde für jetzt nur zum Beispiel angeführt, ohne daß Du
[401] bereits | irgendeine Definition von ihm geben wollest. Mag
sein; doch gib acht, daß Du dabei Dich nicht auf ein Vor-
urteil gleichsam festlegst.
Du sagst, „in der Idee des unendlichen Gottes sei mehr
objektive Realität, als in der Idee eines endlichen Dinges".
Doch erstens, da der menschliche Verstand nicht aus-
reicht, die Unendlichkeit zu fassen, besitzt er auch deshalb
weder, noch berücksichtigt er eine Idee, die ihm ein un-
endliches Ding vergegenwärtigt. Daher legt auch der, der
etwas als unendlich bezeichnet, einem Dinge, das er nicht
faßt, einen Namen bei, den er nicht versteht; denn, wie das
Ding über all sein Fassungsvermögen hinaus sich ausdehnt,
so wird die jener Ausdehnung beigelegte Negation der Be-
grenztheit von dem nicht verstanden, dessen Verstandes-
vermögen immer durch irgendeine Grenze beschränkt wird.
Femer, da alle höchsten Vollkommenheiten Gott bei-
gelegt zu werden pflegen, scheinen sie alle von den Dingen
hergenommen zu sein, die wir allgemein an uns bewundern,
wie Dauerhaftigkeit, Macht, Wissen, Güte, Glückseligkeit
usw., die wir, soweit es uns möglich ist, vergrößern, um
dann Gott hinzusteUen als ewig, allmächtig, allwissend, von
263
unendlicher Güte und Glückseligkeit usw. Diese Idee ver-
gegenwärtigt nun dies aUes, hat aber darum nicht mehr ob-
jektive Realität, als die endlichen Dinge zusammengenom-
men, aus deren Ideen | jene Idee zusammengesetzt und dann [4021
auf die schon besprochene Weise vergrößert ist. Denn weder
der, der ewig sagt, ermißt deshalb mit dem Geist die ganze
Ausdehnung der Dauer, die niemals beginnt und nie auf-
hören wird, noch der, der aUmächtig sagt, die ganze Masse
der möglichen Wirkungen, und ebenso ist es bei den übrigen
Begriffen.
Schließlich, kann man etwa von einem sagen, er hätte
eine echte Idee von Gott, oder eine, die das Wesen Gottes
vergegenwärtigte? Was für ein winziges Ding wäre nicht
Gott, wenn er nicht ein andrer wäre und andere Eigen-
schaften besäße, als hier unsre sind, wie groß sie auch
scheinbar sein mögen ? Oder muß man nicht urteilen, daß
weniger ein Verhältnis der Vollkommenheiten zwischen Gott
und den Menschen besteht, als zwischen dem Elefanten
und dem winzigen Lebewesen in der Haut, der Mübe?
Oder also, wenn einer aus den beobachteten Vollkommen-
heiten der Mübe in sich eine Idee büden würde, die er für
die des Elefanten ausgäbe und von der er versichern würde,
sie sei echt, so würde er für höchst albern gelten; und da
soll sich einer selbst Beifall klatschen, wenn er aus den
beobachteten Vollkommenheiten der Menschen sich eine
Idee bUdet, von der er behauptete, sie sei die von Gott und
sei echt 1 Sodann auch, bitte schön, wie erkennen wir, daß
nur jene paar Eigenschaften, die wir in uns angetroffen
haben, in Gott vorhanden sind? Und wenn wir ihr Vor-
handensein erkannt haben, | welche Vorstellung dürfen wir [403J
uns denn danach von der Beschaffenheit seines Wesens
machen? Tatsächlich ist Gott unendlich weit über alles
Fassungsvermögen erhaben. Und wenn unser Geist sich
zu seiner Betrachtung anschickt, dann tappt er nicht nur
im Dunkeln herum, sondern ist auch null und nichtig. Daher
haben wir auch keinen Grund zu sagen, es gäbe irgendeine
Idee, die Gott darsteUte. Und es ist ausreichend, wenn wir
uns nach Analogie dieser Dinge hier bei uns eine Idee, mag
sie sein, wie sie will, und nur zu unserm Gebrauch heraus-
%
■\
264
Descartcs, Meditatfoncn.
ziehen und bilden, die das menschliche Fassungsvermögen
nicht übersteigt, aber auch nicht die Realität enthält, die
wir in den übrigen Dingen oder gelegendich der übrigen
Dinge wahrnehmen (percipiamus).
5. Sodann nimmst Du an, „es sei vermöge der natür-
lichen Einsicht (naturali lumine) offenbar, daß zum min-
desten ebensoviel Realität in der gesamten wirkenden Ur-
sache vorhanden sein müsse, wie in der Wirkung", und
zwar um zu folgern, „es müsse wenigstens ebensoviel for-
male Realität in der Ursache der Idee vorhanden sein,
wie objektive in der Idee vorhanden ist**. Auch dieser
Schritt ist doch recht gewaltig, und ein wenig muß man
bei ihm haltmachen.
Zunächst scheint jener geläufige Satz, „nichts ist in
der Wirkung, was nicht in der Ursache ist*', mehr von der
materialen als von der wirkenden Ursache verstanden wer-
[4041 den zu müssen. Denn | die wirkende Ursache ist etwas
AußerHches und meistens anderer Natur als die Wirkung.
Und mag man auch noch so betonen, die Wirkung habe
ihre Realität von der wirkenden Ursache; sie hat doch
nicht die, die die wirkende Ursache notwendig in sich hat,
sondern eine, die sie auch von woandersher entleihen
könnte. Offen und durchsichtig liegt die Sache bei der Wir-
kung der Kunst. Denn mag auch ein Haus seine ganze
Realität vom Künstler haben, der Künstler hat sie doch
nicht von sich, sondern von woandersher empfangen imd
ihm zuteil werden lassen. Ebenso macht es die Sonne, wenn
sie die niedere Materie mannigfaltig verändert und ver-
schiedene Lebewesen entstehen läßt; allerdings auch der
Erzeuger; mag der Abkömmling etwas Materie von ihm
besitzen, denn er hat es doch nicht wie vom bewirkenden,
sondern me vom materiellen Prinzip. Was Du einwirfst, ,,die
Wirkung müsse formal oder eminent in der Ursache ent-
halten sein", so besagt das nichts mehr, als daß die Wir-
kung manchmal eine der Form ihrer Ursache ähnliche,
manchmal unähnliche Form hat, und zwar eine weniger voll-
kommene, so daß die Form der Ursache über sie hinaus-
ragt (eminet). Aber deswegen folgt nicht, weder daß die
überragende Ursache (eminens causa) etwas von ihrem Sein
Fünfte Einwände.
265
abgibt, noch daß die, die formal die Wirkung enthält, ihre
Fonn mit der Wirkung teilt. Denn mag das auch zu ge-
schehen I scheinen bei der Erzeugung von Lebewesen, die [4051
durch Samen bewirkt wird, - so wirst Du doch nicht ^
sagen, denke ich, daß der Vater, wenn er einen Sohn zeugt
einen Teil semer vernunftbegabten Seele abschneide und
Ihm gebe. Mit einem Worte: die wirkende Ursache enthält
nur msofern ihre Wirkung, als sie sie aus gewisser Materie
bilden und dieser ihre letzte Vollendung geben kann*)
T3 i^"""!? T. '"^ ^^^""^^^ '^^''^"' ^^^ ^^ "über die objektive
Realität folgerst, bediene ich mich des Beispiels von mei-
nem Bilde, das entweder im Spiegel, vor den ich hintrete,
oder auf dem Gemälde, das der Maler ausführt, zu er-
blicken ist. Nämlich wie ich selbst die Ursache des Bildes
im Spiegel bm, insofern ich aus mir heraus das Büd von
T' i"^!. ?^'^^^^ entsende, und der Maler die Ursache
des Bildes, das auf der Leinwand dargestellt wird, so kann
man, da die Idee oder das Bild von mir in Dir oder in
einem beliebigen anderen Verstände vorhanden ist die
Frage stellen ob ich selbst die Ursache davon bin, insofern
ich ja ein Abbild von mir in das Auge usw., durch Ver-
mittlung des Auges bis zum Verstände selbst entsende-
oder aber ob es irgendeine andere Ursache sei, die es wie
mit einem Pinsel oder Griffel im Verstände aufzeichnet Es
scheint also doch wohl keine andere Ursache außer mir
zu suchen nötig zu sein; denn mag auch der Verstand her-
nach die Idee I von mir erweitern, verengern, zusammen- [4061
setzen und auf andere Weise mit ihr verfahren, so bin ich
selbst dennoch die ursprüngliche Ursache der ganzen Reali-
tät die sie in sich enthält. Und was hier von mir gesagt
mrd, das ist ebenso von jedem beliebigen äußeren Objekte
zu verstehen.
Nun unterscheidest Du die Realität der Idee als eine
zwiefache Und zwar kann die formale nichts anderes sein
als jene feine Substanz, die aus mir herausfloß und in den
Verstand aufgenommen und zur Idee geformt worden ist
(ILS sei denn, daß Du das vom Objekt ausgehende Abbild
♦) Nach dem hier weit deutlicheren französischen Text.
S66
Descartcs, McdiUtionen.
als einen substantiellen Ausfluß botraditet wissen wollest;
mach, was Du willst, Du wirst immei die Realität ver-
ringern.) Die objektive aber kann nichts anderes sein, als
eine Darstellung (repraesentatio) oder ein Gleichnis von mir,
dessen Träger die Idee ist, oder eine Symmetrie, nach
der die Teile der Idee so angeordnet werden, daß sie nüch
wiedergeben. Welche Auffassung Du auch davon hast, sie
wird wohl wenigstens nichts Reales sein, da sie ja allem
eine Beziehung der Teile untereinander und auf mich ist,
oder ein Modus der formalen Realität, insofern sie auf diese
Weise gebildet ist. Doch es kommt nicht darauf an, also
mag sie meinethalben „objektive Realität" heißen.
Dies vorausgesetzt, hättest Du doch wenigstens wohl
[407] die formale Realität der Idee mit der formalen Realität | von
mir oder mit meiner Substanz vergleichen müssen, und die
objektive Realität der Idee mit der Symmetrie meiner Teile,
oder mit der Abbildung und äußeren Form. Aber Du be-
liebst dennoch, die objektive Realität der Idee mit der
formalen Realität von mir zu vergleichen.
Doch weiter, mag es stehen mit der Auslegung des
Axioms weiter oben, wie es will, es ist ersichtlich, daß nicht
nur genau ebensoviel formale Realität in mir vorhanden
ist, wie objektiv in der Idee von mir, sondern daß auch
die formale Realität der Idee fast nichts ist im Vergleich
zu der formalen Realität von mir oder meiner ganzen Sub-
stanz, und daß man Dir deshalb zugestehen muß, „daß
wenigstens ebensoviel formale Realität in der Ursache der
Idee vorhanden sein müsse, wie objektiv in der Idee vor-
handen ist", da ja alles, was immer in der Idee vorhanden
ist, fast nichts im Vergleich zu ihrer Ursache selbst ist.
6. Du folgerst weiter, „wenn in Dir eine Idee vorhanden
ist, deren objektive Realität so groß wäre, daß sie weder
in eminenter noch in formaler Weise in Dir enthalten sein
könnte und daß Du folglich nicht ihre Ursache sein könn-
test, so folge daraus notwendig, daß irgend etwas außer
Dir in der Welt existiert, da Du sonst keinen Beweisgrund
hättest, der Dich von der Existenz irgendeiner Sache ver-
sicherte". Doch nach dem, was ich schon sagte, bist Du
[408] nicht | die Ursache der Realität der Ideen, sondern die durch
Fünfte Einwände.
267
die Ideen vergegenwärtigten Dinge selbst, insofern sie Bil-
der von sich in Dich wie in einen Spiegel aussenden,
magst Du auch bisweilen aus ihnen Veranlassung nehmen
können, Dir Chimären vorzustellen. Doch magst Du selbst
die Ursache sein, oder nicht, bist Du etwa deswegen un-
gewiß, ob es irgend etwas außer Dir in der Welt gibt?
Schöne Worte, mit Verlaub I Denn nötig ist es nicht, daß
wir, mag es um die Ideen stehen, wie es will, nach Beweis-
gründen dafür suchen.
Du durchläufst der Reihe nach die Ideen, die in Dir
vorhanden sind, und „außer der Idee von Dir zählst Du
die Ideen von Gott, den körperlichen und unbeseelten
Dingen, Engehi, Tieren und Menschen auf, und zwar um
dann, da in betreff der Idee von Dir, wie Du sagst, keine
Schwierigkeit bestünde, zu folgern, die Ideen von Menschen,
Tieren, Engeln könnten aus denen, die Du von Dir, von
Gott und den körperlichen Dingen besitzest, sich zusammen-
setzen; und die Ideen der körperlichen Dinge hätten auch
aus Dir entsprungen sein können". An dieser Stelle aber
kommt es mir doch wunderlich vor, wie man von Dir sagen
kann, Du hättest eine Idee von Dir (und noch dazu eine
so fruchtbare, daß Du aus ihr soviel andere hervorholen
kannst) und die Sache hätte kerne Schwierigkeit, wo Du
doch im Gegenteil tatsächlich entweder überhaupt keine
Idee von Dir hast, oder doch eine recht verworrene und
unvollkommene, wie ich schon gegen die vorangehende
Meditation bemerkt | habe. Und in ihr schlössest Du, nichts [409]
erfaßtest Du leichter und deutlicher, als Dich selbst. Wie
nun, wenn man von Dir sagte, da Du eine Idee von Dir
nicht hättest, auch nicht haben könntest. Du könntest jedes
beliebige andere Ding leichter und deutlicher als Dich
selbst erfassen?
Wenigstens kam mir, als ich darüber nachdachte, wie
es möglich sei, daß weder der Blick sich selbst sieht, noch
der Verstand sich selbst begreift, in den Sinn, nichts er-
strecke seine Tätigkeit auf sich selbst. Denn weder die
Hand (oder der Daumen an ihr) schlägt sich, noch der
Fuß gibt sich einen Tritt. Da es jedoch, um Kenntnis von
irgendeinem Dinge von andersher zu gewinnen, notwendig
268
Descartes, Meditationen.
Fünfte Einwände.
269
ist, daß das Ding auf die erkennende FäWgkeh wirke
d. h. doch, daß es ein Abbdd von ^'<* »■?/'; ."^SeürT-
oder durch sein Abbild ihr seine Gestalt aufdrucke (in
?ormare). ist es doch wohl klar, daß die Fähigkeit selbs^
nicht, da sie außer sich selbst nicht vorhanden ist em
Bild von sich in sich selbst übersenden j^dmfolgedes^^^^^
auch nicht eine Kenntnis von sich gewinnen »^er- was ^as
selbe ist, sich selbst erfassen kann. Und warum meinst
Du wohl, sieht sich das Auge im Sp-gel wahrend es sich
in sich selbst nicht sieht? Doch wohl, weil ^"'«chen dem
Auge und dem Spiegel ein Abstand ist und das Auge so auf
[4101 den Spiegel wirkt, indem es ein Abbild von ich auf ihn
141UJ aen apieg , ^^ ^ einwurkt, indem er
aussendet, wie der bpiegei wicuv-i <t
das eigene Abbild jenes in es zurücksendet. Gib niir also
einen Spiegel, auf den Du selbst ebenso e-w-ken k^-^^'^
ich versichere. Du wirst dann erst, *^'^.\7 ^ch unmittd-
Dir in Dich selbst zurückwurft, zwar nicht durch unmittel
bare, aber doch durch reflektierte Erk<=m.tnis Dich er-
fassen. Solange Du ihn aber nicht gibst, ist kerne Hoff-
nung vorhanden, daß Du Dich selbst kennst
Ich könnte hier auch bei der Frage haltmachen ««e
man von Dir sagen könnte. Du hättest eme Idee von Gott f
Sie sei denn etwa derart, wie ich sie schon gekeanze.chnet
Labe.) Oder eine von EngeUi, an die Du doch wohl rue ge-
dacht hättest, wenn Du nicht etwas von ihnen gehört hattes .
Oder von T eren und den übrigen Dingen von denen Du.
dessen bin ich fast sicher, keine Ideen besitzen wurdest
wenn sie nicht auf Deine Sinne gewirkt hatten, wie Du auch
keine hast von den zahllosen Dingen, von denen weder em
Si<i noch eine Kunde zu Dir gelangt ist^ ^-^Ceire^?
hiervon absehen, das lasse ich gelten, daß im Geiste exi
Sende Ideen verschiedener Dinge so zusammengesetzt
werden können, daß noch mehr Formen anderer m" daraus
rntstehen, wenngleich die. die Du aufzahlst, woh nicht
ausreichen dürften für jene gewaltige Mannigfaltigkeit, ja
r^n 1 auci nicSt für die deutüche und scharfumgrenzte Idee |
irgendeines bestimmten Dinges.
Ich stutze aber allein in betreff „der Ideen der korper
üchen Dinge": denn die Schwierigkeit ist nicht gering, wie
Du „allein aus der Idee von Dir", solange Du Dich als
unkörperliche Seele aufspielst und Dich als solche betrach-
test, „sie aus Dir herleiten" kannst. Denn wenn Du nur
die unkörperliche Substanz kennst, wie ist es dann mög-
lich, daß Du außerdem die körperliche Substanz erfassest?
Gibt es zwischen dieser und jener eine Entsprechung (ana-
logia)? Du sagst, beide kämen darin überein, daß sie ge-
eignet wären zu existieren. Aber diese Übereinstimmung
sieht man nicht ein, wenn man nicht vorher beide Dinge,
die übereinstinamen, verstanden hat. Du konstruierst da
nämlich einen Gemeinbegriff (notio communis); und doch
muß man, ehe man ihn bildet, die Bestandteile verstehen.
In der Tat, kann der Verstand aus der begriffenen unkörper-
lichen Substanz die Idee der körperlichen Substanz bilden,
dann haben wir keinen Grund zu zweifeln, daß der Blinde,
oder der, der von der Geburt an im undurchdringlichsten
Dunkel gefangen war, bei sich auch die Idee des Lichtes
und der Farben bilden kann. Du sagst, man könnte dem-
nach die Ideen „der Ausdehnung, Gestalt, Bewegung" und
der anderen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften be-
sitzen. Das ist natürlich leicht gesagt. Eigentümlich ist
nur, daß Du nicht auch Licht, Farbe und anderes mit
gleicher Leichtigkeit | herleitest. Doch dabei wollen wir uns [412
nicht aufhalten.
7. Du folgerst : „Es bleibt daher einzig die Idee Gottes,
bei der zu erwägen ist, ob sie etwas ist, das nicht aus mir
selbst hervorgehen konnte. Unter dem Namen Gottes ver-
stehe ich eine Substanz, die unendlich, unabhängig, von
höchster Einsicht und Macht ist, und von der ich selbst ge-
schaffen worden bin, ebenso wie alles andere Existierende,
falls es nämlich existiert. Und wahrlich I Dies alles ist
solcher Art, daß, je sorgfältiger ich es erwäge, es um so
unmöglicher scheint, daß es von mir selbst hervorgegangen
wäre. Man muß daher aus dem Zuvorgesagten schließen,
daß Gott notwendig existiert". Natürlich, das ist's, worauf
Du hinauswolltest. Ich hingegen stinmie Dir zwar in der
Schlußfolgerung bei, sehe aber nicht, wie Du so folgern
kannst. Sie sagen, das, „was Du über Gott einsiehst, sei
der Art, daß es aus Dir allein nicht hat hervorgehen
»
270
Descartes, Meditationen.
können"; auf den Schluß nämlich zielst Du ab, „daß es
von Gott selbst hat ausgehen müssen". Doch erstens ist
nichts so gewiß, wie daß es von Dir aUein nicht ausgegangen
ist oder daß Du die Einsicht davon nicht aus Dir oder
durch Dich allein besaßest; all das stammt namlich von
den Dingen oder von den Eltern, den Lehrern, den Ge-
r4l31 lehrten, der menschlichen Gesellschaft, | in der Du Dich
bewegt hast. Doch ich bin ausschließlich Geist, wirst Du
sagen, ich lasse nichts außer mir gelten, mcht emmal die
Ohren, mit denen ich gehört habe, noch die Menschen die
mit mir gesprochen haben. Das kannst Du sagen; doch
würdest Du es sagen, wenn Du nicht mit Ohren uns hortest
und wenn nicht die Menschen da wären, von denen Du die
Worte übernommen hast? Sprechen wir im Ernst, und
sage mir ohne Rückhalt : Die Worte, die Du über Gott vor-
bringst, hast Du sie nicht von der menschlichen Gesdl-
schaft, mit der Du zusammen gelebt hast? Und wenn Du
von ihr die Worte hast, hast Du dann nicht auch die Be-
griffe (notiones), die den Worten zugrunde liegen und durch
sie bezeichnet werden, von ihr? Gesetzt also, sie stammöi
nicht von Dir allein her, so dürften sie darum doch wohl
nicht von Gott, sondern von woandersher stammen. Dann
femer. was steckt denn in ihnen, was Du, hast Du erst
einmal Gelegenheit gehabt, mit den Dingen in Berührung
zu kommen, sodann nicht aus Dir selbst hättest schöpfen
können? Oder begreifst Du deshalb etwas, was über das
menschliche Fassungsvermögen hinausgeht? Ja. wenn Du
Gott einsähest, wie er ist. dann hättest Du einen Grund zu
dem Glauben, Du seiest von Gott belehrt; doch all das.
was Du Gott beUegst, ist nichts anderes, als eine Reihe an
den Menschen und anderen Dingen beobachteter VoU-
kommenheiten. die der menschliche Geist zu verstehen, zu-
sammenzustellen und zu steigern vermag, wie ich schon
verschiedene Male ausgeführt habe.
[4141 I Du sagst, „wenngleich die Idee der Substanz aus Dir
stammen könnte, da Du Substanz bist, könnte es doch nicht
die Idee der unendlichen Substanz, da Du mcht unendlich
bist". Doch es ist eben gar keine Idee von der unendlichen
Substanz in Dir vorhanden, höchstens dem Namen nach
Fünfte Einwände.
271
und soweit man von Menschen sagen kann, sie begriffen das
Unendhche (was in Wirklichkeit gar kein Begreifen ist S
her ist es auch mcht notwendig, daß eine solche Idee von
der unendlichen Substanz ausgeht; sie kann nämlich durch
Zusammensetzung und Steigerung entstehen, wie schon ge-
sagt. Du müßtest denn behaupten wollen, daß die alten
wirdfr; •''■'' tr" ^'^^^•'^^^'^ R^""»' diese eine
Welt, diese wemgen Elemente (principia) begriffen und
dann die Ideen so von ihnen in sich besaßen, daß sie durch
Steigerung derselben die Ideen des unendlichen Alls der
unendlichen Welten, der unendlichen Elemente bildeten. -
daß sie solche Ideen nicht aus der Kraft ihres Geistes ge-
bildet hatten sondern daß sie aus dem unendlichen All
den unendlichen Welten, den unendlichen Elementen in den
Geist gewandert seien. Nun verteidigst Du den Satz Du
erfaßtest das Unendliche durch eine wahrhafte Idee" • indes
wenn sie wahrhaft wäre, dann würde sie das Unendliche ver'.
gegenwärtigen so wie es ist, und Du würdest demzufolge
erfassen was das Wesentliche in ihm ist, und | das, worum [4151
es sich jetzt handelt, nämlich die Unendlichkeit. Doch Deb ^
Denken beschränkt sich immer auf etwas Endliches und
üC n "V" Unendlichem, weü Du nicht erfassest', w^
n.l Z ^^^^"»esvermögen hinausgeht, so daß man dem-
nrJnHr K ^^^^^^.^^^ "««It, wenn man sagt, man erfaßte das
Unendliche durch die Negierung des Endlichen. Auch ge-
ZTJy k' c'ü '^^"'' '•^" ^'^^^'^'' mehr Realität in der
unendlichen Substanz als in der endlichen". Du müßtest
namlich eine unendliche Realität erfassen, was Du doch
nicht tust^ Ja, in Wahrheit erfassest Du auch gar nicht
mehr, da Du ja nur die endliche steigerst und dann Dir ein-
bildest, es sei mehr Realität in dem, was ausgedehnt ist
als m eben dem. solange es beschränkt ist. Du müßtest
denn auch annehmen wollen, daß jene PhÜosophen mehr
Realität die tatsächlich bestünde, erfaßt hätten, sobald sie
eine größere Anzahl von Welten begriffen, als solange sie
nur eine einzige un Geiste hatten. Hier mache ich nebenbei
daß unser Geist um so mehr verwirrt wird, je mehr er
irgendein Abbild oder eine Idee steigert, daher ierz^rühren
f
Descartes, Meditationen.
18
272
Descartes, Meditationen.
r
scheint, daß er ein solches AbbUd von seiner Grundlage
(Situs) trennt, ihm die Unterscheidung der Teile nimmt und
es ganz verflüchtigt, so daß es schließlich schattenhaft
r4161 wird. I Ich brauche nicht erst zu erwähnen, daß der Oeist
ebenso aus dem angeführten Grunde verwirrt wird, wenn
er nämlich eine Idee zu stark einschränkt.
Du sagst, „dem stehe nicht im Wege, daß Du das Un-
endliche nicht begriffen, oder alles, was in ihm (Gott) ent-
halten ist; hingegen genüge es, wenn Du einiges wenige ein-
sähest, um von Dir sagen zu können, D" besaßest eine
wahrhafte und im höchsten Grade klare und deuüiche Idee .
Nein, im Gegenteil, Du besitzest nicht eine wahrhafte Idee
vom Unendlichen, sondern nur vom Endlichen, wenn Du
nicht das Unendliche, sondern nur das Endliche begreitst
Man kann höchstens von Dir sagen, Du erkennest einen 1 eü
des Unendlichen, aber darum nicht das Unendliche selbst,
wie man von einem, der nie aus einer unterirdischen Hohle
herausgekommen ist, zwar sagen kann « «kenne einen
Teil der Welt, aber darum noch nicht die Welt selbst, tr
dürfte sich daher wohl als recht einfältig erweisen, wollte er
die Idee eines so eng umgrenzten Teiles als die wahrhatte
und echte Idee der ganzen Welt ausgeben. „Aber' , sagst Du,
es liegt im Wesen des Unendlichen, daß es von Uir a's
Endlichem nicht begriffen wird." Das glaube ich freilich,
doch es liegt nicht im Wesen der wahrhaften Idee eines un-
endlichen Dinges, daß sie nur den allergeringsten Teil von
ihm, oder vielmehr gar keinen vergegenwärtigt, weil sie m
keinem Verhältnis zu dem Ganzen steht. Du sagst, „es ge-
[417] nüge. daß Du dieses wenige, das Du klar | erfaßt hast ein-
siehst". Aber doch wohl nur so, wie es genügt, eine Haar-
spitze von dem Menschen zu sehen, von dem Du eme echte
Idee haben willst. Oder wäre es nicht ein vortreffliches
Bild von mir, wenn der Maler nur ein Haar von mir, und
zwar nur seine äußerste Spitze abmalen würde? Aber nicht
nur weit weniger oder sehr weit, sondern sogar unendlich
weniger besteht ein Verhältnis zwischen all dem, was wir
über das Unendliche, d. h. über Gott, erkennen, als zwischen
einem meiner Haare oder seiner Spitze und meinem ganzen
Selbst. Mit einem Worte : das beweist nichts über Gott, weü
Fünfte Einwände.
273
es auch nichts beweist über jene unendlichen Welten; und
tcLZn'ir ' '•' 'T ""^ ^^""'^ "^'^ '^^'^ klar durch-
schauten klarer eingesehen werden konnten, als Gott oder
das unendliche Sem (ens) aus Deiner Substanz, von deren
Wesen Dir noch nichts bekannt ist.
8. Ferner argumentierst Du folgendermaßen: Wie
sollte ich es sonst auch verstehen, daß ich zweifle, daß ich
etwas wünsche, d. i. daß mir etwas mangelt und ich nicht
ganz vollkommen bin, wenn gar keine Idee eines vollkom-
meneren Wesens in mir wäre, durch dessen Vergleichung
ich meine Mangelhaftigkeit erkenne?" Doch wenn Du an
irgend etwas zweifelst, wenn Du etwas begehrst, wenn Du
erkennst, daß Dir etwas mangelt, was ist da wunderbar,
hLt 9" n t ^'Tn' ' ^^ ^"^ "''^'^^ ^"«^ bist, nicht alles [4181
bkt"9 n 75'"°''' ^^'l^" ^^^° •'''''^' ^^"^ vollkommen ^ '
bist ? Und das ist m der Tat wahr und kann ohne Ge-
hässigkeit behauptet werden. Du erkennst also, „daß es
etwas Vollkommeneres als Dich gibt"? Ja freilich I Und
doch durfte, was immer Du begehrst, nicht immer und in
jeder Hinsicht voUkommener als Du sein. Denn wenn Du
nach einem Brote verlangst, so ist das Brot nicht in jeder
Beziehung vollkommener als Du oder Dein Körper, sondern
vollkommener nur als die Leere, die in Deinem Magen ist
Wie kommst Du also dazu, zu folgern, es gebe etwas Voll-
kommeneres als Dich? Doch wohl insofern Du die Ge-
samtheit der Dinge siehst, die sowohl Dich, wie das Brot
und alles ubnge umfaßt; so daß, da die einzelnen Dinge
des Alls eine gewisse Vollkommenheit besitzen, einander
dienen und sich vereinigen können, es leicht einzusehen ist,
f 1,1" 7f ^"^^"''^" '"> Ganzen als in einem Teile
steckt, und daß demnach Du, da Du nur ein Teil bist
irgend etwas als vollkommener als Dich anerkennen mußt'
In diesem Sinne also kann die Idee eines vollkommeneren
Wesens in Dir vorhanden sein, durch dessen Vergleichung
^^ M " T' ^f ^."&!,'haftigkeit erkennst, übergehen will ich
die Möglichkeit, daß auch andere Teüe vollkommener als
ZVnli 1 -^^ b^g^hrst, was jene haben, und daß durch
deren | Vergleich mit Dir man Deine Mangelhaftigkeit er- [4191
kennen kann. Du hättest nämlich einen Mischen kennen
18»
974
Descartes, Meditationen.
Fünfte Einwände.
275
lernen können, der gesünder, stärker, schöner, gelehrter,
maßvoller und demnach vollkommener wäre; und es wäre
nicht schwierig für Dich gewesen, die Idee von ihm zu er-
fassen und durch die Vergleichung mit ihm einzusehen, daß
in Dir nicht das Maß von Gesundheit, Kraft und den anderen
Vollkommenheiten vorhanden ist, das in ihm ist.
Darauf machst Du Dir den Einwand: „Doch vielleicht
bin ich etwas mehr, als ich selbst einsehe, und sind alle die
Vollkommenheiten, die ich Gott zuschreibe, der Möglich-
keit nach irgendwie in mir enthalten, wenngleich sie noch
nicht zur Aktualität gelangt sind, wie es möglich ist, wenn
meine Erkenntnis mehr und mehr bis ins Unendliche wächst**.
Du antwortest aber: „Mag es nun aber wahr sein, daß meine
Erkenntnis gradweise wächst, und daß in mir vieles zwar
der Möglichkeit nach, aber noch nicht aktuell ist, so geht
doch nichts hiervon die Idee Gottes an, in der nichts der
Möglichkeit nach enthalten ist; denn eben dieses gradweise
Anwachsen ist der sicherste Beweis der UnvoUkommenheit**.
Nun ist zwar wahr, daß das, was Du in der Idee erfassest,
aktuell in der Idee selbst ist; aber es ist darum doch nicht
aktuell in dem Ding selbst, dessen Idee sie ist. Denn der
[420] Architekt bildet sich die Idee des Hauses, und diese | Idee
besteht aktuell aus aufgezeichneten Wänden, Decken, Dä-
chern, Fenstern usw. Und dennoch ist das Haus und seine
Teile noch nicht aktuell, sondern nur potentiell da. So ent-
hält jene Idee der Philosophen aktuell unendliche Welten;
aber Du wirst deshalb nicht sagen, daß jene unendlichen
Welten aktuell vorhanden sind. Mag daher in Dir irgend
etwas potentiell vorhanden sein oder nicht, es genügt, daß
Deine Idee oder Kenntnis gradweise wächst und gesteigert
werden kann; aber deswegen darf man nicht folgern, daß,
was durch sie vergegenwärtigt oder erkannt wird, aktuell
da sei. Was Du darauf anerkennst, „daß Deine Erkenntnis
nie unendlich sein werde, das wird bereitwilligst zugestan-
den, aber Du mußt doch anerkennen, daß auch nie in Dir
eine wahre und echte Idee von Gott vorhanden sein wird,
von dem immer noch mehr (ja sogar unendlich mal soviel)
zu erkennen übrig bleiben wird, als von dem Menschen, von
dem Du nur eine Haarspitze gesehen hast. Immerhin, wenn
Du jenen Menschen auch nicht ganz gesehen hast. Du hast
doch emen anderen gesehen, durch dessen Vergleichung Du
irgendeme Mutmaßung über ihn gewimien kannst; aber
irgend etwas, was Gott oder seiner Unermeßlichkeit ähnlich
wäre, ist memals der Erkenntnis dargeboten worden
Du sagst, „Du urteilst, Gott sei aktuell unendlich, I so [421]
daß sich zu seiner Vollkommenheit nichts hinzutun läßt**
Urteil, das Du fällst, ist voreingenommen, so wie die alten
Philosophen das Urteil fällten, es gebe unendliche Welten
unendliche Elemente und ein unendliches All, zu dessen
Unermeßlichkeit sich nichts hinzutun ließe. Dann heißt es
„das objektive Sein einer Idee hänge nicht von einem po-
tentiellen Sem ab, sondern von einem aktuellen". Wie
konnte das wahr sein, wenn wahr ist, was ich oben über die
Idee des Architekten und der alten Philosophen gesagt habe
und besonders, wenn Du bedenkst, daß Ideen dieser Art
aus anderen zusammengeschweißt sind, die der Verstand
von aktueU existierenden Ursachen vorher besaß.
9. Du steUst darauf die Frage, „ob Du, der Du die Idee
emes vollkommeneren Wesens, als Du bist, hast, selbst
existieren könntest, wenn kein solches Wesen existierte**.
uu ^"^^,^^^^^^^st: „Nun, woher sollte ich mein Dasein
haben? Offenbar von mir selbst, oder von meinen Eltern
oder von irgend etwas anderem minder Vollkommenen als
Oott . Du beweisest sodann, „daß Du nicht von Dir Dein
Dasein hast". Doch das ist ganz unnötig. Du gibst auch
aen Grund an, „wieso Du nicht immer gewesen bist**. Aber
auch das ist überflüssig. Höchstens nur insofern nicht, als
Du glaubst schließen zu müssen. Du seiest zugleich nicht
nur die hervorbringende Ursache Deiner selbst, sondern
auch die erhaltende. Denn „daraus, | daß Deine Lebenszeit [4001
eine Anzahl von Teüen enthält", folgerst Du, „Du müßtest ^
in den einzelnen Teüen geschaffen werden wegen ihrer Un-
abhängigkeit voneinander**. Doch wie soD man das ver-
stehen? Denn es gibt zwar einige Wirkungen, die, um Be-
stand zu haben und nicht in jedem Augenblick aufzuhören
der Gegenwart und ununterbrochenen Wirkung der Ursache
bedürfen, durch die sie zuerst zu sein angefangen haben
276
Descartes, Meditationen.
Fünfte Einwäude.
277
z. B. das Sonnenlicht. (Und doch sind derartige Wirkungen
nicht sowohl mit sich selbst identisch [iidem reipsa], als
vielmehr gleichwertig, wie man das beim fließenden Wasser
sagen kann.) Doch wir sehen andere*), die Bestand haben,
nicht nur wenn die Ursache, die sie hervorgebracht hat,
nicht mehr wirkt, sondern, wenn sie sozusagen ganz be-
einträchtigt und zu völligem Aufhören gebracht ist. Von
der Art gibt es so viel natürlich erzeugte und künstlich ge-
schaffene Dinge, daß es sich erübrigt, sie durchzugehen;
und es genügt, daß Du eins von ihnen bist, was auch
schließlich die Ursache von Dir sein mag. „Doch die Teile
Deiner Lebenszeit hängen nicht voneinander ab." Hier-
gegen könnte man einwenden, welches Ding sich denn er-
denken ließe, dessen Teile in höherem Maße vonemander
untrennbar sind, zwischen dessen Teilen die Reihenfolge
und der Zusammenhang weniger leicht zu verletzen ist, bei
dem die später folgenden Teile weniger losgelöst werden,
[423] mehr zusammenhängen, mehr | von den vorübergehenden
abhängen können als die Zeit. Doch, ohne hierauf ein allzu
großes Gewicht zu legen, — was macht denn nur diese
Abhängigkeit oder Unabhängigkeit der Zeitteile, die äußer-
lich sind, aufeinander folgen, ohne aktive Wirkung sind,
für die Hervorbringung oder Wiederhervorbringung Deiner
Person aus? Sicherlich nicht mehr, als der Strom und das
Vorübergleiten der Wasserteilchen für die Hervorbringung
oder Wiederhervorbringung eines Felsens, an dem der Fluß
vorüberfließt. ,,Aber daraus, daß Du kurz zuvor existiert
hast, folgt nicht, daß Du jetzt sein mußt." Das glaube ich
allerdings auch; aber nicht deshalb, weil eine Ursache von-
nöten ist, die Dich von neuem erschüfe, sondern weü es
nicht unmöglich ist, daß eine Ursache da ist, die Dich
vernichten könnte, oder weil Du so viel Hinfälligkeit in
Dir tragen mußt, daß Du schließlich einmal zugrunde
gehst.
Du sagst, ,,es sei daher durch die natürliche Einsicht
offenbar, daß Erhaltung von Schöpfung nur dem Gesichts-
punkte des Denkens nach verschieden ist". Doch wieso ist
•) Nach dem französischen Text.
das offenbar? Doch höchstens just bei einer Lichterschei-
nung und bei ahnhchen Wirkungen. Weiter heißt es Du
besaßest n.cht dte Kraft, durcii die Du eine WeUe p^e?
nK 'k?t. "f'T" .^"^ °" ^'^ *^^' "i^ht bewußt bist,
obwohl Du doch em denkendes Ding bist". Doch besteh
daß Du r.!, w' f' "''■"''' "'' °" ^^™"'^" kannst,
daß Du auch eine Weile später sein wirst, allerdings nich
mit Notwendigkeit | oder ohne jeden Zweifel, weü jene K raf U->41
oder naturhche Beschaffenheit in Dir, ganz gleich welcher ^ ^ ^
nrc'.r "' '" "'^" erstreckt, daß sie jede verderbliche
Ursache von innen oder außen fernhält. Daher wirst Du
auch sein, weil Du die Kraft besitzest, nicht die, die Dich
von neuem hervorbringt, sondern die, die imstande ist
Dein Fortbestehen zu gewährleisten, wenn nicht eine ver-
derbenbringende Ursache dazwischen kommt. Wenn Du
aber folgerst, „Du hingest von irgendeinem von Dir ver-
schiedenen Wesen ab", so folgerst Du richtig; doch nicht
so, als wurdest Du von neuem von ihm hervorgebracht
sondern als wärest Du einst von ihm hervorgebracht wor-
den. Und weiter: „dieses so beschaffene Wesen seien nicht
die Eltern oder beliebige andere Ursachen". Aber warum
sollen es nicht die Eltern sein, von denen Du so offenbar
so zugleich mit dem Körper hervorgebracht wurdest um
zu schweigen von der Sonne und den übrigen mitwirkenden
f u u" ."^.''5 '"^ '''""' ^^^^^ Du, „ein denkendes Ding
und habe die Idee Gottes in mir." Aber waren nicht Deine
u?' "1 J P^'^^ ^"'^'^ denkende Dinge und hatten sie
nicht auch die Idee Gottes? Daher man es hier also nicht
allzu genau mit dem schon oben behandelten Ausspruch neh-
men darf, „es müsse mindestens ebensoviel in der Ursache
sem. wie in der Wirkung". „Wenn die Ursache eine andere
ist als Gott," sagst Du, „so läßt sich die Frage stellen, ob
sie durch sich oder durch eine andere Ursache existiert. 1 [4251
Wenn durch sich selbst, so wird sie Gott sein; wenn durch
eine andere, so wird immer wieder dieselbe Frage gestellt
werden, bis man zu der gelangt, die durch sich existiert
und Gott ist, da man hier nicht bis ins Unendliche fort-
schreiten kann." Doch wenn die Eltern die Ursache waren
so konnte sie nicht durch sich, sondern durch eine andere
I»
278
Descartes, Meditationen.
bestehen, und die wieder durch eine andere, usw. bis ins
Unendliche. Und es dürfte Dir nicht gelingen, diesen un-
endlichen Fortgang als sinnlos zu erweisen, wenn Du nicht
zugleich bewiesest, daß einmal die Welt begonnen hat und
es somit einen ersten Erzeuger gegeben hat, der keinen
Erzeuger gehabt hat. Wenigstens scheint ein unendlicher
Fortgang sinnlos nur bei Ursachen zu sein, die so mit-
einander verknüpft und emander nachgeordnet sind, daß
eine spätere als wirksam nicht möglich ist, ohne daß die
vorangehende sie erregt: z. B. wenn ein Stein irgend etwas
antreibt, selbst angetrieben von einem Stocke, den wieder
die Hand antreibt, oder wenn der unterste Ring einer Kette
ein Gewicht zieht, selbst gezogen von dem vorhergehenden,
und der wieder von einem anderen; so nämlich muß man
zu einem bewegenden Etwas gelangen, das als Erstes die
Bewegung verursacht. Aber bei Ursachen, die so geordnet
sind, daß, wenn man die vorangehende aufhebt, die, die
von ihr abhängt, übrig bleibt und noch wirken kann, scheint
es nicht in gleicher Weise ungereimt zu sein. Wenn Du
demnach sagst, „es sei hinreichend klar, daß es hier einen
Fortschritt ins Unendliche nicht gebe", so wäre zu be-
achten, ob das auch dem Aristoteles so klar war, der so sehr
[426] I überzeugt war, daß es keinen ersten Erzeuger gegeben
hat. Weiter sagst Du, „es hätten auch nicht mehrere TeU-
ursachen zusammengewirkt, um Dich hervorzubringen, von
denen Du die Ideen der verschiedenen Gott zugeschriebenen
VoUkommenheiten erhalten hättest, da sie sich einzig und
aUein nur in Gott vorfinden könnten, dessen Einheit oder
Einfachheit die vorzüglichste Vollkommenheit ist". Aber
dennoch, mag es nur eine oder mehrere Ursachen von Dir
gegeben haben, so bt darum nicht notwendig, daß sie
Ideen ihrer Vollkommenheiten Dir eingeprägt haben, die
Du hättest vereinen können. Dabei aber nimmst Du Ver-
anlassung, Dir die Frage vorzulegen, warum nicht wenig-
stens, wenn es nicht mehrere Ursachen von Dir gibt,
mehrere Dinge hätten sein können, deren VoUkommenheiten
Du bewundert hast, so daß Du das Ding für glückselig
hieltest, in dem alle zugleich vorhanden waren. Du weißt,
wie die Dichter die Pandora beschreiben: Warum sollst
Fünfte Einwände.
279
Du nicht an verschiedenen Menschen ein gewisses hervor
ragendes Wissen. . Weisheit, Gerechtigkeit, ^StSlfSgkei ."
^tLT f' i'^r^'^' Glückseligkeit, Beständig-
keit usw. beNvundert haben und aUe diese Eigenschaften
ve^;terr"-'""r •""'* ^^'"^'^ ^-"-- -- -^ -
vermuten^ ob sie mcht emer alle zugleich besitzt? Warum
soUtest Du nicht sodami alle Vollkommenheiten umTe^
schiedene Grade haben steigern können, bis jener Tmmer
wahrscheinlicher wurde, | wenn seinem Wissen, seiner M™ 14071
werden r'''''''"^'!f" "^^- "'^'"^ ''"^''^ «^^ hinzugetan ^ '^
werden konnte, und er so allwissend wurde, allmächtig
ewig und aUes andere? Und da Du sähest daß soS
VoUkommenheiten sich nicht mit der menscWichen Natur
kön^'^'H- 'T"' ^^'""^ ^°"^^ °" "'-^ht haben meinen
können, die Natur werde glückselig sein, wenn das für eine
zusammentrifft? Warum soUtest Du es Aicht der Mühe S
wert gehalten haben, nachzuforschen, ob es irgendeine solche
fS- °°^': "'«^^''.«^^m nicht durch gewisse Argumente Dich
dahin haben bringen lassen, daß es wahrscheinlicher schien
sie existiere, als existiere nicht? Warum' solltest Du S
alles ander!''"'''' Körperlichkeit, Begrenztheit und
alles andere, was eine gewisse UnvoUkommenheit in sich
einschließt, genommen haben? So sind in der Tat wohl die
meisten vorgegangen, wobei allerdings infolge der verschie-
denen Arten und Stufen der ganzen Schlußfolgerung eTnte
Gott körperlich gelassen haben, einige mit menschlichen
Gliedern, andere nicht als alleinigen, sondern vielfachen
Nun ThT^^ T'^'J"^'''^' Durchschnittsweisheit ist!
he^h^ kJ der Vollkommenheit, die auf der Einheit
fZ K verbietet, aUe Gott zugeschriebenen Voll-
kommenheiten als innerlich verbunden und unzertrennlich
aufzufassen wenngleich die Idee, die Du von ihnen be
von^Dir""'.^,'. T *"" t"^^'' ' '" ^'^^ «^"'^^' '^f • ««ndern [4281
von Dir aus den erschauten Dingen geschöpft und ge-
d e pYL"'' !,'' ^T^'- ^° ^^"igstens stellt man nicht nur
hl.^ ^^ T^ ™" ^"^" ^^l^^" "°d Vollkommen-
Reouh.r'!" ^"nl" ^°"'"' '°"'^^™ ^"^^ die vollkommene
fj h!r ' n'" '''?"^«"^enen Redner usw. Schließlich, „dar-
aus, daß Du existierst und die Idee eines höchst voÜkom-
280
Descartes, Meditationen.
menen Wesens in Dir hast**, schließest Du, „es werde mit
höchster Evidenz bewiesen, daß Gott existiert'*. Aber mag
auch der Schluß richtig sein, nämlich „daß Gott existiert",
so ergibt sich doch nicht aus dem Gesagten, daß er von
Dir mit höchster Evidenz dargetan ist.
10. „Es bleibt noch zu untersuchen,** sagst Du, „in
welcher Weise ich jene Idee von Gott erhalten habe. Denn
ich habe sie weder aus den Sinnen geschöpft, noch auch
habe ich sie mir ausgedacht (denn ich kann durchaus nichts
von ihr wegnehmen, auch nichts ihr hinzufügen), und dem-
nach bleibt übrig, daß sie mir eingeboren ist, ebenso wie mir
auch die Idee meiner selbst eingeboren ist.** Allerdings,
wie Du sie teils aus den Sinnen hast schöpfen, teils hast
ausdenken können, habe ich schon mehrmals gesagt. Wenn
Du aber sagst, „Du könntest ihr nichts hinzufügen oder
abziehen", so bedenke, wie Du sie anfangs nicht gleich voll-
kommen gehabt hast I Bedenke, ob es nicht Menschen oder
[429] Engel oder andere | Naturen geben könnte, die gelehrter
als Du sind, von denen Du auf verschiedene Seiten Gottes
aufmerksam gemacht werden könntest, die Du noch nicht
kennst! Bedenke, daß zum mindesten Gott Dich so unter-
richten und mit solcher Klarheit in diesem Leben oder in
einem anderen vollkommen machen kann, daß all das, was
Du schon jetzt über ihn weißt, gleich nichts gerechnet wer-
den kann! Mag dem sein, wie ihm wolle — bedenke, wie
aus den Vollkommenheiten erschaffener Dinge ein Aufstieg
möglich ist zur Erkenntnis der Vollkommenheiten Gottes,
und wie sie nicht alle in einem Augenblicke erkannt werden
und von Tag zu Tag immer mehr und mehr entdeckt werden
können, so kann man auch die Idee Gottes nicht in einem
Augenblicke vollkommen besitzen, sondern nur von Tag
zu Tag immer vollkommener. Du sagst weiter: „Und es
ist auch wirklich nicht zu verwundern, daß Gott bei meiner
Erschaffung mir diese Idee eingepflanzt hat, gleichsam als
das Zeichen, das der Künstler seinem Werke aufgeprägt hat.
Übrigens braucht jenes Zeichen gar nicht etwas von dem
Werke selbst Verschiedenes zu sein, sondern einzig und
allein daher, daß Gott mich geschaffen hat, ist es recht
glaubhaft, daß ich in gewisser Weise nach seinem Bilde
"
Fünfte Einwände.
f
281
11
und seiner Ahnhchkeit geschaffen bin, und daß diese Ähn-
lichkeit m welcher die Idee Gottes enthalten ist von m^r
durch dieselbe Fähigkeit erfaßt wird, durch die ich mkh
selbst erfasse. .Das heißt : wenn ich den Blick meLs GeTstes
auf mich selbst richte, so sehe ich niclu nu Sn d:ß th
ein unvolktändiges, von | einem anderen abhängtes D ne U^m
bm, am Ding, das nach Größerem oder Besserem Sn! ^ ^
Grenzen strebt, sondern zugleich auch, daß Ser v"n der^
ich abhänge, dieses Größere nicht nur in einer stets ohn^
Ende fortschreitenden Weise und der Möglichkeit nach son
dem wirklich unendlich in sich enthält -Ind a o St s"
Das alles ,st prächtig von Dir gesagt, und ich mei^Jrse ts
wende nicht ein, daß es nicht wahr sei; aber iTmöJhte
lieh das^'v^rhrr' r" '' T"" 'T ''^^^'^^'^ läßt? Um nt
ncl das vorher Gesagte zu übergehen - „wenn die Idee
Gottes in Dir vorhanden ist wie das dem Werke aufgeprägte
Zeichen des Kunstlers", welches ist denn die Art LS
wekhe W '^'^'''" "^ ''^"" ''•= ^^°™ ''--^ deichen ? Auf
anleres^r'? T'Zf'f'"' °" ^^ ^^""? -'^enn es nichts
anderes ist als das Werk oder das Ding selbst" so bist D,,
a^so selbst die Idee? Du selbst bist nfchts ai^d'e res^ Sn
Modus des Denkens? Du selbst bist sowohl das e ngepräge
Zeichen als auch der Gegenstand, dem es eingeprägt Ist
(sub,ectum impressionis) ? „Es ist glaubhaft," ^sag" Du
daß Du nach dem Bilde und der Ähnlichkeit GoUes ge^
schaffen bist." Glaubhaft allerdings nach religiösem qL-
ben, aber wie kann man es nach natürlicher Überlegung ein-
worin' r'"^°" "^'•^^ ^°" Menschengestalt beileget? uTd
r wo'du .rK^'"!.^'"".^''^*^" ''^^'^^-^ Od'er kannst
fhn'iiv. K ""^ """^ ^'^^^ ^''^' voraussetzen, daß Du
ähnlich bist jener ewigen, unkörperlichen, unermeßlichen
höchst vollkommenen und ruhmreichen und, was die Haupt- [4^11
Sache ist. gänzlich unsichtbaren und unbegrdflichen Natur? ^ ^
vetleicZ'' h" '*' T ^"5^^'<^h^ daß Du Dich mit ihr
vergleichen und versichern kann.st, von gleicher Gestalt zu
sein? „Glaubhaft", sagst Du, „daher, weil er Dich ge-
Sal 3och'i °r' '"'" ?^'^^"' '^^ '' ^^" unglaubhaft.
JUa ,a doch das Erzeugnis dem Erzeuger nicht ähnlich ist,
außer wenn es von ihm durch Mitteilung seiner Natur her-
II
S82
Descartes, Meditationen.
vorgebracht wird. Aber Du bist nicht auf diese Weise von
Gott erzeugt; denn Du bist nicht sein Abkömmling und
hast nicht teil an seiner Natur. Sondern Du bist nur er-
schaffen, d. h. von ihm geschaffen nach einer Idee, so daß
Du nicht behaupten kannst, ihm ähnlicher zu sein, als ein
Haus dem Maurer ist. Und zwar immer vorausgesetzt, daß
Du von Gott geschaffen bist, was Du noch nicht bewiesen
hast. „Du erfassest", sagst Du, „die Ähnlichkeit, während
Du einsiehst, daß Du ein unvollständiges, abhängiges und
nach Größerem und Besserem strebendes Ding bist." Aber
warum sollte das nicht eher ein Beweis für die Unähnlich-
keit sein, da Gott im Gegenteil gänzlich vollständig, un-
abhängig und sich selbst genug ist, da er der Höchste und
Beste ist? Übergehen will ich, daß Du, wenn Du Deine
Abhängigkeit einsiehst, darum nicht sogleich einsiehst, daß
[432] das, von dem Du abhängst, etwas anderes | als die Eltern
ist; oder wenn Du etwas anderes erkennst, daß kein Grund
vorliegt, daß Du Dich für ihm ähnlich hältst. Übergehen
will ich auch die merkwürdige Tatsache, daß nicht die
übrigen Menschen oder Geister dasselbe wie Du einsehen;
zumal ja kein Grund vorhanden ist, warum man nicht
meinen sollte, Gott habe jenen ebenso wie Dir die Idee von
sich eingeprägt. Tatsächlich beweist dieser eine Umstand
sogar, daß die Idee nicht von Gott eingeprägt ist, da sie
ja doch, wenn das der Fall wäre, sowohl allen, als auch
zugleich als ein und dieselbe eingeprägt worden wäre, und
alle Menschen Gott unter ähnlicher Gestalt und Aussehen
begreifen, ihm dieselben Eigenschaften beilegen, vollends
dasselbe über ihn denken würden, wo doch das Gegenteil
ganz bekannt ist. Doch das ist schon viel zu viel hierüber.
[433] Gegen die vierte Meditation. Über Wahrheit
und Irrtum.
1. In betreff der vierten: Zu Begfinn gehst Du das noch
einmal durch, was Du als im Vorangehenden erwiesen er-
achtest, wodurch nach Deiner Annahme ein Weg zum wei-
teren Fortschritt gebahnt ist. Ich selbst will, um nicht auf-
zuhalten, mich nicht darauf versteifen, Du hättest gleich
Fünfte Einwände.
283
das sicherer beweisen sollen; es wird übergenug sein, wenn
Seht um ThT'; "'^ -gestanden worden ist. und waJ
nicht um nicht auf emem Vorurteil weiterzubauen
und mü Ä'k- T"*-^""' i:^" ''^""^ ^'^^ "icht täuschen",
und um die Fähigkeit, sich zu täuschen oder zu irren die Du
von Ihm hast, zu entschuldigen, schiebst Du die Schiüd auf
das Nichts, von dem", wie Du sagst, „Dir eine gewisse idee
Td ro".: ' r ^'"'rJ''' '''''''''' ^^•^'^h«» d-- -nersSs
und Gott anderseits Du nach Deiner Annahme stehst" Das
ist nun zwar eine recht schöne Schlußfolgerung; aber - um
ITy. ^" ""^.«^«^hen, daß es sich nicht erklären läßt, in
we eher Weise man die Idee des Nichts besitzt, oder wekhS
Art sie ist, auf welche Weise wir am Nichts teilhaben, und
anderes, - ich bitte nur festzuhalten, daß durch diese Unter-
daß' rn?f /"l/" l^''^'^^ ""^ '^'' W^l' geschafft wird,
I Tln.if kT ^^:^!^'^^" «'"« «licht dem Irrtum ausgesetzte
h^ .f ^ f " ^T^ "''^"*"" 'können. Denn wenn er [434]
Ihm auch keine unbegrenzte gab, er hätte doch eine von
der Art geben können, die nicht dem Irrtum beipflichtete,
hatte „r *""r''"' u^ ^^^' ^'^^^'^' ^^^ ^i« ^rkann
hatte, was sie aber nicht erkannt hatte, nicht als solches
lieber ausgab, als etwas anderes.
dnrfilfn- K^" P'' '^^ entgegenhältst, urteilst Du, „Du
Gr fnS ^ •T'"'- ''""^"■"' ^""" ^°" '"^'^hes tut, de sen
darüber Sl" ' ' einsiehst"^ Und das zwar mit Recht; doch
darüber muß man sich wundern, daß in Dir eine wahre Idee
vorhanden ist, die Gott darstellt als aUwissend, allSfiT
durchaus gut, und daß Du trotzdem einige Werke von ihm
Tr J!' .^.'^ "'^^' ^"'■chaus vollendet sind, so daß er, obwohl
er sie hatte vollkommener zum mindesten vollbringen kön-
nen, sie doch nicht vollbracht hat. Das dürfte wohl ein Be-
rr.nn^. Lf^'"' f ^' ^' ^"'^^^^' "'^^' gewußt oder nicht
gekannt oder nicht gewollt hat; und wenigstens insofern
aurtte er unvollkommen gewesen sein, als er die Unvoll-
kommenheit der Vollkommenheit vorgezogen hat. wenn er
trotz Wissens und Könnens nicht gewoUt hat
.nc Y^T^ ^ u ^^", "^'^ Anwendung der Zweckursachen
v,vL L K • '^^'i^''''""^ ausschließest", so hättest Du das
vieUeicht bei anderer Gelegenheit mit Recht tun kömien;
284
Descaites, Meditationen.
Fünfte Einwände.
285
aber wenn es sich um Gott handelt, dann dürftest Du damit
gerade das vornehmste Argument von der Hand weisen
[435] auf Grund dessen die göttliche ^^,«-heitVorsehungJ Macht
^ ^ und sogar Existenz durch natürhche E>"^-ht aumme na^
turae) begründet werden kann. Denn, um vom Weltall, vorn
Himmel und seinen anderen hauptsächlichen Teilen zu
fcSen - von wo aus oder auf welche We.se konntes
Du denn besser den Beweis führen, als auf Grund jler
Zweckmäßigkeit der Organe in den Pflanzen Tieren, Men^
sehen in Dir selbst (oder Deinem Korper), der Du Gottes
Ebenbild bist? Sehen wir doch tatsächlich gerade die be-
deutenden Männer von der anatomischen Betrachtung des
„menschlichen Körpers sich nicht nur zur Erkenntn^ von
Gott erheben, sondern ihm auch Lobgesange singen, dali
er alle Teile so für den Gebrauch gebildet und abgeordnet
hat, daß er überhaupt wegen seiner Meisterschaft und un-
vergleichlichen Vorsehung den Menschen als Muster hin-
gestellt zu werden verdient. j- „, r^
Du wirst sagen, den physischen Ursachen dieser Ge-
stalt und .\nordnung sei nachzuspüren und das seien Toren
die mehr auf den Zweck als auf die J^^^J^^^'f^?'^^
(agens) oder die Materie achten. Doch da kein Sterblicher
einsehen, noch auch erklären kann, welche -'"kende Ur-
sache jene Klappen, die an den Mündungen d" Herzkam-
mern angebracht sind, bildet und anordnet in der Weise
[436] die wir beobachten, was für Materie, | oder woher s^ de
^ Materie nimmt, aus der sie sie arbeitet, auf welche Weise
sie sich zur Wirkung anschickt, welche Werkzeuge sie ge^
Lucht oder auf welche Weise sie sie handhabt was le
braucht, um sie in dieser Ausmessung Struktur, Zug'estig-
keit Beweglichkeit, Größe, Form und Ariordnung herzu-
steUen - k sage ich, kein Naturforscher dies -d aridere
zu durchschauen und zu erklären vermag, warum sol te er
nicht wenigstens jene ganz he'^o"»^^"«^^/*^''^"',^ ,£"
und unaussprechliche Vorsehung bewiindern, die solche
Klappen so geeignet für den Gebrauch hergerichtet hat f
Warum sollte man ihm nicht beipflichten, wenn er dem-
zufolge zu der Erkenntnis kommt, man "^^sse notwendig
irgendeine erste Ursache gelten lassen, die das und alles
CotteÄifzu^taSe^;^^^^^^
wenn man darunter die Zwecke versteht, dTe Got^seS
aTerT"h "T jf''^"'^^^ ^"^^'"'^'^ - machen h nSrt
maßen Tn d^nTVlt'- '" ^°^^^^"- ^'^ « ^--e '
Tne .rnft. M? '"^^^'* «"^S^estellt hat und die man
ohne große Muhe erkennt und die außerdem derart sind
RuLTurtTsUt.^''" '''''' ^' ^'^^ "^^'^'^ -ßf^
einzJln^.n m"'' 1'"''"''' '^^^"' '^'^ ^^^^ Gottes, die in jedem [4371
Kenntnis Z'tn" "!!' ^'""^^^ "" ^'"^ ^^""'^ ""^ 'echte ^ ^
K^enntnis von Gott und seiner Vorsehung zu besitzen auch
abgesehen davon, daß sie sich auf die Zwecke aSl^^ge
oder überhaupt auf irgend etwas anderes bezieht DoA
Wee Jon' ctb^ T ""'"^ ^'^ ^"' ^^^ ^ vollkomm:^
Idee von Geburt an zu besitzen oder, wenn sie dargeboten
den Leuten denen Gott diesen Scharfblick nicht in solchem
Maße gegeben hat, es nicht übelnehmen, wenn s2 nur au^
der Betrachtung der Werke den Werkmeister erkTnnen ,fn^
v"e bTeTet^rsTld''*'^'' ^ ''"^" ^" ^^^^- ^^ ^^^ "'^^^
IZ aW '" benutzen, die auch überhaupt wohl
aus der Erkenntnis der Dinge so gebildet wird daß Du
keZnS^nicrt '^'"■'"" ''^ ^'^'^ ^^''^ -"^'' 'dieser ?!
da^ ? nln gar wenig um nicht zu sagen fast alles ver-
dankst. Denn ich bitte Dich, wohin, meinst Du, wärst Du
denn noch vorgeschritten, wenn Du seit der Zeit da Du in
den Korper eingeflößt wurdest, bis jetzt in ihm beiVe
rndTchSiÄ ^'^'/r''''''^ ^'^^^ geblieben :ärS'
dieses All i ?> ■'^''« /'"nesempfindung (sensu externo)
dieses All der Dinge und alles außer Dir erfaßt und in
zwischen die Zeit damit zugebracht hättest, alles bei Sir zu
uberiegen und die Gedanken hin und | her u vizen? Sage [4381
unSVon'"'''- ""i •'T'^^*''^ niir-s: welche Id e von Di ^
und Gott, meinst Du, hättest Du dann gehabt?
vollwL^*"" T' °" '^'^ ^^'""«^' "daß man das als un-
vollkommen erscheinende Geschöpf nicht als etwas Ganzes
286
Dcscartes, Meditationen.
Fünfte Einwände.
betrachten dürfe, sondern als ^^.^'^/^ii.^'^^.j^^i^refd^ng
es dann voUkommen sein w*^'"''«- ^le Unterscheidung
Iß man wirklich loben; do^^^l^'^-^^ti^eT^r^s ZI
der UnvoUkommenheit emes Teiles, >"^f "^^^Jf ^^'^^
mit der VoUständigkeit des Ganzen ^«'■^^''^J^^J''^?,' 3'^
insofern er in sich etwas Ganzes ist und eine .besondere
Aufeabe vollbringt; denn wenn Du Dich hierbei auch auf
da?Ml bSehst' ;« wird die Schw^ngkeit ^och -me^
bleiben. Oder wäre nicht tatsächlich das AU vollkommener
wein alle seine Teile vollkommen wären, als es jetzt ist, da
Te meisten Teile unvollkommen sind? So muß ja auch de
Staat voUkommener sein, in dem alle Burger .gut ^'"d^^^
ein anderer, in dem die meisten oder einige "»'^hts taugen
Daher ist es auch, wenn Du sodann sagst. ..gewisser-
maßen sei eine größere Vollkommenheit im gesamJ^enUm-
versum vorhanden, weil nur em.ge seiner Teüe ckm ^«um
ausgesetzt sind, als wenn sie alle «."»^"^er ähnlich waren
[4391 dasselbe, als wenn Du sagtest, ß^--^™-^/" ' J" ^ J^
^ ' kommenheit des Staates größer, wenn einige Burg^JJ^^^^*;
taugen, als wenn alle gut sind. Daraus folgt, daß. ganz me
es offenbar dem Wunsche des idealen Pursten entsprechen
muß lauter gute Untertanen zu haben, es so dem Plane des
Schöpfers des Alls offenbar entsprochen haben muß. alle
äe Teile entstehen und sie frei von Irrtum sein zu lassen
Und wenn Du auch sagen kannst, die Vollkommenheit derer
2 frei sind, erscheine größer im Gegensatz zu^denen de
dem Irrtum ausgesetzt sind, so ist das ^och nur durch em
Accidens (per accidens) der Fal ; ebenso wie die Tucht.gkeU
der Guten mag sie auch gewissermaßen noch so sehr im
Gegensitz z^denen. die mit Fehlern behaftet sind, hervor-
SSen, nur hervorsticht von einem Acadens aus (ex ac-
cidenti). Wie man also "'<il»',.^"'»^f ^" ,J^^' ^ehr si^h
Bürger nichts taugen, damit die g"'f "™ .^"^ "'^^.aen
herausheben, so hätte offenbar nicht zugelassen weraen
nerausneucu. a« Irrtum ausgesetzt
dürfen, daß einige Teüe des Alls aein »"lui. s
waren damit die um so heUer strahlten, die frei von
^" Du'^sagst .Du hättest kein Recht. Dich zu beklagen,
daß Gott 's 'o' gewollt hat. daß Du in der Welt mcht dte
287
vorzüglichste und vollkommenste aUer Personen vorsteUst"
SsÄS ttlent äLrinÄtt Sir^T^ - f^O]
Frrr^'^%^" geben.T;nr:^er':n^^tr dem
Sr In. 7^" ^^l^"^ ^'^''' ™*^hen kami, daß er nS
alle Untertanen zu hohen Ämtern beruft, sondern einLe für
i'nTmT'h""^' !f "'^ ""'^'^'- -—de?, so ^rde
Tr efnL für ;*"'" ^'''^"^ '^^''^"^ '^^'^^"' -«"« er nicS
geradezu firvtr ^TT'u ^«"'^^tungen. sondern einige
geradezu für verwerfliche bestimmen würde
beweben'^fS r^» S*""'"'' ''^'"^'^ ^'^'"^ ^^^hren, um zu
Deweisen daß Gott Dir eine größere Fähigkeit zu erkennen
hatte geben müssen, als er es getan hat. und wen^ Du S
als einen auch noch so tüchtigen Künstler ansiehst so seit^
seLr^Terkrairn' ^^^?f^--^. ^aß er in Jedes el^elS
semer Werke alle die Vollkommenheiten hätte hineinlee-Pn
müssen, die er in einige hineinlegen kann". SocHas It
ebe erößL F ?r'"^^"" ^'''^^'' ^^rum Gott Dir nicht
meL warn' ' •^'''"■^" ^'■^^""^" ^'^^"^'^ b^t- als viel-
er St^^^ ^'P'' ^'°^ "■'"^"de gegeben hat; und daß
kLT "l °',f ' ""^ ^'" ^'^«^ dreht, warum der höchst
X wilT'sondfrT ""'" '^^•''^" ^'^ VoUkommenSe'en
heit:; Leneüen ™u"""" " '"'^^'^ '""'^ Unvollkommen-
fr.; ' ?? ^^^''' "'^^"" °" ^'''^ a«"^!» nicht von Irrtümern 1441 ]
S?r SSlrr^'^^r ?' ''"'"'^ ^^^ ^-'^-'^ Erfasse" ^'^'^
der Dinge, so sei es doch möglich auf Grund des Vorsatzes
demzufolge Du Dir fest vorgenommen hast, keinem dS
beizustimmen, das Du nicht evidem erfaßt hättest^ Do?h
sam zu ei^"hl f ^^,7^"^^ -*" -ag, immer so aufmerk
sam zu sem, bleibe dahingestellt - ist es nicht immer eine
UnvoUkommenheit, das, was man beurteilen 3 niSt
evident zu erfassen und beständig der Gefahr zu ÜT;n ai^
gesetzt zu sein? ^ ^^'
üetcarte«, Meditationen, -^
Hoo
Descartes, Meditationen.
noch auch in der Tätigrkeit, soweit sie von ihm abhängt".
Doch mag der Irrtum auch in der von Gott empfangenen
Fähigkeit unmittelbar nicht vorhanden sein, er ist es doch
mittelbar, sofern sie mit der Un Vollkommenheit erschaffen ist,
daß sie irren kann. Daher „hast Du zwar keinen Grund",
wie Du sagst, „Dich über Gott zu beklagen, der tatsächlich
Dir nichts schuldig war und dennoch Dir diese Güter ver-
liehen hat, für die Du ihm danken mußt"; aber ich habe
immer Grund, mich zu wundern, warum er keine vollkom-
meneren gegeben hat, wenn er es doch gewußt und gekannt
hat und sich nicht hat vom Neide leiten lassen.
Und weiter: „auch hättest Du keinen Grund, Dich dar-
über zu beklagen, daß er mit Dir zusammenwirkt zum Akt
[442] des Irrens, da | alle Akte wahr und gut seien, sofern sie von
Gott abhängen, und es in Dir sozusagen eine größere Voll-
kommenheit sei, sie hervorrufen zu können, als es nicht zu
können, und der Mangel, in dem allein der formale Grund
des Irrtums und der Schuld besteht, keiner Mitwirkung
Gottes bedürfe, da er nichts Reelles und auch nicht auf
ihn zu beziehen sei". Doch, mag dieser feine Unterschied
auch bestehen, er befriedigt doch nicht völlig. Wenngleich
Gott nicht mitwirkt bei dem Mangel, der in dem Akt besteht
und Falschheit und Irrtum ist, so hat er doch bei dem Akte
mitgewirkt ; denn hätte er nicht bei ihm mitgewirkt, so gäbe
es keinen Mangel; auch in anderer Hinsicht ist er selbst
der Urheber der Fähigkeit, die sich täuscht oder irrt, und
zwar, um mich so auszudrücken, der unfähigen Fähigkeit.
Und so muß man den Mangel, der in dem Akte besteht,
nicht sowohl auf sie, die unfähig ist, als vielmehr auf den
Urheber, der sie als unfähig geschaffen und nicht fähig
oder fähiger trotz Vermögens hat schaffen wollen, offenbar
zurückführen. Gewiß, wie man dem Handwerker keinen
Vorwurf daraus macht, daß er zum öffnen eines Schränk-
leins einen klobigen Schlüssel fertigt, wohl aber, wenn er
einen zierlichen arbeitet, daß er ihm eine zum öffnen un-
geschickte oder schwierige Form verleiht, so trifft Gott
zwar keine Schuld, daß er bei der Verleihung der Urteils-
[443] fähigkeit | an das Menschlein sie ihm nicht so groß gegeben
hat, daß er glauben konnte, sie würde für alle oder die
Fünfte Emwände.
289
TrlTistt' ^""^''^ ""^ü^^ ausreichen: aber höchst wun-
derbar ist es, warum er ihm eine verliehen hat die für das
TurnngS %:r '^" ''r^'^^ ^^^^^-^- wn LS
unzulänglich, verworren und unsicher ist
dPr kuli.''TT''^f '^"^"^' "^^' eigemlich die Ursache
der Falschheit oder des Irrtums in Dir sei". Zunächst streUe
ich nun hier zwar nicht darüber, wieso Du den Versand
e kennen""of Tf^"^ '^^^'^^"^" ^--'- dieldeeTzu
erkennen oder die Dinge selbst einfach und ohne jede Be
Se" WahU ■■ -r^'r^ ^" ^^^^^^^"- "^^- Willeraber und
de Wahlfreihe.t als Urteüsfähigkeit" bezeichnest deren
Aufgabe es sei, zu bejahen oder zu verneinen, beizustimmen
oder zu widersprechen. Ich stelle allein de Frage T5^
warum Du den Willen und die Wahlfreiheit durch keiTe
Grenzen umschreibst, wohl aber den Verstand. Derm Se
beiden Fähigkeiten erstrecken sich doch offenbarefdch
ZTk " W?' J"f ^"' ^""^ ™"'^-^- nichf weniger wt
V rst/nd^L'ht ' '" "^'"l"^' ^"' "'^'^^^ bezieht,\as d";
verstand nicht vorausgesehen hat.
der Vers;an?'.;hr. '"'I'**''^" "''^^^ ^^"'^^^ ^"'"'- denn
der WiS 1 'V''' "^^'^^ ^""^"' ^" erstrecken, als | r4441
der Wille, da es ja mcht nur einen Willen oder eine Ent ^
Scheidung (arbitrium) ein Urteil und somit eine AuswaW
ein Befolgen, em Meiden nur darüber gibt, was wir erfaß
gestSt haT "T ';■■ '^^^^^^"'^ ^'^ Idee 'erfaßt und auf-
gestellt hat, sondern da wir auch vieles nur dunkel einsehen
Tdt Uneitt ''r?' ?^^°'^^" ""'^^ Meiden tib'ath
ist die Ur eilsfahigkeit oft so unentschieden, daß bei glei-
chem Gewicht des Für und Wider, oder wenn gar kein Aus-
Itanä r'^'l^'"' f' '"" ^"^" ^^^°'^*' - doch d ; v"
stand inzwischen das erfaßt, was ungewertet bleibt.
Was Du femer sagst, „Du könntest Dir alles immer
großer und größer denken, und im besonderen c^e Sg-
Hch hü/ r'" '"!.''''' t"'" ""^ °" Dir auch als unend-
lich bilden konntest", so beweist das eben, daß der Verstand
nicht mehr begrenzt ist, als der Wille, da er sich ja bis zu
Sberdirpi;"''"- ^^'^^^^^ ^'^^^^^•^^ kann W:nn dJ
göttlichen W^r'"'^ ^T"""'"' "°"^ W'"^ 1^«'"'"« dem
göttlichen Willen gleich, zwar nicht extensiv, aber doch
19»
290
Descartes, Meditationen.
Fünfte Einwände.
291
formal", so beachte, ob man nicht dasselbe auch über den
Verstand sagen kann, sobald Du den formalen Begriff
[445j (notio) des Verstandes nicht anders, als den des Willens |
definiert hast. Doch sage uns kurz, worauf sich der Wille
erstrecken könnte, was etwa dem Verstände entginge. Es
scheint daher nicht „der Irrtum daraus zu entstehen**, wie
Du sagst, „daß sich der Wille weiter als der Verstand er-
streckt und sich auf die Beurteilung dessen ausdehnt, was
der Verstand nicht erfaßt**, sondern daraus, daß, während
sie sich gleich weit erstrecken, der Verstand etwas nicht
recht erfaßt und der Wille es nicht recht beurteilt.
Daher liegt auch kein Grund vor, „warum Du den
Willen über die Grenzen des Verstandes hinaus** ausdehnen
solltest, da er einerseits nicht über Dinge urteilt, die der
Verstand nicht erfaßt hat, anderseits aber nur verkehrt be-
urteilt, was der Verstand verkehrt erfaßt.
Du führst das „Beispiel von Dir selbst'* gelegentlich
der von Dir angestellten Beweisführung über die Existenz
der Dinge an. Das geht zwar an, sofern es sich auf das
Urteü über die Existenz Deines Selbst bezieht; doch soweit
es sich auf anderes bezieht, scheint es nicht am Platze zu
sein. Denn, was Du auch immer sagst, oder besser vor-
spiegelst, in Wirklichkeit zweifelst Du gar nicht, sondern
urteüst überhaupt, daß es etwas außer Dir und von Dir
Unterschiedenes gibt, da Du irgend etwas außer Dir und
von Dir Unterschiedenes vorher einsiehst. Du setzest vor-
aus, „es biete sich kein Grund dar, der von dem einen eher
[446] als von dem anderen | überzeugte** ; das kannst Du voraus-
setzen, aber Du mußt zugleich voraussetzen, daß kein Ur-
teil erfolgen, sondern der Wille immer unentschieden sein
und sich nicht zur Urteils fäll ung entschließen wird, bis dem
Verstände irgendeine größere Wahrscheinlichkeit von der
einen Seite als von der anderen Seite sich darbieten wird.
Darauf sagst Du: „diese Unentschiedenheit erstrecke sich
so auf das, was man nicht genügend durchsichtig erkennt,
daß, mögen Dich auch noch so wahrscheinliche Vermutun-
gen nach der einen Seite hinziehen, allein die Erkenntnis,
daß es nur Vermutungen sind, genügt, um Demer Zustim-
mung die entgegengesetzte Richtung zu geben**. Das scheint
I
l'
!•
keineswegs wahr. Denn jene Erkenntnis, daß es nur Ver-
mutungen sind, wird zwar bewirken, daß Du das Urteil
von der Seite, nach der die Vermutungen Dich ziehen, mit
einiger Furcht und mit Zögern fäUst, aber niemals wird sie
bewirken, daß Du das Urteil von der entgegengesetzten
Seite aus fällst, höchstens dann, wenn nicht nur gleich
wahrscheinliche, sondern sogar wahrscheinlichere Vermutun-
gen sich darbieten.
Du fügst hinzu: „Du hättest das in diesen Tagen er-
fahren, wo Du alles, was Du früher am meisten für wahr
gehalten hattest, als falsch angenommen habest". Bedenke
aber bitte, daß Dir das nicht zugestanden wurde; denn Du
kannst tatsächlich nicht geglaubt oder Dich überzeugt ha-
ben. Du hättest die Sonne, | Erde, Menschen usw. nicht ge- [447]
sehen, den Schall nicht gehört, wärest nicht umhergegangen,
hättest nicht gegessen, nicht geschrieben, nicht gesprochen,'
und anderes getan (nämlich mit Hilfe des Körpers und
seiner Werkzeuge).
Schließlich scheint also der „Begriff (forma) des Irr-
tums'* nicht sowohl „auf dem unrichtigen Gebrauche der
freien Wahl" zu beruhen, wie Du behauptest, als vielmehr
auf der Unstimmigkeit zwischen dem Urteil und der be-
urteilten Sache, die daraus entstanden ist, daß der Ver-
stand jenes Ding anders, als es sich verhält, erfaßt. Daher
scheint es auch nicht sowohl die Schuld der freien Wahl
(arbitrium) zu sein, daß sie nicht richtig urteüt, als viel-
mehr des Verstandes, daß er nicht richtig darstellt (demon-
stret). Denn darin besteht wohl die Abhängigkeit der freien
Wahl vom Verstände, daß, wenn der Verstand irgend etwas
klar erfaßt oder zu erfassen scheint, die Wahl ein zutreffen-
des und bestimmtes Urteil fällt, sei es, daß es der Sache
nach wahr ist, oder für wahr gehalten wird; wenn er es
aber nur dunkel erfaßt, daß dann die Wahl ein zweifel-
haftes und mit dem Gefühl der Furcht verbundenes Urteil
fällt, das dennoch für den Augenblick für wahrer gehalten
wird, als das entgegengesetzte, sei es, daß der Sache nach
Wahrheit darin liegt oder Falschheit. Daraus ergibt sich,
daß wir uns nicht so sehr hüten können, nicht zu irren, wie
nicht im Irrtum zu beharren, und daß wir die eigenen Ur-
m
292
Descartes, Meditationen.
[448] teile | sorgfältig abwägen nicht dadurch, daß wir der freien
Wahl Zwang antun, als vielmehr dadurch, daß wir den Ver-
stand auf eine klarere Erkenntnis hinwenden, der dann das
Urteil immer folgen wird.
4. Du schließest mit übertreibender Hervorhebung des
Ertrages, den Du aus dieser Meditation entnehmen könnest,
und gibst eine Vorschrift, „was man tun müsse, um die
Wahrheit zu erreichen'*. Du sagst nämlich, „Du werdest
sie erreichen, wenn Du nur auf alles, was Du vollkommen
einsiehst, genügend aufmerkest und es von dem übrigen
scheidest, was Du in verworrener und dunklerer Weise er-
fassest".
Das ist vollends nicht nur wahr, sondern geradezu der-
art, daß die ganze vorangehende Meditation, ohne die man
es einsehen konnte, überflüssig gewesen sein dürfte. Doch,
Verehrtester, achte bitte darauf, daß die Schwierigkeit offen-
bar nicht auf der Frage beruht, ob wir, um uns nicht zu
täuschen, etwas klar und deutlich einsehen müssen, sondern
durch welche Kunst oder Methode man erkennen kann, daß
wir eine so klare und deutliche Einsicht besitzen, daß sie
wahr ist und wir uns unmöglich täuschen können. Denn
eingangs habe ich eingewandt, wir täuschten uns nicht sel-
ten, obgleich wir etwas so klar und deutlich zu erkennen
glauben, daß nichts klarer und deutlicher sein könnte. Auch
[449] Du I selbst hast Dir das entgegengehalten, und doch warten
wir immer noch auf diese Kunst oder Methode, auf die doch
alles ankommt.
Gegen die fünfte Meditation. Über das Wesen
der materiellen Dinge und nochmals über das Dasein
Gottes.
1. In der fünften sagst Du zuerst, daß sich Dir deutlich
in der Einbüdung darstelle „die Größe, d. h. die Ausdeh-
nung nach Länge, Breite und Tiefe, ebenso die Zahl, Ge-
stalt, Lage, Bewegung, Dauer". Aus diesen allen, wovon
Du behauptest, die Ideen zu besitzen, wählest Du die Figur
aus und aus den Figuren das Dreieck, über das Du folgen-
des sagst: „Obgleich vielleicht eine solche Figur nirgend
Fünfte Einwände.
293
in der Welt außer meinem Bewußtsein existiert, noch je
existiert hat, so hat sie dennoch fürwahr eme bestimmte
Natur, die nicht von mir ausgedacht ist, noch von meinem
Geiste abhängt, wie daraus hervorgeht, daß sich von diesem
Dreieck mancherlei Eigenschaften beweisen lassen, wie, daß
seine drei Winkel gleich zwei rechten sind, daß bei ihm
dem größten Winkel die größte Seite gegenüberliegt und
dergleichen, was ich jetzt klar erkenne, | ich mag wollen [450]
oder nicht, wenngleich ich vorher keineswegs an diese Eigen-
schaften gedacht habe, als ich mir das Dreieck vorstellte,
und ich sie also auch nicht erdacht haben kann". Das ist
nun alles, was Du über die Wesenheit (essentia) der ma-
teriellen Dinge zu sagen hast; denn das wenige, was Du
hinzufügst, kommt auf dasselbe hinaus. Und so will ich
hieran nicht hängen bleiben, ich möchte nur bemerken, daß
es hart erscheint, „irgendeine unveränderliche und ewige
Natur außer dem dreimalgrößten Gotte" festzustellen.
Du wirst sagen, Du brächtest nichts anderes vor, als
was man in den Schulen vorträgt, daß die Naturen oder
Wesenheiten der Dinge ewig seien und daß über sie Sätze
von ewiger Wahrheit aufgestellt würden. Doch das ist eine
ebensolche Härte und wohl nur sehr schwer jemand davon
zu überzeugen: denn wie soll man verstehen, daß eine
menschliche Natur existiert, obwohl kein Mensch existiert;
oder daß die Rose eine Blume ist, wenn es nicht einmal
eine Rose gibt.
Man sagt zwar, es sei etwas anderes, über die Wesen-
heit (essentia), und wieder etwas anderes, über das Dasein
(existentia) der Dinge zu sprechen, und es bestehe allerdings
das Dasein der Dinge nicht von Ewigkeit her, aber doch
die Wesenheit. Jedoch, wenn das Vorzüglichste, was in den
Dingen ist, die Wesenheit ist, was vollbringt denn dann Gott
Großes, wenn er das Dasein hervorbringt? Offenbar tut er
nicht mehr, als wenn ein Schneider einem Menschen | einen [451]
Rock anzieht. Und doch, wie wird man die Behauptung
verteidigen, daß die Wesenheit des Menschen, die z. B. in
Plato steckt, ewig ist und unabhängig von Gott ? Werden sie
sagen, sofern sie universell ist? Aber alles, was in Plato
vorhanden ist, ist etwas Besonderes (singulare). Und zwar
394
Descartes, Meditationen.
pflegt der Verstand nach der Beobachtung, daß die Naturen
emes Plato, Sokrates und der übrigen Menschen ähnlich
sind, aus ihnen einen gewissen gemeinsamen Begriff zu ab-
strahieren, der auf alle paßt und der demnach als die uni-
verselle Natur oder Wesenheit des Menschen angesehen
werden kann, insofern man einsieht, daß er auf jeden Men-
schen paßt. Aber daß er universeU gewesen ist, bevor
Plato und die übrigen Menschen da waren und der Ver-
stand ihn abstrahierte, das kann man wirklich nicht erklären.
Du wirst sagen, war denn dieser Satz : „Der Mensch ist
ein lebendes Wesen", nicht auch, ehe es einen Menschen
gab, und so von Ewigkeit her, wahr? Aber er scheint es
ganz und gar nicht zu sein, außer in dem Sinne, daß, wenn
immer ein Mensch sein wird, er ein Lebewesen sein muß.
Mag nämlich immerhin ein Unterschied zu bestehen schei-
nen zwischen diesen beiden Sätzen: „der Mensch ist da"
und „der Mensch ist ein Lebewesen", weil in dem ersten
mehr das Dasein ausdrücklich ausgesprochen wird und in
dem letzteren die Wesenheit ; so wird doch weder von jenem
[452] die Wesenheit ausgeschlossen, ( noch von diesem das Da-
sein; sondern wenn man sagt, „der Mensch ist da", dann
wird der Mensch als ein Lebewesen aufgefaßt, und wenn
man sagt, „der Mensch ist ein Lebewesen", so versteht
man „den Menschen, insofern er existiert". Da außerdem
aber dieser Satz, „der Mensch ist ein Lebewesen" nicht
von größerer Notwendigkeit ist als der, „Plato ist ein
Mensch", so muß also auch dieser von ewiger Wahrheit
sein, und die singulare Wesenheit Piatos kann nicht weniger
unabhängig von Gott sein, als die universelle des Menschen
und anderes der Art, was weiter zu verfolgen langweUig
wäre. Indessen füge ich hinzu : wenn man sagt, der Mensch
sei von solcher Natur, daß er nicht sein kann, ohne ein
Lebewesen zu sein, so darf man sich deshalb nicht ein-
bilden, eine solche Natur sei irgend etwas oder irgendwo
außer dem Verstände, sondern daß der Sinn nur der ist :
dazu, daß irgend etwas ein Mensch ist, muß es selbst den
übrigen Dingen ähnlich sein, denen man auf Grund der
wechselseitigen Ähnlichkeit eben diese Bezeichnung Mensch
beigelegt hat : auf Grund der Ähnlichkeit, wie gesagt zwi-
Fünfte Einwände.
295
sehen singulären Naturen, aus der der Verstand die Hand-
habe gewonnen hat, den Begriff (conceptus) oder die Idee
(idea) oder den Inbegriff (forma) einer gemeinsamen Natur
zu büden, von der nicht abweichen darf, was immer Mensch
sein wiU.
I Von diesem Standpunkt aus sage ich dasselbe über [453]
Dein Dreieck und seine Natur. Denn das Dreieck ist ge-
wissermaßen eine geistige Regel, mit deren Hilfe Du er-
mittelst, ob irgend etwas verdient, als Dreieck bezeichnet
zu werden; aber man darf darum nicht sagen, daß ein
solches Dreieck etwas Reales und eine wirkliche Natur
außer dem Verstände sei, der allein sie nach Maßgabe der
geschauten materiellen Dreiecke ebenso, wie ich es über
die menschliche Natur ausgeführt habe, gebildet und ver-
allgemeinert hat.
Soweit darf man auch nicht meinen, die von den ma-
teriellen Dreiecken bewiesenen Eigenschaften träfen des-
halb auf sie zu, weü sie sie von dem idealen Dreiecke her-
nehmen, da vielmehr sie selbst (die materiellen Dreiecke)
sie in sich haben, und nicht das ideale; höchstens, daß der
Verstand auf Grund der Einsicht in sie (die materiellen
Dreiecke) sie (die Eigenschaften) ihm beigelegt hat, um sie
später beim Beweise ihnen zurückzuerstatten; in derselben
Weise, wie die Eigenschaften der menschlichen Natur nicht
darum in Plato und Sokrates sind, weil sie sie von der uni-
versalen Natur bekommen hätten, da vielmehr die univer-
sale Natur sie daher enthält, weil der Verstand sie ihr bei-
gelegt hat, nachdem er sie in Plato, Sokrates und anderen
beobachtet hat, um sie ihnen dann der Reihe nach zurück-
zugeben, wenn | das zum Behuf e des Beweises nötig ist. [454]
Es ist nämlich bekannt, daß der Verstand aus der
Kenntnisnahme des Plato, Sokrates und anderer, die alle
vernunftbegabt sind, folgenden allgemeingühigen Satz er-
schlossen hat: „jeder Mensch ist vernunftbegabt", und dann,
wenn er beweisen will, daß Plato vernunftbegabt ist, daß
er diesen Satz als Prinzip in den Syllogismus einführt. Nun
sagst Du allerdings, verehrter Geist, „Du hättest die Idee
des Dreiecks und würdest sie haben, selbst wenn Du nie
eine dreieckige Figur unter den Körpern gesehen hättest,
296
Descartes, Meditationen.
wie Du sie besitzest von mehreren anderen Figuren, die
Dir niemals in die Sinne gelangt sind*'.
Doch wenn Du so, wie ich oben sagte, bis jetzt aller
Funktionen der Sinne beraubt gewesen wärest, daß Du
niemals gesehen noch verschiedene Oberflächen oder Ecken
von Körpern betastet hättest, meinst Du, Du hättest die
Idee des Dreiecks oder einer anderen Figur haben oder in
Dir bilden können? „Du hast jetzt mehrere in Dir, die
nicht durch die Sinne in Dich hineingekommen sein kön-
nen?** Das macht allerdings keine Schwierigkeit, weil Du
sie aus denen, die in Dich hineingelangt sind, in mannig-
faltiger Weise bildest und formst in der oben auseinander-
gesetzten Art.
[455] I Es müßte hier außerdem von jener falschen Natur des
Dreiecks gesprochen werden, von der man annimmt, sie be-
stehe aus Linien ohne Breite, und wonach das Dreieck
eine Fläche ohne Tiefe enthält, und in drei Punkten endet,
die gar keine Ausdehnung haben; doch damit würde ich
zu weit abschweifen.
2. Du unternimmst sodann, das Dasein Gottes zu be-
weisen, und die Kraft Deines Beweises liegt in den Worten :
„Achtet man darauf, so wird einem offenbar, daß sich das
Dasein von der Wesenheit Gottes ebensowenig trennen läßt,
wie von der Wesenheit des Dreiecks, daß die Größe seiner
drei Winkel zwei rechte beträgt, oder von der Idee des
Berges die Idee des Tales. Es widerstreitet daher ebenso-
sehr, sich einen Gott (d. h. ein höchst vollkommenes Wesen)
zu denken, dem das Dasein mangele (d. h. dem eine gewisse
Vollkommenheit mangele), als einen Berg zu denken ohne
Tal**. Hier ist nun zu beachten, daß Dem Vergleich nicht
ganz richtig sein dürfte.
Denn Du vergleichst zwar mit Recht Wesenheit mit
Wesenheit; aber Du vergleichst darauf nicht entweder Da-
sein mit Dasein, oder Eigenschaft mit Eigenschaft, sondern
[456] Dasein mit Eigenschaft. ( Demnach hätte man wohl auch
sagen können, es lasse sich ebensowenig die Allmacht z. B.
von Gottes Wesenheit trennen, wie von der Wesenheit des
Dreiecks jene Gleichung von der Größe seiner Winkel;
oder mindestens, es lasse sich ebensowenig das Dasein
Fünfte Einwände.
297
Gottes von seiner Wesenheit trennen, wie von der Wesen-
heit des Dreiecks sein Dasein. So nämlich wären beide
Vergleiche passend, und man hätte Dir nicht nur den
ersteren zugegeben, sondern auch den zweiten. Und doch
hättest Du deshalb nicht bewiesen, daß Gott notwendig
existiert, weil auch das Dreieck nicht notwendig existiert,
obgleich seine Wesenheit und sein Dasein der Sache nach
sich nicht voneinander trennen lassen, wie sehr sie auch
der Geist scheide oder gesondert denke; wie auch die gött-
liche Wesenheit und das göttliche Dasein getrennt gedacht
werden können.
Sodann ist zu beachten, daß Du das Dasein unter die
göttlichen Vollkommenheiten stellst, und es doch nicht unter
die Vollkommenheiten des Dreiecks oder des Berges stellst,
wo es doch ebenso und bei jedem Dinge nach seiner Art
als Vollkommenheit bezeichnet werden kann. Doch es ist
natürlich weder bei Gott noch bei irgendeinem anderen
Dinge das Dasein eine Vollkommenheit, sondern das, | ohne [457]
welches es keine Vollkommenheiten gibt.
Denn was nicht existiert, hat weder Vollkommenheit
noch Unvollkommenheit, und was existiert und eine Reihe
von Vollkommenheiten hat, hat nicht das Dasein als noch
eine besondere Vollkommenheit, als eine unter den übrigen,
sondern als das, wodurch es selbst wie die Vollkommen-
heiten existierend ist, und ohne das man weder von ihm
selbst sagen kann, es habe die Vollkommenheiten, noch
von den Vollkommenheiten, etwas habe sie. Daher sagt
man von dem Dasein nicht, daß es in einem Dinge nach
Art der Vollkommenheiten existiere, noch sagt man von
einem Dinge, dem das Dasein mangelt, daß es unvollkom-
men (oder einer Vollkommenheit bar) sei, als vielmehr, daß
es gar nicht sei.
Wie Du daher bei der Aufzählung der Vollkommen-
heiten des Dreiecks das Dasein nicht aufführst und dem-
entsprechend nicht den Schluß ziehst, daß das Dreieck
existiert, so durftest Du auch nicht bei der Aufzählung der
Vollkommenheiten Gottes sein Dasein darunter rechnen,
um den Schluß zu ziehen, daß Gott existiert, wenn Du nicht
einen Zirkelschluß begehen wolltest.
298
Descartcs, Meditationen.
Du sagst, „in allen anderen Dingen sei das Dasein von
der Wesenheit unterschieden, nicht jedoch in Gott". Doch,
bitte sehr, wie lassen sich das Dasein Piatos und die Wesen-
[458] heit Piatos anders voneinander | unterscheiden, als nur durch
Denken? Nimm nämlich einmal an, Plato existiere nicht
mehr — wo wird denn seine Wesenheit sein? Ist nicht
ebenso Gottes Wesenheit und Dasein nur im Denken ver-
schieden?
Du machst Dir den Einwand, daß, „wie daraus, daß
man den Berg mit dem Tale oder ein Pferd geflügelt denkt,
darum nicht folgt, daß der Berg oder ein solches Pferd
existiert, so vielleicht daraus, daß Du Gott als daseiend
denkst, noch nicht folge, daß er existiert'*. Und dann wei-
sest Du nach, daß ein Trugschluß darin steckt. Doch es
wäre nicht schwer gewesen, den Trugschluß zu lösen, den
Du selbst herbeigeführt hast besonders dadurch, daß Du
das, was so offenbar widersprechend ist, angenommen hast,
der existierende Gott existiere nicht, und es doch nicht
dementsprechend angenonmien hast vom Menschen oder
Pferde.
Aber wenn. Du wie den Berg mit dem Tale und das
Pferd mit den Flügeln, so Gott mit seinem Wissen, seiner
Macht und den anderen Attributen angenommen hättest,
dann wäre die Schwierigkeit weitergegangen und es wäre
Dir die Aufgabe zugefallen, zu erklären, wie es möglich ist,
daß man den Berg als ansteigend oder das Pferd als ge-
flügelt denken kann, ohne daß sie zu existieren brauchen,
während wir unmöglich Gott als wissend und mächtig
denken, ohne zugleich zu denken, daß er existiert.
[459] I Du sagst, „es stünde nicht frei, Gott ohne Dasein —
d. h. das vollkommenste Wesen ohne die ganze Vollkommen-
heit — zu denken, wie es freisteht, sich ein Pferd mit oder
ohne Flügel vorzustellen". Aber dem ist nun nur hinzu-
zufügen, daß, wie es freisteht, ein Pferd zu denken, das keine
Flügel hat, ohne das Dasein zu denken, das, wenn es hin-
zukommt, nach Dir als eine VoUkonamenheit in ihm wäre,
es so freisteht, Gott zu denken im Besitze des Wissens,
der Macht und der übrigen Vollkommenheiten, ohne das
Dasein zu denken, dessen Besitz ihn allerdings höchst voll-
Fünfte Einwände.
299
kommen machen würde. Wie daher daraus, daß von einem
Pferde, das im Besitz der VoDkommenheit der Flügel ge-
dacht wird, deswegen nicht gefolgert wird, daß es das Da-
sein, nach Dir die vorzüglichste aller Vollkommenheiten,
besitzt, so wird auch nicht daraus, daß Gott im Besitz des
Wissens und der übrigen Vollkommenheiten gedacht wird,
deswegen sein Dasein gefolgert, sondern es ist erst noch
zu beweisen. Und wenn Du behauptest, „daß sowohl das
Dasein wie die übrigen Vollkommenheiten in der Idee des
höchst vollkommenen Wesens begriffen werden", so be-
hauptest Du, was zu beweisen ist, und nimmst die Schluß-
folgerung als Voraussetzung (principium) an. Denn sonst
würde ich auch behaupten, daß in der Idee des vollkom-
menen Pegasus nicht nur die Vollkonmienheit enthalten ist,
I daß er Flügel hat, sondern auch die, daß er existiert. Wie [460]
nämlich Gott als vollkommen in jeder Art Vollkommenheit
gedacht wird, so wird der Pegasus als vollkommen m seiner
Art gedacht. Und offenbar läßt sich hier nichts dagegen
einwenden, daß unter Berücksichtigung desselben Verhält-
nisses es nicht für beide Seiten Anwendung finden könnte.
Du sagst, „wie es, wenn man ein Dreieck denkt, nicht
notwendig ist zu denken, daß seine drei Winkel gleich zwei
rechten sind, mag das auch nicht weniger wahr sein, wie
einem später einleuchtet, wenn man darauf achthat, so könne
man zwar andere Vollkonmienheiten Gottes denken, ohne
das Dasein zu denken, aber das könne darum nicht weniger
wahr sein, wenn man beachtet, daß es eine Vollkommenheit
ist". Doch siehst Du, was man dagegen sagen könnte: näm-
lich wie man später beachtet, daß jene Eigenschaft im Drei-
eck ist, weil sie durch den Beweis erhärtet wird, so müsse,
damit man beachtet, daß das Dasein in Gott ist, es durch
Beweis erhärtet werden. Sonst könnte ich wirklich jedes
Beliebige an all und jedem leicht nachweisen.
Du sagst, „wenn Du Gott alle Vollkommenheiten bei-
legst, tust Du nicht dasselbe, wie wenn Du glaubtest, alle
vierseitigen Figuren ließen sich einem Kreise einschreiben,
da Du ja, wie Du hier Dich täuschest, weil Du später ge-
wahr wirst, daß der Rhombus sich nicht einschreiben läßt.
Dich dort nicht so | täuschest, weil Du später gewahr wirst, [461J
300
Descartes, Meditationen.
Fünfte Einwände.
301
daß das Dasein Gott zukommt**. Aber offenbar tust Du
durchaus dasselbe, oder wenn Du es nicht tust, so mußt Du
unbedingt zeigen, daß das Dasein Gott nicht widerstreitet,
wie es sich zeigen läßt, daß es dem Rhombus widerstreitet,
einem Kreise eingeschrieben zu werden. Das übrige über-
gehe ich, was Du entweder nicht erklärst, oder nicht be-
weisest, oder was durch das schon Beigebrachte widerlegt
wird, z. B.: „man könnte sich nichts ausdenken, zu dessen
Wesenheit das Dasein gehörte, als Gott allein*'; ,,man könne
nicht zwei oder mehrere Götter dieser Art begreifen"; ,,ein
solcher Gott habe von Ewigkeit her existiert und würde in
Ewigkeit bleiben*'; „Du erfaßtest in Gott noch vieles andere,
von dem sich nichts abziehen noch verändern lasse"; da
müßte man näher zuschauen und sorgfältiger nachspüren,
damit es aufgedeckt und für gewiß gehalten werden
kann, usw.
3. Zum Schluß erklärst Du, „die Gewißheit und die
Wahrheit alles Wissens hänge einzig von der Erkenntnis des
wahren Gottes ab, so sehr, daß man, solange man sie nicht
besitzt, keine Gewißheit oder wahres Wissen besitzen kann".
Du führst ein Beispiel an: „Wenn ich nämlich", sagst Du,
„die Natur des Dreiecks betrachte, so leuchtet es allerdings
mir, der ich mit den Prinzipien der Geometrie vertraut bin,
aufs klarste ein, daß seine drei Winkel gleich zwei rechten
sind. Und ich kann nicht umhin, dies als wahr anzunehmen,
[462] solange I ich auf den Beweis dieses Satzes achte; sobald
ich aber den Blick meines Geistes einmal hiervon abgewandt
habe, kann es leicht vorkommen — wenn ich mich auch
noch erinnere, es aufs klarste durchschaut zu haben, — daß
ich an der Wahrheit des Satzes zweifle, wenn ich nicht weiß,
daß es einen Gott gibt. Denn ich kann mir einreden, ich sei
von der Natur so geschaffen, daß ich mich bisweüen selbst
in dem täusche, was ich am klarsten zu erfassen meine, zu-
mal da ich mich entsinne, häufig vieles als wahr und gewiß
angesehen zu haben, von dem ich dann in der Folge durch
andere Gründe bestimmt wurde zu urteUen, es sei falsch.
Habe ich aber erst einmal eingesehen, daß es einen Gott
gibt imd zugleich auch, daß alles übrige von ihm abhängt
und daß er kein Betrüger ist, und habe ich daraus ge-
schlossen, daß alles, was ich klar und deutlich erfasse, not-
wendig wahr ist. so läßt sich - selbst wenn ich nicht weiter
aut die Grunde achte, 4us denen ich geurteilt habe, daß
jenes wahr sei, sondern mich nur entsinne, es klar und deut-
lich durchschaut zu haben, - kein Gegengrund beibringen
der mich zum Zweifel verleiten könnte, sondern ich besitze
hiervon ein wahres und sicheres Wissen. Und das nicht nur
hiervon, sondern auch von allem übrigen, das ich mich ent-
sinne früher einmal bewiesen zu haben, so von der Geo-
metrie und dergleichen".
1 ^i^I^n^ vollends, Verehrtester, wenn ich einmal gelten
lasse, I daß Du im Ernst redest, kann man nur sagen, daß r4631
Du wohl kaum bei irgendeinem Glauben finden wirst Du
solltest vor der Zeit, da Du den vorstehenden Beweis über
Gott erbrachtest, jener geometrischen Beweise weniger ge-
wiß gewesen sein, als Du es nachher warst? Tatsächlich
namlich sind doch wohl diese Beweise von solcher Evidenz
und Gewißheit, daß sie an sich einem die Zustimmung
abnötigen und, einmal erfaßt, den Verstand nicht weiter
zogern lassen, und zwar so, daß er (der Verstand) auch jenen
rugenschen Geist so gern mit seinem Fallstrick gewähren
lassen wird, wie Du es tatest, als Du (wenngleich noch ohne
die Erkenntnis Gottes) so beherzt versichertest, er könnte
Dir mcht gestellt werden hinsichtlich jenes Satzes oder
Schlusses : Ich denke, daher existiere ich". Ja, mag es auch
selbst noch so wahr sein (wie nichts wahrer ist), daß Gott
existiert, daß er der Urheber aller Dinge ist und kein Be-
truger ist; weü dennoch dies weniger einleuchtend zu sein
scheint, als jene geometrischen Beweise, schon aus dem
Grunde, weü viele das Dasein Gottes, die Erschaffung der
Dmge und sonst mancheriei über Gott bestreiten, gibt es
da jemand, den Du überzeugen könntest, daß jene Beweise
von diesen Tatsachen ihre Evidenz | und Gewißheit nehmen? [464J
Und wer konnte einen Diagot^, Theodorus oder andere der-
artige Atheisten überführen, daß sie überhaupt keine Ge-
wißheit über derartige Beweise eriangen können ? Und wie-
viele Gläubige gibt es denn, die, wenn Du sie fragtest, warum
sie sicher seien, daß in einem (rechtwinkligen) Dreiecke das
Quadrat über der Hypotenuse gleich den Quadraten über
302
Descartes, Meditationen.
den Katheten ist, antworten würden : weil ich weiß, daß Gott
ist und Gott nicht täuschen kann und er selbst der Urheber
dieser Sache wie aller anderen ist; und nicht vielmehr ant-
wortete: weil ich das weiß und durch einen unzweifelhaften
Beweis die Überzeugung gewinne? Wieviel mehr würden
das Pythagoras, Plato, Archimedes, Euklid und die übrigen
Mathematiker antworten, unter denen wohl niemand ist, der
an Gott dächte, um völlige Sicherheit über diese Beweise
zu erlangen. Und doch, da Du gerade nicht von anderen,
sondern nur von Dir selbst das versicherst imd es im übrigen
ein Zeichen von Frömmigkeit ist, so ist es tatsächlich unnütz,
hierbei noch länger zu verweüen.
[465] I Gegen die sechste Meditation. Über das Da-
sein der materiellen Dinge und die reale Unterschieden-
heit von Seele und Körper.
1. Über die sechste; Ich habe nichts dagegen, daß Du
zu Anfang sagst, „die materiellen Dinge könnten, sofern
sie den Gegenstand der reinen Mathematik ausmachten,
existieren**. Dabei machen doch die materiellen Dinge den
Gegenstand der angewandten, nicht der remen Mathematik
aus! und der Gegenstand der «inen Mathematik, wie Punkt,
Linie, Oberfläche und die aus ihnen bestehenden unteilbaren
Größen, die sich auch in unteilbarer Weise verhalten, kön-
nen tatsächlich nicht existieren. Nur dabei stutze ich, daß
Du hier wiederum die „Einbildungskraft von der Erkennt-
niskraft" unterscheidest. Sind doch, verehrter Geist, diese
beiden Kräfte wohl Aktionsarten ein und derselben Fähig-
keit, wie ich oben zu verstehen gegeben habe, und wenn
überhaupt ein Unterschied vorhanden ist, so dürfte er nichts
mehr als ein gradueller sein. Und gib acht, wie sich das
gleich beweisen läßt.
Oben hast Du gesagt, „sich etwas einbÜden, heiße
[466] nichts anderes, als die Figur oder das Büd | eines körper-
lichen Dinges betrachten". Hier aber sagst Du ausdrück-
lich, „denken heiße ein Dreieck, Fünfeck, Tausendeck,
Zehntausendeck usw. betrachten", die Figuren von körper-
lichen Dingen sind. Und einen Unterschied stellst Du we-
Fünfte Einwände.
303
tZTun^^'T. %'\''^ "^^' Einbildung mit einer gewissen
Anpassung des Erkenntnisvermögens an den Körper ver-
oder An:?' " Denktätigkeit aber eine solche AnTa suSg
oder Anstrengung nicht erfordere". Wenn Du al^n \^^ZT1
sTet^ndrF'"''^ r ""'^'^'^ ^'' ^'^ auT d^dtink^ bt
wenn D,/'^: "^r'"^/ '° "^""^* ^" ^'' "denken". Und
wenn Du „mit nicht unbeträchtlicher eigener Anstrengung
etne F.gur vvie gegenwärtig hast, betrachTest, erforschst und
.m emzelnen alles scharf geschieden erkenns und dre Wb
bilden" "■hh''^''' '^.'^" "'' ^" ^- -'-h Tas e n-
?.tr. • U"'^.'^«"&emaß, „wenn Du zwar ohne Mühe er-
fa sest, daß em Tausendeck eine Figur von tausend Ecken
; l' .°'^ ''■°*' Anpassung und Anstrengung nicht alles
unterscheidest und wie gegenwärtig hast und ale seine
im'ttlärenTf '" "r-^h^iden kannst, sondern ebenso
im unklaren bist wie be.m Zehntausendeck oder bei jeder
beheb.gen anderen derartigen Figur, so bist Du deswege,;
nnn "h , "'' ^'l Tausendecks oder Zehntausendecks der £
nung, daß es sich um Denken handelt nicht um EinbUdung '
I Trotzdem steht Dir wirklich nichts im Wege, auf das r4671
me'dTs n r '"' "f^ ^^"•^•^'^ •^•'^"^ die li'nbSdun" ^ ^
wie das Denken auszudehnen. Denn Du mußt Dich auch
Dir auf freiend""'"' w" ^'^"^ ^'^" ^°" ^° ^^'^ W'nke ' •
£ne An..hf H w- ^T' vorzustellen, vorausgesetzt, daß
enc Anzahl der Winkel so groß ist, daß Du sie nicht deut-
lich fassen kannst, übrigens erfassest Du zwar durch d"e
^l'SnH:,' /Tf''''' ''' "^'"^ ^'^"^ von tausend Ecken
gemeint ist doch das ist nur die Bedeutung des Wortes •
denn Du „denkst" darum nicht mehr in dieser Figur de
tausend Winkel, als Du sie Dir „vorstellst' ^
srhi^n""^ !'' ^"^^ u" ^'^^'^hten, wie schrittweise der Unter-
vt eck'wirTn ^"^' Ti ""' Vermischung eintritt. Ein
fassen odrn"K?J"'' ^/'^«"^n«-- ^Is ein Dreieck er-
iTnrünirl ^''■/'"'^•'den oder denken, aber deutlicher als
cm Fun.eck Sodann dies verworrener als ein Viereck deut-
ele 4 f -.»Sechseck, und so immer weiter, bis Du D^r
de Sache nicht mehr genau vorstellen kannst und, weil Du
es nicht mehr genau fassen kannst, es aufgibst, Dich mög
liehst anzustrengen. ^
Bescartes, Meditationen.
20
S04
Descartes, Meditationen.
Wenn Du also zwar von Vorstellung und zugleich von
[468] Denken | redest, solange Du eine Figur deutlich und mit
einer gewissen merklichen Anstrengung erkennst, aber nur
von Denken, solange Du etwas bloß verworren und ohne
jede oder nur mit ganz geringer Anstrengung betrachtest,
so steht Dir das freäich frei. Aber Du hast darum keinen
Grund, mehr als eine Art innerer Erkenntnis aufzustellen,
die nur die Eigentümlichkeit (accidentarium) hätte, daß man
graduell verschieden deutlich oder verworren, mit Anstren-
gung oder nachlässig irgendeine Figur anschaut. Und tat-
sächlich, wenn wir das Siebeneck, Achteck und so weiter
die übrigen Figuren bis zum Tausendeck oder Zehntausend-
eck durchgehen wollten und auf die größere und geringere
Deutlichkeit oder Nachlässigkeit immer und unaufhörlich
achteten, würden wir sagen können, wo denn nun, oder bei
welcher Figur die Vorstellung aufhört und das Denken allein
übrigbleibt? Vielmehr wird sich nur eine ununterbrochene
Reihe einer gleichartigen Erkenntnisweise herausstellen, bei
der fortwährend und unmerklich die Deutlichkeit und An-
strengung abninmit, die Verworrenheit und Nachlässigkeit
wächst. Sonst sollst Du mal zusehen, wie Du das Denken
niederdrückst, die Vorstellung aber erhebst I Denn was tust
[469] Du sonst anderes als das Denken herabmindern, | die Vor-
stellung dagegen empfehlen, wenn Du jenem Nachlässig-
keit und Verschwommenheit, dieser aber Sorgfalt und An-
schaulichkeit zuschreibst?
Später fügst Du hinzu, „daß die Kraft der Einbildung,
insofern sie sich von der Kraft des reinen Denkens unter-
scheidet, zu der Wesenheit Deiner selbst nicht erforderlich
ist". Doch wie ist das möglich, wenn es ein und dieselbe
Kraft ist, deren Funktionen sich nur graduell unterscheiden?
Dann heißt es bei Dir, „der Geist richte sich, wenn er
sich etwas einbildet, auf den Körper, beim reinen Denken
auf sich selbst oder eine Idee, die in ihm ist". Doch wie
das, wenn der Geist sich nicht auf sich selbst oder irgendeine
Idee richten kann, ohne sich gleichzeitig auf irgendeinen
Körper oder etwas durch eine körperliche Idee Dargestelltes
zu richten? Denn das Dreieck wenigstens, das Fünfeck,
Tausendeck, Zehntausendeck und die übrigen Figuren und
Fünfte Einwände.
305
ihre Ideen smd überhaupt körperlich; und der Geist kann
sich beim Denken auf sie nur wie auf körperliche oder kör-
perhchen ähnliche erstrecken. Was nun die Ideen der im-
materiellen Dinge, an die wir glauben, betrifft, wie die von
Gott, dem Engel, der menschlichen Seele oder dem Geist
so steht fest, daß, welche Ideen wir auch immer von ihnen
haben, sie entweder körperlich sind | oder so gut wie körper- [4701
lieh, namlich von der Gestalt des Menschen und von anderen
ganz feinen, einfachen, nicht wahrnehmbaren Dingen, z. B
Luft oder Äther, entlehnt (was ich auch oben schon berührt
habe). Wenn Du aber sagst, „Du schlössest nur mit Wahr-
scheinlichkeit, daß irgendein Körper existiert" — so brauche
ich mich, weil das ja nicht ernst gemeint sein kann, hierbei
nicht aufzuhalten.
2. Du handelst sodann von der Sinnesempfindung (sen-
sus) und gibst zuerst in vortrefflicher Weise eine Aufzäh-
lung der Dinge, die durch die Sinne bekannt geworden und
von Dir für wahr gehalten worden waren, allein nach natür-
lichem Urteü und Antrieb. Du wiederholst darauf die Ver-
suche, die das den Sinnen geschenkte Vertrauen so ins
Wanken gebracht haben, daß sie Dich dahin gebracht
haben, wohin, wie wir sahen. Du Dich in der ersten Medi-
tation zurückgezogen hattest.
Nun kommt es mir an dieser Stelle nicht entfernt in
den Sinn, über die Zuverlässigkeit der Sinneseindrücke einen
Streit zu beginnen. Wenngleich nämlich Täuschung oder
Unzuverlässigkeit nicht in der Sinneswahrnehmung vor-
handen ist, die sich rein passiv verhält und nur das wieder-
gibt, was erscheint und was aus eignen Gründen als solches
erscheinen muß, so erscheinen doch im Urteü oder im
Geiste, der sichtlich nicht ausreicht und nicht das, was fern
ist, bemerkt, die Dinge aus diesen (oder anderen Gründen [4711
verworrener und kleiner als sie selbst, wenn sie nahe smd
und ebenso bei anderen Gelegenheiten. Allerdings, wo auch
immer Täuschung vorhanden ist, darf man nicht in Abrede
stellen, daß bis zu einem gewissen Grade welche vorhanden
ist. Nur darin liegt die Schwierigkeit, ob es immer zutrifft,
daß niemals etwas über die Wahrheit irgendeiner durch
die Sinne wahrgenommenen Sache feststehen kann.
20*
306
Dcsctirtes, Meditationen.
Es ist wirklich nicht nötig, Beispiele, die sich leicht dar-
bieten, zusammenzusuchen: ich sage nur auf das, was Du
vorbringst oder vielmehr einwendest, daß es wohl überhaupt
ausgemacht ist, daß, wenn wi- einen Turm aus der Nähe
sehen oder berühren, wir sicher sind, daß er viereckig ist,
obwohl wir aus größerer Entfernung zu dem Urteil kom-
men, er sei rund, oder wenigstens im Zweifel waren, ob er
viereckig oder rund oder von anderer Gestalt wäre.
So kann jenes Schmerzgefühl, das noch im Bein oder
in der Hand zu sitzen scheint, nachdem diese Glieder ab-
getrennt sind, bisweUen täuschen, nämlich bei denen, denen
sie abgeschnitten sind; und zwar weil die gewohnten Ge-
fühls erregun gen (Spiritus sensorii) die Empfindung auf sie
übertragen und in ihnen zum Ausdruck bringen. Aber wer
unversehrt ist, ist so sicher, im Fuß oder in der Hand, die
[472] er gestochen werden sieht, den Schmerz zu empfinden, | daß
er daran nicht zweifeln kann.
So, wenn wir abwechselnd wachen imd schlafen, solange
wir leben, besteht eine Täuschung zwar während des Schla-
fens, weil das leibhaftig in Erscheinung zu treten scheint,
was leibhaftig nicht da ist; doch wir schlafen weder immer,
noch können wir, wenn wir wirklich wachen, im Zweifel sein,
ob wir wachen oder vielmehr träumen.
So, wenn wir auch denken können, daß wir unsrer na-
türlichen Veranlagung nach Täuschungen ausgesetzt sind,
auch bei höchst wahr scheinenden Dingen, so denken wir
nichtsdestoweniger, daß wir doch von Natur für die Wahr-
heit empfänglich sind; und wie wir uns das eine Mal täu-
schen lassen, z. B. durch einen nicht durchschauten Trug-
schluß oder einen bis zur Mitte ins Wasser eingetauchten
Stab, so sehen wir das andere Mal die Wahrheit ein, z. B.
bei einem geometrischen Beweise oder beim Stabe, wenn
er aus dem Wasser gezogen ist, so daß wir an der Wahrheit
bei beiden gar nicht zweifeln können. Und mag man auch
in anderer Beziehung zweifeln, daran wenigstens läßt sich
nicht zweifeln, daß solche Erscheinungen sich zeigen: es
muß unbedingt durchaus wahr sein, daß sie sich als solche
.£C1^ eil.
Wenn aber die Vernunft vieles widerrät, zu dem uns
Fünfte Einwände.
307
die Natur treibt, so hebt das wenigstens nicht die Wahrheit
dessen was erscheint, des Phänomens (rov (pacvouevov),
auf. I Gleichwohl ist es hier nicht nötig, zu untersuchen, ob [4731
die Überlegung dem Impuls der Sinneswahrnehmung wider-
strebt nur in der Weise, wie die rechte Hand die vor Müdig-
keit sinkende linke hält, oder aber in gewisser anderer Weise.
3. Du kommst sodann zu Deinem Vorhaben, doch ge-
wissermaßen nur in leichtem Geplänkel. Du fährst nämlich
fort: „Jetzt aber, wo ich beginne, mich selbst und den Ur-
heber meines Daseins besser zu kennen, bin ich der Mei-
nung, daß ich zwar nicht alles, was ich von den Sinnen zu
haben meine, ohne weiteres gelten lassen, aber auch nicht
alles m Zweifel ziehen darf". So ist es recht; doch hattest
Du zweifellos schon vorher dasselbe geglaubt.
Es folgt: „Und da ich ja erstlich weiß, daß alles, was
ich klar und deutlich denke, in der Weise von Gott ge-
schaffen werden kann, wie ich es denke, so genügt es für
mich, ein Ding ohne ein anderes klar und deutlich denken
zu können, um mir die Gewißheit zu geben, daß das eine
vom anderen verschieden ist, da wenigstens Gott es getrennt
setzen kann. Auch kommt es nicht darauf an, durch welche
Macht dies geschieht, damit man sie für verschieden hält''
Hierauf ist nichts anderes zu sagen, als daß Du etwas
Klares durch etwas Dunkles beweisest, um Dir nicht vor-
zuwerfen, daß eine gewisse Dunkelheit in der Schlußfolge-
rung hegt. Und zwar stutze ich nicht darüber, | daß erst be- [4741
wiesen werden müßte, daß Gott existiert, und worauf sich
seine Macht erstreckt, um zu zeigen, daß er alles schaffen
kann, was Du denken kannst; ich möchte nur fragen, ob Du
nicht klar und deutlich im Dreieck die Eigenschaft, „daß
die größeren Seiten den größeren Winkeln gegenüber-
liegen**, getrennt von der denkst, daß „man die Summe der
drei Winkel gleich zwei rechten setzt"? Und läßt Du des-
wegen gelten, daß Gott so jene Eigenschaft von dieser schei-
den und getrennt setzen kann, daß ein Dreieck jene und
nicht diese hat, odet jene auch außerdem besteht getrennt
vom Dreieck?
Doch daß ich Dich hier nicht unnütz aufhalte weü
diese Trennung die Sache wenig angeht — Du fährst fort :
308
Desiartes, M.fli- 'ti<.n'Mi.
„Daraus also, daß ich weiß, ich existiere, und daß ich in-
zwischen bemerke, daß durchaus nichts anderes zu meiner
Natur oder Wesenheit gehöre, als allein, daß ich ein denken-
des Ding bin, schließe ich mit Recht, daß meine Wesenheit
allein darin besteht, daß ich ein denkendes Ding bin". Hier
möchte ich verweilen ; doch entweder genügt es zu verweisen
auf das, was ich zur zweiten Meditation gesagt habe, oder
man muß abwarten, was Du schließen willst.
I Schließlich sagst Du nämlich : „Und wenngleich ich
vielleicht — oder vielmehr gewiß, wie ich später ausein-
andersetzen werde — einen Körper habe, der mit mir sehr
eng verbunden ist, so ist doch, — da ich ja einerseits eine
klare und deurtiche Idee meiner selbst habe, sofern ich nur
ein denkendes, nicht ein ausgedehntes Ding bin, und ander-
seits eine deudiche Idee vom Körper, sofern er nur ein
ausgedehntes, nicht denkendes Ding ist — soviel gewiß,
daß ich von meinem Körper wahrhaft verschieden bin und
ohne ihn existieren kann*'.
Dahinaus also wolltest Du? Da das ja der Angelpunkt
der ganzen Schwierigkeit vor allen Dingen ist, müssen wir
ein wenig haltmachen, um zu sehen, wie Du das erhärtest.
Es handelt sich hier zunächst um den Unterschied zwischen
Dir und dem Körper. Was verstehst Du nun unter dem
Körper? Doch wohl dieses Massige, das aus Gliedern be-
steht, worauf sich zweifellos die Worte beziehen : „ich habe
ihn, eng mit mir verbunden" und „es ist gewiß, daß ich
von meinem Körper verschieden bin'* usw.
Und doch, verehrter Geist, über diesen Körper besteht
keine Schwierigkeit. Es bestünde zwar eine, wenn ich mit
den meisten Philosophen dagegensetzen würde: Du seiest
eine Entelechie {ivreXiyaa), \'ollkommenheit, Wirkung (ac-
tus), Form (forma), Erscheinungsform (species) und, wie
raan's gewöhnlich nennt, ein Modus des Körpers. Denn
[476] jene | erkennen bei Dir nicht mehr eine Unterscheidung oder
Trennung vom Körper an, als bei einer anderen Form oder
einem anderen Modus, magst Du nun ganz Seele sein, oder
außerdem noch voUc dvvdftevoq, wirkende Vernunft (intel-
lectus possibilis) oder vovg na&rjnxög, leidendejVernunft (in-
tellectus passibilis), wie man sagt. Doch ich möchte mit
Fünfte Einwände.
309
Dir lieber in offnerer Weise verhandeln, indem ich Dich
nämlich betrachte als vovg noirjrixog, als handelndeVernunft
(intellectus agens), ja sogar als vovg /(ogiorog, trennbare Ver-
nunft (separabilis), wenngleich in anderem Sinne als jene.
Während jene nämlich eine allen Menschen — oder
vielmehr allen Dingen -— gemeinsame Vernunft annehmen,
die dem möglichen Verstände es beibringt, daß er denkt,
ganz in derselben Weise und Notwendigkeit, wie das Licht
es für das Auge zustande bringt, daß es sieht — daher sie
denn gewohnt waren, ihn (den Verstand) mit dem Sonnen-
lichte zu vergleichen und daher ihn zu betrachten als von
außen herkommend — betrachte ich Dich Heber — denn
auch Du wünschest das sehr -— als einen gewissen be-
sonderen Verstand, der Du im Körper herrschest.
Ich wiederhole aber, daß die Schwierigkeit nicht darin
liegt, ob Du von diesem Körper trennbar bist oder nicht —
daher betonte ich auch kurz zuvor, es sei nicht nötig ge-
wesen, auf die Macht Gottes zurückzugreifen, durch die
das trennbar sein soll, was Du getrennt denkst — sondern
daß die Schwierigkeit den Körper betrifft, | der Du selbst [477]
bist, gleich als ob Du selbst ein feiner Körper sein könntest,
der in jenen massigen eingegossen ist oder in einem Teile
von ihm seinen Sitz hat. Übrigens hast Du noch nicht den
Beweis erbracht, daß Du etwas rein Unkörperliches bist.
Und wenn Du in der zweiten Meditation es ausgesprochen
hattest, „Du seiest nicht Wind, nicht Feuer, nicht Dampf,
nicht Hauch**, so habe ich Dich darauf aufmerksam ge-
macht, daß Du das ohne Beweis ausgesprochen hast.
Du sagtest, „Du erörtertest diese Fragen dort nicht*';
aber Du hast sie auch später nicht erörtert, auch hast Du
durch keinen Grund bewiesen, daß Du nicht ein Körper
dieser Art bist. Die Hoffnung bestand, daß Du es hier tun
würdest; und doch, wenn Du etwas erörterst, wenn Du etwas
bezweifelst, dann erörterst und beweisest Du, daß Du nicht
dieser massige Körper bist, worüber, wie ich schon sagte,
gar keine Schwierigkeit besteht.
4. „Aber", sagst Du, „ich habe einerseits eine klare
und deutliche Idee meiner selbst, sofern ich nur ein denken-
des, nicht ein ausgedehntes Ding bin, und anderseits eine
310
Descartes, Meditationen.
deutliche Idee vom Körper, sofern er nur ein ausgedehntes,
nicht denkendes Ding ist." Freilich, was zunächst die Idee
des Körpers betrifft, so braucht man sich wohl nicht viel
mit ihr abzumühen. Denn wenn Du das über die Idee des
[478J Körpers | im allgemeinen sagtest, so wäre zu wiederholen,
was ich eingewandt habe, nämlich daß Du beweisen müß-
test, daß es der körperlichen Natur widerspricht, daß sie
des Denkens fähig ist. Und so würde man wieder zum An-
fang gelangen, als es sich nämlich darum handelte, betreffs
Deiner zu untersuchen, „ob Du nicht ein feiner Körperstoff
bist", gleich als ob das Denken mit dem Körper unver-
einbar wäre.
Jedoch, da Du sicherlich allein von jenem massigen
Körper diese Behauptung aufstellst und nur von ihm han-
delst, von dem Du behauptest unterschieden und trennbar
zu sein, so leugne ich nicht sowohl, daß Du die Idee von
ihm hast, als ich vielmehr bestreite, daß Du sie haben
kannst, wenn anders Du ein nichtausgedehntes Ding bist.
Denn ich bitte Dich, wie meinst Du, daß in Dir, dem Sub-
jekte ohne Ausdehnung, das Bild oder die Idee des Kör
pers, der ausgedehnt ist, Aufnahme finden kann? Sei es
nämlich, daß solch ein Bild von einem Körper ausgeht, so ist
es zweifellos körperlich, und seine Teile bestehen räumlich
nebeneinander, und es ist somit ausgedehnt; sei es, daß es
von woandersher eingeprägt ist, so muß es immer noch,
weil es stets notwendig einen ausgedehnten Körper darstellt,
aus Teilen bestehen und somit ausgedehnt sein. Wahrhaftig,
wie soll es sonst, wenn es keine Teile hat, Teile darstellen?
und wie ein ausgedehntes Bing, wenn es keine Ausdehnung
hat, wie ein gestaltetes Ding, wenn es keine Gestalt hat,
[479] wie ( ein Ding mit oberen und unteren, rechten und linken
und hintereinander liegenden Teilen, wenn es keine Lage
hat, wie verschiedene Farben usw., wenn es keine Verschie-
denheit besitzt? Es scheint also die Idee nicht schlechtweg
ohne Ausdehnung zu sein. Und wenn sie keine hätte, wie
solhest Du denn, wenn Du nichtausgedehnt bist, für sie zu-
gänglich sein? Wie solltest Du sie Dir anpassen, wie sie
aufnehmen, wie die Beobachtung machen, daß sie allmählich
verwischt wird und endlich verblaßt?
Fünfte Einwände.
311
Sodann, was die Idee Deiner selbst betrifft habe ich
nichts zu dem hinzuzufügen, was ich schon gesagt' habe unj
zwar besonders gegen die zweite Meditation. Im AnscWuß
daran laßt sich nämlich beweisen, daß Du nicht nur keine
klare und deutliche Idee Deiner selbst hast, sondern über
ctß'kf dTnW '""^ hast. Denn, wenngleich Du erkenns ,
daß Du denkst, weißt Du doch nicht, was Du für ein Dine
bist, das da denkt. Daher ist Dir, da allein diese SigS
dit ISI.'i't'^Kf ^-P^-^h^' -mlich die Subst
d^ tätig ist unbekannt. So bietet sich folgender Ver-
gleich : man kann Dich mit einem Blinden vergleichen der
\\ arme spurt und, wenn man ihm einschärft, daß sie' von
der Sonne stammt, nun eine klare und deudiche Idee der
Sonne zu haben wähnt, insofern er, wenn man ihn fragt
was die Sonne sei, antworten | kann : ein wärmendes Ding' [4801
Doch, wirst Du sagen, hier füge ich hinzu, nicht nur daß
ich em denkendes Ding' bin, sondern daß ich auch ein
nichtausgedehntes Ding'' bin. Jedoch - verschweigen 'will
ch, daß das ohne Beweis behauptet wird, während es doch
m Frage steht - zuerst frage ich: Hast Du darum ebe
klare und deudiche Idee Deiner selbst? Du sagst. Du seiest
nic^tausgedehnt:^^ ,,3 ^, ,-^,^ ,.| ;^^^ --
uas Du bis . Oder ist es nicht nötig, um eine klare und
deutliche oder, was dasselbe ist, wahre und echte Idee
irgendeines Dinges zu besitzen, das Ding selbst positiv und
um mich so auszudrücken, affirmativ zu kennen, u^d genügt
es zu wissen, daß es nicht irgendein anderes Ding ist9
kenh.lnl ^'^^^^^^^ ^^e und deutliche Idee des Bu-
kephalus. wenn einer vom Bukephalus wenigstens weiß,
daß er nicht eine Fliege ist?
Doch ich will hierauf kein zu großes Gewicht legen
und frage lieber: Du bist also ein nichtausgedehntes Ding^
Indes --bist Du nicht durch den Körper hingegossen^ Ich
weiß nicht, was Du antworten wirst. Denn mag ich Dich
auch von vornherein nur als im Gehirn sitzend verstanden
maßte, als daß ich völlig Deiner Meinung beikam; und die
Mutmaßung gewann ich aus den Worten, die hernach fol-
gen, wo Du sagst, „Du würdest nicht von aUen Teilen des
312
Descartes, Meditationen.
[481] Körpers beeinflußt, sondern nur vom Gehirn, oder | sogar
nur von einem ganz winzigen Teile desselben. Doch ich
war ganz und gar nicht gewiß, ob Du deshalb nur im Ge-
hirn oder einem Teile desselben saßest, da Du doch im
ganzen Körper sitzen und nur in einem Teile beeinflußt
werden kannst, wie wir ja gewöhnlich zugeben, daß die Seele
durch den ganzen Körper hingegossen ist und doch nur im
Auge sieht.
In ähnlicher Weise haben die weiter unten folgenden
Worte Zweifel erregt: „Und wenngleich der ganze Geist
mit dem ganzen Körper verbunden zu sein scheint", usw.
Denn dort behauptest Du zwar nicht, mit dem ganzen Kör-
per verbunden zu sein, aber Du leugnest doch nicht, daß
Du verbunden bist. Wie dem auch sei, angenommen zuerst,
mit Verlaub, Du seiest durch den ganzen Körper ausge-
gossen, — magst Du nun dasselbe sein wie die Seele oder
etwas Verschiedenes — so bitte ich, bist Du nichtausgedehnt,
wo Du Dich doch vom Kopf bis zur Ferse erstreckst, wo Du
Dich dem Körper angleichst, wo Du so viel Teile hast, die
seinen Teilen entsprechen? Oder sagst Du, Du seiest des-
wegen nichtausgedehnt, weil Du ganz im Ganzen bist und
ganz in jedem beliebigen Teile? Ich bitte Dich, wenn Du
das sagst, wie verstehst Du das? Kann wirklich so ein und
dieselbe Sache (unum quid) zugleich ganz an mehreren
Stellen sein? Der Glaube lehrt uns das über das heilige
Mysterium; über Dich aber wird hier wie über ein natür-
liches Ding verhandelt, und zwar in natürlichem Lichte.
[482] Kann man verstehen, | daß es mehrere Orte gibt und das.
was an ihnen sich befindet, doch nicht mehrere Dinge sind?
Und sind hundert nicht mehr als eins? Und kann etwa
irgendein Ding, wenn es ganz an einem Orte ist, an anderen
sein, wenn es nicht selbst außer sich ist, wie der eine Ort
außerhalb der anderen liegt? Sage, was Du willst, wenig-
stens wird es dunkel und ungewiß sein, ob Du in irgend-
einem Teile ganz und nicht vielmehr in den einzelnen
Teilen vermöge der einzelnen Teile Deiner selbst steckst.
Und da es weit mehr einleuchtet, daß nichts zugleich
ganz an mehreren Orten sein kann, dürfte es sich auch
mit mehr Evidenz ergeben, daß Du nicht ganz in den
Fünfte Einwände.
313
einzelnen Teilen stecken kannst, sondern ganz nur in dem
Ganzen, und zwar vermöge Deiner Teüe ausgegossen durch
das Ganze, und daß Du somit Ausdehnung hast.
Angenommen sodann, Du steckest nur im Gehirn oder
nur in einem kleinen Teüe desselben : so erkennst Du, daß
ganz dieselbe Schwierigkeit besteht, da ja, wie klein jener
Teil auch sein mag, er doch ausgedehnt ist und Du Dich
mit ihm ausdehnst, und Du demnach Dich ausdehnst und
Teüchen, die seinen Teilchen entsprechen, hast. Oder willst
Du sagen, Du faßtest den Teü des Gehirns als Punkt auf?
Freilich sehr wenig glaubhaft, doch es soll meinetwegen ein
Punkt sein! Wenn es ein physischer ist, dann bleibt die-
selbe Schwierigkeit, weü ein solcher Punkt ausgedehnt und
also nicht ganz ohne Teüe ist. Wenn es aber | ein mathema- [483]
tischcr ist, so weißt Du erstens, daß es den nur in der
Einbildung gibt. Doch mag es ihn geben, oder mag man
sich vielmehr vorstellen, es gäbe im Gehirn einen mathe-
matischen Punkt, mit dem Du Dich verbindest und in dem
Du existieren kannst, so beachte bitte, wie nutzlos diese
Vorstellung (fictio) sein wird! Denn um es sich vorzu-
stellen, muß man es sich so vorstellen, daß Du im Ver-
einigungspunkt der Nerven bist, durch die alle durch die
Seele dazu befähigten Körperteüe die Ideen oder die Ab-
büder der durch die Sinne wahrgenommenen Dinge in das
Gehirn übermitteln. Aber erstens laufen nicht alle Nerven
in einem Punkt zusammen, teüs weü das Gehirn sich im
Rückenmark fortsetzt und viele Nerven im ganzen Rücken
in dieses münden, teUs weü die, die nach der Mitte des
Kopfes gehen, wie man feststellen kann, nicht an derselben
Stelle des Gehuns endigen. Doch zugegeben, sie liefen
alle zusammen : nichtsdestoweniger können sie nicht in einem
mathematischen Punkte zusammenlaufen; eben weü sie Kör-
per sind, nicht mathematische Linien, so daß sie in einem
mathematischen Punkte zusammentreffen könnten. Und zu-
gegeben, sie treffen zusammen, so werden die entlang-
fließenden Ströme (spiritus) weder aus den Nerven kommen,
noch in sie hinein gelangen können, da sie ja Körper sind
und ein Körper nicht in einem Nicht-Raum sein oder einen
Nicht-Raum durchlaufen kann, von welcher Art der | mathe- [484]
Descartes, Meditationen.
matische Punkt ist. Und selbst wenn man zugibt, daß es
der i- all ist und sie durchgehen können, so wirst Du den-
noch, wenn Du in einem Punkte existierst, in dem es keinen
rechten, hnken, oberen, unteren oder anderen Bezirk gibt
nicht unterscheiden können, woher sie kommen oder was
sie melden.
Dasselbe aber sage ich von denen, die Du zum Fühlen
oder zum Berichten und um Bewegungen auszuführen, über-
mitteln mußt, übergehen will ich dabei, daß man nicht
begreifen kann, wie Du ihnen Bewegung erteilen willst
wenn Du selbst in einem Punkte bist, wenn Du selbst nicht
Korper bist oder wenn Du keinen Körper hast, mit dem
Du sie beriahren und zugleich antreiben kannst. Denn wenn
Du sagst, daß sie sich von selbst bewegen und Du nur ihre
Bewegung lenkst, dann denke daran, daß Du an anderem
Ort ..bestritten hast, daß ein Körper sich von selbst be-
wege , so daß man demnach folgern kann, daß Du die Ur-
sache jener Bewegung bist. Dann erkläre uns, wie eine
solche Lenkung (directio) ohne jede Anstrengung, ja sogar
Bewegung Demerseits möglich ist ! Wie eine Wirkung auf
ein Dmg und eine Bewegung desselben ohne wechselseitige
Berührung des Bewegenden und des Beweglichen mög-
lich ist! Wie eine Berührung ohne Körper möglich ist, wo
doch (wie durch das natürliche Licht recht deutlich ist)
kann"-!?"^ ^°'^^"' ^^^^'^'' "««^^ berührt werden
[485] I Doch was halte ich mich hierbei auf, da ja Dir selbst
die Aufgabe zufällt, zu beweisen, daß Du ein nichtausge-
dehntes und darum unkörperliches Ding bisti Doch wirst
Du wie ich meine, nicht einen Beweis daraus herleiten, daß
man gewöhnlich sagt, der Mensch bestehe aus Körper und
beele; gleich als ob man gezwungen wäre, wenn man den
emen 1 eil als Körper bezeichnet, den anderen nicht als
Korper zu bezeichnen. Tätest Du es nämlich, so würdest
Du die Handhabe zu folgender Unterscheidung geben ■ Der
maTsSn tnH '"' ''■?"" ^^'^f^^h^" Körper, nämlich einem
massigen und einem feinen (corpus subtile), so daß, wenn
*) Zitat aus Lukrez. De natura rerum I, 306.
Fünfte Einwände.
316
jener die gewöhnliche Bezeichnung „Körper" behält, diesem
die Bezeichnung „Seele" beigelegt wird. Übergehen will ich,
daU sich dasselbe von anderen Lebewesen wird sagen lassen
denen Du einen Dir selbst gleichen Geist wohl nicht zu-
gestehst, wahrhaftig zu ihrem Heile, wenn sie etwa eine
Seele, wie sie nach Dir beschaffen ist, besitzen sollten.
Wenn Du also hieraus schließest. ,.es sei gewiß, daß Du
wahrhaft von Deinem Körper verschieden bist", so siehst
Du, daß man das zwar zugeben wird, doch darum noch
keineswegs, daß Du unkörperlich bist, und nicht vielmehr
eine Art von ganz feinem Körperstoff, der von jenem mas-
sigen sich unterscheidet.
Du fügst hinzu, „Du könntest also ohne ihn existieren"
Doch wenn man Dir zugegeben hat. Du könntest so ohne
den massigen Körper existieren, wie der Duft existiert, I [4861
wenn er dem Apfel entsteigt und sich in die Lüfte verbreitet
was gewinnst Du denn dadurch? Gewiß etwas mehr als
was die erwähnten Philosophen wollen, die der Meinung
sind, daß Du im Augenblick des Todes ganz zugrunde
gehst, namhch wie eine Figur, die durch Veränderung ihrer
Oberfläche so dahinschwindet, daß sie sogleich nicht mehr
ist, oder vollends nichts ist; da man ja von Dir. wenn Du
außerdem eine gewisse körperliche oder feine Substanz
warst, nicht wird sagen können, Du seiest im Augenblick
des Todes ganz verschwunden oder ganz im Nichts auf-
gegangen, sondern Du hättest durch die zerstreuten Teile
Deines Selbst Bestand, wenn Du freilich auch nicht mehr
infolge der Zerreißung denken wirst und weder als denken-
des Ding, noch als Geist, noch als Seele wirst bezeichnet
werden dürfen. Doch das werfe ich alles immer nur ein
nicht als ob ich an dem von Dir beabsichtigten Schlüsse
zweifelte, sondern weU ich der Kraft des von Dir dargelegten
Beweises mißtraue.
5. Du streuest sodann einige Bemerkungen ein die
ebendahin gehören, doch möchte ich nicht bei aUen stehen
bleiben. Nur das hebe ich heraus : Du sagst, „es lehre die
Natur durch eine Empfindung des Schmerzes, Hungers
Durstes usw., daß Du nicht in der Weise dem Körper gegen-
wartig bist, wie der Schiffer seinem Fahrzeug, sondern daß
B16
Descartes, Meditationen.
[487] Du aufs engste mit ihm verbunden und gleichsam vermischt
seiest, I so daß Du mit ihm eine gewisse Einheit bildest**.
„Denn sonst', sagst Du, „würde ich, der ich nur ein den-
kendes Ding bin, nicht, wenn mein Körper verletzt wird,
darum Schmerz empfinden, sondern ich würde diese Ver-
letzung nur durch bloßes Denken erfassen, wie der Schiffer
durch das Gesicht wahrnimmt, wenn irgend etwas am
Schiffe zerbricht, und ich würde alsdann, wenn der Körper
der Speise oder des Trankes bedarf, eben dies in bestimm-
ter Weise denken, ohne dabei die verworrenen Hunger-
oder Durstempfindungen zu haben. Denn es sind doch sicher-
lich diese Empfindungen des Hungers, Durstes, Schmerzes
usw. nichts anderes als gewisse, aus der Vereinigung und
gleichsam Vermischung des Geistes mit dem Körper ent-
standene Weisen des Bewußtseins**.
Das ist nun ganz richtig, doch bleibt noch zu erklären,
wie diese „Verbindung und gewissermaßen Vermischung"
oder „Verschmelzung" Dich berühren kann, wenn Du un-
körperlich, unausgedehnt und unteilbar bist. Wenn Du näm-
lich nicht ausgedehnter als ein Punkt bist, wie kannst Du
mit dem ganzen Körper verbunden werden, der von so be-
deutender Größe ist, wie auch nur mit dem Gehirn oder
einem kleinen Teil desselben, der (wie ich sagte), wie winzig
er auch immer sein mag, doch Größe oder Ausdehnung be-
sitzt? Wenn Du überhaupt keine Teile hast, wie kannst Du
Dich vermischen, oder gewissermaßen vermischen mit den
[488] Teilchen eines Teües von ihm? | Es gibt nämlich keine
Mischung ohne mischbare Teile beiderseits. Und wenn Du
ganz getrennt bist, wie kannst Du Dich verschmelzen und
eine Einheit mit der Materie selbst bUden? Und wenn es
überhaupt eine Zusammensetzung, Verbindung oder Einheit
unter Teilen gibt, muß dann nicht ein Verhältnis unter den
Teilen dieser Art bestehen? Doch was für eins läßt sich
denn zwischen einem körperlichen und einem unkörper-
lichen Teile begreifen? Erfassen wir z. B., wie sich Stein
und Luft so im Bimstein vermengen lassen, daß daraus
eine echte Zusammensetzung entsteht? Und doch ist das
Verhältnis enger zwischen Stein und Luft, die selbst auch
cm Körper ist, als zwischen dem Körper und der ganz un-
Fünfte Einwände.
317
körperlichen Seele oder dem Geist. Und muß nicht die
Vereinigung durch die innigste Berührung bewirkt werden?
Wie ist das aber, wie ich vorher sagte, ohne Körper mög-
lich? Wie soll, was körperlich ist, das, was unkörperlich, er-
fassen, um es in Verbindung mit sich zu halten, oder wie
soll das Unkörperliche das Körperliche erfassen, um es
wechselseitig an sich gefesselt zu halten, wenn ganz und gar
nichts in ihm ist, wodurch es erfaßt werden oder erfassen
kann?
Daher, da Du ja zugibst, den Schmerz zu empfinden,
frage ich Dich, wie | glaubst Du, der Schmerzempfindung [489]
fähig zu sein, wenn Du doch unkörperlich und unausgedehnt
bist? Denn die Schmerzempfindung läßt sich nur durch eine
gewisse Auseinanderzerrung der Teile erklären, indem irgend
etwas dazwischengetrieben wird, was die Lösung des Zusam-
menhanges bewirkt. Der Zustand des Schmerzes ist nämlich
ein gewisser außernatürlicher Zustand. Wie kann aber in
einem außernatürlichen Zustande sein oder beeinflußt wer-
den, was von Natur einartig, einfach, unteilbar und unver-
änderlich ist? Und da der Schmerz entweder eine Ver-
änderung ist oder unbedingt mit einer Veränderung ver-
bunden ist, wie kann das verändert werden, was, da es
weniger teilbar ist als ein Punkt, nicht in etwas anderes
übergehen oder zu sein aufhören kann, was es ist, ohne sich
in nichts aufzulösen? Ich füge noch hinzu: Wenn der
Schmerz vom Fuß, vom Arm oder anderen Teilen zugleich
sich einstellt, müssen dann nicht verschiedene Teile in Dir
sein, in denen Du ihn in verschiedener Weise auffassest,
damit Du ihn nicht verworren und wie den Schmerz nur
eines Teiles fühlst? Doch mit einem Worte, die Haupt-
schwierigkeit bleibt immer, wie das Körperliche sich mit
dem Unkörperlichen vermischen kann, und welches Ver-
hältnis des einen zum anderen sich aufstellen läßt.
I 6. Die übrigen Gedanken übergehe ich, die Du aus- [490]
führlich und in gewählter Form verfolgst, um zu zeigen,
daß etwas existiert außer Dir und Gott. Du legst nämlich
dar, daß Dein Leib existiert und körperliche Fähigkeiten,
und ebenso andere Körper, die in Deine Sinne und Dich
selbst Abbilder von sich senden und Lust- imd Schmerz-
B18
Descartes, Meditationen.
empfindungen verursachen, woraus sich bei Dir Zuneigung
und Abneigung bilden.
Und hieraus gewinnst Du denn endlich diesen Schluß :
„Da alle Empfindungen in Betreff dessen, was dem Körper
nützlich ist, weit häufiger das Wahre als das Falsche an-
zeigen", so schließest Du, „daß Du Dich nicht fernerhin
zu fürchten brauchst, daß das von den Sinnen Dir täglich
Dargebotene falsch sei *. Dasselbe sagst Du sodann von den
Träumen: „Weil diese nämlich sich nicht mit allen übrigen
Erlebnissen durch das Gedächtnis so verbinden, wie das,
was einem im Wachen begegnet", deshalb stellst Du fest,'
daß Dir die wahren Dinge „nicht im Schlaf, sondern im
Wachen begegnen". Und „daraus", sagst Du, „daß Gott
kein Betrüger ist, folgt jedenfalls, daß Du Dich in solchen
Dingen nicht täuschst". Und wie das ein recht frommes
Wort von Dir ist, so hast Du wirklich durchaus recht, wenn
Du schließlich folgerst, „das Leben des Menschen sei dem
Irrtum | unterworfen, und man müsse die Schwäche unsrer
Natur anerkennen". —
Das wäre, hochverehrter Mann, was ich hinsichtlich
Deiner Meditationen zu bemerken hätte. Ich wiederhole. Du
brauchst Dich durchaus nicht darum zu kümmern, weil mein
Urteil nicht so viel wert ist, daß Du es auch nur im ge-
nngsten würdigen müßtest. Wie ich nämlich nicht be-
haupte, wenn irgendeine Speise meinem Gaumen angenehm
ist, die, wie ich sehe, anderen nicht zusagt, daß mein Ge-
schmack vollkommener sei als ein fremder, so bin ich weit
entfernt, wenn eine Meinung meinem Geiste gefällt, die
anderen nicht behagt, zu behaupten, ich wäre auf die bessere
verfallen. Das halte ich vielmehr für ein richtiges Wort:
daß jeder auf seine eigene W^eise recht hat. So halte ich
es für ebenso unbillig, zu verlangen, daß alle dieselbe Mei-
nung haben, wie daß alle denselben Geschmack haben soll-
ten. Und das sage ich Dir, damit Du die Auffassung ge-
winnst, daß es Dir meinetwegen freisteht, alles, was ich dar-
gelegt habe, in den Wind zu schlagen und einfach nicht zu
berücksichtigen. Es genügt mir, wenn Du meüie Ergeben-
heit Dir gegenüber erkennst und die Verehrung, die ich
Deinem Können zolle, nicht verachtest. Mag sein, daß ich
Fünfte Einwände.
319
einmal etwas zu leichtsinnig vorgebracht habe, wie es beim
I Opponieren sehr leicht vorkommt. Wenn dem so wLe s^ mqoi
lassen, als mir Deine Freundschaft zu verdienen und sie
unversehrt zu erhalten I
Lebe wohll
Paris, den 16. Mai im Jahre des Heils 1641.
Uescartcs, Meditationen.
21
[493] Antwort des Verfassers auf die fünften
Einwände.
Hochverehrter MannI
Du hast meine Meditationen in einer Untersuchung
von ebenso gewählter Form wie Genauigkeit bekämpft, die,
wie mir scheint, so wesentlich zur Erhärtung ihrer Richtig-
keit beitragen wird, daß ich Dir zu großem Danke ver-
pflichtet zu sein glaube, daß Du sie geschrieben hast, ebenso
wie dem ehrwürdigen Pater Mersenne, der Dich zu ihrer
Abfassung angeregt hat. Denn dieser Mann, ebenso eifrig in
jeder Art der Forschung wie unermüdlich in der Förderung
494] hauptsächlich der Fragen, | die den Ruhm Gottes betreffen,
hat ganz vortrefflich erkannt, daß man auf keine andere Weise
besser feststellen könne, ob meine Gründe als beweiskräftig
gelten können, als wenn eine größere Anzahl von Männern,
die durch Gelehrsamkeit und Geistesschärfe sich vor der
großen Masse auszeichnen, sie prüften und mit aller Kraft
bekämpften, um so die Probe zu machen, ob ich auf alle ihre
Aufstellungen hinreichend befriedigend antworten könne.
Daher hat er möglichst viele hierzu auf den Plan gerufen,
bei einigen mit Erfolg, und zu meiner Freude auch bei Dir.
Obwohl Du nämlich nicht sowohl Dich philosophischer
Gründe zur Widerlegung meiner Ansichten bedient hast,
als vielmehr gewisser rhetorischer Kunstgriffe, um sie zu
verspotten, so ist mir doch gerade das deshalb willkonmien,
weü ich daraus folgere, daß nicht leicht andere Gründe
gegen mich hätten vorgebracht werden können, als die, die
in den vorhergehenden Einwürfen der anderen Männer, die
Du gelesen hast, enthalten sind. Denn, wenn welche vor-
handen wären, wären sie doch Deinem Scharfsinn und Dei-
Antvvort des Verfassers auf die fünften Einwände. 321
hre'rbt?'nlf '• ""^'a ' entgangen, und ich denke mir, daß Du
hierbei nur im Auge gehabt hast, mich auf die MiShen
Tn def^'^r 'Kr^^'"^ n.it denen Leute, deren GdJotS
in der Sinnlichkeit steckt, daß sie für metaphvsischp Fr
wagungen voUständig unzuRän^rlich sind ^^^^^'^^^^ E^"
h^cfAn koK^ 1 • ""^"^angncn sind, meine Grunde zum fl^M
besten haben konnten, und daß Du so mir GeWenliei^
.eben woUtest, ihnen zu begegnen. Daher werde Xd
hier nicht wie einem scharfdenkenden Phüosophen ondm
über die Einwände gegen die erste Meditation.
den ^eisTToVfen ''^'^T;'^^'^ Beginnen, durch das ich
aen ueist von den Vorurteilen zu befreien" versuchte Hn
memand amen Grund erfinden könnte, warum man dies
"ÄTnd'^V ''°'?' ^",''"^^' gewünscht daß ich d2
„cintach und mit wenigen Worten" d h nur e^ u i •
hf-crkrrr«- kx*^*- AI i , *» vii icii , Q. fl. nur SO obenlim
besorgt hatte. Als ob das wohl so leicht wäre, sich von X^
r... ..stehen ^^-^r-^^^-^SlZ^t^l'^TS:;, S
Doch D„ hast wohl dami, „„ andeutenmllen ,bß , ,
darauf verwenden und der Ansicht sind, daß nichts von
em v:::it:ir '\ r^^ ^'^ ^^^^ ^^"^ ^^^^- ^- -.r
/eicftnet die Rolle dieser Leute und übergehst nichts was
brSjft'Du" cht''"' ^"^^' "^'^^" ''«--•- d-'^"
bringst Du nichts vor, was auch nur entfernt nach PhUo-
Sophie schmeckt. Denn wo Du sagst, man Mtte nicht
„vorauszusetzen brauchen, Gott sei ein Betrüger" oder wt
"en ti f'' 'Y''''^' '^^ ^''^ -»J einThiiosopVau^
den Gedanken gekommen, er müsse einen Grund hinzu
fugen. warum man diese Dinge mcht in Zweifel ziehen dZl
Ta vXtT ^'Th^^tf'' '!"' - ^' ^'-^ ^ i- ^ S;
verhalt I - so hatte er das nicht erst gesagt. Auch
21 ♦
OiaZ
Descartes, Meditationen.
hätte er nicht hinzugefügt, „es genüge'* hier, „der Trübung
des menschlichen Geistes* oder „der Unzulänglichkeit
unsrer Natur die Schuld zuzuschieben"; denn es trägt nichts
zur Berichtigung unserer Irrtümer bei, wenn man erklärt,
wir irrten, weil unser Geist getrübt oder unsere Natur un-
zulänglich sei; das besagt nämlich gerade soviel, als wenn
man erklärte, wir irrten, weil wir Irrtümern ausgesetzt seien ;
und offenbar ist es zweckmäßiger, wie ich das getan, Acht
darauf zu haben, bei allen Dingen, bei denen ein Irrtum
unserseits möglich ist, daß wir ihnen nicht unbedacht zu-
stimmen. Auch hätte ein Philosoph nicht gesagt, „ich ge-
riete dadurch, daß ich alles Zweifelhafte für falsch halte,
anstatt ein altes Vorurteü abzulegen, in ein neues*'. Ent-
weder hätte er zu beweisen versucht, daß aus einer solchen
[497] Voraussetzung I die Gefahr einer Täuschung entsteht; doch
Du im Gegenteil versicherst sogleich danach, „ich könnte
es nicht über mich gewinnen, das für ungewiß und falsch
zu halten, was ich als falsch vorausgesetzt habe", d. h. in
jenes neue Vorurteil zu geraten, von dem Du fürchtest, ich
möchte hineingeraten. Auch würde sich ein Philosoph über
eine derartige Annahme nicht mehr wundem, als darüber,
daß wir manchmal einen Stock, der verbogen ist, nach der
entgegengesetzten Seite biegen, um ihn gerade zu machen;
denn er weiß, daß in dieser Weise oft zweckmäßig Fal-
sches an Stelle von Wahrem gesetzt wird, um die Wahr-
heit zu erläutern; gerade so, wie wenn die Astronomen den
Äquator, den Tierkreis und andere Kreise am Himmel an-
nehmen, wenn die Mathematiker in der Geometrie neue
Linien zu gegebenen Figuren hinzufügen; und so häufig
auch die Philosophen bei vielen Gelegenheiten. Wer das
aber nennt, „zu einem Gebüde der Phantasie seine Zuflucht
nehmen, nach Gespenstern haschen und absichtlich Um-
wege gehen", und sagt, „es wäre der philosophischen Lau-
terkeit und der Wahrheitsliebe unwürdig", der bezeugt
sicherlich nicht, daß er mit philosophischer Lauterkeit oder
guten Gründen, sondern eben nur mit rhetorischem Schwulst
operieren will.
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 323
Über die Einwände gegen die zweite Meditation.
[498]
1. Hier fährst Du fort, Dich rhetorischer Verstellung
an Stelle von gegründeter Beweisführung zu bedienen. Du
nimmst nämlich an, ich sei nicht ernst zu nehmen, wo es mir
voller Ernst ist; und fassest dasjenige als wahr und ernsthaft
gesagt auf, was ich nur als fraglich und als landläufige An-
sicht anderer vorausgesetzt habe, um es weiter zu unter-
suchen. Wenn ich nämlich behauptet habe, „die Zeugnisse
aller Sinne hätten für ungewiß, vielmehr sogar für falsch zu
gelten", so ist das völliger Ernst, und zum Verständnis mei-
ner Meditationen so unentbehrlich, daß, wer es nicht gelten
lassen will oder nicht kann, überhaupt nicht fähig ist, eine der
Beantwortung werte Einwendung gegen sie zumachen. Doch
man muß die Unterscheidung, die ich an verschiedenen Stellen
eingeschärft habe, beachten zwischen dem Handeln im Leben
und dem Forschen nach der Wahrheit. Denn wenn es sich
um die Lebensführung handelt, wäre es wirklich albern,
den Sinnen nicht zu glauben, und geradezu lächerlich haben
sich jene Skeptiker gemacht, die alles Menschliche so voll-
kommen ignorierten, daß sie von ihren Freunden behütet
werden mußten, wenn sie sich nicht in Abgründe stürzen
sollten. I Daher habe ich denn auch einmal bemerkt, „kein [499J
Mensch mit gesundem Verstände zweifle an diesen Dingen".
Wenn man aber die Frage stellt, was denn am sichersten
vom menschlichen Geiste erkannt werden kann, da wider-
spricht es jeder vernünftigen Methode, wenn man sich da-
gegen sträubt, eben diese Dinge als zweifelhaft, oder viel-
mehr als falsch im Ernste zu verwerfen, um so zu bemerken,
daß gewisse andere Dinge, die man nicht so ablehnen kann'
eben aus diesem Grunde von größerer Gewißheit und für
uns tatsächlich leichter erkennbar sind.
Wenn ich aber gesagt habe, ich hätte noch keine ge-
nügende Einsicht, wer der ist, der da denkt, da fassest Du
das nicht in gutem Glauben als ein ernst gemeintes Wort
auf, wo ich just das auseinandergesetzt habe, noch auch dort,
da ich sagte, ich wäre nicht im Zweifel gewesen, worauf die
Natur des Körpers beruhe, und hätte ihm nicht die Kraft
sich selbst zu bewegen zugesprochen, und hätte mir ein-
324
Descaites, Meditationen.
gebadet, die Seele sei so etwas wie ein Wind oder Feuer
oder sonst so etwas, Vorstellungen, die ich dort nur der
volkstümlichen Anschauung gemäß anführte, um am ge-
gebenen Orte ihre Unhaltbarkeit darzutun.
Wie kannst Du es aber wagen, zu sagen, „die Ernäh-
rung, Bewegung, Empfindung usw. würden von mir der
Seele zugeschrieben", um dann gleich hinzuzufügen: „Das
mag so bleiben, nur wollen wir uns vor Deiner Unterschei-
dung zwischen Seele und Körper hüten!" Habe ich meiner-
seits doch gleich darauf die Ernährung ausdrücklich allein
auf den Körper zurückgeführt, die Bewegung aber und
[500] Empfindung beziehe ich ebenfalls zum größten Teile | auf
den Leib, und nichts, was auf sie Bezug hat, schreibe ich
der Seele zu mit alleiniger Ausnahme dessen, was Denken
(cogitatio) ist.
Ferner, welchen Grund hast Du zu sagen, „es hätte
nicht eines so großen Aufwandes an Worten bedurft, um
zu beweisen, daß ich existiere"? Tatsächlich, gerade aus
diesen Deinen Worten glaube ich den besten Grund für
die Auffassung zu haben, daß der Aufwand an Worten,
den ich gemacht habe, noch nicht groß genug gewesen ist,
da ich ja noch nicht habe erreichen können, daß Du die
Sache richtig verstehst; denn wenn Du meinst, ,,ich hätte
aus jeder beliebigen anderen Betätigung meines Ichs den-
selben Schluß ziehen können", irrst Du Dich gewaltig, da
ich überhaupt keiner meiner Betätigungen gewiß bin (na-
türlich mit jener metaphysischen Gewißheit, von der hier
allein die Rede ist) mit Ausnahme einzig und allein des
Denkens. So darf man z. B. nicht die Folgerung ziehen:
„Ich laufe, also bin ich"; höchstens insofern, als das Be-
wußtsein (conscientia) des Laufens Denken ist, über das
allein diese Behauptung gewiß ist, nicht aber über die Be-
wegung des Körpers, die manchmal, im Traume, gar keine
ist, während ich doch auch zu laufen glaube. Daher kann
ich sehr wohl eben deshalb, weil ich zu laufen glaube, die
Existenz des Geistes, der das glaubt, folgern, nicht aber
die des Körpers, der läuft. Genau so ist es in allen übrigen
Fällen.
[501] I 2. Dann beginnst Du mit recht spaßiger Personifizie-
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 325
rung mich nicht mehr als ganzen Menschen, sondern wie
eine losgelöste Seele zu fragen, wodurch Du mich wohl
daran erinnern willst, daß diese Einwürfe nicht von dem
Geiste eines scharfdenkenden Philosophen, sondern vom
Fleisch allein erhoben worden sind. Also bitte sehr, ver-
ehrtes Fleisch — oder mit welchem Namen immer Du wün-
schest bezeichnet zu werden — bist Du so vollständig von
der Gemeinschaft mit dem Geiste getrennt, daß Du nicht
gemerkt hast, wie ich jene gemeinhin verbreitete Einbü-
dung berichtigte, derzufolge man das, was denkt, sich als
eine Art Wind oder einen ähnlichen Körper vorstellt? Denn
berichtigt habe ich sie tatsächlich, als ich zeigte, man könne
annehmen, daß es keinen Wind noch sonst einen Körper in
der Welt gäbe und daß trotzdem all das, auf Grund dessen
ich mich als ein denkendes Ding erkenne, bliebe. Und somit
ist alles, was Du hernach fragst, „warum ich also nicht
immer noch ein Wind sein, warum ich nicht Raimi erfüllen,
warum ich nicht durch verschiedene Antriebe bewegt wer-
den könnte", und was sonst noch alles, so fadenscheinig,
daß sich eine Antwort darauf erübrigt.
3. Genau so wenig überzeugt das, was Du dann sagst:
,,Wenn ich ein gewisser feiner Körper bin, warum ich nicht
ernährt werden könnte", usw.; ich bestreite nämlich, | ein [ö02]
Körper zu sein. Und, um die Sache auf einmal abzutun,
da Du ungefähr immer in demselben Stile fortfährst und
nicht meine Gründe bekämpfst, sondern sie, als wären sie
gar nicht vorhanden, übergehst oder sie nur unvollständig
und verstümmelt widergibst und so mannigfaltige Schwierig-
keiten zusammensuchst, wie sie gewöhnlich von unkundigen
Leuten gegen meine Schlußfolgerungen, ebenso wie gegen
andere sich daran anschließende oder auch verschiedene, ins
Feld geführt werden, die entweder nicht zur Sache gehören
oder schon von mir am gegebenen Ort beseitigt oder gelöst
worden sind, so ist es wohl nicht der Mühe wert, auf Deine
Fragen im einzelnen Antwort zu geben; denn ich müßte
hundertmal dasselbe, was ich schon oben geschrieben habe,
wiederholen. Indes ganz kurz nur möchte ich über die
Punkte handeln, die geeignet erscheinen dürften, bei nicht
ganz unfähigen Lesern Bedenken zu erregen. Und was die
326
Descartes, Meditationen.
Leute betrifft, die ihre Aufmerksamkeit weniger auf die Zug-
kraft der Beweise als auf die Menge der Worte richten, so
schätze ich ihren Beifall nicht so hoch ein, daß ich noch
weitere Worte zu machen wünschte, um ihn zu gewinnen.
Erstens also möchte ich hier anmerken, daß man Dir
nicht glaubt, wenn Du sagst, „der Geist wachse heran und
nehme ab mit dem Körper", und diese Behauptung durch
kernen Grund beweisest, denn daraus, daß er nicht so voU-
rc >on ^"^^^ '*? kindlichen Körper funktioniert wie im erwachsenen
1503] und oft ( vom Weine und anderen körperlichen Dingen seine
Funktionen behindert werden können, folgt doch nur daß
er solange er mit dem Körper verbunden ist, ihn wie ein
Werkzeug zu den Operationen benutzt, mit denen er zu-
meist beschäftigt ist, nicht aber, daß ihn der Körper voll-
kommener oder unvollkommener machen kann, und wenn
Du daraus diesen Schluß ziehst, tust Du nicht besser daran
als wenn Du daraus, daß ein Handwerker nicht richtig
arbeitet, so oft er sich eines schlechten Werkzeuges be-
dient, den Schluß ziehen würdest, daß er die Beherrschung
seines Handwerks nur der Güte des Werkzeuges verdanke
Angemerkt muß auch werden, daß Du, verehrtes
Fleisch, ganz und gar nicht zu begreifen scheinst, was plan-
maßig beweisen heißt, da Du ja, um zu beweisen, ich
durfte die Richtigkeit der Sinneseindrücke nicht in Frage
ziehen, sagst, „ich hätte, wenn ich auch manchmal ohne
das Auge zu gebrauchen, die Dinge zu empfinden geglaubt
hatte, die ohne das Auge nicht wahrgenommen werden, doch
mcht immer eben diese Täuschung erlebt"; gleich als ob
es nicht ein hinreichender Grund zum Zweifel wäre, daß wir
emmal den Irrtum gemerkt haben, und gleich als ob es mög-
lich wäre, sooft wir uns täuschen, auch immer zu merken
daß wir uns täuschen, wo doch im Gegenteil gerade darauf
r-n,i o !?.'" ''""^- ''^'^ '''''■ ''^" "'Cht als solchen erkennen.
1004J Schließlich, I weil Du oft von mir Gründe verlangst
wo Du selbst, verehrtes Fleisch, keine hast und Dir
die Beweislast zufällt, muß man beachten, daß es zum
richtigen Philosophieren nicht erforderlich ist, all das was
man nicht gelten läßt, weil man nicht weiß, ob es wahr ist,
als falsch zu beweisen, sondern daß man nur sehr sich hüten
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 327
muß, etwas als richtig gelten zu lassen, dessen Richtigkeit
man nicht beweisen kann. Wenn ich so zu der Auffassung
gelange, daß ich eine denkende Substanz bin, und einen
klaren und deutlichen Begriff dieser denkenden Substanz
mir büde, in dem nichts von dem, was zum Begriff der kör-
perlichen Substanz gehört, enthalten ist, so genügt das voll-
standig, um zu behaupten, daß ich, soweit ich mich selbst
kenne, nichts anderes als ein denkendes Ding bin; und das
allem habe ich in der zweiten Meditation, um die es sich
nunmehr handelt, versichert. Auch durfte ich die Auf-
fassung nicht zulassen, daß jene denkende Substanz ein
gewisser ruhriger, reiner, feiner usw. Körper sei, da ich ja
kernen Grund hatte, der mich zu dieser Auffassung hätte
bewegen können; wenn Du einen hast, dann ist es Deine
bache. Ihn vorzutragen, nicht aber von mir den Beweis zu
verlangen, daß das falsch sei, was ich mich aus keinem
anderen Grunde | gelten zu lassen weigerte, als weil es mir fSOSl
unbekannt war. Mit demselben Rechte nämlich könntest
Du bestreiten, daß man mir glauben dürfe, wenn ich sage
ich halte mich nunmehr in Holland auf, wenn ich nicht be-
wiese, daß ich nicht auch in China bin, noch in sonst einem
Erdteile, weil es zufällig möglich ist, daß durch die göttliche
Macht ein und derselbe Körper an zwei verschiedenen Stel-
len existiert. Wenn Du aber hinzusetzest, „ich müßte auch
beweisen, daß die Seelen der Tiere unkörperlich sind und
der massige Körper nichts zur Denktätigkeit beitrage" so
bezeugst Du, daß Du nicht nur darüber im Unklaren bist
wem die Rolle des Beweisenden zufällt, sondern auch dar-
über, was ein jeder zu beweisen hat; denn ich bin weder der
Meinung, daß die Seelen der Tiere unkörperlich sind, noch
dab der massige Körper nichts zur Denkfähigkeit beiträgt
sondern nur, daß die Betrachtung dieser Dinge in keiner
VVeise hierher gehört.
4. Hier suchst Du eine Dunkelheit in der Doppeldeutig-
keit des Wortes „Seele", die ich doch so sorgfältig am ge-
gebenen Orte behoben habe, daß es mir widerstrebt es hier
noch einmal zu tun. Daher will ich nur sagen daß' die Be-
nennungen meistens von unkundigen Leuten den Dingen bei-
gelegt worden sind, und daß sie deshalb nicht immer so
l
328
Descartes, Meditatioacn.
[506] recht auf die Dinge passen, daß es aber nicht unsere | Auf-
gabe ist. sie zu ändern, wenn sie sich einmal eingebürgert
haben, sondern daß es nur freisteht, ihre Bedeutungen zu
berichtigen, wenn wir merken, daß sie von anderen nicht
richtig verstanden werden. So haben etwa die ersten Men-
schen dasjenige Prinzip, durch das wir ernährt werden,
wachsen und alles übrige, was wir, da wir es mit den
Tieren gemein haben, ohne jede Denktätigkeit vollbringen,
nicht von dem unterschieden, durch das wir denken, und
haben beides mit dem einen Worte „Seele** (anima) benannt
und haben dann, als sie merkten, daß die Denktätigkeit
von der Ernährungstätigkeit verschieden sei, das, was denkt,
„Geist" (mens) genannt und ihn für den wichtigsten Teü
der Seele gehalten. Ich aber habe bemerkt, daß das Prinzip,
durch das wir ernährt werden, schlechterdings (toto genere)
verschieden ist von dem, durch das wir denken, und habe
daher gesagt, das Wort „Seele'* (anima) sei, wenn es für
beides gebraucht wird, doppeldeutig und daß, wenn man
es ganz besonders für die „ursprünglichste Tätigkeit" (ac-
tus primus) oder die „vornehmlichste Erscheinung am Men-
schen'* (praecipua hominis forma) nimmt, dies nur für das
Prinzip gelten darf, durch das wir denken (Bewußtsein
haben), und das habe ich meistens mit dem Worte „Geist"
(mens) bezeichnet, um die Zweideutigkeit zu vermeiden ; den
„Geist ' betrachte ich nämlich nicht als einen Teü der Seele,
[507] sondern als eben die ganze Seele, | sofern sie denkt.
„Dir ist aber unklar'*, wie Du sagst, „ob ich also meinte,
die Seele denke immer'*; aber was sollte sie nicht immer
denken, da sie eine denkende Substanz ist? Und was ist
da Wunderbares, daß wir uns nicht der Gedanken erinnern,
die sie im Mutterleibe oder im lähmenden Schlafe usw. ge-
habt hat, da wir uns nicht einmal sehr vieler Bewußtseins-
zustände erinnern, von denen wir doch wissen, daß wir sie
gehabt haben, solange wir erwachsen, gesund und wach
waren. Als Bedingung für die Erinnerung nämlich an die
Gedanken, die der Geist gehabt hat, solange er mit dem
Leibe verbunden ist, ist erforderlich, daß gewisse Spuren
von ihnen dem Gehirn eingeprägt sind, nach denen er sich
richten, oder denen er sich anpassen kann, um sich zu er-
Antwoit des Verfassers auf die fünften Einwände.
329
innern; was ist aber Wunderbares daran, wemi das Gehirn
des unmündigen Kmdes oder des Schlaf süchtigen für die
Aufnahme solcher Spuren ungeeignet ist?
r.rh ^J'^rl'f ^''^' '"'' l^^ ^^'^^' ^^^^^ „vielleicht sei es mög-
hch daß das, was ich noch nicht kenne (nämlich mein Kör-
per) mcht verschieden ist von dem Ich, welchen ich kenne
(d. k von meinem Geiste) - doch davon weiß ich nichts
darüber streite ich auch nicht**, usw., da wirfst Du ein ^
„Wenn Du es mcht weißt, wenn Du nicht darüber streitest'
warum nimmst Du denn an, nichts davon zu sein"? Dabei
ist es hier gar nicht wahr, daß ich etwas angenommen habe
was ich nicht gewußt hätte; vielmehr ganz im Gegenteil*
weü ich nicht wußte, | ob der Körper dasselbe wie der Geist [5081
dlm d\7 r'\'' if "^ '^^^^^^^ angenommen, son- ^ ^
dem den Geist allem betrachtet, bis ich später in der
sechsten Meditation nicht etwa bloß angenommen, sondern
bewiesen habe, daß er tatsächlich (realiter) vom Körper
verschieden ist. Du jedoch, verehrtes Fleisch, machst hier
msofem einen großen Schnitzer, als Du zwar nicht den ge-
nngsten Grund hast, um zu beweisen, daß der Geist nicht
vom Korper unterschieden wird, es aber nichtsdestoweniger
annimmst. ^
5- Was ich über die Einbildung geschrieben habe ist
iur einen aufmerksamen Leser hinreichend klar, doch ist
nicht zu verwundern, wenn es etwa denen, die nicht nach-
denken, durchaus dunkel ist. Ich erinnere sie aber daran
daß das, von dem ich betont habe, es hätte nichts zu schaf-
fen mit dieser Kenntnis, die ich von mir habe, nicht im
Widerspruch steht mit dem, von dem ich vorher gesagt
haue, ich wüßte nicht, ob es mit mir etwas zu schaffen habe
weil es ein gewaltiger Unterschied ist, ob etwas mit mir odei^
mit der Kenntnis, die ich von mir habe, etwas zu schaffen hat
6. Was Du hier auch alles zu sagen hast, mein bestes
Heisch es Schemen mir nicht Einwürfe, sondern es scheint
mir vielmehr wie ein Stammeln dawider zu sein, das keiner
Antwort bedarf.
7. Auch hier stammelst Du viel dawider, | und doch be- [5091
darf es mcht mehr als das Vorangehende der Antwort. Denn
die Fragen, die Du m betreff der Tiere stellst, gehören
330
Descartes, Meditationen.
nicht hierher, weil der bei sich selbst nachdenkende Geist
zwar in Erfahrung bringen kann, daß er denkt, nicht aber,
ob auch die Tiere denken oder nicht; das kann er vielmehr
erst später aus ihrem Gebahren nur a posteriori ermitteln.
Auch halte ich mich nicht damit auf, das in Abrede zu
stellen, was Du mich in Deiner Wiedergabe albern vor-
tragen läßt, weil ich mich begnüge, einmal darauf hin-
gewiesen zu haben, daß Du nicht alle meine Gedanken
getreu wiedergibst. Oft indes habe ich das Unterscheidungs-
merkmal angeführt, mit dessen Hilfe man den Unterschied
zwischen Geist und Körper erkennt, daß nämlich die ganze
Natur des Geistes darin besteht, daß er denkt, die ganze
Natur des Körpers aber darin, daß er ein ausgedehntes
Ding ist, und daß Denken und Ausdehnung überhaupt
nichts miteinander gemein haben. Ich habe auch oft deutlich
gezeigt, der Geist könne unabhängig vom Gehirn arbeiten,
denn für die reine Einsicht (pure intelligere) kann das Gehirn
tatsächlich gar nicht von Nutzen sein, sondern nur für die
Einbildung und das Empfinden. Und mag auch beim Hin-
zukommen einer starken Einbildung oder Empfindung (wie
es zu geschehen pflegt, wenn das Gehirn verwirrt wird) der
Geist nicht leicht für die verstandesmäßige Erfassung ande-
[510] rer Dinge Raum haben, | so machen wir doch die Erfahrung,
daß, wenn die Einbildung weniger stark ist, wir oft irgend
etwas von ihr vöUig Verschiedenes verstandesmäßig er-
fassen. So ist z. B., wenn wir im Schlafe merken, daß wir
träumen, das Träumen zwar Betätigung der Einbildung,
daß wir aber merken, daß wir träumen, ist eine Betätigung
des bloßen Verstandes.
8. Hier, wie oft anderswo, zeigst Du nur, daß Du das
nicht recht verstehst, was Du zu tadeln versuchst. Ich habe
nämlich nicht den Begriff (conceptus) des Wachses von dem
Begriff seiner Accidentien abstrahiert, sondern vielmehr an-
zeigen wollen, auf welche Weise seine Substanz durch die
Accidentien geoffenbart wird und inwiefern sich die inner-
lich widergespiegelte und scharf umgrenzte Erfassung dieses
Begriffes, wie Du, verehrtes Fleisch, noch nie eine gehabt
zu haben scheinst, von der verworrenen landläufigen unter-
scheidet. Auch sehe ich nicht, auf welches Argument Du
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 331
Jir^^^^H^^'^^l^'^ TT ^^ ^^^ ausgemacht erklärst, daß
der Hund auf ähnliche Weise wie wir urteile. Du mi^ßtest
S' h H ^T"^' a ""' ^"^ ^^ ^^h^^^' ^-ß a-ch er atL
steck Dol • f K^^'T ^^•'"' "^^ ^^ ^^^ ^^^' -^^ i- i^-
nnH II ? ^ i!'^ ^T^'^^ ^^ ^^^ ^^^^ Spur von Geist
und glaube daher, daß sich in ihm nichts vorfindet ähnlich
dem was ich unter dem Geiste verstehe.
9^ Ich wundere mich, daß Du hier gestehst aU das FSlll
Senne 'iT^T '^^^-^^'^^' ^'^^^^^ ^^^^'^^ '^^ ^-^^^
erkenne daß ich existiere, nicht aber wer oder was für
Mn'.Vn n"} "k ^"? '"'^ ^^^^^" unmittelbar zusammen
hangen. Und ich sehe nicht ein, was Du noch weiter über
diesen Punkt erwartest, außer daß man Dir auseinander-
setze, von welcher Farbe, Geruch, Geschmack die mensch-
On..lf Tk ' u' T "^"^'^"'^ ^^^^^"' Schwefelarten und
?rt tr W "^ "'^ ^"'^u^^' ^^ "'"^^^^^^ J'^' ^^ ^^ ^ie nach
it ieln ^Jir n ''^ '^^"' ^'' chemischer Methode" ana-
lysieren sollen. Das wäre tatsächlich Deiner würdig ver-
ehrtes Fleisch, und aller derer, die alles nur recht verworren
auffassen und sich nicht klar darüber sind, was man übe^
rr^f? l [^tzusteUen suchen kann. Doch was mich be-
trifft, so habe ich nie geglaubt, daß man etwas anderes
brauche um die Substanz eines Dinges zu ermitteln, als seine
verschiedenen Attribute; und zwar, je mehr Attribute einer
fe^ln^M r ^'^T^""^ .^^ ^^ vollkommener begreifen wir
seme Natur. Und soviel verschiedene Attribute wir am
Wachs unterscheiden können, einmal, daß es weiß ist, dann
daß es hart ist dann, daß es aus dem festen in den flüssigen
einS H r"^!.' ^' u:' ^^''^^ sovielgibt es auch beim Geiste, [512]
einmal, daß er die Fähigkeit hat. die weiße Farbe des Wachses
zu erkennen, dann, daß er die Fähigkeit hat, seine Härte zu
erkennen, dann, die Veränderung des Aggregatzustandes oder
das Schmelzen zu erkennen, usw. Es kann nämlich einer seinen
Aggregatzustand kennen, der darum doch nicht die weiße
2h^' Ta ""^'^ 'J ^^"^^'^ ^""^ ^^^^^^^ i^^' ^"d ebenso
steht s mit den anderen Eigenschaften. Daraus geht nun
klar hervor, daß man bei keinem Dinge so viel Eigenschaf-
ten erkennt, wie bei unserem Geiste, weil alle, die an irgend-
einem anderen Dinge erkannt werden, immer auch am Geiste
332
Descartes, Meditationen.
aufgezählt werden können, und zwar deshalb, weil er sie er-
kennt- und daher ist seine Natur von allen am leichtesten
erkennbar. Schließlich tadelst Du hier so nebenbei, „daß
ich zwar nicht zugeben will, es stecke in mir etwas außer
dem Geiste, und trotzdem vom Wachse spreche, das ich
sähe und berühre, was ohne Augen und Hände nicht mög-
lich ist". Doch da hättest Du beachten müssen, daß ich
ausdrücklich darauf hingewiesen habe, es handle sich dort
nicht um Gesicht und Gefühl, Wahrnehmungen, die mit
Hufe der Sinneswerkzeuge zustande kommen, sondern allem
um das Bewußtsein des Sehens und Fühlens, für das jene
Sinneswerkzeuge, wie wir täglich im Schlafe beobachten
können, nicht erforderlich sind. Und in Wirklichkeit hast
Du das auch sehr wohl beachtet, hast aber nur darauf auf-
merksam machen woUen, was für widersinnige und un-
[513] gerechtfertigte | Nörgeleien oft die Leute aushecken, die lie-
ber etwas bekämpfen, statt sich die Mühe zu geben, es zu be-
greifen.
Über die Einwände gegen die dritte Meditation.
1. Recht so l Hier führst Du endlich einen Grund gegen
mich ins Feld, was ich Dich vorher nirgends habe tun
sehen : um nämlich zu beweisen, „daß die Regel nicht sicher
sei, daß, was wir recht klar und deutlich erfassen, wahr sei**,
sagst Du, überragende Geister, die doch das meiste hätten
klar und deutlich erfassen müssen, hätten trotzdem gemeint,
die Wahrheit der Dinge sei in Gott oder in einem Brunnen
verborgen. Und hierbei, das gebe ich Dir zu, argumentierst
Du richtig von der Autorität aus; doch Du hättest Dich
daran erinnern müssen, wertes Fleisch, daß Du hier einen
Geist anredest, der so von den körperlichen Dingen ge-
trennt ist, daß er nicht einmal weiß, ob je Menschen vor
ihm existiert haben, und deshalb sich nicht durch ihre
Autorität beeinflussen läßt. Was Du dann von den Skep-
tikern bemerkst, ist kein übler Gemeinplatz, doch beweist
er nichts, wie auch die Tatsache nichts beweist, daß gewisse
Leute für falsche Meinungen in den Tod gehen, weil sich
[514] nie beweisen | läßt, daß sie klar und deutlich das erfassen,
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 333
was sie standhaft behaupten. Wenn Du schließlich hinzu-
setzest, man brauche sich nicht so sehr um die Richtigkeit
dieser Regel zu bemühen als um die Methode zur Er-
kenntnis, ob wir uns täuschen oder nicht, wenn wir glauben,
irgend etwas klar zu erfassen, so steUe ich das nicht in Ab'
rede. Doch ich behaupte, eben das sorgfältig am gegebenen
Orte geleistet zu haben, wo ich zuerst mit allen Vorurteilen
aufräumte und dann alle wichtigsten Ideen aufzählte und
die klaren von den dunklen oder verworrenen unterschied.
2. Die Beweisführung aber bewundere ich, durch die Du
dariegen wülst, alle unsere Ideen seien hinzugekommen und
keine von uns gemacht, „weü", wie Du sagst, „der Geist
das Vermögen hat, nicht allem die von außen hinzukommen-
den Ideen selbst zu erfassen, sondern außerdem auch sie in
mannigfaltiger Weise zusammenzusetzen, zu zerlegen, zu-
sammenzuziehen, zu erweitem, zu vergleichen und ähnliches
der Art". Und daraus schließest Du, die Ideen der Chi-
mären, die der Geist durch Zusammensetzung, Teilung usw.
bildet, seien nicht von üim gemacht, sondern hinzugekom-
men. Auf diese Weise könntest Du nun aber auch beweisen,
daß weder Praxiteles irgendwelche Büdwerke geschaffen
hat, da er ja nicht aus sich den Marmor hatte, aus dem er
sie meißelte, I noch daß Du diese Einwände erhoben hast, [515]
da Du sie aus Worten, die nicht Du erfunden, sondern von
anderen entliehen hast, zusammengesetzt hast. Doch be-
ruht sicheriich weder die Gestalt der Chimäre auf den Teüen
der Ziege oder des Löwen, noch die Form Deiner Einwände
auf den einzelnen Worten, deren Du Dich bedienst, sondern
auf der Zusammensetzung allein.
Wunderbar ist auch, daß Du Dich darauf versteifst, die
Idee „des Dinges" könne nicht im Geiste sein, „ohne daß
zugleich die Ideen des Tieres, der Pflanze, des Steines und
aller Dinge überhaupt vorhanden sind". Gleich als ob ich,
um zu erkennen, daß ich ein denkendes Ding bin, die Tiere
und Pflanzen erkennen müßte, während ich doch „das Ding"
oder „was das Ding ist", erkennen muß. Genau so wenig
stimmt das, was Du hier von der „Wahrheit" sagst. Und
da Du schließlich nur das bekämpfst, worüber ich nichts
behauptet habe, so kämpfst Du nur gegen Windmühlen.
I
334
Descartes, Meditationen.
3. Um hier die Gründe zu erschüttern, wegen deren
man nach meinem Urteil an der Existenz der materiellen
Dinge zweifeln muß, stellst Du die Frage, „wieso ich also
auf Erden wandelte'*, usw., worin offensichtlich eine petitio
principii liegt. Du nimmst nämlich an, was hätte bewiesen
werden müssen, nämlich es sei so sicher, daß ich auf Erden
wandle, daß man nicht daran zweifeln könne.
Und wenn Du den Gründen, die ich mir entgegen-
[516] gehalten und widerlegt habe, | noch einen hinzufügen wülst :
„warum in einem blind Geborenen keine Idee von der
Farbe, oder im Taubstummen von der Stimme vorhanden
sei**, da zeigst Du deutlich, daß Du überhaupt keine von
irgendwelcher Beweiskraft hast. Denn woher weißt Du,
daß keine Idee von Farben in dem blind Geborenen vor-
handen ist, da doch manchmal in uns, obgleich wir die
Augen schließen, trotzdem Empfindungen von Licht- und
Farbeneindrücken erregt werden*? Aber memetwegen zu-
gegeben, was Du sagst, — kann nicht mit demselben Rechte
der, der die Existenz der materiellen Dinge bestreitet, be-
haupten, der blind Geborene habe nicht die Ideen der Far-
ben, weil sein Geist der Fähigkeit, sie zu bilden, beraubt
ist, wie Du behauptest, er habe sie nicht, weil er der Augen
beraubt ist?
Was Du dann hinzufügst über die beiden Ideen von
der Sonne, das beweist nichts; denn wenn Du sie beide für
eine hältst, weü sie sich ja beide auf die eine Sonne be-
ziehen, so ist das gerade so, wie wenn Du sagtest, wahr
und falsch unterscheide sich nicht, da es von ein und dem-
selben Subjekte ausgesagt wird. Und wemi Du von der-
jenigen, die wir aus astronomischen Berechnungen gewinnen,
bestreitest, daß es eine Idee sei, so beschränkst Du die Be-
zeichnung „Idee** allein auf die in der Phantasie sich ab-
drückenden Büder im Gegensatz zu dem, was ich ausdrück-
lich angenommen habe.
4. Hier machst Du dasselbe, indem Du bestreitest, es
[517] gäbe eine wahre Idee der Substanz, da nämlich | die Sub-
stanz nicht durch die Einbüdung, sondern durch den Ver-
stand allein erfaßt wird. Und doch habe ich schon lange
erklärt, wertes Fleisch, daß ich nichts mit denen zu schaffen
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 335
Itr'JLZon::. ^''''''^'' ^'- »'^^^ ''^- Verstand
schli^r.h ?." ^''p' "v^''' "^'^ ^^^^ ^'' Substanz habe aus-
schließlich Ihre Realität aus den Ideen der Accidentien
unter denen oder nach deren Gestalt sie erfaß v^rd"'
so beweisest Du. daß Du in Wirklichkeit keine deuTlTch;
besitzest weü niemals die Substanz nach der Gestalt de?
Accidentien erfaßt werden, noch ihre Realität von Len
von den Phüosophen die Accidentien nach der Gestalt der
Substanzen erfaßt, sooft sie nämlich als real hingestelU
werden. Denn den Accidentien kann keine Realität Sh"
keine mehr als modale Wesenheit [modalis entitasl) bei-
gelegt werden außer der. die von der Idee der Substam
hergenommen wird. üuostanz
sZctny,'- . T ^'^"'^ ^""•'"^^ ^^^' G°" haben aus-
SZrl r ■ ^^ ^""'"^'^ ''^' °" J^ättest hinzugefügt,
woher denn also die ersten Menschen, von denen wir d^
fifr \"\ '^"'''^' '"'' ^"«^ ^^J'^bt haben; habe^
sie sie namlich von sich selbst, warum kömien nicht auch wir
eben diese von uns haben? wenn aber durch Offenbarung
von Gott, so existiert also Gott.
I Wenn Du aber hinzusetzest, „der, der etwas als unend- [5181
lieh bezeichnet, lege ebem Dinge, das er nicht faßt, einen
Namen bei den er nicht versteht", dann unterscheidest Du
snrirh. H T .Maßstäbe unseres Begriffsvermögens ent-
ZlT^rA ^'f'"''*'..^'" ^ ^'" ^°" ^^"^ Unendlichen be-
setzen (jeder kann diese Erfahrung hinreichend bei sich
I^S'k^' >? u ^^ä'l"^'^'^ Erfassung der Dinge, die nie-
mand besitzt, nicht nur von dem Unendlichen, sondern viel-
leicht auch von keinem anderen noch so kleinen Dinge
FnS '!!,""]" "^^^"^ ^'^ ^' Unendliche durch Negation des
Endes oder der Begrenzung begriffen wird, da ganz im Gegen-
teil jede Begrenzung die Negation des Unendlichen enthält.
Auch ist nicht wahr, „daß die Idee, die aUe jene Voll-
kommenheiten darstellt, die wir Gott beilegen, nicht mehr
objektive Realität hat, als die endlichen Dinge haben^'
Du gestehst nämlich selbst ein, daß jene Vollkommen-
Beicartes, Meditationen.
22
336
Descartes, Meditationen.
heiten von unserm Verstände gesteigert werden, um sie
Gott beizulegen. Oder meinst Du also, das, was so ge-
steigert ist, sei darum nicht größer als das nicht Gesteigerte?
Woher kann dann die Fähigkeit stammen, alle erschatfenen
Vollkommenheiten zu steigern, d. h. etwas Größeres oder
Völligeres zu erfassen, außer daher, daß die Idee eines
größeren Dinges, nämlich Gottes, in uns wohnt? Endlich
ist es auch nicht wahr, „daß Gott winzig klein sein wird,
[519] I wenn er nicht größer ist, als unser Verstand reicht**; er
wird nämlich als unendlich gedacht, und nichts kann größer
als unendlich sein. Und doch verwechselst Du die Ver-
standeseinsicht mit der Einbildung und denkst Dir, wir
bildeten uns Gott ein als irgendeinen übergroßen Menschen,
gerade so, als ob sich jemand einen Elefanten, den er nie
gesehen hat, nach einem Tierchen, einer Milbe, nach Mög-
lichkeit vergrößert, einbildete, was, wie ich mit Dir ein-
gestehe, höchst albern ist.
5. Hier redest Du viel, um den Schein zu erwecken. Du
widersprächest mir, und doch widersprichst Du in keiner
Weise, weil Du zu ganz demselben Schlüsse kommst wie
ich. Aber Du mischest dennoch viel von hier und dort
darein, worüber ich ganz andrer Meinung bin, z. B. daß
das Axiom, „nichts ist in der Wirkung, was nicht zuvor in
der Ursache existiert hätte**, mehr von der materialen Ur-
sache als von der wirkenden zu verstehen sei; denn man
kann nie begreifen, daß die Vollendung der Form in der ma-
terialen Ursache, sondern daß sie allein in der wirkenden
vorher existiert. Ferner, „daß die formale Realität der Idee
die Substanz sei**, und anderes.
6. Wenn Du die Möglichkeit hättest, die Existenz der
materiellen Dinge zu beweisen, hättest Du dies zweifellos
[520] hier getan; doch da Du nur [ fragst, „ob also etwa mein
Geist ungewiß sei, daß es irgend etwas außer ihm in der
Welt gäbe**, und Dich stellst, als ob es nicht nötig sei,
dazu Beweise zu suchen, und so nur zu vorgefaßten Mei-
nungen aufrufst, zeigst Du viel klarer, daß Du für nichts
von dem, was Du behauptest, die Gründe angeben kannst,
als wenn Du überhaupt geschwiegen hättest.
Was Du aber hier auch alles über die Ideen entwickelst,
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 337
bedarf gar keiner Antwort, weil Du die Bezeichnung Idee
i blh L"st ich t'rt' "'^ abdrückenden BüderVeL
Doch nebenbei möchte ich einmal fragen, durch welches
Argument Du beweisest, „daß nichts auf sich selber wtk?'
Sas'atfLtrn""?"'^ "^^ Argumenten zu arbdtenl
Das aber hast Du zu beweisen gesucht durch das Beisoiel
des Fmgers, der sich selbst nicht schlägt, und Testet
deirSniP^ll K '^.^/^^T'"^^ ^' ''' "^^ht das Auge, das
den Spiegel mehr sieht als sich selbst, sondern der GeisT
"eTke^^ n^ '^T^' "^'^ ^^^ ^^^^' wie auch sS
selbst erkennt. Und man kann auch noch weitere Beisniele
K:Lt7.^^^^^^^ ^^^^^-- Wenn%^rd
Kreisel sich im Kreise dreht, ist diese Drehung nicht eine
Wirkung, die er auf sich selber ausübt?
beha^tS ""ff, f ?r^^ ^^^^^^-"' d-ß -h nicht
Denauptet habe, „daß die Ideen der materiellen Dinkel aus [5211
dem Geiste hergeleitet werden", was Du hier n^chf ianz ^ ^
Sz'elf 'daT ^VT'"' ^^^^ -^^cklich habe ich spTt
gezeigt daß sie häufig von Körpern herkommen und daß
?h nur au" "^""T' '" ""''''' ^^^^^^ wird i^r habe
sLTrT^^^^^ '' '^"'^ ^^^^ ^^ '''-'- keine so
große Realität daß nach dem Satze : nichts ist in der Wir-
in d'^r'ursaTh ' "'"' ^^ Normaler oder eminenter Wei^^
in der Ursache existiert hätte, geschlossen werden muß
nen ^^X'^hf "^^^ ^-^^^^ ^^^^^ ausgegangen tin köS:
nen, was Du nicht im geringsten bekämpfst.
llllT^ ^'T^^ ^^' ^^"^^ ^^^^^ ^«^ ^'^' aus dem Felde
in he '^ff V''t^.'^ ""/''' ^"^ ^" ^^' ^^- -i" ich erinnern
m betreff der Idee des Unendlichen, „die", wie Du sa^st
griS? 2ä '^""t'^^'l "^^" ^^^ "^^ das'unenSLeS:
?eü irn "^^^..^^^^^ ^ö^hstens sagen, ich erkennte einen
ler das uZlTv^"' "l^ T' ""^ '^" allerkleinsten Teil"
eTnes winden H ""'T ^''''' wiedergibt, als das Bild
tSr Th IT.h '"' ^""^ ^^"'"'^ ^""^^^^^ vergegenwär-
"gt . ich mache, wie gesagt, darauf aufmerksam, daß es
22*
m
f il
338
Descartes, Meditationen.
im Gegenteil völlig ungereimt ist, daß, wenn ich etwas be-
greife (comprehendo). das, was ich begreife, unendlich
ist; denn um eine wahre Idee vom Unendlichen zu haben,
braucht es ganz und gar nicht begriffen (comprehendi)
zu werden, da ja die UnbegreifMchkeit selbst in dem For-
malgrunde des Unendlichen enthalten ist; und nichtsdesto-
[522] weniger ist es ersichtlich, daß die Idee, die | wir vom
Unendlichen haben, nicht nur irgendeinen Teü von ihm
darstellt, sondern wirklich das ganze Unendliche, in der
Weise, wie es durch die menschliche Idee dargestellt wer-
den muß, obwohl ohne Zweifel eine andere, viel vollkom-
menere, d. h. genauere und deutlichere Gott besitzen kann,
oder eine andere verstandbegabte Natur, die vollkommener
ist als die menschliche. Ebenso zweifeln wir nicht, daß ein
der Geometrie Unkundiger die Idee des ganzen Dreiecks
hat, wenn er einsieht, daß es eine von drei Linien begrenzte
Figur ist, obgleich von den Geometern über dasselbe Drei-
eck noch viel anderes erkannt und in seiner Idee beobachtet
werden kann, was jener nicht kennt. Wie es nämlich ge-
nügt, eine von drei Linien eingeschlossene Figur einzusehen,
um die Idee des ganzen Dreiecks zu haben, so genügt es
auch, ein von keinen Grenzen umfangenes Ding einzusehen,
um die wahre und vollständige Idee des ganzen Unendlichen
zu haben.
8. Denselben Fehler wiederholst Du hier, wenn Du be-
streitest, daß man eine wahre Idee von Gott besitzt; denn,
wenn wir auch nicht alles, was in Gott ist, erkennen, so ist
trotzdem alles wahr, was wir in ihm als vorhanden erkennen.
[523] Was Du aber dabei vorbringst, z. B. „das Brot | sei nicht
vollkommener als der, der danach verlangt*', „weil ich etwas
als aktuell in der Idee vorhanden erfasse, sei es darum nicht
aktuell in dem Ding, dessen Idee sie ist'*, „ich bildete mir
ein Urteil über das, wovon ich kein Wissen besäße", und
ähnliches, das bezeugt nur, daß Du, wertes Fleisch, vieles
ins Blaue hinein bekämpfen wUlst, dessen Sinn Du nicht
begreifst. Denn weder „daraus, daß einer nach Brot ver-
langt, kann man folgern, daß das Brot vollkommener als
er ist", sondern nur, daß der, der des Brotes bedarf, we-
niger vollkommen ist als er selbst, wenn er seiner nicht be-
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 339
darf. Und „daraus, daß etwas in der Idee vorhanden ist",
folgere ich nicht, „daß eben das in der Natur der Dinge sei"*
es sei denn, daß keine andere Ursache jener Idee angegeben
werden kann als das Ding, das sie darstellt als aktuell exi-
stierend; was, wie ich bewiesen habe, nicht für mehrere
Welten, noch für irgendein anderes Ding, mit Ausnahme
von Gott allein, zutrifft. Noch auch „büde ich mir ein Ur-
teil über das, wovon ich kein Wissen besitze". Denn ich
habe Gründe beigebracht, warum ifh so urteilte, und zwar
so stichhaltige, daß Du keinen davon auch nur im ge-
ringsten bekämpfen konntest.
9. Wenn Du bestreitest, „daß wir fortwährend des Ein-
flusses der ersten Ursache bedürfen, um erhalten zu wer-
den", so bestreitest Du etwas, was alle Metaphysiker als
ausgemacht bestätigen, worüber aber oft ungebildete Leute
nicht nachdenken, weil sie nur | auf die Ursachen „in Hin- [524]
sieht des Werdens (secundum fieri)", nicht aber auf die „in
Hinsicht des Seins (secundum esse)" achtgeben. So ist der
Architekt die Ursache des Hauses und der Vater die des
Sohnes nur „in Hinsicht des Werdens", und daher kann
das Werk, wenn es vollendet ist, ohne eine derartige Ur-
sache bestehen; aber die Sonne ist die Ursache des von
ihr ausgehenden Lichtes, und Gott ist die Ursache der ge-
schaffenen Dinge nicht nur „in Hinsicht des Werdens",
sondern auch „des Seins"; und deshalb mußten sie immer
in derselben Weise auf die Wirkung Einfluß ausüben, um sie
zu erhalten.
Und das wird deutlich bewiesen durch das, was ich
über die Unabhängigkeit der Zeitteilchen auseinandergesetzt
habe, und was Du vergebens zu entkräften versuchst da-
durch, daß Du „die Notwendigkeit der Folge" in den
Vordergrund rückst, „die zwischen den Teüen der abstrakt
betrachteten Zeit" besteht, worum es sich hier nicht han-
delt. Es handelt sich vielmehr um die Zeit oder um die
Dauer eines Bestand habenden Dinges, bei der, was Du
nicht bestreitest, die einzelnen Augenblicke sich von den
benachbarten trennen lassen, d. h. darum, daß das dauernde
Dmg nicht in den einzelnen Augenblicken aufhören kann
zu sein.
840
Dcscartes, Meditationen.
Und wenn Du sagst, „es sei eine Kraft in uns, die aus-
reicht, um uns Bestand zu gewähren, wenn nicht eine ver-
derbenbringende Ursache dazwischentritt", so bemerkst Du
nicht, daß Du dem Geschöpf die Vollkommenheit des
Schöpfers beilegst, weil es nämlich dann doch unabhängig
von etwas anderem im Sein beharrte, und dem Schöpfer
[525] die Unvollkonnmenheit des Geschöpfes, | weil er nämlich
durch positive Betätigung nach dem Nichtseienden (in non
ens) streben müßte, wenn er einmal bewirken wollte, daß
wir aufhören zu sein.
Was dann folgt „über den Fortgang ins Unendliche**,
nämlich „es sei nicht widersprechend, ihn zuzugeben*', so
wird das von Dir selbst später zu Fall gebracht. Du ge-
stehst nämlich ein, „es sei widersinnig bei Ursachen, die so
unter sich zusammenhängen, daß die folgende ohne die
voraufgehende nicht wirken kann*', um solche nämlich han-
delt es sich hier allein, um die Ursachen „im Sein", nicht
um die Ursachen „im Werden**, wozu z. B. die Erzeuger
gehören. Und daher streitet hier auch nicht die Autorität
des Aristoteles wider mich, wie auch nicht das, was Du
von der Pandora sagst; Du gestehst nämlich ein, alle Voll-
kommenheiten, die ich an den Menschen wahrnehme, könnte
ich um verschiedene Stufen steigern, so daß ich hernach
sehe, sie sind von solcher Beschaffenheit, daß sie nicht in
der menschlichen Natur Raum finden können; und das ge-
nügt mir durchaus, um die Existenz Gottes zu beweisen.
Es ist nämlich eben jene Fähigkeit, alle menschlichen Voll-
kommenheiten bis zu dem Grade zu steigern, daß sie als
übermenschlich erscheinen, auf die ich das Hauptgewicht
lege; und ich behaupte, sie wäre nicht in uns vorhanden,
wenn wir nicht von Gott geschaffen worden wären. Und
daß Dir doch nicht klar wird, daß ich das bis zur höchsten
Evidenz bewiesen habe, darüber wundere ich mich gar nicht,
da ich bisher nicht bemerkt habe, daß Du auch nur einen
von meinen Gründen richtig erfaßt hast.
[526] I 10. Wenn Du das tadelst, was ich sagte, „nichts könne
der Idee Gottes hinzugefügt und nichts von ihr genommen
werden**, dann hast Du offenbar nicht achtgegeben auf das,
was die Philosophen gewöhnlich sagen: die Wesenheiten
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 341
(essentiae) der Dinge seien unteilbar; eine Idee nämlich stelh
das Wesen eines Dinges dar, und wenn man etwas dazutut
oder davon nimmt, wird sie sogleich die Idee eines anderen
Dinges. So erdichten sich eine Pandora, so alle falschen
Götter die, die den wahren Gott nicht richtig erfassen. Aber
wenn einmal die Idee des wahren Gottes erfaßt ist, — mögen
auch neue Vollkonmienheiten an ihm entdeckt werden kön-
nen, die man noch nicht bemerkt hatte, — es wird darum
doch nicht die Idee von ihm vergrößert, sondern sie wird
nur deutlicher und schärfer ausgeprägt, weü alle Vollkom-
menheiten in eben jener, die man vorher besaß, enthalten
sein mußten, wenn überhaupt vorausgesetzt wird, daß sie
wahr war. Wie ja auch nicht die Idee des Dreiecks ver-
größert wird, wenn mannigfache Eigenschaften, die vorher
unbekannt waren, an ihm beobachtet werden. Denn es wird
nicht, — damit Du das weißt — „die Idee Gottes von uns
nach und nach aus den gesteigerten Vollkommenheiten der
Geschöpfe gebildet", sondern ganz auf einmal, weil wir ihn
als ein unendliches und jeder Steigerung unfähiges Wesen
mit dem Geiste erfassen.
W'enn Du aber fragst, „woher ich denn beweisen könnte,
daß die Idee Gottes | in uns sei wie ein dem Werke aufge- [527]
prägtes Kennzeichen des Künstlers, und welches die Art der
Einprägung sei, und welches die Form dieses Kennzeichens",
so ist das ebenso, wie wenn ich auf einem Gemälde so
große künstlerische Vollendung vorfinde, daß ich es un-
bedingt und ausschließlich für ein Werk des Apelles erkläre
und jene unnachahmbare Kunst gewissermaßen für ein
Kennzeichen erkläre, das Apelles allen seinen Gemälden
zur Unterscheidung von anderen aufgeprägt hat. Du dann
aber fragen wolltest, welches die Form jenes Kennzeichens
oder welches die Art der Aufprägung sei. Sicheriich wür-
dest Du eher verdienen, ausgelacht zu werden, als eine Ant-
wort zu erhalten.
Und nun erst, wenn Du fortfährst: „Wenn es nicht
unterschieden ist von dem Werke, so bist Du also selbst
die Idee, Du selbst bist nichts anderes als ein Modus des
Denkens, Du selbst bist sowohl das eingeprägte Kenn-
zeichen, als auch das Subjekt (subjectum) der Einprägung?'*
I
342
Descartes, Meditationen.
Das ist doch wohl ebenso scharfsinnig, wie wenn ich gesagt
hätte, jene Kunst, an der man die Gemälde des Apelles
vor anderen herauserkennt, sei nichts Verschiedenes von
den Gemälden selbst, und Du dann einwenden würdest:
also sind jene Gemälde nichts anderes als ein Kunstwerk,
bestehen nicht aus irgendwelcher Materie und sind also
selbst nur ein Modus des Malens, usw.
Wie? Wenn Du, um zu bestreiten, „daß wir nach dem
Bilde Gottes geschaffen sind'*, sagst, „also sei Gott von
. Menschengestalt", und die Punkte zusammenträgst, in denen
1^28] I sich die menschliche Natur von der göttlichen unterschei-
det, zeigst Du da mehr Scharfsinn, als wenn Du, um zu be-
streiten, daß einige Gemälde des Apelles in Anlehnung an die
Züge des Alexander gemacht worden sind, sagen würdest,
also wäre Alexander eine Art Gemälde gewesen, Gemälde
sind aber aus Holz und Farbstoffen zusammengesetzt, nicht
aus Fleisch und Knochen, wie Alexander. Es liegt doch
nicht in der Natur des Bildes, daß es in allen Punkten das-
selbe ist, wie das Ding, dessen Bild es ist, sondern nur daß
es jenes in einigen Punkten nachahmt. Und es ist ersicht-
lich, daß jene höchst vollkommene Denkfähigkeit, die wir
als in Gott vorhanden einsehen, durch jene minder voll-
kommene, die in uns steckt, vergegenwärtigt \vird.
Wenn Du aber vorziehst, den Schöpfungsakt Gottes mit
der Arbeit eines Handwerkers zu vergleichen, lieber als mit
der Zeugungstätigkeit eines Vaters, so tust Du das ohne
jede Überlegung. Wenn auch nämlich jene drei Arten der
Tätigkeit ihrer ganzen Art nach verschieden sind, so liegt
es doch näher, von der natürlichen Zeugung auf die gött-
liche, als von der künstlichen Erzeugung aus Schlüsse zu
ziehen. Doch weder habe ich behauptet, daß so große Ähn-
lichkeit zwischen uns und Gott bestehe, wie zwischen Söhnen
und Vätern, anderseits fehlt auch nicht immer jede Ähnlich-
[629] keit zwischen dem Werk | eines Handwerkers und dem Hand-
werker selbst, was der Fall z. B. ist, wenn em Bildhauer
sein Selbstbüdnis gemeißelt hat.
Mit welcher Entstellung gibst Du aber meme Worte
wieder, wenn Du so tust, als hätte ich gesagt, „ich erfasse
die Ähnlichkeit darin, daß ich ein unvollständiges und ab-
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 343
S^dL""^^^^^^ ^'^ ™ ^^^^^^^^ ^^' ^^^ Be-
weise der Unahnlichkeit angeführt habe, damit man nicht
glaube, ich wolle die Menschen mit G;tt auf ebe Stufe
£f hferin r- "^ v'^ r'^ ^^^ ^^-^^> ich e4" e,'S
ich hienn geringer bin als Gott und inzwischen nach Höhe-
rem strebe, sondern daß auch jenes Höhere in Gott vo-
mir is!^ H '-T^ daß etwas diesem Höheren Ähnliches Tn
mir ist, da ich nach ihm zu streben wage
f ^!^>eßjich, wenn Du sagst, es sei wunderbar, „warum
nicht die ubngen Menschen dasselbe wie ich über GoTeU
sehen, da er ihnen in gleicher Weise wie mir die Idee von
sich eingeprägt hat^ so ist das ebenso, als wenn Du Dich
wundern wurdest, daß zwar aUe die Idee des Dreiecks
kennen, aber doch nicht aUe gleich viel in ihr beobachten
und manche bisweilen etwas Falsches ihr zuschreiben
Über die Einwände gegen die vierte Meditation.
1. Welche Idee wir vom „Nichts" haben, und in welcher
Weise wir an dem „Nicht-Sein" teilhaben hab^i^h hin
reichend auseinandergesetzt, indem ich jene Idee Ts eine
negative bezeichnet und gesagt habe, daß dies (das Nicht
Sem) nichts anderes bedeute, als daß wir nicht das höchste
Sein sind und uns überaus viel fehlt. Aber Du suchst Schwie'
rigkeiten, wo keine sind. ^cnwie-
nlch^f r'''' ^V^^f' "*^^ '^^" ^^"^^^ Werke Gottes, die
etwas t l^^^^^-^/nd^\ so dichtest Du mir offenbar
etwas an, was ich nirgends geschrieben noch auch behauptet
habe; habe ich doch nur behauptet, wenn gewisse DiSge
nicht insofern, als sie in der Welt nur den Wert eines Teiles
dann";!? "11^' "'""^ ^^"'"^ betrachtet würden, daß sie
dann als unvollkommen erscheinen könnten
lis) ^brin^^^f ß" dann für die Zweckursache (causa fina-
lis) beibnngst, muß auf die wirkende Ursache bezogen
werden; so ist es richtig, auf Grund der Zweckmäßigkeit
cZ7 V" ^'ü ^^"^^'"^ '"^ ^^^ ^'^'^^ ^^-- den wirkenden
C^tt zu bewundem und aus dem Einblick in die Werke zu
erkennen und ihn als den Werkmeister zu preisen ab"
nicht, Vermutungen aufzustellen, zu welchem Zweck er jedes
[530]
tJ Vis
Descartes, Meditationen.
einzelne gemacht hat. Und mag auch in der Ethik, wo man
oft mit Vermutungen operieren darf, es eine Tat der Fröm-
migkeit sein, Betrachtungen darüber anzustellen, welchen
[531] Zweck wir wohl erschließen | können, den Gott sich bei der
Lenkung des Alls zum Ziele gesetzt hätte; in der Natur-
wissenschaft, wo alles sich auf ganz feste Gründe stützen
muß, ist es sicherlich unangebracht. Auch kann man sich
nicht vorstellen, daß einige Zwecke Gottes mehr als andere
offenkundig sind; denn alle sind in der unerforschlichen
Tiefe seiner Weisheit in gleicher Weise verborgen. Auch
darfst Du Dir nicht einbüden, kein Sterblicher könne andere
Gründe einsehen; denn es gibt keinen, der nicht viel leich-
ter zu erkennen wäre, als Gottes Zweck; und eben die, die
Du zur Erläuterung der Schwierigkeit vorsetzest, glaubt
mancher zu kennen.
Wenn Du mich schließlich hier so geradeheraus fragst,
„was ich wohl meinte, was für Ideen von Gott und sich selbst
mein Geist haben würde, wenn er, seitdem er dem Körper
eingeflößt wurde, bis jetzt bei geschlossenen Augen und
ohne jeden Gebrauch der anderen Sinne geblieben wäre**,
so antworte ich aufrichtig und ungekünstelt: Ich zweifle
nicht (wofern wir nur voraussetzen, daß er beim Denken
vom Körper nicht behindert ist, wie er auch nicht unter-
stützt wird), daß er eben die Ideen von Gott und sich haben
würde, die er jetzt hat, abgesehen davon, daß er sie nur
viel reiner und klarer hätte. Denn die Sinne behindern ihn
[532] in vielen Stücken und | helfen ihm zu ihrer Erfassung in
keinen. Und nichts anderes steht im Wege, daß alle Men-
schen in gleicher Weise die Beobachtung machen, daß sie
genau dieselben Ideen besitzen, als der Umstand, daß sie mit
der Erfassung der Bilder der körperlichen Dinge allzusehr
beschäftigt sind.
2. Hier fassest Du überall fälschlich als eine positive
Unvollkommenheit auf, „daß wir Irrtümern unterworfen
sind**, wo es doch (zumal mit Rücksicht auf Gott) nur die
Negation einer größeren Vollkommenheit in den Geschöpfen
ist. Auch paßt der Vergleich der Bürger des Staates mit
den Teüen des Alls nicht recht; denn die Schlechtigkeit
der Bürger ist, wenn sie sich auf den Staat bezieht, etwas
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 345
Positives, nicht aber die Tatsache, daß der Mensch dem
Irrtum ausgesetzt ist, oder daß er nicht alle Vollkommen-
heiten hat wenn man ihn in Beziehung setzt zur Güte des
Alls. Doch mit mehr Glück kann man den Vergleich auf-
steUen zwischen dem, der einen ganzen menschlichen Körper
mit Augen bedecken wollte, damit er vornehmer erschiene
weü kemer seiner Teüe schöner als das Auge zu seiii
scheint und dem, der meint, keine Geschöpfe in der Welt
hatten dem Irrtum ausgesetzt, d. h. hätten nicht ganz voll-
kommen sein müssen.
Auch ist es ganz falsch, wenn Du annimmst, „Gott be-
stimme uns für verwerfliche Werke und teile uns UnvoU-
vollkommenheiten zu*' | und ähnliches. Wie es auch ganz [533]
falsch ist, „daß Gott für das wenige, was er von dem Men-
sehen beurteilen lassen wollte, ihm eine unzulängliche ver-
worrene und unsichere Urteüsfähigkeit verliehen hat**
3. Soll ich Dir hier „mit kurzen Worten sagen, was das
ist. worauf sich der WiUe erstrecken kann, und was doch
dem Verstände entgeht**? Nun: das ist alles das, worin
wir uns irren können. So, wenn Du urteilst, der Geist sei
irgendein feiner Körper, so kannst Du zwar einsehen, daß
er selbst Geist, d. h. ein denkendes Ding ist, und ebenso
daß em feiner Korper ein ausgedehntes Ding ist; daß es
aber ein und dasselbe Ding ist, was denkt und was aus-
gedehnt ist das siehst Du tatsächlich nicht ein, sondern
das willst Du nur glauben, weil Du es schon vorher ge-
glaubt hast und nicht gern von Deiner Ansicht abweichst
So, wenn Du urteüst, daß ein Apfel, der zufällig vergiftet
ist Dir als Nahrung zuträglich sei, so siehst Du zwar ein
Ta T\ Z'l^^' '^^"^ ^^'^^ ^"^- ^"genehm ist, nicht aber!
daß deshalb der Apfel selbst Dir zur Nahrung nützlich ist;
sondern bloß, weü Du so wülst, urteilst Du so. Und so
gebe ich zwar zu, daß wu nichts wollen, worüber wir nicht
irgend etwas auf irgendeine Weise einsehen, aber ich be-
streite, daß das Einsehen und das WoUen sich gleichweit
erstreckt; wir können nämlich über dasselbe Ding sehr viel
woUen I und nur sehr wenig erkennen. Wenn wir aber ver- [534]
kehrt urteilen, ist unser Wollen darum nicht verkehrt, son-
dern richtet sich zufällig auf etwas Verkehrtes; auch sehen
i
346
Descartes, Meditationen.
wir nicht irgend etwas verkehrt ein, sondern es heißt nur,
wir sehen etwas verkehrt ein, scwft wir urteilen, irgend
etwas weiter einzusehen, als wir es in der Tat einsehen.
Die Punkte in betreff der Unentschiedenheit des Wil-
lens, die Du weiter unten bestreitest, obwohl sie an sich mit
der Hand zu greifen sind, will ich dennoch nicht vor Deinen
Ohren zu rechtfertigen unternehmen; denn sie sind der Art,
daß jeder sie bei sich selbst eher durch Erfahrung finden,
als sich von ihnen durch Gründe überzeugen lassen muß,
— und Du, verehrtes Fleisch, scheinst auf das, was der
Geist in seinem Innern bewegt, nicht zu achten. Meinet-
wegen also bist Du nicht frei, wenn es Dir nicht paßt; ich
werde mich sicher über meine Freiheit freuen, da ich sie in
mir erfahre und von Dir durch keinen Grund, sondern nur
durch bloße Verneinungen bekämpft werde. Und ich werde
mir wohl bei anderen ein größeres Zutrauen erwerben, weil
ich das versichere, was ich durch Erfahrung gewonnen habe
und jeder bei sich wird in Erfahrung bringen können, als
Du, der Du eben das bestreitest allein aus dem Grunde,
weil Du gerade nicht die Erfahrung gemacht hast.
Und doch könnte man auch aus Deinen Worten dar-
tun, daß Du eben diese Erfalirung gemacht hast; denn in-
dem Du bestreitest, ,,daß wir uns vor Irrtum hüten können'*,
[535] weil Du nicht willst, daß sich der Wille auf | irgend etwas
bezieht, worauf er nicht vom Verstände angewiesen wird,
gibst Du zugleich zu, „daß wir uns hüten können, im Irr-
tum zu beharren", was überhaupt nicht ohne jene Freiheit
des Willens, sich selbst ohne Bestimmung von Seiten des
Verstandes nach der einen oder anderen Seite zu neigen,
die Du bestritten hast, möglich ist. Denn wenn einmal der
Verstand den Willen angewiesen hat, irgendein falsches Ur-
teil zu fällen, dann frage ich Dich, sobald er (der Wille)
selbst beginnt, sich zu hüten, im Irrtum zu beharren, von
wem wird er denn dazu bestimmt? Wenn von sich selbst:
so kann er sich also auf irgend etwas beziehen, wozu er nicht
vom Verstände getrieben wird, was Du aber bestrittest und
worum sich allein der Streit dreht; wenn aber vom Ver-
stände, so hütet er sich also nicht selbst, sondern einzig und
allein, wie er früher nach der falschen Seite gezogen wurde,
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 347
weü ihm der Verstand das Falsche vorlegte, so trifft es sich
nunmehr durch Zufall, daß er nach der richtigen Seite ge-
zogen wird, weil ihm der Verstand das Richtige vorlegt
Aber außerdem hätte ich gern gewußt, wie Du die Natur
des Falschen auffassest und wie Du Dir denkst, daß es das
Objekt des Verstandes sein kann. Ich nämlich, der ich
unter dem Falschen nichts anderes verstehe als den Mangel
(privatio) des Wahren, bin überzeugt, daß es völlig wider-
smnig ist, daß | der Verstand das Falsche unter dem Be- [536]
griff (ratio) des Wahren erfaßt, was doch notwendig wäre
wenn er je den Willen bestimmen würde, sich auf da^
Falsche zu werfen.
4. Hinsichtlich des Ertrages dieser Meditationen habe
ich hinreichend in dem kleinen Vorwort, das Du doch wohl
gelesen hast, vorausgeschickt, daß er nicht groß sein wird
für die, „die sich um die Anordnung und die Verknüpfung
meiner Gründe nicht kümmern und nur ihren Fleiß daran
setzen werden, gegen einzelne Teile derselben Einwendungen
zu erheben". Und was die Methode betrifft, durch die wir
das, was tatsächlich klar erfaßt wird, von dem unterscheiden
können, was man nur klar zu erfassen meint, so glaube ich
zwar, ich habe sie sorgfältig genug dargeboten, wie gesagt;
dennoch vertraue ich keineswegs, daß die sie leicht er-
fassen werden, die sich so wenig bemühen, ihre Vorurteile
abzulegen, daß sie sich beklagen, ich hätte nicht „schlicht
und mit wenig Worten" darüber gesprochen.
Über die Einwände gegen die fünfte Meditation.
1. Weil Du hier an die Wiedergabe einiger weniger
meiner Worte die Bemerkung anschließt, „ich hätte nur
so viel über die in Frage stehende Untersuchung zu sagen",
sehe ich mich gezwungen, darauf aufmerksam zu machen,'
daß Du nicht genug auf den Zusammenhang dessen, was
ich geschrieben, geachtet hast; ich meine nämlich, er ist
der Art, daß zum Beweise jeder einzelnen Sache alles das,
was ihm selbst vorangeht, beiträgt, und ebenso der größte
Teil dessen, was folgt; daher kannst Du nicht wirklich sach-
gemäß alles wiedergeben, was ich über irgendeine Frage zu
[537]
348
Descartes, Meditationen.
sagen habe, ohne auch das ganze, was ich über die übrigen
geschrieben habe, zu berücksichtigen.
Wenn Du aber sagst, „es scheine Dir hart, irgend etwas
als unveränderlich und ewig außer Gott hinzustellen", so
würde es mit Recht so erscheinen, wenn sich die Frage' um
ein existierendes Ding drehte, oder wenn ich etwas nur als so
unveränderlich hinstellte, daß seine Unveränderlichkeit von
Gott nicht abhinge. Aber wie die Dichter es darstellen,
daß die Geschicke zwar von Jupiter festgesetzt worderi
sind, aber er selbst, nachdem sie einmal festgesetzt worden
sind, sich gebunden hat, sie unangetastet zu lassen, so glaube
TKQQi '*^^ "'*^*^*' ^^^ '^'^ Wesenheiten der Dinge und jene mathe-
löJÖJ manschen Wahrheiten, die man über sie | erkennen kann,
von Gott unabhängig sind; sondern ich glaube nichtsdesto-
weniger, daß sie unabänderlich und ewig sind, weil Gott es
so gewollt und so angeordnet hat. Und mag Dir das hart
oder weich vorkommen, mir genügt es, daß es wahr ist.
Was Du sodann gegen die Universalien der Dialektiker
zu sagen hast, berührt mich nicht, da ich sie nicht so wie
jene auffasse. Doch was die Wesenheiten, die klar und
deutlich erkannt werden, betrifft, z. B. die des Dreiecks und
jeder anderen geometrischen Figur, so werde ich Dich leicht
zwingen zuzugeben, daß ihre Ideen, die in uns sind, nicht
von den Einzelerscheinungen hergenommen sind. Hier be-
zeichnest Du sie nämlich als falsch, natürlich, weil sie mit
Deiner vorgefaßten Meinung von der Natur der Dinge nicht
übereinstimmen.
Und bald darauf sagst Du; „Das Objekt der reinen
Mathematik, wie der Punkt, die Linie, die Oberfläche und
die aus ihnen bestehenden unteilbaren Größen, die so be-
schaffen sind, daß sie sich wirklich nicht teilen lassen (in-
dmsibiha indivisibUiterque se habentia), könnten in Wirk-
lichkeit nicht existieren". Daraus folgt, daß kein Dreieck
und überhaupt nichts von dem, was, wie man einsieht, zu
seiner Wesenheit oder der der anderen geometrischen' Fi-
rroni ^"?", ^^'^°"' ^^ cxistiert hat und daher jene Wesenheiten
[539] nicht | von irgendwelchen existierenden Dingen hergenom-
men sind. Doch sie sind falsch, sagst Du, nämlich nach
Deiner Meinung, weil Du eine solche Natur der Dinge vor-
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 349
aussetzest, daß sie (die Wesenheiten) nicht mit ihr (der
Natur der Dinge) übereinstimmen. Doch wenn Du nicht
behaupten willst, daß auch die gesamte Geometrie falsch
w h k"". u' u^* '" ^^'^"^^ 't^"^"' daß von ihnen viele
Wahrheiten sich beweisen lassen; und da diese immer die-
selben sind werden sie mit Recht als unveränderlich und
ewig bezeichnet^ Wenn sie aber vielleicht nicht mit der Na-
tur der Dinge, die Du voraussetzest, übereinstimmen - wie
sie auch nicht mit der übereinstimmen, die Demokrit und
l^pikur aus der Atomtheorie hergeleitet haben, - ihre Be-
ZtT^. "' ""'' ^'^^' Äußerliches, das gar nichts ändert;
nichtsdestoweniger aber stimmen sie zweifellos mit jener
wahren Natur der Dinge überein, die vom wahrhaftigen Gott
begründet ist : nicht als ob es in der Welt Substanzen gäbe
in^Hr« '^r^''";"""^ •». die Länge haben ohne eine solche
m die Breite, oder eine in die Breite ohne eine in die Tiefe-
sondern weil die geometrischen Figuren nicht wie Sub-
stanzen betrachtet werden, sondern wie Grenzbestimmungen
(termini). unter denen die Substanz enthalten ist
Übrigens aber gebe ich nicht zu, „daß die Ideen jener
Figuren uns jemals durch die Sinne beigekommen sind",
wie sich gewöhnlich alle Leute | einreden. Denn wenn e [540]
auch zweifellos in der Weh derartige gibt, wie die Geo-
metrie sie betrachtet, so bestreite ich doch, daß es welche
gibt außer uns, oder doch höchstens so kleine, daß sie in
keiner Weise für unsere Sinne wahrnehmbar sind; denn sie
sind gewöhnlich aus geraden Linien zusammengesetzt, aber
auch nicht ein einziges Mal ist der geringste Teil einer
Linie die wirklich gerade wäre, für unsere Sinne wahr-
nehmbar. Denn wenn wir die, die uns vollkommen gerade
erscheinen mit einer Lupe prüfen, finden wir, daß sie ganz
unregelmäßig und überall wellenförmig gekrümmt sind.
Und ebenso, als wir einst zum ersten Male in der Jugend
die Darstellung einer dreieckigen Figur auf einem Blatt er-
blickten^ konnte jene Figur uns nicht belehren, wie ein wirk-
-iches Dreieck, wie es von den Geometern betrachtet wird
aufzufassen sei. weil es nicht anders in ihm enthalten war.'
als wie eine Merkurgestalt in grobem Holzschnitt. Aber weil
schon vorher in uns die Idee eines wahren Dreiecks vorhanden
i
350
Descartes, Meditationen.
war und sie von unserem Geiste leichter als die stärker zu-
sammengesetzte Figur des gezeichneten Dreiecks erfaßt
werden konnte, daher begriffen wir beim Anblick jener zu-
sammengesetzten Figur nicht sie selbst, sondern vielmehr
[541] das wahre Dreieck, | ganz in derselben Weise, wie, wenn
wir ein Blatt betrachten, auf dem Striche mit Tinte so ge-
zogen sind, daß sie ein Menschenantlitz darstellen, in uns
nicht sowohl die Idee jener Striche, als vielmehr des Men-
schen wachgerufen wird. Und das wäre überhaupt nicht
möglich, wenn das menschliche Antlitz uns nicht von anderer
Seite bekannt gewesen wäre und wir nicht gewöhnt wären,
mehr an es als an jene Striche zu denken, die wir ja oft,
schon wenn sie nur ein wenig von uns entfernt sind, nicht
voneinander unterscheiden können. So könnten wir sicher-
lich auch das geometrische Dreieck aus dem, das auf dem
Blatte gezeichnet ist, nicht erkennen, wenn unser Geist nicht
seine Idee aus anderer Quelle besäße.
2. Hier verstehe ich nicht, von welcher Art nach Deiner
Ansicht das Dasein der Dinge sein soll, und warum es nicht
ebenso wie die Allmacht als eine Eigenschaft bezeichnet
werden kann, da man doch die Bezeichnung Eigenschaft
- für jedes beliebige Attribut oder für alles das, was über
ein Ding ausgesagt werden kann, setzen kann, wie es hier
überhaupt zu fassen ist. Ja, das Dasein ist sogar wirklich
eine notwendige, höchst scharf zu fassende Eigenschaft an
Gott, weil es ihm allein zukommt und in ihm allein einen
[542] Teil der Wesenheit ausmacht. Und | demzufolge darf man
nicht das Dasein des Dreiecks mit dem Dasein Gottes ver-
gleichen, weil es offensichtlich bei Gott in einem anderen
Verhältnis zu seiner Wesenheit steht, als beim Dreieck.
Und es ist ebensowenig eine petitio principii, „wenn man
das Dasein zu dem, was zur Wesenheit Gottes gehört, rech-
net", wie wenn man den Satz, daß die drei Winkel gleich
zwei rechten sind, zu den Eigenschaften des Dreiecks rechnet.
Und es ist nicht wahr, „daß die Wesenheit und das
Dasein bei Gott** wie beim Dreieck, „das eine ohne das
andere gedacht werden kann'*, weil Gott sein eigenstes
Sein (suum esse) ist, aber nicht das Dreieck. Und doch
leugne ich nicht, daß das Dasein eine mögliche Vollkommen-
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 351
heit in der Idee des Dreiecks ist, wie das Dasein eine not-
wendige VoUkommenheit in der Idee Gottes ist; denn es
verleiht ihr (der Idee des Dreiecks) einen höheren Wert
als die Ideen jener Chimären besitzen, deren Dasein als
unmoghch vorausgesetzt wird. Und somit hast Du nicht
mi geringsten m irgendeinem Punkte die Kraft meines Be-
weises gebrochen, und Du bleibst immer hängen und läßt
Dich „durch jenes Sophisma** in die Irre führen, von dem
Du sagst, „daß ich es so leicht hätte lösen können"
Auf das aber, was Du hinzufügst, habe ich schon
andernorts genug geantwortet. Und Du bist ganz im Irrtum
wenn Du sagst, „es lasse sich das Dasein von Gott nicht be-
weisen wie sich vom Dreieck | beweisen läßt, daß seine drei [543]
Winkel gleich zwei rechten sind'*. Bei beiden liegt nämlich
die Sache ganz gleich, nur daß der Beweis vom Dasem
in Gott viel einfacher und klarer ist als der andere. Das
übrige endlich übergehe ich, weil Du behauptest, „ich er-
klarte nichts'*, und dabei selbst nichts erklärst und nichts
beweisest, außer nur, daß Du nichts beweisen kannst.
3. Dem, was Du hier über Diagoras, Theodoros, Pytha-
goras und andere vorbringst, setze ich die Skeptiker ent-
gegen, die selbst an den geometrischen Beweisen gezweifelt
haben, und ich behaupte, daß sie es nicht getan hätten
wenn sie, wie es bülig gewesen wäre, Gott erkannt hätten!
Und es ist kein Beweis dafür, daß ein Ding leichter erkenn-
bar ist als em anderes, weÜ es einer größeren Anzahl wahr
erscheint, sondern allein deshalb, weü es denen, die, wie
biUig, beide Dinge erkennen, in Hinsicht der Erkenntnis
truher, deutlicher und gewisser erscheint.
I Über die Einwände gegen die sechste Meditation. [544]
1. Darüber, „daß Du bestreitest, daß materielle Dinge
existieren, sofern sie das Objekt der reinen Mathematik
sind*', habe ich schon früher gehandelt.
Falsch aber ist es, die Einsicht eines Tausendecks sei
verworren. Vieles läßt sich nämlich von ihm ganz scharf
und klar beweisen, was sicherlich nicht möglich wäre wenn
es nur verworren oder, wie Du sagst, „nur dem Namen
l>ctcartes, Meditationen. 03
352
Descartes, Meditationen.
nach" erfaßt würde. Vielmehr denken wir es in Wahrheit
ganz klar in einem Augenblicke, wenngleich wir es nicht
ganz in einem Augenblicke uns vorstellen können, woraus
sich ergibt, daß die Verstandeseinsicht und die Einbildungs-
kraft sich nicht nur graduell unterscheiden, sondern wie zwei
ganz verschiedene Tätigkeitsweisen. Denn beim Denken be-
dient sich der Geist allein seiner selbst, bei der Vorstellung
aber betrachtet er eine körperliche Form. Und wenn auch
die geometrischen Figuren überhaupt körperlich sind, so darf
man doch nicht deshalb die Ideen, unter denen sie gedacht
werden, sofern sie nicht in den Bereich der Vorstellung
fallen, für körperlich halten.
Und schließlich sieht es Dir, verehrtes Fleisch, ganz
[545] ähnlich, wenn Du | meinst, „die Ideen von Gott, dem Engel
und dem menschlichen Geiste seien körperlich oder so gut
wie körperlich, nämlich von der Gestalt des Menschen und
von anderen ganz feinen, einfachen, nicht wahrnehmbaren
Dingen, wie die Luft oder der Äther ist, entlehnt". Jeder
nämlich, der sich Gott oder den Geist so vorstellt, versucht,
sich ein nicht-vorstellbares Ding vorzustellen und bildet sich
nur eine körperhche Idee, der er die Bezeichnung Gott oder
Geist fälschlich beilegt; denn in der wahren Idee des Geistes
ist allein das Denken (cogitatio) mit seinen Attributen, deren
keines körperlich ist, enthalten.
2. Hier zeigst Du deutlich, daß Du Dich nur auf Vor-
urteile stützest und sie niemals ablegst, da Du verlangst,
ich solle dort, wo ich niemals eine Täuschung entdeckt
habe, keine Täuschung vermuten. Und daher „müßten wir,
wenn wir einen Turm aus der Nähe sehen und berühren,
gewiß sein, daß er viereckig ist", wenn er viereckig er-
scheint; und wenn wir wirklich wachen, „könnten wir nicht
im Zweifel sein, ob wir wachen oder träumen", imd ähn-
liches. Du berücksichtigst nämlich dabei nicht, daß Du
glaubst, alles, worin ein Irrtum liegen kann, schon längst
bemerkt zu haben, und es ließe sich beweisen, daß Du Dich
[546] bisweüen auch in dem täuschest, was | Du so für sicher gelten
läßt. Wenn Du aber darauf zurückkommst zu erklären,
„man dürfte wenigstens nicht zweifeln, daß die Dinge so
erscheinen, wie sie erscheinen", dann kehrst Du auf den
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 353
t^SZ:!'^^^^ S^t ^^^e ich in der zweiten
um die WahrheTd^auße^^ ^nTLSl'^h '^"^ '^^ ^'^^^
Du nichts Wahres bdge'a/en h^^^^^^^ '"^ """'^^
nicht bewiesen", die ich 1 ch^'bew ^en haS"1^
nur von dem massie-pn R';;,^« hieben naDe, „ich hatte
von jedem b^liSen a,,fh "^ k^^^?^"''"' ^° '""^ ^och
delt habe, und aSiches Denn '^ '"T ^"""^^ ^^'^^"■
Behauptungen. ä'.tr::J:^JZätsm: stTl^
H^ft i^u u ^ g^ewußt, wodurch Du beweisen wHlot
^LnÄlrÄr/S S SSa£~
emen mu mir verbundenen Körperfun^i . e'%;f 'Jlt
denen L'°" T''!"' ^^''''' verschieden bin", Worfe bei
neT w£' eTnt tlZ^T' "''^'' ^'^"^'^ ^"^ «"^ ^
?hlr if K K '^^' '^'^ '"^ ^^^^^' dort nicht gehandelt H er
Äebe'n D ^T"' ^"^^" ^^^^^^^'^ "nd^eine Dariei^ng
S P ^^" verquickst die Frage über das wafge
dacht werden kann, mit der Frage über das. was' Sh?h
SiUeTVr'''-' '^^"^^' ^'^ ^" 'Nichts Iv^of bt
mir *H "'% T^\'' ^" *^ ^'■^Sre, „wie ich meinte daß in
I; deT ^'"^'" f""' Ausdehnung, das Bild Ver d e
könne" Lh^r* ^'' J^^'^^<^^^^^ ist, Aufnahme finden
könne . Ich antworte: Es wird kein körperliches Bild im
23*
354
Descartes, Meditationen.
nur bei körperlichen Dingen möglich ist, bedarf es eines
Bildes, das zwar ein wirklicher Körper ist und dem sich
der Geist zuwendet, das aber nicht im Geiste Aufnahme
findet.
Was Du „über die Idee der Sonne" sagst, „die bloß aus
ihrer Wärme ein Blinder gewinnen könne'*, das ist leicht
widerlegt. Jener Blinde kann nämlich eine klare und deut-
liehe Idee der Sonne, als eines wärmenden Dinges, haben,
obwohl er keine hat von ihr als einem leuchtenden Dinge.
Und Du tust nicht recht daran, mich mit jenem Blinden zu
[548] vergleichen, erstens weil | die Erkenntnis eines denkenden
Dinges eine viel mnfassendere Bedeutung hat als die eines
wärmenden Dinges, ja sogar eine umfassendere als irgend
etwas, was wir an irgendeinem anderen Dinge erkennen,
wie ich seinerzeit gezeigt habe, und sodann, weil nur die
beweisen können, daß jene Idee der Sonne, die der Blinde
sich bildet, nicht alles, was von der Sonne erfaßt werden
kann, enthält, welche, mit dem Gesicht begabt, obendrein
ihr Licht und ihre Gestalt erkennen. Du erkennst aber
nicht nur nicht mehr vom Geiste, sondern nicht einmal das,
was ich erkenne. So daß in diesem Punkte Du vielmehr
als Blinder, ich mit der ganzen Menschheit höchstens als
schwachsichtig bezeichnet werden könnte.
Und ich habe nicht hinzugefügt, „der Geist sei nicht
ausgedehnt**, um zu erklären, was er selbst sei, sondern nur
um daran zu erinnern, daß die irren, die ihn für ausgedehnt
halten. Ebenso würde, wenn welche behaupteten, der Bu-
kephalus sei eine Musik, das ganz mit Recht von anderen
bestritten werden. Und tatsächlich scheinst Du mir in dem,
was Du hier hinzufügst, um zu beweisen, der Geist sei aus-
gedehnt (nämlich weil er sich des Körpers bedient, der aus-
gedehnt ist), nicht besser Deine Schlüsse zu ziehen, als
wenn Du daraus, daß Bukephalus wiehert und schnaubt und
somit Töne von sich gibt, die mit Musik in Zusammenhang
[5491 I gebracht werden können, von Bukephalus schließen wür-
^ ^ dest, daß er Musik sei. Wenngleich nämlich der Geist mit
dem ganzen Körper vereinigt (unita) ist, so folgt nicht
daraus, daß er selbst durch den Körper ausgedehnt ist.
weil es nicht zu seinem Begriffsinhalt (ratio) gehört, daß
Antwort des Verfassers auf die fünften Einwände. 355
er ausgedehnt ist, sondern nur, daß er denkt. Und er denkt
nicht die Ausdehnung unter einem in ihm existierenden aus-
gedehnten Bilde, obschon er sie sich vorstellt, indem er
sich einem körperlichen BUde zuwendet, das ausgedehnt ist ■
wie schon gesagt. Und es ist schließlich nicht nötig, daß
er selbst Körper ist, obgleich er die Kraft hat, einen Kör-
per zu bewegen.
5^ Was Du hier „über die Vereinigung des Geistes mit
dem Korper zu sagen hast, ist dem Vorangehenden ähnlich.
Nirgends wendest Du etwas gegen meine Gründe ein, son-
dern bringst nur Zweifelsgründe bei, die sich Dir aus mei-
nen Folgerungen zu ergeben scheinen, obwohl sie in Wahr-
heit nur daraus entstehen, daß Du das, was aus seiner Natur
u^"""^ ."i'^'o ' '" '^^^ ^^'■^^'^'^ '^^'^ Vorstellung fällt, doch mit
Ihrem Maßstabe messen willst. So genügt es hier, wo Du
die Vermischung von Geist und Körper mit der Vermischung
zweier Körper vergleichen willst, wenn ich antworte : es darf
zwischen solchen Dingen kein Vergleich angestellt werden,
da sie in ihrer ganzen Art verschieden sind, und man darf
sich deshalb keine Teile im Geiste vorstellen, | weil er selbst [5501
Teile im Korper denkt. Denn woher hast Du das, daß alles
was der Geist denkt, in ihm selbst sein müsse? Wahrlich'
wenn das der Fall wäre, dann müßte er, wenn er die Größe
der Welt denkt, auch sie in sich haben, und so wäre er nicht
nur ausgedehnt, sondern an Ausdehnung noch größer als
die Welt.
6. Hier widersprichst Du mir in keinem Punkte, und
trotzdem machst Du reichlich viel Worte, doch wohl, damit
der Leser daraus erkennt, daß man die Fülle Deiner Be-
weise nicht nach dem SchwaU Deiner Worte beurteilen darf —
Bis hierher also hat der Geist mit dem Fleisch sich
auseinandergesetzt und ist, wie es zu erwarten war, in vielen
Punkten von dessen Auffassung abgewichen. Doch schon
in den Schlußworten erkenne ich Gassendi in seiner wahren
Gestalt und bewundere in ihm einen ganz ausgezeichneten
i'hilosophen und umarme in ihm einen Mann von Seelen-
größe und makeUosem Lebenswandel, und so werde ich stets
bestrebt sein, mir seine Freundschaft durch jedes mir mög-
liche Entgegenkommen zu verdienen. Daher bitte ich ihn
356
Descartes, Meditationen.
[^51]
es nicht übelzunehmen, wenn ich bei der Widerlegung
seiner Einwände mit philosophischem Freimut gesprochen
habe; wie mir in der Tat alles sehr willkommen war, was
sie enthalten. Und im übrigen habe ich mich gefreut,' daß
I von einem Manne von solchem Rufe in einer so langen und
so sorgfältig geschriebenen Abhandlung kein Grund bei-
gebracht worden ist, der meine Gründe erschütterte, und
auch keiner gegen meine Folgerungen, auf den es mir nicht
em Leichtes gewesen wäre zu antworten.
Sechste Einwände.
[552]
Trotz aufmerksamer Lektüre Deiner Meditationen und
Demer Erwiderungen auf die bisherigen Einwände bleiben
immer noch emige Bedenken, die Du beseitigen müßtest
1. Das erste besteht darin, daß es nicht so sicher scheint
daß wir sind, weil wir denken. Um nämlich die Gewißheit
zu haben daß Du denkst, müßtest Du wissen, was Denken
oder Gedanke (cogitatio) ist und was Deine Existenz. Da
Du jedoch noch nicht weißt, was jenes ist, wie kannst Du
wissen, daß Du denkst oder existierst? Da Du also, wenn
Du sagst „ich denke-, nicht weißt, was Du sagst, da Du
ferner, wenn Du hinzufügst „also bin ich", ebenfalls nicht
weißt, was Du sagst, | ja nicht einmal weißt, daß Du über- [553]
haupt etwas sagst oder denkst - da es doch hierzu not-
wendig erscheint, daß Du ein Wissen davon hast, daß Du
weißt, was Du sagst, und abermals ein Wissen von diesem
Wissen und so fort ins Unendliche - so steht fest, daß
Du nicht wissen kannst, ob Du bist, oder auch, ob Du denkst.
2. Um jedoch zum zweiten Einwand zu kommen, wenn
Du sagst, „ich denke und existiere", so könnte jemand be-
haupten, Du täuschtest Dich, Du hättest gar kein Bewußt-
sein, sondern würdest nur bewegt und seiest nichts anderes
als körperliche Bewegung; da noch niemand Deinen Beweis
hat begreifen können, durch den Du nach Deiner Meinung
bewiesen hast, daß das sogenannte Denken keine körper-
liche Bewegung sein könne. Oder hast Du etwa bei der
von Dir verwandten Analyse alle Bewegungen Deiner feinen
Matene so durchforscht, daß Du gewiß bist und uns die
wir recht aufmerksam und wie wir glauben, genügend
scharfsmnig sind, aufzeigen kannst, daß es einen Wider-
spruch einschließt, daß unsere Gedanken sich in diese kör-
perlichen Bewegungen ausbreiten?
i
358
Descartes, Meditationen.
3. Der dritte Einwand ist sehr ähnlich : Einige Kirchen-
väter waren nämlich mit den Platonikem der Meinung, die
Engel seien körperliche Wesen — infolgedessen hat auch
rrr.i ^^^ Laterankonzil den Schluß gezogen, daß sie gemalt wer-
[554] den können -- sie haben ganz dieselbe | Ansicht über die
vernünftige Seele gehabt, die nach der Meinung einiger von
ihnen sich von Vater auf Sohn vererbe. Dennoch haben sie
behauptet, sowohl die Engel wie die Seele hätten Bewußt-
sein. Ihre Ansicht war wohl also die, daß der Gedanke durch
körperliche Bewegungen entstehen könne oder auch daß jene
Wesen selbst nur körperliche Bewegungen seien, von denen
sie das Denken durchaus nicht unterschieden haben. Dies kann
auch durch die Gedanken der Affen, Hunde und anderer
Tiere bestätigt werden: die Hunde nämlich bellen im
Schlafe, gleich als ob sie Hasen oder Diebe verfolgten, und
sie wissen im wachen Zustande, daß sie laufen, ja sogar
auch im Traume, daß sie bellen, obwohl es doch, wie Du
behauptest und wir Dir zugeben, nichts in ihnen gibt, was
vom Körperlichen verschieden ist. Wenn Du nun aber be-
hauptest, der Hund wisse nicht, daß er läuft oder Bewußt-
sein hat, so bildet, abgesehen davon, daß Du das behaup-
test, ohne es zu beweisen, der Hund über uns vielleicht ein
ähnliches Urteil, nämlich, daß wir nicht wissen, ob wir lau-
fen oder denken, wenn wir laufen oder denken: siehst Du
doch nicht seine innern Handlungsweisen, wie auch jener
nicht Deine erkennt; und es fehlt auch nicht an berühmten
Leuten, die den Tieren Vernunft zugestehen und einst zu-
[555] erteüt haben. Und weit entfernt zu glauben, alle ihre Hand|-
lungen könnten, ohne daß man ihnen Empfindung, Leben
und Seele zuschreibt, allein durch die Mechanik hinreichend
erklärt werden, so sind wir im Gegenteil sogar bereit, be-
liebig hoch zu wetten, daß dies unmöglich und lächerlich ist.
Und endlich gibt es noch mehr Leute, die behaupten wür-
den, daß auch der Mensch selbst ohne Sinn und Verstand
sei und alles wie die Maschinen ohne eine Überlegung tun
könne, wenn eben der Affe, Hund und Elefant gerade auf
diese Weise aUe ihre Handlungen ausführen können, da sie
sich, wenn sich auch das bißchen Vernunft der Tiere von
der der Menschen unterscheidet, doch nur nach dem Mehr
Sechste Einwände.
359
äTluß \"r ""^^^-^^•'^-' -- -f die Wesenheit keinen
.leich .wei RechtL^r tatenltr^^^^^
könnte. Wefchen nlLlS^S dt^ofh^U S/Srtß
Gott, wenn er existiert, ihn täuschen könnte? Aber er wtS
behaupten, daß er in diesen Din-en auch nU^ •
allmächfio-pn r^^^ 1 •• J-""i,en auch nicht von einem
aiimacntigen Gott könne getäuscht werden
5. Hieraus ergibt sich der fünfte Einwand der an ,Vn^
urreilfPn p- f Theologen meinen nämlich, daß die Ver-
urtei ten, Engel sowohl wie Menschen, fortwährend dnrrh
die Vorstellung eines quälenden Feuers, kie S^t ü^ s"e geS
habe, getauscht werden, so daß sie ganz fest ^ku^en ,nH
sb in W^;: r- '^ '^"^"^»^ ^" -he^n und ulrUen daß
kein Mt d? T ?"". "^^"? -^^^^"' wennglei^k gar
dnrrh^jK 1 u , ^°"''*^ infolgedessen nicht Gott uns
?0PPeVdurct%^,T''""7^? ^'"^^'^^" ""^ "- fortwährend
loppen durch Bilder und Vorstellungen, die er in un.;prn
StLn'^rd'd" TJ- ^-^'^^ '"üßfen'wirMauben'k ;
zu sehen und durch die emzelnen Sinne zu erfassen wJ
hf "t 'iZtZJ^^ Ars
Ä p'Ä Siri- ^sdB ^-^^
mK\
360
Descartes, Meditationen.
Sechste Einwände.
Sünde oder aus andern uns verborgenen Gründen. Das
scheinen in der Tat folgende Stellen der Heiligen Schrift
zu bestätigen, die dartun, daß wir nichts wissen können,
wie L Brief d. Paulus a. d. Kor. Kap. 8 V. 2: „Wenn je-
mand", heißt es da, „glaubt, etwas zu wissen, weiß er noch
nicht, wie er es wissen soll.** Und Prediger Salomonis 8, 17:
„Ich weiß, daß von allen Werken Gottes, die unter der
Sonne geschehen, der Mensch keinen Sinn finden kann;
und je mehr er sich anstrengt, ihn zu suchen, um so weniger
wird er ihn finden. Auch wenn er sagt : ,Ich bin weise und
weiß es*, wird er es doch nicht finden können.'* Daß dies
der Weise aus wohlüberlegten Gründen behauptet hat und
nicht nur obenhin oder unüberlegt und übereilt, das ergibt
sich aus seiner ganzen Schrift, besonders aber aus den
Stellen, in denen er die Frage über die Seele (mens) auf-
wirft, die, wie Du behauptest, unsterblich ist; denn Kap. 3
V. 19 sagt er: „Mensch und Tier sterben in gleicher Weise."
Halte dem nicht entgegen, das beziehe sich allein auf den
[558] Körper; denn er fügt unmittelbar an: „Der Mensch | hat
nichts mehr als das Tier.'* Und wo er dann über den Geist
selbst des Menschen spricht, erklärt er: „Keiner weiß, ob
er aufwärts steige", d. h. ob er unsterblich sei, „oder ob er
mit dem Odem der Tiere in die Erde fahre", d. h. sich auf-
löse. Auch ist kein Grund, zu sagen, er spreche in der Per-
son der Frevler; sonst hätte er hierüber ernsthafte Er-
mahnungen anstellen und, was er angeführt hatte, wider-
legen müssen; oder vielleicht erklärst Du auch. Du brau-
chest hierauf nicht zu antworten, weü die Heilige Schrift
nur die Theologen angeht: aber Du bist ja ein Christ, und
so mußt Du bereit sein, zu antworten und allen denen nach
Kräften Genüge zu tun, die etwas gegen den Glauben vor-
bringen und zwar besonders gegen solche Sätze, die Du
außer Zweifel setzen willst.
6. Den sechsten Einwand veranlaßt die Indifferenz des
UrteUs oder der freien Bestimmung, die, wie Du meinst,
zu einem vollkommenen Willen nicht paßt, sondern allein
zu einem unvollkommenen, so daß die Indifferenz beseitigt
wird, so oft der Verstand klar erkennt, was man glauben
oder tun muß und was nicht. Siehst Du etwa nicht, daß
361
Du diesen Darlegungen zufolge die Freiheit Gottes um-
stoßt wenn Du ihr die Indifferenz nimmst, während er g^-
Zr\tT:?C^e' f '/i"^' ^^^;^^ ^^^^"^^^^ ^-^ andere oler
gar kerne? G eichwohl ist es Glaubenssache, | daß Gott von [5591
Ewigkeit mdifferent war, eine Welt zu schaffen ode un ^ ^
zahlige oder auch gar keine. Wer aber zweifelt, daß Gott
alles was zu tun war und was nicht, unmer mit klarstem
Bhck erkannt hat? Also hebt die vollkommenste eS cS
und Erkenntnis der Dinge die Indifferenz des Willens nicht
aut; wenn diese nun mit der menschlichen Freüieit nicht
harniomeren könnte, so wird sie es auch mit der göttlichen
nicht da ja die Wesenheiten der Dinge wie die der Zahlen
untei bar und unveränderlich sind. Daher findet sich die
Indifferenz ebensosehr in der freien Entscheidung GotteS
wie in der der Menschen.
in JrFZ' i^^Tv ^^"!^^^^^ ^^^i^ht sich auf die Oberfläche,
in der oder durch die, wie Du behauptest, alle Empfindungen
kön le 1b " ''^r "'"li^^ "^^^^ ^^^' ^'^ es geschehet
konnte, daß sie weder em Teü der Körper, die empfunden
werden, noch em Teil der Luft selbst oder der Gase sei
an denen sie, wie Du behauptest, nicht teühabe oder auch
deren Äußerstes sie nicht sei. Auch erfassen wir noch nicht
Ser einer^'h''.^''' Accidentien eines beliebigen Körpers
oder emer Substanz gebe, die durch die Kraft Gottes ganz
Tn wZh ^;^''^f,'^^''^^^^^ könnten, und die doch auch
m Wahrheit im Sakrament des Altars existieren wie Du
Shtr I ■ ^1 '1 ^'^"'^ ^'^^ ^^"^ vorhanden, daß unsere
belehrten | in Aufregung geraten, bis sie sehen, ob Du Dir's [560]
Ise wi>d n'lV'' ?/• ""^ --P^-h^^' beweisen kannst;
diese wird nach ihrer Meinung uns kaum das so klarlegen
daß sie es erfassen können oder müssen unter Zurück-
weisung alterer Ansichten. ^urucK
anf HJ ^r' f^^hte Einwand schließt sich an Deine Antwort
2 w\ K "^ Emwände. Wie kann es geschehen, daß
die Wahrheiten der Geometrie oder Metaphysik, wie Du
dergleichen erwähnt hast, unveränderlich und ewig sind
und dennoch nicht von Gott unabhängig? Gemäß welcher
Art des Grundes hängen sie denn von ihm ab? Konnte er
denn etwa bewirken, daß es das Wesen (natura) des Drei-
Descartes, Meditationen.
Sechste Einwände.
ccks nicht gegeben hätte? Und wie hätte er, ich bitte Dich,
von Ewigkeit bewirken können, daß 2x4 = 8 nicht wahr
gewesen wäre? oder daß ein Dreieck nicht drei Winkel
hätte? Entweder hängen also diese Wahrheiten allein vom
Verstände ab, wenn er dergleichen denkt, oder von den
existierenden Dingen; oder sie sind unabhängig, da Gott,
wie es scheint, nicht hätte bewirken können, daß irgend
etwas von diesen Wesenheiten oder Wahrheiten nicht von
Ewigkeit her gewesen wäre.
9. Der neunte Einwand endlich erscheint uns am wich-
tigsten, insofern Du behauptest, daß man der Tätigkeit der
[561] Sinne I mißtrauen müsse und daß die Gewißheit des Ver-
standes weit größer sei als die der Sinne. Wie denn?
Könnte sich der Verstand irgendeiner Gewißheit erfreuen,
wenn er sie nicht bereits vorher von gut funktionierenden
Sinnen entlehnt hätte? Kann er denn den Irrtum irgendeines
Sinnes berichtigen, wenn nicht bereits vorher ein anderer
Sinn den fraglichen Irrtum berichtigt? Ein Stab erscheint
im Wasser während der Refraktion gebrochen, während er
in Wahrheit gerade ist: wer berichtigt diesen Irrtum? Etwa
der Verstand? Keineswegs, sondern der Tastsinn. Und
ebenso sollte man über alles übrige urteilen. Wenn Du
daher alle Sinne in gehöriger Ordnung anwendest, die dann
stets einstimmig aussagen, so wirst Du die höchste Gewiß-
heit in allen Dingen, deren ein Mensch auf natürlichem
Wege fähig ist, erreichen; diese wird Dir aber oft entgehen,
wenn Du nur der Tätigkeit des Verstandes vertraust, der oft
in dem irrt, woran er gar keinen Zweifel für möglich hielt. —
[562] Das sind besonders die Punkte, die unser Bedenken
erregen. Vielleicht fügst Du ihnen noch eine bestimmte
Regel und bestimmte Zeichen an, auf Grund deren wir
ganz sichere Erkenntnisse gewinnen können, wenn wir näm-
lich ein Ding so vollständig für sich allein erkennen, daß
es als einzelnes von einem anderen sicher so verschieden
ist, daß beide gesondert, wenigstens durch Gott, bestehen
können. Mit andern Worten: wie können wir sicher, klar
und deutlich erkennen, daß jene Unterscheidung des Den-
kens nicht von unserem Verstände geschaffen wird, sondern
von den Dingen selbst herrührt? Wahrhaftig! Wenn wir
363
die Unermeßlichkeit Gottes betrachten, ohne an seine Ge-
rechtigkeit zu denken, oder über seine Existenz reflektieren
ohne an den Sohn oder den heüigen Geist zu denken be^
greifen wir da etwa nicht vollkommen diese Existenz oder
die Gottheit existierend, ohne auf jene Personen zu achten
deren Existenz ein Ungläubiger mit genau dem gleichen
Rechte leugnen könnte, wie Du Verstand und Denken dem
Korper ableugnest? Wie also jemand falsch schließen
wurde, wenn er erklärte, der Sohn und der Heüige Geist
seien von Gott Vater der Wesenheit nach verschieden oder
konnten von ihm getrennt . werden, ebenso wird wohl auch
Dir weder jemand zugeben, daß Bewußtsein oder mensch-
licher Verstand vom Körper getrennt werden können, magst
Du auch eins ohne das andere erfassen und eins von dem
andern ableugnen, noch wirst Du selbst wohl glauben dies
könne durch irgendeine Abstraktion Deines Verstandes ge-
schehen. Wenn Du nun diesen Schwierigkeiten abhüfst so
glauben wir. gibt es weiter nichts, das bei uns Theologen
Mißfallen erregen könnte.
Anhang.
Hier sollen gleich einige Fragen angeschlossen werden
die andere aufgeworfen haben, damit hierauf und auf das
unmittelbar Vorangehende eine gemeinsame Antwort erfolgen
kann : ist doch ihr Inhalt der gleiche. Einige gelehrte und
scharfsinnige Männer wollen also folgende drei Punkte ge-
nauer erklärt wissen*):
1. Wie weiß ich sicher, daß ich eine klare Idee meiner
Seele habe?
2. Wie weiß ich sicher, daß diese Idee ganz und gar
verschieden ist von der einer beliebigen andern Sache?
3. Wie weiß ich sicher, daß sie gar nichts Körperiiches
in sich schließt?
Was folgt**), haben andere als offene Briefe erscheinen
lassen unter dem Titel:
♦) Bemerkung Descartes*, die so im Einvernehmen mit Mer-
senne formuhert wurde.
^.c^^^i^I^^^'^^^H'i'' '^'^^^'" »sechsten Einwände" stammt von
uescartes Freund Mersenne her; s. über das Genauere den Kom-
mentar zu den „Meditationen".
[563]
364 Descartes, Meditationen.
Philosophen und Geometer
Herrn Descartes.
So sehr wir bei uns überlegen, ob in Wahrheit die
Idee*) unseres, nämlich des menschlichen, Geistes, d. h.
seine Vorstellung und sein Begriff etwas Körperliches in
sich schließt, so wagen wir nicht zu behaupten, daß keinem
einzigen durch eine beliebige Bewegung erregten Körper
[564] das, | was man Bewußtsein nennt, irgendwie zukomme. Da
wir nämlich einige Körper wahrnehmen, die kein Bewußt-
sein haben, und andere wieder mit Bewußtsein, wie die der
Menschen und vielleicht der Tiere, wirst Du selbst uns da
nicht etwa eines Sophismas und zu großer Kühnheit an-
klagen, wenn wir deswegen schließen wollten, es gebe
keinen einzigen Körper, der Bewußtsein habe? Daher zwei-
feln wir kaum, daß wir von Dir sogleich verspottet werden
müßten, wenn wir zuerst jenes Argument auf Grund der
Ideen, das zum Beweise Gottes und des Geistes dient, ge-
schmiedet hätten und Du es dann in Deiner Analysis be-
urteilt hättest. Durch diese hast Du Dich aber, wie es
scheint, selbst so verwirren und beeinflussen lassen, daß
gleichsam ein Schleier vor Deinem Geiste liegt; infolge-
dessen erkennt er nicht, daß die einzelnen Eigenschaften
oder Tätigkeiten der Seele, die Du in Dir findest, von kör-
perlichen Bewegungen abhängen.
Oder löse bitte die Schwierigkeit, durch die unser Geist
selbst nach Deiner Meinung wie durch stählerne Fesseln ge-
hindert wird, sich über alles Körperliche zu erheben. Es be-
steht nämlich die Schwierigkeit, daß wir allerdings treffüch er-
fassen, daß 3 + 2 = 5, daß Gleiches von Gleichem Gleiches
gibt; hierdurch und durch tausend anderes werden wir über-
zeugt wie Du. Warum gewinnen wir aber nicht in ähnlicher
[565] Weise | aus Deinen oder unsern Ideen die Überzeugung, daß
die Seele des Menschen vom Körper verschieden ist und
daß Gott existiert? Du wirst sagen, Du kannst uns nicht
von dieser Wahrheit überzeugen, wenn wir sie nicht im
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände.
365
*) im latein. Text steht hier „idola", ein offenbares Versehen;
Clerselier hat dafür in seiner franz. Übersetzung das richtige „id^e".
Verein mit Dir überdenken. Doch siebenmal haben wir
Deme Schnft gelesen mit der Aufmerksamkeit von Engefn
dennoch werden w.r noch nicht überzeugt. GleichLSi
Verstand sei durch ein dumm machendes Zaubermitte] in-
fiziert worden und ganz ungeeignet für Metaphysik, der wir
eTn 'dlß n "^ ^v r "'*''"^"' ^'^'™«>^^ g^^'-hst bu wohl
ein, daß Deine bisherige Argumentation auf Grund der
Ideen Gottes und des Geistes nicht solches Gewicht und
ühe'r H l '"''•r'^f ''' "'' ^'^'^*>«^"' ^^'^ >"« -"er Macht
über die körperliche Materie hinaustrachten, sich unter-
werfen konnte oder müßte. Ja. wir meinen Cielmehr Du
wirst ganz zur selben Ansicht kommen, wenn Du Deine
st he? !f"'" T- '^u G^^'""""g vvieder liest, mit der Du
e be, der analytischen Prüfung durchgehen würdest, wenn
sie Dir von einem Gegner vorgelegt würden.
von H.nV ""^^ "^"l ^''''^" P""^^^- Wir wissen nicht, was
ZJ^ .T'V^""^ 'hren Bewegungen bewirktwerden kann;
ferner gestehst Du auch selbst, daß keiner alles wissen kann
Fnth«n '" T S"^Jekt gelegt habe oder legen könne | ohne [566]
Enthüllung Gottes selbst. Wie hast Du also da wissen
können, daß von Gott in gewisse Körper nicht diese eigen-
tümliche Macht gelegt ist, zu zweifeln, zu denken usw ?
Das smd unsere Argumente oder auch Vorurteile Be-
finnil . f^««''cher Mann, wenn Du uns von diesen Spitz-
fmdigkeiten die die Saat Deiner Gelehrsamkeit ersticken
b reist. Dies möge der große Gott geben, dessen Ruhme
w!dmet"hast"' ' °" ^'"'^''"'^ ^''^' ""^ °" '^''' S«"
Erwiderung auf die sechsten Einwände.
HnA ^ ^l "V^ ^'""'''''' '^^^'■' .-niemand kann sicher sein.
Denken ^^Kr'^ ^'^•^'■ert. wenn er nicht weiß, was
flext.r W '"'''"'• "'". ^''^' ^'^^"^h* -ber kein re-
wTo ^ T"" •'" '^'" "**^'' ^ W'^^en. das auf dem
2^^- Beweises erworben ist, und noch weit weniger
ein Wissen vom reflexiven Wissen, durch das man sein
i
366
Descartes, Meditationen.
Wissen erkennt und weiter sein Wissen vom Wissen
und so fort ins Unendliche: kann es doch ein solches
[567] Wissen niemals über ein Ding geben I Vielmehr | genügt
es durchaus, daß man das weiß durch jene unmittelbare
Erkenntnis, die der reflexiven immer vorangeht und die allen
Menschen über Denken und Existenz so eingeboren ist,
daß, mögen wir uns auch, durch Vorurteile etwa einge-
nommen und mehr auf die Worte als auf deren Bedeutung
achtend, einbilden können, wir hätten jene nicht, wir uns
dennoch in Wahrheit ihrer nicht erwehren können. Wenn
daher irgendwer bemerkt, daß er denkt imd daß daraus
folgt, daß er existiert, so vermag er, wenn er auch etwa
niemals vorher untersucht hat, was Denken und Existenz
ist, dennoch beides zur Genüge zu erkennen, so daß er
hierin befriedigt ist.
2. Es ist ganz unmöglich, daß, wer auf der einen Seite
weiß, daß er Bewußtsein hat und anderseits einsieht, was
es heißt, bewegt zu werden, jemals glauben könnte, „daß
er sich täuscht, und kein Bewußtsein hat, sondern nur be-
wegt wird*'. Da er nämlich eine ganz andere Idee, einen
ganz anderen Begriff vom Bewußtsein, als von der körper-
lichen Bewegung hat, so ist es notwendig, daß er eins als
von dem anderen verschieden einsieht, wenn es auch in-
folge seiner Gewohnheit, mehrere verschiedene Eigenschaf-
ten, unter denen sich keine innere Verknüpfung erkennen
läßt, einem und demselben Subjekte zuzuschreiben, ge-
[558] schehen kann, daß er zweifelt, ja sogar behauptet, | es sei
in ihm eine und dieselbe Sache, die Bewußtsein hat imd
die bewegt wird.
Es muß nun bemerkt werden, daß die Dinge, von denen
wir verschiedene Ideen haben, trotz zweier Ausdrucksformen
für ein und dieselbe Sache angenommen werden können:
entweder infolge der Einheit und Identität ihrer Natur oder
nur infolge der einheitlichen Komposition (unitas composi-
tionis). So haben wir z. B. nicht die gleiche Idee von Ge-
stalt und Bewegung, wie wir auch nicht die gleiche haben
von Verstand und Willen, noch auch von Knochen und
Fleisch, noch von Bewußtsein und Ausdehnung (res ex-
tensa). Und doch erfassen wir nichtsdestoweniger klar, daß
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 367
es jener selben Substanz, der es möglich ist, gestaltet zu
sein, auch zusteht, bewegt zu werden, so daß gestaltet und
beweglich em und dasselbe ist durch die Einheit der Natur-
und ebenso, daß das, was denkt und wül, auch durch die
Einheit der Natur ein- und dasselbe ist. Nicht aber kom-
men wir zum gleichen Schluß bei der Substanz, die wir unter
der Form des Knochens, und bei der, die wir unter der
Form des Fleisches betrachten; deswegen können wir auch
nicht jene beiden Formen für ein und dasselbe Ding ge-
mäß der Einheit der Natur auffassen, sondern nur infolge
Ihrer einheitlichen Komposition, insofern als es nämlich
ein und dasselbe Wesen ist, das Knochen und Fleisch hat
Nunmehr erhebt sich die Frage, ob wir Bewußtsein | und [5691
Ausdehnung als ein und dasselbe infolge der Einheit ihrer
Natur erfassen können, derart nämlich, daß wir zwischen
Bewußtsem und Ausdehnung irgendeine solche Verwandt-
Schaft oder Verknüpfung finden, wie wir zwischen Gestalt
und Bewegung oder zwischen Verstand und Willen be-
merken; oder ob sie vielmehr ein und dasselbe nur infolge
der Einheit der Komposition sein soUen, insofern sie an
demselben Menschen gefunden werden, wie Knochen und
I'leisch am selben Lebewesen. Dieses letztere behaupte
ich, weil ich keinen geringeren Unterschied und keine ge-
ringere Verschiedenheit zwischen der Natur des ausge-
dehnten und denkenden Dings bemerke, als zwischen
Knochen und Fleisch.
Weü man sich aber in dieser Streitfrage auch auf Autori-
täten stutzt, so werde ich, damit sie nicht etwa der Wahrheit
entgegen zu einem Vorurteüe führen, gezwungen, auf den
Zusatz, „daß niemand bisher meinen Beweis habe begreifen
können'*, zu antworten, daß, mögen ihn auch noch nicht
viele geprüft haben, es dennoch einige gibt, die ihn zu ver-
stehen behaupten. Und wie nur em Zeuge, der nach seiner
Heise nach Amerika erklärt, er habe die Antipoden gesehen,
größeren Glauben verdient als tausend andere, die | ihre Exi- [570]
stenz leugnen, allein deswegen, weü sie sie nicht kannten
so müssen auch die, die das Gewicht der Gründe, wie e^
recht ist, prüfen, höher die Autorität des einen schätzen der
nach seiner Aussage einen Beweis richtig versteht, als die
Descartes, Meditationen. oa
368
Descartes, Meditationen.
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände.
369
von tausend anderen Leuten, die ohne einen Grund be-
haupten, er könne von niemand verstanden werden; denn
wenn sie ihn auch selbst nicht verstehen, so hindert das
doch nicht, daß ihn andere verstehen können; und weil
sie gerade durch ihre derartigen Schlüsse zeigen, daß sie
nicht sorgfältig genug überlegen, so verdienen sie keinen
sehr großen Glauben.
Endlich der Schlußsatz des obigen Einwandes: „Hast
Du also bei der von Dir verwandten Analysis alle Be-
wegungen Deiner feinen Materie so durchforscht, daß Du
gewiß bist und uns, die wir recht aufmerksam und, wie wir
glauben, genügend scharfsinnig sind, aufzeigen kannst, daß
es einen Widerspruch einschließt, daß unsere Gedanken in
diese körperlichen Bewegungen ausgebreitet sind?" Das
bedeutet, wenn ich es recht verstehe, daß die Gedanken
und die körperlichen Bewegungen ein und dasselbe sein
sollen. Darauf antworte ich, daß ich selbst zwar meiner
Sache durchaus gewiß bin, mir aber darum nicht ver-
spreche, davon andere noch so Aufnierksame und ihrer An-
sicht nach genügend Scharfsinnige zu überzeugen, solange
wenigstens sie ihre Aufm.erksamkeit nicht auf die der reinen
Verstandeserkenntnis, sondern auf die der sinnlichen An-
[671] schauung unterstehenden Gegenstände | richten, wie offen-
bar diejenigen getan haben, die sich eingebildet, die Ver-
schiedenheit des Bewußtseins von der Bewegung lasse sich
durch die Zergliederung irgendeiner feinen Materie er-
kennen. Denn sie kann nur daraus erkannt werden, daß die
Begriffe des denkenden Dings und des ausgedehnten oder
beweglichen Dings vollkommen verschieden und wechsel-
seitig voneinander unabhängig sind und daß es widerstreitet,
daß die Dinge, die von uns klar als verschieden und von-
einander unabhängig erkannt werden, wenigstens von Gott
nicht getrennt gesetzt werden können. So oft wir daher jene
in einem und demselben Subjekte finden, wie Bewußtsein
und körperliche Bewegung im selben Menschen, dürfen wir
deswegen nicht glauben, daß sie dort ein und dasselbe
seien infolge der Einheit ihrer Natur, sondern nur infolge
der einheitlichen Komposition.
3. Was hier (S. 553 ff.) über die Platoniker und ihre
Anhanger angeführt wird, ist schon von der gesamten katho-
hschen Kirche und allgemein von allen Philosophen zurück-
gewiesen worden. Das Laterankonzil hat zwar gefolgert, die
Engel konnten gemalt werden; es hat aber deswegen nicht
eingestanden daß sie körperlich seien. Und mag man sie
auch in Wahrheit für körperlich halten, so könme man
sicher ebensowenig in ihnen wie in den Menschen die Seele
als vom Korper untrennbar | auffassen. Wenn man sich [5721
weiter vorstellt, die menschliche Seele vererbe sich vom ^ ^
V ater auf den Sohn, so könnte man auch daraus nicht schlie-
ßen, daß sie körperlich sei, sondern nur, daß, wie der Kör-
per vom Körper der Eltern abstammt, so sie selbst von deren
Seele ausgehe Was die Hunde und Affen angeht, so würde
wenn ich auch zugäbe, daß in ihnen Bewußtsein sei, in kei'
ner Weise folgen, daß die menschliche Seele vom Körper
getrennt werden könne, sondern vielmehr im Gegenteü
daß auch in anderen Lebewesen die Seelen von den Kör^
pcrn distmkt sind. Diese Ansicht haben gerade diejenigen
I atonücer, deren Autorität man eben rühmend erwähnte,
nach den Pythagoreern aufgesteUt, wie aus ihrer Metem-
psychose erhellt. Daß jedoch gar kein Bewußtsein in den
Tieren vorhanden ist, habe ich nicht nur behauptet wie
man hier annimmt, sondern ich habe es auch durch die
stärksten Gründe bewiesen, die wohl niemand bisher wider-
iw ^V -^^"f f '^''^^' ^'^ versichern, „die Hunde wüßten
im Wachen, daß sie laufen, und im Schlafe, daß sie bellen"
wlhSr '^'w ^^\^^\^^i ^i^h überiegten, sagen in
Wahrheit nur Worte, beweisen es aber nicht. Denn wenn
sie auch hinzufügen, „sie glauben nicht, daß die Hand-
ungen der Tiere ohne Empfindung, Leben und Seele"
d. h wie ich es auffasse, ohne Bewußtsein; denn | was man [5731
im allgemeinen Leben nennt, die körpediche Seele oder die
organische Empfindung, spreche ich den Tieren nicht ab)
• ^allem durch die Mechanik erklärt werden könnten ja
wenn sie auch unter jeder beliebigen Wette streiten wollen
daß jenes unmöglich und lächerlich sei", so darf das nicht
als Beweis gelten, Das gleiche könnte über jede beliebige
andere noch so wahre Sache gesagt werden; übrigens pflegt
man auch nur zu wetten, wo Gründe zum Beweise fehlen; und
24*
t
Descartes, Meditationen.
da einst in fast ähnlicher Weise große Männer über die
Antipoden gespottet haben, so darf man nach meiner Mei-
nung nicht gleich das für falsch halten, worüber sich einige
Leute lustig machen.
Wenn man endlich noch anführt, „es fehle nicht an
mehr Leuten, die behaupten würden, der Mensch selbst
könne alles tun nach den Prinzipien der Mechanik, ohne
Empfindung und Intellekt und ohne irgendeine Seele, wenn
eben der Affe, Hund und Elefant auf diese Weise alle ihre
Handlungen ausführen können'*, so ist das gewiß auch
kein Grund, durch den etwas bewiesen werden könnte; höch-
stens daß einige Leute alles so verwirrt auffassen und an
vorgefaßten Meinungen, die nur dem Worte nach ver-
standen sind, so hartnäckig festhalten, daß sie, anstatt jene
zu ändern, in betreff ihrer eigenen Person das leugnen, was
[574] sie doch stets bei sich | erfahren können. Denn natürlich
müssen wir immer bei uns selbst erfahren, daß wir Bewußt-
sein haben; es wird jedoch niemand daraus, daß man dar-
legt, die Tiere könnten alle ihre Handlungen ohne Bewußt-
sein verrichten, etwa schließen, er selbst habe also auch
kein Bewußtsein; es müßte sich denn jemand eingeredet
haben, er handle nicht anders als die Tiere; der wird dann
aus dem Grunde natürlich, weü er jenen Bewußtsein zu-
gestanden hat, so hartnäckig an diesen Worten „Menschen
und Tiere handeln auf dieselbe Weise" hangen, daß, wenn
ihm dargelegt wird, die Tiere hätten kein Bewußtsein, er
sich lieber dieses seines Bewußtseins, dessen er sich bewußt
sein kann, berauben will, als seine Meinung ändern, daß er
selbst ebenso wie die Tiere handle. Daß es jedoch von
derartigen Leuten viele gibt, davon kann ich mich nicht
leicht überzeugen. Aber natürlich wird man weit mehr Leute
finden — und mit größerer Berechtigung — die, falls man
nur zugibt, „Bewußtsein sei von körperlicher Bewegung
nicht verschieden**, behaupten werden, es finde sich in
gleicher Weise bei den Tieren wie bei ims, da sie ja an ihnen
alle die gleichen körperlichen Bewegungen wie bei uns be-
merken; und wenn sie hinzufügen, „daß die Verschieden-
[675] heit, die nur | größer oder kleiner sei, die Wesenheit nicht
verändere", so werden sie, wenn auch vielleicht nach ihrer
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 371
Meinung die Tiere weniger Vernunft haben als wir, dennoch
mit voUem Rechte schließen, ihr Geist sei von ganz der-
selben Art wie der unsrige.
4. Mit Bezug auf das Wissen des Atheisten ist es leicht
zu beweisen, daß es nicht unveränderlich und gewiß ist.
Denn, wie ich schon oben gesagt habe, um so weniger
mächtig er den Urheber seines Ursprungs annehmen wird,
um so mehr Anlaß wird er haben, zu zweifehl, ob er etwa
von so unvoUkommener Natur ist, daß er sich auch in
dem täuscht, was ihm am evidentesten scheint, und er wird
sich von diesem Zweifel niemals befreien können, wenn er
nicht zuvor erkennt, daß er von Gott geschaffen worden ist,
der wahrhaftig und keiner Täuschung fähig ist.
5. Daß aber die Menschen von Gott nicht getäuscht
werden können, ergibt sich klar daraus, daß das Wesen der
Täuschung ein Nichtseiendes ist, in welches das höchste
Seiende nicht übergehen kann. Und hierin stimmen aUe
Theologen überein, und die Gewißheit des ganzen christ-
lichen Glaubens hängt hiervon ab; denn wie könnten wir
sonst den Offenbarungen Gottes glauben, wenn wir meinten,
bisweilen von ihm getäuscht zu werden? Und mögen auch
I im allgemeinen die Theologen behaupten, daß die Ver- [576J
urteilten durch das Fegefeuer gequält werden, so meinen
sie deswegen doch nicht, daß „sie durch eine falsche, von
Gott ihnen eingegebene Idee eines quälenden Feuers ge-
täuscht würden", sondern daß sie vielmehr vom Feuer in
Wahrheit gequält werden. „Wie nämlich der unkörperliche
Geist eines lebenden Menschen auf natürliche Weise im
Körper gehalten wird, so kann er leicht durch Gottes All-
macht nach dem Tode im körperlichen Feuer leiden.**
Vgl. Mag. sent. libr. 4 dist. 44.
Was nun die Stellen der HeUigen Schrift betrifft, so
glaube ich, nur dann darauf antworten zu müssen, wenn
sie einmal einer mir eigentümlichen Ansicht zu wider-
sprechen scheinen; denn wenn sie nur angeführt werden
gegen die bei allen Christen verbreiteten, zu denen die hier
bekämpften gehören, nämlich daß man irgend etwas wissen
könne und daß die Seelen der Menschen und Tiere nicht
gleich seien, so müßte ich den Vorwurf des Hochmutes
Descartes, Meditationen.
fürchten, wenn ich mich nicht lieber mit den von andern
bereits gefundenen Antworten begnügen woUte, als neue
erdenken; habe ich mich doch in theologische Studien nur
insoweit eingelassen, als sie zu meiner privaten Belehrung
beitrugen, und ich fühle nicht in mir soviel göttliche In-
spiration, daß ich hierzu berufen zu sein glaube. Daher er-
[577] kläre ich, | in Zukunft nichts über dergleichen zu antworten;
aber ich will diesen Grundsatz an dieser Stelle noch ein-
mal verletzen, damit ich nicht einigen GelegenheU gebe zu
glauben, ich schwiege deswegen, weil ich die vorgebrachten
Stellen nicht angemessen genug erklären könnte.
Zuerst also spreche ich über die Stelle aus Paulus,
1. Brief an d. Korinther, Kap. 8. V. 2. Sie darf nur ver-
standen werden von einem Wissen, das nicht mit Liebe ver-
bunden ist, d. h. von dem Wissen des Atheisten, weil, wer
Gott in der rechten Weise kennt, ihn lieb gewinnen und
Liebe empfinden muß. Das wird auch bewiesen aus den un-
mittelbar vorhergehenden Worten „das Wissen bläst auf,
die Liebe aber erbaut** und aus den unmittelbar folgenden
„wenn jemand aber Gott liebt, so ist der" (nämlich Gott)
„von ihm erkannt"; das allerdings meint ja der Apostel
nicht, daß es überhaupt kein Wissen geben könne, wenn er
erklärt, wer Gott liebt, erkennt ihn, d. h. hat ein Wissen
von ihm; sondern er sagt nur, wer keine Liebe hat und in-
folgedessen Gott nicht genügend kennt, der weiß, mag er
auch etwa in anderen Dingen etwas zu wissen sich dünken,
trotzdem noch nicht, wie er wissen soll, weil er nämlich mit
[578] der Erkenntnis Gottes beginnen muß und | dann die Er-
kenntnisse aller andern Dinge dieser einen unterzuordnen
sind, was ich ja in meinen Meditationen dargelegt habe.
Und deswegen stützt gerade diese Stelle, die man gegen
mich angeführt hat, meine Ansicht hierüber so offenbar,
daß ich nicht glaube, sie kann von denen, die anderer An-
sicht sind als ich, richtig erklärt werden. Wenn aber jemand
behauptet, das Pronomen „der" beziehe sich nicht auf Gott,
sondern auf den Menschen, der von Gott erkannt wird und
seinen Segen erhält, so spricht ein anderer Apostel, näm-
lich Johannes, L Epistel, Kap. 2 völlig für meine Erklärung;
denn V. 2 heißt es : „Daran wissen wir, daß wir ihn er-
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 373
kennen, sofern wir seine Gebote halten"; und Kap. 4, V. 7:
„Wer liebt, ist von Gott geboren und erkennt Gott"*.
Ähnlich steht es mit den Stellen aus dem Prediger.
Man muß nämlich bemerken, daß Salomo an jener Stelle
des Buches nicht in der Person der Gottlosen spricht, son-
dern nur in seiner eigenen, insofern er nämlich dort aus
Reue, daß er vorher gesündigt und sich von Gott abge-
wandt hatte, sagt, daß, wenn er nur seine menschliche Weis-
heit anwende und sie nicht auf Gott bezöge, von ihm nichts
hätte gefunden werden können, was völlig genügte oder in
dem keine Eitelkeit wäre. | Und deswegen weist er dann [579]
an verschiedenen Stellen darauf hin, man müsse sich zu Gott
wenden, wie ausdrücklich Kap. II, V. 9: „Und wisse, daß
tur dies alles Dich Gott vor Gericht führen wird" und so
fort bis an das Ende des Buches. Insbesondere dürfen aber
die Worte im Kap. 8, V. 17: „Und ich weiß, daß von allen
Werken Gottes, die unter der Sonne geschehen, der Mensch
keinen Sinn finden kann" nicht von einem beliebigen Men-
schen verstanden werden, sondern nur von dem, den er im
Verse vorher beschrieben hat: „Es ist ein Mensch, der Tag
und Nacht keinen Schlaf mit Augen siehet." Gleich als ob
der Prophet dort daran erinnern wollte, daß, wer zu fleißig
sich seinen Studien hingibt, nicht fähig ist, die Wahrheit
zu erfassen : daß das von mir gesagt sein sollte, werden die,
die mich kennen, wahrlich nicht leicht glauben. Aber vor
allem muß man auf die Worte achten „die unter der Sonne
geschehen", öfter nämlich werden sie in jenem Buche
wiederholt, und immer bezeichnen sie die natürlichen Dinge
mit Ausschluß ihrer Abhängigkeit von Gott; denn Gott ist
ja über allem und kann deshalb nicht unter dem, das unter
der Sonne ist, mit einbegriffen werden. Daher ist der wahre
Sinn der zitierten Stelle, daß der Mensch die natürlichen
Dinge nicht richtig verstehen kann, solange er Gott nicht
I kennt, wie auch ich behauptet habe. Endlich ist es klar, [580]
daß die Worte in Kap. 5, V. 19 „Mensch und Tiere sterben
in gleicher Weise" und auch „der Mensch hat nichts mehr
als das Tier" nur hinsichtlich des Körpers gesagt werden;
denn dort wird nur das, was auf den Körper Bezug hat, er-
wähnt. Und sogleich folgen die Worte, die sich nur auf
374
Dcscartes, Meditationen.
die Seele beziehen: „Wer weiß, ob der Geist der Söhne
Adams in die Höhe steige und ob der Odem der Tiere in
die Tiefe sinke?" D. h. wer weiß durch menschliche Be-
rechnung, solange er sich noch nicht zu Gott gewandt hat,
ob die menschlichen Seelen himmlische Seligkeit genießen
werden? Sicherlich habe ich aus natürlichen Gründen zu
beweisen gesucht, daß die menschliche Seele nicht körper-
lich ist ; aber ob sie in die Höhe steigen wird, kann, wie ich
zugebe, nur im Glauben erkannt werden.
6. Mit dem Worte „Freiheit" verhält es sich ganz anders
bei Gott als bei uns. Es wäre widersprechend, anzunehmen,
daß Gott nicht stets in Beziehung auf alles, was geschehen
ist oder je geschehen wird, indifferent gewesen sei. Denn
man kann sich kein Gutes oder Wahres, oder auch was
man glauben, tun oder unterlassen muß, ausdenken, dessen
[581] Wee | im göttlichen Verstände gewesen, bevor sein Wülen
sich entschlossen, zu bewirken, daß es so wäre. Und zwar
rede ich hier nicht von einer zeitlichen Priorität, sondern
ich behaupte, daß auch keine Priorität der Ordnung oder
der Natur oder der „ratio ratiocinata** nach, wie man in den
Schulen sagt, vorhanden ist, so nämlich, daß diese Idee des
Guten Gott dazu veranlaßt hat, das eine eher als ein anderes
zu wählen. Denn er hat z. B. nicht darum gewollt, daß die
Welt in der Zeit geschaffen werde, weil er gesehen hat, daß
es so besser sein werde, als wenn sie von Ewigkeit her ge-
schaffen worden wäre; auch hat er nicht gewollt, daß die
drei Winkel des Dreiecks gleich zwei Rechten seien, weil
er erkannt hat, daß das nicht anders möglich war, usw. Son-
dern ganz im Gegenteil: weil er gewollt hat, daß die Welt
in der Zeit geschaffen werde, darum ist es so besser, als
weim sie von Ewigkeit her geschaffen worden wäre, und
weil er gewollt hat, daß die drei Dreiecks winkel notwendig
gleich zwei Rechten sind, darum ist jetzt dies wahr imd
kann gar nicht anders sein und ebenso steht es in allen
übrigen Fällen. Doch kann man deswegen ruhig behaupten,
die Verdienste der Heiligen seien die Ursache dafür, daß
sie das ewige Leben erhalten; denn nicht in der Weise sind
sie die Ursache, daß sie Gott bestimmten, etwas zu wollen,
sondern sie sind nur die Ursache der Wirkung; das hat
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 375
aber Gott von Ewigkeit her gewollt. So | ist die höchste In- [5821
differenz in Gott der höchste Beweis für seine Allmacht.
Anders aber steht es mit dem Menschen. Er findet bereits
das Wesen des Guten und Wahren von Gott bestimmt und
kann nun auf gar nichts anderes seinen Wülen richten.
Daher wird er offenbar das Gute und Wahre um so wüliger
und also freier erfassen, je klarer er es erkennt. Er wird
also niemals indifferent sein, außer wenn er nicht weiß, was
das Bessere oder Wahrere ist, oder wenn wenigstens er
dies nicht so klar durchschaut, daß ihm darüber nicht der
geringste Zweifel bliebe. Und so bedeutet die Indifferenz
etwas ganz anderes bei der menschlichen als bei der gött-
lichen Freiheit. Es nützt hier auch nichts zu behaupten,
die Wesenheiten der Dinge seien unteübar; denn erstens
bedeutet keine Wesenheit für Gott und das Geschöpf das-
selbe. Und endlich gehört die Indifferenz nicht zum Wesen
der menschlichen Freiheit; denn wir sind nicht nur dann
frei, wenn wir aus Unkenntnis des Rechten indifferent sind,
sondern vorzüglich auch dann, wenn eme klare Erkenntnis
uns antreibt, etwas zu erstreben.
7. Unter der Oberfläche, von der nach meiner Meinung
unsere Sinne affiziert werden, verstehe ich nichts anderes
als I alle Mathematiker oder Philosophen zu verstehen pfle- [583]
gen — oder wenigstens müßten — nämlich ein Etwas, das
sie vom Körper unterscheiden und das nach ihrer Annahme
jeder Tiefe entbehrt. Aber auf zwei Arten wird das Wort
Oberfläche bei den Mathematikern gebraucht; erstens an-
statt des Körpers, sofern man auf seine Länge und Breite
allehi die Aufmerksamkeit richtet und ihn unter Nicht-
beachtung seiner Tiefe betrachtet, wenn man auch nicht
leugnen könnte, daß er eine hat; oder zweitens nur als ein
Modus des Körpers ; dann wird ihm natüriich alle Tiefe ab-
gesprochen. Und deswegen habe ich zur Vermeidung von
Zweideutigkeit gesagt, ich rede nur von der Oberfläche, die
nicht Teil des Körpers sein kann, da sie nur ein Modus ist;
der Körper nämlich ist Substanz, und ein Modus kann nicht
Teil einer Substanz sein. Ich habe jedoch nicht geleugnet,
daß sie das Äußerste des Körpers ist. Ja, sogar im Gegen-
teil 1 Sie kann recht eigentlich das äußerste Ende des um-
376
Descartes, Meditationen.
grenzten wie des umgrenzenden Körpers genannt werden, in
dem Sinne, in dem man sagt, diejenigen Körper grenzen an-
einander, deren äußerste Enden zusammenfallen; denn wenn
zwei Körper sich gegenseitig berühren, ist natürlich beider
Grenze ein und dieselbe, die zu keinem als Teü gehört, son-
dern derselbe Modus beider ist; dieser kann auch bestehen
[584] I bleiben, selbst wenn man die Körper wegschafft, wofern
nur andere von genau der gleichen Größe und Figur ihre
Stelle einnehmen. Ja auch der Ort (locus), der nach den
Aristotelikern die Oberfläche des begrenzenden Körpers
sein soll, kann nur als diejenige Oberfläche verstanden
werden, die nicht Substanz, sondern ein Modus ist; denn
der Ort eines Turmes wird nicht verändert, wenn auch die
ihn umgebende Luft verändert oder ein anderer Körper an
den Platz des Turmes gesetzt wird; also ist auch nicht die
Oberfläche, die hier örtlich aufgefaßt wird, irgendein Teü
der umgebenden Luft oder des Turmes.
Um aber die Realität der Accidentien verwerfen zu
müssen, braucht man, wie ich meine, nicht andere Gründe
als die, die schon von mir vorgebracht sind. Da nämlich
erstens jede Empfindung durch Berührung entsteht, kann
außer der Oberfläche nichts empfunden werden. Nun müß-
ten aber die realen Accidentien, falls sie sind, etwas Ver-
schiedenes sein von jener Oberfläche, die ja nur ein Modus
ist; also könnten sie, falls sie sind, nicht empfunden werden.
Wer aber hat jemals an ihre Existenz gedacht, ohne zu-
gleich zu meinen, sie könnten empfunden werden? Ferner
schließt überhaupt der Begriff ,, reale Accidentien'* einen
[585] Widerspruch in sich ein; denn was real ist, kann getrennt
von jedem andern Subjekt existieren; was aber so getrennt
existieren kann, ist Substanz, nicht Accidens. Auch hat
es keine Bedeutung, wenn man sagt, die realen Accidentien
könnten nicht auf natürlichem Wege, sondern nur durch die
göttliche Allmacht von ihren Subjekten getrennt werden;
denn „auf natürlichem Wege entstehen", bedeutet nichts
anderes als „entstehen durch die gewöhnliche Macht Got-
tes**, die auf keine Weise sich von seiner außergewöhnlichen
Macht unterscheidet und auch nichts Besonderes in die
Dinge legt : wenn daher alles das, was auf natürliche Weise
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 377
ohne Subjekt sein kann, Substanz ist, so muß, was auch
durch die ganz ungewöhnliche Macht Gottes ohne Subjekt
sein kann, gleichfalls Substanz genannt werden. Ich gestehe
ja ein, daß eine Substanz einer andern Substanz zukommen
kann. Wenn aber dieses eintritt, ist es doch nicht die Sub-
stanz selbst, die die Form des Accidens hat, sondern allein
der Modus, in dem die eine der andern Substanz zukommt :
wenn z. B. ein Mensch ein Kleid anlegt, so ist nicht das
Kleid selbst, sondern nur das Bekleidetsein ein Accidens.
Weü nun aber die Philosophen, besonders aus dem Grunde
die realen Accidentien aufgestellt haben, weü nach ihrer
Meinung ohne jene die sinnlichen Wahrnehmungen nicht
erklärt werden | könnten, so habe ich versprochen, darüber [-586]
stückweise für die einzelnen Sinne in der Physik Erklärungen
zu geben; nicht als ob ich wollte, daß man mir in irgendeiner
Sache Glauben schenke, sondern weü ich glaubte, daß die,
die auf Grund meiner bisherigen Erörterungen über das
Sehen in der Dioptrik richtig urteilen, leicht schUeßen wer-
den, was ich in den übrigen Dingen beweisen kann.
8. Betrachten wir die Unermeßlichkeit Gottes, so er-
kennen wir klar, es kann überhaupt nichts sein, das von ihm
nicht abhängt: es würde nichts existieren, es gäbe keine
Ordnung, kein Gesetz oder keinen Grund des Guten und
Wahren: denn sonst wäre er, wie kurz vorher angegeben
wurde, nicht vollkommen indifferent gewesen, das zu schaf-
fen, was er geschaffen hat. Denn wenn irgendein Grund
zum Guten früher war als seine Vorausbestimmung, so hätte
dieser ihn zur Schöpfung des Besten bestimmt. Doch ge-
rade im Gegenteül Weü er sich selbst bestimmt hat, das zu
schaffen, was nunmehr existiert, deswegen ist es, wie in
der Genesis steht, „sehr gut", d. h. der Grund für die Güte
der Dinge hängt davon ab, daß er sie hat gerade so machen
wollen. Man braucht nun nicht nach der Art der Ursache
zu fragen, derzufolge diese Güte und anderes, mathematische
wie metaphysische Wahr|heiten, von Gott abhängen; wenn [587]
nänüich die Arten der Ursachen von denen aufgezählt wer-
den, die etwa an eine derartige Kausalität nicht dachten, so
wäre es keineswegs wunderbar, wenn sie ihr keinen Namen
beigelegt hätten. Dennoch haben sie es getan: sie kann
a78
Dcscartcs, Meditationen.
I
nämlich die causa efficiens genannt werden, genau wie ein
König der Schöpfer des Gesetzes ist, wenn auch das Gesetz
selbst nicht ein physisch existierendes Ding ist, sondern nur,
wie man sagt, ein moralisch Seiendes. Auch braucht man
nicht zu fragen, wie Gott hätte von Ewigkeit bewirken kön-
nen, daß 2X4 = 8 und dergl. nicht wahr gewesen wäre. Ich
gestehe nämlich ein, daß das von uns nicht erfaßt werden
kann. Einerseits sehe ich also richtig ein, daß nichts in einer
Art des Seins sein kann, was von Gott nicht abhinge, und
daß es ihm leicht gewesen ist, gewisse Dinge so einzurichten,
daß sie sich nach unserm menschlichen Verständnis nicht
anders verhalten können, als sie sich verhalten; aber es
wäre doch unvernünftig, aus dem Grunde, weil wir manches
weder begreifen, noch erkennen, daß wir es begreifen müß-
ten, an dem, was wir richtig begreifen, zu zweifeln. Man darf
daher nicht glauben, daß „die ewigen Wahrheiten vom
menschlichen Verstand oder von andern existierenden Din-
gen abhängen", sondern allein von Gott, der sie von Ewig-
keit als höchster Gesetzgeber angeordnet hat.-
[588] I 9. Um recht zu verstehen, wie es mit der Gewißheit der
Sinnesauffassung steht, muß man sozusagen drei Stufen
derselben unterscheiden: Zur ersten gehört nur das, wo-
durch unmittelbar das körperliche Organ von den äußeren
Objekten affiziert wird, und das kann nichts anderes sein
als die Bewegung der kleinen Teile dieses Organs und die
Veränderung der Gestalt und Lage, die von dieser Be-
wegung herrührt. Die zweite Stufe umfaßt alles das, was
unmittelbar im Geiste dadurch sich ergibt, daß er mit dem
so affizierten körperlichen Organe vereinigt ist; hierher ge-
hören die Perzeptionen des Schmerzes, des Kitzels, des
Durstes, des Hungers, der Farben, des Schalles, des Ge-
schmackes, des Geruches, der Wärme, der Kälte und dergl.,
die, wie in der sechsten Meditation gesagt, aus der Ver-
einigung und sozusagen Vermischung des Geistes mit dem
Körper entstehen. Die dritte schließlich umfaßt alle die
UrteUe, die wir bei Gelegenheit von Bewegungen des kör-
perlichen Organs über die Dinge außer uns zu fällen von
Jugend auf gewohnt sind. Sehe ich z. B. einen Stab, so darf
man nicht meinen, es gingen von ihm gewisse intentioneile
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 379
Spezies auf mein Auge über, sondern nur, daß die von
diesem Stab zurückgeworfenen Lichtstrahlen gewisse Be-
wegungen im Sehnerv (nervus opticus) und durch seine Ver-
mitt|lung im Gehirn hervorrufen, wie ich es ausführlich in [5391
der Dioptrik erklärt habe; und zwar besteht in dieser Ge-
hirnerregung, die uns mit den Tieren gemeinsam ist, die
erste Stufe der Sinnesauffassung. Aus ihr folgt aber die
zweite, die sich allein auf die Auffassung der durch den Stab
reflektierten Farbe oder des reflektierten Lichts erstreckt,
und die daraus entsteht, daß der Geist mit dem Gehirn so
genau verbunden ist, daß er von den in ihm erfolgenden
Bewegungen affiziert wird; und nichts anderes wäre auf
den Sinn zu beziehen, wenn wir ihn genau vom Verstände
unterscheiden wollen. Denn daß ich auf Grund dieser
Wahrnehmung der Farbe, durch die ich affiziert werde, ur-
teüe, daß der außer mir befindliche Stab farbig sei, im-
gleichen daß ich auf Grund der Ausdehnung dieser Farbe,
ihrer Begrenzung und Lagebeziehung zu den Teüen des Ge-
hirns einen Schluß ziehe auf die Größe, Gestalt und Ent-
fernung eben dieses Stabes, das hängt, wenngleich man es
gemeinhin den Sinnen zuschreibt, und ich es deshalb hier
auf diese dritte Stufe der Sinnesauffassung bezogen habe,
doch offenbar allein vom Verstand ab. Auch habe ich in
der Dioptrik gezeigt, daß Größe, Entfernung und Gestalt
allein durch Schlußfolgerung (ratiocinatio) auseinander her-
geleitet werden können. Der Unterschied ist hierbei nur
der, daß wir solche UrteUe, die wir jetzt zum ersten | Male [590]
infolge irgendeiner neuen Wahrnehmung fällen, dem Ver-
stände zuschreiben; solche dagegen, die wir von Jugend an
gerade auf die Weise wie jetzt, in betreff dessen, was unsere
Sinne affiziert, gefällt, sowie auch die Schlüsse, die wir ge-
zogen haben, den Sinnen zuschreiben, weil wir nämlich infolge
der Gewohnheit hierüber so rasche Schlüsse ziehen und ur-
teüen, — oder vielmehr uns der früher bereits von uns über
ähnliche Dinge gefällten Urteile erinnern, — daß wir diese
Fähigkeiten von der einfachen Sinnesauffassung nicht unter-
scheiden. Daraus erhellt, daß, wenn wir sagen, die Gewiß-
heit des Verstandes sei weit größer als die Gewißheit der
Sinne, das nur bedeutet, daß diejenigen UrteÜe, die wir
380
Descartes, Meditationen.
I
I
jetzt in einem vorgerückten Alter auf Grund neuer Wahr-
nehmungen fällen, gewisser sind, als die, die wir seit der
ersten Kindheit und ohne jedes Nachdenken gebildet haben,
was zweifellos wahr ist; denn es handelt sich hier offenbar
weder um die erste noch um die zweite Stufe der Wahr-
nehmung, da in ihnen beiden es keinen Irrtum geben kann.
Sagt man also, ein Stab erscheine im Wasser auf Grund
der Refraktion gebrochen, so ist das dasselbe, wie wenn
man sagte, er erscheine uns auf die Weise, wonach ein
[591] Kind | urteilen würde, daß er gebrochen sei und wonach auch
wir gemäß den Vorurteilen, an die wir uns von Jugend auf
gewöhnt haben, ebenso urteilen. Was man aber hier hin-
zufügt, daß nämlich dieser Irrtum nicht durch den Ver-
stand, sondern durch den Tastsinn berichtigt werde, das
kann ich nicht zugeben; denn wenngleich wir nach dem
Tastsinn urteilen, daß der Stab gerade ist und zwar dies
auf Grund der Art zu urteilen, an die wir von Jugend auf
gewöhnt sind, und die daher als Sinn („sensus") bezeichnet
wird, so genügt dies doch nicht, um den Irrtum des Ge-
sichtssinns zu berichtigen, sondern es ist außerdem erforder-
lich, daß wir einen Grund haben, der uns lehrt, daß wir m
diesem Falle eher dem auf Grund des Tastsinns, als dem
auf Grund des Gesichtssinns gefällten Urteü zu vertrauen
haben. Da dieser Grund nun nicht seit unserer Kindheit
in uns gewesen ist. so ist er nicht dem Sinn, sondern dem
Verstände zuzuschreiben. Es ist daher gerade in diesem
Beispiel allein der Verstand, der den Irrtum des Sinnes ver-
bessert, auch wäre es unmöglich, irgendein Beispiel bei-
zubringen, wobei der Irrtum etwa daher käme, daß wir der
Tätigkeit des Geistes mehr Vertrauen schenken, als den
Sinnen.
10. Da nun. was übrig bleibt, gleichsam mehr Schwierig-
keiten sind, die gewisse Zweifel erwecken, als wirkliche Ein-
wände, so traue ich mir nicht soviel zu, daß ich zu antworten
[5921 wagte. I ich könnte das hinlänglich erklären, worüber, wie ich
sehe, bisher sehr viele scharfsinnige Gelehrte unschlüssig
waren. Um jedoch zu tun, was ich kann, und es hierin an
nichts fehlen zu lassen, will ich frei heraussagen, wie es mir
geglückt ist, mich selbst von den gleichen Zweifeln voU-
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 381
kommen zu befreien : wenn es vielleicht andern von Nutzen
ist, soU es mich freuen; wenn nicht, brauche ich mir we-
nigstens keinen Leichtsinn vorzuwerfen.
Als ich zum erstenmal aus den in den obigen Medita-
tionen dargelegten Gründen den Schluß gezogen hatte, daß
der menschliche Geist real vom Körper verschieden,' daß
er leichter zu erkennen ist als dieser und das übrige, da
sah ich mich allerdings zur Zustimmung gezwungen, da ich
nichts darin bemerkte, was nicht in sich zusammenhängend
und aus evidenten Prinzipien gemäß den Regeln der Logik
geschlossen war; ich gestehe aber, daß ich darum nicht voll-
ständig überzeugt gewesen bin und es mir fast ebenso er-
gmg wie den Astronomen, die, nachdem sie durch ihre Be-
rechnungen herausgebracht haben, daß die Sonne viel größer
ist als die Erde, doch nicht umhin können, sie für kleiner zu
halten, wenn sie sie mit ihren Augen betrachten. Nachdem
ich aber weiter fortgeschritten, und, auf dieselben Grund-
lagen gestützt, zur Betrachtung der physischen*) Dinge] [593]
übergegangen war, wobei ich erstlich auf die Ideen oder
Begriffe achtete, die ich von einer jeden Sache bei mir vor-
fand und sodann sie voneinander sorgfältig unterschied,
damit alle meine Urteüe mit ihnen übereinstimmten, be-
merkte ich, daß gar nichts anderes zum Begriffe des Kör-
pers gehört, als daß er eine lange, breite und tiefe Sache ist,
die eme Mannigfaltigkeit von Gestalten und Bewegungen
in sich aufnehmen kann, und daß seine Gestalten und Be-
wegungen nur Modi sind, die durch keine Macht ohne ihn
existieren können; Farbe dagegen. Geruch, Geschmack
u. dergl. nur gewisse in meinem Bewußtsein existierende
Empfindungen sind, die ebenso verschieden vom Körper
sind, wie der Schmerz von der Gestalt und der Bewegung
des den Schmerz veranlassenden Geschosses; und schließ-
hch die Schwere, die Härte und die Kräfte der Wärme, der
Anziehung, des Stoffwechsels und alle übrigen Qualitäten,
die wir in den Körpern bemerken, allein in der Bewegung
oder dem Nichtvorhandensein der Bewegung, ferner in der
Anordnung der Teüe und ihrer Lage bestehen.
*) „physischen oder natürlichen" (franz. Ausgabe).
382
Descartes, Meditationen.
Da diese Meinungen ganz außerordentlich von den-
jenigen abweichen, die ich früher über dieselben Gegen-
stände gehabt, so begann ich sodann zu betrachten, wegen
welcher Gründe ich damals anders gedacht hatte, und ich
[ö^^J fand als den Hauptgrund, | daß ich von früher Jugend an
über die physischen Dinge, sofern sie zur Erhaltung des
Lebens, in das ich eben eintrat, beitrugen, Urteüe gefällt
hatte, und sodann dieselben Meinungen, die ich davon ein-
mal gefaßt, beibehalten hatte; und da nun mein Geist in
diesem Alter sich nicht so gut der körperlichen Organe
bediente und, da er zu fest mit ihnen verknüpft war, nichts
ohne sie dachte, so bemerkte er alle Dinge nur verworren,
und wenngleich er sich seiner eigenen Natur bewußt war
und ebenso bei sich die Idee des Bewußtseins wie die der
Ausdehnung hatte, so nahm er trotzdem, da er nichts rein
verstandesmäßig erfaßte, ohne zugleich auch etwas in der
sinnlichen Anschauung zu haben, beides für ein und das-
selbe und bezog alle Begriffe, die er von den intellektuellen
Dingen hatte, auf die Körper. Da ich mich nun in der Folge
niemals von diesen VorurteUen befreit hatte, so erkannte
ich überhaupt nichts mit genügender Distinktheit, und nichts,
was ich nicht als körperlich annahm. Trotzdem büdete ich
mir häufig selbst von den Dingen, die ich als körperlich
annahm, solche Ideen oder Begriffe (conceptus), daß sie
eher Geister als Körper darstellten. Dachte ich mir z. B.
[595] die Schwere als | eine reale Qualität, die den massiven Kör-
pern einwohne und mit ihnen verbunden sei, so dachte ich
sie, wenngleich ich sie als Qualität bezeichnete, sofern ich sie
auf die Körper bezog, denen sie einwohnte, trotzdem, da ich
hinzufügte, daß sie real sei, als eine Substanz, ebenso, wie
ein Gewand, an sich betrachtet eine Substanz, obgleich, auf
den damit bekleideten Menschen bezogen eine Qualität ist
— und wie auch der Geist, obgleich in Wahrheit eine Sub-
stanz, nichtsdestoweniger eine Qualität des Körpers, mit
dem er verbunden ist, genannt werden kann. Und wenn-
gleich ich mir vorstellte, daß die Schwere durch den ganzen
schweren Körper verbreitet sei, so schrieb ich ihr dennoch
nicht jene selbige Ausdehnung zu, welche die Natur des
Körpers ausmacht; denn die wahre Ausdehnung des Körpers
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 383
ist derart, daß sie jede Durchdringlichkeit der Teüe aus-
schließt, wohl aber dachte ich, daß ebensoviel Schwere in
einer Masse Goldes oder eines anderen MetaUs von ein Fuß
Länge enthalten sei, wie in einem Stück Holz von zehn Fuß
Lange, ja ich urteilte, daß ebendieselbe Schwere sich ganz
m einen mathematischen Punkt zusammenziehen könne. Und
selbst, wenn die Schwere von gleicher Ausdehnung mit dem
Korper war, so sah ich, daß sie ilire ganze Kraft in jedem
seiner Teile ausüben konnte; denn, an | welcher Stelle auch [5961
der Korper an einem Stricke aufgehängt werden mochte, so
zog er doch mit seiner ganzen Schwere an ihm, genau so
wie wenn diese ganze Schwere bloß an der Stelle, die den
Strick berührt, nicht aber durch die übrigen Teile verstreut
enthalten gewesen wäre. Ebenso denke ich mir jetzt in der
Tat den Geist mit dem Körper gleich ausgedehnt, indem
ich ihn als Ganzes im Ganzen und als ganz in jedem Teüe
vorhanden denke. Indessen erhellt ganz besonders eben
hieraus, daß jene Idee der Schwere zum Teil der entnommen
ist, die ich vom Geiste habe, weil ich glaubte, daß die
Schwere die Körper nach dem Mittelpunkt der Erde ziehe,
ganz wie wenn sie eine Art Erkenntnis (connoissance) von
diesem m sich enthielte; denn sicheriich scheint es nicht
möglich, daß dies ohne Erkenntnis geschieht, eine Erkennt-
nis aber kann es nirgendwo anders geben, als in einem
Geiste. Trotzdem schrieb ich noch einiges andere der
Schwere zu, was nicht in derselben Weise vom Geiste gel-
ten kann, so, daß sie teübar, meßbar usw. sei. Nachdem
ich dies aber zur Genüge bemerkt und die Idee des Gei-
stes von der des Körpers und den Ideen der körperiichen
Bewegung genau unterschieden und bemerkt hatte, daß
aUe übrigen Ideen von realen Qualitäten und substantiellen
Formen, die ich früher hatte, aus ihnen von mir zusammen-
getragen oder geschmiedet worden waren, | gelang es mir [597]
mit großer Leichtigkeit, mich von allen hier vorgetragenen
Zweifeln zu befreien.
Erstens nämlich zweifelte ich nicht mehr daran, daß
ich eine klare Idee meines Geistes hatte, da ich mir seiner
unmittelbar bewußt war; ebensowenig, daß diese Idee von
den Ideen der übrigen Dinge voUkonmien verschieden war
Bescartes. Mcdiutionen.
25
384
Descartes, Meditationen.
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände.
385
I
und nichts von Körperlichkeit hatte; da ich ja die wahren
Ideen auch der übrigen Dinge erforscht hatte und sie aUe
im allgemeinen zu erkennen schien und gar nichts in ihnen
fand, was nicht von der Idee des Geistes vollständig ver-
schieden war. Auch bemerkte ich, daß eine weit größere
Verschiedenheit zwischen den Dingen vorhanden war, die,
wenngleich ich über beide aufmerksam nachdachte, nichts-
destoweniger distinkt erschienen, wie das für Geist und
Körper zutrifft, als zwischen denen, von denen wir zwar das
eine einsehen können, ohne an das andere zu denken, bei
denen wir aber dennoch, wenn wir an beide denken, nicht
bemerken, daß eins ohne das andere sein kann. So läßt
sich in der Tat die Unermeßlichkeit Gottes einsehen, wenn-
gleich man seine Gerechtigkeit nicht in Betracht zieht, es
ist aber durchaus widerstreitend, daß, wenn wir auf beide
Eigenschaften achten, wir glauben, er sei unermeßlich und
trotzdem nicht gerecht.
[598] Auch Gottes Existenz kann richtig erkannt werden, |
selbst wenn man von den Personen der heiligen Trinität
nichts weiß, die ja nur von einem vom Glaubenslicht er-
leuchteten Geiste erfaßt werden können. Wenn diese aber
einmal erfaßt sind, so behaupte ich, kann unter ihnen keine
reale Verschiedenheit bezüglich der göttlichen Wesenheit
erkannt werden, wenn dies auch bezüglich ihrer Be-
ziehungen möglich ist.
Auch habe ich nicht mehr gefürchtet, ich möchte mich
etwa durch meine Analysis haben verwirren und täuschen
lassen, als ich, darum weil ich bemerkte, daß es Körper
gibt, die kein Bewußtsein haben, oder vielmehr klar einsah,
daß gewisse Körper ohne Bewußtsein sein können, es vor-
gezogen habe, festzusetzen, daß das Bewußtsein zu der Natur
des Körpers nicht gehört, lieber als darum, weü ich einige
andere Körper bemerkte so z. B. die menschlichen, die
Bewußtsein haben, daraus zu schließen, daß das Bewußtsein
ein Modus des Körpers ist. Denn ich habe in der Tat nie-
mals gesehen, noch begriffen, daß menschliche Körper Be-
wußtsein haben, sondern nur, daß es dieselben Menschen
sind, die Bewußtsein und die einen Körper haben. Und ich
habe erkannt, daß dies durch die Zusanmiensetzung der
denkenden mit der ausgedehnten Substanz geschieht, da ich
nänüich bei der gesonderten Untersuchung der denkenden
Sache nichts in ihr entdeckt habe, was zum Körper gehörte,
wie ich auch | in der für sich betrachteten körperlichen [599
Natur kern Bewußtsein entdeckte. Ganz im Gegenteü be-
merkte ich vielmehr, indem ich aUe Modi sowohl des Kör-
pers wie des Geistes untersuchte, keinen einzigen, dessen
Begriff nicht von dem der Sache, deren Modus er war, ab-
hing. Und daraus, daß man irgendwelche zwei Dinge häufig
miteinander verbunden sieht, darf man nicht schließen, daß
sie ein und dasselbe Ding sind, sondern daraus, daß man
bisweilen das eine von ihnen ohne das andere bemerkt,
folgt zweifellos, daß sie verschieden sind. Auch dürfen
wir uns nicht von dieser Folgerung durch die Macht Gottes
abbnngen lassen; denn es schließt ebenso einen Wider-
spruch in sich, daß das, was wir gleichsam als zwei ver-
schiedene Dinge klar erfassen, innerlich und ohne Zusam-
mensetzung ein und dasselbe sei, wie daß das, was auf keine
Weise verschieden ist, getrennt werden könnte. Und des-
wegen kann Gott, wenn er gewissen Körpern die Kraft zu
denken eingefügt hat, wie in Wahrheit den Körpern der
Menschen, gerade diese Kraft wieder von ihnen trennen,
und so ist sie nichtsdestoweniger von den Körpern wirklich
verschieden.
Auch wundere ich mich nicht, daß ich einstmals, bevor
ich mich von den Vorurteilen der Sinne befreit hatte zwar
richtig erfaßte, daß „2 + 3 = 5, daß Gleiches von Gleichem
I Gleiches gibt" und viel derartiges, während ich dennoch [600]
nicht glaubte, daß „die Seele des Menschen von seinem
Korper verschieden sei"; denn leicht erkenne ich, daß ich
in meiner Kindheit über die Sätze, die alle in gleicher Weise
zugeben, nicht falsch geurteüt habe, weü sie mir damals
noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen waren und
die Kinder nicht eher lernen 2 + 3 zusammenzuzählen, als
sie fähig sind, zu urteüen ob sie 5 ergeben, und so fort.
Dagegen habe ich von meiner frühesten Jugend an Geist
und Körper — aus denen ich mich nämlich, wie ich ver-
worren bemerkte, zusammensetzte — als eine Art Emheit
gedacht; auch ist das der Fehler bei fast jeder unvollkom-
26*
386
Descartes, Meditationen.
I
I
menen Erkenntnis, daß dabei vieles miteinander als eine
Art Einheit aufgefaßt wird, was später dann durch eine ge-
nauere Untersuchung unterschieden werden muß.
Aber sehr wundere ich mich, daß gelehrte Männer, die
sich seit dreißig Jahren mit Metaphysik beschäftigen, noch
nach siebenmaliger Lektüre meiner Meditationen meinen,
„wenn ich sie mit der gleichen Gesinnung wieder läse, mit
der ich sie prüfte, falls sie mir von einem persönlichen
Feinde vorgelegt wären, so würde ich die in ihnen ange-
wandte Beweisführung nicht für so gewichtig und zwingend
halten, daß ihr alle zustimmen müßten'*. Gleichwohl ver-
[601] mögen sie dabei | keinen einzigen Fehler in dieser meiner
Beweisführung aufzuzeigen. Und wahrUch, sie halten weit
mehr von mir, als sie sollten, oder auch als man von irgend-
einem Menschen halten darf, wenn sie meinen, daß ich eine
Analysis gebrauche, mit deren Hilfe wahre Beweise um-
gestürzt und falsche so verdeckt werden oder einen solchen
Anstrich erhalten, daß kein anderer sie umstürzen kann.
Gerade im Gegenteil I Ich gestehe, daß ich nur nach einer
solchen getrachtet habe, durch die die Gewißheit wahrer
Beweisgründe und die Fehler der falschen erkannt werden
können. Deswegen bin ich nicht so sehr erstaunt, daß die
Gelehrten meinen Schlüssen noch nicht zustimmen, als viel-
mehr, daß sie nach einer aufmerksamen und wiederholten
Lektüre meiner Beweise nichts zeigen, was in ihnen etwa ver-
kehrt angenommen oder nicht richtig gefolgert wäre; denn
daß sie die Schlüsse nur mit Mühe zugeben, kann leicht einer
eingewurzelten Gewohnheit, anders hierüber zu urteilen, zu-
geschrieben werden; so können sich die Astronomen, wie
schon oben bemerkt, nicht leicht vorstellen, daß die Sonne
größer als die Erde ist, obgleich sie das durch ganz sichere
Berechnungen beweisen. Weder jene Männer also noch
andere, soviel ich weiß, haben irgend etwas bisher an
[602] meinen Folgerungen getadelt. | Das kommt aber nur daher,
weil diese Schlüsse gänzlich wahr und gewiß sind, zumal
da sie selbst aus keinen unklaren und unbekannten Prin-
zipien gefolgert werden, sondern erstens von einem völligen
Zweifel an allen Dingen ausgehen und dann aus dem, was
einem von Vorurteilen freien Geiste als das Sicherste und
Antwort des Verfassers auf die sechsten Einwände. 387
Gewisseste von allem erscheint. Schritt vor Schritt ab-
geleitet smd; daraus folgt nämlich, daß es gar keine Irr-
tümer in ihnen geben kann, die nicht leicht auch ein mittel-
mäßiger Kopf bemerken könnte. Und so glaube ich mit
Recht schließen zu können, nicht, daß die Wahrheit der
Dinge, die ich beschrieben habe, erschüttert werde durch
die Autorität gelehrter Männer, die trotz wiederholter Lek-
türe sich nicht überzeugen lassen können; im Gegenteü
wird sie durch die Autorität gerade dieser Männer gestärkt,
weil sie nach so häufiger genauer Prüfung keine Irrtümer
oder Paralogismen in meinen Beweisen bemerkt haben.
I
*
m Siebente Einwände
mit Anmerkungen des Verfassers
oder
Abhandlung über die Grundlagen der Philosophie*)
A. /Du fragst mich viel, ausgezeichneter Mann, über die
neue Methode, die Wahrheit aufzufinden, und forderst nicht
nur, daß ich darauf antworte, sondern drängst auch hart-
B. nackig darauf. / Dennoch werde ich schweigen und nicht
willfahren, wenn Du mir nicht das zuvor zugestehst, daß
wir in der ganzen Untersuchung gänzlich von denen absehen,
die hierüber entweder geschrieben oder irgend etwas gesagt
haben; und ich füge hinzu. Du mußt Deine Fragen so
steUen, daß es ja nicht scheint, als fragtest Du danach, was
sie gemeint haben, und in welchem Sinne, mit welchem Aus-
gange, ob richtig oder nicht; sondern so, als ob niemand
darüber irgend etwas gemeint, geschrieben und gesagt hätte,
sollst Du nur fragen nach dem, was Dir bei Deinem Nach-
sinnen und beim Forschen nach irgendeiner neuen Methode
zu phUosophieren irgendeine Schwierigkeit zu haben schei-
nen wird, so daß auf diese Weise wir sowohl die Wahrheit
suchen als auch so suchen, daß die Gebote der Freund-
[4] Schaft und Hochachtung gegen die gelehrten Män|ner heil
und unversehrt bleiben. Dieweü Du dem zustimmst und es
versprichst, entspreche ich auch Deinem Wunsche. Also . . .
Anmerkungen.
A. / „Du fragst mich viel**. Da ich diese Abhandlung von
ihrem Verfasser erhielt, nachdem ich inständig gebeten
*) Die siebenten Einwände (von Bourdin) und die dazugehörigen
Bemerkungen Descartes' fehlen in der ersten Auflage (1641) und
sind in der zweiten Auflage (von 1642) mit neuer Paginierung (S.
1_138) versehen, wobei das neue Titelblatt als S. 1 und das fol-
gende leere Blatt als S. 2 mitzählen.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 389
hatte, er möchte das, was von ihm gegen meine Meditationen
über die Grundlagen der Philosophie, wie ich hörte, ge-
schrieben worden war, „entweder herausgeben oder wenig-
stens mir übersenden, damit es den übrigen Einwendungen
gegen diese Meditationen, die von anderen verfaßt waren,
angefügt würde"*), konnte ich mich nicht weigern, sie hier
anzufügen; auch konnte ich nicht zweifeln, daß ich es bin,
den er hier anredet, obgleich ich mich tatsächlich nicht er-
innere, ihn je danach gefragt zu haben, was er über meine
Methode, die Wahrheit zu suchen, dächte. Vielmehr im
GegenteU, als ich vor anderthalb Jahren eine gewisse von
ihm gegen mich verfaßte Streitschrift sah, in der, meiner
Memung nach, nicht nach der Wahrheit gesucht, sondern
etwas, was ich niemals geschrieben noch gedacht habe, mir
angedichtet wurde, ließ ich keinen Zweifel daran, daß ich
in Zukunft alles, was von ihm allein käme, keiner Ant-
wort würdigen würde. Da er aber einer Gesellschaft an-
gehört, die wegen ihrer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit
höchst berühmt ist und deren Mitglieder alle so unterein-
ander verbunden sind, daß selten irgend etwas von einem
von ihnen geschieht, was nicht von allen gebilligt würde,
gestehe ich, daß ich nicht nur gefordert, sondern auch hart-
näckig darauf gedrungen habe, daß | einige aus dieser Ge- [5]
Seilschaft mir die Ehre erwiesen, meine Schriften zu prüfen
und mü- alles, was sich in ihnen nicht mit der Wahrheit ver-
trägt, anzuzeigen. Ich habe auch viele Gründe hinzugefügt,
auf die ich meine Hoffnung gründete, daß mir das nicht
versagt werden würde, und betont, daß ich wegen dieser
Hoffnung „alles, was in Zukunft entweder von diesem Ver-
fasser oder von irgendeinem anderen eben dieser Gesell-
schaft über meine Meinungen geschrieben werden würde,
sehr hoch schätzen würde, und daß ich nicht zweifeln würde,
daß das, wessen Namen es auch immer trüge, nicht von
diesem einen, sondern von mehreren der gelehrtesten und
klügsten Mitglieder eben dieser Gesellschaft verfaßt, geprüft
und berichtigt wäre, und daß es daher keine Sticheleien ent-
«« J"^ Descartes zitiert hier aus seinem Brief an Mersenne vom
22. Dezember 1641.
390
Descartes, Meditationen.
hielte, keine Trugschlüsse, keine Schmähungen und keine
leere Geschwätzigkeit, sondern nur ganz sichere und zuver-
lässige Gründe, und daß von den Argumenten, die mit
Recht gegen mich angeführt werden können, keins darin
fehlte, so daß ich darauf vertrauen konnte, durch diese eine
Schrift von allen meinen Irrtümern befreit zu werden, und
wenn etwas von dem, was ich veröffentlicht habe, darin nicht
widerlegt worden wäre, daß es dann von niemand widerlegt
werden könne, sondern ich die Überzeugung haben konnte,
daß es schlechterdings wahr und gewiß sei** *). Daher würde
ich jetzt all das für diese Abhandlung für zutreffend halten
und glauben, sie sei auf Befehl der ganzen Gesellschaft ver-
faßt, wenn ich gewiß wäre, daß in ihr keine Sticheleien,
keine Trugschlüsse, keine Schmähungen und keine leere Ge-
schwätzigkeit enthalten sind. Doch wenn wirklich welche
vorhanden sind, dann halte ich es für verboten, zu glauben,
[6] daß sie von so heiligen Männern stammen. Und | da ich ja
hierin nicht meinem Urteile traue, will ich hier offen imd
freimütig sagen, was mir scheint, nicht um den Leser zu
zwingen, auf alle Fälle meinen Worten zu glauben, sondern
nur um ihm Gelegenheit zu geben, die Wahrheit zu prüfen.
B. / „Dennoch werde ich schweigen usw." Hier verspricht
unser Verfasser, er werde niemandes Schrift bekämpfen,
sondern nur auf das, was ich ihn selbst gefragt habe, ant-
worten. Und doch habe ich ihn niemals etwas gefragt, und
ich habe den Menschen niemals angeredet oder gesehen.
Allerdings setzt er das, was ich, wie er vorgibt, ihn frage,
größtenteils aus den Worten, die in meinen Meditationen
vorkommen, zusammen, so daß es ganz klar ist, daß sich sein
Angriff auf nichts anderes als auf sie richtet. Die Gründe aber,
warum er das Gegenteü erdichtet, sind vielleicht ehrenvoll
und fromm, doch ich kann nicht anders vermuten, als daß
er meine, auf diese Weise sei ihm eher erlaubt, mir alles
beliebige anzudichten, weü er ja aus meinen Schriften nicht
der Fälschung uürde überführt werden können, da er betont,
daß er sie nicht bekämpfe; und außerdem, daß er sich
hüten wiU, seinen Lesern eine Gelegenheit zu geben, das zu
♦) Aus dem Briefe an denselben vom 30. August 1640.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 391
prüfen (er würde sie nämlich vielleicht geben, wenn er davon
spräche), und daß er es vorzieht, mich als einen so albernen
und imerfahrenen Menschen hinzustellen, daß er sie von
der Lektüre all dessen, was je von mir ausgehen wird, ab-
schreckt. So versucht er, mein Antlitz mit einer aus Bruch-
stücken meiner Meditationen schlecht zusammengeflickten
Maske gewissermaßen nicht sowohl zu bedecken, als viel-
mehr zu entstellen. Ich meinerseits reiße diese aber herab
und schleudere sie fort, einmal, weU ich nicht daran gewöhnt
bin, Miunmenschanz zu treiben, und dann, weil dies sich
hier, wo ich | mit einem frommen Manne um eine sehr ernste [7]
Sache streite, durchaus nicht geziemt.
Erste Frage.
Ob und inwiefern Zweifelhaftes für falsch
zu halten ist.
Du fragst zuerst, ob jene Regel für die Erforschung der
Wahrheit berechtigt ist : ,, Alles, was auch nur im geringsten
zweifelhaft ist, muß für falsch gehalten werden.'* Damit ich
antworten kann, muß ich Dich erst einiges fragen: 1. Was
bedeutet jenes geringste Maß von Zweifel? 2. Was die
Worte „für falsch zu halten"? 3. Inmefem ist es „für falsch
zu halten'*?
§ 1. Das geringste Maß von Zweifel.
Was heißt jenes geringste Maß? Du sagst, ich werde
Dich nicht mit vielen Worten aufhalten. Das enthält etwas
Zweifel, woran ich zweifeln kann, ob es ist oder ob es
sich so verhält, zwar nicht aufs Geratewohl, sondern /aus C.
triftigen Gründen. Außerdem enthält das etwas Zweifel,
worin ich, auch wenn es mir klar scheint, von irgend-
einem bösen Geiste getäuscht werden kann, der mich be-
trügen will und durch seine Künste und Blendwerk erreichen
if»
392
Descartes, Meditationen.
will, daß das klar und gewiß erscheint, was in Wirklichkeit
[8] falsch ist. | Die erste Art enthält nicht wenig Zweifel, die
zweite zwar etwas, doch nur in ganz geringem Maße, und
doch genug, um als zweifelhaft bezeichnet zu werden und es
zu sein. Willst Du ein Beispiel? Daß die Erde, der Himmel,
die Farben existieren, daß Du einen Kopf, Augen, Körper
und Geist hast, das sind zweifelhafte Dinge der ersten Art;
von der zweiten Art aber sind folgende Sätze: 2 + 3 = 5,
das Ganze ist größer als der Teil, und ähnliches.
Vortrefflich ! Aber wenn sich die Sache so verhält, was
wird's dann bitte geben, das etwas Zweifel enthält, was
wird von der Befürchtung frei sein, die der schlaue Geist
D. bereitet? / Nichts, antwortest Du, überhaupt nichts, bis wir
ausgemacht haben, daß Gott existiert und nicht täuschen
kann, und zwar gewiß und von den sichersten Prinzipien
der Metaphysik aus erforscht haben, {so daß dies die alleinige
Regel ist. Solange man nicht Bescheid weiß, ob Gott ist
und, wenn er ist, ob er ein Betrüger sein kann, glaube ich
nicht, je über irgendein anderes Ding gewiß sein zu können;
und in der Tat, damit du hier meine Meinung ganz durch-
schaust, solange ich nicht weiß, daß Gott existiert, und
zwar ein wahrhaftiger Gott, der jenen bösen Geist in Schran-
ken hält, werde ich immer fürchten können und müssen, daß
er mich ja nicht betrügt und mir das Falsche unter dem
Bilde der Wahrheit als klar und gewiß vorspiegelt. Sobald
ich aber ganz eingesehen habe, daß Gott existiert, und daß
er weder getäuscht werden noch täuschen kann und mithin
notwendigerweise verhindert, daß mir der Geist in dem, was
ich klar und deutlich erkannt habe, etwas vorspiegelt, dann
werde ich wirklich, wenn es so etwas gibt, wenn ich etwas
klar und deutlich erfaßt habe, das als wahr, das als gewiß
[9] bezeichnen, so daß dann dies die Re|gel für das Wahre
und Gewisse ist: All das ist wahr, was ich ganz klar und
deutlich erfasse. Ich habe weiter nichts mehr zu fragen
und komme zum zweiten Punkt.
§ 2. Was heißt für falsch halten?
Nur der Form wegen, da es zweifelhaft ist, daß Du
Augen, Kopf und Körper hast, und das also für falsch hal-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 393
ten mußt, möchte ich von Dir wissen, was denn das heißt,
für falsch halten? Etwa glauben und sagen, es ist falsch,
daß ich Augen, Kopf und Körper habe, oder glauben und
ganz im Widerspruche mit dem besseren Wissen sagen, ich
habe keine Augen, Kopf, Körper, oder, um mich des Aus-
drucks zu bedienen, / glauben, sagen und setzen das Gegen- E.
teü von dem, was zweifelhaft ist? Just das, sagst Du. Gut.
Doch antworte bitte noch weiter. Es ist nicht sicher, daß
2 + 3 = 5. Soll ich also glauben und setzen : 2 + 3 nicht = 5 ?
Glaube es, sagst Du, und setze es. Weiter! Es ist nicht ge-
wiß, daß ich, während ich dies sage, wache und nicht
träume. Oder soll ich also glauben und sagen: Während ich
so spreche, wache ich nicht, sondern träume? Glaube es,
sagst Du, und sags. Ich will noch dies als Letztes hinzu-
fügen, um nicht langrweilig zu werden. Es ist nicht gewiß,
daß das, was einem, der im Zweifel ist, ob er wacht oder
schläft, als klar und gewiß erscheint, gewiß und klar ist.
Soll ich es also glauben und sagen: Was einem, der im
Zweifel ist, ob er wacht oder schläft, als klar und gewiß
erscheint, das ist nicht klar und gewiß, sondern dunkel und
falsch? Was zögerst Du? Du kannst nicht über Gebühr
Dich dem Mißtrauen hingeben. | Oder ist es Dir niemals [10]
zugestoßen, wie sehr vielen anderen, daß Dir im Traume
das gewiß und klar erschien, was, wie Du später in Er-
fahrung brachtest, zweifelhaft und falsch war? Es ist für-
wahr ein Zeichen von Klugheit, niemals denen ganz zu
trauen, die Einen auch nur einmal getäuscht haben ;/ aber, F.
sagst Du, mit dem im höchsten Grade Gewissen verhält es
sich anders. Das ist derart, daß es selbst den Träumenden
oder Verrückten nicht zweifelhaft erscheinen kann. Bitte,
sprichst Du im Ernst, wenn Du jenes ganz Gewisse so dar-
stellst, daß es nicht einmal den Träumenden oder Verrück-
ten zweifelhaft erscheinen kann? Was ist denn dann das?
Und wenn den Schlafenden, wenn Leuten, die nicht ganz
richtig sind, das, was lächerlich, was widersinnig ist, bis-
weilen als gewiß, ja als ganz gewiß erscheint, warum sollte
ihnen nicht auch das, was falsch und zweifelhaft ist, als
gewiß, ja als ganz gewiß erscheinen? Ich kenne einen, der
einst im Schlafe die vierte Stunde schlagen hörte und so
394
Descartes, Meditationen.
zählte: eins, eins, eins, eins, und dann bei der Widersinnig-
keit dieser Erscheinung, die er mit dem Geiste erfaßte, aus-
rief: „Wirklich, die Uhr ist verrückt, sie hat viermal ein
Uhr geschlagen." Und in der Tat, was ist so widersinnig
und widerspricht der Vernunft so, daß es einem Schlafenden
oder einem Verrückten nicht in den Sinn kommen könnte,
was ein Träumender nicht billigte, nicht glaubte, und zu
dem er sich nicht Glück wünschte, als hätte er etwas Aus-
gezeichnetes erfunden oder erdacht? In der Tat, um nicht
mit vielen Worten mit Dir zu streiten. Du wirst es nie dahin
bringen, daß ich diesen Satz : „Was einem, der zweifelt, ob
er träumt oder wacht, gewiß erscheint, ist gewiß und ist
[11] so gewiß, daß es gewissermaßen als Grundlage | einer Wis-
senschaft, und zwar einer ganz gewissen und einer ganz
genauen Metaphysik hmgestellt werden kann" — daß ich
diesen Satz, sage ich, für so gewiß halte, wie jene Gleichung
2 + 3 = 5, geschweige denn für so gewiß, daß daran nie-
mand in irgendeiner Weise zweifeln könnte, noch darin von
irgendeinem bösen Geiste getäuscht werden könnte; und
dennoch glaube ich nicht, befürchten zu müssen, wenn ich
bei dieser Meinung beharre, daß mich jemand für recht-
haberisch hält. Daher werde ich entweder nach Deiner
Regel so sagen: „Es ist nicht gewiß, daß das wahr ist, was
dem gewiß erscheint, der zweifelt, ob er wacht oder schläft.
Also das, was einem, der zweifelt, ob er wacht oder schläft,
als gewiß erscheint, das kann und muß als falsch erachtet
werden, und muß gänzlich für falsch gehalten werden."
Oder solltest Du irgendeine andere besondere Regel haben,
so teüe sie mir miti Ich komme zum dritten Punkte.
§3. Inwiefern es für falsch zu halten ist.
Ich frage, da es nicht gewiß scheint, daß 2 + 3 = 5,
und da ich in Gemäßheit der vorausgehenden Regel glau-
ben und sagen muß, 2 + 3 nicht = 5, ob ich das immer so
glauben muß, so daß ich zu der Auffassung gelangen muß,
es könne nicht anders sein, als daß es gewiß ist. Du wun-
derst Dich über diese meine Frage. Und es ist kein Wun-
der, da ich mich selbst wundere. Doch Du mußt antworten,
wenn Du von mir eine Antwort erwartest. Soll ich das für
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 395
gewiß halten, 2 + 3 nicht =5? Ja, Du wülst, daß das so
sei, und daß es allen gewiß erscheine und | so gewiß, daß ri21
es auch vor den Künsten des bösen Geistes sicher ist?
Du lachst und sagst, wie kommt das einem vernünftigen
Menschen m den Sinn.
Was denn also? Wird es zweifelhaft und ungewiß sein
so wie die Gleichung 2 + 3 = 5? Wenn dem so ist, wenn
das zweifelhaft ist, 2 + 3 nicht = 5, dann werde ich glauben
und in Gemaßheit Demer Regel sagen, das sei falsch, und
somit das Gegenteil setzen und so behaupten, 2 + 3 = 5 Und
m derselben Weise werde ich in den übrigen Fragen ver-
fahren und, weil es nicht gewiß zu sein scheint, daß es
irgendeinen Körper gibt, sagen: Es existiert kein Körper
und, weü der Satz nicht gewiß ist: Es existiert kein Kör'
per, sagen ganz im Widerspruche mit meinem besseren Wis-
sen, es existiert irgendein Körper, und in demselben Atem
es wird sowohl ein Körper existieren, als auch, es wird keiner
existieren.
So ist es, sagst Du, /und das heißt zweifeln, sich im G
Kreise drehen, gehen, zurückkehren, dies und jenes be- *
haupten und bestreiten, einen Nagel einschlagen und wieder
herausreißen.
Ganz vortrefflich; doch was soll ich tun, was mit den
Dingen anfangen, die zweifelhaft sein werden? Was mit der
Gleichung 2 + 3 = 5? Und was mit dem Satze, es existiert
irgendein Körper? Soll ich sie setzen oder verneinen?
Du wirst sie weder setzen, sagst Du, noch bestreiten,
kems von beiden wirst Du tun. Beides wirst Du für falsch
halten und mcht von diesen Dingen, die so schwanken,
ugend etwas erwarten, es sei denn etwas Schwankendes,
Zweifelhaftes und Ungewisses.
Weü mir nichts mehr zu fragen bleibt, antworte ich
darauf, sobald ich emen kurzen [Überblick über Deine Lehre n^l
aufgestellt habe: L An allen Dingen und zumal an den ^ ^
matenellen können wir zweifeln, solange wir nämlich keine
anderen Grundlagen der Wissenschaften besitzen als die die
vvu- bisher gehabt haben. 2. Etwas für falsch halten heißt
Ihm wie etwas offensichtlich Falschem seine Zustimmung
vorenthalten und ganz im Widerspruche mit seinem besseren
396
Descartes, Meditationen.
Wissen seine Meinung darüber ab falsch und eingebildet
hinstellen. 3. Soweit muß das, was zweifelhaft ist, für falsch
gehalten werden, daß auch sein Gegenteil zweifelhaft ist
und für falsch gehalten wird.
Anmerkungen.
Ich müßte mich schämen, daß ich allzu sorgfältig bin
und zu viel Worte darauf verwende, all das anzumerken,
was, wie ich anerkenne, hier ungefähr mit meinen Worten
ausgedrückt wird, ohne daß es doch meine Worte sind.
Doch ich bitte die Leser nur, sich das ins Gedächtnis zu
rufen, was ich in der ersten Meditation und am Anfang der
zweiten und dritten und in der Übersicht derselben ge-
schrieben habe; sie werden nämlich bemerken, daß fast
alles, was sich hier vorfindet, zwar von dort hergenonmien
ist, doch so verdreht, verwirrt und falsch aufgefaßt hin-
gesetzt wird, daß, wenn es dort auch durchaus nur mit der
Vernunft im Einklang Stehendes enthält, hier dennoch
großenteils ganz widersinnig erscheint.
C. / „Aus triftigen Gründen." Ich sagte am Schluß der
ersten Meditation, wir könnten an aUe dem. was wir noch
[14] nicht hinreichend klar durchschaut haben, zweifeln aus | trif-
tigen und wohlerwogenen Gründen; denn dort handelte es
sich nur um jenen höchsten Zweifel, der. wie ich oft betont
habe, ein metaphysischer, hyperbolischer ist und auf die
Praxis des Lebens in keiner Weise übertragen werden darf,
und in bezug auf den aU das, was nur im geringsten Arg-
wohn erwecken kann, für einen ausreichend triftigen Grund
genommen werden darf. Hier aber führt der Uebenswürdige
und aufrichtige Mann zum Beispiel für die Dinge, an denen,
wie ich sagte, aus triftigen Gründen gezweifelt wird, folgende
Dinge an : ob es die Erde gebe, ob ich einen Körper habe
und ähnliches, natürlich in der Absicht, daß seine Leser, die
von diesem metaphysischen Zweifel nichts wissen werden,
ihn auf die Praxis des Lebens übertragen und dann meinen,
ich sei nicht ganz richtig.
D. / „Nichts, sagst Du, überhaupt nichts." In welchem
Sinne dieses Nichts verstanden werden muß. habe ich hin-
reichend an verschiedenen SteUen auseinandergesetzt: näm-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 397
Hch «). daß wir solange wir unsere Aufmerksamkeit auf
ZJZ" "^'^'u "'^^^"' ^' ^ ^^^ kl^r erfassen.^
Ihr selbst zwar nicht zweifeln können, doch so, daß we^
richten, (wenn wir uns auch erimiern, vorher viele so durch
nkh? mit acht '^ 'Tr' '^''^^ ^^'^-^- ist. an der "t
Jas w^ 2r t '''^'f'^''' *«°° ^i"- nicht wissen, daß aU
das, was wir klar erfassen, wahr sei. Hier aber versteht
daraus daß ich einmal gesagt habe, es gäbe nichts woran
man nicht zweifeln dürfe (nämlich in der ersterMlditXn
"" JfV,"^ vorausschickte, daß ich auf nichts achte was S
r de^"rf "'f ' *"'" ^"^"^ ^'^'^^' i<=fa könnte ^11^
ob die Grunde, die wu- inzwischen besitzen, um an irgend-
i^er te"fet'mLe'"'"^°' '^ '^ '"^ '^'^^'''^^ ^^^^
zweifei£ft"ist ••' DoT' ^- ?^^^°^^" J°° ^em setzen, was E.
llrlf fl 'T^"^^" ^"^ ^^'•'^ h^"«n «der als falsch ver-
siünH^'H *'" 'fa'"" ^'""'^''^ auseinandergesetzt, ich ver-
Sssen'Vr; ^. °^'''' ^'"^ S"^»^^" "^^^ metaphysisch
gewissen Wahrheiten das Zweifelhafte nicht mehr zu be-
rucksichtigen sei als das ganz Falsche, so daß kein Mensch
konnte und kemer mir andichten konnte, ich hätte das
SrtiT ^'"' ^,-«f-"^aft ist, glauben woU n, iS
Sben n"'"' r«'\^"'' '^"""^ ^^^'> "i'^h hätte es so
könne .inTv'^'^J'^ '" '^'' Überzeugung gelangte, es
könne sich mcht anders verhalten, und das sei gewiß"-
ÄeT,r'''H^''' f^ ""^'^ ''^^'^'' '^' «inen Spotte;
letn HnH *' °' .^T"'^ ""^ '""^^ Auffassung unter-
nS' hYn Tr ^"''^ '^'""^ ^^'''^ ^^'^ ""^e^em Verfasser
nicht behauptet, sondern nur als zweifelhaft hingestellt
diSrT'T ""^'' '^*?'' ^'^ ^'° - heiliger Et
äm/n ^",f^""f. J^-l« schlimmsten Verleumder hat nach-
tuen Zü!n °^' ^' :^ ''' ^^'^ ^°^^^«° ^«gl^"bt
wissen woUen, nur so nebenher erzählen, indem sie hinzu-
398
Descartes, Meditationen.
fügen, daß sie es selbst nicht glauben, um desto sicherer vor
Strafe schmähen zu können.
F. / „Anders verhält es sich mit dem im höchsten Grade
Gewissen. Das ist derart, daß es selbst den Träumenden
oder Verrückten nicht zweifelhaft erscheinen kann." Ich
weiß nicht, durch welche Analyse mein höchst scharfsinniger
Gegner diese Ansicht aus meinen Schriften hat herleiten
können; denn ich entsinne mich nicht, so etwas jemals,
selbst im Traum nicht, gedacht zu haben. Er hätte zwar au^
meinen Worten schließen können, all das, was von irgend
[16] jemand klar und deutlich erfaßt wird, sei | wahr, wenngleich
jener gewiß bisweilen zweifeln könnte, ob er träumt oder
wacht, ja sogar, wenn er so will, obgleich er träumt, ob-
gleich er verrückt ist, weil nichts klar und deutlich erfaßt
werden kann, von wem es auch immer erfaßt wird, was nicht
so wäre, wie es erfaßt wird, das heißt, was nicht wahr wäre.
Aber weil die klugen Leute allein richtig unterscheiden
zwischen dem, was so erfaßt wird, und dem, was nur scheint
oder erscheint (apparet), so will ich mich nicht wundern, daß
der treffliche Mann hier das eine für das andere nimmt.
G. / „Und das heißt zweifeln, sich im Kreise drehen*' usw.
Ich habe gesagt, man dürfe das Zweifelhafte nicht mehr
berücksichtigen, als wenn es überhaupt falsch wäre, um das
Denken ganz davon abzulenken, nicht aber, um bald das
eine, bald sein GegenteU zu behaupten. Doch unser Ver-
fasser hat eben jede Gelegenheit zu Sticheleien gesucht. Da-
bei aber verlohnt es sich anzumerken, daß er selbst hier am
Schluß, wo er, wie er sagt, eine kurze Übersicht über meine
Lehre zusammenstellt, nichts von dem mir beilegt, was er
im Vorhergehenden oder Folgenden tadelt oder bespöttelt.
Und so wissen wir denn, daß er mir das nur zum Scherze
angedichtet, aber es nicht im Ernst geglaubt hat!
Antwort.
Antwort 1. Wenn jene Regel beim Forschen nach der
Wahrheit: „Das, was im geringsten Zweifel enthält, ist für
falsch zu halten", so verstanden wird: „Wenn wir danach
forschen, was gewiß sei, dürfen wir uns in keiner Weise auf
[17] das stützen, was nicht | gewiß ist, oder was irgendwie Zweifel
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 399
enthält" dann ist sie berechtigt, eingebürgert und ganz all-
gemein bei aUen PhUosophen üblich
Antwort 2. Wenn die besagte Regel so verstanden
:JJ aUeTTleh'n'e^"' '^"?^"' ^^ '^^^' s.i,TSst:
Weise zwei^llhrr- 7^ "'f I ^"^''^ °^^' •" irgendeiner
weise zweifelhaft ist, so daß wir uns darauf in keiner
T:L7är:r''^ es mfolgedessen betrachten, als wäe
es nicht da oder es vielmehr überhaupt nicht in Betracht
bereStiS sich ^""'f 1^"" "''^^'^^""' ^^^^ -^ -« "-h
besitz? ^; T ""f '^^^'' *^^° Anfängern geläufig und
Saß sieTch t' "«^^^^^^h«»den so enge Verwandtschaft,
dab sie sich kaum von ihr unterscheidet
Wenn"T'd?- ^^ f ^'''^' ^'^'' ^ ^^^^ß^ wird:
„Wenn wir danach forschen, was gewiß sei, dann müssen
sd in WiiTlf ""'' ^ ""'T'' '^^^"' ''^^ -'r setzen, es
se. m Wirklichkeit nicht, oder das GegenteU davon se in
eTne sichere' r ""nf"' Voraussetzung gewissermaßen a^^
e ne sichere Grundlage benutzen, oder uns der Dinge be-
dienen, als ob sie nicht existierten, oder uns auf ihre Nicht
sTeS imSr "' T '"r "''^'^ '"'^^'^*'^^- 'rü^eSch'nd
ZweiS J '''"v ""* '^'' '"''*"" Philosophie, da sie etwas
Zwerfelhaftes zur Voraussetzung hat und etwas Ungewisses
zur Erforschung des Wahren und Gewissen, oder dfsTe als
gewiß etwas voraussetzt, was sich bald so, bald so verhält •
zum Beispiel das, bei dem es zweifelhaft ist, ob es in Wirk-
existiert. "' ^''''*'^''' "^^^'^"^ ^' "'°^"^*' '^*' «^^ß ^
knr,'^"^*''' \ ^^"^ ^*"*''' ^'^'^ ^^^^^ ""Sieht und, wie
kurz vorher, sie benutzen wollte, um das Wahre und Gewisse
zu erforschen, so würde er Mittel und Mühe verschwenden, 1 [181
3; er^niZ ^K, 5"""' ''''^^"' ^'^"^ L«''" ^ -halten ^ ^
da er nicht sowohl das. was er sucht, erreicht, als vielmehr
das GegenteU davon. WÜlst Du ein Beispiel? Es forscht
u^^y.^ • °t ? u^ ^°'T'^'' ^^^'' körperlich sein könne,
und bedient sich dabei unter anderem des Satzes • Es ist
nicht gewiß daß irgendein Körper existiert". / Alsi; nach H.
der aufgestellten Regel werde ich setzen und sagen das
Gegented: Es existiert kein Körper. Dami wird er folgern
es existiert kein Körper. Ich bin aber und existiere, wie ich
l>«te«rtes, Mediutionea. o/»
I
400
Descartes, Meditationen.
von anderer Seite her wohl weiß. Also kann ich kein Kör-
per sein. Ausgezeichnet ; aber gib nur acht, wie er von dem-
selben Anfang her das Gegenteil herleitet. Es ist nicht ge-
wiß, sagt er, daß irgendein Körper existiert. Also, nach
der Regel werde ich setzen und sagen : Es existiert kein Kör-
per. Doch wie steht es mit dem Satze: Es existiert kein
Körper? Sicher ist er zweifelhaft und ungewiß. Was leistet
er adso? Und wieso .^ Die Sache ist abgetan. Zweifelhaft
ist der Satz: Es existiert kein Körper. Also werde ich
nach der Regel sagen: Es existiert irgendein Körper. Ich
bin aber und existiere, also kann ich ein Körper sein, wenn
nichts dem widerspricht. Da haben wir es, ich kann Kör-
per sein und kann nicht Körper sein. Genügt das? Ich
habe es wohl recht deutlich gemacht, soweit ich aus den
folgenden Fragen erschließe. Also . . .
Anmerkungen.
Hier in den beiden ersten Antworten bestätigt er all
das, was ich über den vorliegenden Gegenstand geurteilt
habe und was aus meinen Schriften entnommen werden kann.
[19] Doch I er fügt hinzu, „es sei ganz allgemein üblich und auch
den Anfängern geläufig". In den beiden letzten aber tadelt
er das, von dem er glauben machen möchte, ich hätte so
geurteilt, wenngleich es so widersinnig ist, daß es keinem
vernünftigen Menschen in den Sinn kommen kann. Sehr
schlau, damit all die Leute, die meine Meditationen nicht
gelesen haben oder nicht so aufmerksam gelesen haben,
daß sie recht wissen, was in ihnen enthalten ist, auf seine
Autorität hin meinen, ich hätte lächerliche Meinungen, und
damit er die andern, die das nicht glauben werden, wenig-
stens überzeugt, daß nichts von mir beigebracht worden
sei, was nicht ganz allgemein und selbst Anfängern geläufig
wäre. Doch ich verzichte über diesen letzten Punkt auf eine
Auseinandersetzung. Auch habe ich nie in der Neuheit
meiner Meinungen einen Ruhmestitel für mich gesucht,
vielmehr halte ich sie für uralt, weil sie grundwahr sind.
Und ich pflege mich um nichts mehr zu bemühen, als ge-
wisse höchst einfache Wahrheiten aufzufinden, die unserem
Geiste eingeboren sind, so daß jeder andere, sobald er
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 401
darauf aufmerksam gemacht wird, glaubt, er hätte sie schon
immer gewußt Doch es läßt sich leicht einsehen, daß dieser
Verfasser aus kemem anderen Grunde meine Ansichten be-
kämpft, als weil er sie für gut und neu hält; denn fürwahr
wenn er sie für so widersinnig hielte, als er es darstellt, dann
hatte er es eher für angemessen gehalten, sie mit Verachtung
spruchsvoUen Widerlegung zu würdigen.
/ „Also nach der aufgestellten Regel werde ich das H.
Gegenteil setzen und sagen." Ich möchte gerne wissen, auf
welchen Tafeln er denn dieses Gesetz geschrieben gefunden
hat Er hat es zwar schon oben oft genug wiederholt, doch
dort habe ich auch hinreichend | bestritten, daß es mir an- [20]
gehöre, namlich in den Anmerkungen zu den Worten-
Glauben, sagen, setzen das Gegenteil von dem, was zweifel-
haft ist . Auch glaube ich nicht, daß er die Behauptung
aufrecht erhalten wird, daß es mir angehöre, wenn er dar
über befragt wird. Er ließ mich nämlich oben in § 3 über
das was zweifelhaft ist, folgendermaßen sprechen: „Du wirst
weder setzen noch bestreiten, keins von beiden wirst Du
tun, beides wirst Du für falsch halten". Und gleich darauf
in seiner Übersicht über meine Lehre ließ er mich sagen •
„Man niusse seine Zustimmung dem Zweifelhaften wie dem
offensichtlich Falschen versagen und ganz im Widerspruche
mit dem besseren Wissen seine Meinung darüber als falsch
und eingebildet hinsteUen", was etwas ganz anderes ist, als
„setzen und sagen das Gegenteil", das heißt so setzen, daß
jenes Gegenteil für wahr gehalten wird, wie er hier voraus-
setzt. Und wo ich in der ersten Meditation gesagt habe, ich
wolle für eme Weile versuchen, mich von dem Gegenteil
von dem. was ich früher unbedacht geglaubt hatte, zu über-
zeugen da habe ich sogleich hinzugefügt, ich wolle das tun
um auf beiden Seiten die Vorurteile ins Gleichgewicht zu
bnngen und mich dadurch nach der einen Seite nicht mehr
als nach der anderen Seite zu neigen, nicht aber, um eins
von beiden für wahr zu halten und es gewissermaßen als
Grundlage emer im höchsten Maße sicheren Wissenschaft
aufzustellen, wie er auch an anderer Stelle spöttelnd be-
merkt. Daher möchte ich wohl wissen, in welcher Absicht
26*
402
Descartes, Meditationen.
]i
1
H
er diese seine Regel aufgestellt hat. Wenn er es in der Ab-
sicht getan hat, sie niir zuzuschreiben, dann vermisse ich
bei ihm Aufrichtigkeit. Es ergibt sich nämlich aus dem
Gesagten, daß er selbst wohl weiß, daß dies nicht meine
Ansicht ist, weil es unmöglich ist, daß einer glaubt, beides
sei für falsch zu halten, {wie er von mir sagte, daß ich es
glaube,) und zugleich das Gegenteil des einen setzt und be-
[21] hauptet, daß es wahr sei, wie es in dieser Regel steht. |
Wenn er sie aber nur aus Mutwillen aufgestellt hat, um eine
Zielscheibe für seinen Angriff zu haben, dann wundere ich
mich über seinen Mangel an Geistesschärfe, daß er nicht
etwas Wahrscheinlicheres oder Feineres sich hat ausdenken
können. Ich wundere mich auch über seine Zeitvergeudung,
daß er soviel Worte zur Widerlegung einer so abgeschmack-
ten Meinung hat aufwenden können, die nicht einmal einem
siebenjährigen Knaben wahrscheinlich vorkommen dürfte.
Man muß nämlich beachten, daß er bis zu dieser Stelle
durchaus nichts anderes als jene höchst alberne Regel be-
kämpft hat. Schließlich wundere ich mich über seine Ein-
bildungskraft, daß er, während er nur gegen jene faden-
scheinige und aus seinem Gehirn entsprungene Chimäre
kämpft, doch ganz in derselben Weise vorgeht und immer
sich derselben Worte bedient, als wenn er mich zum Gegner
hätte und mich ihm persönlich entgegentreten sähe.
Zweite Frage.
Ob die philosophische Methode auf Grund der
Ablehnung alles Zweifelhaften zweckmäßig ist.
Du fragst zweitens, ob die philosophische Methode auf
Grund der Ablehnung alles dessen, was in irgendeiner Weise
zweifelhaft ist, zweckmäßig ist. Wenn Du diese Methode
nicht ausführlicher dartust, dann hast Du keinen Grund, von
mir eine Antwort zu erwarten, und doch tust Du es.
Um zu philosophieren, sagst Du, um zu erforschen, ob
es etwas Gewisses und im höchsten Grade Gewisses gibt,
I. und was das sei. tue ich das. / Alles, was ich einst geglaubt
habe, was ich früher gewußt habe, halte ich, da es zweifel-
[22] haft und ungewiß ist, für | falsch und lehne es ganz und gar
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 403
ab und gelange zu der Überzeugung, daß es weder eine Erde
gibt, noch einen Himmel, noch irgend etwas von dem, von
dem ich einst geglaubt habe, daß es auf der Welt sei,' son-
dern daß es auch die Welt selbst nicht ^bt, noch irgend-
einen Körper, noch Geist, mit einem Worte nichts. Dann,
nachdem jene allgemeine Ablehnung erfolgt ist und ich be-
kannt habe, daß es nichts gibt, tue ich einen Schritt tief
m meme Philosophie hinein und forsche unter ihrer Füh-
rung nach dem Wahren und Gewissen, vorsichtig, klug,
ganz so, als wenn es irgendeinen sehr mächtigen, sehr ver-
schlagenen Geist gäbe, der mich zum Irrtum verleiten wollte.
Um daher mich nicht täuschen zu lassen, halte ich aufmerk-
sam Umschau und habe den festen Vorsatz, nichts gelten
zu lassen, was nicht derart wäre, daß, mag jener ver-
schmitzte Geist auch noch so sehr sich Mühe geben, er
mich darin in keiner Weise hinters Licht führen kann, aber
ich mich nicht einmal selbst dahin bringen kann, so zu tun,
als ob es nicht wäre, geschweige denn, es zu bestreiten. Ich
denke also, ich überiege und überiege wieder, bis mir irgend
etwas derart begegnet, und, sobald ich darauf stoße, be-
nutze ich es wie einen archimedischen Punkt, um das übrige
auszumachen, und auf diese Weise erhalte ich das eine ganz
gewiß und ausgemacht aus dem andern.
Ganz vortrefflich! Und auf den ersten Anblick würde
ich gerne antworten, jene Methode scheine mir glänzend
und ausgezeichnet. Doch weil Du eine genaue Antwort
von mir erwartest, und ich diese nicht geben kann, es sei
denn, daß ich diese Deine Methode vorher durch einigen
Gebrauch und Übung erprobt habe, wollen wir einen ge-
wöhnlichen und sicheren Weg einschlagen. Wir wollen
selbst erforschen, was denn an ihr ist, und weil Du ihre [231
krummen Wege, Pfade und Schliche kennst und Dich lange
darin geübt hast, sollst Du mir zum Führer dienen. Wohlan,
sprich. Du hast einen marschbereiten Genossen oder Schü-
ler! Was befiehlst Du? Ich mache mich gern auf diesen
Weg, wenn er auch neu und durch seine dunklen Stellen
für einen, der nicht an ihn gewöhnt ist, furchtbar ist; so ge-
waltig reizt mich der Anblick der Wahrheit. Ich höre Dich,
Du befiehlst, ich soll das tun, was ich Dich werde tun sehen!
f»
404
Descartes, Meditationen.
Ich soll dort den Fuß hinsetzen, wo Du ihn hinsetzen wirst.
Fürwahr eine herrliche Art, zu befehlen und zu führen 1 Wie
Du mir gefällst I Ich höre.
§1. Einführung in die Methode.
Zu Anfang sagst Du, wo ich die alten Annahmen über-
lege, „sehe ich mich endlich gezwungen, zuzugestehen, daß
an allem, was ich früher für wahr hielt, zu zweifeln möglich
ist, und das nicht aus Unbesonnenheit oder Leichtsinn, son-
dern aus triftigen und wohlerwogenen Gründen; daß ich
folglich auch diesem allen, nicht minder als dem offenbar
Falschen, fortan meine Zustimmung versagen muß, wenn
ich zu etwas Gewissem gelangen will". Es wird daher,
„denke ich, wohl angebracht sein, wenn ich meiner Willkür
die gerade entgegengesetzte Richtung gebe, mich selbst
täusche und für eine Weile die Fiktion mache, jene alten
Meinungen seien durchweg falsch und seien bloße Einbü-
dungen, bis ich schließlich meine Vorurteüe auf beiden Sei-
ten so ins Gleichgewicht gebracht habe, daß keine verkehrte
Gewohnheit fürder mein Urteil von der wahren Erkenntnis
der Dinge abwendet. So will ich denn annehmen, daß
[24] irgendein böser Geist, | der zugleich höchst mächtig und ver-
schlagen ist, all seinen Fleiß daran gewandt habe, mich zu
täuschen; ich will glauben, Himmel, Luft, Erde, Farben,
Gestalten, Töne und alle Außendinge seien nichts als das
täuschende Spiel von Träumen, durch die dieser meiner
Leichtgläubigkeit Fallen stellt" *). Ich will mich zu der Über-
zeugung bringen, daß überhaupt nichts in der Welt ist, kein
K. Himmel, keine Erde, keine Geister, keine Körper; /ich be-
tone, keine Geister, keine Körper usw. Dies soll ein Mark-
stein sein, und zwar der erste Markstein. „Mich selbst will
ich so ansehen, als hätte ich keine Hände, keine Augen, kein
Fleisch, kein Blut, überhaupt keine Sinne, sondern glaubte
nur fälschlich, dies alles zu besitzen. Und ich werde hart-
näckig an dieser Art der Betrachtung festhalten"**).
Flier wollen wir, wenn es beliebt, ein wenig haltmachen,
*) Diese ganze Stelle wörtlich nach der ersten Meditation (S.
14 f. der Orig.-Ausgabe).
*j Erste Medit. S. 16 der Orig.-Ausg.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 406
um wieder Atem zu schöpfen. Das Neue an diesen Ge-
danken hat mich einigermaßen in Erregung versetzt. Du
befiehlst, ich soll alles Alte ablehnen?
Allerdings, sagst Du, alles!
/Alles? Wer alles sagt, nimmt nichts aus. l
Alles! betonst Du.
Es fällt sehr schwer, doch tue ich es. Aber es ist wirk-
lich sehr hart, und, um es offen einzugestehen, ich tue es
nicht ohne ein Bedenken, und wenn Du mir das nicht nimmst,
dann fürchte ich, es möchte diese unsere Einführung nicht
nach Wunsch von statten gehen. Du gestehst zu, alles Alte
sei zweifelhaft, und, wie Du sagst, / Du gestehst es gezwunge- M.
nermaßen zu. Natürlich, Du läßt mir diese Gewalt antun,
daß auch ich es gezwungenermaßen zugestehe. Was hat
Dich, bitte schön, gezwungen? Ich habe zwar eben von Dir
gehört, I es seien triftige und wohlerwogene Gründe ge- [25]
wesen, doch welche sind es denn? Wenn sie triftig sind,
warum gibst Du sie preis? Was hältst Du sie nicht fest?
Wenn sie zweifelhaft und voll von Bedenken sind, mit wel-
cher Gewalt haben sie Dich gezwungen?
Schau, sagst Du, es liegt auf der Hand. Diese pflege
ich wie Plänklertruppen .vorzuschicken, damit sie die Schlacht
beginnen. Die Sinne täuschen uns nämlich bisweilen. Bis-
weilen schlafen wir, manchmal sind einige Leute von Sin-
nen, und glauben, das zu sehen, was sie keineswegs sehen,
und was nirgends ist.
Das hast Du gesagt? Da Du triftige und wohlerwogene
Gründe versprochen hast, habe ich mich auf gewisse und
von jedem Zweifel freie gefaßt gemacht, denn solche hat
Deine Goldwage, die wir jetzt anwenden, und die so genau
ist, daß sie selbst einen Schatten von Zweifel ablehnt, ge-
fordert. Oder sind diese Deine Gründe tatsächlich derart?
Sind es nicht reine Zweifel und ausschließlich Ver-
mutungen? Die Sinne täuschen uns bisweüen. BisweUen
träumen wir. Einige Leute sind von Sinnen. Doch woher
hast Du das so gewiß und ganz von Zweifel frei bei Berück-
sichtigung Deiner Regel, die Du immer bei der Hand hast :
„Man muß sich sehr hüten, daß man nicht etwas als wahr
gelten läßt, von dem wir nicht beweisen können, daß es
406
Descartes, Meditationen.
wahr sei"? Oder war einmal eine Zeit, zu der Du hättest
mit Gewißheit sagen können, zweifellos täuschen mich jetzt
meine Sinne, das weiß ich genau. Jetzt träume ich; kurz
vorher träumte ich. Dieser hier leidet an Wahnsinn imd
glaubt zu sehen, was er keineswegs sieht, und lügt dabei
nicht. Wenn Du behauptest, daß das eine gewesen sei, dann
schau, wie Du es beweist. Vielmehr, sieh zu, ob nicht jener
[26] böse Geist, an den Du denkst, Dir vielleicht etwas | vor-
gespiegelt hati Und überhaupt muß man befürchten, daß,
während Du eben sagst wie etwas Gewisses und Wohl-
erwogenes: „Die Sinne täuschen uns bisweilen'*, jener ver-
schmitzte Geist mit dem Finger auf Dich deutet und Dich
durch eine Vorspiegelung täuscht. Wenn Du es aber be-
N. streitest, / warum behauptest Du so zuversichtlich, wir träum-
ten bisweilen? Warum kommst Du nicht nach Deinem
ersten Gesetze zu diesem Beschluß : Es ist überhaupt nicht
gewiß, daß die Sinne uns bisweilen getäuscht haben, daß
wir bisweilen geträumt haben, daß bisweilen die Menschen
von Sinnen sind? Also, so werde ich sagen und behaupten:
Niemals täuschen uns die Sinne, wir träumen niemals, nie-
mand ist von Sinnen.
Doch, sagst Du, ich habe den Verdacht.
Das war nämlich mein Bedenken. Sobald ich der Sache
auf den Leib rückte, habe ich gemerkt, daß jene triftigen
Gründe nicht standhalten und fadenscheinig sind wie Ver-
mutungen; und so habe ich mich gefürchtet, sie hart anzu-
fassen. Ich habe Verdacht.
Demnach, sagst Du, habe ich den Verdacht. Es genügt,
wenn Du Verdacht hast. Es genügt, wenn Du sagst, ich
weiß nicht, ob ich wache oder träume; ich weiß nicht, ob
mich die Sinne täuschen oder nicht täuschen.
Nach Deinem Dafürhalten werde ich so recht ge-
sprochen haben; mir genügt es nicht, auch sehe ich nicht
ganz ein, warum Du so schließest: „Ich weiß nicht, ob ich
wache oder träume. Ich träume also bisweilen." Doch wie,
wenn ich nicht träume? Wie, wenn immer? Wie, wenn Du
nicht einmal träumen könntest? Dich sollte tatsächlich der
Geist vor dem schallenden Gelächter schützen dadurch, daß
er Dir endlich die Überzeugung beibrachte, daß Du bis-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 407
weilen träumst und Dich täuschst, während das keineswegs
der Fall ist? Glaube mir, dadurch, daß Du jenen Geist
eingeführt hast, daß Du die triftigen und wohlerwogenen
Gründe durch jenes „vielleicht" eingeschränkt hast, hast
Du ein Übel | eingeführt, von dem Du nichts Gutes erntest. [27]
/ Wie wäre es, wenn jener schlaue Geist Dir alles als zweifei- O.
haft und schwankend vorstellte, während es zuverlässig und
gewiß wäre, und zwar in der Absicht, daß er Dich, wenn Du
alles abgelehnt hast, entblößt kopfüber in die Hölle stürzte?
Hättest Du nicht überlegener gehandelt, wenn Du Dir, bevor
Du es ablehntest, ein gewisses Gesetz aufgestellt hättest,
nach dem das, was abgelehnt wird, mit Recht abgelehnt
wäre? / Es ist in der Tat ein gewichtiges Unternehmen, und P.
von höchster Bedeutung ist jene allgemeine Ablehnung alles
Alten. Und wenn Du auf mich hörst, dann wirst Du Deine
Gedanken zur Beratung versammeln, um ernsthaft zu über-
legen.
Nein, sagst Du, „ich kann meinem Mißtrauen gar nicht
zu weit nachgeben und weiß, daß daraus keine Gefahr oder
Irrtum entstehen kann" *).
/Was? Sagst Du, ich weiß? Gewiß und ohne jeden Q.
Zweifel? so daß wenigstens diese Überreste aus einem so
großen Schiffbruche an der Tempelwand der Wahrheit als
Weihgabe aufgehängt werden können, oder, weü Du ja eine
neue PhUosophie eröffnest und an eine Schule denkst, daß
diese Worte mit goldenen Buchstaben über den Eingang ge-
schrieben werden können : „Gar zu weit kann ich mich dem
Mißtrauen gar nicht hingeben"? sodaß, sage ich, die
Leute, die Dein Heiligtum betreten werden, den Befehl er-
halten, jenen alten Satz, 2 + 3 = 5, abzulegen, diesen Satz
aber sich ins Herz zu schreiben : „Gar zu weit kann ich mich
dem Mißtrauen gar nicht hingeben"? Doch sollte es sich
zutragen, daß ein Anfänger dagegen murrt und sich da-
gegen aufbäumt: Mir wird befohlen, jenen alten und von
niemand je in Zweifel gezogenen Satz, 2 + 3 = 5, beiseite
zu legen, weü es möglich ist, daß mich ein Geist täuscht.
Mir wird dagegen befohlen, / diesen | zweifelhaften und von R. [28]
♦) Erste Meditation S. 16.
408
Descartes, Meditationen.
Bedenken strotzenden Satz, „Gar zu weit kann ich mich
dem Mißtrauen gar nicht hingeben", festzuhalten, als ob
mich darin der Geist nicht täuschen könnte." Was wirst Du
dann sagen? Und wirst Du mir tatsächlich die Gewähr lei-
sten können, daß ich mich nicht zu fürchten, nicht zu
ängstigen brauche, mir kein Bangen vor dem bösen Geiste
bleibt? Magst Du mich mit Hand und Worten bestärken,
S. / nicht ohne ungeheure Furcht vor übertriebenem Mißtrauen
lehne ich diese alten und mir nahezu angeborenen Wahr-
heiten ab und schwöre sie .ib wie etwas Falsches. „Ein
Schluß nach der Form ,Barbara* ist richtig." Dasselbe gilt
für den Satz: ,,Ich bin ein Ding, das aus Körper und Seele
besteht.** Und wenn ich nach Deinen Mienen und nach
Deiner Stimme urteilen darf, bist nicht Du selbst einmal,
der Du Dich anderen zum Führer darbietest, der Du den
Weg bahnst, frei von Furcht. Sag* offen und ehrlich, wie
T. Du zu tun pflegst! / Lehnst Du ohne Bedenken die alte
Wahrheit ab: „Ich besitze eine klare und deutliche Idee
Gottes'*, oder die: „All das ist wahr, was ich ganz klar und
deutlich erfasse", oder die: „Denken, Ernährung, Emp-
finden (sentire) gehören keineswegs dem Körper, sondern
dem Geiste an?" Was soll ich die zahllose Menge derartiger
Dinge durchgehen? In Betreff dieser frage ich im Ernst,
antworte Du, bitte. Kannst Du am Ausgange der alten
Fhüosophie und beim Eingange zur neuen all das abschüt-
teln, ablegen, abschwören, als etwas Falsches, ich meine,
mit voller Überzeugung? Oder wirst Du das Gegenteil
sagen und setzen, und zwar „jetzt*', sogleich: „habe ich
keine klare und deutliche Idee von Gott.*' FälschHch habe
V. ich bisher geglaubt, / „Ernährung, Denken, Empfinden ge-
hörten nicht zum Körper, sondern zum Geiste**? Doch wie
[29] habe ich meinen Vorjsatz vergessen! Was habe ich getan!
Anfangs hatte ich mich Dir ganz anvertraut als Genossen,
als Schüler, und siehe, da stutze ich gleich beim Eintritt
aus Furcht und Eigenwillen. Verzeih; ich habe reichlich
gesündigt und nur die Unzulänglichkeit meines Geistes be-
wiesen. Ich hätte mich ohne jede Furcht in das Düster der
Ablehnung stürzen sollen, und habe gestutzt und Widerstand
geleistet. Ich werde es gut machen, wenn Du verzeihst, und
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 409
die Übeltat durch reichliche und freimütige Preisgabe aller
alten Überzeugungen ganz tügen. Ich lehne ab, ich schwöre
ab alles Alte. Und Du wirst es nicht übelnehmen, wenn ich
nicht bei dem Himmel oder bei der Erde, die Du nicht
gelten lassen wülst, schwöre. Es gibt ja überhaupt nichts,
gar nichts. Auf! Geh voran! Ich folge. Du bist schnell
bei der Hand. So kannst Du Dich nicht weigern, voran-
zugehen.
Anmerkungen.
/„Da zweifelhaft ist, was ich bisher gewußt habe." I.
Hier hat er gesetzt „Ich habe gewußt" statt „Ich habe zu
wissen geglaubt". Es besteht nämlich ein Widerspruch
zwischen den Worten „Ich habe gewußt" und „es ist zweifel-
haft". Doch den hat er zweifellos nicht bemerkt, und man
darf ihn ihm nicht als Böswilligkeit auslegen, sonst näm-
lich hätte er ihn nicht so leichthin berührt, sondern ihn unter
der Fiktion, er stamme von mir, mit viel Wortgetön be-
handelt.
/ „Ich betone, keine Geister, keine Körper." Das sagt K.
er, um unten lange und ergiebig witzeln zu können, weU ich
zu Anfang, wo ich vorausschickte, die Natur des Geistes
hätte ich noch nicht hinreichend durchschaut, ihn zu den
zweifelhaften Dingen | zählte, später aber, als ich bemerkte, [30]
daß ein Ding, das denkt, unbedingt existieren müsse,
dieses denkende Ding mit dem Namen Geist bezeichnet
und behauptet hätte, daß der Geist existiere. Gleich
als ob ich vergessen hätte, daß ich dasselbe vorher be-
stritten hatte, als ich den Geist als ein mir unbekanntes
Ding faßte, und als ob ich der Meinung gewesen wäre, daß
das, was ich damals, weil es mir zweifelhaft war, bestritt,
für alle Ewigkeit in Abrede gestellt werden müsse und es
nicht möglich wäre, daß es mir später ganz klar und gewiß
werden könnte. Auch muß darauf hingewiesen werden, daß
er überall Zweifelhaftigkeit und Gewißheit nicht als Be-
ziehungen unserer Erkenntnis zu den Objekten, sondern als
Eigenschaften der Objekte, die ihnen ständig anhaften, be-
trachtet, so daß das, was wir einmal als zweifelhaft erkannt
haben, niemals gewiß werden könnte. Doch das muß man
^
410
Descartes, Meditationen.
ihm zugute halten und darf man nicht als Böswilligkeit
auslegen.
L, / „Alles?** Hier spöttelt er über das Wort „alles", wie
* oben über das Wort „nichts", doch erfolglos.
M, / „Gezwungenermaßen gestehst Du zu.*' Hier treibt er
sein Spiel mit dem Worte „gezwungenermaßen" ebenso
zwecklos. Das sind nämlich hinreichend triftige Gründe,
uns zum Zweifel zu zwingen, die selbst zweifelhaft, und dem-
gemäß, wie schon oben angemerkt, nicht beizubehalten sind.
Und zwar sind sie triftig, solange wir keine anderen be-
sitzen, die den Zweifel beheben und Gewißheit schaffen.
Und weil ich keine derartigen in der ersten Meditation fand,
so sehr ich auch Umschau hielt und nachdachte, so habe
ich gesagt, die, die ich hatte, um zu zweifeln, seien triftig
und wohlerwogen. Doch das geht über die Fassungskraft
unseres Verfassers hinaus; er setzt nämlich hinzu: „Da Du
[31] triftige I versprochen hast, machte ich mich auf gewisse ge-
faßt, wie sie Deine Goldwage verlangt'*, gleich als ob diese
Goldwage, bildlich gesprochen, auf das in der ersten Me-
ditation Gesagte bezogen werden könnte. Und kurz darauf
sagt er: „Oder hat es eine Zeit gegeben, in der Du mit Ge-
wißheit hättest sagen können, zweifellos täuschen mich jetzt
die Sinne, das weiß ich genau" usw.? Und dabei sieht er
nicht, daß hierin wieder ein Widerspruch steckt, daß etwas
als zweifellos festgehalten wird und zugleich just daran ge-
zweifelt wird. Ja, er ist wirklich ein braver Mann!
N. /„Warum behauptest Du so zuversichtlich, wir träum-
ten bisweilen?' Hier irrt er wieder ohne Böswilligkeit. Ich
habe nämlich durchaus nichts zuversichtlich behauptet, we-
nigstens nicht in der ersten Meditation, die voll von Zweifel
ist, und aus der er allein diese Worte hergenommen hat.
Auf dieselbe Weise hätte er in ihr finden können: „Wir
träumen niemals" und ,,wir träumen bisweüen". Wenn er
dann kurz darauf hinzusetzt: „Und ich sehe gar nicht,
warum Du so schließest : Ich weiß nicht, ob ich wache oder
träume, also träume ich bisweilen", so dichtet er mir eine
Beweisführung an, die nur seiner würdig ist; doch er ist
eben ein braver MannI
O. / „Wie, wenn jener schlaue Geist Dir alles als zweifel-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 411
haft und schwankend vorstellte, während es zuverlässig und
gewiß ist?" Hier zeigt sich klar, was ich oben sagte, daß
er Zweifelhaftigkeit und Gewißheit ansieht, als lägen sie in
den Objekten und nicht in unserem Denken. Wie könnte
er I nämlich sonst sich einbüden, daß mir etwas als zweifel-
haft vorgestellt würde, was nicht zweifelhaft, sondern gewiß
wäre, wo es doch dadurch allein, daß es als zweifelhaft vor-
gestellt wird, zweifelhaft wird. Doch vielleicht hat der böse
Geist es verhindert, daß er erkannte, | daß ein Widerspruch [32]
in seinen Worten Hegt. Es ist zu bedauern, daß jener Geist
so oft seinem Gedankengange in den Weg tritt.
/ „Es ist in der Tat eine gewichtige Sache und jene all- P.
gemeine Ablehnung aller alten Wahrheiten ist von höchster
Bedeutung." Das habe ich zur Genüge am Schluß der Ant-
wort auf die vierten Einwände betont, auch in der Vorrede
zu diesen Meditationen, die ich deshalb nur gefestigteren
Geistern zur Lektüre vorlegte, und ebenso habe ich darauf
im voraus mit sehr deutlichen Worten in der französisch
geschriebenen, im Jahre 1637 herausgegebenen „Abhandlung
über die Methode", S. 17 und 17, hingewiesen*). Dort habe
ich zwei Klassen von Köpfen beschrieben, die sich durchaus
vor dieser Ablehnung hüten müssen; und wenn unser Ver-
fasser zu der einen von diesen gehören sollte, dann darf er
mir nicht seine Irrtümer schuldgeben.
/ „Was? Sagst Du, ich weiß?'* usw. Wo ich sagte, ich Q.
wüßte, daß mir keine Gefahr aus jener Ablehnung drohe,
habe ich hinzugefügt, „weil ich mich damals nicht um die
Praxis des Lebens, sondern nur um die Erkenntnis be-
mühte". Daraus geht deutlich hervor, daß ich dort nur
von der moralischen Wissensart gesprochen habe, die für
die Praxis der Lebensführung genügt, und die, wie ich oft
betont habe, von jener metaphysischen, um die es sich hier
handelt, meÜenweit verschieden ist, so daß wohl nur unser
Herr Verfasser das übersehen konnte.
/ , .Diesen zweifelhaften, diesen von Bedenken strotzen- R.
den Satz: Gar zu weit kann ich mich gar nicht dem Miß-
*) S. in meiner deutschen Ausgabe S. 12 (S. 17 der Orig.-Ausg.)
(Phil. Bibl. Bd. 26).
Descartes, Meditationen.
trauen hingeben." Hier steckt wieder ein Widerspruch in
seinen Worten; denn jeder weiß, daß der, der mißtraut, so-
lange er mißtraut und infolgedessen nichts bejaht noch be-
streitet, überhaupt von keinem Geiste zum Irrtum verleitet wer-
[33] den kann; daß aber von | ihm dabei doch der, der 2 und 3 ad-
diert, getäuscht werden kann, beweist das Beispiel, das er oben
selbst beigebracht hat, von dem, der viermal ein Uhr zählte.
S. / „Nicht ohne ungeheure Furcht vor übertriebenem Miß-
trauen lehne ich diese alten Wahrheiten ab usw.** Obwohl
er hier mit vielen Worten einem die Überzeugung beizu-
bringen versucht, man dürfe nicht übertrieben mißtrauen,
verlohnt es sich doch zu bemerken, daß er nicht den ge-
ringsten Schein von einem Grunde beibringt, um es zu be-
weisen, höchstens daß er fürchtet oder mißtraut, man dürfe
nicht mißtrauen. Darin steckt nun wieder ein Widerspruch;
denn daraus, daß er nur fürchtet, aber nicht gewiß weiß,
daß er nicht mißtrauen dürfe, folgt, daß er mißtrauen muß.
T. / ,,Oder lehnst Du ohne Bedenken diesen alten Satz ab:
Ich habe eine klare und deutliche Idee von Gott? oder den:
All das ist wahr, was ich ganz klar und deutlich erfasse?"
Das bezeichnet er wohl als alte Sätze, weil er fürchtet, sie
könnten für neue und von mir zuerst aufgefundene gehalten
werden l Doch meinetwegen! Ein Bedenken will er auch
in betreff Gottes erwecken, doch nur nebenbei; wohl damit
die, die nicht wissen, wie gewissenhaft ich all das, was zur
Frömmigkeit und allgemein zu den Sitten in Beziehung steht,
von dieser Ablehnung ausgenommen habe, nicht glauben,
daß er Verleumdungen ausstreut. Schließlich sieht er nicht,
daß die Ablehnung nur für den von Bedeutung ist, der noch
nichts klar und deutlich erfaßt hat. So haben zum Beispiel
die Skeptiker, mit denen er geistesverwandt ist, niemals
irgend etwas, sofern sie Skeptiker sind, klar erfaßt; denn
eben damit, daß sie etwas klar erfaßt hätten, hätten sie auf-
[34] gehört daran zu zweifeln und | Skeptiker zu sein. Und weil
auch kaum irgend andere Leute vor dieser Ablehnung je
etwas klar erfassen, mit der Klarheit nämlich, die für eine
metaphysische Gewißheit erforderlich ist, deshalb ist diese
Ablehnung überaus nützlich für die, die fähig sind, eine so
klare Erkenntnis zu gewinnen, aber sie noch nicht besitzen;
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 413
doch nicht für unseren Verfasser, wie die Tatsache lehrt;
vielmehr glaube ich, daß er sich gewissenhaft vor ihr hü-
ten muß.
/„Oder gehört das Denken, die Ernährung, das Emp- V.
finden kemeswegs zum Körper, sondern zum Geist?** Diese
Worte gibt er wieder, als wären sie die meinen und zugleich so
gewiß, daß sie von keinem in Zweifel gezogen werden könn-
ten. Jedoch ist nichts deutlicher in meinen Meditationen
ausgesprochen, als daß ich die Ernährung aUein mit dem
Körper in Verbindung bringe, nicht aber mit dem Geiste
oder dem Teü des Menschen, welcher denlct. Daher ergibt
sich hieraus allein klar, erstens, daß er sie keineswegs ver-
steht, wenngleich er es unternommen hat, sie zu widerlegen,
und daß die irrige Auffassung daher stammt, daß ich in
der zweiten nach der landläufigen Auffassung die Ernäh-
rung mit der Seele in Verbindung brachte, und zweitens,
daß er viele Dinge für unzweifelhaft hält, die man nicht
ohne Prüfung als solche gelten lassen darf. Doch endlich
hier am Schluß gelangt er lu einer höchst wahren Folge-
rung, nämlich „daß er in allen diesen Dingen nur die Un-
zulänglichkeit seines Geistes bewiesen'* hätte.
§2. Vorbereitung zur Einführung in die Methode.
Sobald ich alle alten Meinungen, sagst Du, abgelehnt
habe, / fange ich folgendermaßen an zu phüosophieren : „Ich X.
bm, ich denke; ich bin, solange ich denke. Dieser Satz:
Ich I existiere, ist, sooft er von mir ausgesprochen oder im [35]
Geiste erfaßt wird, notwencüg wahr** *).
Ausgezeichnet! hervorragender Mann, einen archime-
dischen Punkt nimmst Du ein; zweifellos wirst Du, wenn es
Dir gefällt, die Erde bewegen. Schau, schon wankt alles;
doch ich bitte Dich, wülst Du, wie ich meine, alles bis auf
das lebende Holz stutzen, so daß nichts in Deiner Methode
ist, was nicht dazu paßte, nicht im Zusammenhange stünde,
nicht notwendig wäre, / warum gedenkst „Du des Geistes, in- Y.
dem Du sagst, der Satz wird im Geiste erfaßt? Hast Du nicht
den Befehl gegeben, Körper und Geist sollten verbannt sein?
*) S. Zweite Meditation S. 18.
414
Descartes, Meditationen.
IUI
Doch vielleicht ist es Dir entfallen. Es ist so sehr schwer,
auch für erfahrene Leute, ganz das zu vergessen, woran wir
von Jugend auf gewöhnt sind, so daß ich, der Unerfahrene,
falls ich straucheln sollte, die Hoffnung nicht aufzugeben
brauche. Doch fahre fort, ich beschwöre Dich.
„Von neuem werde ich überlegen," sagst Du, „was ich
denn eigentlich früher zu sein geglaubt habe, bevor ich noch
auf diese Betrachtungen verfiel. Und davon werde ich dann
alles abziehen, was durch die oben angeführten Gründe
auch nur im geringsten erschüttert werden konnte, so daß
schließlich genau nur das übrig bleibt, was von unerschüt-
terlicher Gewißheit ist."
Soll ich es wagen, bevor Du in die Untersuchung ein-
trittst, von Dir herauszubekommen, in welcher Absicht Du,
der Du alle alten Meinungen in feierlicher Weise als zweifel-
haft und falsch abgelehnt hast, diese Dinge zum zweiten
Male untersuchen willst, gerade so, als ob Du aus diesen
Lumpen etwas Gewisses zu erlangen hofftest? Wie, wenn Du
einst eine falsche Meinung über Dich gehabt hast? Ja
vielmehr, weil alles, was Du kurz vorher abgeschworen hast,
zweifelhaft und ungewiß war (warum hättest Du es sonst
[36] ab|gelehnt?), wie kommt es, daß eben diese Dinge dann
wieder nicht zweifelhaft und ungewiß sind? Jene Ableh-
nung könnte höchstens so etwas sein wie ein Verwandlungs-
gift der Circe, um nicht zu sagen eine Lauge. Und doch
möchte ich lieber Deine Absicht achten und verehren. Oft
kommt es vor, daß Leute, die ihre Freunde in Paläste oder
Kirchen zur Besichtigung führen, durch vertraute Hinter-
türen, nicht durch den Vorder- oder Haupteingang eintreten.
Ich folge auch durch unterirdische Höhlen, wenn ich nur
endlich einmal zur Wahrheit gelange.
,,Für was habe ich mich denn nun also früher gehalten?"
sagst Du. ,,Doch wohl für einen Menschen."
Auch hier wirst Du mir erlauben, Deine Kunst zu be-
wundern, der Du Dich, um Gewisses aufzufinden, zweifel-
hafter Dinge bedienst ; um uns in das Licht hinauszuführen,
Z. befiehlst Du uns, in die Finsternis unterzutauchen. / Du
willst also, ich soll mich fragen, wofür ich mich einst ge-
halten habe; Du willst, ich soll den alten, abgeschabten und
Siebente Einwände mit Anmerloingen des Verfassers. 415
schon längst abgetanen Lumpen wieder vornehmen. Ich bin
11^71^ ^^'^ ""'''' ^'"^ Pythagoras oder einer von
IT^I ^^'o T"^ ^"'^^ ^' ^''' '^^'^> ^' s^i einst
ein Hahn gewesen? Um gar nicht erst Dir Blödsinnige
phantastisch Redende, Verrückte oder Irrsimiige vorzustellen!
Doch Du bist erfahren und ein kundiger Führer, Du kennst
die Schliche und Schlupfwinkel, hoffe ich.
„Was ist ein Mensch?" sagst Du.
Wenn Du willst, daß ich antworte, so gestatte, daß ich
vorher frage: Nach was für einem Menschen fragst Du
oder was hat Deine Frage zu bedeuten, wenn Du fragst'
was em Mensch ist? Meinst Du den Menschen, den ich mir
einst vorstellte für den ich mich | gehalten habe, und von [37]
, u i r^"^^"^ '""^ "Deinem Wunsche gemäß alles ab-
gelehnt habe, setze, daß ich er nicht sei? Wenn Du nach
diesem fragst, wenn ich mir einen in falscher Weise bildete
so ist er eine gewisse Zusammensetzung aus Seele und
fSt'Shrst ""^^^ ^ir das? Ich glaube wohl, weü Du so
Anmerkungen.
/ „Ich fange folgendermaßen an zu phUosophieren. Ich X
Din, ich denke; ich bin, solange ich denke."
Es ist zu bemerken, daß er hier eingesteht, daß ich
den Anfang memes Phüosophierens oder den Anfang, irgend-
eine feste Voraussetzung aufzustellen, von der Erkenntnis
der eigenen Existenz aus gemacht habe. Daraus sieht man
daß er an anderen Stellen, wo er vorgab, ich hätte das von
der positiven oder affirmativen Ablehnung aller zweifelhaften
;/''^w^?r^fi^.' "^ ^^Senteil von dem behauptet hat, was
er in Wirklichkeit meinte. Ich spreche nicht mehr davon, wie
sorgfaltig er mich hier meine Philosophie beginnen läßt-
ich bin, ich denke usw., kann man doch hinreichend in jeder
Beziehung, auch wenn ich schweige, seine Aufrichtigkeit
/„Warum hast Du des Geistes gedacht, indem Du sagst Y
er wird im Geiste erfaßt? Hast Du nicht den Befehl ge'
geben, Körper und Geist zu verbannen?"
Schon lange habe ich darauf hingewiesen, daß er diese
{
Descartet, Mediutionen.
27
416
Descartes, Meditationen.
geistreichen Bemerkungen aus dem Worte „Geist" her-
leitet; doch „er wird im Geiste erfaßt" besagt hier nichts
anderes, als „er wird gedacht", und daher ist es falsch,
wenn er voraussetzt, man denke an den „Geist", sofern er
ein Teil des Menschen ist. Außerdem, wenn ich auch
Körper und Geist mit allen übrigen Dingen vorher ver-
worfen habe als etwas Zweifelhaftes oder noch nicht klar
von mir Erfaßtes, so hindert das nicht, daß ich eben diese
[38] Dinge | später wieder vornehme, wenn es sich so trifft, um
sie klar zu erfassen. Doch natürlich versteht unser Verfasser
das nicht, weil er meint, der Zweifel sei etwas, was den Ob-
jekten untrennbar anhaftet. Er fragt nämlich bald darauf:
„Wie kommt es, daß eben diese Dinge (die nämlich vorher
zweifelhaft waren) bald wieder nicht mehr zweifelhaft und
ungewiß sind?" Und nach seiner Meinung habe ich die auf
feierliche Weise abgeschworen, und er wundert sich über
meine Kunst, der ich mich zweifelhafter Dinge bediene, um
gewisse ausfindig zu machen usw.; gleich als ob ich es für
die Grundlage der Philosophie genommen hätte, daß alles
Zweifelhafte immer für falsch gelten müsse.
Z. / „Du willst, ich soll mich fragen, wofür ich mich einst
gehalten habe; Du willst, ich soll jenen Lumpen wieder
vornehmen" usw. Ich will hier ein Beispiel gebrauchen, das
ganz aus dem alltäglichen Leben genommen ist, imi ihm
die Planmäßigkeit meines Verfahrens auseinanderzusetzen,
damit er sie Schritt für Schritt recht erkennt und nicht
länger wagt, sich zu stellen, als ob er sie nicht verstünde.
Wenn z. B. einer einen Korb mit Äpfeln hat und fürchtet,
es könnten einige von den Äpfeln faul sein, und er sie aus-
sondern will, damit nicht die übrigen schlecht werden, wie
würde er das anstellen? Würde er nicht vor allem alle
samt und sonders aus dem Korbe werfen, dann die einzelnen
der Reihe nach durchsehen und nur die, die er als nicht
verdorben erkennt, nehmen und sie wieder in den Korb
legen und die anderen zurücklassen? In eben dieser Weise
also haben die, die niemals recht phUosophiert haben, ver-
schiedenartige Ansichten in ihrem Geiste, und da sie von
Jugend auf angefangen haben, sie zu sammeln, fürchten sie
mit Recht, daß die meisten davon nicht wahr sind, und ver-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 417
suchen, sie von den andern zu trennen, damit nicht durch
die Mischung alle ungewiß werden. Und das können sie
auf kemem anderen Wege besser erreichen, als wenn sie 1 r391
alle zugleich und auf einmal als falsch und ungewiß ver-
werfen, dann die einzelnen der Reihe nach durchmustern
und nur die wiedernehmen, die sie als wahr und unzweifel-
haft erkennen werden. Und so habe ich anfangs wohl mit
Recht alles verworfen und dann, als ich bemerkte, daß ich
nichts gewisser und deutlicher erkennen kann, als daß ich
der ich denke, existierte, wiederum mit Recht das als erstes
behauptet, und schließlich später mit Recht danach ge-
fragt, wofür ich mich einst gehalten hätte, nicht um eben
dies alles noch von mir zu glauben, sondern, wenn ich von
emigen Meinungen merkte, daß sie wahr seien, um sie wie-
der anzunehmen, wenn sie aber falsch wären, sie zu ver-
werfen, und wenn sie ungewiß sind, sie für eine spätere Zeit
zur Prüfung zurückzusteUen. So zeigt sich wohl, daß unser
Verfasser dies unpassend bezeichnet als „eine Kunst, Ge-
wisses aus Ungewissem zu gewinnen", oder weiter unten
als „eme Methode zu träumen", und daß das, was er hier
über den Hahn des Pythagoras und in den beiden folgenden
1 aragraphen über die Ansichten anderer Leute hinsichtlich
der Natur von Körper und Geist faselt, ganz und gar nicht
zur Sache gehört, da ich weder die Verpflichtung noch die
Absicht hatte, aUes zu prüfen, was andere Leute je davon
geglaubt haben, sondern nur das, was mir einst von selbst
oder aus natürlicher Veranlassung geschienen hat oder ge-
wöhnlich anderen Leuten scheint, mag es nun wahr oder
falsch sem; denn ich bin es nicht durchgegangen, um es
anzunehmen, sondern nur, um es zu prüfen.
§3. Das Wesen des Körpers.
Was ist der Körper? fragst Du. Was verstand ich einst
unter Körper?
I Du wirst nicht unwiDig sein, wenn ich alles ringsherum [401
betrachte, wenn ich überall fürchte, daß ich ja nicht in
eine Falle gerate. Welchen Körper meinst Du denn also
bitte schön, wenn Du so fragst? Sprichst Du von dem, den
ich mir einst im Geiste vorstellte, als ein Ding, das aus ge-
27*
I
418
Descartes, Meditationen.
wissen Eigenschaften besteht und zwar, wie ich nach den
Regeln der Ablehnung annehme, falsch vorstellte? Oder
von irgendeinem anderen, wenn es etwa einen geben kann?
Denn was weiß ich? Ich zweifle, ob es möglich ist oder
nicht. Wenn Du nach dem ersten fragst, werde ich leicht
antworten. „Unter Körper verstand ich all das, was sich
durch eine Figur begrenzen, sich örtlich umschreiben läßt,
einen Raum so erfüllt, daß es jeden anderen Körper von
ihm ausschließt, durch einen Sinn wahrgenommen und von
irgendeinem Körper, von dem es berührt wird, bewegt wer-
den kann/* Das ist die erste Art, die ich so verstand, daß
alles, was die Eigenschaften, die ich durchging, besitzt, von
mir als Körper bezeichnet wurde, und daß ich doch nicht
darum sogleich meinte, außerdem könne nichts anderes
Körper sein oder als solcher bezeichnet werden, da es ganz
etwas anderes ist „Ich verstand dies oder das unter Körper"
und „Ich verstand, daß nichts außer diesem oder jenem
Körper ist". Wenn Du die zweite Art meinst, dann werde
ich nach dem Sinne der neueren Philosophen antworten;
denn Du fragst nicht sowohl nach meiner Meinung, als viel-
mehr danach, was irgendeiner denken könnte. Unter Kör-
per verstehe ich all das, was sich entweder örtlich um-
schreiben läßt, wie der Stein, oder sich durch einen Ort
begrenzen läßt, so daß es in seiner Gesamtheit in ihm
ganz steckt und ganz in jedem beliebigen Teile, wie die sog.
Indivisibilien der Quantität oder des Steines und ähnlicher
[41] Dinge, die einige moderne Philosophen | als eine Art Engel
oder unteilbarer Seelen darstellen, und das nicht ohne Bei-
fall, wenigstens von ihrer eigenen Seite, lehren, wie man es
bei Oviedo sehen kann; oder was sich tatsächlich ausdehnen
läßt, wie der Stein, oder nur in der Vorstellung, wie die
erwähnten Indivisibilien, oder was in einige Teile sich zer-
legen läßt, wie der Stein, oder unteilbar ist, wie die be-
sagten Indivisibilien, oder sich von einem anderen Dinge
bewegen läßt, wie der Stein nach oben, oder sich selbst be-
Aa. wegt, wie der Stein nach unten, /oder fühlt, wie der Hund,
oder denkt, wie der Affe, oder sich etwas vorstellt, wie der
Maulesel. Und so habe ich, wenn ich auf etwas stieß, was
entweder von einem anderen Dinge bewegt wird oder durch
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 419
sich selbst, was fühlt, was sich etwas einbüdet, was denkt,
das habe ich, wenn nicht etwas anderes im Wege stand, als
Körper bezeichnet und bezeichne es noch jetzt so.
Doch fälschlich, sagst Du, und in verkehrter Weise
„denn ich war der Ansicht, daß es in keiner Weise zur
Natur des Körpers gehört, die Fähigkeit zu besitzen, sich
selbst zu bewegen, zu empfinden oder zu denken".
Du warst der Ansicht? Weil Du es sagst, glaube ich es,
die Gedanken sind frei. Doch während Du dieser Ansicht
warst, ließest Du jeden seine freie Meinung haben, und ich
glaube nicht, daß Du der Mann bist, der sich zum Schieds-
richter über alle Meinungen aufwerfen möchte, um die
einen zu verwerfen, die anderen zu büligen; es sei denn
etwa, daß Du irgendeine gewisse Richtschnur besaßest und
bei der Hand hattest; doch weil Du von ihr geschwiegen
hast, als Du uns auftrugst, alles zu verwerfen, wül ich mich
der uns von der Natur gelassenen Freiheit bedienen. Einst
warst Du der Ansicht; einst war ich der Ansicht, ich so. Du
anders, vielleicht beide zu Unrecht. Gewiß nicht ohne be-
trächtlichen Zweifel I mußte ich gleich eingangs diese ahe [42]
Meinung ablegen, und auch Du hattest Zweifel. Um daher
diesen Streit nicht in die Länge zu ziehen, habe ich nichts
dagegen, wenn Du nach Deiner besonderen Ansicht den
Korper definieren wülst, wie es zu Anfang geschehen ist.
Gern gebe ich es zu. Nur mußt Du jener Deiner Einschrän-
kung eingedenk sein, daß nicht im allgemeinen jeder Kör-
per, sondern nur eine gewisse Art von Dir begriffen und
umschrieben wird, dagegen die übrigen ausgeschlossen sind,
bei denen nach der Ansicht von gelehrten Männern es zwei-
felhaft ist, ob sie sind oder sein können, oder von denen wir
wenigstens nichts mit Gewißheit, wenigstens nicht mit der
Gewißheit, die Du verlangst, feststellen können, ob sie mög-
lieh sind oder nicht; und daher ist es denn zweifelhaft und
ungewiß, ob der ganze Begriff Körper bisher richtig oder
nicht richtig definiert ist. Fahre also fort, wenn ich bitten
darf, während ich folge, und zwar so gerne folge, wie groß
mein Verlangen selbst ist; so reizt mich jene überraschende
und noch nie dagewesene Erwartung, wie man etwas Ge-
wisses aus Ungewissem ableiten könne.
'iHr
420
Descartes, Meditationen.
Anmerkungen.
Aa. / „Oder fühlen, wie der Hund, oder denken, wie der
Affe, oder sich etwas vorstellen, wie der Maulesel.*' Hier
veranstaltet er einen Wortkampf. Und zwar um beweisen
zu können, daß ich zu Unrecht einen Unterschied zwischen
Geist und Körper darein gelegt habe, daß jener denkt, dieser
aber nicht, sondern ausgedehnt ist, sagt er, alles das, was
[43] fühlt, was sich etwas vorstellt, was denkt, bezeichne | er als
Körper. Meinethalben mag er auch den Maulesel oder den
Affen nennen; und wenn er es je dahin bringen kann, daß
diese neuen Bezeichnungen sich einbürgern, werde ich es
ihm nicht versagen, sie anzuwenden. Bis dahin aber hat er
kein Recht zu tadeln, daß ich mich der gebräuchlichen be-
diene.
§4. Das Wesen der Seele.
Was ist die Seele? fragst Du. Was verstand ich unter
„Seele"? Darauf achtete ich doch wohl „entweder nicht,
was sie war, oder bildete mir ein, daß sie so irgend etwas
wäre, wie eine Art flüchtigen Windes, Feuers oder Äthers,
der dem gröberen Teile von mir eingeflößt sei, imd mit ihr
brachte ich in Verbindung die Ernährung, Bewegung, Emp-
finden und Denken".
Wunderbari Doch ich meine. Du wirst mir erlauben,
Dich hier nach etwas zu fragen. Wenn Du nach der Seele
fragst, willst Du dann unsere alten Ansichten, die wir einst
von ihr gehabt haben, hören?
Bb. / Ja, sagst Du.
Meinst Du wirklich, wir hätten recht geglaubt, so daß
wir Deiner Methode nicht bedürften, oder daß niemand in
dieser Finsternis vom Wege abgeirrt sei? In der Tat sind
die Ansichten der Philosophen in betreff der Seele so man-
nigfaltig und so widerspruchsvoll, daß ich jene Deine Kunst
nicht genug bewundern kann, die sich getraut, aus so ge-
ringfügigem Bodensatze ein gewisses, heilsames Mittel her-
zustellen. Und doch wird aus Natterngift ein Mittel gegen
Schlangenbiß hergestellt. Willst Du also, daß ich zu jener
[44] Deiner Meinung von der Seele das hinzufüge, | was einige
Leute denken oder denken können? Ob mit Recht oder
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 421
Unrecht, danach fragst Du mich nicht; es genügt, daß sie
so denken, daß sie meinen, sie könnten von ihrer Ansicht
durch kein Gewicht von Gründen abgebracht werden. Die
Seele, werden einige sagen, ist eine gewisse Art von Körper,
die nur so genannt wird. Was staunst Du? Das ist ihre An-
sicht, und nicht ohne bedeutende Wahrscheinlichkeit, wie
sie nieinen; denn wenn als Körper bezeichnet wird und tat-
sächlich ist all das, was ausgedehnt ist, was eine dreifache
Dimension hat, was in gewisse Teile zerlegbar ist, und wenn
sie dann im Pferde etwas Ausgedehntes und Teübares be-
merken, etwa das Fleisch, die Knochen und jenen äußeren
Gliederbau, der sinnlich wahrnehmbar ist, dann aber durch
die Wucht und Bedeutsamkeit der Gründe schließen, außer
jenem Gliederbau sei noch etwas Innerliches und zwar etwas
Feines, durch den Gliederbau Hinfließendes und sich Aus-
breitendes, Dreidimensionales, Teilbares da, so daß, wenn ein
Fuß abgetrennt wird, auch ein gewisser Teil jenes Inner-
lichen abgetrennt wird, dann fassen sie das Pferd auf als
eine Zusammensetzung aus zwei ausgedehnten, dreidimen-
sionalen, teübaren Dingen, und somit aus zwei Körpern,
die, wie sie sich voneinander unterscheiden, so auch in
den Bezeichnungen unterschieden werden. Und das eine
von ihnen, nämlich das Äußere, führt die Bezeichnung Kör-
per, das andere, das Innerliche, wird als Seele bezeichnet.
Was ferner die Empfindung anbetrifft, die VorsteUung und
das Denken, da meinen sie, | daß sowohl die Kraft zu emp- [45]
finden, wie zu denken, wie sich etwas vorzustellen, in der
Seele oder dem inneren Körper liege, jedoch in einem ge-
wissen Zusammenhänge mit dem äußeren, ohne den es keine
Empfindung gibt. Wieder andere werden wieder anderes
sagen und sich ausdenken. Doch wozu soll ich das im ein-
zelnen verfolgen ? Auch wird es nicht an denen fehlen, die
meinen, überhaupt alle Seelen seien so, wie die kurz zuvor
beschriebene.
Fort mit dieser Gottlosigkeit! sagst Du.
Wirklich sehr gottlos. Aber warum fragst Du? Was
willst Du mit den Atheisten machen, was mit den Fleisches-
menschen, deren ganze Gedanken so am irdischen Staube
kleben, daß sie außer an den Körper und das Fleisch an
Timm
Descartes, Meditationen.
I
Cc. nichts glauben? / Nein, weil Du durch diese Deine Methode
erhärten und beweisen willst, daß die Seele des Menschen
unkörperlich und geistig sei, darfst Du das keineswegs
voraussetzen, sondern mußt Dir vielmehr klarmachen, daß
Dir Leute entgegentreten werden, die das bestreiten, die
wenigstens, um darüber zu disputieren, das sagen, was Du
von mir gehört hast. Daher stelle Dir vor, es sei einer von
diesen hier, der Dir auf Deine Frage, was der Geist sei, ant-
wortet, wie Du selbst vorher: der Geist ist etwas Körper-
liches, Zartes und Feines, das sich durch den äußerlich
wahrnehmbaren Körper hinzieht und das Prinzip jedes Sin-
nes, jeder Vorstellung und jedes Gedankens ist, so daß es
drei Stufen gibt, Körper, Körperliches oder Seele (animus),
und Denkkraft (mens) oder Geist (spiritus), um dessen Exi-
stenz sich die Frage dreht. Daher wollen wir der Reihe
nach diese drei Stufen mit diesen drei Bezeichnungen wieder-
[46] geben: I Körper, Seele (animus), Geist (mens). Angenommen,
es antwortete Dir so einer auf Deine Frage: bist Du zu-
frieden? Doch ich will Deiner Kunst nicht voraneilen;
ich folge. Du magst also so vorausgehen.
Anmerkungen.
Bb- / I Ja, sagst Du." Hier und fast an allen anderen Stellen
läßt er mich ihm antworten, was sich ganz und gar nicht
mit meiner Ansicht verträgt; doch es wäre zu ermüdend,
all seine Fiktionen durchzugehen.
Cc. / „Nein, weil Du erhärten und beweisen wülst, daß die
Seele des Menschen unkörperlich sei, darfst Du das keines-
wegs voraussetzen'*. Fälschlich fingiert er hier, ich setzte
voraus, was ich hätte beweisen müssen. Und auf derartige
Unterstellungen, die so frei erfunden sind und durch keinen,
auch nicht den geringsten Grund sich stützen lassen, ist
nichts anderes zu antworten, als daß sie falsch sind. Auch
habe ich in keiner Weise darüber disputiert, was als Kör-
per, oder Seele, oder Geist lu bezeichnen sei. Vielmehr habe
ich nur zwei Dinge erörtert, nämlich das, was denkt, imd
das, was ausgedehnt ist. Und ich habe bewiesen, daß alle
anderen Dinge damit in Verbindung gebracht werden kön-
nen, und habe durch Beweise dargetan, daß das zwei real
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 423
unterschiedene Substanzen sind. Eine von diesen Substanzen
aber habe ich als Geist, die andere als Körper bezeichnet.
Und wenn ihm diese Namen nicht gefaUen, kann er ihnen
andere beüegen; ich habe nichts dagegen.
I § 5. Versuch einer Einführung in die Methode. [47]
So ist es gut, sagst Du, die Grundlage ist glücklich ge-
legt. Ich bin, solange ich denke. Das ist gewiß, das ist un-
erschütterlich. Darauf muß ich weiter aufbauen und vor-
sichtig darauf achten, daß mich nicht der böse Geist täuscht.
Ich bm. / Aber was bin ich? Zweifellos etwas von dem, was Dd.
ich einst glaubte. Ich glaubte aber, daß ich ein Mensch sei
und daß der Mensch Körper und Seele habe. Bin ich also
Korper? Oder Geist.? Der Körper ist ausgedehnt, örtlich
umgrenzt, undurchdringlich, sichtbar. Steckt etwas davon
m mir? Etwa die Ausdehnung? Wie sollte sie in mir
stecken, da es gar keine gibt. Die habe ich von vornherein
abgelehnt. Oder sollte ich berührt oder gesehen werden
können? Wenn ich auch wirklich eben noch glaube daß
ich gesehen werden und von mir berührt werden kann so
werde ich doch nicht gesehen, nicht berührt. / Das ist mir Ee
gewiß, da ich es abgelehnt habe. Was denn nun? Ich
spanne meine Aufmerksamkeit an, ich denke, überlege über-
lege wieder, es fäUt mir nichts ein. Ich bin es müde, immer
dasselbe zu wiederholen. Nichts von dem, was zum Körper
gehört, fmde ich in mir vor. Ich bin nicht Körper. Und
doch bin ich und erkenne, daß ich bin, und während ich er-
kenne, daß ich bin, erkenne ich nichts, das Körper wäre.
/ Bm ich also Geist? Was habe ich einst als zum Geiste ge- Ff
hörig gehalten? Steckt davon etwas in mir? Ich glaubte
zum Geiste gehöre das Denken. Schau, schau, ich denke I
Ich hab's, ich hab'sl Ich bin, ich denke; ich bin, solange
ich denke; ich bin ein denkendes | Ding, bin Geist, Verstand, US]
V ernunft. Da hast Du meine Methode, nach der ich glück-
lich vorausgegangen bin. Folge Du nur ruhig!
Du Glücklicher, der Du bei so großer Finsternis fast
mit einem Sprunge ins Licht hinausgelangt bist I Doch ich
bitte Dich, entzieh' mir nicht Deine Hand, stütze mich, der
ich wanke, während ich in Deine Spuren trete. Schau nur
{
424
Descartes, Meditationen.
I
wie ich das wiederhole, doch nach meinem Maßstabe etwas
langsamer. Ich bin, ich denke, aber was bin ich? Etwas
von dem, was ich einst zu sein glaubte? Doch war mein
Glaube richtig? Das ist ungewiß. Ich habe alles Zweifel-
Gg. hafte abgelehnt und halte es für falsch. / Ich habe zu Un-
recht geglaubt.
Nein, nein, rufst Du, da tritt hini
Hintreten soll ich? Alles schwankt. Wie, wenn ich
etwas anderes wäre?
Du bist furchtsam, sagst Du, entweder Körper bist Du
oder Geist.
Gut also. Und doch wanke ich zweifellos; faß mich
bitte bei der Hand, ich wage es kaum, hinzutreten. Wie,
ich bitte Dich, wenn ich Seele wäre? Wie, wenn ich etwas
anderes wäre? Ich weiß nicht.
Hh. Es bleibt sich gleich, sagst Du. / Entweder Körper oder
Geist.
So mag es also sein. Ich bin Körper oder Geist. Oder
nicht Körper? Ich werde zweifellos Körper sein, wenn ich
etwas in mir finde, was ich einst für zum Körper gehörig
gehalten hatte. Und doch habe ich schwerlich das Rich-
tige geglaubt.
Ach was, sagst Du, Du brauchst Dich nicht zu fürchten.
So werde ich es also wagen, weil Du mir derart Mut
[^9] machst. | Einst hatte ich geglaubt, das Denken gehöre zum
Körper. Schau, schau, ich denke, ich hab's, ich hab'sl Ich
bin, ich denke, ich bin ein denkendes Ding, bin etwas Kör-
perliches, bin Ausdehnung, bin etwas Teübares; lauter Be-
zeichnungen von einermir früher unbekannten Bedeutung. Was
zürnst Du und drängst mich mit der Hand zurück, da ich
vorauslief? Ich habe das Ufer erreicht und stehe an dem
Gestade, wo Du stehst, dank Dir und Deiner Ablehnung.
Aber verkehrt, sagst Du.
Was habe ich denn falsch gemacht?
li /Da entgegnest Du: Fälschlich hattest Du einst ge-
glaubt, das Denken gehöre zum Körper. Du hättest glau-
ben müssen, es gehöre zum Geiste.
Warum hast Du mich denn nicht zu Anfang dirauf auf-
merksam gemacht? Warum hast Du mir nicht dmials, als
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 425
Du mich marschfertig und bereit, die alten Meinungen ganz-
lieh abzulegen, sähest, den Befehl gegeben, wenigstens
dies beizubehalten oder vielmehr von Dir anzunehmen, zum
Fährgeld: „Denken gehört zum Geist?" Und überhaupt
habe ich Dir Veranlassung gegeben, daß Du den Anfängern
wiederholt diesen Satz einschärftest und genau vorschriebst,
ihn nicht mit den übrigen und mit jenem ahen Satz zu-
sammen, 2-f3 = 5, abzuschwören. Und doch möchte ich
nicht ohne weiteres mich dafür verbürgen, daß sie ihm ge-
horchen werden. Jeder hat seinen eigenen Sinn, und Du
wirst wenige finden, die sich Dir gegenüber dabei beruhigen,
wie einst die Pythagoreer ohne Widerspruch mit ihrem
Schlagwort: „Er selbst hat's gesagt". Wie wäre es, wenn
es Leute gäbe, die es nicht tun und sich weigern und bei
ihrer alten Meinung beharren? Was wirst Du tun? Doch
ich will die anderen gar nicht nen|nen, nur mit Dir habe ich [50]
es zu tun. Wenn Du versprichst, durch die Wucht und das
Gewicht Deiner Gründe zu beweisen, daß die menschliche
Seele nicht körperiich sei, sondern geistig, während Du als
Grundlage Deiner Beweise diesen Satjz vorausschickst : „Den-
ken ist eine Eigentümlichkeit des Geistes oder eines ganz
geistigen und unkörperiichen Dinges", wird's dann nicht so
aussehen, als ob Du das nur mit neuen Worten als Forde-
rung aufstellst, was schon in der früheren Untersuchung
gesetzt war? Gleich als ob einer so töricht wäre, daß, wenn
er glaubt, „das Denken sei eine Eigentümlichkeit eines gei-
stigen und unkörperiichen Dinges", und weiß und sich be-
wußt ist, daß er denkt (fürwahr, wie wenige gibt es, die
diese reiche Ader des Denkens nicht in sich auffänden, so
daß sie erst einer Erinnerung bedürften I), daß er, sage ich,
zweifeln könnte, daß in ihm etwas Geistiges und durchaus
Unkörperiiches sei? Und Du darfst nicht glauben, daß das
eine grundlose Prahlerei von mir sei. Wie viele gibt es, und
zwar bedeutende Philosophen, die der Ansicht sind, daß die
Tiere denken, und die daher auch glauben, daß das Denken
zwar nicht allgemein jedem Körper eigentümlich sei, aber
doch der ausgedehnten Seele, wie sie sich in den Tieren
vorfindet, und daß es somit nicht eine Eigentümlichkeit des
Geistes (mens) und eines geistigen (spiritualis) Dinges
426
Descartes, Meditationen.
I
sei*). Was werden die machen, frage ich, wenn sie den Be-
fehl erhalten, diese ihre Meinung abzulegen, um Deine ohne
weiteres anzunehmen? Und wenn Du selbst das forderst,
willst Du da nicht einen Gefallen getan haben, und er-
schleichst Du da nicht gar das Prinzip? Doch warum streite
ich? Wenn ich ni Unrecht vorausgeeüt bin, soll ich zurück-
gehen ?
[51] I Anmerkungen.
Dd. / „Aber was bin ich? ZweifeUos etwas von dem. was ich
einst glaubte." Dies und zahlloses andere dichtet er mir
nach seiner Weise an, ohne eine Spur von Berechtigung.
Ee /»Das ist mir gewiß, seitdem ich abgelehnt habe."
Hier dichtet er mir wieder was Falsches an. Ich habe näm-
lich nie etwas geschlossen daraus, daß ich abgelehnt hatte.
Sondern ich habe das Gegenteil ausdrücklich betont mit
folgenden Worten: „VieUeicht aber trifft es sich, daß eben
das, von dem ich voraussetze, daß es nichts sei, weil es mir
unbekannt ist, der Wahrheit der Sache nach nicht ver-
schieden ist von dem Ich, welchen ich kenne," usw.
Ff / „Bin ich also Geist?" Es ist auch nicht wahr, daß ich
gefrag; habe, ob ich Geist bin. denn noch hatte ich nicht
auseinandergesetzt, was ich unter dem Worte .Geisf ver-
stand, sondern ich habe gefragt, ob etwas von dem in mir
wäre, was ich der früher von mir beschriebenen Seele bei-
legte, und weil ich nicht alles, was ich auf sie bezog, in mir
vorfand, sondern allein das Denken, daher habe ich nicht
gesagt, ich sei Seele, sondern nur ein denkendes Ding, und
habe diesem denkenden Dinge die Bezeichnung Geist oder
Verstand oder Vernunft beigelegt, jedoch nicht, um mit dem
Worte Geist etwas mehr zu bezeichnen, als mit den Worten
„denkendes Ding", und deshalb auszurufen: ich hab's, ich
hab's, wie er hier höchst albern witzelt. Denn ganz im
Gegenteil habe ich ausdrücklich hinzugefügt, „die Bedeu-
tung dieser Worte sei mir früher unbekannt gewesen". Da-
[52] her kann man nicht zwei|feln, daß ich genau nur dasselbe
♦) Das „qiianto modo" des latein. Textes ist lu streichen; es
liegt wohl ein Druckfehler vor.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 427
unter ihnen verstanden habe, wie unter der Bezeichnung
„denkendes Ding".
/„Ich habe zu Unrecht geglaubt. Nein, nein, rufst Du." Gg.
Das ist wieder völlig falsch; denn nirgends und nie habe
ich vorausgesetzt, daß das, was ich früher geglaubt hatte
wahr sei, sondern ich habe es nur geprüft, ob es wahr wäre'
/ , Entweder bin ich Körper oder Geist." Wieder ist Hh
es nicht wahr, daß ich das je gesetzt habe.
/„Da entgegnest Du: Fälschlich hattest Du einst ge- li
glaubt, das Denken gehöre zum Körper. Du hättest glauben
müssen, es gehöre zum Geiste." Auch das ist falsch daß
ich das entgegnet hätte. Mag er, wenn er wül, behaupten,
daß em Ding, das denkt, besser als Körper bezeichnet werde
denn als Geist. Meinetwegen I Darüber muß er nicht mit
mir, sondern mit den Grammatikern sich auseinandersetzen
Doch wenn er so tut, als hätte ich unter der Bezeichnung
.Geist" etwas mehr als unter der Bezeichnung „denkendes
Ding verstanden wissen wollen, dann ist die Reihe an mir
das zu bestreiten. Ebenso gleich darauf, wo er sagt: „Wenn
Du setzest. Denken sei eine Eigentümlichkeit des Geistes
oder eines ganz geistigen oder unkörperlichen Dinges usw
willst Du da nicht einen Gefallen getan haben und er-
schleichst Du da nicht gar das Prinzip?" Da bestreite ich
m irgendeiner Weise behauptet zu haben, der Geist sei un-
korperhch, sondern ich bin der Meinung, das erst in der
sechsten Meditation bewiesen zu haben.
Ich bin es aber überdrüssig, ihn so oft der Fälschung
zu bezichtigen und werde in Zukunft darüber hinwegsehen
und seine übrigen Spielereien bis zum Ende stülschwei-
gend mitansehen. Doch es ist recht traurig, sehen zu müs-
sen, daß em so ehrwürdiger Herr aus übertriebener Spott-
sucht die Narrenkappe angetan hat, und hier, wenn er die
RoUe des Furchtsamen, des schwer Begreifenden, des
Schwachkopfes darstellt, nicht die Figuren eines Epi|dicus [531
oder Parmenon aus der alten Komödie, sondern jene höchst
alberne Figur aus der modernen, die durch flache Witze
lacherlich zu wirken sucht, hat nachahmen wollen.
F
'1
428
Descartes, Meditationen.
§ 6. Zweiter Versuch einer Einführung.
Ich bin einverstanden, sagst Du, sofern Du meinen
Spuren ganz nahe folgst.
Ich gehorche und lasse nicht einen Finger breit von
Dir. Wiederhole !
Ich denke, sagst Du.
Ich auch.
Ich bin, fügst Du zu, solange ich denke.
Ich bin ebenso, solange ich denke.
Was aber bin ich? sagst Du.
Sehr weise 1 Danach nämlich frage ich und sage gern
mit Dir: Was aber bin ich?
Du fährst fort: Wofür habe ich mich einst gehalten?
Welche Meinung habe ich einst von mir gehabt?
Wiederhole bitte nicht die Worte. Ich habe sie genug
gehört. Doch ach, ich bitte Dich, hilf I Ich sehe nicht, wo
ich den Fuß bei solcher Finsternis hinsetzen soll.
Kk. / Du entgegnest: Sprich mit mir, suche mit mirl Wofür
habe ich mich denn einst gehalten?
Einst? Hat es das Einst gegeben? Habe ich einst
geglaubt?
Du irrst, sagst Du.
Nein, vielmehr Du, mit Verlaub, wenn Du das Einst
hereinbringst. Ich habe alle alten Meinungen abgelehnt,
auch diese, das Einst ist nichts gewesen, ist nichts. Doch,
[54] Du mein wohlwollender | Führer, wie Du meine Hand er-
greifst, wie Du mich ziehst I
Ich denke, sagst Du, ich bin.
So ist es. Ich denke, ich bin. Dieses habe ich, und
als einziges habe ich es. Und außer diesem einen gibt es
nichts, hat es nichts gegeben.
Recht so, sagst Du; was hast Du einst von Dir ge-
glaubt?
Du willst, glaube ich, ich soll nachweisen, ob ich
15 Tage oder einen ganzen Monat für diese Anfängerübimg
der Ablehnung darangesetzt habe. Nur eine Stunde habe ich
hier mit Dir darangesetzt, doch mit so gewaltiger geistiger
Anstrengung, daß die Anspannung bei der Arbeit die zeit-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 429
Sn A. k T J^^.^^^^ngssetzt. Da schau: ich denke, ich
Dn^^K r ^^' "' "^'^'^- ^^'' ^^b^ i^h abgelehnt.
Doch beherzige es, sagst Du, erinnere Dichl
Was heiBt das, sich erinnern? Ich denke nur eben daß
ich ernst gedacht habe. Doch habe ich fortgesetzt ein t ge
dacht^ weü ich eben denke, daß ich einst gedacht habl?
ten Wi.H kT^'tT'/^^'' ^^' Du fürchtest einen Schat-
ten. Wiederhole I Ich denke.
O über mich Unglücklichen! Finsternis breitet sich
Tr^tZ'T"' l^'"" ^'^''' ^^^ ^' ^^^^^^ klar schien
Th H.nl k"" "^'l'T ^^^ß^^blick nicht. Ich träume, daß
ich denke, aber ich denke nicht.
Nein, sagst Du, wer träumt, denkt
heißt fräu "'' "" '^'"""'^ '^^^^ '^^^"' "^^ ^-k- ^^'
griff LlsTräum^^^^^ ^^'"^'"^j ''! ^'"^'^ ^^^ weiterer Be- [55J Kk.
fZL . Y^'''^^^' ^f t^a^nit denkt, wer aber denkt, träumt
nicht stets, sondern denkt im Wachen
denkl? n!,' "^9^^^ '""^ ^^'' ''^^"^^ ^^ ^^'^ Oder aber
denkst Du es? Wie, wenn Du träumtest, daß Denken ein
weiterer Begriff wäre? Wird es deshalb ein weiterer b"
gnfsem? Gut, wenn es Dir paßt, werde ich träumen, daß
Traumen em weiterer Begriff ist als Denken. Doch woher
da P?r tu ^'^'^ "^ '^^''''''' ^'^^^ i^^' wenn es
.^ff n f^ibt, sondern nur Träumen? Wie, wenn Du,
sooft Du im Wachen zu denken geglaubt hast, nicht im
Wachen geglaubt hättest, sondern geträumt hast, daß Du
SL^S'h ^'^'^''\r ^ ^ "^^ ^^^^^^ ^^^' ^^ Träumen,
Ä ™^/^^^f^^ Hilfe Du bald träumst, daß Du träumst
bald wieder, daß Du im Wachen denkst? Was wülst Dii
hier tun? Du schweigst. Wülst Du auf mich hören? Wir
woUen eme andere Furt suchen, diese ist zweifelhaft und
Tanl n''^^' so daß ich mich nicht genug wundem kann,
warum Du sie mir soeben zeigen wiUst, ohne sie vorher ver-
einst Jl u . K^^'^ i'"" ^'^^^ ""''^'^ ^^fü^ i^h mich
ernst gehalten habe, sondern wer ich bin, der ich soeben
räume, einst geträumt zu haben. Wenn Du das tust, ant-
^^orte ich; und damit nicht diese Worte der Träumer unsere
H
430
Descartes, Meditationen.
Auseinandersetzung verwirren, bediene ich mich der Worte
der wachenden Menschen, vorausgesetzt, daß Du eingedenk
bist, daß Denken in der Folge nichts anderes bedeutet als
Träumen, und daß Du keinen größeren Wert auf Deine
Gedanken legst, als ein Träumer auf seine Träume; ja, und
[56] daß Du jene Deine Methode | als eine „Methode zu träu-
men" betitelst, und daß dies das Ergebnis jener Deiner
Kk. Kunst ist: / ,,Um richtig Schlüsse zu ziehen, muß man träu-
men". Mein Rat scheint Dir zu gefallen, weil Du so fort-
fährst.
LI. / Was habe ich also vorher geglaubt, daß ich sei?
Da ist der Stein, an dem ich mich kurz vorher ge-
stoßen hatte. Du mußt Dich hüten, ich auch; daher laß
mich Dich fragen, warum Du nicht dies als einen Grund-
satz voraussetzest: Ich bin etwas von dem, von dem ich einst
geglaubt hatte, daß es sei, oder, ich bin das, von dem ich
einst geglaubt habe, daß ich es sei.
Es ist nicht nötig, sagst Du.
Ja, mit Verlaub, sogar sehr nötig; oder Du mühst Dich
ab mit unnützer Arbeit, während Du forschst, was Du einst
gewesen zu sein geglaubt hast. Und nimm an, daß es in
der Tat möglich sei, daß Du das nicht bist, was Du einst
zu sein geglaubt hast, wie es dem Pythagoras ergangen ist,
sondern etwas anderes I Wirst Du nicht vergeblich fragen,
was Du einst gewesen zu sein geglaubt hast?
Doch, sagst Du, jener Satz ist alt und abgetan.
Das ist er freilich ganz und gar, wenn anders alles ab-
gelehnt ist. Doch was willst Du tun? Entweder mußt Du
hier Halt machen, oder ihn gelten lassen.
Nein, sagst Du, man muß einen zweiten Versuch machen,
und zwar auf anderem Wege. Paß auf: Ich bin, sei's Kör-
per, sei's Geist. Vielleicht Körper?
Nicht weiter, bitte I Woher hast Du das : Ich bin Körper
oder Geist, da Du sowohl Körper wie Geist abgelehnt hast?
[67J Ja, wie wäre es, wenn Du weder | Körper noch Geist noch
Seele oder etwas anderes wärest? Denn was weiß ich?
Danach forschen wir, und wenn ich es wüßte, wenn ich es
kennte, würde ich mich nicht so abmühen. Ich wünsche
nämlich, daß Du nicht glaubst, ich sei nur um mich zu
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 43i
ergehen oder spazieren zu gehen, in diese von Nebel und
Schrecken erfüllten Gefüde der Ablehnung gekommen; allein
die Hoffnung auf etwas Gewisses zieht oder treibt mich
Wollen wir aUo wiederholen, sa«st Du: ich bin. sei's
kör?erlicrbt "" ^^^'^' "^^ Nicht-Köiper oder nicht-
»K^o^""^" ^^u^.*" '^'^ ungewohnten Weg schlägst Du
eben em; doch ist er gewiß? <> ^ >^
Ganz gewiß, sagst Du, und notwendig
Warum hast Du also abgelehnt? Habe ich nicht mit
Recht vennutet, daß man irgend etwas zurückbehalten
müsse und daß es möglich sei. daß Du über Gebühr Dich
dem Mißtrauen hingabst? Doch es mag sein. Dieser mag
gewiß sem. Was dann? ^
etv^^^.an^^^"^'' ^^^''' ^" ^*''^' '^'' «"'^^ ^^ '^S^^d
etwas von dem m mir, von dem ich einst urteüte, daß es
zum Korper gehöre?
Da hast Du den zweiten Stein des Anstoßes. Zweifei-
ni J'^r*"" ^'^ ^'^'^^'^ "^''"^«"' ^«'»» Du nicht den
^!^frt°1f"?""!f'^*' '"^""" »'^^l^t^t: Ich habe einst richtig
geS zum^'l. '' ^^%^"r Körper gehört, / oder, nicht! LI.
gehört zum Korper außer dem. von dem ich einst ein-
gesehen habe, daß es dazu gehört.
Warum denn? sagst Du.
Dn lT?\°" "^'^'''!' "^^'^ ^^^^^ ausgelassen hast, wenn
SaJh!f ' H a'T\^^'\ '■^''^' ^" *^«^^ ^^ Mensch und [58]
glaubst, daß Dir alles Menschliche widerfahren kami*).
dann wu-d Deme ganze Mühe überflüssig sein, und Du muß
überhaupt furchten, daß Dir das widerfährt, was Jungs
einem Bauern zustieß. / Als der nämlich einen Wolf sah. Mm
machte er von weitem Halt und sprach so zu semem Herrn
emem jungen Ad%en, den er begleitete: Was sehe ich?
Zweifellos em Tier. Es bewegt sich, es läuft umher. Doch
I R^hT M •'"'' ^.^ f^^' ^^''^' ^'^^' Esel. Ist es
T.^^i ""' "o^f ^^""^ "°'^^- Oder ein Pferd?
i^s hat kaum emen Schwanz. Das ist es nicht. Oder eine
♦) Terenz. Heautontimorumenos Akt I, Szene 1, V. 25.
Descartes, Meditarioncn. 28
432
Descartes, Meditationen.
Ziege? Die hat einen Bart, das da ist bartlos. Eine Ziege
ist es nicht. Also ist es ein Esel, da es weder Rind, noch
Pferd, noch Ziege ist. Was lachst Du? Warte das Ende
der Geschichte abl Ja, sagt der junge Herr, warum schließt
Du daraus nicht, daß es ein Pferd sei, oder ein Esel? Paß
aufl Ist es ein Rind? Nein, es hat keine Homer. Oder
ein Esel? Auf keinen Fall, ich sehe keine langen Ohren.
Oder eine Ziege? Es hat keine Spur von Bart, ist keine.
Also ist es ein Pferd. Der Bauer war durch diese neue
Analyse ziemlich verwirrt. Ach so, rief er aus, es ist kein
Tier; denn die Tiere, die ich kenne, sind Rind, Pferd,
Ziege, Esel. Es ist kein Rind, kein Pferd, keine Ziege, kein
Esel. Also, und dabei sprang er triumphierend hoch, es
ist kein Tier : also irgendein Nicht-Tier. Wirklich ein eifriger
Philosoph, zwar nicht aus dem Lykaion, sondern von der
Herde. Willst Du seinen Fehler wissen?
[59] I Genug, sagst Du, ich sehe ihn, er hat einen Fehler
begangen, indem er bei sich im Geiste gesetzt hat, wenn
er es auch verschwieg: Ich kenne alle Tiere, oder, es gibt
kein Tier außer denen, die ich kenne. Doch was geht das
unser Vorhaben an?
Ein Ei sieht doch wohl dem anderen nicht ähnlicher.
Verstell Dich nicht. Du verschweigst etwas, was Du im
Mm. Sinne hast. / Ist es nicht der Satz : Ich kenne alles, was
sich auf den Körper bezieht oder sich beziehen kann, oder
der: Nichts gehört zum Körper außer dem, von dem ich
einst eingesehen habe, daß es dazu gehört? Und in der
Tat, wenn Du nicht alles weißt, wenn Du auch nur eins
ausgelassen hast, wenn Du irgend etwas, was in Wirklich-
keit zum Körper oder zu einer körperlichen Sache oder zur
Seele gehört, dem Geiste beigelegt hast, wenn Du das
Denken, Empfinden, die Einbildungskraft zu Unrecht dem
Körper oder der körperlichen Seele abgesprochen hast, ich
füge hinzu, wenn Du auch nur den Verdacht hast, etwas
davon getan zu haben, — mußt Du dann nicht dasselbe
Ende fürchten, daß alles, was Du schließest, falsch geschlos-
sen ist? Ja, magst Du mich ziehen — wenn Du diesen
Riegel nicht entfernst, bleibe ich hier hartnäckig imd rühre
meinen Fuß nicht weiter.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 433
vers^hjfZr^"^^^^ '^^'' ^"' ^^^ ^^"^ drittenmal
l^run^W^t ^^"^^'"^^''' ^" ^^^ä^^^' Wege, Biegun-
gen und Wegkrummungen woUen wir versuchen.
Uas gefaUt mir recht, doch unter der Bedineun^ daß
^gsl" en^tnSf ^^^ w- uns begegnet, nichttu'rTe^in
Irfn • K^ ^ T" "^'^ "^^^ Wurzel ausreißen. Auf seh
§ 7. Dritter Versuch einer Einführung. rßOl
/ Ich denke, sagst Du.
Ich bestreite. Du träumst, daß Du denkst ^'''
Das nenne ich denken, sagst Du
eme^FeZ'''"^^'^"''''"' ?.^ ^' '''' ^^^^ ^^^^^ Hernie ich
l2 hin ?T''' ?^ '''' ^^' ^" ^^''' ^^hre fort!
Ich bm, sagst Du, solange ich denke.
streitl^.^ '"'''' ^'^^ ^^ '^ '^'^'^^^^ ^"^^' ^^^d- i^h nicht
Das ist gewiß und evident, sagst Du.
evidenttei '"'' '" ""^ '^'^"^^^ "^^' ^^ -^ ^ewiß und Nn.
ist es'tbe'rtS;? "^ ""' ^^^'^ "^^ "^ ^^^ ^ ^^^^ so,
desse^\r''f''-^l'^ ^f^^^^ ^^'^"^ ^^^^^ '^^^ nicht,
Ge st nicht "^' ^'7^'' ^"^ ^^^^^ ^ä^^^ht mich de;
«^eist nicht, wenn er sich auch Mühe gibt
wüßt hi^t^'f ?n ^'^ ?^ '"^^^^'^ ^^ß ^^ ^i^ dessen be-
Hußt bist, daß Du nicht zweifelst, daß Dir das evident ist
D^ sind zwei recht verschiedene Dinge: dem Träumenden
vTent H^^J^^ ^'^ Wachenden) scheint etwas gewiß u^3
den) S .? ' ^^^ Träumenden (ebenso wie dem Wachen-
steb NirhT"^ ^"r^ .^^^ '^^'"^- ^"^ ^^ '''' d-- Grenz-
stein. Nicht darüber hmaus ! Man muß einen anderen Em-
Sen" Und ctX ^a '"^ "^'^ ^^^^^^^ ^^ ^-^ ve"
b^s^fuen ^ -f "^""^ ""^^ ^'^^' ^^^^^"' ^^d die Saat
fort r D^^^ tSr "^ '™''' ^^^- ^^ ^^' ^^^ß- ^^^^-
28"
434
Descartes, Meditationen.
|61] I Wofür habe ich mich einst gehalten, sagst Du.
Fort mit dem Einst. Dieser Weg ist ungangbar. Wie
oft habe ich gesagt, daß aUes Alte abgeschlossen ist! Du
bist, solange Du denkst, und bist gewiß, daß Du bist, so-
lange Du denkst, ich betone, solange Du denkst; die ganze
Vergangenheit ist zweifelhaft und ungewiß, und Dir bleibt
allein die Gegenwart übrig. Dennoch versteifst Du Dich
darauf. Ich bewundere Dich, daß Dich auch das Unglück
nicht niederbricht.
Nichts, sagst Du, steckt in mir, der ich bin, der ich
denke, der ich ein denkendes Ding bin, nichts, sage ich,
von dem, was zum Körper oder zu einem körperiichen Dinge
gehört.
Ich bestreite es. Du beweist es.
Oo. / Du sagst: Seitdem ich alles abgelehnt habe, gibt es
keinen Körper, keine Seele, keinen Geist, mit einem Worte,
nichts. Also, wenn ich bin, wie ich gewiß bin, daß ich
bin, bin ich nicht Körper oder etwas Körperiiches.
Wie du mir gefällst, während Du Dich so erhitzest
und Folgerungen ziehst und Dich allmählich wieder nach
der Schablone richtest. Fahre fort, auf diesem Wege werden
wir schneller den Ausweg aus diesen Labyrinthen finden,
und, weü Du freigebig bist, werde auch ich freigebiger sein.
Ich bestreite sowohl den Vordersatz als auch den Folge-
satz als auch die Schlußfolgerung; und bitte schrick nicht
zurück! Es ist nicht grundlos, wenn ich bestreite. Hier
die Gründe: Ich bestreite die Schlußfolgerung deshalb,
weil Du in gleicher Weise das Gegenteil beweisen könntest,
nämlich so : Seitdem ich alles abgelehnt habe, gibt es keinen
Geist, keine Seele, keinen Körper, mit einem Worte, nichts.
[62] Also, wenn ich bin, wie ich bin, bin ich nicht | Geist. Da
hast Du die morsche Nuß, deren faule Stellen Du aus dem
Folgenden erkennen wirst. Inzwischen überiege bei Dir
selbst, ob Du nicht aus Deinem Vordersatze schrittweiso
besser so geschlossen hättest : Also, wenn ich bin, wie ich
bin, bin ich nichts. Sicher war entweder der Vordersatz
zu Unrecht gesetzt, oder die Behauptung wird hinfällig durch
die später eingeschaltete Bedingung : wenn ich bin. Daher
bestreite ich diesen Vordersatz : Seitdem ich alles abgelehnt
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 435
habe, gibt es keinen Körper, keine Seele, keinen Geist und
nichts anderes, und zwar mit Recht. Denn wenn Du alles
ablehnst, lehnst Du entweder zu Unrecht alles ab, oder Du
lehnst nicht schlechterdings alles ab; Du kannst es nämlich
nicht, da Du notwendig selbst bist, der Du ablehnst. Und
um genau zu antworten: Wenn Du sagst: Es gibt nichts,
nicht Körper, nicht Seele, nicht Geist usw., dann schließest
Du Dich entweder von jener Voraussetzung „es gibt nichts
usw." aus und verstehst dabei „es gibt nichts usw. außer
mir"; das mußt Du notwendig tun, damit Dein Satz zu-
stande kommt und besteht; ganz so, wie man darüber in
der Logik gewöhnlich lesen kann, zum Beispiel : Jeder Satz
in diesem Buche ist falsch, oder: Ich lüge, und unendlich
viel andere Beispiele dieser Art, die sich selbst ausschließen
Oder Du schließest Dich auch selbst ein, so daß Du selbst
nicht sein wiUst, während Du ablehnst, und während Du
sagst : „Es gibt nichts usw.". Im ersten Falle kann der Satz
keine Gültigkeit haben: Seitdem ich alles abgelehnt habe,
gibt es nichts usw. Du bist nämlich und bist irgend etwas
und notwendig bist Du entweder Körper, oder Seele, oder
Geist, oder etwas anderes, | und somit existiert notwendig [631
entweder Körper, oder Seele, oder Geist, oder etwas anderes
Im zweiten FaUe begehst Du einen Fehler, und zwar einen
doppelten: Einmal, weü Du Dich mit dem abmühst, was
unmöglich ist, und nichts seüi wülst, während Du bist'; und
dann, weü Du jenen Demen Satz m der Folge zu' Fall
bringst, indem Du fortfährst : „Also, wenn ich bm, wie ich
bin usw.". Denn wie ist es möglich, daß Du bist, wenn
nichts ist? Und solange Du setzest, daß nichts sei, wie kannst
Du setzen, daß Du seist? Und wenn Du setzest, daß Du
bist, bringst Du dann nicht den kurz vorher aufgestellten
Satz: „Nichts ist usw." zu Fall? Falsch ist also der Vorder-
satz, falsch auch der Nachsatz. Doch Du fängst die Schlacht
von vorne an.
Du sagst : Während ich sage, es gibt nichts, bin ich nicht
gewiß, daß ich Körper bin, oder Seele, oder Geist, oder
irgend etwas, vielmehr bin ich nicht gewiß, daß es h-gend-
einen anderen Körper, oder Seele, oder Geist gibt. Also
nach dem Gesetz der Ablehnung, demzufolge das Zweifel-
436
Descartes, Meditationen.
hafte als falsch gesetzt wird, werde ich sagen und setzen:
Es gibt keinen Körper, keine Seele, keinen Geist, noch
etwas anderes. Also wenn ich bin, wie ich bin, bin ich
nicht Körper.
Oo. / Ganz vorzüglich I Doch laß mich bitte die einzelnen
Punkte im einzehien prüfen und genau abwägen. Während
ich sage, es gibt nichts usw., bin ich nicht gewiß, daß ich
Körper bin, oder Seele, oder Geist, oder etwas anderes.
Ich zerlege den Vordersatz. Bist Du nicht gewiß, daß Du
Körper bist in bestimmter Weise, oder Seele in bestimmter
[64] Weise, oder Geist | in bestimmter Weise, oder etwas anderes
in bestimmter Weise, so mag der Vordersatz gelten. Da-
nach nämlich fragst Du. Bist Du nicht gewiß, daß Du
Körper bist in unbestimmter Weise, oder Seele, oder Geist,
oder etwas anderes, dami bestreite ich den Vordersatz. Du
bist nämlich, und bist etwas, und bist notwendig, sei's Kör-
per, sei's Seele, sei's Geist, sei's etwas anderes; das kannst
Du im Ernst nicht in Zweifel ziehen, mag Dich der Geist
auch noch so schrecken. Ich komme zum Nachsatze : Also
nach dem Gesetz der Ablehnung werde ich sagen : Es gibt
keinen Körper, keine Seele, keinen Geist, auch nichts anderes.
Ich zerlege d^n Nachsatz. Sage ich, es gibt keinen Körper
in bestimmter Weise, keine Seele, keinen Geist, nichts
anderes, so soll die Schlußfolgerung gelten. Sage ich, es gibt
keinen Körper in unbestimmter Weise, keine Seele, keinen
Geist und nichts anderes, dann bestreite ich die Schluß-
folgerung. Und in derselben Weise werde ich Deinen letz-
ten Nachsatz zerlegen : Also, wenn ich bin, wie ich bin, bin
ich nicht Körper, in bestimmter Weise, dann stimme ich
ein; in unbestimmter Weise, dann bestreite ich. Sieh, wie
freigebig ich bini Ich habe Deine Sätze um die Hälfte
vermehrt. Doch Du läßt den Mut nicht sinken und stellst
die Schlacht wieder her. Wie ich Dich bewundere!
Pp. / Ich weiß, sagst Du, daß ich existiere. Ich frage, wer
jener Ich ist. den ich kenne. Es ist höchst gewiß, daß die
Kenntnis dieses so genau genommenen Ich nicht von dem
abhängt, von dem ich noch nicht weiß, ob es existiert.
Was weiter? Hast Du schon aUes gesagt? Ich erwar-
[65] tete irgendeine Schlußfolgerung wie kurz zuvor. | Du hast
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 437
wohl gefürchtet, daß sie kein besseres Ende nimmt Recht
gescheit, nach Demer Weise 1 Doch ich nehme es im ein-
zelnen wieder vor. Du weißt, daß Du existierst. Mag seini
Du fragst, wer jener Ich ist, welchen Du kennst. So ist es,
und ich frage mit Dir, und es dauert schon lange, daß wir
so fragen. Die Kenntnis dessen, nach dem Du fragst, hängt
nicht von dem ab, von dem Du noch nicht weißt, ob es
existiert. Was soD ich sagen? Es ist noch nicht ganz er-
sichtlich, und ich sehe noch nicht recht, worauf dieser Dein
Satz hinaus will. Und wirklich, wenn Du fragst, wer der
ist, welchen Du kennst, dann frage auch ich : Warum fragst
Du, wenn Du ihn kennst?
/ Aber ich weiß, sagst Du, daß ich bm; weiß aber Pp.
nicht, wer ich bin.
Ausgezeichnet! Doch woher wirst Du erkennen, wer
der ist, der Du bist, es sei denn von dem aus, was Du ent-
weder einst gewußt hast, oder einst wissen wirst. Ich glaube
nicht, von dem aus, was Du einst gewußt hast. Das strotzt
von zweifelhaften Dingen und ist abgelehnt. Also von dem
aus, was Du noch nicht weißt, aber später wissen wirst.
Und ich sehe nicht ein, warum Du Dich hier so aufregst.
Noch weiß ich nicht, sagst Du, daß das existiert.
Hoffe nur; Du wirst es einst erkennen.
Doch Du sagst: was soll ich inzwischen tun?
Das mußt Du abwarten! Doch werde ich Dich nicht
lange im Zweifel lassen. Ich werde zerlegen wie vorher.
Du weißt nicht, wer Du bist in bestimmter Weise und klar!
Ich stimme zu. Du weißt nicht, wer Du bist in unbestimmter
Weise und verworren. Ich bestreite. Du weißt nämlich, daß
Du etwas bist, und zwar notwendig Körper, oder Seele, | [66]
oder Geist, oder etwas anderes. Aber was denn? Du wirst
Dich später klar und in bestimmter Weise erkennen. Was
sollst Du hier tun? Dieser eine Igel: „in bestimmter Weise,
in unbestimmter Weise'*, / wird Dir ein ganzes Jahrhundert Pp.
zu schaffen machen. Sieh Dich hilfeflehend nach einem
anderen Wege um, wenn noch einer übrig ist ! Doch wage
es! Ich habe noch nicht das Gewehr ins Korn geworfen.
Große und ungewöhnliche Dinge sind von ungewöhnlichen
und großen Schwierigkeiten umgeben.
438
Descartes, Meditationen.
Es bleibt nur noch ein Weg, sagst Du, und wenn der
einen Riegel oder einen Stein des Anstoßes hat, dann ist
es geschehen, ich werde mich zurückziehen, und nie werden
mich diese Gefilde der Ablehnung als Herumstreicher wieder-
sehen. Soll ich auch den erproben?
Das möchte ich gern, doch unter der Bedingung, daß
Du, weil es der letzte ist, in allem das Letzte von mir er-
wartest. Geh voraus 1
§ 8. Vierter Versuch einer Einführung und Aufgabe
des Versuchs.
Qq. / Ich bin, sagst Du.
Ich bestreite.
Du fährst fort: Ich denke.
Ich bestreite.
Du sagst dazu: Was bestreitest Du?
Ich bestreite, daß Du bist, daß Du denkst, und weiß
sehr wohl, was ich getan habe, als ich sagte : Es gibt nichts.
Wirklich eine herrliche Tat! Mit einem Hiebe habe ich
alles fortgeschnitten. Nichts ist. Du bist nicht, Du denkst
nicht.
Doch ich bitte Dich, sagst Du, ich bin gewiß, ich bin
167] I mir bewußt, das ist mein Bewußtsein, daß ich bin, daß
ich denke.
Auch wenn Du Deine Hand aufs Herz legst, wenn Du
den Eid leistest und beschwörst, ich bestreite. Nichts ist,
Du bist nicht, Du denkst nicht. Du bist Dir nicht bewußt.
Das ist die Schwierigkeit. Und damit Du sie recht erkennst
und vermeidest, sieh, darum stelle ich sie Dir vor Augen.
Wenn dieser Satz wahr ist : Es ist nichts, dann ist auch der
wahr und notwendig: Du bist nicht, Du denkst nicht. Doch
wahr ist dieser: Nichts ist, wie Du willst. Also ist auch
der wahr: Du bist nicht. Du denkst nicht.
Das ist eine zu große Härte, sagst Du, man muß sie
etwas abschwächen.
Weil Du bittest, tue ich es, und gem. Du bist: das
gebe ich zu. Du denkst: auch das. Du bist ein denkendes
Ding und dazu eine denkende Substanz; wie Du Dich an
prächtigen Worten erfreust I Ich freue mich und wünsche
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 439
Glück. Doch nicht weiter! Dennoch willst Du es und sam-
melst so Deine letzte Kraft.
/ Ich bin, sagst Du, eine denkende Substanz, und weiß, Qq
daß ich existiere als denkende Substanz, und weiß, daß eine
denkende Substanz existiert, und habe einen klaren und
deutlichen Begriff dieser denkenden Substanz, und weiß
doch nicht, daß ein Körper existiert, weiß nichts von dem
was zum Begnff der körperlichen Substanz gehört; ja viel-
mehr, der Körper existiert nicht, kein körperliches Ding ich
habe alles abgelehnt. Also hängt die Kenntnis der Exis'tenz
oder des existierenden denkenden Dinges nicht von der
Kenntnis der Existenz | oder des existierenden Körpers ab. [681
Also, da ich existiere und als denkende Substanz existiere
und ein Körper nicht existiert, bin ich nicht Körper. Also
Geist. Das ist es, eben das, was mich zwingt, meine Zu-
stimmung zu geben, da nichts darin steckt, was nicht im
Zusammenhang stünde und nicht aus evidenten Prinzipien
nach den Regeln der Logüc geschlossen wäre.
Welch ein Schwanengesang I Doch warum hast Du
nicht vorher so gesprochen und klar und deutlich Deine
berühmte Ablehnung ganz beiseite gelassen? Ich habe wirk-
hch Grund, mich über Dich zu beklagen, der Du uns hier
so lange herumirren ließest, ja, durch weglose und unweg-
same Gegend geführt hast, während Du uns mit einem
Schritte an dies Ziel bringen konntest. Ich habe auch Grund
zu zürnen und würde überhaupt, wenn Du nicht mein mniger
Freund wärest, meine GaUe auf Dich loslassen. Denn Du
handelst nicht, wie Du sonst zu tun pflegtest, aufrichtig und
offen; nein, Du hast einen Grund, etwas wie in Deiner
eigenen Vorratskammer aufzubewahren und mir nicht davon
abzugeben. / Du staunst. Lange werde ich Dich nicht hin- Rr
halten. Hier ist der Anfang der Klage. Kurz zuvor fragtest
Du, kaum vor hundert Schritt, wer der Du wäre, welchen Du
kanntest; jetzt weißt Du nicht nur, wer der ist, sondern hast
auch einen klaren und deutlichen Begriff von ihm. Ent-
weder hast Du etwas versteckt und Dich gestellt, als wüßtest
Du nichts, während Du Dich aufs beste darauf verstandest,
oder Du hast eine unterirdische Ader von Wahrem und
Gewissem, die Du versteckst. Und doch möchte ich lieber
440
Descartes, Meditationen.
suchen, wenn Du mit dem Finger auf die QueUen zeigst,
als mich beMagen. Woher hast Du bitte jenen klaren und
[691 deutlichen Begriff der denkenden Substanz? | Wenn sie
nach ihrer Bezeichnung oder nach dem Wesen der Sache
so klar und evident ist, dann werde ich inmier und immer
wieder fordern, daß Du mir diesen so klaren und so deut-
lichen Begriff wenigstens einmal zeigst, damit ich durch
seinen Anblick mich erhole, hauptsächlich da wir fast von
ihm allein die Wahrheit, die wir mit so großer Mühe suchen,
erwarten.
Rr / Ja. ich weiß doch gewiß, sagst Du, daß ich bin, daß
' ich denke, daß ich als denkende Substanz existiere.
Warte nur bitte, ich bin der Schwierigkeit gewachsen,
einen so schwierigen Begriff zu bilden. Ich weiß auch und
weiß sehr wohl, daß ich existiere, daß ich denke, daß ich
als denkende Substanz existiere. Fahre nunmehr fort, bitte.
Nein, sagst Du, es ist fertig. Indem ich dachte, ich
existiere als denkende Substanz, habe ich einen klaren und
deutlichen Begriff der denkenden Substanz gebildet.
Potztausend, wie genau und scharfsinnig Du bistl Wie
Du in einem Augenblick durchdringst und durcheilst alles,
was ist, und was nicht ist, und was sein kann und nicht sein
kann. Du büdest einen klaren und deudichen Begriff der
denkenden Substanz, indem Du klar und deuüich begreifst,
daß eine denkende Substanz existiert. Also, wenn Du klar
erkennst, wie Du wohl sicherlich erkennst (Du hast eine so
glückliche Begabung), daß kein Berg ohne Tal existiert
Rr / dann wirst Du mithin einen klaren und deutlichen Begriff
[701 I des Berges ohne Tal haben? Doch da ich diese Kunst nicht
kenne, bewundere ich diese ungewöhnliche Tat. Eröffne mir
bitte und zeige mir, wieso jener Begriff klar und deutlich ist.
Das ist ^anz einfach, sagst Du: ich erfasse klar und
deutlich, daß eine denkende Substanz existiert, und erfasse
nichts Körperliches, nichts Geistiges, nichts anderes außer
dem, sondern allem die denkende Substanz. Also dieser
mein Begriff der denkenden Substanz ist klar und deutlich.
Endlich verstehe ich Dich und begreife Dich, wenn
ich mich nicht täusche : Klar ist Dein BegriH, weü Du ge-
wiß erkennst; deuüich ist er, weü Du nichts anderes er-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 441
kennst. Habe ich nicht den Nagel auf den Kopf getroffen?
Ich glaube es. Denn Du fährst fort :
Das genügt vollkommen, sagst Du, um behaupten zu
kennen, daß ich, sofern ich mich selbst kenne, nichts anderes
bin, als ein denkendes Ding.
Ganz vorzüglich! Und wenn ich Deine Meinung klar
erfaßt habe, beruht der klare und deutliche Begriff der
denkenden Substanz, den Du bUdest, darauf, daß er Dir
vorsteUt, es existiere eine denkende Substanz, ohne dabei
den Korper zu beachten und die Seele und den Geist und
sonst irgend etwas anderes, sondern aUeüi den Umstand
daß sie existiert. Und insofern sagst Du, daß Du, sofern
Du Dich kennst, nichts anderes seist, als denkende Substanz
nicht aber Körper oder Seele oder Geist oder sonst etwas'
so daß Du, wenn Du genau genommen | existiertest, soweit [71J
Du Dich kennst, nur denkende Substanz wärest und nichts
weiter. Ich glaube, Du lachst und klatschst Dir Beifall,
und erlaubst, daß ich durch den weiten Umschweif der Worte]
den ich wider meine Gewohnheit mache, nur Aufschub suche
und der Schlacht aus dem Wege gehe, um Demer uner-
schutterten Angriffsfront auszuweichen. Doch mein Sinn
steht nach etwas ganz anderem. SoU ich Deine ganze Streit-
kraft, auch die Kemtruppen, die Du für den Entscheidungs-
kampf vorsichtig aufbewahrt hast, auch wenn sie keilförmig
oder gestaffelt aufgesteUt sind, mit einem einzigen Worte
auseinanderblasen? Ich werde es mit drei Worten tun
so daß auch nicht ein Bote der Niederlage übrigbleibt. / Rr
Hier das erste: Vom Erkennen darf man nicht auf die
Existenz schheßen. Darüber denke wenigstens fünfzehn
Tage nach, und Du wirst die Frucht Deines Nachdenkens
ernten, und zwar wirst Du es nicht zu bereuen brauchen
wenn Du Deine Blicke sogleich auf die unten beigefügte
Tafel nchtest. Denkende Substanz ist das, was einsieht,
oder wiU, oder zweifelt, oder träumt, oder sich einbüdet!
oder empfindet; imd somit fallen die Denkakte wie Ein-
sehen, WoUen, Sicheinbüden, Empfinden alle unter den
gemeinsamen Begriff des Denkens oder der Perzeption oder
des Bewußtseins, und die Substanz, der sie innewohnen,
nennen wir denkende Substanz. \
442
[72]
Descartes, Meditationen.
I Dankend« Substmni
Körperlich, oder mit einem Körper be-
haftet und auf ihn angewiesen.
Uokörperlich, oder nicht mit einem Körper
behaftet und nicht auf ihn angewiesen.
ausgedehnt und
teilbar
unausgedehnt
and unteilbar.
Gott
Engel.
Die
Seele
des
Pferdes
Die
Seele
des
Hundes
Der Der
Geist Geist
eines eines
Sokrates Plato.
Rr. / Hier das zweite : In bestimmter Weise, in unbestimmter
Weise; deutlich, verworren; ausschließlich, einschließlich.
Und das mußt Du ebenso bis zu fünf Tagen im Geiste hin
und her überlegen. Es wird sich verlohnen, wenn Du das
selbst im einzelnen auf Deine Sätze anwendest, wie es sich
gehört, wenn Du sie teilst und sie zerlegst. Ich würde mich
nicht weigern, es gleich zu tun, wenn ich nicht fürchtete,
Rr. daß es langweüt. / Hier das dritte: Was zu viel erschließt,
erschließt nichts. Und hier verordne ich Dir keine be-
stimmte Zeit, darüber nachzudenken. Es hat Eile und drängt,
schnell, richte Deine Aufmerksamkeit auf Deine Sätze, und
sieh, ob ich in derselben Weise vorgehe. Ich bin ein denken-
des Ding, ich weiß, daß ich eine denkende Substanz bin,
daß eine denkende Substanz existiert, und weiß doch nicht,
daß der Geist existiert ; nein, vielmehr es existiert kein Geist,
nichts ist, alles ist abgelehnt. Also, die Kenntnis von der
Existenz oder von der existierenden denkenden Substanz
hängt nicht von der Kenntnis der Existenz oder des exi-
stierenden Geistes ab. Also, wenn ich existiere und existiere
[73] als denkendes Ding, und der Geist nicht | existiert, bin ich
nicht Geist : also Körper. Was schweigst Du, was ziehst Du
Dich zurück? Noch habe ich nicht alle Hoffnung aufge-
geben. Folge mir jetzt endlich! Wohlan, nur Mut! Ich
bringe die alte Form und die Methode zur Lenkung der
Vernunft, die allen Alten, was sage ich, überhaupt allen
Menschen vertraut ist. Gewinne es über Dich bitte, und sei
nicht unwillig! Ich habe Dich ertragen. Sie wü^d vielleicht
einen Weg eröffnen, wie es gewöhnlich der Fall ist, in ver-
wickelten und unentwirrbaren Dingen. Oder sie wird doch
wenigstens, wenn sie das nicht leistet, auf den Fehler Deiner
Methode, wenn sich einer darin findet, mit dem Finger hüi-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 443
weisen, während wir uns zurückziehen. Hier sieh also : Dein
Versuch in der üblichen Form!
§ 9. Sicherer Rückzug in der alten Form.
/ Nichts, was derart ist, daß ich daran zweifeln kann, Ss
ob es existiert, existiert tatsächlich.
Jeder Körper ist derart, daß ich daran zweifeln kann,
ob er existiert.
Also existiert kein Körper tatsächlich.
Ist der Obersatz nicht der Deinige, um nicht alles zu
wiederholen? Auch der Untersatz ist es, so daß auch die
Schlußfolgerung Dir gehört. Ich wiederhole also:
Es existiert kein Körper tatsächlich.
/ Also nichts, was tatsächlich existiert, ist Körper. Ich Ss.
fahre fort: Nichts, was tatsächlich existiert, ist Körper.
I Ich (ich, die denkende Substanz,) bin etwas tatsäch- [74]
lieh Existierendes.
Also ich {ich, die denkende Substanz,) bin nicht Körper.
Wie glänzt doch Dein Gesicht! Und auf ihm zeigt sich
ein neuer Frühling. Ich glaube, die Form sagt Dir zu, und
was durch die Form erschlossen wird. Doch schau, welch
Hohngelächter 1 Setze an die Stelle von Körper Geist, und
dann wirst Du nach guter Form schließen : Also ich' (ich,
die denkende Substanz,) bin nicht Geist. Nämlich folgender-
maßen :
Nichts, was derart ist, daß ich daran zweifeln kann, ob
es existiert, existiert tatsächlich.
Jeder Geist ist derart, daß ich daran zweifeln kann,
ob er existiert.
Also kein Geist existiert tatsächlich.
Kein Geist existiert tatsächlich.
Also, nichts, was tatsächlich existiert, ist Geist.
Nichts, was tatsächlich existiert, ist Geist.
Ich {ich, die denkende Substanz,) bin etwas, was tat-
sächlich existiert.
Also ich {ich, die denkende Substanz,) bin nicht Geist.
Was also? Die Form ist gut und berechtigt. Nirgends
ein Fehler, nirgends ein Fehlschluß, es sei denn, aus falscher
Voraussetzung. Also wenn ein Fehler in der Folgerung miß-
JM... JM jM...
Descartes, Meditationen.
fällt, dann stammt er notwendig nicht aus der Form, sondern
Tt aus irgendeiner falschen Annahme in den Prämissen. / Und
[75] hältst Du in der Tat den festen Ausgangspunkt | Deiner
Irrfahrt für angebracht : nichts, was derart ist, daß ich daran
zweifeln kann, ob es existiert, oder ob es wahr ist, existiert
tatsächlich oder ist wahr? Ist das so gewiß, so ausgemacht,
daß Du mit festem und freiem Mute darauf fußen kannst?
Sag bitte, warum bestreitest Du das : ich habe einen Körper?
Zweifellos, weil es Dir zweifelhaft scheint. Oder ist nicht
auch dieser Satz zweifelhaft: Ich habe nicht einen Körper?
Gibt es irgendeinen Menschen, der als Gnmdlage seiner
ganzen Wissenschaft und Kunst und besonders der, nach
der sich die übrigen wie nach einer Lehrmeisterin richten
sollen, das aufstellt, was er in kluger Weise für falsch hält?
Doch übergenug ; dies ist der letzte Grenzstein und das Ende
der Irrfahrt. Ich habe darüber hinaus keinen Grund noch
zu hoffen. Daher antworte ich auf Deine Frage, ob die
Methode zu philosophieren auf Grund der Ablehnung aller
zweifelhaften Dinge zweckdienlich sei, wie Du erwartest,
aufrichtig, freimütig und ohne Umschweif.
Anmerkungen.
Bis hierher hat der ehrwürdige Herr gescherzt; da er
nun im Folgenden ernsthaft verhandeln imd eine ganz
andere RoUe spielen zu wollen scheint, will ich hier in-
zwischen kurz das hersetzen, was mir bei diesen Scherzen
Kk. aufgefallen ist. / Diese seine Worte: ,, Einst, ist das einst
gewesen?" und: „Ich träume zu denken, denke aber nicht",
und ähnliches sind Witzeleien, die ganz zu der Rolle passen,
[76] die er | angenommen hat, wie auch die gewichtige Frage,
„ob Denken ein weiterer Begriff sei als Träiunen'* und der
Witz: „Über die Methode zu träumen" und „Um gut zu
folgern, muß man träumen". Doch ich glaube, daß ich dazu
nicht die geringste Veranlassung gegeben habe, weil ich
ausdrücklich betont habe, daß, wo ich von den abgelehnten
Dingen sprach, ich nicht behaupte, daß sie wären, sondern
nur, daß sie schienen, so daß ich, wenn ich fragte, was ich
einst zu sein geglaubt hätte, nur fragte, was mich damals
deuchte, daß ich einst gedacht hätte. Und während ich
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 445
sagte kh dächte, habe ich nicht untersucht, ob ich im
Wachen oder rni Träumen dächte. Und ich wundere mich,
daß da3 von ihm als eine Methode zu träumen bezeichnet
rSen i ^ offenbar recht tüchtig aufgerüttelt
Er zieht auch Schlußfolgerungen in einer Art, die seiner
RoUe entspricht, wenn er mir zumutet, ich sollte, um zu
fragen, was ich früher zu sein geglaubt hätte, wie als einen
Satz vorausschicken :/ „Ich bin etwas von dem, was ich LI
ernst zu sem geglaubt hatte", oder „ich bin das, was ich
einst zu sem geglaubt habe". Und gleich danach will er
für die Untersuchung, ob ich Körper bin, folgende Annahme
vorausgeschickt haben: „Ich habe einst richtig geurteUt
über das, was zum Körper gehört", oder „Nichts gehört
zum Korper außer dem, was ich einst als dazugehörig er-
kannt habe". Denn Worte, die offenbar der Vernunft wider-
sprechen, sind geeignet. Lachen zu erregen; und es ist offen-
bar, daß man zweckmäßig mir hätte die Frage vorlegen
können, was ich einst zu sein geglaubt hätte, und ob ich
Korper wäre, wenngleich ich nicht wüßte, ob ich etwas von
dem bm was ich geglaubt hatte, | und ob ich etwa nicht [771
mit Recht das geglaubt hätte, um darauf nämlich mit HUfe
dessen was ich dann von neuem erfassen würde, eben das
zu prüfen, und wenn nichts anderes, wenigstens das hinzu-
zulernen, daß ich auf diesem Wege nichts finden kann.
Ganz hervorragend spielt er wieder seine RoUe, / wo Mm.
er die Geschichte von dem Bauern erzählt; und nichts ist
daran lacherlicher, als daß er. während er meint, sie auf
meme Worte anzuwenden, sie doch bloß auf seine eigenen
anwendet. Eben nämlich tadelte er mich, daß ich nicht den
Satz vorausgesetzt hätte: „Ich habe einst richtig geurteUt
über das, was zum Körper gehört", oder „nichts gehört
zum Korper außer dem, was ich einst als dazugehörig er-
kannt habe"; jetzt aber tadelt er eben das, was, wie er sich
beklagte, ich nicht gesagt hätte, und was er ganz aus seiner
EmbUdungskraft geschöpft hat, gerade so, als wäre es mein
Eigentum, und vergleicht es mit der unsmnigen Schluß-
folgerung seines Bauern. Ich habe aber niemals bestritten,
oau em denkendes Ding Körper sei, und zwar nicht deshalb
■fc i»» tJt
Descartes, Meditationen.
weil ich annahm, daß ich einst über die Natur des Körpers
richtig geurteiit hätte, sondern deshalb, weil ich, indem ich
dieses Wort Körper nur zur Bezeichnung eines mir hin-
reichend bekannten Dinges, nämlich der ausgedehnten Sub-
stanz, anwandte, die Erkenntnis gewonnen habe, daß das
denkende Ding davon verschieden ist.
Nn. / Dann diese feinen Wendungen, die schon öfters vor-
kamen und hier wiederholt werden : „Ich denke, sagst Du.
Ich bestreite, Du träumst** und „Gewiß, sagst Du, und evi-
dent. Ich bestreite, Du träumst, es scheint nur und sieht so
aus, ist aber nicht** usw. In seinem Munde erregen sie tat-
[78] sächlich Gelächter, weU sie im | Munde dessen, der ernst-
haft verfährt, albern wären. Doch daß die Anfänger hier
nicht etwa irren und meinen, dem, der zweifelt, ob er wacht
oder träumt, könne nichts anderes gewiß und evident sein,
sondern nur scheinen oder so aussehen, so mögen sie sich
an das erinnern, was vorher angemerkt worden ist (bei F),
nämlich daß das, was klar erfaßt wird, von wem es auch
immer erfaßt wird, wahr ist, nicht aber bloß scheint oder
so aussieht wie wahr, wenngleich wirklich es nur wenige
Menschen gibt, die richtig zwischen dem unterscheiden,
was tatsächlich erfaßt wird, und dem, was man nur zu
erfassen glaubt, weil nur wenige an klare imd deutliche
Perzeptionen gewöhnt sind.
Oo. / Bis hierher hat unser Schauspieler noch nicht auch
nur den Schein eines erwähnenswerten Streites bei uns er-
weckt, sondern sich nur kleine Hindernisse in den Weg ge-
stellt und, sobald er an ihnen eine Zeit herumgestikuliert
hat, sogleich zum Rückzug geblasen und sich gegen einen
anderen Teil gewandt. Hier beginnt er zum ersten Male
einen ungeheuren Kampf gegen einen Feind, der ganz auf
seine Bühne paßt, nämlich gegen meinen Schatten, der zwar
niemand sonst sichtbar ist, den er aber aus seinem eigenen
Gehirn hervorgezaubert und, damit er vollends nichtig er-
scheint, just aus dem Nichts zusammengestückelt hat. Doch
mit vollem Ernst kämpft er gegen ihn, argumentiert, müht
sich ab, schheßt Waffenstillstand, ruft die Lx>gik zu Hilfe,
erneuert den Kampf, prüft die einzelnen Dinge und wägt
sie genau, und weil er die Hiebe eines so starken Gegners
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 447
nicht mit dem Schüde zu parieren wagt, weicht er ihnen mit
dem Korper aus, zeriegt und entschlüpft endlich, indem er
seme Zuflucht mmmt zu dem Schlupfwinkel: „in bestimmter
Weise und | m unbestimmter Weise'*. Und das ist ein recht [791
ergotzhcher Anbhck, besonders, wenn man den Grund dieses '
gewaltigen Streites versteht. Als er nämlich gerade mal m
memen Schriften gelesen hatte: Wenn wir etwelche wahre
Meinungen besitzen, bevor wir ernsthaft phüosophieren
dann seien diese mit so vielen anderen falschen oder wenig-
stens zweifelhaften vermischt, daß es am besten sei, um
jene von diesen zu trennen, sie anfangs alle zu verwerfen
oder gänzlich alles abzulehnen, damit man später bequemer
erkennen kann, welche wahr waren, und neue finden und
die wahren aUem gelten lassen kann. Und das ist ganz
dasselbe, wie wenn ich gesagt hätte, um sich zu hüten, daß
in einem mit Äpfeln gefüllten Korbe oder einer Kiepe keine
schlechten enthalten sind, müsse man zu Anfang alle aus-
schütten und überhaupt keinen darin lassen und dann nur die
wiedernehmen oder von anders woher hinzunehmen, an denen
man kernen Fehler erkennen kann. Doch diese Geschichte
voll von tiefer Spekulation, hat er nicht begriffen oder tut
wenigstens, wie es der FaU ist, so, als begriffe er sie nicht
und wundert sich hauptsächlich, daß gesagt wurde, alles
müsse unbedingt abgelehnt werden, und denkt nun lange
und viel über dieses Nichts nach, und prägt es sich so in
sem Gehu-n em, daß er, mag er auch jetzt oft dagegen an-
kämpfen, sich doch nicht leicht von ihm befreien kann
/ Nach so glücklichem Treffen, und in der Meinung Pp
Sieger zu sein, voU Stolz, reizt er einen neuen Feind zum
Kampf, den er zwar wieder für meinen Schatten hält I (der [801
schwebt nämlich ständig seiner Phantasie vor); doch setzt
er ihn jetzt aus neuer Materie zusammen, nämlich aus den
Worten: „Ich weiß, daß ich existiere; ich frage, wer ich
bin" usw. Und da ihm dieser weniger bekannt ist, als der
vorhergehende, greift er vorsichtiger an und nur von ferne
Das erste Geschoß, das er schleudert, ist dieses: „Warum
fragst Du, wenn Du weißt ?'* Und weil er nun glaubt daß
es vom Feinde pariert wird mit diesem Schüde: „Ich weiß,
daß ich bm; weiß aber nicht, wer ich bm", schleudert er
Detcartet, Meditationen.
20
■jCdCCJ
Descartes, Meditationen.
sogleich diese längere Lanze: „Woher wirst Du erkennen,
wer Du bist, es sei denn von dem aus, was Du einst gewußt
hast oder einst wissen wirst? Nicht von dem aus, was Du
einst gewußt hast. Das strotzt von Zweifeln und ist ab-
gelehnt. Also von dem aus, was Du noch nicht weißt,
aber später wissen wirst.** Und nun glaubt er, daß der
unglückliche Schatten durch diesen Wurf ganz entmutigt
und fast zu Boden geschlagen ist, und glaubt ihn rufen zu
hören: „Ich weiß noch nicht, daß das existiert'*. Und dann
wandelt er seinen Zorn in Mitleid und tröstet ihn mit diesen
Worten: „Hoffe nur, so wirst Du schon einst erkennen'*.
Und darauf läßt er ihn mit kläglicher und flehender Stimme
so antworten: „Was soll ich inzwischen tun?** Da ant-
wortet er in gebieterischer Weise, wie es dem Sieger zu-
kommt: „Das mußt Du abwarten**. Doch da er mitleidig
ist, läßt er ihn nicht lange im Zweifel, sondern nimmt wieder
seine Zuflucht zu seinem Schlupfwinkel: „in bestimmter
Weise, in unbestimmter Weise; klar, verworren"; und weil
er sieht, daß ihm da keiner folgt, triumphiert er allein. Das
sind in der Tat alles ausgezeichnete Beispiele für seine Art
von Witzen, die durch die überraschende Vorspieglung der
Verständnislosigkeit erzielt werden, besonders bei einem
[81] Manne, dessen | Antlitz imd Gewand viel Weisheit und
Würde verspricht. Doch damit dies klarer werde, müssen
wir unseren Schauspieler als einen ernst zu nehmenden und
gelehrten Mann betrachten, der in der Absicht, die Methode
zur Forschung nach der Wahrheit zu bekämpfen, die ge-
bietet, alles Ungewisse zu verwerfen und mit der Erkenntnis
der eigenen Existenz zu beginnen und von dort ziu* Prüfimg
unserer Natur fortzuschreiten oder zur Prüfung dessen, was
wir schon als existierend erkennen, — der in dieser Ab-
sicht zu beweisen versucht, daß es auf diesem Wege keinen
Zugang zur transzendentalen Erkenntnis gäbe, imd folgenden
Beweis führt: „Da Du nur weißt, daß Du bist, aber nicht,
wer Du bist, kannst Du das nicht erlernen von dem aus, was
Du einst gewußt hast, da Du alles abgelehnt hast; also nur von
dem aus, was Du noch nicht weißt.** Darauf könnte nun wohl
ein dreijähriger Knabe antworten, es stehe nichts im Wege,
von dem aus, was er einst wußte, zuzulernen, weil es, wenn
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 449
es auch abgelehnt worden wäre, solange es zweifelhaft war,
doch wieder später angenommen werden konnte, sobald es
feststand, daß es wahr war; und außerdem gäbe es, auch
wenn man zugäbe, daß man von dem einst Erkannten nichts
lernen könne, doch noch einen anderen Weg auf Grund
dessen, was er noch nicht wisse, aber mit Eifer "und Aufmerk-
samkeit lernen würde. Doch hier denkt sich unser Verfasser
einen Gegner, der nicht nur zugibt, daß der erste Weg ver-
schlossen sei, sondern auch den zweiten selbst verschließt
durch dieses Wort: „Ich weiß nicht, daß das existiert**;
gleich als ob keine neue Erkenntnis der Existenz gewonnen
werden könnte, und als ob der Mangel an der Kenntnis
davon jede Erkenntnis der Wesenheit ausschlösse. Und das
ist doch tatsächlich | im höchsten Grade abgeschmackt. [82J
Doch wohlverstanden, er spielt auf meine Worte an; ich habe
nämlich geschrieben, es sei umnöglich, daß die Kenntnis,
die ich schon besitze, von einem Dinge, von dem ich weiß,'
daß es existiert, von der Kenntnis dessen abhängig sei, von
dem ich noch nicht weiß, daß es existiert. Und das,' was
ich nur von der Gegenwart gesagt habe, überträgt er in
lächeriicher Weise auf die Zukunft, geradeso, als wenn er
schlösse: weü wir die noch nicht sehen können, die noch
nicht geboren sind, aber in diesem Jahre geboren werden,
werden wir sie niemals sehen können. Denn es ist recht
einleuchtend, daß die Kenntnis, die bereits vorhanden ist,
von einem Dinge, das als existierend erkannt wird, nicht
abhängig ist von der Kenntnis dessen, was noch nicht als
existierend erkannt wird, weü eben dadurch, daß etwas als
zu einem existierenden Dinge gehörig erfaßt wird, es not-
wendig auch als existierend erfaßt wird. Doch ganz etwas
anderes ist es hinsichtlich der Zukunft, weü nichts im Wege
steht, daß die Kenntnis des Dinges, von dem ich weiß, daß
es existiert, durch andere Dinge vermehrt wird, von denen
ich noch nicht weiß, daß sie existieren, sondern erst dann
erkennen werde, wenn ich sie als zu ihm gehörig erfasse.
Er fährt aber fort und sagt : „Hoffe nur, so wü-st Du schon
einst erkennen**, und dann: „Ich werde Dich nicht lange
im Zweifel lassen**. Durch diese Worte weist er uns an,
von ihm zu erwarten, daß er entweder dartut, auf dem ein-
29*
I
450
Descartes, Meditationen.
geschlagenen Wege könne man zu keiner transzendentalen
Erkenntnis gelangen, oder wenn er wenigstens annimmt,
daß der vom Gegner versperrt sei (was doch albern wäre),
irgendeinen anderen eröffnet. Doch er fährt nur fort : „Du
[83] weißt, wer Du bist, in unbestimmter | Weise und verworren,
nicht aber in bestimmter Weise und klar". Es ist nun nichts
näherliegend, als daß wir aus diesen Worten schließen,
daß uns der Weg zur transzendentalen Erkenntnis offen
stehe, weil wir durch aufmerksames Nachdenken es dahm
bringen können, daß wir das, was wir nur in unbestimmter
Weise und verworren erkennen, hernach klar und deutlich
erfassen. Trotzdem schließt er, die Worte „in bestimmter
Weise, in unbestimmter Weise, seien wie ein Igel, der uns
ein Jahrhundert zu schaffen machen könnte*', und deshalb
müsse man nach einem anderen Wege suchen. Er hätte
sich wohl nichts Geeigneteres ausdenken können, um seine
übertriebene Albernheit und eigene Geistesschwäche vor-
zutäuschen, als all diese Witze.
Qq. „Ich bin, sagst Du. Ich bestreite es. Du fährst fort:
ich denke. Ich bestreite es. usw." Hier kämpft er wieder
gegen den ersten Schatten und glaubt, ihn gleich beim ersten
Zusammenstoß verstümmelt zu haben, und ruft prahlend
aus: „Wirklich eine herrliche Tat, mit einem Hiebe habe
ich alles weggeschnitten!" Doch da dieser Schatten seinem
Gehirn sein Leben verdankt und nur mit ihm zusanunen
sterben kann, lebt er auch verstümmelt wieder auf. Und
so legt er die Hand auf das Herz und schwört, er sei, er
denke. Und durch diese neue Art zu bitten läßt er sich
besänftigen und schenkt ihm das Leben und gestattet ihm,
nachdem er noch einmal seine letzte Kraft gesammelt hat,
eine Menge ganz albernes Zeug zu schwatzen, das er selbst
nicht widerlegt ; vielmehr schließt er lieber Freundschaft mit
ihm und geht zu anderen Ergötzlichkeiten über.
L84|Rr. / Zuerst fährt er ihn so an: „Kurz vorher, | kaum vor
hundert Schritt, fragtest Du, wer Du wärest; jetzt weißt Du
es nicht nur, sondern hast auch einen klaren und deutlichen
Begriff davon." Darauf bittet er, „man solle ihm den so
klaren und deutlichen Begriff zeigen, damit er aus seinem
Anblick neue Kraft schöpfe". Dann fingiert er, man stelle
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 451
ihn ihm vor mit den Worten: „Ich weiß gewiß, daß ich
bin, daß ich denke, daß ich als denkende Substanz exi-
stiere; fertig." Und daß das nicht genügt, beweist er durch
das folgende Beispiel : „Du erkennst auch, daß kein Berg
ohne Tal existiert; also hast Du einen klaren und deut-
lichen Begriff des Berges ohne Tal." Und das legt er
folgendermaßen aus : „Klar ist dieser Dein Begriff, weü Du
gewiß erkennst; deutlich ist er, weil Du nichts anderes er-
kennst. Und somit beruht der klare und deutliche Begriff,
den Du bildest, darauf, daß er Dir vergegenwärtigt, daß
die denkende Substanz existiert, ohne auf den Körper zu
achten oder die Seele oder den Geist oder sonst etwas
anderes, sondern nur darauf, daß er existiert." Schließlich
brüstet er sich wieder mit kriegerischem Mut und glaubt
dort „eine große Kriegsrüstung zu sehen und Kemtruppen,
keUförmig und staffeiförmig aufgestellt", die er alle wie ein
zweiter Pyrgopolinices mit einem Atemzuge auseinanderbläst,
„wie der Wind die Blätter oder das Stroh auf dem Dach"*),
und zwar so, „daß nicht einmal ein Bote der Niederlag^
übrigbleibt". Mit dem ersten Hauche stößt er diese Worte
aus: „Vom Erkennen darf man nicht auf die Existenz
schließen." Zugleich bringt er wie als | Kriegsbanner eine [85]
Tafel zum Vorschein, auf der er die denkende Substanz in
ganz willküriicher Weise dargestellt hat. Mit dem zweiten
Atemzuge stößt er die folgenden Worte aus : „in bestimmter
Weise, in unbestimmter Weise ; deutlich, verworren ; einschließ-
lich, ausschließlich", und dann mit dem dritten: „Was zu
viel erschließt, erschließt nichts." Diesen letzten Satz erklärt
er folgendermaßen: „Ich weiß, daß ich existiere als denkende
Substanz, und weiß doch noch nicht, daß der Geist existiert;
also hängt die Kenntnis von meiner Existenz nicht von der
Kenntnis des existierenden Geistes ab. Also, wenn ich exi-
stiere und der Geist existiert nicht, bin ich nicht Geist:
also Körper." Und als der Schatten das gehört hat, schweigt
er, zieht sich zurück, läßt den Mut sinken und läßt sich
von ihm als Gefangener un Triumph aufführen. Da könnte
♦) Plautus. Miles I, 1, 17 (Descartes zitiert nicht ganz genau;
ofiFenbar aus dem Gedächtnis).
^fcn.
452
Descartes, Meditationen.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 453
m
I
ich noch so manches Stückchm,das unsterbliches Gelächter
verdiente, vorführen. Doch ich will lieber das Gewand des
Schauspielers schonen; auch g^laube ich, daß es mir nicht
zukommt, über so nichtige Dinge lange zu lachen. Daher
wül ich hier nur das anmerken, von dem, da es mit der
Wahrheit im Widerspruch steht, doch vielleicht der eine oder
andere glauben könnte, ich hätte es gebilligt, wenn ich ganz
davon schweige.
Besonders bestreite ich ihm das Recht, sich zu beklagen,
als hätte ich gesagt, ich besäße einen klaren und deutlichen
Begriff von mir, bevor ich hinreichend auseinandergesetzt
hätte, auf welche Weise man ihn gewinnt, und obgleich
ich, wie er sagt, „kaum hundert Schritt vorher gefragt hätte,
wer ich wäre*'. Denn zwischen diesen beiden Stellen habe
ich alle Eigenschaften des denkenden Dinges aufgezählt,
nämlich daß es einsieht, will, sich etwas einbüdet, sich er-
innert, empfindet usw., und ebenso alle anderen Eigen-
schaften nach landläufiger Auffassung, die zu seinem Be-
[86] griffe nicht I gehören, um den Unterschied der einen von
den anderen festzustellen, was man erst zu erreichen hoffen
konnte, nachdem die Vorurteile aufgehoben waren. Aber
ich gebe zu, daß die, die die Vorurteüe nicht ablegen, nicht
leicht jemals einen klaren und deutlichen Begriff von irgend-
einem Dinge besitzen körmen. Es ist nämlich klar, daß die
Begriffe, die wir in der Kindheit besessen haben, nicht
klar und deutlich gewesen sind, und daß daher von ihnen,
wenn sie nicht abgelegt wurden, alle anderen, die wir später
gewonnen haben, verdunkelt und verwirrt wurden. Wenn
er daher wünscht, daß man ihm diesen „klaren und deut-
lichen Begriff zeige, damit er aus seinem Anblicke neue
Kraft schöpfe*', dann treibt er Scherz; ebenso, wenn er es
so darstellt, als zeigte ich ihn ihm mit den Worten: „Ich
weiß gewiß, daß ich bin usw." Wenn er aber diese Scherze
durch folgendes Beispiel widerlegen wÜl: „Du weißt auch
gewiß, daß kein Berg ohne Tal existiert; also hast Du
einen klaren und deutlichen Begriff vom Berge ohne Tal,"
dann täuscht er sich selbst durch einen Trugschluß; denn
aus den Vordersätzen folgt nur : „also erfassest Du klar und
deuthch, daß kein Berg existiert ohne Tal"; aber nicht:
„Du besitzest einen Begriff von dem Berg ohne Tal", weil
man, da es gar keiner ist, ihn nicht haben kann, so daß
man erfaßt, es gibt keinen Berg ohne Tal. Doch wohl-
gemerkt, er besitzt „so glückliche Geistesgabe", daß er just
diese Albernheiten, die er sich ausgedacht, nicht ohne neue
Albernheiten widerlegen kann.
Wenn er aber dann sagt, „ich erfaßte die denkende
Substanz und erfaßte nichts Körperliches, nichts Geistiges
usw.", dann gebe ich das hinsichtlich des Körperlichen zu,
weil ich vorher auseinandergesetzt hatte, was ich unter dem
Wort Körper oder körperliches Ding | verstand, nämlich [87]
nur das, was ausgedehnt ist, oder in dessen Begriff die
Ausdehnung enthalten ist. Wenn er aber fortfährt, es vom
Geistigen zu behaupten, dann trägt er fingerdick auf; ebenso
an den meisten anderen Stellen, wo er z. B. mich die Worte
sprechen läßt : „Ich bin ein denkendes Ding, aber bin nicht
Körper, auch nicht Seele, nicht Geist usw." Ich kann näm-
lich hinsichtlich des denkenden Dinges nur das in Abrede
stellen, in dessen Begriff, wie ich weiß, kein Denken ent-
halten ist; und daß ich das von der Seele oder vom Geiste
wüßte, habe ich niemab geschrieben noch gedacht.
Wenn er nun später sagt, „er erfasse richtig meine Mei-
nung, und ich glaubte, mein Begriff sei klar, weü ich gewiß
erkenne, und deutlich, weü ich nichts anderes erkenne",
da läßt er sich selbst als recht schwerfällig von Begriffen
erscheinen. Es ist nämlich ganz etwas anderes, klar erfassen
und gewiß wissen, da wir vieles nicht nur aus dem gött-
lichen Glauben, sondern auch daher, daß wir es klar früher
durchschaut haben, jetzt gewiß wissen, was wir dennoch
noch nicht klar erfassen. Auch hindert die Kenntnis anderer
Dinge keineswegs, daß die Kenntnis, die wir von irgend-
einem Dinge besitzen, deutlich ist; auch habe ich niemals
nur das geringste Wort geschrieben, aus dem sich solche
Torheiten herleiten ließen.
Außerdem ist sein Satz: „Vom Erkennen darf man
nicht auf die Existenz schließen", gänzlich falsch. Wenn-
gleich nämlich daraus, daß wir die Wesenheit eines Dinges
erkennen, nicht folgt, daß es existiert, und auch nicht
daraus, daß wir etwas zu erkennen glauben, folgt, daß das
454
Descartes, Meditationen.
[88] sei, wenn es mögrlich ist, daß wir uns | täuschen so darf
man dennoch durchaus von der Erkenntnis auf die Existenz
schheßen, weü es ganz ausgeschlossen ist, daß wir ein Ding
erkennen, wenn es nicht in der Tat selbst so ist, wie wir es
erkennen, d. h. entweder existierend, wenn wir es als exi-
stierend erfassen, oder von dieser oder jener Natur wenn
uns nur seine Natur bekannt ist.
Falsch ist auch, oder wenigstens von ihm ohne eine
Spur von Vernunft behauptet der Satz, „irgendeine denkende
Substanz sei teübar", wie es auf der Tafel zu lesen steht
auf der er verschiedene Arten der denkenden Substanz auf-
steUt, als wäre er von einem Orakel darüber unterrichtet
worden. Wir können nämlich beim Denken keine Aus-
dehnung oder Teübarkeit begreifen, und es ist gänzlich
widersmmg. das mit einem Worte als wahr hinzusteUen, was
weder von Gott enthüllt ist noch von uns durch den Ver-
stand erfaßt wird. Dabei kann ich nicht verschweigen,
daß diese Memung von der Teilbarkeit der denkenden
Substanz wohl höchst gefahrvoU ist und mit der christlichen
Religion im schroffsten Widerspruche steht; denn solange
emer sie gelten läßt, wird er die reale Unterschiedenheit
des menschlichen Geistes vom Körper niemals, auch durch
keinen Beweis bewogen, anerkennen.
Wenn die Worte : „In bestimmter Weise, in unbestimm-
ter Weise; deutlich, verworren; ausschließlich, einschließ,
lieh allem, wie hier, gesetzt werden, dann haben sie über-
haupt keinen Sinn und sind nichts als Täuschungen, durch
die unser Verfasser seinen Schülern wohl die Überzeugung
beibringen will, er denke etwas Vernünftiges, wenn er auch
nichts Vernunftiges zu sagen hat.
[89] Auch der andere Satz von ihm : „Was zu viel erschließt, 1
erschließt nichts", darf nicht unterschiedslos für gültig er-
klart werden. Denn, wenn er unter dem Worte zu viel"
nur versteht, etwas mehr, als das, wonach gefragt wurde
(me dort spater, wo er die Argumente tadelt, mit denen
ich die Existenz Gottes bewiesen habe, aus dem Grunde
weil er memt es würde durch sie mehr erschlossen, als
die Gesetze der Klugheit fordern oder em Mensch ver-
langt), dann ist er ganz falsch und albern; denn je mehr
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 455
erschlossen wird, vorausgesetzt nur, daß richtig geschlossen
wird, um so besser ist es, und keine Gesetze der Klugheit
können je dem widersprechen. Wenn er aber unter dem
Worte „zu viel" nicht einfach etwas mehr, als gefragt wurde
versteht sondern etwas, was unstreitig falsch ist, dann ist der
Satz freüich wahr. Aber der ehrwürdige Herr irrt ganz, wenn
er mir so so etwas anzudichten unternimmt. Wenn ich näm-
hch so geschrieben habe : „Die Kenntnis dessen, von dem ich
weiß, daß es existiert, hängt nicht von der Kenntnis dessen
ab, von dem ich noch nicht weiß, daß es existiert. Und
doch weiß ich. daß ein denkendes Ding existiert, und weiß
noch nicht, daß ein Körper existiert; also die Kenntnis des
denkenden Dinges hängt nicht von der Kenntnis des Kör-
pers ab," da habe ich nicht zu viel und nichts unrichtig
geschlossen. Wenn er aber folgert: „Ich weiß, daß ein
denkendes Dmg existiert, und weiß noch nicht, daß ein
Geist existiert, nein, vielmehr es existiert kein Geist, nichts
ist. alles ist abgelehnt." dann folgert er etwas ganz Ge-
dankenloses und Falsches. Ich kann nämlich nichts vom
Geiste behaupten oder bestreiten, ohne zu wissen, was ich
unter dem Worte ..Geist" verstehe; und ich kann nichts | [90]
begreifen von dem. was darunter verstanden zu werden
pflegt, in dem nicht Denken enthalten wäre. Daher wider-
spricht es sich, daß einer erkennt, daß ein denkendes Ding
existiert, und nicht erkennt, daß der Geist oder irgend
etwas von ihm, was mit dem Worte Geist bezeichnet wird,
existiert. Und was dann folgt: „Nein, es existiert kein
Geist, nichts ist. alles ist abgelehnt", das ist so widersinnig,
daß es eine Antwort nicht verdient; da nämlich nach der
Ablehnung die Existenz des denkenden Dinges anerkannt
ist, ist zugleich die Existenz des Geistes anerkannt (wenig-
stens sofern mit diesem Worte ein denkendes Ding be-
zeichnet wird) und ist somit nicht mehr abgelehnt.
Wenn er schließlich da, wo er den Syllogismus in der
gebräuchlichen Form anzuwenden beabsichtigt, ihn geradeso
„wie eine Methode, die Vernunft zu lenken", preist, die er
der meinigen entgegenstellt, scheint er die Überzeugung
erwecken zu woUen, als billigte ich die Formen der Syllo-
ffismen nicht, und als besäße ich somit eine Methode, die
I
456
Descartes, Meditationen.
I
ganz und gar im Widerspruch mit der Vernunft stünde.
Doch daß das falsch ist, ergibt sich zur Genüge aus meinen
Schriften, in denen ich mich überaU der Syllogismen be-
dient habe, sobald es die Umstände verlangten.
Ss / Hier bringt er einen Syllogismus aus falschen Prä-
' missen, die er mir zuschreibt, was ich ablehne und noch-
mals ablehne. Denn was diesen Obersatz anbetrifft : „Nichts,
was derart ist, daß ich daran zweifeln kann, ob es existiert,
existiert tatsächlich'*, so ist er so widersinnig, daß ich nicht
fürchte, er könne jemand zu der Überzeugung bringen, daß
er von mir stamme, es sei denn, daß er den Betreffenden
zugleich davon überzeugt, daß ich nicht bei Vernunft bm.
Auch kann ich mich gar nicht genug darüber wundern, in
[91] welcher Absicht, mit welchem Vertrauen, | in welcher Hoff-
nung, mit welcher Zuversicht er dies eigendich unternommen
hat. Denn in der ersten Meditation, in der ich noch nicht
von der Aufstellung irgendeiner Wahrheit, sondern nur von
der Beseitigung der Vorurteile handelte, nachdem ich ge-
zeigt hatte, daß die Meinungen, an die zu glauben ich ganz
gewöhnt war. in Zweifel gezogen werden können, und daß
ich daher ihnen nicht weniger als den offenbar falschen die
Zustimmung versagen müsse, damit sie mich nicht beim
Forschen nach der Wahrheit behindern könnten, da habe
ich folgende Worte gebraucht : „Indessen, es ist nicht genug,
dies emmal bemerkt zu haben, vielmehr muß man Sorge
tragen, es sich stets gegenwärtig zu halten, kehren doch die ge-
wohnten Memungen unablässig wieder und nehmen meinen
leichtgläubigen Sinn, den sie gleichsam durch den langen
Verkehr und durch vertrauliche Bande an sich gefesselt
haben, fast auch wider meinen Willen in Beschlag. Und
ich werde es mir niemals abgewöhnen, ihnen beizustinunen
und zu vertrauen, solange ich sie für das ansehe, was sie in
der Tat sind, nämlich zwar — wie bereits gezeigt — einiger-
maßen zweifelhaft, aber inmierhin recht wahrscheinlich und
so, daß es weit vernunftgemäßer ist, sie zu glauben, als zu
leugnen. Es wird daher, denke ich, wohl angebracht sein,
wenn ich meiner Wülkür die gerade entgegengesetzte Rich-
tung gebe, mich selbst täusche und für eine Weüe die Fik-
tion mache, jene Meinungen seien durchweg falsch und
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 457
seien bloße Einbüdungen, bis ich schließlich meine Vor-
urteüe auf beiden Seiten so ins Gleichgewicht gebracht
habe, daß keine verkehrte Gewohnheit fürder mein Urteü
von der wahren Erkenntnis der Dinge abwende"*). Hieraus
sucht nun unser Verfasser folgende Worte heraus, während
er das übrige beiseite läßt: | „Ich werde meiner Wülkür [92J
die gerade entgegengesetzte Richtung geben und die Füction
machen, daß alle irgendwie zweifelhaften Meinungen durch-
weg falsch und bloße Einbüdungen seien." Und außerdem
setzte er an die Stelle der Worte „Ich werde die Füctioa
machen'*, die Worte: „Ich werde setzen, werde glauben,
und so glauben, daß ich das Gegenteü von dem, was zweifel-
haft ist, als wahr hmstelle." Und er wollte, dies sollte ge-
wissermaßen ein Grundsatz oder die gewisse Regel sein, die
ich immer ziu- Anwendung bringen sollte, nicht um die Vor-
urteüe aufzuheben, sondern um eine Grundlage für eine
im höchsten Grade gewisse und sorgfältige Metaphysik zu
legen; doch zuerst hat er das niu* in zögernder Weise und
auf Umwegen vorgeschlagen, nämlich in § 2 und § 3 semer
ersten Frage. Ja, auch in § 3 stellt er, nachdem er voraus-
geschickt hat, er müßte nach dieser Regel glauben, 2 + 3
sei nicht gleich 5, die Frage, „ob er immer das so glauben
müsse, so daß er zu der Überzeugung gelangen müsse, es
könne sich nicht anders verhalten". Auf diese ganz wider-
sinnige Frage läßt er mich nach einigem Umschweif und
überflüssigen Worten schließlich so antworten: „Du wirst
es weder setzen noch bestreiten, keins von beiden wirst Du
tun, beides wirst Du für falsch halten." Aus diesen Worten,
die er mir beüegt, geht ganz deutlich hervor, daß er rich-
tig gewußt hat, daß ich nicht das Gegenteü von dem, was
zweifelhaft ist, für wahr halte, und daß niemand nach meiner
Ansicht diesen Satz als Obersatz für irgendeinen Syllogismus
anwenden darf, von dem man eine zuverlässige Schluß-
folgerung erwartet. Denn da ist ein offener Widerspruch:
„weder setzen, noch bestreiten, keins von beiden tun", imd
„eins davon als wahr hmstellen und darauf weiterbauen".
Doch allmählich hat er hernach das, was er | als mein [93]
*) S. 14 f der Orig. -Ausgabe.
458
Descartes, Meditationen.
Geisteseigentum dargestellt hatte, vergessen, und nicht nur
das Gegenteil behauptet, sondern das auch so oft eingebleut,
daß das fast das einzige ist, was er in seiner ganzen Ab-
handlung tadelt, und er das ganze Dutzend Fehler, die er mir
sodann bis zum Ende andichtet, aus diesem einen herleitet.
Und daraus ergibt sich in der Tat, daß er sowohl hier,
wo er den Obersatz: „Kein Ding, das derart ist, daß ich
daran zweifeln kann, ob es existiert, existiert tatsächlich,"
mir in die Schuhe schiebt, als auch an allen anderen Stellen,
wo er mir etwas Derartiges beilegt (ich müßte mich sehr
irren über die Bedeutung des Wortes lügen), daß er, sage
ich, in unentschuldbarer Weise lügt oder in ganz deutlicher
Weise gegen besseres Wissen und Gewissen redet. Und
wenn ich auch nur sehr wider Willen ein so entehrendes
Wort gebrauche, so fordert doch die Verteidigung der
Wahrheit, die ich unternommen habe, von mir, daß ich mich
nicht weigere, das, was er so offen zu tun sich nicht scheut,
wenigstens mit dem treffenden Namen zu belegen. Uijd
da er in dieser ganzen Schrift fast nichts anderes verfolgt,
als eben diese höchst alberne Lüge in tausenderlei verschie-
denen Gestalten dem Leser plausibel zu machen und sie ihm
einzuprägen, kann man ihn wohl nicht anders entschuldigen,
als damit, daß er sie so oft nachdrücklich ausgesprochen hat,
daß er allmählich selber zu der Überzeugung gelangt ist, sie
sei wahr, und sie nicht mehr als seine eigene Lüge erkennt.
Was dann den Untersatz betrifft: .Jeder Körper ist derart,
daß ich daran zweifeln kann, ob er existiert*', oder „Jeder
Geist ist derart, daß ich daran zweifeln kann, ob er exi-
stiert", so muß ich bemerken: wenn er von irgendeiner
[94] Zeit in imbestimmter Weise verstanden wird, | wie man ihn
bei seiner Schlußfolgerung verstehen muß, dann ist er
auch falsch, und ich erkenne ihn nicht als den meinigen
an. Denn gleich nach den Anfangsworten der zweiten Medi-
tation, sobald ich gewiß erkannt hatte, daß ein denkendes
Ding existiert (und dieses denkende Ding wird nach land-
läufigem Gebrauch als „Geist" bezeichnet), konnte ich nicht
mehr zweifeln, daß der Geist existiert, wie ich auch nach
der sechsten Meditation, in der ich die Existenz des Kör-
pers erkannt habe, nicht mehr an ihm zweifeln konnte.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 469
Staunen erwecken muß aber die Begabung unseres Ver-
fassers, der zwei falsche Prämissen so kunstvoll sich hat
ausdenken können, daß aus ihnen in gültiger Form eine
falsche Schlußfolgerung sich ergibt. Doch ich sehe nicht
ein, mit welchem Rechte er mir hier ein „Hohngelächter"
prophezeit, da ich den Grund zur Heiterkeit, zwar keiner
großen, doch gewiß sehr begründeten und gewissen, nur
in seiner Abhandlung gefunden habe, nämlich darin, daß
er vieles tadelt, was nicht mein ist, sondern was er mir an-
gedichtet hat, und daß er dadurch klar zeigt, daß er an
jedem Stein gerüttelt hat, um in meinen Schriften irgend
etwas zu finden, was sich tadeln ließe, und doch überhaupt
nichts gefunden hat.
/ Doch daß er gewiß nicht aus innerer Überzeugung Tt.
bisher gelacht hat, das beweist einerseits jener ernsthafte
Tadel, mit dem er diesen Teil beschließt, beweisen dann
vor allem seine Antworten, die nun folgen, in denen er nicht
nur mürrisch und streng, sondern geradezu grausam ist.
Denn da er keinen Grund zum Haß hat, und nichts zu
tadeln findet, außer der einen Albernheit, die | er mir absieht- [95J
lieh und wissentlich andichtet, und die ich kurz zuvor mit
keinem ehrenvolleren Namen belegen konnte, als dem der
Lüge; — weil er dennoch der Meinung ist, er hätte semen
Leser davon schon völlig überzeugt (zwar nicht durch die
Gewalt von Gründen; hat er doch überhaupt keine; sondern
zunächst durch ein bewunderungswürdiges Vertrauen auf
seine Behauptungen, von dem man sich gar nicht vorstellen
kann, daß es sich bei einem Manne, der sich ganz besonders
zur christlichen Ehrfurcht und Liebe bekennt, in solchem
Maße und so ohne jede Scham gelegentlich einer falschen
Behauptung je vorfinden kann; und dann durch eine hart-
näckige und häufige Wiederholung derselben Behauptung,
die so oft geschieht, daß wir aus der Gewöhnung, sie zu
hören, selbst die Gewohnheit, Dinge, von denen wir wissen,
daß sie falsch sind, für wahr zu halten, annehmen. — Und
diese beiden Kniffe haben bei der großen Menge und all
den Leuten, die die Dinge nicht genau prüfen, gewöhnlich
einen größeren Erfolg, als die schwerwiegendsten Gründe)
— deshalb frohlockt er also jetzt übermütig über mich, den
460
Descartes, Meditationen.
Besiegten, und tadelt mich, wie ein ernster Lehrer einen
Knaben, und wirft mir in den folgenden zwölf Antworten
eine Anzahl Sünden vor. in der Art der Gebote im Dekalog.
Doch ist der ehrwürdige Herr zu entschuldigen, weü er
nicht mehr bei sich zu sein scheint; vielmehr, während die,
die etwas zu viel getrunken haben, wohl zwei Dinge zu sehen
pflegen, wo nur eins ist, ist er von solchem Eifer der Liebe
ergriffen, daß er in einem einzigen Worte von sich selbst,
das er wider besseres Wissen und Gewissen ausgesprochen
hat, zwölf Fehler findet, die er mir schuld geben zu müssen
glaubt. Und die würde ich, wenn ich mich nicht scheute,
hier frei von der Leber und ohne jede Beschönigxmg zu
[96] sprechen, nicht anders denn | als Schimpfereien und Ver-
leumdungen bezeichnen müssen. Doch da ich nunmehr
glaube, daß die Reihe an mir ist, Scherz zu treiben, wül
ich sie nur als Faseleien bezeichnen; und ich wünschte, der
Leser merkte, daß sich nicht das geringste Wort von ihm
gegen mich in den folgenden Abschnitten findet, in dem
er nicht gefaselt hätte.
Antwort.
Antwort 1. Die Methode begeht einen Fehler in An-
betracht der Prinzipien. Denn sie hat keine und hat un-
begrenzte. Die übrigen Wissenschaften stellen zwar, um
aus Gewissem Gewisses zu gewinnen, klare, evidente und
ihnen eingeborene Prinzipien auf: „Das Ganze ist größer
als ein TeU davon*', „Aus nichts wird nichts*', und eine
Menge ähnliche, auf die sie sich stützen und üi die Höhe
erheben und sicher zur Wahrheit streben. Diese aber ver-
fährt anders. Um etwas zu gewinnen, nicht aus irgend etwas,
sondern aus dem Nichts, schneidet sie alles ab, lehnt ab,
schwört ab alle alten Prinzipien bis auf das letzte, er gibt
seiner Willkür die gerade entgegengesetzte Richtung und,
damit es nicht so aussieht, als hätte sie überhaupt keine
Flügel, büdet sie sich welche aus Wachs und paßt sie sich
an und stellt neue Prinzipien auf, die den alten geradezu
entgegengesetzt sind, und legt auf diese Weise die alten
Vorurteile ab, um neue anzulegen. Gewisses legt sie ab, um
Zweifelhaftes anzunehmen, legt sich Flügel an, doch welche
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 461
aus Wachs, erhebt sich in die Luft, doch nur, um herab-
zufallen, und trachtet schließHch aus dem Nichts irgend
etwas zu erreichen, um nichts zustande zu bringen.
I Antwort 2. Die Methode begeht emen Fehler in [97]
Anbetracht der Mittel; denn sie hat keine, indem sie die
alten aufhebt, und wendet neue nicht an. Die übrigen Wis-
senschaften besitzen logische Formeln, femer Syllogismen
und gewisse Arten der Beweisführung, an deren Hand sie
sich wie an einem Ariadnefaden aus den Labyrinthen heraus-
winden und verwickelte Dinge leicht und sicher klären.
Diese hingegen entstellt die alte Form, während sie vor
neuem Schreck erbleicht, den sie sich von einem Geist ein-
jagen läßt, indem sie fürchtet, sie möchte träumen, indem
sie zweifelt, ob sie nicht von Sinnen ist. Man stelle nur
einen Syllogismus auf! Sie wird beim Obersatz erbleichen,
welcher es auch sei. Vielleicht, sagt sie, täuscht mich der
Geist. Und beün Untersatz? Sie wird zittern und ihn für
zweifelhaft erklären. Wie, wenn ich träumte? Wie oft ist
nicht einem Träumenden als gewiß und klar erschienen,
was, wie sich nach dem Traume herausstellte, falsch war!
Was wird sie schließlich bei der Schlußfolgerung tun? Sie
wird iiberhaupt vor allen wie vor Schlingen und Fußangeln
ausweichen. Glauben nicht Irrsinnige und Knaben und Ver-
riickte, sie schlössen ganz ausgezeichnet, während sie jedes
Sinnes imd Urteils bar smd? Wie, wenn eben das mir
soeben zustieße, wie, wenn der Geist Trug und Täuschung
bereitete I Er ist böse. Noch weiß ich nicht, daß Gott exi-
stiert, und daß er den Betrüger bannt. Was wirst Du hier
tun, wenn sie sagt, und zwar in hartnäckiger Überzeugung,
die Schlußfolgerung sei zweifelhaft, wenn man nicht vorher
gewiß weiß, daß man weder träumt, noch von Sinnen ist,
sondern daß Gott ist, | und zwar ein wahrhaftiger Gott, [98]
und daß von ihm der böse Geist in Fesseln gehalten wird?
Wie, wenn sie den Inhalt und die Form dieses Syllogismus
ablehnte? Es ist dasselbe, wenn man sagt, etwas sei in der Na-
tur oder dem Begriff irgendeines Dinges enthalten, wie wenn
man sagt, eben dies sei hinsichtlich dieses Dinges wahr.
Und die Existenz usw.? Und all die anderen derartigen
Dinge? Wenn man darauf dringt, dann wird sie sagen:
Descartes, Meditationen.
Warte, bis ich weiß, daß Gott ist, und bis ich den Geist
gefesselt sehe. Doch wenigstens diesen Vorzug hat sie,
sagst Du : indem sie keine Syllogismen anwendet, vermeidet
sie sicher Fehlschlüsse. Ganz ausgezeichnet! Damit der
Junge ja keine schmutzige Nase hat, schneide man ihm die
Nase ab. Putzen etwa die anderen Mütter ihren Jungen
besser die Nase? Daher habe ich nur dies eine zu sagen:
Hebt man jede Form auf, dann bleibt nichts, nichts, das der
Form nicht entspräche.
Antwort 3. Die Methode begeht einen Fehler in An-
betracht des Ergebnisses, da sie nichts Sicheres erreicht;
aber sie kann auch nichts erreichen, da sie sich selbst alle
Wege zur Wahrheit versperrt. Du hast es selbst gesehen
und erfahren bei Deiner odysseischen Irrfahrt, durch die
Du Dich und mich, Deinen Begleiter, ermüdet hast. Du
behauptest, Du seiest Geist, oder hättest Geist. Das konn-
test Du aber keineswegs beweisen, sondern bliebst an den
Unebenheiten und Domen hängen, und zwar so oft, daß
ich mich kaum des allen entsinnen kann. Und doch wird
es von Nutzen sein, sich eben dessen zu erinnern, damit
meine Antwort jetzt ihr rechtes Gewicht erhält. Das sind
[99] also die Hauptpunkte, durch die sich die | Methode selbst
ihre Kraft abschneidet und gänzlich jede Hoffnung, zum
Licht der Wahrheit zu gelangen, verschließt: 1. Du weißt
nicht, ob Du träumst oder wachst, und darfst demgemäß
nicht mehr Wert auf Deine Gedanken und Schlußfolge-
rungen legen (vorausgesetzt, daß Du welche hast und nicht
nur welche zu haben träumst), als ein Träumender auf die
seinen. Infolgedessen ist alles zweifelhaft und schwankend,
und die Schlußfolgerungen selbst sind ungewiß. Beispiele
werde ich nicht anführen, tu Du das selbst und eile durch
die Schatzkammern Deines Gedächtnisses und, wenn Du
etwas findest, das nicht von dieser Krankheit angesteckt ist,
dann bringe es hervor. Ich wünsche Dir Glück dazu! 2. Bis
ich weiß, daß Gott existiert, der den bösen Geist binden
könnte, muß ich an jeder Sache zweifeln und überhaupt
jeden Satz für verdächtig halten, oder ich muß wenigstens,
wie die landläufige Philosophie und die alte Methode der
Logik verfährt, vor allem feststellen, ob es unanfechtbare
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 463
Sätze gibt, und welches denn jene eigentlich sind; und dann
muß man die Anfänger darauf hinweisen, daß sie die zu-
rückbehalten. Infolgedessen ist ebenso, wie aus dem vor-
hergehenden Satze, alles zweifelhaft und zur Entdeckung der
Wahrheit gänzlich untauglich. 3. Wenn es etwas gibt, das
auch nur im geringsten Maße Zweifel enthält, dann gib
Deiner Wülkür die gerade entgegengesetzte Richtung und
glaube, es sei falsch, und glaube das Gegenteü und nimm
das als Prinzip. Von hier aus sind alle Zugänge zur Wahrheit
verschlossen; denn was kannst Du von dem Grundsatze er-
warten: „Ich habe keinen Kopf. Es gibt keinen Körper,
keinen Geist", und so tausenderlei in der gleichen Art? Dochj [100]
sage nicht etwa, diese Ablehnung sei nicht dauernd, sondern
wie Gerichtsferien, nur für eine Zeit, für einen Monat, für
fünfzehn Tage, je nach der größeren oder geringeren An-
strengung, mit der ein jeder sich daran macht. Mag sein,
mag sie nur für einige Zeit gelten; sie gilt doch für die Zeit,
in der Du nach der Wahrheit suchst, in der Du aufbaust
auf dem, was abgelehnt ist, und das mißbrauchst, geradeso,
als ob davon die ganze Wahrheit abhinge und darauf wie
auf einer notwendigen festen Grundlage fußte. Doch, sagst
Du, ich bediene mich ihrer, um ein Fundament und einen
Tragbalken zu legen, wie es bei den Architekten üblich ist.
Bauen die nicht provisorische Gerüste und brauchen die,
um eüie Säule aufzurichten und an ihrem Platze aufzustellen,
und reißen sie dann wieder nieder und entfernen sie, nach-
dem sie hervorragend ihren Zweck erfüllt haben? Warum
soll ich es nicht ebenso machen wie die? Tu das nur meinet-
wegen I Doch sieh zu, daß sich nicht das Fundament und
der Tragbalken so auf das provisorische Gerüst stützen, daß
sie einstürzen, wemi man dieses entfernt hat. Und das wäre
das, was, wie ich meine, an der Methode zu tadeln ist : Sie legt
eine falsche Grundlage und stützt sich so darauf, daß, wenn
die fortgenommen ist, auch sie selbst beseitigt werden muß.
Antwort 4. Die Methode begeht einen Fehler durch
Überschreitung, das heißt, sie beabsichtigt mehr, als die
Gesetze der Klugheit von ihr verlangen können, mehr, als
ein Mensch von üir fordern kann. Es fordern zwar einige
Leute, daß ihnen die Existenz Gottes und die Unsterblich-
Dcscartes. Meditationen.
30
464
Descartes, Mediiationen.
]
keit des menschlichen Geistes bewiesen werde; aber es hat
[101] wirklich bis jetzt noch niemand gegeben, | der es nicht für
ausreichend erachtet hätte, zu wissen, daß Gott existiert
und die Welt von ihm regiert wird und die Seelen der Men-
schen geistig und unsterblich sind, und zwar so gewiß zu
wissen, wie der Satz ist 2 + 3 = 5, oder „ich habe einen
Kopf", „ich habe einen Körper", so daß jedes Bestreben,
irgendeine größere Gewißheit zu finden, überflüssig ist. Im
übrigen, wie es in den praktischen Dingen oder bei der
praktischen Lebensführung gewisse Grenzen der Gewißheit
gibt, die allemal dazu genügen, daß jeder sich klug und
sicher benehmen kann, so gibt es in der Forschung und in
der Spekulation bestimmte Grenzen; und wer die erreicht,
der ist gewiß, und zwar so gewiß, daß er mit Recht an
anderen Dingen, an denen sich einer darüber hinaus ver-
suchen könnte, verzweifelt oder sie verurteilt, und sich klug
und sicher dabei beruhigt. Nicht zu weitl Nicht über das
rechte Maß hinaus! Doch, sagst Du, das ist kein alltägliches
Verdienst, die Grenzen zu erweitern und einen Weg, der von
allen früheren Jahrhunderten noch unversucht ist, zu gehen.
Ja, es ist wirklich ein hervorragendes Verdienst, doch nur
insofern, als man den Weg beschreiten kann, ohne Schiff-
bruch zu erleiden. Daher ...
Antwort 5. Sie begeht einen Fehler infolge eines
Mangels; das heißt, dadurch, daß sie weiter geht, als an-
gebracht ist, erschließt sie nichts. Dich allein will ich zum
Zeugen und zum Richter. Was hast Du durch Deine an-
spruchsvolle Vorbereitung erreicht, was sonst durch jene
so feierliche, so allgemeine und großartige Ablehnung, bei
der Du Dich nicht selbst einmal verschont hast, als diesen
allbekannten Satz: Ich denke, ich bin, ich bin ein denken-
des Ding? Dieser ist, sage ich, selbst dem gewöhnlichen
Volke so vertraut, daß es solange die Welt steht niemand
[102] gegeben hat, | der auch nur im geringsten daran gezweifelt
hätte, geschweige denn, der ernsthaft gefordert hätte, man
solle ihm beweisen, daß er sei, daß er existiere, daß er
denke, daß er ein denkendes Ding sei; so daß mit Recht
Dir keiner Dank wissen wird, höchstens daß einer, was ich
entsprechend meiner Freundschaft und meinem einzigartigen
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 465
Wohlwollen Dir gegenüber tue, Dem allumfassendes Wohl-
wollen dem Menschengeschlecht gegenüber anerkennt und
Dein Unternehmen lobt.
Antwort 6. Sie begeht einen allgemeinen Fehler, den
sie an anderen rügt; denn sie wundert sich, daß allgemein
alle Menschen sagen und so zuversichüich setzen : Ich habe
einen Kopf, habe Augen usw.; und über sich selbst wundert
sie sich nicht, wenn sie mit gleicher Zuversicht sagt: Ich
habe keinen Kopf usw.
Antwort 7. Sie begeht einen besonderen Fehler für
sich; deim, während die anderen Menschen bis zu einem
gewissen Grade für gewiß halten, und zwar in ausreichendem
Maße, diese Sätze: „Ich habe einen Kopf, es gibt einen
Körper, es gibt einen Geist", setzt sie in besonderer Absicht
für sich das Gegenteü: „Ich habe nicht einen Kopf, es gibt
keinen Körper, keinen Geist," und setzt das nicht nur als
gewiß, sondern als so gewiß, daß darauf eine sorgfältige
Metaphysik begründet werden kann, und stützt sich darauf
in dem Maße, daß sie selbst zusammenstürzt, wenn man ihr
diese Stütze nimmt.
Antwort 8. Sie begeht einen Fehler aus Unvorsichtig-
keit; denn sie bemerkt nicht, daß das Zweifelhafte ein zwei-
schneidiges Schwert ist, und verletzt sich, während sie vor
der einen Sclmeide flieht, an der anderen. Es ist ihr zweifel-
haft, ob irgendein Körper | existiert. Wenn sie das Zweifel- [103]
hafte beseitigt und das Gegenteil setzt: „Es gibt keinen
Körper", und sich dabei auf dieses Zweifelhafte, gleich als
ob es gewiß wäre, unvorsichtig stützt, nimmt sie Schaden.
Antwort 9. Sie begeht wissendich einen Fehler, in-
dem sie wissentlich und in voller Absicht und trotz War-
nung sich selbst blendet und infolge der freiwilligen Ab-
lehnung all dessen, was zur Auffindung der Wahrheit not-
wendig ist, sich durch ihre eigene .Analyse foppen läßt,
\vobei sie nicht nur das erreicht, worauf ihre Absicht ge-
richtet ist, sondern auch das, was sie im höchsten Grade
fürchtet.
Antwort 10. Sie begeht einen Fehler, indem sie etwas
Bestimmtes setzt (peccat commissione), nämlich, indem sie zti
den alten Sätzen zurückkehrt, was sie durch ein feierliches
30*
1 i* £*
4dd
Descartes, Meditationen.
Gebot verbietet, und gegen die Gesetze der Ablehnung die
abgelehnten Sätze wieder aufnimmt. Du erinnerst Dich
dessen zur Genüge.
Antwort 11. Sie begeht einen Fehler, indem sie etwas
unterläßt (peccat omissione), nämlich, indem sie das, was sie
als feste Grundlage vorschreibt: „Man muß sich sehr davor
hüten, etwas als wahr gelten zu lassen, von dem man nicht
beweisen kann, daß es wahr ist", nicht nur einmal übertritt,
wenn sie unbedenklich als höchst gewiß und wahr annimmt
den Satz: „Bisweilen täuschen uns die Sinne, wir träumen
alle, einige Leute sind von Sinnen", und andere derartige
Dinge, ohne sie zu beweisen.
Antwort 12. Die Methode bringt entweder nichts
Gutes oder nichts Neues, aber sehr viel Überflüssiges.
Wenn sie nämlich sagt, sie verstehe unter jener Ablehnung
der zweifelhaften Dinge eine sogenannte metaphysische Abs-
traktion, derzufolge alles Zweifelhafte nur als zweifelhaft
[104] betrachtet wird und der Geist von | ihm abgelenkt wird,
sobald man nach etwas Gewissem sucht, und derzufolge
dann nicht mehr Wert darauf als auf falsche Dinge ge-
legt wird, — dann sagt sie etwas Gutes, doch nichts Neues,
und jene Abstraktion ist nicht neu, sondern alt, und ein
Besitz aller Philosophen ohne Ausnahme.
2) Wenn sie durch jene Ablehnung der zweifelhaften
Dinge so vor den zweifelhaften Dingen warnen will, daß sie
als falsch vorausgesetzt und bezeichnet werden sollen und
sie sich ihrer, als wären sie falsch, oder ihres GegenteUs.
als wäre es wahr, bedient, — dann sagt sie etwas Neues,
doch nichts Gutes, und so wird jene Ablehnung zwar neu,
aber falsch sein.
3) Wenn sie behauptet, sie beweise durch die Wucht
und das Gewicht ihrer Gründe gewiß und evident den Satz :
„Ich bin ein denkendes Ding, und sofern ich denke, bin ich
weder Geist, noch Seele, noch Körper, sondern ein davon
so entferntes Ding, daß ich begriffen werden kann, während
man jene noch nicht begriffen hat, genau so, wie ein Tier
begriffen wird oder ein empfindendes Ding, ohne daß man
vorher begriffen hat, was ein wieherndes oder brüllendes
Düig ist,** usw. — dann sagt sie etwas Gutes, doch nichts
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 467
Neues, da man das von jedem Katheder hören kann und
mit beredten Worten aU die Männer lehren, die der Mei-
nung sind, daß einige Tiere denken, und (wenn unter dem
Denken auch das Empfinden einbegriffen wird, so daß
auch das denkt, was empfindet, sieht imd hört) auch alle
die es lehren, die meinen, daß die Tiere Empfüidung haben,
das heißt alle ohne jede Ausnahme.
4) Wenn sie behauptet, sie hätte durch triftige und
wohlerwogene Gründe bewiesen, sie existiere in der Tat als
ein Ding, imd zwar | als eine denkende Substanz, und, [106]
während sie existiert, existiere der Geist in Wirklichkeit
nicht, kein Körper, keine Seele, — dann sagt sie etwas
Neues, aber nichts Gutes, und nicht mehr, als wenn sie
sagte, es existiere ein Tier, und es gäbe doch keinen Löwen
oder Fuchs usw.
ö) Wenn sie behauptet, sie denke, das heißt, sie be-
greife, woUe, stelle sich vor, empfinde imd denke so, daß
sie ihr eigenes Denken diu-ch eine reflexive Tätigkeit be-
trachtet und beschaut, und somit denkt oder weiß und be-
trachtet, daß sie denkt (und das heißt in der Tat sich seiner
selbst bewußt sein imd das Bewußtsein einer Tätigkeit be-
sitzen); wenn sie weiter behauptet, dies sei eine Eigentüm-
lichkeit einer Fähigkeit oder eines Dinges, das über die
Materie erhaben ist und das völlig geistig ist, und daß sie
auf diese Weise Geist, Seele sei, — dann sagt sie das, was
sie noch nicht gesagt hat, imd was sie hätte sagen müssen,
wovon ich erwartete, daß sie es sagen würde, und das ich
öfter als einmal, ünmer wenn ich sah, daß sie es hervor-
bringen woUte, doch ohne Erfolg, üir an die Hand geben
wollte — dann wird sie, sage ich, etwas Gutes sagen, doch
nichts Neues, da wir das früher von unseren Lehrern über-
kommen haben, und sie von den ihrigen, und ich glaube,
die einen immer wieder von den anderen schon von Adams
Zeiten her.
Und vollends, wenn sie das sagt, was wird dann übrig-
bleiben, und von welcher Bedeutung wird es sein, was wird
der Ertrag sein? Ein ungeheures Geplapper, Riesenunter-
nehmungen zum Zweck eines großen Gepränges oder Blend-
werks! Wozu die Sinnestäuschungen, die Illusionen der
468
Descartes, Meditationen.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 469
ll
Träumer, die Selbsttäuschungen der Irrsinnigen? Was ist
[1061 der Zweck jener Ablehnung, die so 1 unfruchtbar ist, daß
sie uns auch nicht das geringste übrigläßt? Wozu so weite
und so lange Reisen in fremde Gebiete, fem von den Sinnen,
unter Schatten und Schemen? Was werden sie denn dazu
beitragen, die Existenz Gkittes festzustellen, gleich als ob
die nicht bestehen könnte, ohne daß aUes um und um ge-
kehrt wird? Doch wozu so viele und so grundlegende Ver-
änderungen der Ansichten, daß die alten abgelegt, neue
angenommen, und dann diese wieder beiseite gelegt und die
alten angenommen werden? Haben etwa, wie einst die ein-
zelnen Kulte der Göttermutter und des Conscius und der
übrigen Götter ihre besonderen Riten hatten, so diese neuen
Geheimkulte neue feierliche Gebräuche? Warum hat sie
nicht allen Umschweif ganz beiseite gelassen und deutlich,
klar und kurz, so mit einem Worte die Wahrheit gesagt:
„Ich denke, ich habe das Bewußtsein des Denkens; also bin
ich Geist?"
6) Schließlich, wenn sie behauptet, Begreifen, Wollen.
Sichvorstellen, Empfinden, das heißt Denken (cogitare), seien
Eigentümlichkeiten des Geistes, und zwar in der Weise, daß
überhaupt keine Lebewesen außer dem Menschen denken,
sich etwas vorstellen, empfinden, sehen, hören usw., — dann
sagt sie etwas Neues, aber nichts Gutes, und zwar mit Willen
und wider Willen, es sei denn, daß sie etwa sich etwas zu-
rückbehält und verbirgt (das bleibt als einzige Zuflucht noch
übrig), um es zur gegebenen Zeit wie aus der Versenkung
vor den staunenden Zuschauern erscheinen zu lassen. Doch
es ist schon recht lange her, daß man darauf wartet, so
daß man wohl die Hoffnung ganz aufgeben muß.
[107] I Letzte Antwort. Hier fürchtest Du, glaube ich, für
Deine Methode, die Du liebst und ins Herz schließest (ich
verzeih*s Dir), die Du wie Dein Töchterchen küssest, und Du
fürchtest, ich könnte urteüen, daß man sie zu den alten
Scherben werfen soU, weü ich sie so vieler Fehler bezichtigt
habe, da sie, wie Du selbst siehst, auseinanderklafft und
überall aus dem Leim geht. Doch fürchte nichts, ich bin
Dein Freund! Ich werde Deine Erwartung besiegen oder
wenigstens täuschen; ich werde schweigen und abwarten.
Ich kenne Dich und Deine große und durchdringende
Geistesschärfe. Sobald Du nur einige Zeit zum Nachdenken
hast, und vor allem, sobald Du Deine zuverlässige Analyse
in stiller Zurückgezogenheit zu Rate gezogen hast, wirst Du
den Staub ausschütteln, die Unreinlichkeiten abwaschen und
Deine Methode, reingewischt und poliert, uns vor Augen
stellen. Inzwischen halte Dich hieran und höre auf mich,
während ich fortfahre, auf Deine Fragen zu antworten 1
(Und damit fasse ich sehr viel zusammen, was ich um der
Kürze willen nur leicht berührt habe, so das, was den Geist
betrifft, und den klaren und deutlichen Begriff, das Wahre,
das Falsche und ähnliches.) Doch lies selbst das wieder
durch, was die klugen Männer haben verlauten lassen,
und . . .
3. Frage.
Ob sich die Methode wiederherstellen läßt.
Du fragst drittens, ob . . .f
t) Das ist alles, was der ehrwürdige Herr mir über-
sandt hat, und als er um den Rest gebeten wurde, gab er
zur Antwort, er hätte jetzt keine Zeit, mehr zu schreiben. | [108]
Ich würde mir indes einen Vorwurf daraus machen, wenn
ich aucli nur die geringste Silbe seiner Schrift fortließe*).
Anmerkungen.
Ich würde es für ausreichend halten, dieses herrliche
L^rteü über meine Methode, die Wahrheit zu suchen, mag sie
nun sein, wie sie will, einfach wiedergegeben zu haben, um
seine Unrichtigkeit und Widersinnigkeit darzulegen, wenn es
von einem unbekannten Manne stanunte. Doch weil sein Ver-
fasser an einem solchen Platze steht, daß nicht leicht einer
glaubt, er sei seiner Sinne nicht mächtig, oder er sei ganz
besonders verlogen, schmähsüchtig und unverschämt, bitte
ich, damit nicht etwa sein überragender Einfluß gegen die
offenbare Wahrheit etwas auszurichten vermag, meine Leser,
sich daran zu erinnern, daß er oben vor diesen Antworten
♦ Bemerkung Descartes'.
470
Descartes, Meditationen.
keine, auch nicht die geringste Behauptung gegen mich be-
wiesen, sondern nur alberne Sticheleien gegen mich los-
gelassen hat, um mir so lächerliche Meinungen beizulegen,
daß sie nicht einmal der Widerlegung bedürfen ; femer, daß
er jetzt aber in diesen Antworten nicht einmal irgend etwas
zu beweisen versucht, sondern fälschlich voraussetzt, alles,
was er mir andichtet, sei schon vorher von ihm bewiesen;
und weiter, daß er, damit die Berechtigung dieses seines
Urteils mehr hervortrete, früher bei der Anklage nur ge-
scherzt hat, hier aber sodann bei der Urteilsfällung sehr
ernst und streng ist; und schließMch, daß er in den ersten
elf Antworten ohne Bedenken und in gebieterischer Weise
mich verurteilt, und dann endlich in der zwölften überlegt
[109j und unterscheidet : „Wenn sie | das sagt, enthält sie nichts
Neues, wenn das, nichts Gutes usw." Und doch handelt er
an all diesen Stellen nur von ein und derselben, von ver-
schiedener Seite betrachteten Sache, nämlich von seiner
einen Fiktion, deren Widersinnigkeit und Abgeschmacktheit
ich hier durch ein Gleichnis erläutern will.
Überall habe ich in meinen Schriften beteuert, ich ahmte
den Architekten darin nach, daß sie, um feste Gebäude auf-
zuführen, an Stellen, wo der Fels oder der Mergel oder
irgendein anderer fester Boden von einer sandigen Ober-
schicht bedeckt ist, zuerst Gräben ausheben und allen Sand
und alles andere, was auf dem Sande steht oder mit ihm
vermischt ist, aus ihnen entfernen, um sodann auf festem
Boden die Fundamente zu legen. So habe ich alles Zweifel-
hafte, wie Sand, zuerst beseitigt, und dann, als ich merkte,
daß man wenigstens daran nicht zweifeln könne, daß eine
zweifehide oder denkende Substanz existiert, diese Gewiß-
heit gewissermaßen als Fels benutzt, um darauf die Funda-
mente meiner Philosophie zu legen. Unser Verfasser aber
gleicht einem Maurer, der in seiner Stadt als ein großer
Künstler gelten wollte und deshalb den Architekten, der
dort eine Kirche baute, sehr beneidete und daher mit allem
Eifer auf Gelegenheiten paßte, seine Kunst zu tadeln. Doch
weil er so kenntnislos war, daß er nichts von dem, was
jener unternahm, verstehen konnte, wagte er nichts anderes
anzutasten, als nur die ersten Anfänge, die sich ihm am
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 47 1
sinnfäUigsten darboten. Er bemerkte nämlich, daß er an-
fangs grub, und zwar nicht nur den Sand und die beweg-
liche Erde, sondern auch Holz und Sterne und alles, was mit
dem Sande vermischt war, beseitigte, um zum festen Boden
I zu gelangen und dort die Fundamente der Kirche zu legen. [1101
Und außerdem hörte er, wie er emmal den Leuten, die ihn
fragten, warum er so grübe, sagte, die oberste Schicht der
Erde, auf der wir stehen, sei nicht immer hinreichend sicher,
um große Gebäude zu tragen, und besonders der Sand sei
nicht widerstandsfähig, weil er nicht nur, wenn große Lasten
darauf drücken, sich sackt, sondern weü auch vorüber-
strömendes Wasser ihn nicht selten mit sich fortschwemmt •
und daher erfolgt dann unerwartet ein Einsturz dessen, was
er tragt. Und schließlich, da solche Einstürze sich bis-
weÜen in den Bergwerken zutrügen, würde ihre Ursache von
den Bergleuten gewöhnlich auf Gespenster oder böse Geister
die unter der Erde wohnen, zurückgeführt. Und darauJ
nahm er Anlaß vorzugeben, jene Grabung, die der Architekt
veranstaltete, würde von ümi als Kirchenbau angesehen,
und der Graben, oder der auf seinem Grunde aufgedeckte
Fels, oder wenigstens das, was oberhalb des Grabens so
aufgeführt wurde, daß er selbst einstweilen leer blieb, würde
von ihm als die Kirche angesehen, die zu bauen war; und
der Architekt selber sei so albern, zu fürchten, die Erde,
auf der er steht, möchte sich unter semen Füßen auftun
und von den Gespenstern umgeiwühlt werden. Und als er
nun zufällig einmal einige Kinder und andere Leute davon
überzeugt hatte, die so wenig von der Baukunst verstanden,
daß es ihnen etwas Neues und Wunderbares war, wenn
Gräben gezogen wurden, um Fundamente für Häuser zu
legen, und die leicht dem glaubten, den sie kannten und
für recht bewandert in seiner Kunst und einen recht tüch-
tigen Mann hielten, wenn er von einem Baumeister redete,
der ihnen unbekannt war, und von dem sie bisher nichts
anderes gehört hatten, als daß er nur | Gräben ausgehoben [111]
habe, ~ da freute er sich über diese seine Fiktion so
sehr, daß er hoffte, er würde alle Welt davon überzeugen.
Und wenn auch der Baumeister aUe Gräben, die er zuerst
angelegt hatte, mit Steinen ausgefüllt und dort seine Kirche
472
Descartes, Meditationen.
I
aus dem solidesten Baumaterial ganz zuverlässig fest erbaut
hatte und sie aUe Leute sehen ließ, so bUeb der andere
nichtsdestoweniger bei seiner Floffnung und bei semem
Unternehmen, alle Menschen von seinen Torheiten zu über-
zeugen. Und in dieser Absicht stand er täghch auf den
Plätzen und verabfolgte dem vorübergehenden Volke seme
Scherze über den Baumeister. Und seine Beweisführung
war dabei folgende: i r- • v
Zuerst gab jener, wie er es darstellte, den Befelil, Graben
auszuheben und aus ihnen nicht nur allen Sand, sondern
auch alles, was mit dem Sande vermischt war oder darauf
stand, auch Hausteine, auch Werkstücke, mit einem Worte
alles zu beseitigen und absolut nichts zurückzulassen. Und
diese Worte: „Nichts, aUes, auch die Hausteme, auch die
Werkstücke** betonte er ganz besonders und zugleich steUte
er sich, als wolle er diese Kunst von jenem erlernen und
mit ihm in jene Gräben hinabsteigen. „Sei mein Führer/'
sagte er, „wohlan, sprich, Du hast einen marschbereuen
Genossen oder Schüler I Was befiehlst Du? Gern mache
ich mich auf diesen Weg, wenn er mir auch neu und mir,
dem Unkundigen, durch seme Finsternis furchterregend ist.
Ich höre Dich, Du befiehlst, ich soll das tun, was ich Dich
tun sehe, dort meinen Fuß hinsetzen, wo Du ihn hinsetzest.
Fürwahr eine herrliche Art zu befehlen und zu führen 1 Wie
Du mir gefällst! Ich höre.*'
11121 I Dann tut er, als hätte er Furcht vor den Gespenstern
in den Gräben, und versucht auf folgende Weise das Ge-
lächter der Zuschauer zu erwecken: „Und wirst Du mu- das
in der Tat fertig bekommen, daß ich mich nicht gleich zu
fürchten brauche, nicht ängstige und keine Angst vor dem
bösen Geiste habe? Stütze mich doch bitte durch Deine
Hand und Wort; nicht ohne ungeheure Furcht steige ich
dort hinab.'* Und dann sagt er wieder gleich: „Doch wie
ich so meinen Vorsatz vergessen kann 1 Was habe ich getan !
Anfangs hatte ich mich Dir ganz anvertraut, als Genossen
und Schüler; und da stutze ich gleich beim Anfang, furcht-
sam und widerspenstig. Verzeih, ich habe reichlich ge-
sündigt, und nur die Unzulänglichkeit meines Geistes be-
wiesen. Ich hätte alle Furcht ablegen sollen und mich ohne
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 473
Zagen in die Finsternis jenes Grabens stürzen sollen, und
habe gestutzt und Widerstand geleistet."
Im dritten Akte stellte er den Architekten dar, wie er
ihm auf dem Grunde des Grabens den Stein oder Fels zeigte,
auf dem er sein ganzes Gebäude aufbauen wollte. Und das
nahm er in folgender Weise unter Gelächter auf: „Aus-
gezeichnet, Du hervorragender Mann, einen archimedischen
Punkt nimmst Du eüil Zweifellos wirst Du, wenn es Dir
gefälh, die Erde bewegen. Schau, schon wankt alles; doch
ich bitte Dich, Du willst wohl, glaube ich, alles bis auf das
lebende Holz stutzen, so daß nichts in Deiner Kunst vor-
handen ist, was nicht zu ihr paßte, nicht im Zusammenhange
stünde, nicht notwendig wäre? Warum behältst Du hier
diesen Stein bei? Hast Du nicht den Befehl gegeben, die
Steine sollten mit dem Sande verbannt sein? Doch viel-
leicht ist es Dir entfallen, es ist so sehr schwierig, auch für
Leute, die Erfahrung haben, ganz das zu vergessen, woran
wir von Kindheit auf gewöhnt sind, so daß ich, der Un-
erfahrene, wenn ich etwa | wanken sollte, nicht die Hoff- [113]
nung sinken zu lassen brauche, usw.** Ebenso sammelte der
Baumeister einige Mauerreste, die zugleich mit dem Sande
aus den Gräben entfernt worden waren, um sie beim Neubau
zu verwenden. Und darüber erlaubte sich der andere fol-
gende Scherze: „Soll ich wagen, bevor Du einen Schritt
hineintust. Dich zu fragen, in welcher Absicht Du, der Du
alle Mauerreste gar nicht feierlich genug beseitigen konn-
test, sie wiederum untersuchen willst, geradeso, als ob Du
aus diesen Bruchstücken irgend etwas Festes zu finden
liofftest, usw. Ja, weil alles, was Du kurz vorher beseitigt
hast, schwankend und unzuverlässig war (warum hättest Du
es sonst beseitigt), wie kommt es, daß eben das gleich
wieder nicht schwankend und unzuverlässig ist, usw.?"
Und gleich danach sagt er: ,,Auch hier wirst Du gestatten,
daß ich Deine Kunst bewundere, wie Du, um etwas Festes
aufzustellen. Dich unzuverlässiger Dinge bedienen, um uns
zum Licht hinauszuführen, den Befehl geben kannst, in die
Finsternis hinabzutauchen, usw.'* Und hier faselte er viel
in ganz alberner Weise über die Bezeichnungen und Auf-
gaben des Baumeisters und Maurers, was nur dazu beitrug,
JKk- 9 hJL
Descartes, Meditationen.
«
I
die Bedeutung der Bezeichnungen zu verwirren, so daß er
den einen von dem andern nur um so weniger imterscheiden
konnte.
Im vierten Akte standen sie beide auf dem Grunde des
Grabens, und dort versuchte der Baumeister den Bau seiner
Kirche zu beginnen, doch vergebens. Denn sobald er dort
ein Werkstück vermauern lassen wollte, wurde er sogleich
von dem Maurer daran erinnert, er hätte den Befehl ge-
geben, alle Steine sollten beseitigt werden, imd das stehe
daher mit den Regehi seiner Kunst im Widerspruch; und
durch diese Bemerkung wurde er, wie durch emen archi-
medischen Beweis besiegt, gezwungen, von seinem Unter-
[114] fangen abzustehen. Und so oft er dann Hausteine, | Ziegel,
mit Wasser imd Sand angerührten Kalk oder sonst etwas
herbeibringen lassen wollte, fuhr der Maiu-er immer da-
zwischen: „Du hast alles beseitigt, nichts zurückbehalten.**
Und allein mit den Worten: „Nichts, alles, usw.'*, machte
er wie durch gewisse Zauberformeln alle seine Unternehmun-
gen unmöglich ; und er bediente sich dabei emer Redeweise,
die der, welche sich oben im 5. bis 9. Paragraphen findet,
so ähnlich war, daß ich sie hier nicht zu wiederholen
brauche.
Schließlich, im fünften Akte, als er sah, daß eine recht
große Volksmenge sich um ihn gesammelt hatte, ließ er
die Heiterkeit seiner Komödie ganz unerwartet in tragischen
Ernst umschlagen, wischte sich die Kalkspritzer aus seinem
Gesicht, nahm einen ernsten Ausdruck an und zählte mit
der Stimme emes Zensors alle Irrtümer des Baumeisters
(d. h. die, von denen er annahm, daß sie in den voran-
gehenden Akten nachgewiesen wären) auf und verurteilte
sie. Dieses ganze Urteil von ihm werde ich wiedergeben,
wie er es beim letztenmal vortrug, als er es dem Volk
zimi besten gab, damit man erkennen kann, wie genau
es unser Verfasser nachgeahmt hat. Er fingierte, er sei
von dem Baimieister gebeten worden, sein Urteil über
dessen Kunst zu fällen und antwortete ihm folgendermaßen :
„Zunächst begeht die Kirnst einen Fehler in Anbetracht
der Fundamente. Denn sie hat keine und hat unbegrenzte.
Die übrigen Künste, die sich mit der Erbauung von Ge-
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 475
bänden befassen, legen zwar sehr feste Fundamente, nämlich
Werkstücke, Ziegelsteine, Hausteine und viel anderes Der-
artiges, worauf sie | die Gebäude aufführen. Diese aber [115J
macht es anders: um etwas aufzuführen, nicht aus etwas
anderem, sondern aus dem Nichts, reißt sie ab, gräbt aus,
beseitigt alle alten Fundamente bis zum letzten Rest, gibt
ihrer Willkür gerade die entgegengesetzte Richtung und,
damit es nicht so aussieht, als ob sie überhaupt keine Flügel
hätte, bildet sie sich welche aus Wachs und paßt sie sich
an und legt neue Fundamente, die den alten ganz entgegen-
gesetzt sind, und vermeidet auf diese Weise die geringe
Widerstandskraft der alten, um auf euie neue zu geraten;
das Feste beseitigt sie, um Mürbes zu gewinnen; paßt sich
Flügel an, aber welche aus Wachs; sie führt em Gebäude
auf, doch nur damit es einstürzt. Schließlich schafft sie aus
dem Nichts irgend etwas, um nichts zu erreichen."
Alle diese Behauptungen wurden nun schon allein durch
die Kirche, die vom Baumeister bereits gebaut war, als
lächerlich und falsch widerlegt. Denn daran zeigte es sich
ganz klar, daß er sowohl sehr feste Fundamente gelegt, als
auch nichts abgerissen hatte, was nicht hätte abgerissen
werden müssen, imd daß er in kemer Beziehung von den
Vorschriften anderer Leute abgewichen war, höchstens da,
wo er etwas Besseres hatte, und daß er das Gebäude so
aufgeführt hatte, daß es mit keinem Einsturz drohte, und
schließlich, daß er nicht aus dem Nichts, sondern aus sehr
festem Material nicht ein Nichts, sondern eine feste imd
ausdauernde Kirche zur Ehre Gottes gebaut hatte. Und
so ergibt sich auch dasselbe für die entsprechenden Punkte
unserer Frage allein aus den von mir herausgegebenen
Meditationen, gegen die unser Verfasser seine Faseleien
vorgebracht hat. Man darf aber nicht dem Schriftsteller,
aus dem ich die Worte des Maurers ausgeschrieben habe,
zum Vorwurfe machen, daß er ihn hat der Architektur
Flügel beüegen lassen und vieles andere, was | schlecht da- [116]
zu zu stimmen scheint. Das hat er nämlich vielleicht ab-
sichtlich getan, um die geistige Verwirrung dessen, der das
spricht, zum Ausdruck zu bringen. Und in der Tat paßt
all das nicht besser auf eine Methode, die Wahrheit zu er-
476
Descartes, Meditationen.
forschen; und doch hat unser Verfasser es auf sie an-
gewandt.
Er antwortete zweitens: „Die Baukunst begeht einen
Fehler in Anbetracht der Mittel; denn sie hat keine, indem
sie die alten aufhebt, und wendet neue nicht an. Die übrigen
Arten der Baukunst haben Richtschnur, Wasserwage und
Bleilot, mit deren Flilfe sie sich wie an einem Ariadnefaden
aus den Labyrinthen herausarbeiten und noch so unförmige
Hausteine leicht und richtig vermauern. Diese hingegen
entstellt die alte Form, während sie vor neuem Schreck er-
bleicht, den sie sich von den Gespenstern einjagen läßt,
indem sie fürchtet, die Erde möchte sich sacken, indem sie
zweifelt, ob die Erde nicht auseinanderrinnt. Stelle eine
Säule hin, sie wird erbleichen bei dem Boden, auf dem sie
steht, und bei der Unterlage, welche es auch sei. Vielleicht
werden die Gespenster sie umstürzen, sagt sie. Und beim
Schaft? Da wird sie zittern und sagen, er sei unzuverlässig,
wie wenn er nur aus Gips bestände, und nicht aus Marmor.
Wie oft haben uns andere Dinge hart und fest geschienen,
die, wenn man die Probe machte, sich als zerbrechlich er-
wiesen! Was wird sie schließlich beim Deckbalken tunV
Sie wird überhaupt überall wie vor Schlingen und Fußangeln
fliehen. Haben nicht schlechte Baumeister oft andere Ge-
bäude aufgeführt, die, mochten sie sie für noch so fest
117] halten, doch von selbst eingestürzt sind? Wie, | wenn sich
das hier ebenso zutrüge, wenn die Gespenster den Boden
erschütterten? Sie sind böse. Noch weiß ich nicht, daß die
Unterlage darunter von so festem Stein ist, daß die Ge-
spenster nichts gegen sie vermöchten. Was wirst Du hier
tun, wenn sie sagt, und zwar in hartnäckiger Überzeugung,
die Festigkeit des Deckbalkens sei zweifelhaft, wenn man
nicht vorher genau weiß, daß weder die Säule aus zer-
brechlichem Material besteht, noch auf Sand steht, sondern
auf festem Fels, und zwar einem Fels, den niemals die Ge-
spenster zu bewegen vermögen? Und wenn sie das Mateiial
und die Gestalt dieser Säule bemängeln solhe? (Hier zog
er in frechem Scherz die Abbildung einer von den Säulen
hervor, die der Baumeister in seiner Kirche aufgestellt hatte.)
Und wenn man auf die anderen derartigen Dinge dringt,
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 477
dann wird sie sagen: Warte, bis ich weiß, daß Fels darunter
ist und sich dort keine Gespenster herumtreiben. Doch
wenigstens den Vorteü hat sie, sagst Du: indem sie keine
Säulen anwendet, vermeidet sie mit Sicherheit, welche
schlecht zu bauen. In der Tat vortrefflich I „Damit der Junge
nicht eine schmutzige Nase hat," usw., wie oben. Das ist mir
wirklich zu unappetitlich, um es zu wiederholen. Und ich
bitte den Leser, diese einzelnen Antworten mit ihren Gegen-
stücken bei unserem Verfasser gefälligst zu vergleichen.
Auch diese Antwort wurde, wie die vorhergehende,
schon allein durch das Kirchengebäude einer höchst unver-
schämten Lüge überführt, da ja in ihm viele sehr feste
Säulen standen und unter ihnen just die, deren Abbildung
er vorzeigte unter dem Vorgeben, der Baumeister hätte sie
für unbrauchbar erklärt. Und daß ich ebenso | die Syllo- |118J
gismen nicht verwerfe, noch ihre alte Form entstelle, das
beweisen zur Genüge meine Schriften, in denen ich sie
immer angewandt habe, wenn es nötig war. Und unter
anderen hat er gerade den Syllogismus, den er mich hier
der Inhalt und der Form nach zurückweisen läßt, aus mir
abgeschrieben; er steht nämlich bei mir am Ende der Ant-
wort auf die ersten Einwände, Satz 1, wo ich beweise, daß
Gott existiert. Und ich sehe nicht, in welcher Absicht er das
fingiert, höchstens wohl um anzudeuten, daß alles das, was
ich als wahr und gewiß aufgestellt habe, in Widerspruch
stehe mit der Ablehnung der zweifelhaften Dinge, worin er
allein meine Methode erblicken will. Das ist aber ganz das-
selbe und nicht weniger kindisch und albern, als die Fiktion
des Maurers, der in dem Ausheben des Grabens, was, um
Fundamente für die Häuser zu legen, stattfindet, die ganze
Kunst des Architekten erblickt und all das, was von ihm
dann gebaut wird, als stünde es mit jenem Ausgraben im
Widerspruche, tadelt.
Er antwortete drittens: „Die Kirnst begeht einen Fehler
in Anbetracht des Ergebnisses, da sie nichts Festes aufbaut;
aber sie kann auch nichts aufbauen, da sie sich selbst alle
Wege, ihr Werk auszuführen, versperrt. Du hast es selbst
gesehen und die Erfahrung gemacht bei Deiner odysseischen
Irrfahrt, durch die Du Dich und mich, Deinen Begleiter,
478
Descartes, Meditationen.
ermüdet hast. Du behauptest, Du seist ein Baumeister oder
besäßest die Kunst des Baumeisters; das konntest Du aber
keineswegs beweisen, sondern bhebst an den Unebenheiten
und Dornen hängen, und zwar so oft, daß ich mich kaum
des allen entsinnen kann. Und doch wird es von Nutzen
sein, sich eben dessen zu entsinnen, damit meine Antwort
[119] jetzt I ihr rechtes Gewicht erhält. Das sind also die Haupt-
punkte, durch die sich die Methode selbst ihre Kraft ab-
schneidet und gänzlich jede Hoffnung, das Werk zu fördern,
verschließt: 1. Du weißt nicht, ob unter der obersten Schicht
der Erde Sand oder Fels liegt, und daher darfst Du nicht
mehr dem Felsen vertrauen (falls Du einmal doch auf Felsen
stehen solltest) als dem Sande. Infolgedessen ist alles zweifel-
haft und schwankend, und die Bauten selbst sind unzuver-
lässig. Beispiele werde ich nicht anführen, tu Du das selbst,
und eile durch die Schatzkammern Deines Gedächtnisses,
und wenn Du etwas fmdest, das nicht von dieser Krankheit
angesteckt ist, dann bringe es hervor; ich wünsche Dir
Glück dazu! 2. Bis ich festen Boden gefunden habe und
weiß, daß kein loser Sand darunter ist, und daß keine Ge-
spenster ihn erschüttern, muß ich alles beseitigen und über-
haupt jedes Material für verdächtig ansehen, oder ich muß
wenigstens, wie die landläufige und alte Baukunst verfährt,
vor allem feststellen, ob es Materialien, die man nicht zu
beseitigen braucht, gibt, und welches denn jene eigentlich
sind; und dann muß ich die Erdarbeiter darauf hinweisen,
daß sie die zurückbehalten. Infolgedessen ist ebenso, wie
aus den vorhergehenden Gründen, alles unzuverlässig und
gänzlich untauglich zum Bau von Gebäuden. 3. Wenn es
etwas gibt, was sich auch nur im geringsten erschüttern läßt,
dann gib Deiner Wülkür die gerade entgegengesetzte Rich-
tung und glaube, es sei schon eingestürzt, und glaube, man
müsse es ausgraben, und nimm den leeren Graben als Funda-
ment. Von hier aus sind alle Zugänge zu einem ;Neubau
verschlossen. Denn was erwartest Du von jener Gewißheit:
[120) i Hier ist keine Erde mehr, kein Sand, keine Steine und
vieles andere der Art? Doch sage nicht, diese Ausgrabung
sei nicht dauernd, sondern, wie Gerichtsferien, nur für eine
Zeit und bis zu einer gewissen Tiefe, je nachdem an den
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 479
einzelnen SteUen die Erdschicht tiefer oder weniger tief ist
Mag sein, mag sie nur für einige Zeit gelten, sie gilt doch
tur die Zeit, m der Du zu bauen glaubst, m der Du die
Leere des Grabens benutzest und mißbrauchst, geradeso, als
ob von ihr der ganze Neubau abhmge und auf ihr wie auf
einer notwendigen festen Grundlage fußte. Doch, sagst
Du, ich bediene mich ihrer, um ein Fundament und einen
Iragbalken zu legen, wie es bei den Architekten üblich ist
Bauen die nicht provisorische Gerüste und brauchen die
um eine Säule aufzurichten?" usw. wie oben.
Hierbei ist wieder das, was unser Verfasser sich aus-
gedacht hat, mindestens ebenso lächeriich, wie das was
der Maurer sich ausgedacht hat; denn daß ich mir durch
die Ablehnung der zweifelhaften Dinge ebensowenig die
Wege zur Erkenntnis der Wahrheit versperrt habe, wie der
Baumeister durch das Graben den Weg zur Erbauung der
Kirche, das zeigt hinlänglich das, was ich hernach bewiesen
habe; oder er hätte wenigstens etwas Falsches oder Un-
gewisses dann anmerken müssen. Da er das aber nicht tut
und nicht kann, muß man zugeben, daß er in geradezu un-
entschuldbarer Weise faselt. Ebensowenig habe ich mich
jemals bemüht, zu beweisen, ich oder das denkende Ding
sei Geist, wie jener, um zu beweisen, daß er ein Baumeister
sei Gewiß, unser Verfasser hat durch sein großes Unter-
nehmen und seine große Mühe hier nichts anderes be-
wiesen, als daß er keinen Verstand, wenigstens keinen
klaren besitzt. | Und ebensowenig folgt daraus, daß jemand [121
im metaphysischen Zweifel so weit geht, daß er annimmt
er wisse nicht, ob er träumt oder wacht, daß er nichts Ge-
wisses ausmachen könne, wie daraus, daß der Architekt
wenn er zu graben beginnt, noch nicht weiß, ob er Fels,'
oder Ton, oder etwas anderes unter dem Sande fmden
wird, folgt, daß er dort keinen Fels finden könne, oder
wenn er welchen findet, daß er ihm nicht vertrauen dürfe'
Ebensowenig folgt femer daraus, daß, bevor man weiß
daß Gott existiert, man Veranlassung hat, an jedem Dinge
zu zweifeln (das heißt an jedem Dinge, von dem man keinen
klaren Begriff im Geiste gegenwärtig hat, wie ich öfters
ausgeführt habe), daß alles zur Auffindung der Wahrheit
Descartes, Meditationen.
31
480
Descartes, Meditationen.
unbrauchbar sei, wie daraus, daß der Baumeister alles aus
seinen Gräben beseitigen ließ, bis ein fester Grund ge-
funden wäre, folgte, daß keine Mauerreste oder sonst etwas
in ihnen vorhanden war, von dem er urteüen konnte, daß
er es später beim Legen der Fundamente gebrauchen könnte.
Und in ebenso alberner Weise irrte der Maurer, wenn er
sagte, zufolge der üblichen und alten Baukunst dürfe man
das nicht aus den Gräben entfernen, und die Erdarbeiter
müßten angewiesen werden, das zurückzubehalten, wie^ unser
Verfasser irrt, erstens, wenn er sagt, „vor allem müsse man
feststellen, ob es von jedem Zweifel freie Sätze gäbe, und
welches denn jene wären'* (wie sollten sie denn festgestellt
werden von dem, von dem wir annehmen, daß er bisher
noch keine kennt?), und zweitens, indem er behauptet, das
sei eine Vorschrift der gemeinen und alten Phüosophie
(denn in ihr findet sich eine solche nicht). Und ebenso ab-
geschmackt war die Annahme des Maurers, der Architekt
wolle den leeren Graben als Fundament gelten lassen, und
1.122] seine ganze | Bautätigkeit hinge davon ab, wie unser Ver-
fasser offenkundig faselt, wenn er sagt, „ich bediente mich
des Gegenteüs von dem, was zweifelhaft ist, als Prinzip,
und mißbrauchte das, was abgelehnt ist, gleich als ob davon
die ganze Wahrheit abhinge und darauf wie auf einer not-
wendigen festen Grundlage ruhte*'; dabei vergißt er die
Worte, die er oben als die meinigen angeführt hatte: „Du
wirst weder setzen, noch bestreiten, keins von beiden wirst
Du tun, beides wirst Du für falsch halten.*'
Und schließlich zeigte der Maurer nicht gröber seine
Unwissenheit, indem er den Graben, den man anlegt, um
die Fundamente zu legen, mit einer Maschine verglich, die
man nur für bestimmte Zeit aufstellt, wie unser Verfasser,
wenn er die Ablehnung alles Zweifelhaften mit eben dieser
Maschine verglich.
Er antwortete viertens: „Die Kunst begeht einen
Fehler durch Überschreitung, das heißt, sie beabsichtigt
mehr, als die Gesetze der Klugheit von ihr verlangen können,
mehr, als ein Mensch von ihr fordern kann. Es fordern
zwar einige Leute, daß feste Gebäude aufgeführt werden,
aber es hat wirklich bis jetzt noch niemand gegeben, der
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 481
es nicht für ausreichend erachtet hätte, wenn das Haus, in
dem er wohnt, ebenso fest ist, wie die Erde selbst, die uns
trägt, so daß jedes Bestreben, irgendeine größere Festig-
keit zu erreichen, überflüssig ist. Im übrigen, wie es ge-
wisse Grenzen der StabÜität des Bodens gibt, die allemal
ausreichen, um sich sicher auf ihm bewegen zu können, so
gibt es bei der Erbauung von Gebäuden gewisse Grenzen;
und wer die erreicht hat, der ist gewiß," usw. wie oben.
Mag hier der Maurer den Baumeister | mit großem |123]
Unrecht beschuldigt haben, so tadelt doch noch mit viel
größerem Unrecht unser Verfasser mich in der entsprechen-
den Sache. Wahr ist nämlich, daß es bei der Erbauung von
Häusern gewisse Zuverlässigkeitsgrenzen gibt innerhalb der
absoluten Festigkeit des Bodens, die zu überschreiten es
sich gewöhnlich nicht verlohnt, und die sind verschieden
je nach der Größe der aufzuführenden Baumasse; denn
niedrige Häuser kann man auch sicher auf dem Sande selbst
aufbauen, und der ist nicht weniger zuverlässig, um sie zu
tragen, als der Fels, um hohe Türme zu tragen. Doch ist
es gänzlich falsch, daß, wenn man die Grundlage zu einer
Philosophie legt, es irgendwelche derartigen Grenzen des
Zweifeins gäbe innerhalb der absoluten Gewißheit, bei denen
wir uns klug und sicher beruhigen könnten. Da nämlich
die Wahrheit darauf beruht, daß sie vollkommen ist (in
indivisibüi consistat), kann der Fall eintreten, daß das, von
dem wir nicht erkennen, daß es absolut gewiß ist, mag es
auch noch so wahrscheinlich erscheinen, ganz falsch ist;
und der würde wirklich nicht klug phüosophieren, der das
als Grundlage seiner ganzen Wissenschaft aufstellte, von
dem er erkennt, daß es vielleicht falsch ist. Und was wird
er gar den Skeptikern antworten, die über alle Grenzen des
Zweifels hinausgehen? Auf welche Weise wird er sie wider-
legen'? Er wird sie doch zu den Leuten rechnen, die jeder
Hoffnung bar und verdammt sind? Ganz vortrefflich; doch
wozu werden sie ihn dann rechnen? Man darf ja nicht etwa
glauben, daß ihre Schule schon lange ausgestorben sei.
Sie blüht nämlich heute noch wie sonst, und fast alle Leute,
die etwas mehr Geist als die große Masse zu haben glauben
und in der landläufigen Phüosophie nichts finden, was ihnen
31*
482
Descartes, Meditationen.
genügte, dabei aber eine andere wahrere nicht sehen, nehmen
[124J ihre Zuflucht zur Skepsis. Und das sind hauptsächlich die |
Leute, die die Forderung stellen, man solle ihnen die Exi-
stenz Gottes und die Unsterblichkeit des menschlichen
Geistes beweisen. Daher geben die Ausführungen unseres
Autors hier ein recht schlechtes Beispiel, zumal er zu den
Gebildeten gehört; sie zeigen nämlich, daß er selbst nicht
glaubt, daß die Irrtümer der atheistischen Skeptiker wider-
legt werden können, und so stützt er sie, soweit es an ihm
liegt, und bestärkt sie. Denn alle Skeptiker von heute
zweifeln zwar in der Praxis nicht daran, daß sie einen Kopf
haben, daß 2+3 = 5 usw., aber sie erklären, sie ließen diese
Sätze nur als wahr gelten, weil es so schiene, sie glaubten
sie aber nicht mit Gewißheit, weil sie durch keine gewissen
Gründe dazu gebracht werden könnten. Und weil es ihnen
nicht in derselben Weise wahrscheinlich scheint, daß Gott
existiert, und daß die menschliche Seele unsterblich ist,
daher glauben sie, daß sie die Sätze nicht einmal in der
Praxis als wahr gelten lassen dürften, es sei denn, daß sie
ihnen vorher bewiesen würden, und zwar durch Gründe, die
gewisser sind als irgendwelche von denen, auf Grund deren
sie alles Wahrscheinliche gelten lassen. Da nun diese Dinge
von mir so bewiesen sind, und, soviel ich weiß, von keinem
Menschen vor mir, kann man sich wohl keine größere und
unwürdigere Schmähung ausdenken, als die unseres Ver-
fassers, wenn er in seiner ganzen Abhandlung gerade diesen
einen Irrtum, auf dem die Schule der Skeptiker beruht,
nämlich den übertriebenen Zweifel, mir fortwährend an-
dichtet und hundertmal darauf herumreitet. Er ist in der
Tat offenherzig bei der Aufzälilung meiner Fehler, obgleich
er nämlich hier sagt, „es sei kein alltägliches Verdienst, die
Grenzen zu erweitern und einen Weg, der von allen früheren
Jahrhunderten noch unversucht ist. zu gehen*', und obgleich
1125] er keinen | Grund zu dem Verdacht hat, ich hätte das nicht
geleistet, gibt er doch just in diesem Punkte, von dem er
handelt, wie ich bald zeigen werde, gerade mir diesen Fehler
schuld, indem er sagt, „es ist tatsächlich ein hervorragendes
Verdienst, doch nur, sofern man den Weg gehen kann, ohne
Schiffbruch zu leiden". Er wül nämlich, der Leser solle
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 483
glauben, ich hätte dort Schiffbruch gelitten oder einen
Fehler begangen, was er selbst dabei weder glaubt noch
irgendwelchen Grund hat zu mutmaßen. Denn wenn er
wirklich auch nur den geringsten Grund sich hätte aus-
denken können, um den Verdacht zu haben, ich hätte einen
Irrtum begangen, dann hätte er ihn auf dem ganzen langen
Wege, auf dem ich den Geist von der Erkenntnis seiner
eigenen Existenz zur Erkenntnis der Existenz Gottes und
der Unterscheidung seiner selbst vom Körper geführt habe,
zweifellos in seinen so langen, so wortreichen und an
Gründen so armen Darlegungen nicht übergangen, und
er hätte es weit vorgezogen, ihn aufzutischen, anstatt die
Fragestellung zu ändern, wie er es immer tat, sooft er einen
Grund forderte, um davon sprechen zu können, und anstatt
mich in alberner Weise über die Frage disputieren zu lassen,
ob ein denkendes Ding Geist wäre. Er hat also keinen
Grund zu der Annahme gehabt, ich hätte irgendwie in dem
geirrt, was ich ausgeführt habe und wodurch ich zu aller-
erst den Zweifel der Skeptiker beseitigt habe. Er gesteht,
das sei ein hervorragendes Verdienst, und nichtsdestoweniger
hat er die Stirn, mich in tadelnder Weise mit diesem
Namen zu belegen und just mir diesen Zweifel anzudichten,
der allen anderen Menschen, die ihn nie widerlegt haben,
mit größerem Rechte als mir allein beigelegt werden konnte.
Aber er ist eben der Maurer.
Er antwortete fünftens: „Sie begeht einen Fehler in-
folge eines Mangels; das heißt, | dadurch, daß sie weiter [126]
geht, als angebracht ist, leistet sie nichts. Dich allein wül
ich zum Zeugen und zum Richter. Was hast Du durch Deine
anspruchsvolle Vorbereitung erreicht, was sonst durch jene
so feierliche, so allgemeine und großartige Grabung, bei der
Du nicht einmal die festesten Steine verschont hast, als
diesen allbekannten Satz: Der Fels, der sich unterhalb,
allen Sandes findet, ist zuverlässig und fest? Dieser ist, sage
ich, selbst dem gewöhnlichen Volke so vertraut", usw. wie
oben.
Und hier erwartete ich sowohl vom Maurer wie auch
von unserem Verfasser, daß er etwas beweisen würde. Aber
wie jener nur fragte, was der Baumeister durch seine
I
484
Descartes, Meditationen.
Grabung sonst geleistet hätte, als daß er den Fels aufgedeckt
hätte, indem er übersah, daß er auf dem Felsen seine Kirche
aufgeführt hat, so fragt unser Verfasser nur, was ich sonst
durch die Ablehnung der zweifelhaften Dinge erreicht habe,
als diesen allbekannten Satz: „Ich denke, ich bin", weil er
es nämlich für nichts erachtet, daß ich daraus sowohl die
Existenz Gottes als auch vieles andere bewiesen habe. Und
mich allein will er zum Zeugen, nämlich für seine Unver-
schämtheit, die so weit geht, daß er auch an anderm Orte,
auch von Dingen, die nicht wahr sind, sagt : „Das glauben
alle ohne jede Ausnahme. Das kann man auch von
jedem Katheder hören. Das habe ich von meinen Lehrern
überkommen, und die von ihren, schon von Adams Zeiten
her** und ähnliches. Und diesen Behauptungen darf man
nicht mehr Glauben schenken, als den Beteurungen gewisser
Leute, die sie um so häufiger auszusprechen pflegen, je
unwahrscheinlicher und falscher das nach ihrer Meinung
ist, wovon sie überzeugen wollen. Darauf der Maurer:
Er antwortete sechstens: ,,Sie begeht einen allgemeinen
[127J Fehler, ( den sie an anderen rügt; denn sie wundert sich,
daß allgemein alle Menschen sagen und so zuversichtlich
setzen: Der Sand, der uns trägt, ist hinreichend zuverlässig;
dieser Boden, auf dem wir stehen, bewegt sich nicht, usw.
Und über sich selbst wundert sie sich nicht, wenn sie mit
gleicher Zuversicht sagt : Man muß den Sand beseitigen, usw."
Und das war ebenso albern wie das, was unser Ver-
fasser in dem entsprechenden Punkte behauptet.
Er antwortete siebentens: ,,Sie begeht einen besonderen
Fehler für sich; denn, während die anderen Menschen bis
zu einem gewissen Grade für sicher halten, und zwar in aus-
reichendem Maße, die Erde, auf der wir stehen, den Sand
und die Sterne, behauptet sie in besonderer Absicht für sich
das Gegenteil, und hält den Graben, aus dem Sand, Steine
und alles übrige entfernt ist, nicht nur für eine zuverlässige
Sache, sondern für so zuverlässig, daß auf ihm die festeste
Kirche begründet werden kann, und stützt sich darauf in
dem Maße, daß sie selbst auf das Antlitz niederfällt, wenn
man ihr diese Stütze ninrnit."
Hier faselt er ebensosehr wie unser Verfasser, wenn
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 485
er die Worte vergißt: „Du wirst weder setzen, noch be-
streiten, usw.*'
Er antwortete achtens : „Sie begeht einen Fehler, ohne
es zu wissen; denn sie bemerkt nicht, daß die Unzuverlässig-
keit des Bodens ein zweischneidiges Schwert ist und ver-
letzt sich, während sie vor der einen Schneide flieht, an der
anderen. Der Sand ist für sie kein ausreichend fester Boden;
weü sie ihn beseitigt und das Gegenteü setzt, das heißt, den
vom Sande befreiten Graben, und während sie sich auf
diesen Graben, gleich als wäre er eme zuverlässige Sache, | [128]
unvorsichtig stützt, nimmt sie Schaden.'*
Hier braucht man sich nur wieder der Worte zu er-
innern: „Du wirst weder setzen, noch bestreiten.'* Und
dieser Vergleich vom Schwerte entspricht mehr dem Witz
des Maurers als dem unseres Verfassers.
Er antwortete neuntens: „Sie begeht wissentlich einen
Fehler, indem sie wissentlich und in voller Absicht und
trotz Warnung sich selbst blendet und infolge der frei-
willigen Beseitigung all dessen, was zum Hausbau erforder-
lich ist, sich durch ihr eigenes Gesetz foppen läßt, wobei
sie nicht nur das erreicht, worauf ihre Absicht gerichtet
war, sondern auch das, was sie im höchsten Grade fürchtet.**
Wie wenig das zutreffend war hinsichtlich des Archi-
tekten, zeigt der Bau der Kirche, und wie wenig zutreffend
es ebenso ist hinsichtlich meiner, zeigt das, was ich be-
wiesen habe.
Er antwortete zehntens: „Sie begeht einen Fehler, in-
dem sie etwas setzt, nämlich, indem sie zu den alten Dingen
zurückkehrt, die sie durch ein feierliches Gebot verbietet,
und gegen die Gesetze der Grabung die beseitigten Dinge
wieder aufnimmt. Du erinnerst Dich dessen zur Genüge."
Indem unser Verfasser das nachahmt, erinnert er sich
nicht der Worte: ,,Du wirst weder setzen noch bestreiten'*
usw. Wie unverschämt würde es nämlich sonst sein, zu
behaupten, das sei durch ein feierliches Gebot verboten,
von dem er vorher gesagt hat, es dürfe nicht einmal be-
stritten werden.
Er antwortete elftens: ,,Sie begeht einen Fehler, indem
sie etwas unterläßt, nämlich indem sie das, was sie als feste
486
Descartes, Meditationen.
t
Grundlage vorschreibt: ,Man muß sich sehr davor hüten,
etwas als wahr gelten zu lassen, von dem man nicht be-
weisen kann, daß es wahr ist\ nicht nur einmal übertritt,
[129] wenn sie unbedenklich | als höchst gewiß imd wahr an-
nimmt den Satz: ,Sandiger Boden ist nicht hinreichend
sicher, Gebäude zu tragen*, und andere derartige Dinge,
ohne sie zu beweisen.**
Hier hat er offenkundig, wie unser Verfasser, gefaselt,
indem er auf die Grabung anwandte, wie unser Verfasser
auf die Ablehnung der zweifelhaften Dinge, das, was sich
nur auf den Aufbau sowohl der Gebäude wie der Phüosophie
bezieht: Es ist nämlich sehr zutreffend, man dürfe nichts
als wahr gelten lassen, von dem man nicht beweisen könne,
daß es wahr sei, wenn es sich darum handelt, das aufzu-
stellen oder zu behaupten; doch werm es sich nur darum
handelt, auszugraben oder abzulehnen, genügt schon der
Verdacht.
Er antwortete zwölftens: ,, Diese Kunst bringt entweder
nichts Gutes oder nichts Neues, aber sehr viel Überflüssiges.
1.. Wenn sie nämlich sagt, sie verstehe unter jener Be-
seitigung des Sandes die Grabung, die auch die andern
Architekten vornehmen, wenn sie den Sand nur so weit ent-
fernen, als er nicht hinreichend sicher ist, die Gebäudemasse
zu tragen, — dann sagt sie etwas Gutes, aber nichts Neues,
und jene Grabung ist nicht neu, sondern alt und ein Besitz
aller Baumeister bis auf den letzten.
2. Wenn sie durch jene Ausgrabung des Sandes so gänz-
lich vor dem Sande warnen wül, daß er beseitigt und keine
Spur von ihm zurückbehalten werden soll, und wir ihn,
gewissermaßen als nicht vorhanden, oder sein GegenteU,
das heißt, die Leere des Raumes, den er vorher ausfüllte,
als ein zuverlässiges und festes Ding gebrauchen sollen, —
dann sagt sie etwas Neues, aber nichts Gutes, und es ist
jene Ablehnung zwar neu, aber falsch.
[130J ' I 3. Wenn sie behauptet, sie beweise durch die Wucht
imd das Gewicht ihrer Gründe gewiß und evident diesen
Satz : Ich verstehe mich auf die Baukunst und übe sie aus,
und bin doch, sofern ich bin, weder Baumeister, noch
Maurer, noch Lastträger, sondern ein davon so entferntes
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 487
Ding, daß ich begriffen werden kann, während man jene
noch nicht begriffen hat, genau so, wie ein Tier begriffen
wird, oder ein empfindendes Ding, ohne daß man vorher
begriffen hat, was ein wieherndes oder brüllendes Ding ist,
usw., — dann sagt sie etwas Gutes, doch nichts Neues, da
man das an jeder Straßenecke hören kann und mit beredten
Worten all die Männer lehren, die der Meinung sind, daß
sich einige Leute auf die Architektur verstünden, und (wenn
die Baukunst auch die Aufführung von Mauern umfaßt, so
daß auch die sich auf die Baukunst verstünden, die Kalk
mit Sand mischen, oder Steine behauen, oder Material her-
beitragen) auch alle die es lehren, die meinen, daß die
Bauhandwerker das können, das heißt alle bis auf den
letzten Mann.
4. Wenn sie behauptet, sie hätte durch triftige und wohl-
erwogene Gründe bewiesen, sie existiere in der Tat und
verstünde sich auf die Baukunst, und während sie existiert,
existiere der Baumeister in Wirklichkeit nicht, kein Maurer,'
kein Lastträger, — dann sagt sie etwas Neues, aber nichts
Gutes, und nicht mehr, als wenn sie sagte, es existiere ein
Tier, und es gäbe doch keinen Löwen, oder Fuchs usw.
5. Wenn sie behauptet, sie baue, das heißt, sie wende
die Baukunst an bei der Aufführung von Häusern und baue
so, daß sie ihre eigene Tätigkeit durch eine reflexive Tätig-
keit betrachtet und beschaut, und somit weiß | und be- 11311
schaut, daß sie baut (und das heißt üi der Tat, sich seiner
selbst bewußt sein und das Bewußtsein einer Tätigkeit
besitzen), wenn sie weiter behauptet, dies sei eine Eigen-
tümlichkeit der Baukunst, oder einer Kunst, die über die
Fertigkeit der Lastträger erhaben ist, und auf diese Weise
sei sie Baumeister, — dann sagt sie das, was sie noch nicht
gesagt hat und was sie hätte sagen müssen, wovon ich er-
wartete, daß sie es sagen würde, und was ich öfter als ein-
mal, immer wenn ich sah, daß sie es hervorbringen wollte,
doch ohne Erfolg, ihr an die Hand geben wollte, — dann
wird sie, sage ich, etwas Gutes sagen, doch nichts Neues,
da wir das früher von unseren Lehrern überkommen haben,'
und sie von den ihrigen, und ich glaube, die einen immer
wieder von den anderen schon von Adams Zeiten her.
488
Descartes, Meditationen.
i
I
Und vollends, wenn sie das sagt, was wird dann übrig-
bleiben, und von welcher Bedeutung wird es sein, was
wird der Ertrag sein? Ein ungeheures Geplapper, Riesen-
untemehmungen zum Zweck eines großen Gepränges oder
Blendwerks. Wozu die Unzuverlässigkeit des Sandes, die
Erderschütterungen, die Gespenster oder leeren Schreck-
nisse? Was ist das Ende jener Grabung, die so tief führt,
daß sie uns auch nicht das geringste übrigläßt? Wozu so
weite und so lange Reisen in fremde Gebiete, fem von den
Sinnen, unter Schatten und Schemen? Was werden sie
denn dazu beitragen, die Kirche fest hinzustellen, gleich als
ob sie nicht stehen könnte, ohne daß alles um und um
gekehrt wird? Doch wozu so viele und so grundlegende
Veränderungen der Materialien, daß die alten beiseite ge-
legt, neue ausgewählt und dann diese wieder beseitigt und
die alten wieder vorgenommen werden? Sollen etwa, wie
wir uns anders benehmen müssen, wenn wir in der Kirche
[132] oder in Gegenwart vornehmer Leute | sind, als wenn wir
in der Flutte oder in der Schenke sind, so das neue Zere-
monien für neue geheimnisvolle Kulte sein? Warum hat
sie nicht allen Umschweif ganz beiseite gelassen und deut-
lich, klar und kurz so mit einem Worte die Wahrheit gesagt:
Ich baue, ich habe das Bewußtsein dieser Bautätigkeit, also
bin ich ein Baumeister?
6. Schließlich, wenn sie behauptet, Häuser zu bauen,
die Zimmer, Keller, Vorbauten, Türen, Fenster, Säulen und
die übrigen Bauteile im Geiste zu planen und anzuordnen
und dann zu ihrer Ausführung die Steinmetzen, Maurer,
Dachdecker, Lastträger und andere Handwerker anzuleiten
und ihre Tätigkeit zu dirigieren, sei in dem Maße die be-
sondere Aufgabe des Baumeisters, daß überhaupt keine
anderen Künstler das können, — dann sagt sie etwas Neues,
aber nichts Gutes, und zwar mit Willen und wider Wülen,
es sei denn, daß sie sich etwas zurückbehält und verbirgt
(das bleibt als einzige Zuflucht noch übrig), um es zur
gegebenen Zeit wie aus der Versenkung vor den staunenden
Zuschauem erscheinen zu lassen. Doch es ist schon recht
lange her, daß man darauf wartet, so daß man wohl ganz
die Hoffnung aufgeben muß.
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 489
Letzte Antwort. Hier fürchtest Du, glaube ich, für
Deme Kunst, die Du liebst und ins Herz schließest (ich ver-
zeih's Dir), die Du wie Dein Töchterchen küssest, und Du
furchtest, ich könnte urteilen, daß man sie zu den alten
Scherben werfen soll, weü ich sie so vieler Fehler bezichtigt
habe, weü sie, wie Du selbst siehst, auseinanderklafft und
überall aus dem Leim geht. Doch fürchte nichts, ich bin
Dein Freund. Ich werde Deine Erwartung besiegen oder
wenigstens täuschen; ich werde schweigen und | abwarten. [133
Ich kenne Dich und Deine große und durchdringende Geistes-
schärfe. Sobald Du nur einige Zeit zum Nachdenken hast,
und vor allem, sobald Du Deine zuverlässige Regel in stiller
Zurückgezogenheit zu Rate gezogen hast, wirst Du den
Staub ausschütteln, die Unreinlichkeiten abwaschen und
Deine Baukunst, reingewischt und poliert uns vor Augen
stellen. Inzwischen halte Dich hieran und höre auf mich,
während ich fortfahre auf Deine Fragen zu antworten!
(Und damit fasse ich sehr viel zusammen, was ich um der
Kürze willen nur leicht berührt habe, so das, was die Wöl-
bungen betrifft und die Fensteröffnungen, die Säulen und
Vorbauten und ähnliches.) Da hast Du einen Entwurf zu
einer neuen Komödie."
Ob sich die Architektur wiederherstellen läßt.
Du fragst drittens, ob . . .f)
t) Als er bis zu diesen Worten gekommen war, beobach-
teten einige seiner Freunde seinen maßlosen Neid und den
Haß, von dem er derart erfaßt war, daß er schon förmlich
zur Krankheit ausartete, und ließen ihn nicht länger so auf
den öffentlichen Plätzen herumreden, sondern brachten ihn
schleunigst zum Arzt.
Ich meinerseits möchte allerdings von unserem Ver-
fasser nicht so etwas annehmen, sondern will hier nur noch
ausführen, wie genau er es jenem in allen Punkten nach-
gemacht hat. In ganz derselben Weise spielt er den Rich-
ter, natürlich den völlig unvoreingenommenen, der sich sehr
umsichtig und voller Scheu hütet, ein unbedachtes Wort zu
sprechen, indem er mich erst elf mal verurteüt allein aus | [134]
dem Grunde, weil ich das Zweifelhafte abgelehnt habe,
490
Descartes, Meditationen.
um etwas Gewisses aufzustellen, und weil ich gewissermaßen
Gräben gezogen habe, um die Fundamente für ein Gebäude
zu legen, und indem er dann endlich zum zwölftenmal die
Sache prüft und feststellt: 1. Wenn ich sie verstanden habe,
wie ich sie wirklich, wie er weiß, verstanden habe (das geht
aus den Worten hervor: „Du wirst weder setzen noch be-
streiten", usw., die er mir selbst beilegt), dann habe ich zwar
etwas Gutes, aber nichts Neues zu sagen. 2. Wenn ich sie
aber in jener anderen Weise verstanden habe, aus der er
die vorhergehenden elf Fehler hergeleitet hat, und die doch,
wie er weiß, so gänzlich von meiner Meinung abweicht, daß
er oben im § 3 seiner ersten Frage mich mit Verwunderung
und Lachen von ihr sagen lassen konnte: „Wie sollte das
einem vernünftigen Menschen in den Sinn kommen?'* —
dann habe ich freilich etwas Neues, aber nichts Gutes zu
sagen. Wer ist je beim Tadeln, ich will nicht sagen, so
unverschämt, so verlogen, und ein solcher Verächter aller
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, sondern so unvorsichtig
und vergeßlich gewesen, daß er in einer wohlerwogenen
und sorgfältig ausgearbeiteten Abhandlung hundertmal ein
und dieselbe Meinung einem vorwarf, von der er selbst zu
Anfang seiner Abhandlung zugegeben hatte, daß eben der,
dem er sie vorwarf, sie so verurteilte, daß er die Ansicht
aussprach, sie könne keinem vernünftigen Menschen in den
Sinn kommen!
Was die folgenden Fragen Nr. 3, 4 und 5 anbetrifft,
sowohl bei unserem Verfasser wie beim Maurer, so wäre zu
sagen, daß sie überhaupt nicht zur Sache gehören, und
weder von mir noch von dem Baumeister je berührt worden
sind. Doch es ist wahrscheinlich, daß der Maurer sich zu-
erst sie ausgedacht hat mit der Absicht, (da er nichts von
(135] dem, | was der Baumeister ausgeführt hatte, anzutasten
wagte, um nicht seine eigene Unkenntnis zu sehr sehen zu
lassen,) den Schein zu erwecken, daß er doch etwas mehr
als nur seine Grabung tadele. Und so ist es wahrschein-
lich, daß unser Verfasser ihn auch in diesem Punkte nach-
geahmt hat. 3. Indem er nämlich sagt, ein denkendes Ding
könne man begreifen, ohne vorher begriffen zu haben, was
Geist, Seele oder Körper ist, philosophiert er nicht besser
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 491
als der Maurer, wenn er sagt, der, der sich auf die Bau-
kunst versteht, sei dennoch ebensowenig ein Baukünsrier,
als der Maurer oder Lastträger, und er könne ohne irgend
etwas von dem allen begriffen werden. 4. Es ist auch wirklich
ebenso albern, zu sagen, ein denkendes Ding existiere, ohne
daß der Geist existiert, wie zu sagen: der der Baukunst
Kundige existiere, ohne, daß der Baukünstler existiert (wenig-
stens wenn man die Bezeichnung Geist nimmt, wie ich es
in Übereinstimmung mit dem gewöhnlichen Gebrauch getan
und ausdrücklich bemerkt habe). Und es ist ebenso ein
Widerspruch, ein denkendes Ding existiere ohne Körper,
wie ein Mann, der sich auf die Baukunst versteht, ohne
Maurer und Lastträger. 5. Und ebenso, wenn er sagt, es
genüge nicht, daß eine Substanz denkend ist, um über die
Materie erhaben und ganz geistig zu sein (denn nur das will
er als Geist bezeichnet wissen); sondern es sei außerdem
erforderlich, daß sie durch eine reflexive Tätigkeit denkt,
daß sie denkt, oder ein Bewußtsein ihres Denkens besitzt*
— dann faselt er ebenso wie der Maurer, wenn er sagt, der,
der sich auf die Baukunst versteht, müsse durch eine re-
flexive Tätigkeit betrachten, daß er dieses Verständnis be-
sitzt, bevor er ein Baukünstler sein könne. Obgleich es
nämlich in Wirklichkeit keinen Baukünstler gibt, der nicht
oft die Betrachtung anstellte, oder wenigstens anstellen
könnte, daß er das Verständnis zu bauen besitzt, so ist es
doch I klar, daß diese Betrachtung nicht das Wesen des [13G]
Baukünstlers ausmacht. Und ebensowenig ist auch die
entsprechende Betrachtung oder Reflexion erforderiich dazu,
daß die denkende Substanz über die Materie erhaben ist.
Denn jeder beliebige erste Denkakt, durch den wir etwas
erfassen, unterscheidet sich nicht mehr von dem zweiten,
durch den wir erfassen, daß wir jenen ersten Gedanken
erfaßt haben, als dieser wieder von dem dritten, durch den
wir erfassen, daß wir den Gedanken erfaßt haben, und es
läßt sich auch nicht der geringste Grund anführen, warum
man nicht, wenn man den ersten einem körperlichen Dinge
zugesteht, es nicht auch mit dem zweiten tun sollte. Aus
diesem Grunde muß man bemerken, daß unser Verfasser an
dieser Stelle einen viel gefährlicheren Irrtum begangen hat,
492
Descartes, Meditationen.
als der Maurer. Denn dadurch, daß er den gewissesten und
auffälligsten Unterschied, der zwischen den körperlichen und
unkörperlichen Dingen besteht, daß jene nämlich denken,
diese aber nicht, aufhebt und einen andern an seine Stelle
setzt, der in keiner Weise als wesentlich angesehen werden
kann, daß jene nämlich die Betrachtung anstellen, daß sie
denken, diese aber nicht, trägt er in hohem Maße, soweit
es an ihm liegt, dazu bei, zu verhindern, daß man die reale
Unterschiedenheit des menschlichen Geistes vom Körper
einsehen kann. 6. Noch weniger kann man ihn entschul-
digen, wenn er die Sache der tierischen Seelen vertritt und
ihnen ebenso, wie den Menschen, Denkfähigkeit beilegen
will, als den Maurer, wenn er sich und seinesgleichen die
Erfahrung in der Baukunst ebenso wie den Baukünstlem zu-
zuschreiben versuchte.
Und schließlich zeigt es sich an allen Stellen zur Ge-
nüge, daß beide in derselben Weise nicht an das gedacht
haben, was wahr oder wahrscheinlich war, sondern nur an
das, was man sich ausdenken könne, um dem Feinde etwas
[137] am Zeuge zu flicken und ihn in den Augen derer, | die ihn
selbst nicht kennen und sich um die Erforschung der Wahr-
heit nicht allzusehr bemühen, als ganz unerfahren und
töricht erscheinen zu lassen. Und zwar berichtet der Er-
zähler von dem Maurer sehr hübsch, um seinen maßlosen
Neid zum Ausdruck zu bringen, er hätte die Grabung des Bau-
meisters zu einer gewaltigen Unternehmung aufgebauscht,
den durch die Grabung aufgedeckten Felsen aber und die
darauf erbaute Kirche als eine ganz belanglose Sache über-
sehen und trotzdem entsprechend seiner Freundschaft und
seinem einzigartigen Wohlwollen gegen ihn sich bei ihm
bedankt, usw. Und ebenso läßt er ihn am Schluß folgen-
des ausgezeichnete Nachwort vortragen: „Und vollends,
wenn sie das sagt, was wird dann übrigbleiben, und von
welcher Bedeutung wird es sein? Was wird der Erfolg
sein? Ein ungeheures Geplapper, Riesenunternehmungen
zum Zweck eines großen Gepränges oder Blendwerks,*' usw.
und bald darauf: „Hier fürchtest Du, glaube ich, für Deine
Kunst, die Du liebst und an Dein Herz schließest. Ich ver-
zeih's dir," usw., und ferner: „Doch fürchte nichts, ich bin
Siebente Einwände mit Anmerkungen des Verfassers. 493
Dein Freund'* usw. All diese Worte stellen nämlich die Krank-
heit des Maurers so anschaulich dar, daß wohl kein Dichter
etwas Geeigneteres hierfür hätte erfinden können. Doch
wunderbar ist es, daß unser Verfasser alles das mit solcher
Leidenschaft nachahmt, daß er selbst nicht merkt, was er
tut, und jene reflexive Tätigkeit beim Denken, durch die
wie er eben sagte, sich die Menschen von den Tieren unter-
scheiden, nicht vorgenommen hat. Er würde nämlich ge-
wiß nicht sagen, es sei ein übertriebener Aufwand von
Worten in meiner Schrift, wenn er beachtete, wieviel größer
seiner ist, allein um den Zweifel, von dem ich gehandelt
habe, nicht zu bekämpfen (denn mit Gründen bekämpft er
Ihn nicht), sondern (ich möchte hier einmal ein etwas hartes
Wort gebrauchen, weü sich mir kein anderes darbietet, 1 um [1381
die Sache im Kern zu treffen) um ihn anzukleffen, als meiner
um ihn auszusprechen. Auch hätte er nicht von Geplapper
gesprochen, wenn es ihm aufgefaUen wäre, mit welcher
weitschweifigen, überflüssigen und nichtssagenden Ge-
schwätzigkeit er in seiner ganzen Abhandlung seine Ge-
danken vorträgt, an deren Ende er trotzdem behauptet er
hatte sich der Kürze beflissen. Weü er aber eben dort
versichert, er sei mein Freund, so will ich, damit ich in
möglichst freundschaftlicher Weise mit ihm verfahre wie
den Maurer seine Freunde zum Arzt brachten, hier unseren
l^reund seinem Vorgesetzten empfehlen.
Rene Descartes. Philosophische Werke.
Herausgegeben von Dr. Artur Buchenau
Preis in 2 Halbpergamentbänden M. 18.50.
Diese reichhaltigste dctitschc Atisgabe Descartes' liegt nunmehr vollständig In
der ne^en Übertm Buchenaus vor. Hinzugekommen st vor allem noch
der neuen y.°*""^3...m«fiir d^i« ein lanire vermißtes wertvolles Hilfsmittel zum
das ausführliche Qestratrfgistir, das ein langc ;f"""" /L . ■ . cchließ-
^fudinm der Schriften des Philosophen darstellt. Der Gesamtausgabe •« scniico
lieh no^h e ne R^^^^^^^^ des außerordentlich charakteristischen 0<^niald« des
Philosophe7vorder Hand von Franz Hals (aus der Kopenhagener Galerie
beigegeben.
Daraus einzeln:
Abhandlung über die Methode. 2^ Auflage 1905.
Die Regeln zur Leitung des Geistes. Pie f/f«»/;-
schung der Wahrheit durch das natürliche Licht^
,906. r68 S. M. 1.80, geb. M. 2.40
»Lateinische Ausgabe. Regulae ad directionem ingeniu
Nach der Originalausgabe von 1701 he^f «f g; 7"
A. Buchenau 1907- IV, 66 S. (Außerhalb ^der
Gesamtausgabe.) ' '
In den .Receln« tritt der methodische Grundgedanke, die B''»"""« .°"
„athe:a.iSen"'pfinzipien, reiner hervor als -/"/PJIXich rinTe^estn
Denl<er im Oewühle der Ein«lan«ndungen und der ^Vh^Se Voraussetzung
die Reinheit der Prinzipien getrübt wurde welche de '^^f°f''^XTäTRL\'^
aller und jeder Erkenntnis hatten bilden sollen. ]^^°^ ^f^^^^^'^''^'^' ^^'^^^^^^^
hat bisher sowohl eine brauchbare Ausgabe als auch e.nehandl^heB
gefehlt. Buchenau verdanken w,r """»"/^d-eers^e Verdeutschung d^^_^ g
Jeder, dem es um das Verständnis Descartes zu tun ist, wira u. °
Buchenaus nebeneinander benutzen müssen. Ltterarisches ^nlraioiaii.
Meditationen über die Grundlagen der Philo-
sophie mit den sämtlichen Einwanden und Erwide-
rungen. In vierter Auflage zum fstennial volN
ständig übersetzt. M. 6.—, g^b- M. 7-
Erst die bisher in der Seminarlek.üre ""»«/«htlgtvernachassi^en. Ein-
wendungen und Erwiderungen-, die ja einen «'» ^"«"'^„^'^ ,\^^,en eS
als da, zugrunde gelegte Wevk, ^^J'^' ^rt^esJarter Immer sfegTafter^ man
in die Tendenz und Absicht dieser Schrift Descartes . """'V_ ^' ,»" ' ...-u^.jsch.
den kritischen Gedanken, der in den Meditationen n«h In einer melap^^^^
dogmatischen Umhüllung auftritt , in der Verteidigung gegen
Mißverständnisse der Gegner durchbrechen sehen. „„Mi,«..
O. Buek im „Liierarischtn ZtntralDUiit .
'' 4»-'"'' i*'^^3'ji;
/ f
^r:^'
"X\JO.
'g^^^^
, ,_ _IA UNIVERSITY LIBRARIES
*1
Butler
D194D45
Th« Library of Philo«?opht
T2
^1
>1T
\
f
f
i
0032015801
^»•J